Die Wachstumsdebatte ist zuweilen absurd

NMTM

Wie viel ist genug? Kundin mit Einkauf in einem Shoppingcenter in den USA. Foto: Keystone

Über Sinn und Unsinn von Wirtschaftswachstum wird heftig gestritten. Leider streitet man dabei gewöhnlich nicht über das Gleiche. Der Versuch einer Begriffsklärung.

Die Ausrichtung auf das Wachstum richte immer mehr Schaden an, so meinen Einige. Ein Ende des Wachstums erscheint in dieser Sichtweise als Befreiung. Der «Spiegel» fasst dieses Denken im Untertitel der aktuellen Titelgeschichte zum Thema treffend zusammen: «Weniger haben, glücklicher leben». Selbst Initiativen wie jene zur Masseneinwanderung oder Ecopop werden mit der Sorge vor zuviel Wachstum erklärt.

Und dann gibt es die andere Seite – jene der Ökonomen. Schaut man sich dort die aktuellen Debatten an, dominiert exakt die umgekehrte Sorge: Das Wachstum könnte in Zukunft deutlich geringer ausfallen als bisher und sogar gegen Null tendieren.

Grund genug für eine Klärung, worum es beim Wirtschaftswachstum geht:

  • Zu allererst gilt es zwischen den zwei unterschiedlichen Treibern  zu unterscheiden: Dem Bevölkerungswachstum und dem Wachstum der Produktivität. Bei letzterer steht die Leistungsfähigkeit der Arbeit (zum Beispiel dem Output pro Arbeitsstunde) im Vordergrund. Die Produktivität hängt in erster Linie vom Stand der technologischen Entwicklung ab.
  • Wenn Ökonomen vom Vorteil des Wachstums sprechen, meinen sie in der Regel jenes pro Kopf, das (langfristig) nur vom Produktivitätswachstum abhängt. Wächst die Bevölkerung stärker als die Produktivität, verschlechtert sich die Lage der Menschen, denn dann verteilt sich das Erwirtschaftete im Durchschnitt auf mehr Köpfe. Auf die Verteilung kommen wir noch zu sprechen.
  • Ein Bevölkerungswachstum ohne Produktivitätswachstum entspricht dem düsteren Szenario von Thomas Malthus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Seine Diagnose von sich stetig wiederholenden Hungersnöten hat die Zeit vor ihm richtig beschrieben und sie wäre wohl auch für die Zukunft zutreffend gewesen, wäre da nicht dieses gigantische Wachstum der Produktivität seither eingetreten, das selbst die Bevölkerungsexplosion seit seiner Zeit noch übertrumpft hat. Die folgenden zwei Grafiken vermitteln einen Eindruck davon:
gdp per head

Die Grafik zeigt die geschätzten jährlichen Wachstumsraten pro Kopf seit dem Jahr 0. Man beachte: Auch sinkende, aber verbleibende hohe Wachstumsraten bedeuten einen weiter steigenden, wenn eben weniger stark steigenden, Output pro Kopf. Das heisst, diese Wachstumsraten sind schon um das Bevölkerungswachstum korrigiert und dieses war selbst gewaltig:

Bevoelkerung

Die zweite Grafik zeigt die geschätzten Wachstumsraten der Weltbevölkerung seit dem Jahr 0. Auch hier gilt natürlich, dass abnehmende Wachstumsraten einer weiteren, wenn auch geringeren Zunahme entsprechen. Die Grafik stammt aus dem Buch von Thomas Piketty. die Wachstumsraten der Jahre bis 2100 entsprechen in beiden Grafiken seiner Prognose.

  • Damit sollte schon klar geworden sein, dass ein ausbleibendes Wachstum im Sinne eines stillstehenden Produktivitätswachstum wohl kaum jemand wünschen kann. Schon gar nicht, so lange die Bevölkerung weiter wächst.
  • Wenn schliesslich das tatsächliche Wachstum der Produktion geringer ausfällt als das Wachstum der Bevölkerung und der Produktivität, bedeutet das, dass die bereitgestellten Güter und Dienstleistungen nicht abgesetzt werden können. Die Folge ist eine steigende Arbeitslosigkeit und man spricht von einer Rezession oder sogar Depression. Auch kaum ein Nullwachstum, das wünschenswert ist.
  • Die aktuelle Spiegel-Titelgeschichte verweist auf einen zentralen Punkt der aktuellen Wachstumkritik – jener am Konsumwahn. Hauptfigur ist ein Sebastian Knüpers, der einen Grossteil seines Krempels entsorgt und sich dann befreit fühlt. Mehrkonsum ist aber keine zwingende Folge von Wirtschaftswachstum. Die erhöhte Produktivität schafft nur mehr Möglichkeiten. Es hängt von den gesellschaftlichen oder politischen Umständen und/oder den Präferenzen einer Bevölkerung ab, wie sie genutzt werden: Ob zum Beispiel für Waffen, Konsum oder für mehr Freizeit.
  • Anders gesagt ist die Möglichkeit, auch mit weniger Konsum leben zu können, gerade das Ergebnis des Wirtschaftswachstums und damit Ausdruck eines historisch und im internationalen Quervergleich gesehen sehr hohen Lebensstandards. Dasselbe gilt für die Möglichkeit, auch mit weniger Arbeit den Lebensunterhalt bestreiten zu können.
  • Gemessen wird das Wachstum in der Regel über das Bruttoinlandprodukt BIP. Diese Messmethode ist Grund für einen grossen Teil der Wachstumskritik. Weil hier hauptsächlich nur über Märkte handelbare Güter und Dienste erfasst werden, bleibt ein wichtiger Teil der Vorteile des Produktivitätswachstums unberücksichtigt, wie etwa jener von mehr Freizeit sowie alle Tätigkeiten ausserhalb messbarer Märkte – vor allem die unentgeldlichen Beschäftigungen, der private Tausch und die Schwarzmärkte. Die BIP-Messung führt daher zuweilen zur absurden Überhöhung der Bedeutung dieser unbefriedigenden statistischen Grösse – als Zielgrösse für die einen, als Grund für die generelle Wachstumskritik für die anderen.
  • Ein weiterer zentraler Punkt der Wachstumskritik ist der Umstand, dass damit in vielen Fällen eine Schädigung der Umwelt einher geht. Wenn eine steigende Produktivität durch eine irreparable Schädigung von Umweltkapital erreicht wird, ist ein solches Wachstum nicht nachhaltig und erfordert politische Gegenmassnahmen. Aber auch das ist kein Argument gegen Wachstum per se: Innovationen können auch neue und bessere Möglichkeiten für ein umweltgerechtes Wirtschaften Schaffen.
  • Nochmals zurück zur Spiegel-Hauptfigur Knüpers: Als Job arbeitet der Konsumentsager für sein eigenes Internet Startup an einer App, die Nutzern nützliche Informationen vermittelt. Noch vor wenigen Jahren war weder ein solcher Job, noch eine Nachfrage nach seinem Produkt denkbar. Der technologische Fortschritt hinter dem Produktivitätswachstum pflügt laufend die Berufswelt, die entsprechenden Anforderungen und auch die Lebensumstände um. Das schafft zwar neue Möglichkeiten aber auch einen erheblichen Anpassungsstress. Alleine hier dürfte eine wesentliche Ursache der Wachstumskritik zu suchen sein. Dieser Stress ist reael und erfordert politische Antworten.
  • Phasen starken Wachstums im Nachgang von technologischen Innovationen sind oft von einer steigenden Einkommensungleich begleitet, weil jene, von denen die Innovationen ausgehen oder die über die Rechte darüber verügen, zumindest anfänglich eine aussergewöhnliche Machtposition erhalten oder weil sie über noch wenig gestreute Fähigkeiten verfügen, um die Innovationen zu implementieren. So lange aber über die Zeit die Wirtschaft stärker wächst als die Kapitaleinkommen, nimmt die Bedeutung von hergebrachten Besitzständen und der Verfügung über Kapital im Vergleich zur Gesamtwirtschaft ab. Das ist das Thema von Thomas Piketty in seinem neuen Buch und damit auch des letzten Blogbeitrags.

Fazit:

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Fehlentwicklungen, Risiken und Anpassungsprobleme in der Folge von Wachstum müssen ernst genommen und angegangen werden. Aber das Wachstum der Produktivität – im Kern das Wirtschaftswachstum – verhindern zu wollen, wäre absurd. Es würde Niemandem nützen, keine Probleme lösen und neue schaffen. Das wäre ähnlich unsinnig, wie das Geld abschaffen zu wollen. Aber das ist Thema für ein andermal.