1 : 0 für die Grossbanken

BANK FUER INTERNATIONALEN ZAHLUNGSAUSGLEICH, BIZ, TURM, TUERME, HOCHHAUS, HOCHHAEUSER, BAUM, BAEUME, WIESE, WIESEN,

Die Banken-Lobby bekämpft das Basel-III-Regelwerk: Hauptsitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, 23. März 2010. (Keystone/ Martin Rütschi)

Die Grossbanken haben einen weiteren Teilsieg errungen. Am vergangenen Sonntagabend publizierte der Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich eine Reihe von Präzisierungen für das Basel-III-Regelwerk, das Empfehlungen für die Kapitalstärke und die Liquiditätsausstattung grosser, systemrelevanter Banken abgibt.

Das Komitee hält an seiner Empfehlung fest, dass die Banken eine harte, nicht auf Risikogewichtung der Aktiven basierende Eigenkapitalquote (Leverage Ratio) von mindestens 3 Prozent halten sollten.

Das war an sich keine Überraschung. Doch in einem wichtigen Punkt sind die Regulatoren den Banken entgegengekommen: Sie erlauben es ihnen unter anderem, Derivatpositionen nur mit ihrem Nettowert in die Bilanzsumme einzurechnen. Dadurch kann die Bilanzsumme je nach Fall beträchtlich schrumpfen, das heisst, dass die Bank zur Erreichung der 3-Prozent-Marke auch weniger Eigenkapital benötigt.

Wir wollen an dieser Stelle nicht allzu sehr in die Details gehen. Meine Kollegen Clifford Padevit und Ruedi Keller haben die jüngsten Nachrichten aus Basel hier analysiert. Eingehender mit dem Thema Kapitalstärke und Leverage Ratio von Grossbanken haben wir uns unter anderem in diesem Blogbeitrag mit dem Titel «Voodoo in den Bankbilanzen» sowie in diesem und diesem Blogbeitrag auseinandergesetzt.

Wir wollen uns an dieser Stelle auf ein spezifisches Argument konzentrieren, das von den Banken immer wieder ins Feld geführt wird. Dies lautet ungefähr so: «Wenn die Regulatoren verlangen, dass wir mehr Eigenkapital halten, wird das zwangsläufig unsere Kreditvergabe einschränken und damit die Gesamtwirtschaft schwächen.»

Klingt irgendwie logisch. Aber stimmt es auch?

Ich habe bislang aus glaubwürdigen Quellen keinen Fetzen eines empirischen Beweises dafür gesehen.

Was jedoch existiert, sind Studien, die genau das Gegenteil beweisen.

Zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds haben vor wenigen Monaten dieses Working Paper mit dem Titel «Balance Sheet Strength and Bank Lending During the Global Financial Crisis» vorgelegt. Sie haben darin das Verhalten von mehr als 800 Banken in 55 Ländern vor, während und nach der Finanzkrise von 2008 analysiert und kommen zu einem eindeutigen Schluss: Die solide kapitalisierten Banken – also die mit mehr Eigenkapital – haben während der Finanzkrise ihre Kreditvergabe am wenigsten eingeschränkt. Die schwach kapitalisierten Banken dagegen haben während und nach der Zeit der akuten Krise ihre Kreditvergabe deutlich zurückgefahren.

Zwei Ökonomen der Federal Reserve Bank of Dallas – auch das eine glaubwürdige Quelle – doppelten vor wenigen Tagen mit diesem Arbeitspapier nach. Sie untersuchten spezifisch den amerikanischen Markt und kommen ebenfalls zu einem eindeutigen Schluss: Es waren die schwächsten Banken, die während der Krise ihre Kreditvergabe am stärksten einschränkten. Die solide kapitalisierten Banken konnten dagegen ihre für die Realwirtschaft wichtige Funktion der Kreditschöpfung deutlich besser aufrechterhalten.

Eindrücklich zeigt sich das in den folgenden zwei Grafiken (Quelle: Dallas Fed):

NMTM_Banks_Jan14

Obige Grafik zeigt die jährliche Veränderungsrate der Kreditschöpfung der US-Geschäftsbanken. Die rote Kurve steht für die zehn Prozent der Banken mit der schwächsten Eigenkapitaldecke. Die blaue Kurve steht für die Gruppe der zweitschwächsten Institute. Die grüne und die schwarze Kurve repräsentieren die 20 Prozent der Banken mit der solidesten Eigenkapitaldecke. Die schattierte Fläche markiert Rezessionen.

Es ist deutlich zu sehen, wie im Jahr 2008, dem Höhepunkt der Finanzkrise, die rote Kurve weitaus am stärksten abfällt und tief in den Minusbereich rutscht. Die am schwächsten kapitalisierten Banken haben während dieser Zeit ihr Kreditbuch massiv verkleinert.

Gleich sieht es bei den Spar- und Leihkassen aus, zu denen in Not geratene Institute wie Washington Mutual zählten:

NMTM_Banks_2_Jan14

Auch hier schränkten die schwächsten Glieder des Systems ihre Kreditvergabe am deutlichsten ein.

Beide Studien widerlegen das Argument der Banken klar: Eine solidere Eigenkapitaldecke führt nicht zu einer eingeschränkten Kreditvergabe. Das Gegenteil ist der Fall. Solide kapitalisierte Banken können ihren Dienst an der Realwirtschaft viel besser erfüllen und wirken in Krisenzeiten stabilisierend.

Wie gesagt: Ich habe bislang keinen empirischen Beweis für die Behauptung der Banken-Lobbyisten gesehen, wonach der Zwang zu höheren Eigenkapitalquoten die Kreditvergabe einschränke. Es ist erstaunlich, wie unkritisch viele Politiker – auch in der Schweiz – dieses Argument immer noch übernehmen.

And now for something completely different:

Sie erinnern sich an die letztwöchigen Welt-Trivia in 15 Grafiken mit der Trivia-Frage der Woche: In welchem Land wird in Litern gemessen mehr Whisky konsumiert als in allen anderen Ländern zusammen?

Zunächst eine Entschuldigung für die etwas unpräzise formulierte Frage: Die Rede war von Whisky, aber darunter war auch die irische und amerikanische Schreibweise «Whiskey» zu verstehen. Zudem war nie von Pro-Kopf-Konsum die Rede, sondern von der absoluten Menge in Litern. Viele Leserinnen und Leser haben sich in den Kommentarspalten sehr weitreichende Gedanken dazu gemacht.

Nun, zur Antwort der Frage: Indien.

In Indien werden offenbar jährlich rund 1400 Millionen Liter Whisky konsumiert, wie die Ökonomen von Goldman Sachs in dieser Grafik mit Verweis auf Daten von Euromonitor zeigen:

NMTM_Charts_Whisky

Der grösste Whisky-Produzent der Welt stammt übrigens ebenfalls aus Indien: UB India.

Hätte die Frage den Pro-Kopf-Konsum thematisiert, wäre Frankreich die richtige Antwort gewesen. Hier die Rangliste für alle Whisky- und Trivia-Liebhaber (Quelle: theatlantic.com):

NMTM_Banks_2_Whisky_Jan14

 

Hier noch zwei Links in eigener Sache:

  • Wer sich für die Finanzmärkte interessiert: Hier ein sehr lesenswertes Interview, das mein Kollege in New York, Christoph Gisiger, mit dem legendären US-Investor Jeffrey Gundlach geführt hat. Gundlach sieht eine neue Blase an den Aktienmärkten und vergleicht die Stimmung mit dem Tech-Boom Ende der Neunzigerjahre.
  • Und hier, als kleines Dessert für’s Wochenende, noch ein amüsantes Stück aus unserer «Chart des Tages»-Reihe auf fuw.ch: Mein Kollege Christoph Gisiger zeigt in diesem Beitrag die erstaunlich enge Korrelation zwischen der Grösse der Bilanz der US-Notenbank und der Anzahl Wörter, die die Fed-Verantwortlichen benötigen, um ihre Geldpolitik zu erklären.