Eine neue Sicht auf Ungleichheit und Umverteilung

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Das Logo des IWF am Weltbanktreffen in Tokio, Oktober 2013. (Keystone)

Ungleichheit ist wirtschaftlich kein Problem, Umverteilungsmassnahmen sind sogar schädlich – so eine verbreitete Überzeugung unter Ökonomen. Beim Internationalen Währungsfonds sieht man das anders.

In der klassischen Sicht der Ökonomen kann Ungleichheit positiv sein: Wenn sie das Ergebnis besonderer Leistungen, Ideen oder eingegangener persönlicher Risiken ist, die am Ende auf den Märkten zu Erfolg führen und den Nutzen für die gesamte Gesellschaft erhöhen, dann ist sie sogar willkommen. Die Aussicht auf überdurchschnittliche Belohnungen auf den Märkten setzt dann die richtigen Anreize.

Umverteilungsmassnahmen galten deshalb aus ökonomischer Warte als schädlich, gerade weil sie die Anreize verzerren: Jene, die Besonderes leisten, haben danach weniger Grund dazu, wenn ihnen ein Teil ihrer Prämie dafür entnommen wird. Ein beliebter Vergleich dazu, ist der der vom Kuchen (das wirtschaftliche Gesamtprodukt), der durch die Umverteilung schrumpft.

Verschiedene Ökonomen haben bereits Hinweise dafür geliefert, weshalb eine hohe und steigende Ungleichheit doch nicht als positives Zeichen gewertet werden kann und dass sie selbst für die wirtschaftliche Gesamtentwicklung eines Landes schädlich ist:

Folgende Gründe dafür wurden angeführt:

  • Eine grosse Ungleichheit kann dazu führen, dass einem Teil der Bevölkerung der Zugang zu Gesundheitsdiensten und Bildungsmöglichkeiten fehlt, wodurch hier produktives Potenzial brachliegt, dass bei einer gleichmässigeren Verteilung genutzt werden könnte.
  • Ungleichheit kann zu politischer Instabilität führen, weil ein Teil der Bevölkerung das politische System nicht mehr akzeptiert. Eine grössere politische Instabilität führt dazu, dass Unternehmen angesichts einer grösseren Unsicherheit über die Zukunft weniger investieren.
  • Bei grosser und wachsender Ungleichheit wird es zunehmend schwierig, einen breiten Konsens für und das Vertrauen in eine Wirtschaftspolitik zu finden, die zwar das Land weiterbringt, aber zumindest vorübergehend die Opfer asymmetrisch verteilt: Etwa wenn es darum geht, ineffiziente Bereiche der Wirtschaft aufzugeben.
  • Ungleichheit kann dazu führen, dass viele sich stark verschulden und mit dem geliehenen Geld Fehlentwicklungen auf den Kapital- bzw. Immobilienmärkten anheizen, um ihren Rückstand Wett zu machen. Macht die Politik hier mit – etwa in dem sie keine korrigierenden Regulierungen einführt oder durch zu tiefe Leitzinsen der Notenbank, droht eine Destabilisierung der Finanzmärkte wie 2008. Dieses Argument wurde besonders prominent vom heutigen indischen Notenbankchef Raghuram Rajan in diesem lesenswerten Buch vertreten.
  • Schliesslich wird eine grosse und wachsende Ungleichheit von vielen gerade deshalb als wirtschaftliche Gefahr betrachtet, weil damit der Druck zu Umverteilungsmassnahmen steigt, die wie erwähnt als besondere Gefahr für den Motor der wirtschaftlichen Entwickung gehalten werden.
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IWF-Ökonom Jonathan Ostry. (Foto: IWF)

Wie steht es nun wirklich um die Wirkung von Ungleichheit und Umverteilung auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes? Wie eine neue Studie von Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) unter der Leitung von Jonathan Ostry – dem Stellvertreter von Chefökonom Olivier Blanchard (Bild links) – festhält, kann diese Frage nur durch empirische Tests beantwortet werden. Diese haben die IWF-Ökonomen dann durchgeführt.

Dabei haben sie erstmals auf neue Daten zurückgegriffen, die es ihnen erlauben, in vielen Ländern nach einheitlicher Art zwischen der Ungleichheit vor der staatlichen Umverteilung und nach einer solchen Umverteilung zu unterscheiden.

Hier die wichtigten und mit Blick auf die erwähnten hergebrachten Ansichten verblüffenden Ergebnisse der Studie:

  • Ungleichheit ist tatsächlich schädlich für das Wirtschaftswachstum. Länder mit einer geringeren Ungleichheit (nach Umverteilung) weisen im Durchschnitt ein höheres Wirtschaftswachstum aus.
  • Umverteilungsmassnahmen bremsen das Wachstum einer Wirtschaft für sich genommen nur unwesentlich.
  • Weil die Umverteilung zu einer weniger ungleichen Verteilung führt, ist der Gesamteffekt für das Wachstum positiv.
  • Länder mit grösserer Ungleichheit verteilen stärker um.

Die Studie hat untersucht, ob die Aussagen zur positiven Nettoeffekt von Umverteilungen auch gültig bleiben, wenn andere positive Einflussfaktoren auf das Wachstum mit berücksichtigt werden, wie ein Zuwachs an physischem und Human-Kaptital, die Qualität von Institutionen oder die Offenheit gegenüber dem Handel. Diese Einflussfaktoren führen nicht zu einem anderen Ergebnis in Bezug auf die Wirkung grösserer Gleichheit und von Umverteilung.

In der folgenden Grafik verdeutlichen die Autoren der IWF-Studie an einem Beispiel die Effekte:

WachstumseffektDie Grafik zeigt anhand einer vergleichbar gemachten Veränderung die Wirkung der Ungleichheit und der Umverteilung auf das durchschnittliche jährliche Wachstum in einer Fünfjahresperiode (vertikale Achse). (Für Freunde der Statistik: die hier betrachtete Veränderung ist eine Verschiebung vom 50. zum 60. Percentil in den betrachteten Verteilungen. Mehr dazu in der Studie Seite 17 und 18). Der Balken links zeigt, dass das Wachstum bei der genormten Erhöhung der Ungleichheit um 0,5 Prozent abnimmt. Zum mittleren Balken: Wird die Wirkung nur der Umverteilung auf das Wachstum betrachtet, zeigt sich kaum ein Einfluss, der zudem auch nicht statistisch signifikant ist (deshalb hellrot dargestellt). Der rechte Balken zeigt schliesslich den Gesamteffekt der durch die Umverteilung im Beispiel reduzierten Ungleichheit. Weil die Umverteilung selbst keinen Effekt hat, führt sie in diesem Beispiel durch die geringere Ungleichheit zu einem um 0,5 Prozent erhöhten durchschnittlichen Wachstum pro Kopf.

Die IWF-Ökonomen haben auch untersucht, wie Ungleichheit und Umverteilung die Dauer einer Wachstumsperiode beeinflussen. Die Ergebnisse:

  • Je höher die Ungleichheit (nach Umverteilung), je kürzer die Wachstumperioden und umgekehrt.
  • Die Umverteilung hat auch hier in den meisten Fällen keinen Einfluss auf das Wachstum, aber…
  • …wenn die Umverteilung extrem ist, dann zeigt sich ein negativer Effekt auf die Wachstumsdauer. Dieser Effekt ist sogar grösser als der positive Wachstumseffekt der resultierenden höheren Gleichheit. Allerdings sind auch hier die statistischen Resultate zum Umverteilungseffekt nicht statistisch signifikant.

Die Ergebnisse der Studie bedürfen ein paar Ergänzungen, auf die auch die Autoren selbst hinweisen:

  • Die Ergebnisse zeigen eine hoch aggregierte Makrosicht und sagen wenig über die konkreten Prozesse zum Beispiel der Art der Umverteilung: Eine Umverteilung kann je nach Ausgestaltung Fehlanreize fördern oder verhindern und damit unterschiedlich auf das langfristige Wachstum wirken. So sind positive Effekte leichter nachvollziehbar, wenn ein Verhalten höher belastet wird, das zu Risiken für die Gesamtgesellschaft führt (etwa im Finanzsektor). Im gleichen Sinn sind positive Steueranreize am ehesten sinnvoll, wenn sie wachstumsfördernde Tätigkeiten begünstigen. Ein Beispiel könnten sinnvoll ausgestaltete Steuerabzüge oder Zuschüsse etwa für die Elementarbildung für weniger Bemittelte sein.
  • Die Ergebnisse der Studie liefern kein abschliessendes Urteil zum Thema. Einerseits weil die betrachteten Daten (wie immer) nur ein beschränktes Datenset abdecken und weil auch die Geschichte lehrt, dass ab einer gewissen Schwelle eine extreme Umverteilung und Gleichmacherei keine positive Wirkung auf die Wirtschaftsentwicklung mehr haben wird.
  • In der Studie wurden nur direkte Umverteilungsmassnahmen wie Steuern und Subventionen betrachtet. Bezieht man auch Ausgaben mit einem Umverteilungseffekt wie staatliche Gelder für die Gesundheitsversorgung oder die Schulbildung mit ein, dürften die positiven Effekte noch grösser sein.

Bei allen Ergänzungen und verbleibenden Fragezeichen widerlegt die Studie  radikal die tief liegende klassische ökonomische Überzeugung, nach der eine Umverteilung dem wirtschaftlichen Wachstum schaden, selbst wenn sie aus politischen oder Gerechtigkeitsgründen erwünscht ist. In den Worten der Autoren:

«…for non-extreme redistributions, there is no evidence of any adverse direct effect. The average redistribution, and the associated reduction in inequality, is thus associated with higher and more durable growth.»

Kurz: Zwischen Umverteilung und Wachstum besteht kein zwingender Gegensatz. Extremfälle ausgenommen, fördert Umverteilung das Wachstum.