Die vielsagende Ruhe um Milton Friedman

Der Ökonom Milton Friedman. (Keystone)

Milton Friedman: Zwischenzeitlich heimatlos (Keystone)

Der verstorbene grosse Geldtheoretiker wird im jüngsten Ökonomenstreit nicht mehr oft genannt. Das liegt daran, dass er für die amerikanische Rechte zu viel mit der «anderen Seite» gemeinsam hat.

In den letzten Wochen hat in der internationalen Ökonomie-Blogosphäre eine interessante Debatte zum Thema stattgefunden, weshalb seit der Krise der Name von John Maynard Keynes (1883 bis 1946) immer mehr, jener von Milton Friedman (1912 bis 2006) dagegen deutlich weniger genannt wird (siehe etwa hierhier, hier, hierhier, hier oder hier).

Hätte man vor der Krise weltweit eine Umfrage mit der Frage gestartet, welches wohl die zwei einflussreichsten Ökonomen des letzten Jahrhunderts waren, wären bestimmt die Namen dieser beiden Ökonomen gefallen.

Die Thesen von Keynes und Friedman galten immerhin als die wichtigsten Eckpfeiler aber auch Antipoden in Bezug auf die makroökonomische Theorie, wie auch (damit verbunden) in Bezug auf die ideologische Grundhaltung. Hier stark zugespitzt, was damit gemeint ist:

  • Zuerst zum Kern des Unterschieds in der Theorie: Als Lehre von Keynes gilt in erster Linie, dass der Staat mit seinem Budget (Mehrausgaben oder tiefere Steuern) eine Krise bekämpfen soll, weil er so für die fehlende Gesamtnachfrage sorgen kann. Im Gegensatz dazu gilt als Kern von Friedmans Lehre die Aussage, dass der konjunkturelle Ausgleich nicht über das Staatsbudget, sondern durch die Geldpolitik der Notenbank erfolgen soll – durch deren Geldmengensteuerung.
  • Der ideologische Unterschied liegt darin, dass Friedman die Einflussmöglichkeiten des Staates in die Wirtschaft und in die Gesellschaft so weit wie möglich zurückbinden wollte. Auch deshalb wandte er sich klar gegen eine staatliche Konjunkturpolitik. Keynesianer haben dagegen zeitweise (vor allem in der Zeit von Friedmans wichtigstem Wirken in den 1960er und 1970er Jahren) die Ansicht vertreten, der Staat könne mit seiner Wirtschaftssteuerung fast nach Belieben gewünschte konjunkturelle Ergebnisse herbeiführen. Wie John Maynard Keynes eigene Schriften klar machen, hielt dieser selbst eine solche Vorstellung allerdings für Humbug.

Wie erwähnt, ist das stark zugespitzt, entspricht aber wohl der verbreiteten Ansicht über die beiden Ökonomen. Schaut man sich die Schriften und das Wirken der beiden etwas genauer an, sind die Unterschiede zwischen den beiden weniger ausgeprägt:

  • Keynes etwa war sich der Bedeutung der Geldpolitik sehr bewusst und hat (wie später Friedman) in den Fehlern der Zentralbanker einen wichtigen Grund für die Weltwirtschaftskrise gesehen. Aber in der Depression der 1930er Jahre hielt er die Geldpolitik angesichts der damals vorherrschenden Liquiditätsfalle (wenn das von den Notenbanken geschaffene Geld nicht im Wirtschaftskreislauf ankommt) anders als später Friedman für wirkungslos und er glaubte damals (fälschlicherweise), dass diese Impotenz der Geldpolitik auch in Zukunft anhalten würde, weshalb die Fiskalpolitik Vorrang behalten müsse.
  • Keynes war ausserdem alles andere als ein Sozialist; ihm ging es im Gegenteil um die Bewahrung der kapitalistischen Ordnung, die zu seiner Zeit für viele als gescheitert galt, weshalb rechte und linke Extremisten (Faschisten, Nationalsozialisten und Stalinisten) überall Zulauf erhielten. Anders als sie hielt Keynes das System nicht für gescheitert, da es seiner Ansicht nach mit etwas Konjunkturpolitik wieder ins Lot gebracht werden konnte.
  • Aber richtig ist: Keynes war gegenüber staatlichen Eingriffen in die wirtschaftlichen Abläufe nicht nur offener als Friedman: Für bestimmte Lagen – wie eine schwere Rezession – hielt er diese sogar für zwingend. Friedman dagegen wollte dem Staat so wenig Einfluss wie nur möglich einräumen. So wollte er selbst die konkrete Ausgestaltung der für ihn wichtigen Geldpolitik einer Notenbank eher fixen Regeln überlassen als dem Einschätzungsvermögen von Notenbankern (mehr dazu hier).

Dieser letzte Unterschied hat bis vor kurzer Zeit gereicht, dass Friedman der Lieblingsökonom der Rechten war und Keynes ab den 1980er Jahren jener der (sozialdemokratischen) Linken.

Doch seit der Krise hat sich das geändert. Bei der Rechten (vor allem in den USA) scheint die so genannte «Österreichische Schule» mit  ihrem wichtigsten Vertreter Friedrich A. Hayek (1899 bis 1992) Friedman weitgehend in der Bedeutungsskala verdrängt zu haben.

Der Grund ist, dass die US-Rechte mittlweile (wie schon immer die «Österreichische Schule») jegliche Konjunkturpolitik ablehnt, auch die Geldpolitik. Das gilt ganz besonders für die unkonventionellen Massnahmen wie das so genannte «Quantitative Easing» (QE), den Käufen von Staats- und verbrieften Hypothekenpapieren, um die Geldmenge auszudehnen. Leitzinssenkungen funktionieren nicht mehr, da die sich schon bei Null befinden. Der einstige republikanische Präsidentschaftskandidat und Gouverneur von Texas Rick Perry hat 2011 wegen diesen Käufen Fed-Chef Bernanke gedroht, in seinem Staat würde man ihn übel behandeln, wenn er da aufkreuzen würde.

Doch Friedman hat in einer ähnlichen Lage klar gemacht – jener in Japan – dass er exakt die gleiche Geldpolitik für eine Liquiditätsfalle mit Leitzinsen bei Null empfehlen würde. Die Hervorhebungen in allen folgenden Zitaten sind von mir. (Quelle: Brad DeLong’s Blog):

«As far as Japan is concerned, the situation is very clear. And it’s a good example… it shows how unreliable interest rates can be as an indicator of appropriate monetary policy. During the 1970s, you had the bubble period. Monetary growth was very high. There was a so-called speculative bubble in the stock market. In 1989, the Bank of Japan stepped on the brakes very hard and brought money supply down to negative rates for a while. The stock market broke. The economy went into a recession, and it’s been in a state of quasi recession ever since. Monetary growth has been too low. Now, the Bank of Japan’s argument is, ‚Oh well, we’ve got the interest rate down to zero; what more can we do?‘ It’s very simple. They can buy long-term government securities, and they can keep buying them and providing high-powered money until the high powered money starts getting the economy in an expansion. What Japan needs is a more expansive domestic monetary policy. The Japanese bank has supposedly had, until very recently, a zero interest rate policy. Yet that zero interest rate policy was evidence of an extremely tight monetary policy. Essentially, you had deflation. The real interest rate was positive; it was not negative. What you needed in Japan was more liquidity

Aus Sicht von Hayek und seinen Anhängern (und heute der US-Rechten) ist das aber eine sehr gefährliche Politik. Sie befürworten vielmehr, jede aktive Konjunkturpolitik zu unterlassen. Der Grund dafür in meinen Worten: Alles Fehlgeleitete muss aussterben, damit die gesunden Teile wieder wachsen können. Hier in den Worten von Hayek selbst (Quelle ist seine Vorlesungsreihe «Prices and Production» aus dem Jahr 1934 – mitten in der grossen Depression – das Zitat befindet sich auf den Seiten 98 und 99):

«If we pass from the moment of actual crisis to the situation in the following depression, it is still more difficult to see what lasting good effects can come from credit expansion. (…) If the proportion as determined by the voluntary decisions of individuals is distorted by the creation of artificial demand, it must mean that part of the available resources is again led into a wrong direction and a definite and lasting adjustment is again postponed. And, even if the absorption of the unemployed resources were to be quickened in this way, it would only mean that the seed would already be sown for new disturbances and new crises. The only way permanently to ‚mobilize‘ all available resources is, therefore, not to use artificial stimulants—whether during a crisis or thereafter—but to leave it to time to effect a permanent cure by the slow process of adapting the structure of production to the means available for capital purposes

Friedman hielt diese Ansicht für äusserst schädlich. Hier sein Urteil über diese Rezepte der «Österreichische Schule» (Quelle ist das unter diesem Link aufgeführte Interview):

«I think the Austrian business-cycle theory has done the world a great deal of harm. If you go back to the 1930s, which is a key point, here you had the Austrians sitting in London, Hayek and Lionel Robbins, and saying you just have to let the bottom drop out of the world. You’ve just got to let it cure itself. You can’t do anything about it. You will only make it worse. You have Rothbard saying it was a great mistake not to let the whole banking system collapse. I think by encouraging that kind of do-nothing policy both in Britain and in the United States, they did harm.»

Kein Wunder hielt umgekehrt auch Hayek nicht viel von Friedmans ökonomischen Erkenntnissen. Er hielt ihn von der Methode her sogar für einen Keynesianer, wie er uns im folgenden Interview gleich selbst erklärt – gestandenen NMTM-Lesern dürfte das Video bekannt vorkommen:

In gewöhnlichen Zeiten, als die Differenzen in ökonomischen Belangen noch nicht so scharf aufgebrochen sind, wie seit der Krise, haben die Unterschiede zwischen Hayek und Friedman eine geringe Rolle gespielt. Sie gehörten durch ihren gemeinsamen Einsatz für ein Zurückbinden des Staates zur gleichen Seite und hatten daher auch die gleichen Anhänger. Seit der Krise und den grossen Fundamentaldebatten in der Ökonomie funktioniert das nicht mehr. Vor allem die US-Rechte hat sich jetzt gänzlich der Ansicht verschrieben, jede Konjunkturpolitik sei schlecht, auch die aktuelle Geldpolitik der US-Notenbank. Damit hat Friedman seinen Platz in diesen Kreisen verloren.

Angesichts der anhaltenden Liquiditätsfalle erweist sich allerdings selbst die expansive Geldpolitik nicht als das von Friedman erhoffte ausreichende Wundermittel. Und die stark negativen Folgen auf die Konjunkturlage durch übermässige Austeritätsmassnahmen machen ausserdem klar, dass die Fiskalpolitik aktuell eine wichtige Rolle spielt – eine Ansicht, mit der Friedman schlecht hätte leben können.

Vorübergehend hat Friedman wohl seine Heimat verloren. Mit der Normalisierung der Zeiten wird dereinst allerdings die Geldpolitik wieder ihren zentralen Platz in der Konjunkturpolitik zurückgewinnen und Friedmans Bedeutung wieder steigen.