Der langsame Abschied vom Dollar

Noch keine Konkurrenz in Sicht: Der US-Dollar bleibt die Leitwährung. Foto: Keystone

Noch keine Konkurrenz in Sicht: Der US-Dollar bleibt die Leitwährung. Foto: Keystone

Wie lange wird der US-Dollar die Weltwährung Nummer eins bleiben? Die wirtschaftshistorische Forschung gibt dazu eine klare Antwort: Es hängt alles von der Konkurrenz ab. Wenn sich eine Alternative eröffnet, kann es schnell gehen. Der US-Dollar überholte das englische Pfund bereits in den 1920er-Jahren als Reservewährung (Artikel).

Nach der Einführung des Euro konnten wir eine ähnliche Entwicklung beobachten. Der Euro wurde schnell zu einer wichtigen Reservewährung. Der Dollar blieb zwar klar auf dem ersten Platz, aber man begann schon darüber zu diskutieren, wann der Euro den Dollar einholen würde (Artikel). Aus der Wirtschaftsgeschichte weiss man ferner, dass es problemlos zwei Weltwährungen geben kann.

Zur Zeit ist aber weit und breit keine Alternative sichtbar. Der Dollar dominiert wie eh und je. Der Euro wird in den nächsten zehn Jahren mit Problemen beladen sein. Auch der Renminbi wird sich in der näheren Zukunft nicht zu einer Weltwährung entwickeln. Ohne Zweifel, die chinesische Währung wird als Vehikelwährung für den internationalen Handel weiter an Bedeutung gewinnen. Aber der Weg zu einer frei eintauschbaren Währung ist noch weit. Die chinesische Führung hat andere, dringendere Aufgaben.

So wird sich der Abschied vom Dollar noch lange hinziehen. Aber er findet ohne Zweifel statt, an vielen Orten und auf verschiedene Weise.

Dazu ein aktuelles Beispiel: Lateinamerika. Neue Zahlen zeigen, dass die Abhängigkeit von der amerikanischen Währung deutlich abgenommen hat. Sowohl Kredite wie Anleihen werden zunehmend in einheimischer Währung vergeben. Die beiden folgenden Grafiken zeigen dies schön (Quelle: de la Torre, Levy Yeyati, Pienknagura, voxeu.org, 12. Januar 2014).

Die erste Grafik zeigt den Anteil der Dollarkredite in den verschiedenen Schwellenländern. In den sieben reichsten lateinamerikanischen Ländern ist der Anteil innerhalb von zehn Jahren von 45 auf 33 Prozent gesunken.

Die zweite Grafik zeigt den Anteil der Dollaranleihen. Wiederum zeigt der Trend klar nach unten.

Diese Entwicklung ist sehr erfreulich. Die langsame Abkoppelung vom Dollar im Finanzsektor zeigt, dass in Lateinamerika das Vertrauen in die eigenen Währungen stark zugenommen hat. Das ist alles andere als selbstverständlich in der Geschichte Lateinamerikas. In Argentinien sind die alten Inflationsgespenster wieder auferstanden.

Zweitens ermöglicht der Abbau der Dollarschulden mehr Autonomie in der Wirtschaftspolitik. In der Vergangenheit war es immer so, dass die Schulden der lateinamerikanischen Länder sofort in die Höhe schossen, wenn die Währung abgewertet wurde. Nun besteht diese Gefahr nicht mehr im selben Mass. Entsprechend haben einige lateinamerikanische Länder ihre fixe Bindung an den Dollar aufgegeben.

Anfangs der 1970er-Jahre, als die Abwertung des Dollars die Finanzmärkte verunsicherte, sagte US-Finanzminister Connally ohne mit der Wimper zu zucken: «It’s our currency, but it’s your problem.» Heute gilt das immer noch. Aber die zentrifugalen Kräfte sind unübersehbar.