Was kann man aus der Geschichte der Hyperinflation lernen?

Geldberge während der deutschen Hyperinflation in den 1920ern. (Foto: Bundesarchiv)

Zu Hyperinflationen kam es vor allem nach Kriegen: Geldberge mit wenig Wert während der deutschen Hyperinflation in den 1920ern. (Foto: Bundesarchiv)

Welche Elemente sind notwendig, damit eine Hyperinflation auftreten kann? Die Diskussion wird seit Jahren intensiv geführt, aber die Hinweise auf historische Episoden sind manchmal etwas willkürlich. Wenn zum Beispiel von der deutschen Hyperinflation die Rede ist, konzentriert sich das Argument oft nur auf die angeworfene Notenpresse. Es fehlt der Hinweis, dass sich das Land innen- und aussenpolitisch in einem Ausnahmezustand befand und das Angebot knapp war.

Genau diese beiden Bedingungen – politisches Chaos und knappes Angebot – sind heute in Grossbritannien, Japan und den USA nicht gegeben. Weder müssen diese Länder eine verheerende Kriegsniederlage verarbeiten, noch sind die Produktionskapazitäten voll ausgelastet. Die Notenbankgeldmenge kann noch so stark zunehmen, das Kreditwachstum bleibt mehr oder weniger flach.

Die Bedeutung der politischen Instabilität für das Auftreten einer Hyperinflation lässt sich verallgemeinern. So zeigt die Liste aller Hyperinflationen und der Hochinflationsepisoden im 20. Jahrhundert, dass sie meistens während Kriegszeiten oder unmittelbar nach einem Krieg auftreten. Auch das Ende des Kalten Kriegs in Osteuropa war eine innen- und aussenpolitische Ausnahmesituation. (Quelle: Peter Bernholz/Peter Kugler, The Success of Currency Reforms to End Great Inflations: An Empirical Analysis of 34 High Inflations, German Economic Review, 2009, 165-175).

Ein typisches, aber oft vergessenes Beispiel ist China in den späten 1940er Jahren. Der Sieg der Kommunisten unter Mao wäre kaum möglich gewesen, wenn China nicht im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg eine Hyperinflation erlebt hätte. China hatte 1935 den Silberstandard aufgehoben und war nicht in der Lage, die Geldmenge während der japanischen Bestzung und des Bürgerkriegs zu kontrollieren.

Die einzige Ausnahme, wo hohe Inflationsraten in normalen Friedenszeiten aufgetreten sind, ist Lateinamerika, wie die Liste zeigt. Ausgelöst wurde das monetäre Chaos durch die Schuldenkrise, die 1982 ausgebrochen war und zu grossen innenpolitischen Konflikten führte. In der Folge trauten sich die Regierungen nicht mehr, die Inflation zu bekämpfen, und so lief alles aus dem Ruder.

Diese Ausnahme ist allerdings zu bedeutend, um ganz vergessen zu werden. In der Eurozone ist durchaus ein Szenario denkbar, bei dem sich die hohen Inflationsraten Lateinamerikas wiederholen könnten. Sollten nämlich einzelne südeuropäischen Länder dereinst ihre eigene Währung wieder einführen, ist alles andere als sicher, dass sie eine hohe Inflation zu verhindern in der Lage sind. Die Kombination von Währungsabwertung, hohen Staatsschulden und instabiler politischer Situation könnte genau dieselbe finanzpolitische Blockierung herbeiführen, die in Lateinamerika am Anfang der hohen Inflation stand.

Dieses Szenario muss aber keineswegs eintreten. Es gibt ein paar Beispiele, wo die Wiedereinführung der nationalen Währung ohne hohe Inflation geglückt ist. Besonders gut gelang der Austritt Slowakiens aus dem tschechoslowakischen Währungsraum zu Beginn der 1990er Jahre. Auch der halbe Austritt Zyperns durch die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen ist erstaunlich ruhig verlaufen.

Dennoch gilt nach wie vor: Die Situation in der Eurozone bleibt äusserst labil, so dass sich extreme Szenarien nicht von vorneherein ausschliessen lassen. Wer in Südeuropa lebt, muss mit Allem rechnen – zunächst mit einer langjährigen Depression und später vielleicht mit einer hohen Inflation.