Die Sehnsucht nach mehr Inflation

Never Mind the Markets

Ein sinkendes Preisniveau in einer Deflation bedeutet faktisch, dass selbst Bargeld an Wert zunimmt und damit gewissermassen auch unter der Matratze einen Zins trägt: Druckfrische 20-Franken-Noten der Schweizerischen Nationalbank. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Es ist gar nicht lange her, da galt weltweit die Inflation als grosses Übel, dass es zu verhindern gilt. Jetzt hätten alle gerne mehr davon. Der Versuch einer Erklärung.

In der Eurozone, den USA, der Schweiz und seit langem schon in Japan plagt die Wirtschaftspolitiker und allen voran die Notenbanken eine Sorge: Die Inflation ist zu gering – zu gering gemessen am gesetzten Inflationsziel von 2 Prozent. Inflation steht für die Entwertung des Geldes oder – von der Güterseite aus betrachtet – für die Zunahme des Preisniveaus gemessen in Prozent des Vorjahres. Die folgende interaktive Grafik zeigt die Inflationsentwicklung seit den 1980er-Jahren für die genannten Länder, die Daten zur Eurozone beginnen mit dem Jahr 1992.

Wie in aller Welt kann jemand einen Nachteil darin sehen, wenn die Inflation tief ist? Schaut man sich die Grafik an, wird klar, dass noch zu Beginn der 1980er-Jahre die Inflationsraten sehr viel höher lagen. Damals war klar: Diese Teuerung gilt es zu bekämpfen – und das ist gelungen.

Die jüngste Vergangenheit prägt das aktuelle Denken stets besonders stark. Schon allein daher erscheint vielen die Vorstellung geradezu absurd, etwas mehr Inflation könnte etwas Wünschenswertes sein. Ein Blick in die Geschichte könnte uns immerhin lehren, dass man das auch schon anders gesehen hat – etwa während der Weltwirtschaftskrise in den USA, wie das folgende Video zeigt, das geradezu für mehr Inflation als Lösung der damals aktuellen Probleme geworben hat:

Dennoch bleibt es aus individueller Sicht schwer einsehbar, was gut daran sein könnte, wenn die Güter mehr kosten und die eigene Kaufkraft sinkt. Man müsste in dieser Sichtweise doch annehmen, das Gegenteil sollte zutreffen.

Der Schlüssel liegt darin, dass eine tiefe Inflation oder sogar eine Deflation (ein sinkendes Preisniveau) in ihren weiteren Konsequenzen dennoch schwere Nachteile haben kann. Diese Nachteile waren in konkreten Zusammenhängen schon oft Thema auf diesem Blog (zum Beispiel hier, hier, hier oder hier) – heute soll es einmal eine allgemein gehaltene Zusammenfassung der wichtigsten Punkte sein:

  • Die tiefe Inflation ist in einer ersten Betrachtung weniger das Problem selbst als vielmehr die Folge und damit ein Signal für eine unterausgelastete Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit. Wenn die Konsum-, die Export-, die Investitions- und die Staatsnachfrage (wie gewöhnlich in einer Rezession) nicht gross genug sind, um die Produktivitätskapazitäten der Wirtschaft auszulasten, dann haben Unternehmen nur sehr viel geringere Möglichkeiten in der Preis- und Lohngestaltung. Im schlimmsten Fall müssen sie diese sogar senken. Die schematische Grafik aus diesem älteren NMTM-Beitrag zeigt das Inflations-/Deflationsproblem im Konjunkturzyklus:
Inflation-Zyklus
  • Eine tiefe Inflation kann in Verbindung mit einer sehr schwachen Wirtschaftslage zu einem selbstverstärkenden Mechanismus führen, der in eine Deflation mündet und die Krise verschärft. Eine Deflation bedeutet, dass das allgemeine Preisniveau sinkt. Wenn die Konsumenten und die Unternehmen mit sinkenden Preisen rechnen (was bedeutet, dass ihr Geld immer wertvoller wird), warten sie mit Käufen und Investitionen zu, bis die Preise noch weiter sinken. Was individuell rational ist, ist in der Summe dramatisch, denn die Ausgaben der einen sind die Einkommen und Gewinne der anderen.
  • Ist auch noch die private und öffentliche Verschuldung sehr hoch (wie gegenwärtig in vielen Ländern), steigt bei einer Deflation mit der Zunahme des Geldwerts auch der reale (in Gütern gemessene) Wert dieser Schulden. Das bremst Konsum und Investitionen weiter und verschärft die Wirtschaftslage ebenfalls.
  • Sinken die Löhne weniger stark als das Preisniveau (im Fall einer Deflation der Normalfall), bedeutet das eine Reallohnerhöhung (die Beschäftigten können sich mit einem gleichen Geldbetrag mehr Güter leisten). Das aber erhöht die realen Kosten für die Arbeitgeber, und es kommt zu Entlassungen, besonders wenn die Wirtschaft unter einem Nachfragedefizit leidet.
  • Eine Inflation von wenigen Prozentpunkten (die meisten Notenbanken setzen auf 2 Prozent) erhöht die Lohnflexibilität. Die Arbeitnehmer akzeptieren eine reale Lohnsenkung viel leichter, wenn sie über einen nicht ausreichenden Teuerungsausgleich erfolgt. In diesem Fall bleibt der Nominallohn, das heisst die ausbezahlte Lohnsumme, gleich oder steigt sogar. Solange diese Zunahme aber geringer ist als die Teuerung, sinkt der Reallohn. Das heisst, die Beschäftigten erhalten in Gütern gemessen weniger. Das wird – wie sich überall zeigt – aber eher akzeptiert als eine sinkende Lohnsumme bei geringer oder ausbleibender Teuerung, auch wenn das Ergebnis kaufkraftbereinigt dasselbe ist.
  • In einer Währungsunion wie in der Eurozone erhöht eine höhere Durchschnittsinflation die Anpassungsflexibilität und umgekehrt: Akzeptieren die stärkeren Länder wie Deutschland eine leicht höhere Inflation, können die schwächeren eine geringere anstreben, um eine grössere preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen. Bei einer tieferen Durchschnittsinflation bleibt den Schwächeren dagegen nur die Deflation mit den erwähnten Nachteilen, die in diesen Ländern besonders ausgeprägt sind.
  • Geht eine tiefe Inflation in eine Deflation über, versagen die gewöhnlichen Einflusskanäle der Notenbanken, vor allem jene über den Leitzins. Diesen können die Notenbanken im Minimum auf null senken. Doch das sinkende Preisniveau in einer Deflation bedeutet faktisch, dass selbst Bargeld an Wert zunimmt und damit gewissermassen auch unter der Matratze einen Zins trägt. Die Deflation erhöht daher jeden Zins, ohne dass die Notenbank mit den üblichen Instrumenten Gegensteuer geben kann. Und nochmals: Höhere Zinsen bremsen in einer Rezession dringend benötigte Investitionen und verteuern den Schuldendienst.
  • Eine Reihe von Ökonomen – selbst beim Internationalen Währungsfonds – spricht sich aus den obigen Gründen sogar für ein leicht höheres Inflationsziel der Notenbanken aus, das meist bei 2 Prozent liegt. Diese Ökonomen halten 4 bis 6 Prozent für eher angemessen. Ein Grund dafür ist auch die Erwartung tieferer Realzinsen (kaufkraftbereinigte Zinssätze, Nominalzinssatz minus Inflation) in den nächsten Jahren – mehr dazu hier. Bei einer geringen Inflation unterscheidet sich der Realzins nur wenig vom Nominalzins. Das heisst, dass die Notenbanken dann stets an der Grenze ihrer Machtlosigkeit operieren, da sich auch deren Leitzins (als Nominalzins) immer nahe am Minimum von null Prozent bewegen wird. Dazu mehr in einem aktuellen Vortrag von Paul Krugman für eine Konferenz der Europäischen Zentralbank.

Obiges führt nun aber keineswegs zur Schlussfolgerung: je mehr Inflation, desto besser.

Ein zentrales Problem für jede Zentralbank liegt darin, die Inflationserwartungen zu «verankern», das heisst, sie über ihre Glaubwürdigkeit zu fixieren. Denn die Erwartungen über die künftige Inflation in der breiten Bevölkerung sind es, die zu Preisanpassungen bei den Unternehmen und zu entsprechenden Lohnforderungen und -angeboten führen. Das heisst, die Erwartungen zur Inflationsentwicklung haben den grössten Einfluss darauf, wie hoch sie tatsächlich ausfällt. Wenn der Notenbank geglaubt wird, dass sie die Inflation auf einer festgelegten Höhe stabilisieren kann und wird, dann wird sich die Inflation dort auch einpendeln. Mehr zu diesem Thema hier.

Weil sie befürchten, dass eine höhere Inflation die Glaubwürdigkeit der Notenbanken zunichtemachen könnte, wehren sich einige ihrer Vertreter besonders dagegen. Dabei geht es den Befürwortern einer höheren Inflation nicht um eine immer höhere Teuerung, sondern um ein höheres, wiederum festzulegendes Inflationsziel – etwa 4 statt 2 Prozent –, das die Notenbanken ebenfalls weder deutlich überschreiten noch unterschreiten sollten.

Kommt hinzu, dass das Unterschreiten des Inflationsziels die Glaubwürdigkeit ebenfalls untergräbt. Passen sich die Inflationserwartungen nach unten an, steigen wie oben erwähnt die Realzinsen und damit die Kosten für Schuldendienst und Investitionen selbst vor dem Eintreten einer Deflation und die Reaktionsmöglichkeiten einer Notenbank werden immer geringer.

Never Mind the Markets

Das Beispiel Zimbabwe wird immer wieder als Argument gegen höhere Inflation ins Feld geführt: 2008 gab die Zentralbank des afrikanischen Staates 10-Millionen-Dollar-Noten aus. Foto: Tsvangirayi Mukwazhi (AP, Keystone)

Als Argument gegen eine höhere Inflation wird immer wieder die Geschichte von dramatischen Hyperinflationen, wie jene in Deutschland in den 1920er-Jahren und die jüngere Erfahrung in Zimbabwe, mit Preissteigerungen ins Unermessliche erzählt. Diese Art von Inflation ist auf ganz andere Art entstanden als durch ein höheres Inflationsziel durch eine Notenbank. Sie entstand, weil Notenbanken Geld direkt zur Finanzierung von Staatsaufgaben ausgaben und auf jeden Inflationsschub mit noch mehr neu gedrucktem Geld reagierten. Ein Inflationsziel und eine Kontrolle der Geldmenge gab es hier überhaupt nicht mehr. Darum geht es aber niemandem, der eine leicht höhere Inflation für sinnvoll hält.