Der Piketty-Schock für die USA

Never Mind The Markets

Ist in Amerika derzeit das dominierende Thema: Das Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty, hier in seinem Pariser Büro. Foto: Reuters

Ausländische Ökonomen werden in den USA selten beachtet. Das Buch des Franzosen Thomas Piketty jedoch hat dort eingeschlagen wie eine Bombe. Es stellt das Grundverständnis der amerikanischen Gesellschaft in Frage.

Kurz nach der Veröffentlichung der englischsprachigen Ausgabe von «Capital in the Twenty-First Century» des französischen Ökonomen Thomas Piketty war das Buch zweimal Thema auf diesem Blog (hier und hier) und hat grosses Interesse geweckt. Gemeinsam mit Rita Flubacher konnten wir mit dem Ökonomen auch schon ein Interview führen.

Mittlerweile schreibt die halbe Welt über die von ihm nachgezeichnete Entwicklung der Vermögens- und Einkommensverteilung und über seine Schlüsse daraus. Selbst die jüngste Ausgabe des Magazins «Spiegel» widmet dem Thema die Titelgeschichte. Der britische «Economist» geht in mittlerweile drei Artikeln auf das Buch ein , einer ist ebenfalls «Leader» der jüngsten Ausgabe und landauf landab berichten Zeitungen, Magazine, Radio- und Fernsehstationen über Thomas Piketty und sein Buch. Der Mann ist zum Rockstar der Ökonomie avanciert.

Aber die Reaktionen in Europa sind nichts im Vergleich zu dem, wie das Buch in den USA eingeschlagen hat. Nicht nur in Ökonomenkreisen ist es das dominierende Thema, das Buch selbst hat sich bei Amazon.com zum absoluten Bestseller gemausert, so dass es dort zwischenzeitlich ausverkauft war. Das kommt bei einem Buch eines Ökonomen nur selten vor; in den USA schon gar nicht, wenn er aus dem Ausland stammt.

Das Interesse, dass das Buch auslöst, lässt sich am besten mit dem so genannten «Tunnel-Effekt» beschreiben – einem Vergleich, der auf den grossen Entwicklungs-Ökonomen Albert O. Hirschmann zurückgeht: Warten Menschen im Tunnel im Auto in einem Stau und beginnt die Kolonne neben ihnen langsam wieder anzurollen, weckt das anfänglich vor allem die freudige Erwartung, bald ebenfalls aus dem Tunnel fahren zu können. Stellt sich dann nach einiger Zeit allerdings heraus, dass nur die Kolonne nebenan rollt und der Stau auf der eigenen Spur bestehen bleibt, schlägt die Vorfreude in Enttäuschung um und zunehmend in ein Gefühl, betrogen worden zu sein und damit auch in Wut.

Die Akzeptanz grosser Ungleichheiten lässt sich mit der Hoffnung im Stau vergleichen, bald ebenfalls von den besseren Bedingungen zu profitieren. Das hat für die USA eine noch viel grössere Bedeutung als für Europa. Die Ablehnung der Amerikaner gegen jede Art Gleichmacherei beruht vor allem darauf, dass die Ungleichheit dort als Ausdruck für die Aufstiegschancen gesehen wird, die grundsätzlich allen offenstehen. Wer entsprechende Leistungen erbringt, Glück hat oder innovativ ist, der kann es ebenfalls an die Spitze der Einkommenshierarchie schaffen, so die Überzeugung

Diese optimistische Einschätzung stellt nun Thomas Piketty anhand der folgenden  Beobachtungen und Überlegungen in Frage:

  • Der Anteil der Bestverdienenden an den Gesamteinkommen ist in den USA seit den 1980er Jahren dramatisch angestiegen. Die Grafik unten zeigt den prozentualen Anteil an den Gesamteinkommen, den die 10 Prozent Bestverdienenden in jedem Jahr eingeheimst haben. In den 2000er Jahren kletterte dieser Anteil auf beinahe 50 Prozent und damit auf das Fünffache der Durchschnittseinkommen. Auch in Europa ist der Anteil der 10-Prozent Bestverdienenden gestiegen, aber nicht in einem vergleichbaren Ausmass wie in den USA:
324
  • Der oben gezeigte Anstieg des Einkommensanteils des reichsten Zehntels in den USA verdankt sich genau besehen vor allem der Zunahme beim reichsten Hundertstel, was Piketty mit der folgenden Grafik tut. Sie verdeutlicht gemessen an den schwarzen Dreiecken den Einkommensanteil des bestverdienendsten Prozents pro Jahr. 2010 lag hier der Anteil an den gesamten Einkommen bei rund 20 Prozent, womit er dem 20-fachen des Durchschnittseinkommens entsprach. Noch in den 1970er Jahren lag dessen Anteil bei unter 10 Prozent. In diesen Einkommen sind Kapitalgewinne und -verluste mit eingerechnet. Daraus resultieren die deutlichen Ausschläge beim reichsten Prozent.
292
  • Gemäss ökonomischer Theorie sollte die Arbeit in funktionierenden Märkten entsprechend ihrer Grenzproduktivität entlöhnt werden, also entsprechend dem zusätzlichen Wert den sie schafft. Wie Piketty festhält, geht der sehr starke Anstieg des Anteils der Topeinkommen zum grössten Teil auf die Löhne für Topmanager in den USA zurück. Doch spricht nichts dafür , dass die Leistungsfähigkeit dieser Manager in den letzten dreissig Jahren im gleichen Ausmass zugenommen hat, wie diese Lohnsummen. Ansonsten müsste sich das in einer entsprechend höheren Leistung der US-Wirtschaft niederschlagen oder in einer parallelen Entwicklung in anderen Ländern, da dort grundsätzlich die gleichen Möglichkeiten gegeben sein müssten. Die Erklärung von Piketty für den Lohnanstieg ist so simpel wie nachvollziehbar. In aller Kürze: Die Topmanager zahlen sich die höheren Löhne aus, weil sie die Macht dazu haben.
  • Das Hauptthema von Pikettys Buch sind nicht die Einkommen, sondern die Vermögen. Der Anteil der Vermögen in den Händen der Reichsten ist mittlerweile in den USA grösser als in Europa. Die reichsten 10 Prozent Amerikaner besitzen 70 Prozent aller Vermögen, das reichste Prozent 35 Prozent aller Vermögen. In Europa besitzen die reichsten 10 Prozent 60 Prozent aller Vermögen und das reichste Prozent 25 Prozent. Vermögen zementieren die ökonomischen und indirekt politischen Machtverhältnisse besonders stark, da sie noch weit weniger als die Einkommen an die Leistungsfähigkeit der Personen gebunden sind und vererbt werden.
  • Die Bedeutung der Vermögen zeigt sich auch in den USA daran, dass die allerhöchsten Einkommen  hauptsächlich aus Vermögen resultieren und nicht aus Arbeit. Die untenstehende Grafik zeigt die Anteile von Kapital- und Arbeitseinkommen der bestverdienenden 10 Prozent, wobei das bestverdienende Prozent bis auf den bestverdienenden Zehntausendstel (99.99 -100) der Bevölkerung aufgeschlüsselt wird. Dieser bezieht rund 70 Prozent seines Einkommens aus Vermögen.
302
  • Wie Piketty schreibt, tendiert der sehr viel höhere Einkommensanteil der Bestverdienenden dazu, sich in einer noch grösseren Vermögenskonzentration niederzuschlagen. Die heutigen Topeinkommen werden nicht vollständig ausgegeben und werden als Ersparnisse zu Vermögen.
  • Wie die Untersuchung des Ökonomen weiter zeigt, ist die soziale Mobilität in der US-Gesellschaft gering. Das heisst, dass es nicht immer wieder andere sind, die es zu hohen Einkommen und hohen Vermögen schaffen.
  • Ein Weg zu solcher Mobilität zumindest bei den Einkommen wäre der Zugang zu höherer Bildung. Piketty verweist in diesem Zusammenhang auf die Arbeit der Ökonomen Claudia Goldin und Lawrence Katz, die einerseits die Bedeutung der höheren Bildung für die Einkommen gezeigt haben, gleichzeitig aber auch, dass sich Abkömmlinge mittlerer und tiefer Einkommen den Zugang an die Topuniversitäten nicht mehr leisten können. Piketty verweist allerdings darauf, dass die höhere Bildung zwar für den Aufstieg in die bestverdienenden 10 Prozent von Bedeutung sei, nicht aber für den Aufstieg in die allerhöchsten Einkommens- und Vermögensklassen.
  • Wie schon im ersten Beitrag zu Pikettys Buch beschrieben, ist für den Ökonomen der Umstand von grösster Bedeutung, dass die Renditen auf den Vermögen (wie schon im 19. Jahrhundert und früher) künftig wohl höher liegen werden als das Wirtschaftswachstum. Das hat zur Folge, dass die Konzentration des Vermögensbesitzes sich laufend verschärft. Wie Piketty zeigt, lassen sich zudem mit besonders hohen Vermögen deutlich höhere Renditen (in Prozent des Vermögens) erzielen, als mit kleineren. Das verschärft die Vermögenskonzentration weiter.

Thomas Piketty hat mit seinem Buch und den Daten, die er und seine Kollegen in einem noch nie dagewesenen Ausmass aus Steuerdaten in der so genannten World Top Income Database zusammengetragen und ausgewertet haben, das Selbstverständnis der amerikanischen Gesellschaft erschüttert. Dieses baut darauf auf, dass bei aller Ungleichheit in den Ergebnissen die Grundbedingungen allen den Aufstieg ermöglichen und dass es keine kleine Klasse geben kann und darf, die sich ökonomisch (und in der Konsequenz auch politisch) von der übrigen Bevölkerung vollkommen und nachhaltig distanzieren kann.

Das Schreckensbeispiel einer solchen Gesellschaft war für die USA das alte kontinentale Europa, wie es sich noch bis vor dem ersten Weltkrieg weitgehend präsentiert hat. Wie Piketty eindrücklich beschreibt, war das dann der Grund weshalb die USA – heute kaum mehr vorstellbar – exorbitant hohe Einkommenssteuern eingeführt hat; mit Grenzsteuersätzen von mehr als 90 Prozent. Die erste der folgenden Grafiken zeigt die maximalen Einkommenssteuersätze, die zweite die Maximalsätze für die Erbschaftssteuer in den USA, Grossbritannien, Deutschland und Frankreich:

14-114-2

Bei solch hohen Sätzen ging es nicht um höhere Steuereinnahmen. Ziel war die Verhinderung exorbitant hoher Unterschiede. Es bestand die Sorge, wie Europa zu werden. Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass die USA heute in dieser Beziehung bereits mehr dem alten Europa gleichen als es die Europäer selber tun. Kein Wunder schlägt Pikettys Buch in den USA ein wie eine Bombe.