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Warum Deutschland wieder stark wurde

Tobias Straumann am Montag den 26. Mai 2014
Tragfähige Wettbewerbsfähigkeit: Ein Frachtschiff wird im Hafen von Hamburg mit Containern beladen (29. Juli 2004). (Keystone/Fabian Bimmer)

Tragfähige Wettbewerbsfähigkeit: Ein Frachtschiff wird im Hafen von Hamburg mit Containern beladen (29. Juli 2004). (Keystone/Fabian Bimmer)

Die jüngsten Zahlen bestätigen es: Deutschland hat die stärkste Wirtschaft Europas, und gemäss den neusten Wirtschaftsaussichten wird sich der Aufschwung fortsetzen. Die französische Wirtschaft setzt hingegen ihren Kriechgang fort. Die Grafik zeigt den Einkaufsmanagerindex, der als vorlaufender Konjunkturindikator erhoben wird (Quelle: Markit).

Die Politik ist ein Spiegelbild dieses Ungleichgewichts. Während die AfD als kleine Oppositionspartei agieren muss, erzielte der Front National bei den gestrigen EU-Wahlen ein Rekordergebnis.

Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass Deutschland noch vor zehn Jahren als «kranker Mann Europas» betitelt wurde. Woran liegt es, dass sich Deutschlands Wirtschaft innerhalb von wenigen Jahren wieder erholen konnte?

Die populärste Antwort ist, dass die Hartz-Reformen (2003–05) unter dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder entscheidend gewesen seien. In einem neueren Artikel von Dustmann, Fitzenberger, Schönberg und Spitz-Oener (2014) wird dies jedoch vehement bestritten (hier Aufsatz, hier Kurzform). Ihr Hauptargument ist, dass die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit bereits Jahre vor den Hartz-Reformen begonnen hatte. Die deutsche Exportindustrie verbesserte ihre Position bereits ab Mitte der 1990er-Jahre, nicht erst in der Mitte der 2000er-Jahre.

Wenn nicht die Hartz-Reformen entscheidend waren, was war es dann? Die Autoren sehen drei Gründe.

Der erste Grund wurde schon oft genannt:

Der Produktivitätsfortschritt der Exportindustrie war ab Mitte der 1990er-Jahre höher als der Reallohnzuwachs. Oder anders gesagt: Die Beschäftigten hatten weniger Anteil an der Ernte als früher. Grund dafür war der starke Rückgang von sogenannten Flächentarifen, d. h. von Gesamtarbeitsverträgen, die für die ganze Branche gelten. Die Autoren simulieren mit ihrem Modell, was passiert wäre, wenn es 2008 genau gleich viele Flächentarife wie 1995 gegeben hätte. Das Resultat sieht folgendermassen aus:

Der Unterschied ist beträchtlich, vor allem in Bezug auf die niedrigen Löhne (bis zum 35. Perzentil, d. h. für das unterste Drittel).

Die beiden anderen Gründe wurden bisher weniger diskutiert:

  • Mehr als die französische oder italienische Industrie hat die deutsche Industrie Teile ihrer Produktion nach Osteuropa ausgelagert. Zwischen 1995 und 2007 stieg der Anteil der in Osteuropa produzierten Inputs von 14,5 Prozent auf 21,5 Prozent (gemessen am gesamten Output der deutschen Industrie). Heute dürfte der Anteil bei etwa 25 Prozent liegen.
  • Die Produktionskosten der Exportindustrie sanken, weil die Dienstleistungen und die einheimische Wirtschaft, von der die Exportindustrie viele Leistungen und Produkte bezieht, ihre Produktivität erhöhten.

Die folgenden Grafiken versuchen die Bedeutung der inländischen Dienstleistungen für die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie zu messen. Das Resultat sieht so aus:

 

Am besten, man schaut sich zuerst die Grafik B an. Dort sieht man, wie stark die Lohnstückkosten der Exportindustrie gesunken sind (Unit labor costs: “End product”). A und C zeigen, dass die Kosten der Dienstleistungen und der inländischen Wirtschaft für die Exportindustrie deutlich gesunken sind. Das half entscheidend mit, dass die deutschen Exporte günstiger wurden.

Zusammengefasst heisst das: Deutschlands Erfolg kann zu einem grossen Teil durch das schwache Lohnwachstum der Industriearbeiter seit 1995 bzw. durch die Schwäche der Gewerkschaften erklärt werden. Aber das ist nicht alles. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs beruht auch auf der Produktionsauslagerung nach Osteuropa und der Produktivität der Dienstleistungen und der einheimischen Wirtschaft (teilweise dank starker Lohnsenkungen).

Ob diese Diagnose zutreffend ist? Darüber kann man lange streiten. Aber eines scheint doch klar zu sein: Der deutsche Erfolg lässt sich nicht durch ein paar Reformen kopieren. Das Ungleichgewicht in Europa ist viel fundamentaler.

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29 Kommentare zu “Warum Deutschland wieder stark wurde”

  1. Manfred Grieshaber sagt:

    Meine eigene Erfahrung aus diversen IT-Projekten in der KFZ- und Energieanlagen-Industrie: Seit 1995 hat die D-Industrie große Bereiche der Teile-Produktion an ausl. Zulieferer ausgelagert. Durch just-in-time Produktion und eine straffes value-chain-management sind diese Zulieferer weit über das Kunden-Lieferanten-Verhältnis hinaus an diese Konzerne gebunden. Im Stammhaus werden die Teile entwickelt wobei oft brandneue, bisher nicht verwendete Werkstoffe vorgegeben werden. Dazu wird dem Zulieferer noch vorgegeben wie, bis wann und wie viel er zu produzieren hat, kurz, man hat den ganzen Investitionsaufwand vom Konzern auf die Zulieferer abgewälzt ohne dafür wesentlich mehr zu zahlen. Andere Auftraggeber finden sie nicht, die Chinesen bauen solche Teile selber, Japaner und US-Firmen können nicht mehr zahlen. Das wird manchmal so extrem wie das Verhältnis Discounter zum Milchbauern wenn der Discounter den Preis bis ans Existenzminimum des Landwirts drückt. Deshalb kann man heute viel mehr “Auto” für einen vergleichbaren Preis kaufen als noch vor 10 Jahren. Das gleiche spielt sich auch in vielen anderen Industriebereichen in D ab. Man hat einfach alle Möglichkeiten der Globalisierung voll ausgenutzt. Das haben Konzerne in einigen anderen Ländern einfach “verschlafen”.

  2. Martin Holzherr sagt:

    Deutschland hat also unter den neuen Bedingungen der Währungsunion seine ohnehin schon starke industrielle Basis weiter optimiert, zwar teilweise auf Kosten weiter Teile der Bevölkerung, die jahrelang kaum in den Genuss von Lohnsteigerungen gekommen sind, aber letztlich hat sich Deutschland nicht nur in Europa, sondern auch global besser positioniert. Und Deutschlan d ruht nicht sondern will die Beziehungen beispielsweise zu China weiter intensivieren.
    Prognose: Es wird eine weiteres deutsches Jahrzehnt geben. Und die Nr. 2 in Europa, Frankreich, wird wohl weiterhin nicht vom Fleck kommen. Ich kann mir aber nciht vorstellen, dass die Franzosen noch einmal 10 Jahre Kriechgang mitmachen.

  3. Benedikt sagt:

    Deutschlands Handelsüberschuss wird von den Unternehmen und Reichen sofort wieder ins Ausland für Investitionen und Anlagen transferiert. Der Deutsche Kapitalexport ist seit der Einführung des Euros sogar größer als der Handelsüberschuss, was eigentlich den Euro Kurs stabil halten sollte. Wahrscheinlich lässt auch eher das Expansive FED Gelddrucken den € steigen. Das Geld findet in den USA keine Rendite mehr, und fließt dann in Masse u.a. in den Euro Raum.

    So ein tariflicher Industriemitarbeiter in der Deutschen Industrie dürfte weiterhin mehr Verdienen wie seine Kollegen in Westeuropa. Der Lohnvorteil dürfte zum großen Teil aus der Umwandlung von Regulären teuren Beschäftigungsverhältnissen in Atypischen Beschäftigungsverhältnisse kommen. Daimler zahlt seinen Beschäftigten am Band mehr als 3.000 €, aber der Rumänische Werksvertragsbeschäftigte zahlt Daimler mitunter einen Stundenlohn von 5 €. So welche netten Einsparungen konnten die Firmen in Frankreich oder Italien nicht nutzen, weil dort der Staat und die Gewerkschaften so welche Atypischen Beschäftigungsverhältnisse nicht dulden.

  4. H.Trickler sagt:

    Es ist offensichtlich dass das Kopieren von ein paar Reformen keinen Erfolg garantiert.
    .
    Ebenso klar ist es allerdings, dass die genannten Reformen incl. Harz 4 eine unabdingbare Voraussetzung zum Erfolg bildeten.

  5. ilrettev sagt:

    Deutschland profitiert von einem schwachen Euro.
    Durch die Einbeziehung von schwachen Volkswirtschaften in den Währungsverbund konnte der Euro tief gehalten werden.
    D. ist ein grosser Profiteur der Einheitswährung. D. profitiert nicht nur bezüglich Handel mit Staaten ausserhalb des EWU-Raums, sondern auch (durch die Nichtaufwertung der lokalen Währung) mit dem Handel innerhalb des Euro-Raums.
    Nur durch die Einbeziehung von schwachen Mitgliedern in die EWU konnte der Euro so tief gehalten werden. D. kann mit seinem unterbewerteten D-Euro indirekt durchaus als einen Währungsmanipulator bezeichnet werden. Dies darf aber nicht gratis sein. Eigentlich müsste D. für diese Subventionierung einen Teil der überhöhten Gewinne an die schwachen Mitglieder abgeben. Andernfalls kann D. getrost als ein Rosinenpicker bezeichnet werden oder muss aus dem Währungsverbund austreten.
    Geben und nehmen.
    Ehrlicherweise muss erwähnt werden, dass die Leistungsfähigkeit auch mit Kosteneinsparungen erhöht wurde. Ausgerechnet D. hat während der ersten 10 Jahre des Euro, als einzige, eine interne Abwertung vorgenommen.

    • Johnny Smith sagt:

      “Eigentlich müsste D. für diese Subventionierung einen Teil der überhöhten Gewinne an die schwachen Mitglieder abgeben. Andernfalls kann D. getrost als ein Rosinenpicker bezeichnet werden”

      ilrettev, der grosse… äh Umverteiler.

      • Josef Marti sagt:

        Diese Umverteilung ist ja schon beschlossene Sache, da die Vergemeinschaftung der Schulden definitiv (oder in der Sprache der Politiker “alternativlos”) ist. Die Umverteilung geht selbstverständlich nicht zulasten derer die von der Exportwirtschaft mit EK Renditen von 20% den grossen Reibach gemacht haben, sondern mit einer kollektiven Schuldübernahme zulasten der künftigen jungen Generationen, welche sich ihre potentiellen Renten ans Bein streichen können. Diese Taktik funktioniert immer da laufende Renten (noch) nicht gekürzt werden können.

        • Johnny Smith sagt:

          @ Josef Marti

          “Vergemeinschaftung der Schulden”

          Absolut einverstanden. Die Vergemeinschaftung der Schulden ist ein abolutes Unding, willkürlich und basiert wie im wilden Westen nur auf dem Recht des (hier wirtschaftlich/politisch) Stärkeren.

          Die Schulden jetzt aber auf dem Buckel der D-Exporteure zahlen zu lassen, wäre auch willkürliche Vergemeinschaftung der Schulden, einfach Vergemeinschaftung der Schulden auf dem Buckel der Exporteure. Sinnvoller wäre KEINE Vergemeinschaftung der Schulden, sondern derjenige muss das Risiko tragen, der es eingegangen ist, sprich Kapitalschnitte sind weiterhin (nach GR) nötig, auch hier für alle (also keine Ausnahmen für EZB etc.).

          • Josef Marti sagt:

            Richtig. Die Exporteure kann man sicher nicht enteignen, weil sie ihre Gewinne legal gemacht haben und allfällige Abschreibungsverluste selber tragen. Verzockt haben sich aber viele Banken, nicht die Exporteure; die Eurokraten schützen aber die Bankaktionäre von Pleitebanken zulasten anderer Aktionäre und der Sparer, zB wird mit der Bankenunion eine Haftungsgemeinschaft aller Banken beschlossen wonach die brave D-Raiffeisensparkasse welche KMU’s betreut für Pleitebanken im Süden den Kopf hinhalten muss.

          • ilrettev sagt:

            An Josef Marti
            Die Exporteure haben zu hohe Gewinne erzielt. Nur durch Subventionierung via schwache Oekonomien der Euro-Zone ist dieser tiefe Euro-Kurs entstanden. Diese Subventionierung muss mit einer Prämie entschädigt werden. Zusatzsteuer auf Gewinnen von Exportfirmen zu Gunsten der schwachen Mitglieder innerhalb des EWU erachte ich als eine gute Möglichkeit. Subventionen und sonstige Marktverzerrungen sollten möglichst vermieden werden. Eine interne Aufwertung via zusätzlicher Exportsteuer scheint mir ein gutes Mittel zur Korrektur. Schlussendlich eine Preisanpassung des dank Euro mit zu tiefen Kosten hergestellten Produkts.

          • Johnny Smith sagt:

            “Die Exporteure haben zu hohe Gewinne erzielt.”
            “des dank Euro mit zu tiefen Kosten hergestellten Produkts”

            ilrettev, der grosse… Umverteiler, kennt den korrekten Preis und die richtigen Kosten. Wow!

          • Josef Marti sagt:

            Es dürfte mittlerweile wohl klar sein, dass Wettbewerb innerhalb derselben Währung nicht funktioniert ohne Transferausgleich, denn alle können ja nicht gleichzeitig Sieger sein; was macht man mit den Verlierern ohne Ausgleichsmechanismus des Wechselkurses? – Richtig, wie in der CH müssen die Sieger über den NFA die bösen Faulen subventionieren. Ansonsten könnte der Ueli sich nicht mehr an den schönen Bergchalets erfreuen und müsste ständig befürchten, dass diese plötzlich ohne Dach dastehen und es reinregnet.

          • ilrettev sagt:

            an Johnny Smith

            ilrettev ist Zuteiler, kein Umverteiler….
            ilrettev wünscht, dass Gewinne und Kosten möglichst genau und gerecht zugeteilt werden.
            Ueber den Euro-Kurs findet eine Umverteilung zu Lasten der schwachen Teilnehmer des EWU hin zu Gunsten D’s statt.
            Dieser Umverteilung muss ein Entgelt folgen

          • urs lehmann sagt:

            GR bspw war in den letzten 25 Jahren durchgehend zu 90 BIP-% oder mehr verschuldet, dank den niedrigeren €-Zinssätzen schlagen die reduzierten Zinsausgaben schnell mal mit 10 BIP-% Einsparungen zu buche. Pro Jahr, versteht sich, und wiederkehrend. Rest der PIGS ähnlich.

            Ich wäre alles andere als überrascht wenn die PIGS bei einem Ausgleich Nettozahler wären, vor allem in Anbetracht der rekordhohen Schuldenstände.

        • J. Kuehni sagt:

          @Marti
          “Diese Umverteilung ist ja schon beschlossene Sache, da die Vergemeinschaftung der Schulden definitiv (oder in der Sprache der Politiker “alternativlos”) ist.” — Schön wärs zur Abwechslung ja: Bisher hatten wir nämlich bloss eine Vergemeinschaftung der Gläubiger-Risiken.

          Im Ernst: Aus diesem Schlamassel kommen wir einigermassen “glimpflich” nur als Gemeinschaft raus. Wenn jeder Federn lassen muss (aber niemand alle), ist man weniger versucht, Guillotinen aufzufahren oder eine Neuauflage von irgendwelchen “Endlagern” zu konstituieren – je nach politischer Façon. Wer hat denn mehr Schuld? Nordeuropäische Rentner, deren Vorsorgefonds die Kohle wegen der besseren Rendite im Süden anlegten, als gäbe es kein Morgen? Oder die Südeuropäische Jugend, die nun den Preis dafür zahlen muss, dass ihre lokalen Regierungen unfähig waren, den massiven Kapitalzufluss im längerfristigen Interesse der Gesamtbevölkerung zu steuern?

          You name it…

          • urs lehmann sagt:

            Mit der Vergemeinschaftung werden alle EU-Länder zu Solidarschuldnern. Damit entfällt die Strafe für schlechtes Verhalten (hohe Zinsen), gleichzeitig werden die sparsamen Länder für den Schlendrian der anderen bestraft.

            Angesichts der historischen Entwicklung kann man nur eines erwarten: immer noch mehr Schulden solange, bis sämtliche Länder bis über die Ohren im Schuldenmorast stecken. Für den Süden macht das allerdings keinen Unterschied, er ist ja bereits jetzt in dieser Situation.

      • ilrettev sagt:

        Nein… aber eine Prämie sollte bazahlt werden.
        Dann kann auch nicht mehr von einer Subventionierung gesprochen werden.

  6. rascha kocher sagt:

    Qualität, Teamgeist eben; soviel von dem das auch die Schweiz reichgemacht; was ihr aber immer weniger wird, da nur für die eigenen 4 Wände angespart. Die Vision fehlt. Punkt. Ob Ende oder Aus, das entscheiden Sie.

  7. Frank Baum sagt:

    Was wieder einmal zeigt: wenn es einem gelingt, sich aus der Tyrannei der Gewerkschaften zu befreien, dann profitieren alle davon. Die Wirtschaft wächst, es gibt weniger Arbeitslose, der Wohlstand steigt. Wenn die Gewerkschaften zu mächtig werden, dann geschieht eben das umgekehrte. In Skandinavien war das nicht anders: auch dort wurde die Macht der Gewerkschaften gebrochen. Ansonsten wären Schweden, Finnland und Norwegen schon längstens im wirtschaftlichen Ruin versunken.

    • Josef Marti sagt:

      Das BIP besteht bekanntlich nicht nur aus dem Aussenbeitrag. Der grössere Teil der Wirtschaft wächst nämlich nicht oder höchst minim. Nimmt man die offiziellen Arbeitslosenzahlen plus Ausgesteuerte, 1 Euro Jobs, Hartz IV, Sozialfälle etc., so hat dieser Anteil, sprich das Massenprekariat massiv zugenommen. Wachstum nur der Exportwirtschaft allein dank Abschöpfung des Produktivitätsfortschritts, sprich Erosion der Lohnquote zugunsten der arbeitsfreien Besitzeinkommen (Zins, Bodenrente, Profit) kommt bewiesenermassen sicher nicht ALLEN zugute.

      Richtig ist hingegen dass der Bogen auch auf die andere Seite überspannt werden kann. Wenn längere Zeit der Lohnstückkostenzuwachs den Produktivitätszuwachs übersteigt steigt die Inflationsrate und auf lange Sicht steigen die Zinsen. Deshalb konnte Schweden folgerichtig die Ankoppelung bzw. Währungsparität mit der DM gegen die Finanzmärkte nicht mehr verteidigen und musste Ende 1992 zu recht deutlich abwerten.

  8. Hampi sagt:

    Ein wichtiger Grund, der hier nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass die deutsche Wirtschaft von einer unterbewerteten Währung (aus deutscher Sicht !) profitiert.
    Das ist auch der Hauptgrund, warum viele innerhalb der EU mehr “Solidarität” von Deutschland verlangen. Aus Sicht der EU-Länder, die im Gegensatz zu Deutschland unter einer überbewerteten Währung leiden, handelt es sich nicht um Solidarität, sondern um “Gerechtigkeit”.

  9. Josef Marti sagt:

    Dazu ein interessantes Zitat von Prof. Straubhaar, Uni Hamburg:

    „Eine reale Abwertung durch relative Lohnsenkung in einer Währungsunion wirkt wie eine Subvention für die Exporteure und wie ein Zoll für die Importeure. Sie verbilligt die eigenen Produkte und verteuert jene der anderen. So kann das Inland im Ausland mehr verkaufen, und es wird im Inland weniger aus dem Ausland gekauft. Beides zusammen hilft den heimischen Firmen zulasten ausländischer Hersteller. Eine Abwertungsstrategie wirkt somit nicht anders als jeder andere Protektionismus. Sie verhindert eine effiziente Arbeitsteilung. Wie alle Zölle nutzt sie einigen wenigen, schadet aber der Wirtschaft insgesamt. Am Ende jedoch hinterlässt sie mehr Verlierer als Gewinner.”

    Wichtig ist der Unterschied zwischen nominaler und realer Abwertung. Eine nominale Abwertung des Euro zb zum $ auf dem Devisenmarkt gleicht im Normalfall nur die Inflationsdifferenz aus (andere Einflüsse und Interventionen ausgeklammert), damit bleibt der reale Wechselkurs aber konstant und die Wettbewerbsfähigkeit verbessert sich durch die nominale Abwertung allein nicht. Reale Auf- und Abwertungen kann es also auch geben, wenn der nominale Wechselkurs vollkommen gleich bleibt, also auch in einem Festkurssystem – oder wenn es gar keinen Wechselkurs zwischen Ländern gibt, weil sie eine Währungsunion bilden und folglich dieselbe Währung haben. Die reale Abwertung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit wird hauptsächlich durch eine relative Lohnstückkostensenkung erreicht.

    • Rolf Zach sagt:

      Sie haben sehr gut zusammengefasst, die üblich verbreitete Ansicht der klassischen Volkswirtschaftslehre. Dieses Erklärungen
      beinhalten sehr schön, die angeblichen entscheidenden Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften und die daraus abgeleitetenGründe für die Konkurrenzfähigkeit und Beschäftigung. Das Schöne an diesen Lehren ist die Ästhetik, aber nicht unbedingt spiegeln sie die Wirklichkeit. Kommt mir vor wie die Biologen, die einen Nationalpark untersuchen und sich nur auf die Herden der Hirsche konzentrieren und deren Verhalten untereinander und wenn es gut geht, wie viele dieser Hirsche von Raubtieren gefressen werden und wie viele der Jagd zum Opfer fallen. Die übrige Natur wird in dieser Biologie ausgeblendet. Tatsache ist, dass die deutsche Volkswirtschaft eine der komplexesten Industriestaaten dieser Welt ist und was die Globalisierung betrifft von den grossen OECD Länder an erster Stelle.
      Beispiele. Die deutsche Automobilindustrie hat den Markt für Luxus-Automobile praktisch monopolisiert. Im VW-Konzern ist
      der Gewinnanteil von Porsche und Audi 2/3 des ganzen Konzerngewinns. Nur allein VW wäre für den Konzern unbefriedigend.
      Peugeot hat diesen Markt trotz Citroen nicht beachtet und wo stehen sie heute? Ebenfalls haben die deutschen Automobil-Zulieferer ihre weltweiten Marktanteil ständig vergrössert. Wo sind die britischen Automobil-Zulieferer wie GKN, Lucas und
      Dunlop? Entweder sind sie verschwunden oder sie sind in zweite Reihe zurückgetreten. Viele dieser Entwicklungen waren schon vor 2000 bekannt. Hat Deutschland jemals in den letzten 25 Jahren ein Handelsbilanz-Defizit ausgewiesen und trotzdem sprach
      alles vom kranken Mann Europas. Die Konversion der DM in den EURO war eine veritable Aufwertung für Deutschland und
      diese Aufwertung hat viel Arbeitslosigkeit und ausbleibenden Konsum in der Binnenwirtschaft verursacht. Die Deutschen haben
      diese Aufwertung mit der Senkung Lohnstückkosten bekämpft, was ihnen zu einem zusätzlichen Vorteil im Export-Sektor verhalf.
      Aber ihre Export-Grundstruktur war immer sehr solide, was man zum Beispiel von Grossbritannien nicht behaupten kann. Ihre
      Volkswirtschaft halten sie am Leben durch eine ständige Abwertung des £ und der Förderung des Finanzplatzes London, der
      aber nur bei EU-Mitgliedschaft weiterhin gedeiht. Ob dezentralisierte oder zentralisierte Lohnverhandlungen, ob Agenda 2010
      oder andere geldwerte Leistungen sind wohl wichtig, aber nicht allein entscheidend. Sagen wir es so, den Regen braucht es, aber es braucht auch die Pflanze und ihren Samen, d.h. wie eine Volkswirtschaft real dasteht. Hätte sich China so schnell industrialisieren können ohne deutsche Investitionsgüter?

      • Johnny Smith sagt:

        @ Rolf Zach

        Ich glaube, urs lehmann hat schon mal darauf hingewiesen. Entschuldigen Sie bitte meine folgende Lehrerhaftigkeit, Ich kann Ihre Kommentare (wenn sie länger snid) kaum lesen. Bringen Sie doch ein bisschen Struktur rein, ohne dauernde Enter bzw. besser die Enter am richtigen Ort.

  10. Roberto Gloor sagt:

    Schön. Nützt den Deutschen aber nicht viel, sie haben jetzt netto Guthaben bei Staaten wie Frankreich, Spanien usw., die also nun die deutschen Renten der Zukunft finanzieren sollen. Viel Spass beim Eintreiben der Schulden. Der Euro macht am Ende alles zunichte.

    • Margot sagt:

      Das wissen die wenigsten Deutschen; man muss nur nach Target 2 fragen; das können die wenigsten beantworten. Und es heisst immer so schön “die deutsche Wirtschaft”, aber alle 30 Dax Werte sind allesamt mehrheitlich in ausl. Investorenhänden. ARD.de hat einen sehr guten Bericht darüber gesendet “Geld regiert die Welt”.
      Das böse erwachen kommt, wenn die Babybooler das Rentenalter erreicht haben und die Kasse dann mit ausl. Schuldscheinen gefüllt ist. Leider werden dann die verantwortlichen Politiker selber in Rente sein, ausgestattet mit fetten Pensionen, finanziert vom ausgebluteten Steuerzahler. Würde mich nicht wundern, wenn dann einzelne deutsche Politiker ihren Lebensruhestand in der Schweiz verbringen wollen…

    • urs lehmann sagt:

      Nachdem der Target2-Saldo bspw der BuBa 2010-2012 von 160 auf 750Mrd gestiegen war, ist er in den letzten 2 Jahren um 1/3 auf 500Mrd gesunken, die Salden der PIIGS-Staaten zeigen spiegelbildlichen Verlauf. Das deutet recht eindeutig auf “Flucht in den sicheren Hafen” hin.

  11. Ralf Schrader sagt:

    Deutschlands Wirtschaft ist stärker geworden, nur hat das deutsche Volk nichts davon. Insgesamt geht es sozial und vom Lebenswert her seit der deutschen Einheit bergab. Ganze Landstriche sterben aus, 7 Mill. offiziell Arme, Millionen Menschen, die trotz Job Hartz IV Ergänzung beziehen müssen.
    Es ist ein schreckliches Land geworden.

  12. Roger Spinner sagt:

    Spannender Artikel. Vielen Dank! Stellt sich für mich abschliessend nur noch die Frage wem das letzten Endes was gebracht hat. Steht die Mehrzahl der deutschen Beschäftigten heute in Bezug auf Wohlstand und Wohlfahrt besser dar als früher oder nicht…

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