Vorsicht vor Griechen mit Primärüberschüssen

Proteste in Athen gegen Sparmassnahmen im öffentlichen Sektor, 6. November 2013. (EPA/Alexandros Vlachos)

Die Lage in Griechenland hat sich nicht wesentlich geändert: Proteste in Athen gegen Sparmassnahmen im öffentlichen Sektor, 6. November 2013. (EPA/Alexandros Vlachos)

Die Meldung ging am Donnerstag um die Welt: Griechenland hat in den ersten elf Monaten des laufenden Jahres im Staatshaushalt einen Primärüberschuss von 2,7 Milliarden Euro erzielt. Dies teilte der stellvertretende Finanzminister Christos Staikouras in Athen mit. Werden die (horrenden) Zinszahlungen ausgeklammert, hat der griechische Staat in den letzten elf Monaten also mehr eingenommen als ausgegeben und damit den seit mehreren Monaten vorherrschenden Trend bestätigt.

Na also, wer sagt’s denn. Wird nun alles gut?

Die Funktionäre in Brüssel und Frankfurt tun wohl gut daran, die Korken noch nicht knallen zu lassen. Es lässt sich nämlich die These aufstellen, dass  ein Primärüberschuss im Fall Griechenlands die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls (Default) nicht senkt, sondern sogar noch erhöht.

Hier zunächst fünf Zahlen, die zeigen, dass Griechenland auch nach bald vier Jahren brutalster Austeritätspolitik immer tiefer im Morast versinkt:

  • Einbruch der realen Wirtschaftsleistung seit 2008: mehr als 20 Prozent
  • Aktuelle Arbeitslosenquote: 27,3 Prozent
  • Aktuelle Jugendarbeitslosenrate: 58 Prozent
  • Aktueller Stand der Staatsschulden, in Prozent des Bruttoinlandprodukts: 175 Prozent
  • Aktuelle jährliche Deflationsrate: 2,9 Prozent (das ist der höchste je verzeichnete Wert in den vergangenen 15 Jahren)

Ich habe grosse Mühe, mir vorzustellen, wie es Griechenland schaffen soll, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen und dabei brav seine Zinsen zu zahlen und Schulden abzustottern.

Und das bringt uns zurück zum Primärüberschuss. Dieser bedeutet nämlich nichts anderes, als dass der Staat fähig ist, seine laufenden Ausgaben durch laufende Einnahmen zu decken und somit nicht mehr auf das Wohlwollen des internationalen Bondmarktes angewiesen ist. Das stärkt die Verhandlungsposition Athens, wenn es darum geht, eine weitere (dritte) Schuldenrestrukturierung durchzuführen.

Wie der Ökonom Benn Steil vom New Yorker Think Tank Council on Foreign Relations darlegt, haben Staaten in der Vergangenheit sehr oft kurz nach Erreichen eines Primärüberschusses beschlossen, ihre ausstehenden Schulden nicht mehr zu bedienen.

Die folgende Grafik veranschaulicht dies (Quelle: CFR):

NMTM_Griech_Dec13

Der obere Teil der Grafik zeigt die Primärdefizite und -Überschüsse von elf Staaten, die seit 1998 einen Default auf ihren Schulden verhängten. Der gelbe Diamant zeigt den Durchschnitt des Primärsaldos der elf Länder. In den Jahren vor dem Default lag die Primärbilanz in der Regel im Defizit, und das Jahr des Defaults war in der Regel das erste mit einem Primärüberschuss. Die Staaten wählten also ganz bewusst den Zeitpunkt, an dem sie für ihre laufenden Ausgaben nicht mehr auf neue Kapitalzuflüsse von Bond-Investoren angewiesen waren, für ihren Zahlungsausfall.

Der untere Teil der Grafik zeigt, dass Griechenland soeben diesen Punkt durchschritten hat.

Wetten, dass Griechenland im Jahr 2014 eine weitere Schuldenrestrukturierung erhalten wird?

Hier noch einige Links zum Wochenende:

  • Mein Kollege in New York, Christoph Gisiger, schreibt hier anlässlich des hundertjährigen Bestehens der US-Notenbank vom grössten geldpolitischen Experiment aller Zeiten. (Und hier der Zuger Hedge-Fund-Manger Felix Zulauf über die Verzerrungen, die die aktuelle Geldpolitik an den Finanzmärkten verursacht. Er spricht von der grössten Finanzmarktmanipulation der Geschichte.)
  • Der frühere IMF-Chefökonom Simon Johnson räumt in diesem No-Nonsense-Kommentar mit dem Irrglauben auf, dass mehr Regulierung der Grossbanken das Schattenbankensystem fördere.
  • Und wer sich für unsere Serie über die Altmeister der Ökonomie interessiert: Hier der zehnte Teil, über Frank H. Knight, den vergessenen Erforscher der Ungewissheit.