Wirtschaft


Never Mind the Markets

Bekenntnisse eines Pessimisten

Markus Diem Meier am Donnerstag 2. September 2010

Mein Chef hält mich für einen unverbesserlichen Pessimisten. Sogar meinen Namen hat er in Markus «Doom» Meier abgewandelt. Klar weiss ich, wie er darauf kommt. Selbst bei Berichten zu hohen BIP-Wachstumsraten – wie zu jenem von heute aus der Schweiz – verweise ich auf die Haarbüschel in der Suppe (und stehe damit offensichtlich nicht alleine da). Wenn wieder Hoffnung an der Börse keimt und mein Chef hofft, er könnte demnächst seine UBS-Aktien ohne Verluste verkaufen, die er vermeintlich günstig beim Kurs von 19.50 Franken gekauft hat, winke ich ab.

Cartoon: Pavel Constantin

Ja, ich bin pessimistisch. Nicht grundsätzlich und nicht aus Prinzip. Nein, ich glaube nicht an eine finale Krise, keinen Weltuntergang und auch keine gigantische Verschwörung, noch nicht einmal ans Ende des Kapitalismus. Ich benötige keine Therapie, bin ganz zufrieden und liebe das Leben. Aber ich bin für die nächste Zukunft pessimistisch, was den Verlauf der Weltwirtschaft betrifft – und für die Börse.

Klar, Pessimismus zahlt sich im Journalismus zuweilen aus. Wen interessiert schon eine Story mit dem Titel: «Alles ist gut und wird es auch bleiben». Krisen haben für Journalisten die gleiche Bedeutung, wie Brände für Feuerwehrleute: Wir finden sie tragisch, aber sie rücken unsere Arbeit in den Mittelpunkt des Interesses. Das teilen wir auch mit den Ökonomen.

Doch pessimistische Journalisten (und Ökonomen) gelten auch als Brandstifter – man wirft uns vor, wir reden den Leuten die Krise ein und würden sie dadurch verlängern oder verschärfen. Das ist Mist. So viel Einfluss haben wir nicht. Und wir sprechen uns nicht ab. Im Gegenteil: Die Konkurrenz ist knallhart: Sind fast alle pessimistisch, räumen die Optimisten ab. Wie dieser Beitrag zeigt, werden in den USA trotz aller Negativdaten die Artikel immer optimistischer. Eben noch hochgefeierte Pessimisten gelten neu als «geschwätzige Orakel», wie dieser Beitrag zeigt. (Alan Greenspan passt hier denkbar schlecht dazu, die anderen haben bisher ein besseres Einschätzungsvermögen bewiesen, als all ihre Kritiker – auch schon vor dieser und früheren Krisen).

Ganz ehrlich: Der publizistische Schweinezyklus interessiert mich nicht. Ich halte vorerst unbeirrt an meinem Pessimismus fest: einfach deshalb, weil sich aus den  Erfahrungen der Vergangenheit – zum Beispiel hier, hier (PDF) und hier – und aus guten theoretischen Überlegungen – zum Beispiel hier und hier – meiner Überzeugung nach eine optimistische Sicht für die Wirtschaftsentwicklung der nächsten Zeit nicht begründen lässt. Zumindest wenn mit Optimismus mehr gemeint ist, als bloss positive Wachstumsraten: etwa eine deutlich geringere Arbeitslosigkeit an all den vielen Orten, wo sie momentan im Vergleich zum Normalzustand besonders hoch ist.

Hoffentlich habe ich unrecht – und damit all jene, auf deren Beobachtungen, Urteile und Berechnungen ich meine Überzeugung unter anderem stütze. Niemand kann die Zukunft voraussagen. Daher ist das natürlich nicht ausgeschlossen. Mir fehlen dafür bloss gute Argumente.

Wenn das keinen Widerspruch hervorruft, wäre selbst mein Pessimismus noch zu optimistisch.

7 Kommentare zu „Bekenntnisse eines Pessimisten“

  1. Rolf Schumacher sagt:

    Man muss nicht Pessimist sein um schlechte Prognosen zu wagen. Wir leben in einer Zeit der Stagnation. Eine alte reiche Garde (Nachkriegsgeneration) klebt am “wohl verdienten??” Geld. Nach dem zweiten WK war in Westeuropa und den USA Goldgräberstimmung, man konnte etwas aufbauen und einen Sozialstaat (man hat ja die Bolschewiken auf Distanz gehalten) im heutigen Stil gab es noch nicht. Die alten Menschen waren damals mit wenig zufrieden, die Medizin nicht teuer und auch die Löhne tief. Grundstücke konnten für ein Apfel und ein Ei gekauft werden, bauen war gratis. Auflagen und Kontrollen gab es kaum, man war froh wenn einer etwas wagte. Geschäften rentierte, wenn man es einigermassen seriös betrieb. Jeder Büezer (sehe ich in meinem Umfeld) schaffte es ein Einfamilienhaus zu bauen und auch abzuzahlen. Heute strampeln sich die jungen Menschen zu tode und es bleibt Ende Monat trotzdem kaum etwas übrig. Investitionen rentieren nicht (weder in Immobilien noch in Börsen). Einen Betrieb aufbauen, rentiert nicht, denn die globalen Riesen haben das Terrain unter sich aufgeteilt. Dem Durchschnittsmenschen bleiben Brosamen und einer ganz kleinen Elite der grosse Klotz. Zur Zeit der absolutistischen Monarchien haben wir in Europa ähnliche Verhältnisse gehabt. Einige Könige, etwas mehr Fürsten und Bischöfe und einen kleinen Haufen von anderen Günstlingen teilten sich Grund, Boden und Geld. Der Rest waren Schuldknechte. Die Abgaben horrend, die Aussicht aus der Misere zu kommen für den Normalbürger minim.
    Voltaire, Rousseau bereiteten Revolutionen vor. Welche in mehreren Wellen über Europa rasten. Die “Abschaffung” der Monarchien frass Millionen von Soldaten und Zivilisten. Nach dem II WK schien es geschafft, man wähnte sich frei.
    Heute scheint, dass Europa wieder auf die Zeit vor der französischen Revolution zurückkatapultiert wurde. Wir in der Schweiz merken davon noch relativ wenig, in Frankreich und Deutschland sind die Zustände schon krasser und in Italien und Spanien, USA, GRB (pardon den Ausdruck) ist die Kacke bereits offensichtlich und mächtig am dampfen.
    Aus freien Stücken wird es kaum eine Umschichtung der Macht und des Geldes geben, es ist also eine Frage der Zeit bis der Mob wieder gegen den Mob schreitet und Menschen erneut auf verbrannter Erde “Wirtschaftswunder??” vollbringen.
    Ich hoffe auch, dass ich das falsch sehe.

    • Uwe Brock sagt:

      “Heute scheint, dass Europa wieder auf die Zeit vor der französischen Revolution zurückkatapultiert wurde. Wir in der Schweiz merken davon noch relativ wenig…” da frage ich mich doch, in Relation zu was und geben nicht auch wir die wir hier leben uns nicht Jahr für Jahr mit immer weniger zufrieden?

      Einerseits oder gerade auch wegen der Plafonierung des Bundeshaushaltes. Da wird gespaart auf Teufel komm raus und bereits, so scheint es mir manchmal, haben viele von uns vergessen wie gut es uns tatsächlich gehen könnte. Was folgt sind Steursenkungen für ein paar wenige wärend der Rest sich die Butter vom Brot sparen muss. Die Armutsrate der Schweiz zeigt das dies bereits mehr als genügend Haushalte sind. Es ist aber nicht so das zuwenige Geld und Werte erwirtschaftet werden… im Gegenteil, es wird immer mehr doch der globale Steuerwettbwerb zwingt auch Helvetia sich in der einen oder andern Form daran zu beteiligen. Ziel sind Weltweit kompetitive Steuern für die unzähligen und meist annonym agierenden Investoren die sich üblicherweise nicht um die Menschen kümmern die im Zielland leben.

      Für mich ebenfalls eine Ursache der WTO Handelsverträge und der daraus folgenden Form der Globalisierung welche jegliche Sozialstandards aus der weiteren Entwicklung ausgeklammert hat.

      Liberalisierung ist das Zauberwort mit dem sich noch so mancher erschlagen und begeistern lässt. Liberalisierung bedeutet aber für den einzelnen nicht mehr Freiheit (auch so ein vergewaltigter Begriff). Liberalisierung hat leider auch nicht’s mehr gemein mit den einstigen Idealen der unzähligen FDP Parteien welche sich ja den Freiheitsbegriff des Individuums zu oberst auf die Fahnen geschrieben haben und diesen nun beinahe exklusiv für Oekonomische Belange anwenden… Von global agierenden Mrd. Konzernen war da noch nicht die Rede. Dafür heute aber um so mehr.

      Die völlig Irrationale Marktgläubigkeit und die unzähligen sich daraus ergebenden Freiheits und Unabhängigkeitsbegriffe sind aber die wohl grösste Illusion und leider oft auch das grösste Lügengebaude welches in jüngerer Zeit aufgebaut wurde. Offensichtlich sind in diesem Ideologischen Packet die Kapitaleigentümer diejenigen welche zuoberst ind er Nahrungskette sitzen. Alle anderen, darunter auch so mancher CEO, hingegen hetzt deswegen von einem Quartalsabschluss zum nächsten. Mit fortschrittlicher und Nachhaltiger Unternehmensführung hat das nicht mehr viel zu tun. So oder so sind liberalisierte Märkte und die aktuelle Quartalsbilanzierung die grössten Ressourcenverschwender die man sich denken kann.

      Was liberalisierte Märkte wohl am effizientesten können, ist den Reichtum von vielen zu immer wenigeren zu transferieren.

  2. Rolf Schumacher sagt:

    Danke Uwe Brock, für den ausführlichen und guten Beitrag. Ich zitiere “offensichtlich sind in diesem ideologischen Packet die Kapitaleigentümer diejenige, welche zuoberst in der Nahrungskette sitzen” Richtig ist, dass in jeder Epoche ein ideologisches Packet geschnürt wurde, um die Masse für sich (und nur für sich) arbeiten zu lassen. Zum ideologischen Packet, gehört ein Feindbild (Angst macht Menshenblind) und Abhängigkeiten (Schulden). Mal waren es die Geister (die nur der Schamane und der Dorfkönig kontrollieren konnten), mal die Götter welche nur durch bestimmte Religionen beschwichtigt werden konnten. Aus Angst haben die Menschen dann den Herren gedient, gegeben und sich alles gefallen lassen. Irgedwann einmal hat man das Geldwesen und Schuldscheine erfunden (die sumerische Keilschrift wurde bereits 4000c. Ch. dazu missbraucht). Ab diesem Datum war der schriftlich verbriefte Schuldensklave besiegelt und der Teufel losgelassen. Zinsgeschäfte waren die miserable, unmenschliche Folge.
    Sofort hat sich die Bande (Religion-Politik-Wirtschaft) gefuden.
    Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu erkennen, dass das auch heute noch nicht anders ist. Der Präsident von Gottes Gnaden hat Vollmacht.
    Diese Bande (Wirtschaft-Religion-Politik) hat sich immer schon heimlich getroffen und für die Masse entschieden, auch heute noch. Das ideologische Lügenpacket muss so geschnürt sein, dass anderssein von der Masse nicht mehr geduldet wird. Den Aasgeiern (Elite Wirtschaft-Politik-Religion) ist der Inhalt des Packts egal, Hauptsache, die Meute scheffelt ihnen Macht in den Rachen. Wenn die Masse nicht spurt werden Dinge inszeniert, die die Masse zum spuren bringt. Boston Tea Party, Attentat Sarajewo, 9-11 etc etc.
    Das ideologische Packet, scheint der “Gral??) der Weltelite zu sein, welche ihren Sitz bis anhin noch an der Wall Street hatte, aber die Zeiten sind vorbei, der Nabel der eitlen Reichen, wird wandern, wohin???
    In einem Punkt muss ich Ihnen widersprechen, die Herren sind nicht an der Spitze der Nahrungskette sie sind moralisch und ethsich zu unterst, im tiefsten Mastdarmbereich. Sie fressen erst dann wenn die Beute gefangen, zerbissen, zermalmt, bespeichelt, geschluckt, zersetzt und so aufbereitet ist, dass ohne Anstrengung die von der Masse (Körperorgane) in harter Arbeit aufgesplittete Energie abgesogen werden kann.
    Sie sind auch am Ende der Nahrungskette, weil sie da am unsichtbarsten sind, denn niemand würde sie im Berech der Kloake vermuten.
    Diem sagt er sein kein Anhänger von Verschwörungstheroien. Was aber sind Verschwörungen? Nichts anderes als heimliche Absprachen. Ich bin ers 40 jahre alt, aber ich habe erlebt, wie alles abgesprochen wird. Der Mensch ist ein Tier, welches alles tut um seine Haut möglichst teuer zu verkaufen und in Sicherheit zu leben. Das geht am besten, wenn man einflussreiche Freunde hat. Kartelle ziehen sich durch bin an die Spitze. Ich habe eines in meinem Leben verlernt und das ist der Glaube an geschriebenes. Die Geschichte wird immer von Siegern geschrieben (stimmt also nie) und Expertiesen werden von der Wirtschaft bezahlt, Parteien ebenfalls.
    Die Wahrheit ist nicht das was geschrieben wird, denn geschrieben wird das was der Bezahler der Masse wahrmachen will.
    Ich bin nicht frustriert, liebe die Natur und viele gute Menschen. Aber ich lasse mir nicht mehr einen Apfel für ein Ei vormachen.

  3. Peter Don Kleti sagt:

    WIr brauchen Leute wie Ihren Chef – ich ganz besonders. Also Danke!
    Um die Reputation des Tagi jedoch nicht zu arg in Mitleidenschaft zu ziehen, hätten Sie doch sagen können, dass er eigentlich nur interimistisch Ihr Chef ist und sonst eigentlich das Ressort Kultur/Panorama inne hat. Wer kauft den in der heutigen Zeit schon bei 19.50 ohne short zu sein?
    Danke, danke, danke Chef!
    LG
    Peter D.Kleti

  4. Markus sagt:

    @MDM: Hie und da mal ein “Hier” ist schon ok. Aber diesmal haben Sie es übertrieben. Sagen Sie uns wenigstens was sich hinter dem “Hier” verbrigt. Ich will nicht so viele extra Quellen öffnen und lesen, wenn Sie es ja schon getan haben. Sagen Sie uns lieber direkt wessen Argumente Sie verwenden.

    • Markus Diem Meier sagt:

      Zuerst: Sie haben Recht, diesmal war’s wohl zuviel davon. Werde mich künftig mässigen. Grundsätzlich: Solche Verweise erlauben es mir, den Beitrag kurz zu halten und nicht durch den zuweilen umfassenden Hintergrund aufzublähen, der zum Verständnis der Kernbotschaft auch nicht zwingend gelesen werden muss. Für Interessierte sollte er eine Vertiefung bieten. Was in etwa nach einem Klick zu erwarten ist, darauf verweise ich in der Regel.

  5. René sagt:

    Je höher der Lebensstandard, umso begründeter die Angst, es könnte abwärts gehen. Vielleicht auch eine Frage des Massstabs? Nun, ich denke jedenfalls nicht, dass bezüglich begründetem Pessimismus nicht die Ökonomie, sondern eher die Ökologie im Vordergrund stehen wird.

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