Das grösste Missverständnis in der Ökonomie

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In China stehen sehr viele Neubauten leer: Immobilien in Peking. (Keystone/Adrian Bradshaw)

Beginnen wir mit einer kleinen Liste:

  • Ungenutzte Einfamilienhäuser in Phoenix, Arizona
  • Topmoderne Provinzflughäfen in Spanien, auf denen kein Flugzeug landet
  • Leerstehende Bürotürme in Dublin, Irland
  • Reihenweise Apartmenthäuser in chinesischen Geisterstädten, in denen kaum jemand wohnt

Was haben diese Bauten gemeinsam?

Es sind alles unproduktive, ökonomisch betrachtet weitgehend nutzlose Investitionen. Und: Sie sind das Resultat zu hoher Ersparnisse in der Wirtschaft.

Wie kam es dazu?

Um diese Frage zu beantworten, befassen wir uns in diesem Beitrag mit drei grossen Themen in der Ökonomie: Sparen, Investieren und Ungleichheit. Wir werden sehen, dass diese drei Themen zu einem grossen Teil die Finanz- und Wirtschaftskrise erklären, die uns in wechselnder Form seit mehr als fünf Jahren beschäftigt.

Und wir werden dabei auf das wohl grösste Missverständnis stossen, das vor allem im deutschsprachigen Europa allgegenwärtig ist – nämlich das Missverständnis, wonach Sparen für eine Volkswirtschaft eine löbliche, erstrebenswerte Tugend ist.

Doch der Reihe nach.

Zunächst einige Definitionen (ich lehne mich dabei an die Arbeit von Michael Pettis an, den ich für einen der originellsten Ökonomen der Gegenwart halte. Hier sein aktueller Leitartikel in der FuW):

Nehmen wir eine geschlossene Volkswirtschaft an. Der gesamte Ausstoss, den diese Volkswirtschaft produziert, also das Bruttoinlandprodukt (BIP), muss absorbiert werden. Und es gibt nur zwei Wege, wie diese Güter und Dienstleistungen absorbiert werden können: Sie werden verbraucht (konsumiert), oder sie werden investiert, um damit künftigen Konsum zu ermöglichen. Als Gleichung ausgedrückt:

BIP = Totaler Konsum + Totale Investitionen

Weiter stellen wir fest, dass der Ausstoss in einer geschlossenen Volkswirtschaft zwingend dem gesamten Einkommen entspricht. Und dieses Einkommen wiederum kann per Definition nur entweder konsumiert oder gespart werden. Daraus folgt, dass die Wirtschaftsleistung aus der Summe des gesamten Konsums und der gesamten Ersparnisse besteht. Wieder als Gleichung:

BIP = Totaler Konsum + Totale Ersparnisse

Achtung: Mit den gesamten Ersparnissen sind hier nicht bloss die Ersparnisse der privaten Haushalte gemeint. Auf Ebene der gesamten Volkswirtschaft, nennen wir es die nationale Sparquote, sind die Ersparnisse ganz einfach der Teil des BIP, der nicht konsumiert wird.

Aus den beiden oben gezeigten Erkenntnissen leitet sich ab, dass in einer geschlossenen Volkswirtschaft die gesamten Ersparnisse immer den gesamten Investitionen entsprechen. Und als Gleichung:

Ersparnisse = Investitionen (S=I)

So weit, so gut. Mit dieser Erkenntnis wird auch rasch klar, weshalb eine hohe Sparquote gemeinhin als Tugend erachtet wird: Hohe Ersparnisse bedeuten auch hohe Investitionen, und Investitionen in den Kapitalstock bilden das Fundament für zukünftiges Einkommen.

Hierzu noch eine Bemerkung: Wenn von einer geschlossenen Volkswirtschaft die Rede ist, kann das ein einzelnes Land oder auch die gesamte Weltwirtschaft bedeuten. Solange wir keinen Handel mit anderen Planeten beschreiben, ist für diese Zwecke auch die Erde eine geschlossene Volkswirtschaft.

Ich hoffe, Sie sind noch dabei. Denn jetzt wird’s spannend.

Angenommen, aus irgend einem Grund sinkt die Konsumquote, woraus zwingend folgt, dass die Ersparnisse steigen, woraus wiederum zwingend folgt, dass die Investitionen steigen. Es gibt drei Varianten, wie steigende Investitionen möglich sind:

  1. Die Investitionen in den produktiven Kapitalstock steigen.
  2. Unproduktive Investitionen steigen, in Form von Lageraufbau in der Industrie (Überproduktion)
  3. Andere Arten von unproduktiven und/oder spekulativen Investitionen steigen.

Es leuchtet rasch ein, dass nur die erste dieser Varianten, ein Anstieg der produktiven Investitionen, wünschbar ist. Wieso aber sollte ein Anstieg der Sparquote zwingend in produktive Investitionen münden? Das wäre ja nur der Fall, wenn zuvor zu wenig Kapital für produktive Investitionen zur Verfügung gestanden oder, mit anderen Worten, die Sparquote zu tief und Kapital zu knapp gewesen wäre.

Was aber, wenn genügend Kapital zur Befriedigung der produktiven Investitionen zur Verfügung steht und die Sparquote der Volkswirtschaft trotzdem steigt? Dann müssen die zusätzlichen Ersparnisse zwingend in zunehmend unproduktive, spekulative Investitionen fliessen, und zwar im Inland oder im Ausland.

Zweifelsohne ist genau das im vergangenen Jahrzehnt in horrendem Ausmass geschehen. Leere Einfamilienhaus-Siedlungen in Spanien, Bürogebäude in Irland, Prunk-Flughäfen in drittklassigen chinesischen Städten, überdimensionierte Rohstoff-Häfen in Brasilien, unverkäufliche Häuser in Phoenix und Las Vegas, eine Überproduktion von Frachtschiffen, ungenutzte Produktionsanlagen für Solarpanels in China: Das alles sind Beispiele unproduktiver, nicht selten spekulativer Investitionen. Eine kolossale Verschwendung von Ressourcen.

Wir können also feststellen, dass Investitionen nicht per se gut sind und ergo in einer Volkswirtschaft möglichst hoch sein sollten. Das gilt nur für produktive Investitionen. Unproduktive Investitionen sind Ressourcenverschwendung. Und weil Investitionen gleich Ersparnisse sind, muss daraus zwingend die Erkenntnis folgen, dass auch hohe Ersparnisse nicht per se gut und wünschbar sind: sie sollten nur so hoch sein, dass sie die produktiven Investitionen finanzieren können.

Nun kommt die nächste grosse Frage: Weshalb kam es in den vergangenen zehn Jahren zu dermassen kolossalen Spekulationsblasen und Investitionsexzessen in Ländern wie den USA, Grossbritannien, Irland, Spanien und in den letzten fünf Jahren auch in China, Brasilien oder der Türkei?

Es kann nur eine Antwort geben: Die in der Welt-Volkswirtschaft verfügbaren Ersparnisse sind deutlich gestiegen.

Und wie war es möglich, dass die Ersparnisse gestiegen sind? Die Antwort auf diese Frage setzt sich aus drei Komponenten zusammen:

  1. Die wachsende Ungleichheit
  2. Der Spezialfall Deutschland
  3. Der Spezialfall China

Beginnen wir mit Punkt 1, der Ungleichheit: Sie ist ein gegenwärtig intensiv diskutiertes Thema unter Ökonomen. Mein Kollege Markus Diem Meier hat dazu diesen sehr lesenswerten Blogbeitrag erstellt. Wir wollen hier nicht in die Details gehen, sondern akzeptieren es als Fakt, dass in zahlreichen Volkswirtschaften in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung gestiegen ist.

Was hat das für Konsequenzen? Ganz einfach: Die unteren bis mittleren Schichten verkonsumieren in der Regel ihr gesamtes Einkommen. Für Ersparnisse reicht es ihnen kaum. Den oberen und obersten Schichten ist es dagegen gar nicht möglich, ihr gesamtes Einkommen in den Konsum zu stecken. Das bedeutet, ihre Sparquote ist deutlich höher. Wenn nun mit wachsender Ungleichheit ein immer grösserer Teil des Einkommens-Kuchens den obersten Schichten zufällt, muss zwingend die nationale Sparquote steigen.

(Hierzu ein kleiner Exkurs: Zwei Effekte können diesen Trend zu höheren Sparquoten bei steigender Ungleichheit kompensieren respektive kaschieren:

  • Die steigende Sparquote führt zu einem Rückgang der aggregierten Nachfrage, worauf die Unternehmen ihre Kapazitäten zurückfahren und Arbeitskräfte entlassen. Die Arbeitslosenquote steigt, und weil Arbeitslose kein Einkommen haben, sinkt ihre Sparquote.
  • Oder die unteren bis mittleren Schichten nehmen zunehmend Kredit auf, um ihre mangelnden Einkommensfortschritte zu kompensieren und sich doch einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen. Durch ihre steigende Verschuldung sinkt ihre Sparquote.)

Die zweite Erklärung ist der Spezialfall Deutschland. Nach der Jahrtausendwende kam es mit der Agenda 2010 unter Kanzler Gerhard Schröder zu einem Pakt zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern und der Politik: Die Arbeitnehmer erklärten sich dabei bereit, auf höhere Lohnforderungen zu verzichten, wenn dafür mehr Stellen geschaffen werden und die Arbeitslosigkeit verringert wird. Resultat dieses Paktes war, dass die Löhne der Arbeitnehmer in Deutschland seit mehr als zehn Jahren weniger rasch steigen als die Produktivitätsfortschritte.

Das soll an dieser Stelle nicht gewertet werden, aber es ist ein Fakt, dass den deutschen Arbeitnehmern während dieser Zeit ein immer kleinerer Teil des BIP-Kuchens zufiel.

Das bedeutet, dass die deutschen Arbeitnehmer auch einen immer kleineren Teil ihrer Produktion konsumieren konnten und als zwingende Folge daraus die nationale Sparquote Deutschlands stieg (BIP = Totaler Konsum + Totale Ersparnisse).

Die gestiegene nationale Sparquote Deutschlands hat also überhaupt nichts mit der Tugendhaftigkeit deutscher Privathaushalte zu tun, die einen grösseren Teil ihres Einkommens sparen. Sie erklärt sich vielmehr damit, dass die deutschen Privathaushalte einen kleineren Teil ihrer eigenen Produktion erhalten und damit auch einen kleineren Teil konsumieren können.

Und was hat die deutsche Volkswirtschaft mit den gestiegenen Ersparnissen angestellt? In produktive Investitionen im Inland sind sie kaum geflossen. Nein, ein beträchtlicher Teil davon floss via das deutsche Bankensystem in unproduktive Investitionen im Ausland: In Subprime-Kredite in den USA und Spanien, Staatsanleihen europäischer Peripherieländer, eine Überproduktion an Containerschiffen, etc.

Die dritte Erklärung ist der Spezialfall China: Auch dort partizipierten die privaten Haushalte, ähnlich wie in Deutschland, in den vergangenen gut zehn Jahren nur unterdurchschnittlich am Wachstum der eigenen Volkswirtschaft. Der Grund dafür liegt im lange unterbewerteten Yuan – was die Importe von Nahrungsmitteln und Energie verteuert – sowie einer hartnäckigen Form finanzieller Repression: Die Zinsen, die die chinesischen Sparer von den staatlich kontrollierten Banken erhalten, sind so bescheiden, dass sie kaum zur Deckung der Inflation reichen. Anders ausgedrückt subventionieren die chinesischen Haushalte also den Rest der weitgehend staatlich kontrollierten Wirtschaft mit abnormal niedrigen Zinsen.

Der Effekt ist der Gleiche wie in Deutschland: Die chinesischen Privathaushalte erhalten einen stetig kleineren Teil der Früchte ihrer eigenen Produktion und können daher auch nicht so viel konsumieren. Als zwingende Folge davon stieg die nationale Sparquote Chinas.

Die steigenden chinesischen Ersparnisse finanzierten insbesondere ab 2008 zunehmend unproduktive, spekulative Investitionen im Inland. Die Zeichen mehren sich, dass in China in den vergangenen fünf Jahren ein Monster in Form einer Investitionsblase entstanden ist. Wer sich für die Details dieser möglicherweise grössten Kreditblase aller Zeiten interessiert, findet sie in diesem Blogbeitrag.

Fassen wir zum Ende dieses Beitrages also  zusammen:

  • Eine Kombination aus steigender Ungleichheit in zahlreichen Ländern sowie bewusst herbeigeführter Entwicklungen in China und Deutschland haben in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren die Ersparnisse steigen lassen.
  • Diesen Ersparnissen standen zu wenig Möglichkeiten für produktive Investitionen zur Verfügung.
  • Also flossen die Ersparnisse zunehmend in unproduktive Investitionen: Überkapazitäten in Produktion und Wohnbau sowie unnütze Infrastrukturbauten in Ländern wie China und Spanien.
  • Diese unproduktiven Investitionen waren eine Ressourcenverschwendung. Ihr ökonomischer Nutzen ist gering.

Bleibt die letzte, grosse Frage: Wie kann der Trend gebrochen, wie kann verhindert werden, dass immer noch mehr Ersparnisse in unnütze, unproduktive Investitionen fliessen?

Für den an der Universität Peking lehrenden Ökonomen Michael Pettis führt nur ein Weg zu diesem Ziel: Die unteren bis mittleren Einkommensschichten müssen in zahlreichen Ländern wieder einen grösseren Teil der Früchte ihrer eigenen Produktion erhalten. Das bedeutet, dass Länder wie die USA und Grossbritannien die wachsende Ungleichheit bekämpfen müssen. Und in Deutschland und China müssen die Löhne steigen, damit die Arbeitnehmer wieder in grösserem Ausmass am Erfolg ihrer Volkswirtschaft partizipieren.