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Ein Hedge-Fund-Manager erklärt die Wirtschaft

Markus Diem Meier am Mittwoch den 23. Oktober 2013
Ray Dalio spricht am WEF in Davos, 25. januar 2012. (AP/Anja Niedringhaus)

Hedge-Fund-Manager Ray Dalio spricht am WEF in Davos, 25. januar 2012. (AP/Anja Niedringhaus)

In einem halbstündigen Video erklärt der Gründer des weltweit grössten Hedge Funds die Mechanik der Wirtschaft auf eine Weise, dass es jeder versteht und auf eine Weise, wie es noch niemand getan hat.

Ray Dalio, von dem das obige Video stammt, ist 64 Jahre alt und Gründer Bridgewater Associates. Dieser Hedge Fund verwaltet laut einem Artikel der «New York Times» rund 150 Milliarden Dollar. Das Vermögen von Dalio soll sich auf rund 13 Milliarden belaufen.

Sein Motiv für das Video macht er gleich zu Beginn klar: Dalio glaubt, dass mit einem besseren und stärker verbreiteten Verständnis zur Funktionsweise der Wirtschaft viel Elend zu vermeiden wäre. Was er im Video erklärt, ist im Kern sein eigenes Verständnis der Abläufe, das ihm wärend mehr als 30 Jahren dienlich war und ihm auch geholfen hat, die Finanzkrise vorauszusehen und ihr aus dem Weg zu gehen. Nun fühlt er sich aus Verantwortungsbewusstsein verpflichtet, seinen unkonventionellen Zugang zu den Wirtschaftsabläufen öffentlich zu machen. Im Original:

«The economy works like a simple machine. But many people don’t understand it or they don’t agree on how it works. And this has led a lot of needless economic suffering. I feel a deep sense of responsability to share my simple but practical economic template. Though it is unconventional, it has helped me to anticipate and to sidestep the global financial crisis. And it has worked well for me for over 30 years».

Die dreissig Minuten sind gut investiert: Selten erhält man in dieser Dauer eine ganze Reihe höchst aktueller ökonomischer Themen so gut und nachvollziehbar erklärt. Hier eine Auswahl:

  • Wie gewöhnliche Wirtschaftszyklen entstehen und wie sie mit Krediten und der Geldschöpfung der Notenbanken zusammenhängen.
  • Was Schuldenabbau-Depressionen («Deleveraging») von gewöhnlichen Rezessionen unterscheidet und warum die gewöhnlichen Reaktionsmöglichkeiten von Notenbanken dann nicht mehr funktionieren.
  • Warum dann die Staatsverschuldung steigt und harte staatliche Sparmassnahmen (Austerität) in dieser Situation dennoch schädlich sind.
  • Warum dann die Gefahr von sozialen und internationale Spannungen steigt.
  • Weshalb dann aussergewöhnliche Massnahmen der Notenbanken und der Staaten nötig sind, aber auch gefährlich.

Alles Themen, mit denen wir uns auf diesem Blog auch immer wieder beschäftigt haben.

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68 Kommentare zu “Ein Hedge-Fund-Manager erklärt die Wirtschaft”

  1. Florian Roth sagt:

    “Spending drives the Economy”

    Typische Keynsian Gullasch.

    “Spending isn’t good. Producing is good.”
    Milton Friedman

    http://www.youtube.com/watch?v=Hrg1CArkuNc

  2. Ende der Arbeitsteilung

    Was Zivilisation ist, findet sich ab Genesis_2,4b als “Paradies”, und die Ursache, warum die Menschheit bis heute nicht zivilisiert ist, unter Genesis_3 als “Erbsünde” mit genialen archetypischen Bildern und Metaphern exakt umschrieben. Der religiöse “Normalbürger” erkennt die zahlreichen Negativsymptome der “Mutter aller Zivilisationsprobleme” nicht als deren zwangsläufige Folgen, sondern interpretiert sie als vermeintliche Folgen einer “Sündhaftigkeit des Menschen” – die durch eine “Moral” zu verbessern sein müsste.

    Unterstützt wird die “Moral” von der Religion, deren Aufgabe es war, die Erbsünde – solange noch niemand wusste, wie sie zu überwinden ist – aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes auszublenden, damit das, was wir heute “moderne Zivilisation” nennen, überhaupt entstehen konnte; denn kein vernünftiger – nicht religiös verblendeter – Mensch wäre dazu bereit, in einer a priori fehlerhaften Arbeitsteilung zu arbeiten, wenn er weiß, dass ein nachhaltiges Wirtschaften unmöglich und der nächste Krieg unvermeidlich ist.

    In der Heiligen Schrift heißt das Ende der Arbeitsteilung “Armageddon”; so genannte “Wirtschaftsexperten” und “Spitzenpolitiker” schwafeln irgendwas von “Finanzkrise”; und wer etwas von Makroökonomie versteht, nennt diese größte anzunehmende Katastrophe der Weltkulturgeschichte – nach J. M. Keynes – globale Liquiditätsfalle!

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/10/glaube-aberglaube-unglaube.html

  3. ueli der knecht sagt:

    Krass! Dieses Gelaber von einem Multimilliardär, der einem mal schnell die Welt erklären will und doch wieder nichts anderes unternimmt als den Status quo (sprich: seinen “Anspruch” auf Milliarden) zu untermauern. Und dann folgend – das “theologische” Gespräch von selbsternannten Ökonomen – die doch auch nur am “After” dieses Status quo ihr Dasein fristen dürfen – aber freilich so tun (!) als würde die Differentialrechnung ausgerechnet Ihnen (die von Mathematik eh keine Ahnung haben) – das Recht einräumen
    den anderen Menschen die Welt erklären zu dürfen. Selbst wenn die Theorie von Marx und Engels wissenschaftlich (und damit meine ich nicht die armselige moderne VWL) von a-z eines Tages widerlegt wäre – würde ich noch tausendmal lieber das KAPITAL von Marx als “verfehlte Bibel” lesen- als diesen modernen AFTERPHILOSOPHEN und NEOREALISTEN jemals Recht geben zu müssen.

  4. Dusan Energetovic sagt:

    Mich würde mal eine Erklärung interessieren, wie man die unbedingt notwendige Produktivitätssteigerung, welche offenbar systeminhärent ist, dauerhaft sicherstellen kann, wenn man die ständig steigende und nach Gier raffende Bevölkerung(szahl) berücksichtigt sowie steigende Arbeitslosenraten und die Ressourcenausbeutung, ohne dass die Welt auf einen Krieg zusteuert und damit wieder zu mehr “Effizienz” im Kapitalismus beiträgt. Wieso bemühen sich wirklich schlaue Köpfe nicht darum, Anreizsysteme und Volkswirtschaften zu schaffen, welche uns Menschen als Menschen über das banale Prinzip der Geldmaximierung stellen, dieses gar blossstellen und dazu beitragen, dass unsere Enkel in einer intakten Umwelt leben können. Eigentlich trägt jeder im System mitdenkende und steuernde Wissenschafter, Politiker eine enorme Verantwortung, das zu fördern und wenn er es nicht tut, verwerflicher ist als die Teile der Gesellschaft, die dieses System nur ausnutzen.

    • Fred Ruegg sagt:

      Ja eben. Alle schwafeln von Produktivität aber keine/r hat den Mut sie zu definieren. Gehört grössere Freude zu grösserer Produktivität? Wenn Ja, wie macht man das? Wenn Nein, warum nicht?

  5. Taric Trent sagt:

    Na toll, jetzt ist meine längere Antwort im Internet-Nirvana verschwunden. In Wahrheit haben weder Arbeiter noch Kapitalisten längerfristig etwas von der höheren Produktivität, da das konstante Kapital gar kein Wertbestandteil ist. Ein Mindesteinkommen stiftet der Staat des Kapitals den Arbeitslosen wegen ihrer Gefährlichkeit, derweil die Kapitalisten beständig daran arbeiten mehr Arbeit zu sparen und damit mehr Arbeitslose zu produzieren.

  6. Albert Baer sagt:

    Das wichtigste im Video kommt in den letzten 40 Sekunden:

    “Do all that you can to raise your productivity.”

    Produktivitätssteigerung ist der eigentliche Grund des Wirtschaftens und nur Produktivitätssteigerung schafft echten Wohlstand und Wohlfahrt.

    Das heisst aber auch dass die Verbreitung produktivitätssteigernden Ideen/Methoden/Technologien nicht behindert werden darf (z.B. durch Patente) sondern sie sich so frei und mühellos wie möglich verbreiten können.

    Und Produktivitätssteigerung heisst auch, dass man das Einkommen nicht an die Arbeit koppeln kann, denn dank Produktivitätssteigerung wird es zum Glück immer weniger menschliche Arbeit geben. So haben wir Menschen endlich mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

    • Taric Trent sagt:

      Genau so funktioniert die Wirtschaft! Je produktiver, destor mehr Zeit für die Menschen. Sie Träumer! In Wahrheit gibt es nur mehr Arbeitslose.

      • Albert Baer sagt:

        “In Wahrheit gibt es nur mehr Arbeitslose.”

        In Wahrheit gibt es immer mehr Einkommenslose… eben weil wir Einkommen an menschliche Wirtschaftsarbeit koppeln von der es immer weniger gibt… zum Glück!

        Sie “Realist”!

      • Albert Baer sagt:

        …und die Produktivitätsgewinne sacken nicht die Menschen sondern das Kapital ein.

        …und so lässt das Kapital die Menschen etwas mehr konsumieren, dass sie grad genug zufrieden sind um nicht zu revoltieren und weiterhin ihre beschränkte Lebenszeit an sinnlose Arbeit und sinnlosen Konsum zu verschwenden.

        ..und das ganze Spiel nennt man dann Kapitalismus.

  7. Wenn man 1 + 1 zusammenzählt, könnte man die Zyklen abflachen, indem das Geldausleihen gegen Zins verboten würde. Es dürfte nur noch erlaubt sein, Geld gegen eine Gewinnbeteiligung auszuleihen. Es ist die Zinswirtschaft, die Boomzeiten auslöst. Die Zinswirtschaft ist aber auch für die verheerenden Depressionen der Weltwirtschaft verantwortlich. Wenn wir eine bessere Welt wollen, dann müssen wir bereit sein, die Spielregeln zu ändern und nicht mehr das Geld in den Mittelpunkt stellen, sondern die Menschen.

  8. Brand Hilmar sagt:

    Das Video zeigt sehr schön, dass Zyklen unheilvollbringend durch “Vorkonsum” und unverantwortliche Kreditschwemmen verursacht werden. Die verharmlosende Darstellung von schwingenden Systemen lässt ausser Betracht, was geschieht, wenn schwingende Systeme mit exponentiellem Teil-Charakter ausser Kontrolle geraten (Illustration dazu: “The collapse of the Tacoma Bridge”) Lineares, mechanisches Denken in einer Welt der Exponentialfunktion…

    …und wer jetzt ein alternatives Video sichten will, wo der (der heutigen nicht-nachhaltigen Wirtschaft zugrunde liegenden) Betrug des Falschgeld-Systems erklärt wird, der soll doch bitte mal nach
    “The Biggest Scam In The History Of Mankind – Hidden Secrets of Money 4”
    googlen.

    Wieso wird die verheerende Kreditschöpfung ohne Wertdeckung (sprich: Falschgeld) einfach so vorausgesetzt, und wieso erkennt man nicht, dass hier sehr wenige sowohl beim rauf- wie auch beim runterreiten der Welle profitieren, während die grossen wertschöpfende Masse, gelinde ausgedrückt, das Nachsehen hat?
    Wenn man die Welle vermeiden könnte…

  9. Fred Ruegg sagt:

    Das ganzes Geld & Wirtschaftssystem beruht auf Trug und Lug & muss vielleicht ehere früher als später im “schwarzen Loch” mit unvorhersehbaren Konsequenzen verschwinden, ausser die Bürger könnten über intelligente direkte Demokratie das Steuer in die Hände nehmen.
    Was ist Geld, um das es hier geht, das nie, auch mit dem Gold Standard nie eine ehrliche Beziehung zu wirklichen Werten gehabt hat & auch nicht haben kann,was immer die Theorien die auf nicht testbaren Annahmen beruhen, vorgeben. Das Geld kann sich nie über die Kasino Chips erheben.
    So ich bekommevon der Bank ein Darlehen, nicht gegen Nichts, sondern ein Versprechen, der Bank die Summe zur bestimmten Zeit mit Zins zurückzuzahlen. Die Bank selber hat(te) bei der Zentralbank 2 bis 6%,nach Land deponiert, damit die ZB im Auftrag des Gesetzes meine Bank ein Papier schreiben lässt, nachdem ich der Bank das gesagte Darlehen schulde. So das Geld von der Bank hat praktisch keinen wirklichen Wert, & kann praktischerweise nichteinmal für etwas persönliches verwendet werden. Aber nicht genug damit. DieBank verlangt von mir eine Sicherheit um die Rückzahlung mit Zins meines Dahrlehens zu sichern, so wie meine Fabrik. So kommt es,dass meine Erfindung die ich vermarkten will nicht anschlägt, und ich kann meiner Bank die geschriebene Summe auf dem besagte Papier nicht zurückerstatten kann. Damit hat die Bank den Schutz & Macht der Polizei mich meiner Fabrik zu entledigen&sein Deposit wird zum riesen Gewinn für die Aktionäre.Lach!

    • Marcel Senn sagt:

      Ruegg: Dann probieren Sie doch mal mit Casino-Chips Ihre Steuern, Miete oder nur schon ein Nachtessen im Nicht-Casino Bereich zu bezahlen…viel Spass jetzt schon bei der Diskussion!

      • Fred Ruegg sagt:

        Senn: Offenbar wollen Sie mit Ihrem Beitrag offenstellen dass Sie nichts verstehen vom wirklichen Wesen des Geldes. Haben Sie schon einmal in einem Kasino versucht mit den Chips eines anderen Kasinos zu spielen? Und wo?

        • Marcel Senn sagt:

          Ruegg: Ich war schon einige Male in Baden-Baden, Konstanz, Casinos Montevideo & Piriapolis, Las Vegas usw. …mit Casinos kenne ich mich schon aus – hatte vor Jahrzehnten mal ein paar Monate beruflich damit zu tun – bis ich pleite ging 🙂

  10. Rolf Zach sagt:

    Also die Wirtschaftsstudenten sollten in Zukunft mehr dieses Video beachten und keine Ökonometrie mehr büffeln. Ebenso kann man sich das Lesen der “General Theory” von Keynes ersparen, die ganze Generation von Ökonomen gequält hat und selbst
    ein Nobelpreisträger zur Erklärung veranlasste, er verstehe wenig von diesem Buch. Was mir auffällt am Video, dass die Politik,
    die wesentlich unsere Volkswirtschaft beeinflusst, kein Rolle spielt und die Bedeutung der Beziehung einer Volkswirtschaft zu anderen wenig beachtet wird. Ein wenig “One-World USA”

    • Rolf Zach sagt:

      Natürlich ist das Video gutes Anschauungsmaterial um die wesentlichsten Grundprinzipien zu erklären. Steuern zu erhöhen ist
      einfacher gesagt als getan.

  11. Marcel Senn sagt:

    Und jetzt die grosse Preisfrage – Ist die Weltwirtschaft gerade in einer Phase eines BEAUTIFUL DELEVERAGING oder werden wir nochmals ein UGLY DELEVERAGING wie in den 30 Jahren erleben, das ja bekanntlich im 2. Weltkrieg endete.

    Gibt es konkrete Modelle, die die vier Punkte die Dalio in relativ simpler Art und Weise in seinem Trickfilm gezeigt hat – was ist die bestmögliche Kombination der vier Massnahmen:

    – Austerity
    – Schuldenrestrukturierung
    – Erhöhung der Steuern für die Reichen
    – Erhöhung der Geldmenge

    Um einen BEAUTIFUL DELEVERAGING zu erreichen sollte ein möglichst idealer Mix – in Gewichtung, Quantität und zeitlichem Ablauf gefunden werden – stimmt dieser nicht mehr, steigen die Chancen für ein UGLY DELEVERAGING mit all den hässlichen Konsequenzen.

    Und befinden wir uns in einer Phase, wo die Produktivität noch wesentlich gesteigert werden kann – nachdem wir gerade eine Phase mit hoher Produktivitätssteigerung durch die Informationstechnologie erlebt haben, die sich meiner Meinung langsam aber sicher dem Ende zuneigt – oder in viele Bereichen wie Bio-, Nano, Energietechnologien etc noch nicht die Reife für wahre Produktivitässteigerungen erreicht hat – Produktivitätssteigerungsmässig sind wir momentan in einem temporärem Zwischentief!

    Die nächsten paar Jahre werden die entscheidenden sein über Depression oder Prosperität, über Krieg oder Frieden, Geldwerterhalt oder Inflation usw.
    Die wichtigste Phase seit den 30er Jahren, wo es bekanntlich schlecht endete!

    • Marcel Senn sagt:

      Nachtrag: Es wäre wünschenswert, wenn sich Frau Merkel, die Tea-Party-Leader und auch gewisse Exponenten der Rechtsbürgerlichen in der Schweiz sich mal dieses Video reinziehen würden und sich die entsprechenden Gedanken machen.
      .
      Wie nahe wir an einem UGLY DELEVERAGING vorbeischrammten, hat ja die Tea-Party mit ihrer destruktiven Oppositionspolitik gerade neulich wieder gezeigt – solche Kräfte in ihrer eindimensionalen Denkweise haben tatsächlich das Zeug die Welt wieder mal in den Abgrund zu reissen.
      .
      Bei Frau Merkel als Physikerin habe ich noch Hoffnung, dass sie ein solches Modell in seiner Komplexität verstehen könnte und die entsprechenden Massnahmen einleiten resp. unterstützen könnte

      • Josef Marti sagt:

        Die plappert einfach wörtlich alles nach was ihr der Schäuble und früher Josef Ackermann eingeflösst hat. Entschieden hatte man sich schon lange für Kombination der Massnahmen Nr. 1 und 4. Massnahme Nr. 2, also Vergemeinschaftung der Schulden wird inoffiziell verdeckt durchgeführt. Die Strategie erscheint einfach; Verbindung von Austerität mit systematischer Bankenmästung.

        • Marcel Claudio sagt:

          Marti: Dann können wir ja nur noch hoffen, dass sie endlich zur Selbstdenkerin wird!
          Der Ackermann ist ja jetzt weg vom Fenster – und mit Schäuble gehe ich mit Ihnen einig – ein denkbar schlechter Ratgeber! Habe neulich des öfteren Doks gesehen über die Bankenrettung Irlands, Eurokrise etc. etc. – und was der Schäuble in seiner selbstherrlichen Arroganz jeweils von sich gibt, löst bei mir Würgreiz aus!

          • Rolf Rothacher sagt:

            Ray Dalio vereinfacht zwar die Wirtschaftswelt, so wie es die Finanzwissenschaftler mit ihren Modellen versuchen. Doch im Gegensatz zu ihnen geht es ihm nicht um die Kontrolle des Systems oder gar um die Voraussage der Zukunft, sondern um Aufklärung derjenigen Menschen, die sich nicht beruflich und hauptamtlich mit der Finanzwirtschaft auseinandersetzen.
            Das Ende der Hexenverbrennungen wurde auch nicht durch die Kirchenführung herbeigeführt, sondern durch die Aufklärung. Und so will Ray Dalio den Dämon aus den Köpfen der Menschen vertreiben und ihn mit Wissen ersetzen.
            Seit der Subprime-Krise herrscht Kopflosigkeit, in der Politik genauso, wie in der Gesellschaft. Dabei wird oft zu rasch vergessen, wie viel persönliche Freiheit, wie viel Wohlstand uns die unerklärliche, kaum kontrollierbare, wenig verständliche Finanzwirtschaft in den letzten zweihundert Jahren gebracht hat. Ohne sie wäre kein Staudamm gebaut, keine Eisenbahnlinie erstellt worden. Alles, was den modernen Menschen ausmacht, ist durch die Hände (oder von mir aus durch die gierigen Finger) der Finanzmärkte gewandert.
            Doch heute gelten sie weitverbreitet als Teufel, die man bekämpfen muss, ähnlich den Hexen, die damals auch niemand verstehen konnte oder verstehen wollte.
            So gesehen ist der Beitrag von Ray Dario an die Aufklärung über die Finanzwirtschaft äusserst wertvoll und sollte Pflichtprogramm an Schulen werden, um Neugierde bei den jungen Menschen zu wecken, Neugierde über Zusammenhänge und Folgen.

          • Josef Marti sagt:

            Rothacher: Da kann doch die Finanzwirtschaft nichts dafür wenn Fehlanreize gesetzt werden und auch nach der Krise nicht geändert werden. Die Finanzwirtschaft hat nichts anderes getan als was sie immer tun muss, nämlich dafür sorgen, dass das was aus den Renditesklaven herausgepresst wird so schnell und oft wie möglich für das Establishment exponentiell vermehrt wird. Das mit den Staudämmen und Eisenbahnen geht aber in die Kategorie Langweiliges Banking.
            Von wegen Hexenverfolgung.

          • Marcel Senn sagt:

            Rothacher: Meine Sie jetzt mich mit Kontrolle des Systems und Voraussagen für die Zukunft? Wir leben doch (zumindest für oekonomieinteressierte) in sehr spannenden Zeiten – niemand weiss, wie alles ausgehen wird – findet die Politik, Zentralbanken, Wirtschaft und der Stimmbürger einen Weg, diesen Deleveraging Prozess BEAUTIFUL zu beenden oder wird er wie in den 30er Jahren enden?
            Ich finde Dalios Ansatz interessant – als Mix von mehreren Massnahmen – nur ist das wie bei einem Kochrezept – die Mischung muss stimmen – und Störenfriede wie die Tea Party müssen daran gehindert werden, der Menschheit die Suppe zu versalzen – denn die wollen nur sparen auf Kosten der Armen, ja keine Steuererhöhungen für die Reichen, Schuldenrestrukuturierung ist für die auch des Teufels, Gelddrucken auch…so wird Dalios möglicher Ausweg definitiv scheitern und wir werden in einem UGLY DELEVERAGING enden!

            Dass dieses Video verbreitet werden soll, da stimme ich Ihnen zu, damit die Leute sehen, dass es Auswegsmöglichkeiten gäbe…nur dann kommt die Detailarbeit, die man nicht mehr einfach nur als Trickfilm darstellen kann.
            .
            Was ist der optimale Mix und die richtig dosierte Anwendung dieser Instrumente – das ist immer noch die Gretchenfrage!

      • Yves Latour sagt:

        Merkel wird Dalio’s Ansatz folgen. Um die Produkitivität zu fördern, sind Änderungen nötig, die aber nur stattfinden, wenn genügend Druck ausgeübt wird. Je schneller im Süden die Massnahmen um gesetzt werden, desto schneller kann wieder gelockert werden. Wird zuerst gelockert, dann gibt es keine Änderungen, ergo auch keine Produktivitätszuwächse und die Lockerung wird zu einer allgemeinen Preissteigerung/Währungsschwächung führen.

        Ich höre bereits von CH-Unternehmern, die nach Portugal auslagern. Überträgt man dies auf Dalio’s Video, werden die Einkommen in Portugal steigen, damit steigt die Kreditwürdigkeit der Portugiesen und durch Kreditwachstum steigen diese Einkommen noch stärker. Damit wird auch der Staat wieder mehr Besteuerungsbasis antreffen.

        Damit sinken die Renditen der portugiesischen Staatsanleihen ebenso wie die Preise portugiesischer Assets steigen: sowohl Anleihen wie mit Assets besicherte Forderungen machen den grössten Teil der Aktiven portugiesischer Banken aus. Steigen deren Aktiva, steigen im Endeffekt die Aktien portugiesischer Banken – jedenfalls jene, die die Krise überlebt haben.

      • Ja, bei Frau Merkel habe ich auch Hoffnung. Nicht nur weil sie Physikerin ist, sondern auch deshalb, weil sie schon selber miterlebt hat, was passiert, wenn man zu lange an seinen unerschütterlichen (Glaubens)Gewissheiten (Mainstream-Ökonomie) festhält. Ich habe für die Bundesregierung/Eurozone vor 10 Tagen einen 10 Punkteplan ins Netz gestellt. Ihre Meinung hierzu würde mich schon interessieren. Wenn Sie Zeit und Lust haben, dann folgen Sie einfach meinem Namen.

        • Marcel Senn sagt:

          Grüezi Herr Stöcker – nehme mal an Sie haben mich gemeint: Habe mir Ihren 10 Punkteplan mal kurz angeschaut und hier eine erste Meinung – bei vielen Punkten müsste man natürlich ins Detail gehen und quantifizieren, mit verschiedenen Szenarien arbeiten, Probabilitäten ermitteln und dann den besten Mix – das gäbe – nach meiner eher praxisorientieren Methode ein paar tausend Excel-Sheet…aber hier mal mein persönlicher Standpunkt in Kurzfassung zu Ihren Punkten

          I. Verfassungsrechtliche Verankerung eines Inflationsziels von 2 %.
          Das finde ich etwas zu starr – ich lebe aktuell in einem Land (Uruguay) mit 9% Inflation — allerdings mit 2 Währungen UYU Peso und USD (für Autos und Häuser und tw. Elektronika) – aber es gibt Unidades Indexadas wo man sich gegen die Inflation schützen kann – nur leider produzieren die selbst wieder Inflation – könnte noch verbessert werden.
          Aber verfassungsmässig die Inflation festschreiben – dünkt mich nicht wirklich praktikabel – und wenn sie drüber ist?? Preiskontrollen in den Supermärkten (wie in Argentinien aktuell – vor den Wahlen :-))
          Das würde ich nicht machen

          • Marcel Senn sagt:

            II. Umstellung der aktiven schuldenfinanzierten Nachfragepolitik auf eine passive schuldenfreie Bürgerfinanzierung
            Für gewisse Grundbedürfnisse und Wohneigentumerwerb könnte ich mir gut vorstellen – müsste allerdings von einem sehr guten Missbrauchsprävention begleitet werden – sonst gibts Betrug!

            III. Verfassungsmäßige Verankerung eines Haushaltsüberschusses
            Das finde ich ein bisschen zu optimistisch – eine maximale Verschuldung von Staaten mit z.B. 20% des BIP würde mir schon reichen – ein profitorientierter Staat widerspricht meines Verständnis etwas – auch wenn aktuell eigentlich alle profitorientiert arbeiten müssten – zweck Schuldenabbau

            IV. Kontinuierliche Erhöhung des Mindestreservesatzes auf 100 %
            40-50 % wäre vermutlich genügend – 100% würde zuviel abwürgen – auch wenns weg vom FIAT Geld wäre

            V. Refinanzierung der Geschäftsbanken über den Kapitalmarkt
            Das ist sinnvoll

            VI. Gründung einer Evidenzzentrale für Abzahlungsgeschäfte
            Müsste man im Detail abklären – aber Kontrolle über die Konsumkredite ist schon gut – schützt einen Manchen vor sich selber (im Konsumrausch)

            VII. Reaktivierung der gesetzlichen Rente
            Sie schreiben ja am schweizer Modell orientieren – glaube va. die AHV ist effizient (Administrationskosten) und mit einer simplen Nummer – keep it easy and simple! Die PK’s sind verbesserungswürdig und 3. Säule ist ganz gut!
            Aber eben das muss man durchrechnen – demographische Veränderungen etc. einbeziehen

          • Marcel Senn sagt:

            VIII. Reaktivierung der Erbschaftssteuer sowie Einführung eines Erbschaftsfonds
            Da bin ich mit Ihnen einverstanden – die Sterbebettsteuer ist eigentlich die gerechteste aller Steuern – mit einem anständigen Freibetrag, Rücksichtsnahme auf KMU’s – gibt ja dann mal eine Abstimmung in der CH zum Thema – mal schauen – die Gegner laufen jetzt schon Amok – ich werde (hoffentlich) auch mal was erben – hätte kein Problem damit etwas abzugeben (resp. habe schon einmal vor 20 Jahren rund 50’000 Erbschaftssteuer bezahlt – so what, who cares?) – man muss das Erbe einfach netto anschauen nach Steuern und sich über dasselbe freuen – aber viele Menschen sind halt von der Gier befallen und sehen nur den Bruttobetrag und nerven sich dann über ein paar Brosamen für die Allgemeinheit – so kann man sich die Lebensqualität auch selber versauen!

            IX. Anpassung der Wochenarbeitszeit bei längerfristiger Zielverfehlung
            Solche Arbeitsmodelle setzen sich ja vielfach durch – aber muss man je nach Branche anschauen – funktioniert ja nur in gewissen Bereichen

            X. Einführung einer Finanztransaktionssteuer
            Da bin ich auch dafür – war ein paar Jahre in der Finanzindustrie als Derivatespezialist, Controller, VR etc – und was da rumgezockt wird – bringt der Realwirtschaft zu 98% nichts – Derivategeschäfte nur noch mit realwirtschaftlichem Bedürfnisnachweis -das meiste andere ist Casino -wer zocken will soll ins Casino.

            Das in kürze meine Meinung zu Ihrem 10-Punkte Plan
            Gruss aus Südamerika
            Marcel

  12. Mark sagt:

    Die Schulden welche der Bürger/Steuerzahler bei den Banken hatte, hat jetzt seine Regierung (für welche er bürgt) bei “der” Bank (Fed. Reserve, Privatbesitz).
    Der Staat wird zum Schuldeintreiber der Banken!

  13. Baer sagt:

    Die Einstellung Dalios ist zwar erfrischend simpel und eklektisch, aber sicher nicht neu, sondern entspricht praktisch 1:1 dem heutigen Mainstream. Er bedient sich einfach vieler anerkannter Einsichten und verbindet sie zu einem Büchlein. “The economy works like a simple machine.” Genau diese Newton’sche Einstellung, die Ökonomie sei eine Maschine, hat im 19. Jahrhundert zur den theoretischen Verfehlungen geführt, die uns heute noch verfolgen. Der Vater des allgemeinen Gleichgewichtsmodells, Léon Walras, schrieb bereits im 19. Jh: “It is already perfectly clear that economics, like astronomy and mechanics, is both an empirical and a rational science.”

    Wenn die Ökonomie eine Maschine ist, müssen wir uns der Sprache der Mechanik bedienen und Ingenieure werden, um sie zu verstehen. Doch Zahlungssysteme haben aber keinen Maschinencharakter, Transaktionen sind dimensionslos. Da bringen Funktionen gar nichts. Solange dieses mechanische Denken vorherrscht, kommen wir nicht weiter. Siehe Philip Mirowski: More heat than light.

    • Sandro Ambuehl sagt:

      … ich frage mich immer warum jemand einen solchen Kommentar abgeben moechte wer offenbar weder von Mathematik noch von Oekonomie eine Ahnung hat. Was weshalb implizieren Funktionen mechanistisches Verhalten? (schon mal was von Stochastik gehoert?) Wenn aussagen ueber die Oekonomie nicht von der Form “wenn, dann” sind, was koennen wir dann ueberhaupt lernen? Wenn Modelle keine praezise Aussagen machen, wie koennen wir sie dann ueberhaupt testen? (und ja, ich sage “wir”, weil es mein Job ist, genau diese Dinge zu tun). Aber falls sie diese Dinge wirklich interessieren, dann ist das Kapitel ueber “revealed preference” in Varian, “Intermediate Microeconomics” ein guter Einstieg. Das ist einer der Hauptpfeiler jenes Fundamentes der Oekonomie, das hier kritisiert wird.

      • Baer sagt:

        @ Ambuehl. Sie machen viele Annahmen über mich. “Ich” gehöre auch zu diesem “wir”, ich lese aber keine Einstiegsbücher mehr, habe mein VWL Studium längst hinter mir. Wenn es Sie interessiert, wie die Neoklassik mit Mechanik zusammenhängen, könnten Sie ja mal Léon Walras lesen, “Elements d’Economie Politique Pure”, dort erklärt er es. Mein Problem mit dem aktuellen Ansatz ist genau, dass er nicht rigoros ist. Das Ziel meiner Arbeit ist, die VWL den Metaphysikern zu entreissen und wieder auf rigorose Grundlagen zu stellen. Kausalitätsaussagen zu machen ist wichtig, einverstanden. Aber wenn Ökonomen sagen, Sparen und Investieren seien buchhalterische Identitäten (also immer gleich), und im nächsten Satz sagen sie, dass die Zunahme von Ersparnisse via Zinseffekt langfristig zu höheren Investitionen führen wird, dann haben wir uns von Logik und Rigorosität längst verabschiedet.

        • Sandro Ambuehl sagt:

          Interessant. Aber ich sehe wirklich nicht, weshalb Sie denken dass die moderne VWL nicht rigoros ist. Wenn Sie nicht das Standardwerk auf Doktorandenlevel von Mas-Collel, Whinston und Green davon ueberzeugt, so wird es das kuenftige Standardwerk “Microeconomic Foundations” von Kreps tun.

          Ich sehe auch nicht welchen Zusammenhang Walras’ Fehler mit der heutigen Wissenschaft zu tun haben – der hatte ja noch angenommen, dass wenn die Anzahl der Gleichungen gleich der Anzahl Variablen ist, dass dann eine eindeutige Loesung existiert. In den letzten 200 Jahren ist einiges passiert.

          Weiterhin sehe ich auch nicht, weshalb es jemanden interessieren sollte ob diese alten Ideen von der Mechanik inspiriert waren oder nicht. Differenzialgleichungen sind jedenfalls aus der heutigen Oekonomie verschwunden (mit Ausnahme der Wachstumstheorie). Die relevante Frage ist, ob die Theorien rigorose empirische Tests bestehen, nicht wovon sie inspiriert wurden. (Obwohl, zugegebenermassen, die Datenlage in einigen Gebieten wie zB Wachstum etwas prekaer ist.)

          Woher der zweite Teil in ihrem letzten Satz kommt weiss ich nicht. Ich bin aber sicher, dass sich dieses scheinbare Paradox aufloesen wird, sobald Sie die Gleichungen anschauen, die das Modell beschreiben aus dem diese Aussage stammt.

          • Oliver sagt:

            @ Ambuehl:

            Microeconomic Foundations of Macroeconomics? Ich kenne das Buch nicht, aber schon der Titel tönt äusserst suspekt.

            (…) macro level claims should not be inconsistent with all plausible micro level explanations. In practice, this means that, if someone shows you your macro claim is inconsistent with their micro model, you are obligated to argue either (a) the model is intrinsically flawed, (b) the model could actually be consistent with your claim, or most likely (c) the model does not exhaust the range of plausible micro models. The latter (…) can be satisfied in other ways than sketching an alternative. For instance, you could show that the model in question is sensitive to assumptions that could plausibly be altered. That would be enough, in my opinion; you don’t need to go the extra mile and show, even sketchily, how a different set of assumptions would support your claim. There is a big difference between demonstrating a micro argument for x and demonstrating that a micro argument against x is not dispositive.

            Jedes Modell, egal wie elaborat, stellt immer nur eine Auswahl dar, von der aus darin enthaltene, logische Schlüsse, z.B. mithilfe der Mathematik, deduktiv abgeleitet werden können. Der Shritt zurück zur Überarbeitung der grundlegenedn Axiome und darauffolgender Erarbeitung neuer Modelle ist eine Muss, wenn sich die Ökonomie als seriöse Wissenschaft bezeichnen will.

          • Sandro Ambuehl sagt:

            Erstens ist der Titel den Sie zitieren ein anderer als das Buch tatsaechlich hat. Zweitens ist die Mikrofundierung der Makrooekonomie eine der grossen Errungenschaften der Oekonomie des 20 Jahrhunderts, es wurden dafuer mehrere Nobelpreise vergeben. Drittens ist die Ueberarbeitung der Zugrunde liegenden Axiome (und das empirische Testen derselben) ein sehr aktives Forschungsgebiet, welches auch bereits makrooekonomische Anwendungen hat. Ein Beispiel dafuer ist die Literatur zur Ambiguity Aversion (e.g. Epstein / Schneider, 2007, Journal of Economic Theory). Viertens zeigt die Tatsache dass sie das Mas-Collel Standardwerk nicht kennen, dass ihr Wissen ueber moderne Oekonomie nicht auf dem neusten Stand ist, denn mittlerweise kann man nicht mal mehr einen Master in Oekonomie (VWL) machen, ohne um dieses Buch herum zu kommen, geschweige denn ein Doktorat. Deshalb weiss ich nicht ob sie ueberhaupt wissen was genau Sie kritisieren.

          • Oliver sagt:

            Lesen kann ich, danke. Ich habe den Titel umbenannt, da ich davon ausgehe, dass dies, im übrigen ein stehender Begriff, mit dem eigentlichen Titel impliziert ist. Zurecht, wie ich sehe.

            Und da Sie sich offensichtlich weigern, die Ökonomie von anderen Disziplinen abzugrenzen, müssen Sie sich auch gefallen lassen, wenn es aus den Gärtchen, in die Sie als Ökonom hinein pinkeln, gelegentlich wieder zurück pinkelt. Das, was Sie als grösste Errungenschaft des 20JH bezeichnen, steht nämlich bekanntermassen sowohl philosophisch wie auch soziologisch auf äusserst wackligen Beinen und wurde eigentlich schon diskreditiert bevor es sich selber zur grössten Errungenschaft erkoren hat – mitunter auch von innerhalb der (Nobel)Ökonomie selbst.

            Ausserdem kann ich Ihrem oben angedeuteten Objektivitätsanspruch und die damit implizierte Methodenhoheit aus Sicht einer anderen sogenannten Königsdispziplin, die allerdings einige Jahrtausende Demütigung mehr auf dem Buckel hat, nur müde belächeln.

            Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich kann und möchte die Errungenschaften Ihrer eigenen Subdisziplin nicht anfechten. Aber bei deren Einbettung in einen relevanten Kontext haben leider noch andere, mitunter auch Laien, die ja unmittelbar davon betroffen sind, ein Wörtchen mitzureden. Wenn Ihnen das nicht passt, hätten Sie wohl lieber Mathematiker als Sozialwissenschafter werden sollen.

          • Oliver sagt:

            Das mit den Axiomen habe ich natürlich nicht selber erfunden. Siehe bspw. Paul Davidson, Tony Lawson oder auch das im Namen gelinkte Paper.

            Und wenn ich mir das von Ihnen gelobte Paper von Epstein & Schneider anschaue, sehe ich durchaus Relevanz dieser Kritiken.

            A common theme is that ambiguity averse agents choose more conservative positions, and, in equilibrium,
            command additional “ambiguity premia” on uncertain assets. Ambiguity aversion can thus help to account for position and price behavior that is quantitatively puzzling in light of subjective expected utility (SEU) theory. Moreover, in dynamic settings, ambiguity averse agents may adjust their positions to account for future changes in ambiguity, for example due to learning. This adds a new reason for positions to differ by investment horizon, and, in equilibrium, generates time variation in premia.

            Es ist begrüssenswert, dass den Agenten Lernfähigkeit und andere realitätsnahe Eigenschaften eingehaucht werden, aber dies 2010 als neue Erkenntnis zu feiern ist schon ein starkes Stück. Aber die grundlegenden methodologischen Probleme, vor allem bei der Skalierung von Einzelagenten zum Gesamtsystem (nicht nur Teilen davon), sind damit trotzdem nicht behoben. Ich fürchte, ohne hierzu als nicht Mathematiker eine qualifizierte Aussage machen zu können, dass dies ein der jeweligen Methodik inhärentes, mit dieser selber also nicht zu lösendes, Problem ist. Deshalb: Methodenvielfalt!

          • Oliver sagt:

            Kennen Sie diesen Vortrag von Ken Binmore?

            http://else.econ.ucl.ac.uk/papers/uploaded/266.pdf

      • @Ambuehl, @Baer. Ja genau, die Ökonomie wieder auf rigorose Grundlagen stellen.
        Es gab eine Zeit, da war in der Mathematik die Null noch gar keine Zahl und viele reale Phänomene konnten gar nicht auf eine “rigorose Grundlage” gestellt werden. Und so entstanden Diskussionen unter Gelehrten, wie die zwischen Ihnen. Beide wollen dasselbe. Aber man kann diskutieren, wie man will, man kommt nicht auf einen grünen Zweig – weil eben die Zahl Null für die rigorose Grundlage fehlte.
        In Analogie zur fehlenden Zahl Null behaupte ich, dass heute ein fundamentales mathematisches Objekt fehlt, damit man die Ökonomie überhaupt auf eine rigorose Grundlage stellen kann. Es handelt sich um den Begriff “Komplementärpole” im Sinne von Yin und Yang als Ganzheit. Yin und Yang ist hier nicht Esoterik, sondern bedeutet das Unfassbare und Fassbare. Alles ist heute auf das Fassbare ausgerichtet, auf Fakten beruhend eben, weil ja das Unfassbare per Definition formal nicht fassbar ist (Animal Spirits gehört z.B. zum Yin und nicht zum rationalen Yang). Über Komplementärpole kann man das Unfassbare aber fassbar machen, weil dann das Yin in der Gesetzmässigkeit – im “wenn, dann” – einen festen Platz hat (wie die Zahl Null).
        Schliesst man Yin über Komplementärpole ins Kalkül ein, so beginnt man in geschlossenen Kreisläufen zu denken und man kommt tatsächlich auf ein “simple but practical economicTemplate” – wie es Ray Dalio ausdrückte. Dalio denkt so, nur erklärt er es mechanisch, weil niemand Yin versteht.

        • Baer sagt:

          @ Kupper. Ich bin mit dem einverstanden, was Sie sagen. Die heute anerkannte Definition von Ökonomik stammt von Lionel Robbins: “Economics is the science which studies human behaviour as a relationship between ends and scarce means which have alternative uses.” Das Problem dieser Definition ist, dass sie kein Forschungsobjekt definiert, wie Sie richtig anmerken. Es ist bloss eine Art, die Welt anzusehen. Jede andere Wissenschaft definiert sich über ein Forschungsobjekt, ausser der Ökonomik. Das hat dazu geführt, dass Ökonomen die marginale Methode auf alle möglichen Forschungsfelder anwenden, und dann behaupten, das sei jetzt “Ökonomie”.

          Ich denke aber doch, es gibt heute bessere Alternativen, die jedoch wenig bekannt sind. Ein Hauptproblem ist, dass junge Menschen, die heute Ökonomie studieren gehen, sich für ihre Karriere interessieren, nicht für Ökonomie.

          • Das Karrieredenken ist tatsächlich ein Übel, wenn es Überhand gewinnt, weil es mit Gier einhergeht. Sich einer Sache zu verpflichten, um daraus eine reale Wertschöpfung zu kreieren, geht dadurch verloren. Der Karrierist ist sich selbst verpflichtet und die Sache dient ihm nur noch als Mittel zum Zweck, solange es seinem Ego dient. Wer sich hingegen einer Sache verpflichtet, stellt sein Ego vorerst in den Hintergrund und schaut, dass er aus der Sache ein Produkt entwickelt, das vielen dient und nachgefragt wird. Schafft er das Produkt und dessen Nachfrage, dann erhält er seinen Lohn. Das ist die Basis der Ökonomie.
            Nun kann man das Karrieredenken aber nicht aus der Welt schaffen und es wäre fatal, wenn es fehlte. Es ist Teil der Ökonomie. Auf hoher Abstraktionseben findet sich derselbe Sachverhalt in der Natur wieder: Das Yin ist dem Nachwuchs verpflichtet – evolutionär für die Wertschöpfung. Das Yang hingegen ist der Jagt verpflichtet – evolutionär für die Karriere. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Männchen brütet und das Weibchen jagt, oder abwechselnd oder wie auch immer. Deshalb abstrakt Yin Yang, denn das eine kommt nicht aus ohne dem andern.
            Aber das Karrieredenken in heutiger Zeit hat total Überhand gewonnen, ausserhalb jeder vernünftigen Schwankungsbandbreite, wie sie richtig bemerken.
            Sie sprechen alternative Modelle für die Ökonomie an, die wenig bekannt sind. Ich habe bisher keines gefunden, das praktisch wäre und auf dem fundamentalen Yin-Yang-Gesetz beruht.

          • Baer sagt:

            @ Kupper. Ich denke nicht, dass Karrieredenken angeboren oder nötig ist. Ich kenne sehr viele Leute, die diesen Drang nicht haben, und ich bin auch nicht sicher, ob die Welt ohne Karrieregier besser wäre oder nicht. Die alternativen Modelle sind mit dem Namen verlinkt, aber es sind wahrscheinlich nicht diejenigen, die Sie suchen.

          • Taric Trent sagt:

            Die Knappheit ist der Wert in der bürgerlichen Ökonomie, von der Grenznutzentheorie bis zur Rechtfertigung von Konkurrenz und der Konstruktion von Menschenbildern. Die Knappheit ist erfunden um die Arbeitswertlehre ignorieren zu können und moderne Ökonomie kündet sich damit an, dass sie die Arbeit nicht als Element der Ökonomie verstehen oder betrachten will, ganz einfach indem sie das Wirtschaften als Umgang mit knappen Gütern definiert. Damit ist das Geld schon eingeführt und vorausgesetzt (Ein Tauschmittel von Knappheit) und man kann gleich zum Gegenstand der VWL schreiten, der Kostenkakulation. Die Essenz der Wirtschaft, die Produktion von Wert und die Ausbeutung der Arbeitskraft ist damit vornehm hinter dem Vorhang geblieben und auf der Bühne tanzen Geldsummen die Apologie der kapitalistischen Konkurrenz. Alles und jedes wird als Geldvermehrer betrachtet, das hat sich sogar durch die anderen Geisteswissenschaften fortgepflanzt und den Arbeitern wird heute empfohlen ihr Humankapital zu vergrössern. Diese begriffslose Ignoranz heutiger Geisteswissenschafter gegenüber den Produktionsfaktoren und der Systematik der Wertproduktion findet ihre Entsprechung in der kompensatorischen Anbetung von exakten Modellen und mathematischen Gleichungen und ihre Gesichts- und Höhepunkt in der staatlichen Gesamtrechnung einer Nation. Es endet nicht nur jeder Wirtschaftswissenschafter als interessierter Kapitalist, sondern auch als brutaler Nationalist bereit zur Verarmung der Besitzlosen.

        • Josef Marti sagt:

          Das ist ja nicht zu fassen.

          • Alain Wolf sagt:

            Karrieredenken gibt es in allen Bereichen und ist mehr oder weniger immer zu einem Teil für Fortschritt verantwortlich. Aber anders als zum Beispiel in der Medizin, die dem Wohlergehen des Menschen verschrieben hat, hat sich die Ökonomie dem Wohlergehen des (eigenen) Geldbeutels verschrieben. Dadurch bekommen Erfolg und Karriere eine andere Dimension, weil wir es gewohnt sind Anerkennung in der selben Form zu ernten, die hier auch das eigentliche Forschungsobjekt sind.

            Das mit dem Ying und Yang hört sich gut an, aber mir fehlt dabei auch hier, die Tatsache dass Ökonomie meiner Meinung nach so oder so unwissenschaftlich ist. Es werden keine Naturphänomene beobachtet sondern von Menschen gemachte Systeme, die von der Komplexität her betrachtet, schwerer voraussehbar sind als das Wetter. Man schaue sich nur schon den Klimastreit an, ob und zu welchem Grad der Mensch in die hoch-komplexe Natur des Wetters eingreifen kann, und ob und wie er nun dazu Massnahmen ergreifen soll.
            Die Ökonomie ist dagegen nicht nur vollständig von Menschen gemacht, sondern seine Erforschung zielt darauf ab , mit besseren Erkenntnissen mehr Profit daraus zu schlagen. Damit verändert die Anwendung der Forschungsergebnisse wiederum direkt sein eigenes Forschungsobjekt.

            Das Video hat mir auch gefallen. Geblieben ist die Frage, ob wir uns nicht einfach auf die gerade Linie des Produktivitätszuwachses beschränken könnten und die ganzen langen und kurzen Wellenberge und -Täler einfach abschaffen könnten.

        • Sandro Ambuehl sagt:

          Animal Sprits zu quantifizieren ist genau das was wir behavioral economists tun. Ich stimme mit Ihnen ueberein, dass das sehr wichtig ist (sonst haette ich mich nicht darauf spezialisiert). Aber der Begriff “unfassbar” ist nicht angemessen, weil das ja bedeuten wuerde dass man das nicht studieren kann – doch das kann man sehr gut.

          Dass es in diesem Bereich noch viele offene Fragen gibt ist nicht anzuzweifeln, aber das bedeutet keineswegs dass die heutige Oekonomie als ganzes schecht ist. Es ist ja auch nicht so dass die Mathematik als ganzes schlecht ist, weil noch immer niemand weiss ob die Riemannsche Vermutung richtig ist oder nicht.

          Insbesondere bedeutet es auch nicht, dass man besser “alternative Modelle” anschauen sollte, als die existierenden Modelle, die sich schon viel besser bewiesen haben als die alternativen, von denen man eine viel bessere Ahnung hat wo sie funktionieren und wo nicht. Aber ich sehe weshalb jemand in Versuchung kommen koennte so zu argumentieren, wenn man selbst noch kein rigoroses oekonomisches Modell erstellt hat, und deshalb die Myriaden kleiner Pitfalls nicht kennt, in die man mit einem voellig neuen Modell treten kann.

          • Baer sagt:

            @ Ambühl: Sie betreiben Gattopardo Economics. Stillstand durch die Illusion des Fortschritts. Natürlich sollte man möglichst viele Alternativen testen, was sonst?

            Snowdon and Vane (2005, S.5) sagen in diesem Zusammenhang: “the coexistence of alternative explanations and views is a sign of strength rather than weakness (as they) provide a vehicle for improved understanding whereby the effort to comprehend alternative views forces economists to re-evaluate their own views”. Wie kann man hier dagegen argumentieren?

            Ich warte noch auf eine einzige Erkenntnis der Mikro (und der dominanten Makro), welche gleichzeitig wenig umstritten und nicht-trivial ist. Bis jetzt habe ich keine einzige gefunden, nach X Jahren Studium. Alles bewegt sich auf der Ebene Cliché-Bestätigung und Spekulation.

          • Sandro Ambuehl sagt:

            Ok, hier ein Beispiel aus der Mikro, welches mittlerweile in vielen Maerkten (medical residencies, school choice, market for law clerks etc.) in der Praxis implementiert wurde: Es gibt n Studenten welche diesen Sommer die medical school beenden und eine residency suchen. Es gibt m Spitaeler, die je eine residency anbieten. Jeder Student hat Praeferenzen ueber Spitaeler, und jeder Spital hat Praeferenzen ueber Studenten. Finde einen Algorithmus der jeden Studenten einem Spital zuordnet, der paarweise stabil ist in folgenem Sinne:

            Es gibt keinen Studenten i und keinen Spital j, so dass Student i nicht Spital j zugeordnet ist, aber sowohl Student i weniger zufrieden ist mit dem Spital den er zugeordnet kriegte, als er mit Spital j waere, und gleichzeitig Spital j weniger zufrieden ist mit dem Studenten den es zugeordnet kriegte, als es mit Student i waere.

            Ausserdem, unter welchen Annahmen an den Strategieraum der oekonomischen Agenten ist paarweise Stabilitaet in diesem Sinne eine genuegende Bedingung dafuer, dass alle Agenten in diesem Algorithmus teilnehmen wollen, und nicht dezentralisierte Vertraege abschliessen (i.e. die Teilnahme in ihrem Eigeninteresse ist)?

            Fuer die Antworten auf diese Fragen wurde letztes Jahr der Nobelpreis vergeben.

          • Sandro Ambuehl sagt:

            … und die klassische Antwort auf Ihre Frage wurde von Samuelson gegeben: Die Theorie des komparativen Kostenvorteils. Nicht-trivial weil sie sehr viele Leute nicht verstehen, und absolut unumstritten.

          • Baer sagt:

            @ Ambühl. Das ist zwar ein gelungenes Beispiel, aber die Frage ist: Ist das Ökonomie? Ist das nicht einfach ein mathematisches Problem? Nehmen wir das Königsberger Brückenproblem und die Lösung durch Euler. Sie können es “ökonomisch” unformulieren: Sie haben sieben Brücken und müssen einen Weg finden, wie Sie die Laufdistanz (Input) minimieren und trotzdem über alle Brücken laufen. Das Problem ist gelöst worden. Ist es eine ökonomische Lösung? Das wäre absurd. Nicht jede mathematische Lösung eines praktischen Problems ist gleich ein ökonomisches Modell. Das Problem ist, dass Ökonomen kein Forschungsobjekt definieren.

            Meine Anspielung bezog sich natürlich auf das berühmte Samuelson Problem, Sie kennen es also. Das Modell des komparativen Kostenvorteils lasse ich aus folgenden Gründen nicht gelten: Laut vielen bekannten Wirtschaftshistorikern und Entwicklungsökonomen (Paul Bairoch, Ha-Joon Chang) haben sich ALLE heute reichen Länder entwickelt, indem sie ihre jungen Industrien geschützt haben. Die Schweiz und Holland werden manchmal als Ausnahmen genannt, aber auch hier hatte es viele staatliche Privilegien. Zweitens IST das Modell sehr wohl trivial. Das Modell geht zwar von zwei Ländern aus, aber es könnte sich gerade so gut auf zwei Individuen beziehen, die sich spezialisieren, oder auf zwei Nachbardörfer. Dass es effizient ist, dass sich jeder auf etwas spezialisiert, weiss man seit Jahrhunderten. Drittens bricht das Modell mathematisch zusammen bei n Gütern und n Ländern.

          • Sandro Ambuehl sagt:

            Das matching-problem ist sehr wohl Oekonomie: Die Frage in diesem Problem ist, wie kann man knappe Gueter (die Spitaeler und Studenten) den oekonomischen Agenten (die Studenten und Spiealer) zuteilen, so dass ein “gutes” Ergebnis herauskommt. Ausserdem ist dieses Beispiel ein Spezialfall der Auktionstheorie in welchem Preise fixiert sind. (Der allgemeinere Fall in welchem Preise variabel sind ist dann das Gebiet der Combinatorial Auctions)

            Ein anderes Beispiel fuer nicht-trivial und allgemein akzeptiert ist Arrow’s Unmoeglichkeitstheorem (das ist extrem interessant, ich empfehle Wikipedia). In der gleichen Literatur finden sich auch andere sehr interessante und nicht triviale Theoreme, wie zB Myersson-Satterthwaite.

            Dieser Teil der Oekonomie benutzt (wie jeder andere Teil der modernen Oekonomie auch) Mathematik als Sprache. Deshalb kann man natuerlich immer sagen, das sein nun “einfach Mathematik”. Aber erstens ist es ja egal wie man diese Dinge benennt, und zweitens, wenn mir das “mathematische” Resultat sagt, wie man knappe Gueter allozieren soll, wie man Preissezungsmechanismen und Vertraege gestalten soll, etc., und das nicht Oekonomie ist, dann weiss ich nicht, was Oekonomie dann sonst sein soll.

          • Baer sagt:

            Das ist ja das Problem. Die Ökonomie ist die EINZIGE Wissenschaft, die sich nicht über ihr Forschungsobjekt definiert. Du hast meine Frage nicht beantwortet: Wenn das Königsberger Brückenproblem von einem Ökonomen gelöst worden wäre, würdest du dann sagen, es wäre ein ökonomisches Theorem? Schliesslich geht es auch auf eine Art um “effiziente Prozesse” und Allokation. Die Frage ist durchaus wichtig. Solange die VWL ihr Forschungsobjekt nicht definiert hat, ist es gar nicht möglich, von einer ökonomischen Wissenschaft zu sprechen. Es ist mehr ein Kult, eine Gruppe von Menschen, die eine mathematisch definierte Methode auf irgendwelche gesellschaftliche Probleme anwenden. “Matching-Prozesse” seien ökonomisch, sagst du, à la Gary Becker. Alles im Leben kannst du als Matching-Prozess definieren, das ist extrem schwammig. Wenn ich lese, gibt es in meinem Kopf X matching Prozesse von neuem und alten Wissen. Ist also Neorologie auch Ökonomie? Ich bitte dich. Ich sage nicht, dass Arrow und all die anderen keine interessanten Einsichten in soziale Prozesse bieten. Solange die Wissenschaft aber bei Lionel Robbins’ Definition von Ökonomie bleibt, sind wir keine Wissenschaft, sondern eine Glaubensgemeinschaft, so weh mir das als Ökonom tut. Eine bessere Def.: ÖKONOMIE IST DIE WISSENSCHAFT VON PRODUKTION UND TAUSCH. Beides sind monetäre Phänomene mit exaktem Charakter, da Transaktionen exakt sind. Und Transaktionen und Zahlungssysteme können nicht mit Formeln verstanden werden.

          • Sandro Ambuehl sagt:

            Wie gesagt, ich sehe nicht weshalb es produktiv sein sollte ganz genau zu umreissen was Oekonomie denn ist.

            Und wegen des Brueckenproblems: ein Zweig der Mathematik der daraus erwachsen ist ist die Graphentheorie. Diese hat unter dem Titel “economics of networks” viele Anwendungen gefunden, die Fragen beantworten wie (i) welche finanziellen Netzwerke sind strukturell stabil? (ii) wie kann man in Entwicklungslaendern technologisches Wissen effizient verbreiten, so dass effizienter produziert werden kann, etc. Ist das Brueckenproblem deswegen Oekonomie? Wahrscheinlich nicht. Ist die Anwendung von Graphentheorie auf Fragestellungen wie die obigen Oekonomie? Definitiv.

            Sie haben noch nicht argumentiert weshalb Transaktionen und Zahlungssysteme nicht mit Mathematik verstanden werden koennen, sie haben lediglich diese Aussage wiederholt gemacht. Ausserdem haben sie kein Beispiel gegeben was genau man denn wie genau besser verstehen kann.

            Wenn sie das koennen, interessiert es mich das zu lesen. Jedenfalls ist dies aber mein letzter Beitrag zu dieser Diskussion.

          • Taric Trent sagt:

            “ich sehe nicht weshalb es produktiv sein sollte ganz genau zu umreissen was Oekonomie denn ist.”

            Na dann gebe ich Ihnen doch gerne das Nudeleintopf-Rezept meiner Grossmutter, Herr Ambuehl! Sie mögen es in der nächsten Fachzeitschrift veröffentlichen, als Beitrag zu ihrer Disziplin.

            Die Diskutanten behaupten die Wirtschaftswissenschaft habe einen Nutzen oder keinen. Die Frage nach dem tauglichen Wissen zur Wirtschaft ist die Frage nach der Erklärung der Phänomene gesellschaftlicher Produktion, Wirtschaft: Was ist ein Preis, Lohn, Gewinn, Geld, Kapital, Rente usw.? Gibt die Wirtschaftswissenschaft darauf Antworten und taugen diese etwas, sind sie konsistent miteinander, verhalten sich die wirtschaftlichen Dinge so wie es die Erklärung sagt oder nicht, führt sie diese auf bereits Begriffenes zurück oder baut sie neue Schimären? Das ist der Masstab der Beurteilung ob es sich um Humbug oder Wissenschaft handelt, in der Wirtschaft wie in der Chemie wie in der Biologie. Die Wissenschaft schafft Wissen über ihren Gegenstand oder sie ist nicht, so denn es Jedem ein Leichtes sein sollte zu Begründen warum man die Ökonomie nicht in Bausch und Bogen verwerfen soll, indem er sein gelerntes Wissen demonstriert. Tatsächlich können die wenigsten Wirtschaftswissenschaftler überhaupt erklären was ein Lohn ist, was der Lohn eigentlich kauft, das liegt aber nicht an der Disziplin selbst, sondern an ihren heutzutage lumpigen Vertretern.

          • Sandro Ambuehl sagt:

            Das *ganz genau* zu umreissen ist was nicht produktiv ist. Das heisst nicht, dass es nicht ein bisschen etwas bringt wenn es mehr oder weniger so was wie ein Konsensus gibt was definitiv nicht in eine Fachzeitschrift oder an ein Seminar gehoert.

            Wenn sie mit “Wirtschaftswissenschafter” jeden meinen, der irgendwann irgendwo mal ein Liz in Oekonomie gemacht hat, haben sie moeglicherweise recht. Die Oekonomen die tatsaechlich die Wissenschaft voranbringen, wie die meisten meiner Kollegen hier in Stanford, koennen Ihnen jedoch sehr gut sehr schluessige und konsistente Antworten auf ihre Fragen geben. (Ob dann jedermann diese Antworten versteht ist natuerlich eine andere Frage.)

          • Baer sagt:

            @ Trent. Einverstanden. @ Ambühl. “Uni-Namedropping” nützt nichts in einer Zeit, in der niemand ausser Ökonomen die Ökonomen noch ernst nimmt. Tipp für ein “wirkliches” VWL Buch: Macroeconomic foundations of macroeconomics von Cencini; Money and Payments in Theory and Practice von Rossi; Modern Monetary Macroeconomics von Rochon und Rossi. Quantitativ exakt, rigoros, falsifizierbar. Richtige VWL mit einem klar definierten Forschungsgegenstand.

    • @Baer

      Ich bin nicht sicher, ob Ihre Ansicht stimmt, dass dies dem ökonomischen mainstream entspricht. Die Grafik mit den Schuldenspitzen um 1930 und 2008 entspricht exakt jener des anti-mainstream post-keynesianischen Heretikers Steve Keen, mit welcher er die Krise 2008 vorhergesehen hatte (Schulden vs GDP). Im mainstream (Neoklassik) kommen ja Schulden (Kredit, Banken, Kapitalisten) offenbar überhaupt nicht vor, denn Schulden sind nur verschobener Konsum, und dies ist ja sogar die Ansicht von eher links-liberalen proto-mainstream Ökonomen wie Krugman.

      Auch wenn Sie ihr VWL Studium schon vor Jahren abgeschlossen haben, möchten Sie vielleicht noch “The Economics Anti-Textbook” von Rod Hill und Tony Myatt lesen. Darin wird mit der Behauptung abgerechnet, Ökonomie sei eine wertefreie Wissenschaft. Tatsächlich ist es eher eine “Kunst der Rhetorik” (McCloskey), also letztlich Indoktrination und Propaganda. Oder in den Worten der Ökonomin Joan Robinson: “The purpose of studying economics is not to acquire a set of ready-made answers to economic questions, but to learn how to avoid being deceived by economists”.

      In diesem Sinne finde ich das Video des Hedge-Fund-Managers geradezu erfrischend ehrlich und aufschlussreich.

      • Baer sagt:

        Das mit den Schulden ist ein alter Hut, Hyman Minsky hat ja viel darüber geschrieben, und der ist schon lange tot. Einige haben einfach energischer auf die Schuldenproblematik hingewiesen, Dean Baker beispielsweise, oder Wynne Godley. Sie haben aber Recht, dass Neoklassiker Schulden nicht verstehen. Geld ist in ihren Modellen einfach ein exogen eingeführtes Gut, welches dann umherzirkuliert. Interessant: In allen neolkassischen Modellen kommen keine negativen Zahlen vor (Schulden). Hill und Myatt muss ich mir mal anschauen, ich kenne die nicht. Joan Robinson hingegen kenne ich recht gut.

  14. Albert Baer sagt:

    Aus dem Video:

    Banken wollen aus Ihrem Geld mehr Geld machen. Sie suchen sich also Kreditnehmer für ihre Kredite, für die sie dann eine Rendite bekommen. Kreditnehmer suchen Banken die ihnen Kredite gewähren. So weit so gut.

    Aber:
    Je kreditwürdiger der Kreditnehmer (Ausfallrisiko klein/null) desto weniger Zins können die Banken verlangen und desto weniger Rendite haben sie auf ihren Krediten. Je kreditunwürdiger ein Kreditnehmer desto höher der Zins und somit die Rendite aber auch das Ausfallrisiko.

    Die Banken sind also Schuld an der Überschuldung durch ihre Gier nach Rendite.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Das ist Quatsch: je kreditunwürdiger jemand ist, umso höher steigen die Zinssätze, die das Ausfallrisiko abdecken. Bestes Beispiel sind die Kleinkredite: viel Arbeit für geringe Beträge und einges an Ausfallrisiko – ergo hohe Zinssätze.
      Und: die Banken bieten zwar Kredite an, die Wünsche ihrer Kunden weckt jedoch die allgemeine, reale Wirtschaft in Form von Autowerbung, Reisen, tolles Wohnen. Man kann natürlich alles und jedes den “bösen” Banken anlasten, aber nur, wenn man die Realität ausblendet.
      Ihr Votum sticht auch nicht, weil ja die Zentralbanken darüber klagen, dass die Banken das billige Geld eben nicht in hochspekulative Anlagen, sondern in Staatsanleihen parkieren.

      • Albert Baer sagt:

        @Rothacher

        Das Geschäftsmodell der Banken mittels Krediten aus Geld mehr Geld zu machen ist schädlich für die Wirtschaft. Kommt dazu, dass ja auch Banken ihre Renditen jährlich steigern wollen/müssen. Rendite ist beim Kreditgeschäft aber immer ans (Ausfall)Risiko gebunden, eine Steigerung der Rendite immer an eine Steigerung des (Ausfalls)Risikos.
        Der Renditesteigerungszwang im Kreditgeschäft führ also über kurz oder lang immer zu Fehlentwicklungen.

    • Cornelis Bockemühl sagt:

      Nein, das ist nicht Quatsch, sondern das beschreibt doch das Verhalten eines maximal optimierenden Finanzinvestors!

      Dem geht es um Rendite, und drum sind sichere Anlagen in solide Wirtschaftsunternehmen oder stabile Staatsanleihen uninteressant – wegen zu niedrigen Zinsen. Klar steigt mit den Zinsen dann auch das Ausfallrisiko, aber da lohnt es sich dann doch zu spekulieren! Beispielsweise sind die folgenden Szenarien doch ausserordentlich vorteilhaft:

      – Ein Land wie Griechenland oder Portugal ist EU-Mitglied, aber man kann immernoch behaupten, Darlehen seien “riskant” – und entsprechend viel höhere Zinsen verlangen als z.B. von Deutschland. De facto kann man dann aber darauf vertrauen, dass die EU die Darlehen dennoch praktisch garantiert, sodass der Investor zwar eine höhere Rendite, aber kaum noch ein Risiko hat! EU und Weltbank sorgen dann dafür, dass die betreffenden Länder wirklich bis zum letzten Cent leergepresst werden bevor ein Investor “bluten” muss; man nennt das dann zynischerweise “Griechenland-Hilfe”. Ähnlich wie die De-Facto-Staatsgarantie der Grossbanken.

      – Auch ganz miserable Schuldner können interessant sein: Geht einer nach rund 4 Jahren pleite (=Totalausfall des Kredits), aber vorher konnte man 30-40% Zins herauspressen, dann ist das immernoch ein Gewinn gegenüber dem Kredit an einen “seriösen Gläubiger”! (Ein altmodisches Wort dafür ist “Wucher”).

      Kurz: Aus diesen Gründen rennen die Banken den schlechten Gläubigern die Türen ein, nicht den guten!

      • Urs Lehmann sagt:

        Natürlich kann man sich darauf verlassen, dass die EU für Griechenland einspringt. Und für Spanien, Portugal, und Italien. Und Irland. Und Frankreich. Und auch für Deutschland. Oops, spätestens an diesem Punkt dürfte klar werden, dass irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte dann auch klar werden, dass der vermeintlich supertolle Schuldzins eben doch zu wenig war.

        Ein derartiges Szenario scheint sehr unwahrscheinlich zu sein. Aber eben nicht unmöglich, und genau da liegt der Hund begraben. Genaueres weiss man erst im Nachhinein, und daran krankt auch Ihr Beispiel mit dem Wucherkredit, Sie urteilen “ex post”.

        Oder um es anders zu formulieren, für welchen Prozentsatz Ihres Depots haben Sie während der Griechenlandkrise griechische (Staats-)Obligationen oder ähnliches gekauft?

        • Cornelis Bockemühl sagt:

          Spekulieren ist nie sicher: klar kann man nicht zum Voraus wissen wie lange ein Gläubiger noch zahlen kann! Man geht beim spekulieren natürlich ein gewisses Risiko ein – und es hängt vom Geschick und der richtigen Nase ab ob man am Ende gewinnt.

          Ich will doch nur sagen: Die Leute handeln nicht irrational, sondern völlig dem Ziel verpflichtet, Renditen zu maximieren.

          • Urs Lehmann sagt:

            Mir scheint, das eigentlich “explosive” an diesem Video wird viel zu wenig beachtet: Ein Multimilliardär fordert im Grunde höhere Steuern für die Reichen!

            Nachdem Obama mit seinem Ansinnen, die von GWB eingeführten Steuerleichterungen rückgängig zu machen bzw. nicht zu verlängern, gescheitert ist, erhält er ausgerechnet aus dieser Ecke Unterstützung. Ob es reiner Zufall ist, dass dieses Video so kurz nach dem Shutdown publiziert wird?

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