Das «Trio Infernal» in Südeuropa

SCHULDENKRISE, RETTUNGSPAKET, FINANZKRISE, WIRTSCHAFTSKRISE, SPARPROGRAMM, STAATSBANKROTT, EUROKRISE,   KRISE EURO

Europa ist mit der schlimmsten humanitären Krise seit sechs Jahrzehnten konfrontiert: Kinder stehen bei der Suppenküche einer griechischen Hilfsorganisation in Athen Schlange.

In der heissen Phase der Eurokrise, die vom Frühling 2010 bis Sommer 2012 dauerte, orientierten sich alle an den Renditen der Staatsanleihen. Gingen sie aufwärts, nahm die Nervosität zu, sanken sie, meldeten sich die Optimisten zurück.

Seit dem beherzten Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) eignet sich dieser Indikator jedoch nicht mehr als Fiebermesser. Es ist deshalb schwieriger geworden, sich ein klares Bild über die Krisendynamik zu verschaffen. Alle klassischen Indikatoren weisen gewisse Mängel auf:

  • Die Arbeitslosigkeit wird nicht einheitlich gemessen. So zählen zum Beispiel die spanischen Ämter bei der Messung der Jugendarbeitslosigkeit alle Jugendlichen, die nicht arbeiten, d.h. auch solche, die sich noch in der Ausbildung befinden. Die Zahl lässt auch offen, wie viele Personen bereits aus der Arbeitslosenkasse gefallen sind, weil sie keine Stelle gefunden haben.
  • Auch die BIP-Zahlen sind ungenau. Sie werden im Nachhinein oft stark korrigiert, und aufgrund eines einzigen Quartals lassen sich keine Aussagen machen.
  • Schliesslich kann auch das Wachstum der Staatsschulden in die Irre führen. In Spanien zum Beispiel ist die Privatverschuldung wichtiger für die Krisendynamik, und bei der Berechnung der Staatsschulden lassen sich allerlei Tricks anwenden. Der Staat hat diverse Konten, die ausserhalb der Bilanz verbucht werden, darunter die Sozialversicherungen.

Weil es nicht ganz einfach ist, den Überblick zu behalten, sind Publikationen wie der jüngst erschienene Global Financial Stability Report des IWF hoch willkommen. Die halbjährliche Publikation enthält viele Daten und Grafiken, die man als Einzelner nicht so schnell zusammenstellen kann (ganzer Bericht).

Aus europäischer Sicht ist das Kapitel über die gegenseitige Abhängigkeit von Banken, Firmen und Staaten am interessantesten – und auch am besorgniserregendsten (ab Seite 31). In Südeuropa bremsen sich überschuldete Staaten, geschwächte Banken und unprofitable Firmen gegenseitig. Es handelt sich um ein regelrechtes «Trio Infernal»:

  • Die hohen Staatsschulden erhöhen die Refinanzierungskosten der Banken und der Firmen. („higher funding costs“ und „higher corporate yields“)
  • Schwach kapitalisierte Banken erhöhen die Eventualverbindlichkeiten des Staates (v.a. Kosten für die Stützung der Banken) und die Kreditkosten der Firmen. („increased sovereign contingent liabilities“ und „constrained lending, higher interest rates on loans“)
  • Verschuldete Firmen mit geringer Rentabilität schwächen das Wirtschaftswachstum, was die Staatsschulden weiter ansteigen lässt, und erhöhen den Anteil der faulen Kredite in den Büchern der Banken. („weaker economic growth“ and „higher nonperforming loans, lender forbearance“)

Der Bericht enthält auch detaillierte Zahlen zu den Bilanzen der italienischen und spanischen Banken. Der Anteil der faulen Kredite ist stetig angestiegen, weil die Firmen immer stärker in die Verlustzone geraten sind. Die Nachfrage bricht immer mehr weg, und die Reserven sind allmählich aufgebraucht. Italien und Spanien sind die Achillesfersen der Eurozone. Wenn eines dieser Länder ausfällt, ist die ganze Eurozone in Gefahr.

Unter solchen Umständen ist ein Aufschwung unmöglich. Ganz Südeuropa ist in einer Depression gefangen. Es handelt sich um einen schleichenden Abstieg, der den Lebensstandard immer weiter nach unten drückt. Die Hoffnung der Euro-Länder, dass das Leiden irgendeinmal ein Ende haben wird, ist nicht gerechtfertigt. Ohne einen politischen Kraftakt wird sich nichts ändern.

Dass Grund zur Sorge besteht, zeigt auch ein neuer Bericht der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC), auf die ein Leser unseres Blogs hingewiesen hat. So haben 43 Millionen Menschen in Europa nicht die Möglichkeit, sich aus eigenen Mitteln mit Essen zu versorgen. Der Generalsekretär der IFRC lässt sich mit folgenden Worten zitieren: «Europa ist mit der schlimmsten humanitären Krise seit sechs Jahrzehnten konfrontiert.»