Plädoyer gegen die Systemdebatte

NMTM

Der Verzicht auf den Erkenntnisgewinn ist kein Paradies: Adam und Eva auf einem Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren (1526).

Egal welche wirtschaftliche oder politische Herausforderung gerade debattiert wird, immer wieder gleiten gute Gespräche ins quasi-esoterische ab.

Auseinandersetzungen über ökonomische Probleme und ihre Lösung sind stets Thema dieses Blogs. Systemdebatten sind ein immer wiederkehrendes Übel solcher Debatten, deshalb sind sie heute Grund für eine Abrechnung.

Es gibt viele Dinge auf dieser Welt, die schlecht laufen und viele Debatten darüber, wie sich die Dinge bessern könnten. Üblerweise tendieren solche Auseinandersetzung immer wieder dazu, alles dem «herrschenden System» anzulasten oder dem Nichtvorhandensein eines anderen.

Geht es zum Beispiel um die Mängel des Finanzsystems, des Gesundheitswesens, der wirtschaftlichen Entwicklung, oder dreht sich ein Gespräch um die Ungleichheit oder die Umweltverschmutzung: irgendwann wird der Kapitalismus als Grund allen Übels ins Feld geführt oder das Geld oder der Markt oder umgekehrt der behinderte Markt und der Staat. Ideologen jeder Richtung lieben Systemdebatten.

Sie lenken vom Wesentlichen und vom Machbaren ab und sie verhindern den vernünftigen Diskurs. Sie sind getragen von einer Art esoterischer Phantasie von Umständen, in der alles gegenwärtige Übel nicht existiert, der Mensch nicht ist, wie er ist und der Umstand ignoriert werden kann, dass es die herbeigesehnte Alternativordnung nicht zufällig noch nie gegeben hat. Sie stehen letztlich für eine Vorstellung vom Paradies, das sich jeder selbst ausmalen darf.

Und Systemdebatten sind das Ergebnis von Denkfaulheit – deshalb sind sie auch so beliebt: Wenn es um Lösungen für ein konkretes Problem geht – zum Beispiel um Massnahmen, die eine Finanzkrise weniger wahrscheinlich machen oder um Lösungen zur Gewährleistung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums – muss man sich aufwändig um das Verständnis komplexer Zusammenhänge bemühen. Nur so kann man ernsthaft die Debatte dazu verstehen, kritisieren oder sogar eigene Vorschläge einbringen.

Reale Probleme sind stets vielschichtig, die Datenlage ist selten eindeutig und auch die Lösungen nie perfekt. Für die Systemkritiker jeder Couleur sind diese Mehrdeutigkeiten des realen Lebens nur Beweis für die Untauglichkeit der Realität und für die Überlegenheit ihrer Alternativphantasie. Sie kehren den Spiess um: Wer sich in die Details reinkniet, hat sich mit dem System arrangiert und steht in ihrer Sicht einer Lösung sogar im Weg.

Sind Anhänger verschiedener Systemphantasien beteiligt – etwa wenn Kapitalismus-Abschaffer auf Marktfundamentalisten treffen – vermittelt das vielleicht den Eindruck, es gehe hier um wirklich Grosses. Doch auf dieser Ebene kann praktisch jedes Thema abgehandelt werden – ohne Erkenntnisgewinn und praktische Konsequenz.

Aber man muss es eingestehen: Trotz ihrer Wertlosigkeit für praktische Lösungen kann die Fundamental-Systemkritik mehr begeistern, das Blut mehr in Wallung bringen, als oft technisch anmutende, konkrete Massnahmen, auch wenn nur sie im Vergleich etwas verbessern können: Ein Beispiel dafür ist die Forderung nach höheren Kapitalpuffern für Banken. Das ist schwerer zu vermitteln, als flammende Worte gegen Banken oder für die Forderung nach einem perfekten Wettbewerb in der Finanzwelt, der die Banken von alleine disziplinieren würde.

Kein Missverständnis: Über konkrete Systeme seriös nachzudenken, ist spannend: Wann funktionieren Märkte gut? Wann nicht? Wie und woraus hat sich der moderne Kapitalismus entwickelt? Was können Reformen im Geld- und Währungsbereich bewirken? Auf solche Fragen lassen sich Systemdebattierer allerdings kaum ein. Sie glauben die Antworten schon zu kennen.