Die Gefahr des Grossbankensystems in zwei Charts

Der Bankrott von Lehman Brothers wird am New Yorker Times Square vermeldet. 15. September 2008. (AP/ Mary Altaffer)

Der Beginn einer globalen Bankenkrise: Der Bankrott von Lehman Brothers wird am New Yorker Times Square vermeldet. 15. September 2008. (AP/ Mary Altaffer)

Am 15. September jährt sich der Kollaps der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers zum fünften Mal. Es war die gefährlichste Nahtod-Erfahrung für das globale Finanzsystem seit der Grossen Depression in den Dreissigerjahren.

Der Begriff «too big to fail» dürfte nirgends mehr fremd sein, in zahlreichen Ländern wurde in den letzten fünf Jahren eine Unmenge an neuen Regeln erlassen, um Aufsicht und Sicherheit im Finanzsystem zu erhöhen.

Bloss: Hat es auch etwas gebracht? Wir bleiben skeptisch; in diesem Blog haben wir schon mehrmals die Kritik aufgeworfen, dass die beschlossenen Schritte viel zu wenig weit gehen, um die Robustheit des globalen Finanzsystems effektiv zu erhöhen (wen es interessiert: hier, hier, hier und hier einige der wichtigsten Beiträge).

Ein Unfall wie Lehman könne wieder geschehen, vielleicht sogar bald, sagt William White, der ehemalige Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, in diesem sehr lesenswerten Interview, das mein Kollege Alexander Trentin mit ihm geführt hat.

Ohne das Thema an dieser Stelle nochmals komplett aufzurollen, nachfolgend zwei Grafiken, die aufhorchen lassen sollten. Sie stammen beide vom amerikanischen Ökonomen Alan M. Taylor (den wir bereits in diesem Beitrag vorgestellt hatten).

Die erste Grafik zeigt, zu welch historisch abnormaler Grösse das Bankensystem in den vergangenen dreissig Jahren angewachsen ist:

NMTM_Taylor_1_Sep13

Einige Erklärungen dazu: Die Daten in der Grafik wurden aus 14 bedeutenden Industrieländern für den Zeitraum von 1870 bis 2009 erhoben. Die grünen Punkte zeigen die breite Geldmenge (M2) in Relation zum Bruttoinlandprodukt (als Durchschnitt der 14 untersuchten Länder). Die blauen Punkte zeigen das ausstehende Kreditvolumen der Banken, ebenfalls in Relation zum BIP. Die roten Punkte schliesslich zeigen die gesamte Bilanzsumme der Banken in Relation zum BIP.

Die Grafik zeigt eindrücklich, wie das Wachstum der Geldmenge (grün), des Kreditvolumens (blau) und die Bankbilanzen (rot) bis in die 1970er-Jahre in etwa gleichläufig war. Auch in Relation zum BIP veränderten sie sich über die Zyklen nur unwesentlich, das heisst, sie alle expandierten ungefähr mit der gleichen Wachstumsrate wie das BIP.

Ab etwa 1980 entkoppeln sich Kreditvolumen und Bankbilanzsummen aber von der Geldmenge und vom BIP. Das Kreditvolumen verdoppelt sich von rund 50 auf 100 Prozent des BIP, die Grösse der Bankbilanzen schiesst auf das Zweifache des BIP in die Höhe. Die Bankbilanzen expandieren deutlich stärker als das Kreditvolumen, was ein Indiz dafür ist, dass die Banken mit ihrer Bilanz allerlei andere Aktivitäten aufnehmen als bloss Kredite zu vergeben.

Nie in der modernen Wirtschaftsgeschichte war das internationale Bankensystem derart aufgebläht, und nie zuvor war die Wirtschaft auf derart viel Kredit gebaut (in diesem Blogbeitrag mehr zum präzedenzlosen Kreditaufbau in den letzten dreissig Jahren).

Und das wiederum bedeutet auch, dass die Kosten enorm hoch sind, wenn in diesem elefantesken Bankensystem etwas katastrophal schief läuft.

In den Jahren seit dem Untergang von Lehman wurde immer mal wieder der Ruf nach einer Wiedereinführung des Trennbankensystems laut, also eine Abspaltung vom Retail- und Geschäftsbanking von den riskanteren Aktivitäten in der Investmentbank. Wirklich umgesetzt wurde es jedoch nirgends, auch in der Schweiz nicht. Es wäre ein zu grosser Eingriff in die unternehmerischen Freiheiten der Banken gewesen, argumentierte etwa Jean-Pierre Danthine, Direktoriumsmitglied der Schweizerischen Nationalbank, vor einem Jahr in diesem Interview in der FuW.

Die folgende Grafik von Alan M. Taylor zeigt, weshalb das ein Fehler gewesen sein dürfte:

NMTM_Taylor_2_Sep13

Sie zeigt die Häufigkeit von systemischen Bankenkrisen über einen Zeitraum von mehr als 200 Jahren. Die blaue Kurve zeigt, in wie vielen Industrieländern (prozentualer Anteil aller Länder) in einem gegebenen Jahr systemische Finanzkrisen auftraten. Die rote Kurve zeigt das Gleiche für Entwicklungsländer.

So ist beispielsweise eindrücklich zu sehen, dass in den frühen 1930er-Jahren in fast 70 Prozent aller Industrieländer gleichzeitig systemische Bankenkrisen auftraten. Ebenfalls deutlich zeigen sich die zahlreichen systemischen Finanzkrisen in den Schwellenländern in den Achtziger- und Neunzigerjahren, als zeitweise 30 Prozent all dieser Staaten darunter litten (Lateinamerika- und Asienkrise).

Die Kernaussage der Grafik liegt aber in der Zeit zwischen den späten Dreissigerjahren und Ende der Siebzigerjahre. Während rund vierzig Jahren kam es in den Industriestaaten zu keiner einzigen systemischen Bankenkrise. Null.

Und das war – surprise! – genau die Zeit, als mit dem Glass-Steagall-Act in den USA das Trennbankensystem in Kraft war. Banker war der langweiligste Beruf, das Banking funktionierte nach dem 3-6-3-Prinzip: Man nimmt Spargelder zu 3 Prozent Zins, vergibt Kredite zu 6 Prozent und ist ab 3 Uhr nachmittags auf dem Golfplatz.

Ab den frühen Achtzigern wurde Glass-Steagall stufenweise gelockert, bis das Gesetz 1999 ganz fiel. Parallel dazu nahm auch die Häufigkeit von Finanzkrisen wieder zu.

Denkt jemand, dass das ein Zufall ist?

Hier noch zwei Links zu einem Thema in eigener Sache: Am heutigen 6. September jährt sich die Einführung der Franken-Wechselkursgrenze durch die Schweizerische Nationalbank zum zweiten Mal. Hier der Leitartikel meines Redaktionskollegen Andreas Neinhaus zu diesem historischen Ereignis. Und in diesem Beitrag gibt Neinhaus einen Überblick in fünf Grafiken zum Franken.