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Das Einmaleins der schädlichen Exportüberschüsse

Markus Diem Meier am Mittwoch den 6. November 2013
Formel

Die Nettoexporte entsprechen den volkswirtschaftlichen Ersparnissen abzüblich der Investitionen. Warum nur geht diese einfache Indentität in der Debatte über problematische Exportüberschüsse immer vergessen?

Die jüngste Kritik der USA in ihrem jüngsten Währungsbericht an den deutschen Exportüberschüssen hat wieder viel Staub aufgewirbelt, dabei geriet einiges durcheinander. Die Sache ist gar nicht so kompliziert.

Der letzte Woche publizierte halbjährlichen Bericht, den die US-Regierung zu potenziell schädlichen Währungsmanipulationen von Handelspartnern dem Parlament vorlegen muss, hat sich auch Deutschland vorgenommen. Die Kritik: Die Ausrichtung des Landes auf Exportüberschüsse schade einer nachhaltigen Erholung in der Eurozone und der Weltwirtschaft (hier eine Zusammenfassung). Die Empörung über die Amerikaner war erwartungsgemäss gross – vor allem in Deutschland.

Dabei enthält der Bericht nichts Neues. Der Internationale Währungsfonds kritisiert Deutschland aus dem gleichen Grund fast in jedem seiner Berichte. Dass die Ausrichtung einer Volkswirtschaft aus Handelsüberschüssen ganz generell problematisch ist, war auch schon Thema im Zusammenhang mit China, Japan oder mit historischer Perspektive selbst mit den USA, als diese vor der Weltwirtschaftskrise solche Überschüsse gegenüber den Europäern verzeichnet haben, was auf dem alten Kontinent immer wieder zu Währungskrisen geführt hat – dieses Buch von Liaquat Ahamed beschreibt diese Geschichte eindrücklich.

NMTM hat sich dem Thema der deutschen Exportüberschüsse schon oft gewidmet, zum Beispiel hier oder auch hier. Packen wirs daher heute mal ganz anders an, anhand sehr einfacher Identitäten. Das Argument, hinter dem Folgenden stecken anfechtbare Annahmen oder Theorien, funktioniert also nicht:

Hier die erste Identität:

Y = C + I + G + NX

Das ist die Darstellung der Gesamtwirtschaft: Y steht für das Gesamtprodukt einer Wirtschaft, das sich aufteilt auf den Konsum (C), die Investitionen (I), den Verbrauch des Staates (G) und die Nettoexporte (NX). Übertreffen die Exporte die Importe, ist NX positiv, sind die Importe grösser, ist NX negativ.

Der Erkenntnisgewinn für unser aktuelles Thema: Ein Nettoexportüberschuss  (bei gleich bleibenden Investitionen, Konsum- und Staatsausgaben) erhöht das Gesamtprodukt unserer Volkswirtschaft: Ein Teil der Mehrproduktion wird im Ausland verzehrt. Die Arbeitslosigkeit nimmt ab. Die gegenteilige Wirkung hat ein Nettoimportüberschuss. Auch wenn im Inland gleich viel verbraucht wird, wie ohne diesen, geht die inländische Produktion auf Kosten der ausländischen zurück und die Arbeitslosigkeit nimmt dadurch zu.

Schauen wir uns nun die Identität der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis einer Volkswirtschaft an:

 S = Y – C – G

Das ist ganz einfach die Gesamtproduktion (Y) abzüglich das, was im Inland nicht durch den Konsum (C) oder den Staat (G) verbraucht wurde. Die volkswirtschaftliche Ersparnis ist also nicht einfach das, was die Sparer auf die Seite legen.

Nun bauen wir die erste Identität Y = C + I + G + NX leicht um: Wenn wir auf beiden Seiten des Gleichzeichens den Kosum (C) und den staatlichen Verbrauch (G) abziehen, erhalten wir:

Y – C – G = I + NX

Von Y – C – G wissen wir bereits, dass es die gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse (S) sind. Das führt zu folgender Identität:

S = I + NX

Investitionen (I) und Nettoexportüberschüsse (NX) sind also für ein Land nur genau in dem Umfang möglich, wie es auf staatlichen (G) oder privaten Konsum (C) verzichtet, das heisst, wie es volkswirtschaftliche Ersparnisse (S) bildet. Das gilt ganz unabhängig von der Produktivität oder Moral in einer Volkswirtschaft.

Nun ziehen wir in der vorherigen Identität auf beiden Seiten des Gleichzeichens die Investitionen (I) ab und erhalten so eine Identität nur für die Nettoexporte:

NX = S – I

Nettoexportüberschüsse (NX) erfordern also, dass die Ersparnisse (der Verzicht an privatem und staatlichem Konsum) grösser sind als die Investitionen. Anders ausgedrückt, je höher die inländischen Investitionen sind, desto geringer sind bei die Nettoexporte.

Was lässt sich aus den obigen Identitäten mit Bezug auf die Debatte über die Aussenhandelsüberschüsse zum Beispiel von Deutschland folgern?

  • Exportüberschüssen stehen immer Importüberschüsse (bzw. Leistungsbilanzdefizite) anderer Länder gegenüber.
  • Leistungsbilanzdefizite bedeuten für die betroffenen Länder eine geringere Nachfrage nach der inländischen Produktion zugunsten jener der Länder mit Exportüberschüssen und damit eine höhere Arbeitslosigkeit. Verhindert werden kann die höhere Arbeitslosigkeit nur, wenn eine gesteigerte Nachfrage durch eine steigende private und öffentliche Verschuldung zu einem übermässigen und nicht nachhaltigen Wachstum führt.
  • Exportüberschüsse widerspiegeln eine ungenügende Binnennachfrage.
  • Den Bewohnern eines Landes mit Exportüberschüssen kommen nicht alle Früchte ihrer Arbeit zugute.
  • Exportüberschüsse sind nicht Ausdruck einer besonderen Leistungsfähigkeit oder Produktivität der Unternehmen eines Landes.
  • Die Leistungsfähigkeit ist zentral für die Wettbewerbsfähigkeit, was die Exporte erhöhen kann. Überschüsse sind aber nicht die Konsequenz der Leistungsfähigkeit, sondern des Umstands, dass deren Früchte unzureichend den Konsumenten im Inland zugute kommen.
  • Exportüberschüsse sind kein Hinweis auf den Vorteil des internationalen Handels bzw. komparativer Kostenvorteile, wie das Beat Kappeler absurderweise in seiner Kolummne in der NZZ am Sonntag suggeriert hat. Der Vorteil des Internationalen Handels gemäss dieser auf David Ricardo zurückgehenden Theorie liegt in der Konzentration jedes Landes auf jene Bereiche, in denen es (relativ zu anderen Bereichen) am produktivsten ist. Aber der Zweck des Handels ist immer, etwas für das Verkaufte einzutauschen und nicht, Devisen durch Exportüberschüsse anzusammeln, und dadurch das Ausland mit Krediten zu versorgen.

Nochmals: Das ist alles aus einfachen Identitäten abgeleitet. Die Prozesse, die sie herbeiführen sind komplex – das geschieht über Währungs-, Preis-, Lohn- oder Zinsänderungen – und man kann sich darüber streiten, welcher Faktor nun genau welchen Einfluss hat. An den Identitäten selbst aber ändert das nichts.

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52 Kommentare zu “Das Einmaleins der schädlichen Exportüberschüsse”

  1. […] für diese können die Peripherieländer unmöglich alleine verantwortlich sein. Es liegt in der simplen Logik jeder Aussenwirtschaftsbilanz, dass Importüberschüsse ohne entsprechende Überschüsse beim Kapitalimport gar nicht möglich […]

  2. […] den Exporten angesichts einer schwachen Binnenkonjunktur nur ungenügende Importe gegenüberstehen (Hier etwas Theorie dazu). Das Wachstum in Europa bleibt auch so noch überraschend tief, wie die jüngsten Zahlen zeigen. […]

  3. ast sagt:

    “Exportüberschüsse widerspiegeln eine ungenügende Binnennachfrage.”

    In Deutschland stagniert die Binnenachfrage seit vielen Jahren, analog zur mageren Entwicklung der Nettolöhne.

    Der Unterschied zur Schweiz ist, dass den Leuten hier offenbar die hohe Anzahl sozial Schwacher wie den weggesparten Behinderten und Langzeit-Arbeitsloser (inzwischen ca. 23% aller Arbeitslosen) etwas weniger auffällt als den Deutschen, was vermutlich mit der Mentalität der Schweizer zu tun hat. Die Armutsgefährdung in der Schweiz beträgt im Mittel über 12% der Bevölkerung (Quelle Bundesamt für Statistik). Diese Quote unterscheidet sich kaum von Deutschland, wo die Quote wegen Ostdeutschland im Schnittt 15% erreicht.

  4. Karl-Peter Conrads sagt:

    Deutschland seine Exportüberschüsse vorzuwerfen, scheint mir vergleichbar mit dem Vorwurf ggü. Usain Bolt, er laufe einfach zu schnell.
    Aber Formeln gibt es für Alles.

  5. Beat S. Eberle sagt:

    1. Inwieweit unterscheidet sich in dieser Fragestellung die Schweiz von Deutschland? Hat die Schweiz nicht auch Nettoexportüberschüsse? Sind die pro Kopf nicht vergleichbar mit denen Deutschlands?

    2. Falls die Folgerungen im Artikel stimmen, so sollten doch dann auch die Umkehrung stimmen, oder?
    – “Den Bewohnern eines Landes mit IMPORT-Überschüssen kommen MEHR Früchte zugute als sie erarbeitet haben.”
    Da liegt doch die Schlussfolgerung nahe, dass in diesen Ländern mehr gearbeitet und weniger konsumiert werden müsste… Darf man das so stehen lassen? Ist das so (politisch und ökonomisch) korrekt?

    • Johnny Smith sagt:

      Danke, Herr Eberle. Ökonomisch mindestens so korrekt wie MDMs Aussage, Länder mit Exportüberschüssen sollten mehr konsumieren. Die ‘Political correctness’ Ihrer Aussage ist heutzutage wohl leider nicht gegeben, was absolut nicht gegen Ihre Aussage, sehr wohl aber gegen die heutige Diskussionskultur und den Missbrauch der politischen Korrektheit als Tabumacher spricht.

  6. […] Das Einmaleins der schädlichen Exportüberschüsse […]

  7. Bernie Graezer sagt:

    Klassische VWL für nicht-klassischen Wirtschaftsraum. Hr. MDM hat hier schon auf die Trilemmata hingewiesen. Wenn die Politik diese nicht lösen kann/will geht der Euroraum wohl vor die Hunde. Wenn sich USA so verhalten würde, müssten die längst einen Süd-$ einführen. Folglich kann die EU eigentlich nur den NX von D expropriieren über EZB oder Transfers, was einmal von den Alliierten als indirekte Kriegsschuldbegleichung vorgesehen war. Aber haben NL, SUO und andere NX-Länder WWII auch angefangen und verloren und warum sollen S und P davon profitieren obwohl sie am WWII nicht beteiligt waren? Kommt die EU aus diesem Murks heraus oder kann sie den Historizismus überwinden oder wird weiter gewurstelt bis zum Knall?

  8. Baer sagt:

    Zu diesem Punkt braucht es Klarifizierung: “Leistungsbilanzdefizite bedeuten für die betroffenen Länder eine geringere Nachfrage nach der inländischen Produktion zugunsten jener der Länder mit Exportüberschüssen und damit eine höhere Arbeitslosigkeit.” Nehmen wir an, in einem Land A wurden 100 Einheiten Output produziert und gelagert, und dementsprechend existieren 100 Einheiten Einkommen in der Form von Bankdepots auf der Passivseite des Bankensystems. Nun kaufen die Bewohner dieses Landes A Güter und Dienstleistungen aus dem Ausland für genau 100 Einheiten Währung A. Kann man nun sagen, Einkommen fliesst aus Land A ab? Leider ist die Realität nicht so mechanisch. Die gesamten 100 Einheiten Einkommen bleiben notwendigerweise gespeichert auf der Passivseite des Bankensystems des importierenden Landes A. Es werden gleichzeitig Ansprüche auf diese Bankdepots exportiert ins Ausland. Im Bankensystem des Auslands sind diese Ansprüche nun registriert auf der Aktivseite als Kredite (bei Geschäftsbanken) resp. Währungsreserven (bei Zentralbanken). Es ist also nicht so, dass Einkommen abfliesst; es wird lediglich das Eigentumsrecht an diesem Einkommen übertragen. Dementsprechend bleiben die 100 Einheiten Output im Land A, und das Ausland besitzt nun die Kaufkraft über diesen Output. Diese Verdoppelung der Bankdepots wurde in den 1960er Jahren von französichen Ökonom Jacques Rueff zuerst erkannt.

    • Oliver sagt:

      Ich habe das so gelernt:
      Zuerst einmal haben ausländische Firmen, die die Ware an Land A verkauft haben, einfach ein Guthaben in Land A in Währung A. Erst wenn sie sich entscheiden, kein Gegengeschäft in Land A zu tätigen, also dieses Guthaben nicht für Waren aus Land A auszugeben, gehen sie zu ihrer Bank und verlangen ein entsprechendes Guthaben in Land B und Währung B. (Wie das in der EU läuft, weiss ich grad nicht). Nun hat Geschäftsbank B ein Aktivum in Fremdwährung A und ein entsprechendes Passivum zuzügl. Währungsrisiko in Währung B. Dieses ausländische Aktivum kann sie nun bei der eigenen Zentralbank gegen inländische Aktiven (Reserven) eintauschen. Die ZB im Land B legt dann die Fremdwährungsreserven vornehmlich in Staatsanleihen A an und ‘finanziert’ damit dessen Leistungsbilanzdefizit via Staatsverschuldung.

      Die Verdopplung (ich würde sagen Bilanzverlängerung) des Exporteurs, passiert also m.E. nicht automatisch, sondern ist an den aktiven Entscheid von Firmen in Land B gekoppelt, nicht weiter in Land A bzw. Währung A geschäften zu wollen. In diesem Sinne stellt Import einen nicht vollzogenen Konsum oder eine nicht vollzogene Investition für das importierende Land dar, in Keynesianischer Sprache ein demand leakage.

    • Urs Lehmann sagt:

      Ich verstehe den zitierten Teil folgendermassen:
      Szenario a) Produktion von 100 Einheiten xy im Land A, Verbrauch innerhalb Land A => ausgeglichene Leistungsbilanz (LB)
      Szenario b) Produktion von 100 Einheiten xy im Land A, Export nach und Verbrauch in Land B => LB-Überschuss für A, LB-Defizit in B. Zusätzlich heisst das, dass die Arbeitsmärkte in A stärker ausgelastet sind als wenn die 100 xy in einem anderen Land B produziert würden, und umgekehrt geringere Auslastung in Land B, mithin tiefere Arbeitslosigkeit in Land A und höhere in Land B.

  9. Manfred Grieshaber sagt:

    Man hat sich in Deutschland auf die Bedingungen der WTO-Verträge bestens eingestellt. Seit 1995 sind Subventionen in Form von DIrektzahlungen verboten. Weil die Exportindustrie und ihre Zulieferer sehr viel Energie verbrauchen hat man in D Sondertarife für diese Industrien eingeführt. Im Verhältnis zu Privathaushalten bezahlt die Industrie einen extrem niedrigen KW/h-Preis. In D sind im Verhältnis zu den Salären die Lebenshaltungskosten sehr niedrig. Was bekommt ein Arbeitnehmer nicht alles an staatlich finanzierten Zuwendungen: 1 KK-Prämie für die ganze Familie, 2 Jahre bezahlten Erziehungsurlaub für jedes Kind, kostenlose KITA-Plätze und vieles mehr. Dazu kommen die aus EU-Töpfen subventionierten Lebensmittel. All das macht das relativ niedrige Lohnniveau in D möglich. Deutschland bildet mit China ein Art Symbiose. Die Konsumgüterproduktion wurde von D nach China verlegt. D importiert günstige Waren von dort. China braucht aber zur Konsumgüterproduktion deutsche Industrieanlagen, Werkzeugmaschinen etc.. Die negative Handelsbilanz mit China gleicht D durch seinen Export in die EU und in die Staaten des amerik. Kontinents aus. Problematisch wird der D-Exportüberschuss vor allem für Staaten außerhalb der EU, allen voran für die USA. Denn diese Länder können sich Subventionen wie es sie in D gibt schon lange nicht mehr leisten. Deshalb haben diese Staaten nur wenig Chancen der D-Industrie Marktanteile streitig zu machen.

    • Zlatko Jukic sagt:

      Genau das werden die Schweizer nie begreifen: In Deutschland kann man mit (relativ) niedrigen Einkommen ein gutes Leben führen. Die Mieten sind niedrig, die Lebensmittel günstig, die Freizeitgestaltung billig und die staatliche Versorgung sehr gut (Krankheitskosten usw). Das gilt auch für Kindergärten und den öffentlichen Verkehr.

      Nach Kaufkraftparitäten liegt Deutschland nicht weit hinter der Schweiz. Dafür sind die Arbeitszeiten in Deutschland geringer und familienfreundlicher.

      Die Schweizer arbeiten viel und schaffen es trotzdem kaum, eine Familie mit Würde durchzubringen.

  10. Zlatko Jukic sagt:

    Die Leistungsüberschüsse der Schweiz und der Niederlande liegen 2012 bei 135 Mrd. CHF:
    Schweiz 66 Mrd. CHF und Niederlande 69 Mrd. CHF.
    Zusammen ergibt das 65 % des deutschen Überschusses von 205 Mrd. CHF. Bei nur 31 % der Bevölkerung!

    Am effektivsten für den Abbau der Ungleichgewichte ist es also, wenn die Schweiz und die Niederlande ihre Exportmaschinerien drosseln. Dann ist schon ein Grossteil der Probleme von USA, IWF und EU erledigt.

    Das ist doch ein perfekter Vorschlag, nicht? Vor allem kann die Schweiz dann gleich bei sich selbst anfangen.

  11. Martin Holzherr sagt:

    Auch wenn man geteilter Meinung sein kann über Deutschlands Exportüberschuss: Deutschland müsste auf jeden Fall mehr investieren. Zuerst einmal in die eigene Infrastruktur. Da besteht Handlungsbedarf. Und das Geld dafür wäre ja durch die Exporterlöse vorhanden. Warum passiert das nicht? Vielleicht liegt der Grund darin, dass Deutschlands Politiker bereits die zu erwartenden Kreditausfälle in Ländern wie Spanien, Italien, Portugal in ihre Kalkulation einbeziehen und deshalb keine “unnötigen” Ausgaben tätigen wollen.

  12. Hans Ernst sagt:

    Überlegt man sich das ganze einmal in Ruhe, ist die Erklärung für die Exportüberschüsse in Deutschland sehr schnell gefunden: Sie sind einzig und alleine eine Folge der Konstruktion des Euro. Es geschieht hier Bilderbuchmässig, was nach der Einführung einer Währungunion, die wie der Euro aufgebaut ist, geschehen muss: Eine Währungsunion führt immer dazu, dass die Währung für die einen beteiligten Länder zu tief und für die andern zu hoch ist. Da wo sie zu tief ist, entsteht ein ungesunder Boom, da wo sie zu hoch ist eine Wirtschaftsflaute. Solche Effekte können nur ausbleiben, wenn massive Ausgleichszahlungen/Subventionen von Seiten der profitierenden Ländern erfolgen. Andernfalls hat eine Währungsunion nach ihrer Einführung irgendwann massivste und schmerzhafteste Einflüsse auf die beteiligten Ländern. Deren Wirtschaft muss völlig noch strukturiert werden, wobei das mit massiver Arbeitslosigkeit, Schliessung ganzer Branchen, Verarmung von Regionen usw. verbunden ist. Erst nach vielleicht 20-30 Jahren wird sich solch eine Union dann in ein neues Gleichgewicht einfinden, wobei vorher ein Trümmerfeld hinterlassen wurde.

  13. Reto Stadelman sagt:

    Ganz ehrlich, diese Erklärung war nicht nötig. Gut gemeint, aber dass können sich die meisten vorstellen. Ein Land sollte weder zu viel importieren noch zu viel exportieren. Wobei die Amis ihr Maul halten sollten. Denn ihre Volkswirtschaft ist um einiges grösser als die von Deutschland. Dem entsprechen ist das enorme Leistungsbilanzdefizit der Amis viel gefährlicher als der deutsche Exportwahn. Damit das Verhalten von Deutschland so gefährlich ist wie das der USA müssten die Deutschen noch um einiges mehr exportieren.

  14. TK sagt:

    Die Argumentation finde ich nachvollziehbar, ob die Schlussfolgerungen aber richtig sind, bezweifel ich. Es ist ein bisschen wie die Henne/Ei-Diskussion. Es wird gesagt, dass Exportüberschüsse eine ungenügende Binnennachfrage widerspiegeln. Ist es aber nicht so, dass eine zu große externe Nachfrage aus dem Ausland nach qualitativ hochwertigen Produkten ursächlich für den Exportüberschuss verantwortlich ist? Innerhalb der Eurozone gibt es nach Einführung des Euros keinen Ausgleichsmechanismus mehr. Exportstarke Länder können Ihre Währungen nicht mehr weiter aufwerten, exportschwache Länder ihre nicht mehr abwerten. Hätten wir starken Aufwertungsdruck einer DM, dann würden die Preise für Ausländer steigen und irgendwann automatisch zu geringerer Nachfrage führen! Hohe Leistungsbilanzüberschüsse oder -defizite sind letztendlich nur Ausdruck des Grades einer Inhomogenität von Wirtschaftsräumen, oder?

  15. RobertSchuman sagt:

    Natürlich gelten die rechnerischen Identitäten. Aber das Thema ist eben doch komplexer: Länder wie die USA greifen eine demographische Rente ab in dem sie durch Bevölkerungswachstum aus Zuwanderung wachsen können und dabei hohe Defizite verkraften können. In Deutschland muss bereits mehr gespart werden (auch mit Kapitalexport ins Ausland) um den demogrpahischen Malus wettzumachen.
    Die Schweiz hat übrigens beides: Eine demogrpahischen Rente aus der Einwanderung von grösstenteils auch noch Personen mit substantiellen Ersparnissen UND einen hohen Exportüberschuss.

    Ausserdem stellt sich de Frage ob Deutschland den Exportüberschuss mehr verursacht hat als die USA ihr Defizit. Es ist äusserst geschickt von den USA in die Defizitländer zu verurteilen während man Überschüsse erzielt und danach den Spiess umzukehren.

    Die deutschen Überschüsse werden auch wieder sinken wenn die asiatischen Länder ihren grössten Bedarf an deutschen Maschinen, Chemikalien, Autos und Elektrotechnik gedeckt haben. Es handelt sich beim deutschen Exportüberschuss nämlich um ein hauptsächlich durch Asien und andere Emerging Markets beeinflusstes Phänomen.

  16. Ingo Nimbus sagt:

    Ein wenig erinnert mich die Betrachtungsweise im Blog an den Satz eines asiatischen Geschäftsfreundes: “Aus 12.000m Höhe sind alle Berge gleich hoch”. Zum einem bedeuten höhere Ausgaben im Inland ja nicht notwendig eine Zunahme der Importe oder eine Abnahme der Exporte. Zum Zweiten wirken sich die Importüberschüsse (Anm: Schweizer Exportüberschuß/Kopf der Bevölkerung > D) nicht nur auf den EU-Raum aus. Ein Großteil der deutschen Außenhandelsstärke liegt in hausgemachten Problemen der Importüberschußländer. Hier wurde oft die Güterproduktion zugunsten des Dienstleistungssektors dramatisch umgeschichtet. Das hat erhebliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Wettbewerbsfähigkeit von Produkten auf den Weltmarkt. In der Folge konkurriert dann z.B. die City of London mit deutschen oder schweizer Maschinenbauern. Wer das Innenleben von Fabriken in den USA kennt – soweit sie nicht von europäischen oder japanischen Firmen betrieben werden – wundert sich nicht über die hohe Arbeitslosenquote und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Silicon Valley generiert jedenfalls kaum Arbeitsplätze für Arbeiter und Angestellte. F leidet sicher an den industriellen Staatsbeteiligungen die einerseits die Großindustrie einseitig fördern und andererseits oftmals verhindert das sich Unternehmen technisch und wirtschaftlich zeitgemäß optimieren. Es fehlt jedenfalls allenthalben an mittelständischer Wirtschaft.

    • Josef Marti sagt:

      Bestätigt alles ausnahmslos den Erfolg des dualen Bildungssystems in Ländern wie CH, A, D, NL , DK. – UK setzt einseitig auf den Finanzplatz unter Vernachlässigung der Realwirtschaft. In den USA gibt es 5-10% Gebildete und 90% Analphabeten, trotzdem schaffen es die USA seit 60 Jahren immer wieder ihre Inflation auf die restliche Welt abzuladen und immer wieder mal einen Schuldenerlass zu bekommen; $ Kurs 1970 Fr. 4.40, heute Fr. 0,91.

  17. Peter E. M. Schudel sagt:

    Wenn wir die ganze Ökonomie zusammenschrumpfen, kommt immer wieder das Gleiche dabei raus: Das einzige Ziel, welches die Politik haben muss, ist die Ausrottung der Armut und dies unabhängig der politischen Ausrichtung. Das hat nichts mit Sozialismus, sondern mit christlichem Gedankengut zu tun. Am Sonntag brav in die Kirche und am Montag wieder den Gierigen raushängen. Das ist unsere christliche Religion (keine Angst, die Atheisten kommen dabei auch nicht besser weg, aber einfach ohne Gottesdienst). In diesem so reichen Europa ist es uns nicht gelungen, und es sieht auch nicht nach einer Besserung aus, die Armut neidlos zu eliminieren, im Gegenteil, die Umverteilung von unten nach oben nimmt immer mehr dramatische Formen an. Die Schweiz hat mit der 1:12-Initiative und dem Grundeinkommen für Alle die historisch einmalige Chance, endlich effektiv Gegensteuer zu geben und etwas sozialen Frieden zu stiften. Wir sollten die Chance nutzen und uns wieder auf unsere Wurzeln besinnen. Wir besitzen die einzige Demokratie der Welt und haben damit die Instrumente für eine gerechtere Zukunft selbst in der Hand. Wenn ein westliches Land je die Armut besiegen kann, dann wir. Packen wirs an, es gibt viel zu tun…!!!

  18. Uwe Müller sagt:

    “Exportüberschüsse sind nicht Ausdruck einer besonderen Leistungsfähigkeit oder Produktivität der Unternehmen eines Landes.”

    Ja aber selbstverständlich sind Exportüberschüsse ein Ausdruck relativer Überlegenheit der Wettbewerbsfähigkeit. Wieso kaufen denn griechische Konsumenten holländische Tomaten?
    Nicht weil sie so großartige Europäer sein wollen, sondern weil holländische Tomaten schlicht billiger als griechische sind, und dies, weil sie produktiver hergestellt werden, als jene in Griechenland.

    Das daraus resultierende Defizit in der Agrarbilanz GR ist also direkt auf mangelnde Wettbewerbsfähigkeit GR bzw. die relativ höhere Wettbewerbsfähigkeit NL zurückzuführen.

    Diese Beispiel läßt sich beliebig übertragen auf Maschinen, Pharma, Autos, egal was die Welt bewegt.

    Nur ein höherer €-Kurs würden die Exporte schlagartig dämpfen und die Defizite abbauen. Am Zerfall der €-Zone geht im Prinzip kein Weg vorbei. Früher oder später.

    • Martin Holzherr sagt:

      Sogar Mario Draghi ist hier gleicher Meinung wie sie. In Spiegel Online liest man dazu:

      EZB-Chef Mario Draghi nahm Deutschland am Donnerstag gegen Kritik an den massiven Exportüberschüssen in Schutz. Es sei zwar wichtig, Ungleichgewichte in der Euro-Zone zu überwinden, betonte Draghi auf dem Wirtschaftsforum der “Zeit”.

      Doch es sei der falsche Ansatz, die schwächeren Volkswirtschaften der Euro-Zone durch eine Schwächung des stärksten Partners robuster zu machen. “Wir müssen sicherstellen, dass die anderen Staaten ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, damit sie so wettbewerbsfähig werden wie Deutschland”, betonte Draghi.

  19. Anh Toan sagt:

    Ganz grundsätzlich frage ich mich, ob statt über die Deutschen Exportüberschüsse nicht besser über die (negative) Handelsbilanz des Euroraumes geredet wird: (Im Ergebnis lande ich dann vielleicht sogar bei @Baer, dessen Groupie ich gerne wär’)

    Währungen (Wechselkurse / Zinsen) haben einen wesentlichen Einfluss auf Handelsströme, und bei jeder “Nachricht” ist doch das wichtigste, warum wird mir gerade das erzählt, und nicht über etwas anderes geredet. (Nicht NMTM aber die USA)

    Wieviele Teile in deutschen Autos kommen aus Italien? Was passiert damit in den Handelsbilanzzahlen?

  20. H.Trickler sagt:

    Nebst den Formeln viel wichtiger schiene mir die Frage, aus welchen edlen Motiven USA und IWF so gerne Deutschland an den Pranger stellen?

  21. Peter E. M. Schudel sagt:

    Machen wir aus dem Komplizierten ein Einfaches: Die Binnenmarkt-Nachfrage ist in Deutschland auf dem Niveau von der Sahelzone… Über 20% Armut, weitere 20% Altersarmut (rasant steigend), 23% Kinderarmut (Berlin 43%). Das ist der Preis für den “Exportweltmeister”…!!! Die Hungerlöhne in Deutschland bluten dieses Land kontinuierlich aus und darf als komplettes Versagen sämtlicher Regierungen seit den 70er-Jahren bezeichnet werden. Speziell die Parteien mit dem Zusatz “CHRISTLICH” dürfen als sogenannte Sklaventreiber bezeichnet werden. Der jetzt zur Debatte stehende Mindestlohn von € 8.50 führt direkt in die Armut, denn neueste Studien sagen, dass ein Mindestlohn von € 10.– noch in die Armut führt. Ich frage mich auch, wie es in den USA weitergehen soll, bei dieser riesigen Armut. Früher oder später wird es zu Volksaufständen kommen und dann brennt die Hütte, aber richtig…!!! Dasselbe droht uns in Europa, denn als erstes werden immer die Sozialleistungen gekappt und das führt, über kurz oder lang, zu blutigen Strassenschlachten. Doch diesmal werden die Villenviertel brennen und die Reichen werden einen hohen Preis für ihre ewige Gier zahlen müssen…

    • Willkommen im Neoliberalismus, eine unendlich dumme Ideologie, denn wenn der Mittelstand nichts mehr verdient, wer soll denn den ganzen Müll kaufen und damit den Unternehmen jene Profite verschaffen, die Reiche immer reicher und noch reicher machen sollen?

  22. Holzherr Martin sagt:

    Wenn die Existenz von Exportüberschüssen nur eine Frage von Gleichungen wäre, wäre das Problem ja einfach lösbar. Einfach ein paar Terme anders setzen, schon ist alles in Butter. Doch so ist das nicht. Das Exportieren steckt den Deutschen in den Genen, das können sie nicht einfach aufgrund einer abstrakten Überlegung ändern. Exportüberschüsse hatten die Deutschen vor dem 1. Weltkrieg, nach dem 1. Weltkrieg und während dem grössten Teil der Nachkriegszeit.

    Doch ich behaupte, gerade in einer neuen politischen Einheit, die die Euro-Zone ja darstellt, sind Exportüberschüsse eines Euro-Mitglieds weit weniger ein Problem als früher. Wenn wir die Euro-Zone als Währungszone mit dem Dollarraum oder enger noch mit den USA vergleichen, dann stellen wir fest, dass auch in den USA (oder in der Schweiz) nur einige wenige Gliedstaaten gross exportieren. Wir reden vom Export- oder Importüberschuss der USA und nicht vom Exportüberschuss Kaliforniens. Übertragen auf die Eurozone stellen wir fest, dass sie insgesamt etwa gleich viel exportiert wie importiert. Der wichtigste Exporteur ist dabei Deutschland. Doch ohne die Exportleistung Deutschlands würde die Eurozone mehr importieren als exportieren. Offensichtlich gibt es in einer Wärhungszone eine natürliche Tendenz zur wirtschaftlichen Differenzierung. Der US-Bundesstaat Arkansas ist z.B. bekannt für seine grossen Kürbisse, sonst aber für wenig. Viele europäischen Staaten haben ihre Rolle innerhalb der Eurozone noch zu finden.

  23. Josef Marti sagt:

    Leistungsfähigkeit und Produktivität hängen aber auch vom Umfang des Bildungswesens und Humankapital ab. Nur unter diesen Voraussetzungen können die nachgefragten und begehrten hochtechnologischen Güter und Nischenprodukte erstellt werden. Das führt bei Ländern wie CH und Japan zu Exportüberschüssen. Auf der anderen Seite können jedoch Überschüsse ohne nennenswerte Produktivität entstehen bei Rohstoffen wie zB im Falle der Saudis; in diesem Fall stimmt die These, dass keine besondere Leistungsfähigkeit nötig ist.
    Dass im Falle von D ein grosser Investitionsrückstau im Inland (zerfallende Strassen, in den Kindergärten regnets rein) sowie flache Binnenkonjunktur besteht, wurde schon mehrfach diskutiert und dürfte unbestritten sein.

  24. markus gerat sagt:

    jetzt kommt der wichtigste punkt: merkel interessiert das keinen halben meter. die wird auf exportweltmeister pochen, selbst wenn die eurozone untergeht.

  25. Baer sagt:

    NX=S-I (resp. LBÜ = S-I) geht auf Sidney Alexanders “Absorption approach” (1952) zurück und ist heute allgemein anerkannt, aber nicht mehr konsistent mit dem Balance-of-Payments Manual vom IMF (z.B. 1993, 2009). Dort steht, dass ein Leistungsbilanzüberschuss (LBÜ) zur Zunahme von Fremdwährungen führt. Diese Zunahme stellt für den IMF eine Investition des Überschusslandes dar: Die Netto-Zahlung aus dem Ausland wird in ein fremdes Bankdepot investiert. Das bedeutet, dass die Ersparnisse im exportierenden Land wohl zunehmen, diese internationalen Ersparnisse werden aber sofort und mechanisch wieder investiert in internationale Währungen. Im Fall von Deutschland sind dies vor allem Investitionen in TARGET2-Guthaben gegenüber dem europäischen Ausland. Somit kann nicht mehr gesagt werden, dass S > I. Da “Reserve assets” als Investitionen kategorisiert werden und Leistungsbilanzüberschüsse zur Zunahme von Fremdwährungen führt, ist diese alte Identität zumindest fraglich.

    • Felix Gauch sagt:

      Ihre Annahme weiter ausgeführt, Herr Baer, würde nur teilweise bestätigen, was punktuell in Deutschland zu beobachten ist: Der Exporterfolg kommt nicht mehr zwingend bei der Basis eines Landes an, die Infrastruktur verlottert, es erfolgt partiell eine Umverteilung von unten nach oben – kurz, wir haben zwar eine gesunde Wirtschaft mit vielen kranken und kränklichen Menschen, die sich einer gewissen Akzeleration auf globaler Ebene stellen müssen, aber Nachhaltigkeit sieht anders aus: Gesundheitskosten und Kosten der Altenpflege (Besp. Demenz) werden explodieren, von Leuten, die dieses Ausscheidungsrennen nach hinten nicht mitmachen oder nicht mitmachen wollen, erst gar nicht zu sprechen.

      • Baer sagt:

        @ Gauch. Ihre Ausführungen gehen viel weiter als meine und betreffen gesundheitliche Aspekte, welche sehr wichtig sind. Mein Kommentar zielte darauf ab, interne Widersprüche der Gleichung NX = S – I aufzuzeigen.

        Zu Ihrer Aussage und MDMs Artikel. Es ist natürlich inkonsistent, zu sagen, 1) Leistungsbilanzüberschüsse sind wünschenswert, 2) Leistungsbilanzdefizite sind zu vermeiden und 3) Länder sollten danach streben, Leistungsbilanzüberschüsse zu erwirtschaften. Das ist genauso, wie wenn man sagen würde 1) das Anfhäufen von Ersparnissen ist gut, 2) das Anhäufen von Schulden ist schlecht. Menschen können nur Ersparnisse haben (Guthaben ggü. Banken), wenn andere Schulden ggü. Banken haben. Dasselbe gilt bei Leistungsbilanzungleichgewichten. Es kann nur Überschüsse geben, wenn andere Defizite aufweisen, deshalb ist es absurd, zu sagen, Überschüsse seien wünschenswert.

  26. Walter Bär sagt:

    Ich kann mich mit vielen Schlussfolgerungen einverstanden erklären. Das jedoch bei sinkenden Exportüberschüssen die Arbeitslosigkeit steigt, ist schlicht und ergreifend falsch. Man stelle sich zwei spezialisierte Volkswirtschaften mit unterschiedlichem Lebensniveau vor. In jenem mit hohen Exportüberschüssen steigt lediglich der in GELD gemessene Wohlstand, die Beschäftigungsquote wird nicht tangiert!

    • Markus Diem Meier sagt:

      «Das jedoch bei sinkenden Exportüberschüssen die Arbeitslosigkeit steigt» steht nicht im Beitrag. Sie steigt bei Leistungsbilanzdefiziten unter den angegebenen Bedingungen.

    • Oliver sagt:

      Die Annahme ist, dass bei sinkenden Exportüberschüssen der Binnenkonsum nicht steigt. Wenn dem so ist, sind diejenigen, die vorher Exporte erarbeitet haben nachher arbeitslos. Oder anders ausgedrückt, um bei sinkendem Export keine höhere Arbeitslosigkeit zu erleiden, müssten die Deutschen unglaublich viele ihrer eigenen Autos kaufen statt zu sparen. Eine unrealistische Annahme.

      Womit ich hingegen nicht ganz einverstanden bin ist, dass Leistungsbilanzüberschüsse kein Anzeichen für Produktivität gewisser Industrien sein soll. Warum kauft denn der Rest der Welt überteuerte Deutsche Autos? Der Unterschied ist einfach, dass seit Schröder, Hartz IV und dem Euro, die Deutschen Arbeiter im Gegenzug weniger ausländische Produkte, z.B. Ferien in Griechenland, konsumieren. Demnach ist es auch nicht zwingend die Binnennachfrage, die zu klein ist, sondern die Nachfrage nach ausländischen Gütern im Tausch gegen die Exporte, wie im letzten Punkt richtig vermerkt. Das systemische Problem liegt darin, dass es keinen Mechanismus gibt, um einen solchen Ausgleich herbeizuführen. Hierin liegt die ‘Ricardian Vice’ des comparative advantage. Nämlich in der Annahme, dass sich auf der Gegenseite eine entsprechende Spezialisierung entwickelt, die die Güterströme automatisch ausgleicht. Dies passiert nicht einfach so und daher bleibt es beim Mercantillismus, den Ricardo wegbeweisen wollte, der den Deutschen nun aber richtigerweise vorgeworfen wird.

      • Felix Gauch sagt:

        Ein gewisser Ausgleich ist da, wird von Brüssel aus gesteuert. Bloss, die Beträge reichen bei Weitem nicht, solange Konzerne nicht gemäss ihrer Leistungsfähigkeit besteuert werden.

      • Sandro Lemard sagt:

        “Nämlich in der Annahme, dass sich auf der Gegenseite eine entsprechende Spezialisierung entwickelt, die die Güterströme automatisch ausgleicht”.
        Spezialisierung ist nicht mal nötig, eine Senkung der Arbeitskosten in den Peripherieländern täte es auch (Löhne um ca. 30% senken). Dann wären diese Länder automatisch wieder Produktiver im internationalen Vergleich und dank geringerer Einkommen würden auch die eher als “Luxus”-Importe zu betrachtenden EInfuhren aus Deutschland reduziert. Es ist allerdings immer Einfacher mit dem Finger auf andere zu zeigen, als die wirklichen Probleme (übermässige staatliche Regulierungen in den EU-Südländern) anzugehen.

        • Oliver sagt:

          Nein, denn das setzt wieder eine höhere Nachfrage in D nach den eigenen Produkten voraus, um dort nicht Arbeitslosigkeit zu produzieren. Das Ziel, das hier (sinnvollerweise) angenommen wird, ist immer volle Auslastung. Das heisst, De7utschland muss nach wie vor gleich viel exportieren aber mehr importieren. Das kann nicht gelingen, wenn das Ausland seine Kaufkraft, gemessen in Deutschen Produkten, nach untern korrigiert.

        • Oliver sagt:

          Beispiel: Griechenland hat seine Stückkosten bereits drastisch gesenkt. Das hat nicht dazu geführt, dass Deutschland nun wahnsinnig mehr Griechische Produkte kauft, sondern lediglich dazu, dass Griechen viel weniger Deutsche Produkte kaufen. Das mag dann zwar in der Handelsbilanz ‘gut’ aussehen, auf dem Arbeitsmarkt hingegen ist es immer noch zappenduster. Vorerst hauptsächlich auf der Griechischen Seite, aber sobald anderen Absatzmärkten der Deutschen das gleiche widerfährt wie den Griechen, siehts auch in Germanien schlecht aus. Die Korrektur allein über die Stückkosten führt gesamthaft betrachtet zu einem Sparparadoxon. Ricardo geht hingegen (soweit ich verstanden habe) von einem automatischen ‘virtuous cycle’ aus, der durch freien Handel und die Auslebung des jeweiligen ‘comparative advantage’ ausgelöst wird.

        • Josef Marti sagt:

          Der Süden hat nur 25% Exportanteil, der Rest ist Binnenmarkt. 30% weniger Lohn = 30% weniger Konsum, somit kann man mit einer schönen Deflationsspirale den Binnenmarkt komplett grounden.

    • Oliver sagt:

      @ Markus Diem Meier.

      Ist demnach meine erste Aussage Ihrer Ansicht nach falsch?

    • Oliver sagt:

      Und zu meinem zweiten Abschnitt iene Frage: Beinhaltet die Binnennachfrage auch Nachfrage nach importierten Gütern? In dem Fall erübrigt sich mein Kommentar…

  27. Daniel Reguera sagt:

    Lieber Herr Diem Meier,

    Eines verstehe ich nicht ganz: offensichtlich wollen Sie die prekäre Situation in ganz Europa ansprechen, d.h. Deutschland ist mitverantwortlich für den Zustand anderer Euroländer. ABER: wenn Deutschland jetzt anfangen würde mehr zu investieren, heisst das ja noch lange nicht, dass dies im Zusammenhang mit anderen Euro-Ländern passiert. Am Ende importieren die Deutschen alles aus China, Japan, Indien und den USA und für Europa bleibt nichts.
    Irgendwie sehe ich den direkten Zusammenhang mit den Euro-Ländern nicht. Im Moment profitieren die Euro-Länder ja von Deutschland, indem letztere mehr Steuereinnahmen generieren welche dann als Zahlungen an andere Euro-Länder gehen.
    Also nochmal: wo ist der Zusammenhang, dass es anderen Euro-Ländern (direktproportional) besser gehen soll, nur wenn Deutschland anfängt die Investitionen oder den Konsum zu erhöhen?

    Danke

    • Josef Marti sagt:

      Export innerhalb desselben Währungsraums ist eben kein echter Export und führt zwangsläufig zu indirekten Finanzausgleichsmechanismen via EZB. Dasselbe sah man ja auch bei der D Wiedervereinigung mit der Einführung der DM bzw. 1:1 Zwangsumtausch mit Ost; innert Kürze war der Osten wie leergefegt und wirtschaftliches Niemandsland. Deshalb stieg damals die Staatsverschuldung gemessen am BIP massiv an, dasselbe passiert jetzt im Euroraum.
      Die Schulden die sich aus Leistungsbilanzdefiziten der PIGS angehäuft haben können nur wieder abgebaut werden wenn die PIGS in den nächsten 20 Jahren gegenüber D Überschüsse fahren könnten, was unwahrscheinlich ist. Die Guthaben Deutschlands bestehen somit aus reiner Zukunftshoffnung.

    • Baseline sagt:

      Schauen Sie doch einmall auch hier hinein:
      http://www.theglobalist.com/germanys-pesky-trade-surpluses/

  28. d p e sagt:

    ahäm.
    Als nicht-Ökonom kann ich natürlich nicht richtig mitschwatzen. Aber die Liste der Folgerungen folgt NICHT aus den obigen Identitäten. Z.B.: «Exportüberschüsse widerspiegeln eine ungenügende Binnennachfrage.» Aus den Identitäten ist nicht ersichtlich, was genügend bzw. ungenügend (wofür denn? was ist der Massstab?) wäre. Daher ist diese Aussage auch keine Folgerung.

    Das heisst nicht, dass die “Folgerungen” falsch sind. (Sie scheinen mir durchaus angebracht.) Es sind einfach nicht Folgerungen, welche man (ohne weitere Axiome) aus den Identitäten ziehen kann.

    Als nicht-Ökonom würde es mir helfen, diese Axiome ebenfalls erläutert zu haben.

    Merssi

    • Johnny Smith sagt:

      “die Liste der Folgerungen folgt NICHT aus den obigen Identitäten”

      Ich kann mich dem anschliessen. Eigentlich ein guter Artikel, allerdings nur bis den (und einschliesslich nur wenigen der) Schlussfolgerungen.

      Wer aus NX = S – I folgert, “Exportüberschüsse sind nicht Ausdruck einer besonderen Leistungsfähigkeit…. eines Landes” o.ä., übersieht, dass nicht nur die Nettoexporte NX vom Wechselverhältnis zwischen Land und Ausland abhängt, sondern auch S und I dem ebenso unterliegen: wenn die deutschen Produkte weniger wettbewerbsfähig wären, würden diese weniger gekauft, das deutsche S wäre kleiner.

      “Exportüberschüsse widerspiegeln eine ungenügende Binnennachfrage.” Wieso nicht: Exportüberschüsse widerspiegeln eine zu grosse Aussennachfrage.

      “Überschüsse sind aber nicht die Konsequenz der Leistungsfähigkeit, sondern des Umstands, dass deren Früchte unzureichend den Konsumenten im Inland zugute kommen.” Überschüsse sind die Konsequenz der Leistungsfähigkeit, wobei diese vom Konsumenten im Ausland verkonsumiert werden.

      “Exportüberschüsse sind kein Hinweis auf den Vorteil des internationalen Handels bzw. komparativer Kostenvorteile” Oh doch, Herr MDM, das sind sie, und stimme lieber mit Beat Kappeler als mit Ihnen.

  29. Hans-Rudolf Zweifel sagt:

    Wenn die Deutschen also weniger sparen sollen um den Exportüberschuss zu senken, dann könnte man doch jedem Deutschen sagen wir 500 Euros Reisegutscheine mit befristeter Einlösezeit für Ferien in Griechenland, Spanien, Portugal abgeben. Folge: alle Deutschen haben etwas davon, die Südeuropäer haben Arbeit im Tourismus und der Gastronomie und ein Einkommen. Finanziert wird das Ganze aus dem Topf, der jetzt für die “Rettungsschirme” und “Bankenrettungen” das Geld liefert. Die wieder beschätigten Spanier zum Beispiel können ihre Hypotheken wieder bedienen und zahlen Steuern, das sie nun ja Arbeit und Lohn haben, die Banken gehen deshalb nicht pleite und auch der Staat hat seine Einnahmen. Wo ist mein Denkfehler?

    • Rolf Zach sagt:

      Was Sie gesagt haben, ist nicht unbedingt ein Denkfehler, sondern es sind Steuerprivilegien, die deutsche Regierungen von jeder Richtung den Unternehmen eingeräumt haben. Um die Wettbewerbsposition zu erhöhen wurde der Binnenkonsum
      gedrosselt und die Lohnquote sowie die Sozialleistungen gekürzt. Dafür war nun Deutschland bereits 15 Jahre nach der
      Wiedervereinigung der grosse Kapital-Exporteur. Viele dieser Kapitalexporte waren nach 2008 ein Luftgebilde und nicht viel
      wert. Die Deutschen haben wie die Schweizer Milliarden € und CHF in den USA verloren, ebenso bei den berüchtigten Schattenbanken in Irland. Trotzdem der deutsche Staat verlorene Darlehen deutscher Banken in deutsche Staatsschulden
      umgewandelt hat, haben die deutschen Kapitalisten nicht soviel erhalten, wie sie erwartet haben.

    • Ihr Denkfehler besteht darin, dass Ihre Lösung der Allgemeinheit statt wenigen Reichen zugute kommt, und so etwas kann und darf nicht sein. Die ökonomische Theorie verbietet alle Massnahmen, die nicht dem Kapital oder den Unternehmen, sondern der Arbeiterschaft und dem Mittelstand zugute kommen.

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