Warum Bitcoin (noch) nicht als Geld funktioniert

Bitcoins, conceptual artwork

Bitcoin fehlt eine wesentliche Eigenschaft von echtem Geld: Visualisierung der Onlinewährung. (Keystone)

Der Wert von Bitcoin hat im laufenden Jahr dramatisch zugelegt. Das sieht vielleicht wie ein grosser Erfolg aus, ist in Wahrheit aber das grösste Problem für die virtuelle Währung im Sinne ihres Anspruchs.

Bitcoin-Freunde versprechen sich von dieser Währung in der Regel zwei wesentliche Vorteile: Sie sehen sie als angemessenes Tauschmittel für die digitale Welt und/oder sie betonen ihre Unabhängigkeit von Notenbanken, denen viele nicht mehr trauen. Tatsächlich macht die Entwicklung des Bitcoin-Werts die Währung allerdings zu einem schlechten Tauschmittel und eine fehlende Notenbank in ihrem Hintergrund verschärft das Problem.

Der Index von CoinDesk zeigt die Wertentwicklung von Bitcoin im laufenden Jahr:

Preisentwicklung

Für eine solche schnelle und starke Wertzunahme einer Währung gibt es einen Namen: Deflation. Die Definition von Deflation geht meist von den Preisen aus und bezeichnet eine Situation, wenn die Preise der Güter insgesamt sinken. Das ist aber dasselbe wie ein höherer Wert der Währung, der sich daran misst, wie viel man damit kaufen kann.

Die folgende Grafik aus einem Beitrag von «The Atlantic» mit dem gleichen Thema zeigt einen Konsumpreisindex gemessen an Bitcoin-Werten mit der Basis 100 im Januar 2013:

Bitcoin-PreisindexWenn der Wert der Währung stark steigt, bzw. wenn die Preise sinken, gibt man das Geld nach Möglichkeit nicht aus, denn das hat hohe Opportunitätskosten zur Folge: Hätte jemand mit Bitcoin zu Jahrebeginn zum Beispiel einen Laptop gekauft, dürfte er oder sie sich jetzt ärgern, denn Anfang Dezember hätte er mit den gleichen Bitcoin mehr als 80 davon kaufen können. Um diesen Faktor hat die Währung in den genannten 11 Monaten an Wert zugelegt. Das mag schön sein für jene, die an Bitcoin Geld (zum Beispiel in Dollar) verdient haben, aber als Mittel zum Tausch eignet sich das virtuelle Geld so nicht – und das ist die Kernfunktion von Geld.

Die geringe Bedeutung von Bitcoin als Geld – also zur Vermittlung des Güteraustausches – zeigt auch die folgende, dem Artikel «These Three Graphs Prove That Bitcoin Is a Speculative Bubble» entnommene Grafik:

Bitcoin-Transaktionen

Der Chart zeigt an, wie viele Transaktionen in Bitcoin täglich von Dezember 2012 bis Dezember 2013 pro Dollar Bitcoin-Marktkapitalisierung getätigt wurden. Neutralisiert man den verzerrenden Effekt der massiv gewachsenen Marktkapitalisierung von Bitcoin zeigt sich ein Rückgang der Transaktionen. Jason Kuznicki, der Autor des Beitrags, kommt zum Schluss, dass die neue Währung vor allem aus spekulativen Gründen gehortet wird. Ein – wenn auch nur ansatzweiser – Ersatz des Dollars (als Vertreter herkömmlicher Währungen) zeichnet sich nicht ab:

«The total value of bitcoin is going up, but it’s mostly getting parked rather than being put to work. Apparently there just aren’t a lot of appealing ways to spend bitcoin, anecdotal news stories to the contrary notwithstanding. Instead, an increasing amount of bitcoin’s putative value (as measured in USD) is being squirreled away by larger and larger miner-investors. It’s not fueling a diversifying, all-bitcoin economy: if it were, transactions would be keeping up with or even outpacing market cap, particularly if bitcoiners came to rely increasingly on bitcoins and decreasingly on dollars for day-to-day purchases. That’s very clearly not happening.»

Dass Geld gehortet und dem Kreislauf entzogen wird, liegt in der Logik einer Deflation. Deshalb ist eine hohe und rasche Deflation in der Regel eine Katastrophe: Die Wirtschaft bricht dramatisch ein und die Arbeitslosigkeit explodiert. Nicht nur der Konsum wird in der Hoffnung auf noch tiefere Preise verschoben, auch Investitionen fallen als Folge des steigenden Geldwerts aus – und damit der steigenden Realzinsen. Denn die Investitionen müssen Renditen generieren, die die Geldwertsteigerung übertreffen, sonst lohnt es sich eher, auf dem Geld sitzen zu bleiben. Und eine bestehende Schuldenlast wird in Kaufkraft gemessen drastisch zunehmen. Letzteres zeigt nochmals unser Beispiel von oben: Eine Schuld im Gegenwert von 1 Laptop zu Jahresbeginn 2013 ist bis Anfangs Dezember auf einen Gegenwert von 80 Laptops angestiegen. Zum Vergleich: Die grosse Depression war eine Deflationskrise. Doch selbst damals brachen die Preise nicht annähernd so stark ein wie im Fall des Bitcoin-Preisindexes in diesem Jahr.

Stellt sich sogleich die Frage, was die Wirtschaftspolitik denn tut, wenn bei gewöhnlichen Währungen eine Deflation droht: Hier kommen die Notenbanken ins Spiel. Ihr Auftrag besteht darin, die Inflation auf tiefem Niveau zu stabilisieren. Sie sollen also durch ihre Geldmengensteuerung sowohl eine galoppierende Delflation wie eine entsprechende Inflation verhindern. Das ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass sie den Wert des Geldes stabilisieren und bei einem drohenden gefährlichen Wertverlust (Inflation) oder einem entsprechenden Wertzuwachs (Deflation) Gegensteuer geben sollen.

Notenbanken waren keine Erfindung, die auf düstere Absichten zurückgeht, um redliche Bürger um ihre Ersparnisse zu bringen. Sie wurden geschaffen, um Krisen zu verhindern, die als Folge der heftigen Schwankungen beim Wert des Geldes zuvor immer wieder aufgetreten sind. Meist waren es Finanzkrisen, die Deflationskrisen vorangegangen sind. Und solche waren es vor allem, die für die Gründung der Notenbanken den Ausschlag gegeben haben. Das gilt ganz besonders für die US-Variante Fed, die aktuell ihren 100-jährigen Geburtstag feiert. Kollege Tobias Straumann liefert hier die Geschichte.

Dass Bitcoin unabhängig von Notenbanken oder anderen Institution ist, die ihren Wert stabilisieren könnten, ist daher kein Vorteil für diese Währung. Im Gegenteil: Um die Funktion als Geld ausüben zu können, ist auch sie auf Stabilität angewiesen.

Daran sind natürlich all jene nicht interessiert, die in der Währung vor allem ein Spekulationsobjekt sehen und auf einen höheren Wert setzen. Aber als Vermögensanlage eignet sich Bitcoin gerade auch deshalb besonders schlecht. Wenn die Wertsteigerung einzig auf der Hoffnung ihrer Fortsetzung basiert – Käufe erfolgen wegen der Annahme, zu einem höheren Preis dereinst wieder verkaufen zu können – ist das zentrale Kriterium einer Kursblase erfüllt. Ein fundamentaler oder innerer  Wert als Massstab wie bei anderen Anlagen ist überhaupt keiner auszumachen, denn Bitcoins generieren anders als zum Beispiel Aktien, Anleihen oder Immobilien keinen (erwartbaren und auf einen Gegewartswert diskontierbaren) Einkommensstrom.

Das trifft auch für Papiergeld zu, doch gesetzliche Regelungen und Notenbanken sichern ihre Verwendbarkeit ab.

Das heisst nicht, dass die virtuelle Währung dem Untergang geweiht ist. Ihr Nutzen liegt aber nur in der Chance, nachhaltig als Tauschmittel funktionieren zu können. Und gerade dem stehen die ausgeprägten Wertschwankungen bisher im Weg.