Nicht nur Irlands Banker

Irische Banker haben ihr Land in den Ruin geritten und sich dann noch über ihre Retter lustig gemacht. Die Geschichte sagt viel über die Finanzbranche generell aus.

Dürfte kaum ein Einzelfall bleiben: Das Theater hinter den Mauern der Anglo Irish Bank. (Bild: AFP)

Dürfte kaum ein Einzelfall bleiben: Das Theater hinter den Mauern der Anglo Irish Bank. (Bild: AFP)

In der vergangenen Woche konnten die Iren selbst miterleben, wie ihre Banker über die Rettung durch sie – die Steuerzahler – geurteilt haben. Dieser Link liefert mehr zu den Hintergründen des irischen Dramas, dieser wütende Kommentar des Ökonomen Barry Eichengreen ebenfalls, und die folgende Tabelle macht klar, welchen Schaden die Rettung der irischen Banken nach der Krise von 2008 für die Volkswirtschaft des Landes hatte. Folgen, die bis heute anhalten. Quelle sind Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF):

Wie öffentlich gewordene Tonbandaufzeichnungen zeigen, haben die Banker einen beispiellosen Zynismus an den Tag gelegt. Constantin Seibt hat die Arbeit geleistet, diesen Dialog einiger der führenden Banker der Anglo Irish Bank (inklusive dem damaligen CEO David Drumm) zu ordnen und gekürzt in deutscher Sprache wiederzugeben. Die vollständigen Tondokumente findet sich in der Onlineausgabe des irischen «Independent».

Das Positive an dieser Konversation der Banker liegt daran, dass sie die Debatte um die TBTF-Problematik (für «Too Big To Fail») aus ihrer bisher theoretischen und eher technisch, abstrakten Ecke herausholt – wir haben das Thema unter anderem hier, hier und hier schon behandelt. In dieser Konversation kommt das Thema TBTF als eingängiges, sarkastisches Theaterstück daher, verfasst durch die Realität.

Unten einige (teilweise gekürzten) Quotes aus dem Telefongespräch zwischen Banker John Bowe (B) – er war Unterhändler der Anglo Irish gegenüber den Behörden – mit seinem Kollegen Peter Fitzgerald (F). F war Chef der Abteilung für Privatkredite. Bowe berichtet, wie er die Behörden zur Rettung seiner Bank bewegen will, von der die Banker wissen, dass sie faktisch bankrott ist. Das Gespräch fand am 18. September statt – drei Tage vor dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers:

B: kurz gesagt, wir haben es ihnen direkt zwischen die Augen gegeben. Und dann brach das Chaos aus.
B: Wir sagten ihnen: «Schaut her, wir brauchen 7 Milliarden Euro. Dafür geben wir euch unser Kreditportfolio.» Dann schoben wir ihnen einen Vertragsentwurf hin und sagten: «Das ist, was wir brauchen.» Das hat alle ziemlich kalt geduscht.
B: Also… es ist ein 7-Milliarden-Kredit zur Überbrückung, bis wir die Summe zurückzahlen können – was nie stattfinden wird.
(Beide lachen herzlich)

F: (lachend) Und das steht da drin? Im Vertrag?
B: (lachend) Sicher!
F: Also unter der Klausel «Rückzahlung» schreiben wir: Nein! (lacht) Nein, nein, nein… leider nein… (lacht) Und was sagte die Gegenseite dazu: «Wir müssen jetzt unsere Unterwäsche wechseln?»
F: Sag mal, wie kamst du auf 7?
B: Ganz einfach. Wie Drummer [Anspielung auf CEO Drumm] sagen würde: Ich habe sie mir aus dem Arsch gezogen. (Gelächter) Nun… worum es uns ja eigentlich ging, war: Was ist die Summe, die uns über die nächsten sechs Monate bringt?
B: Und die Zahl dazu heisst 7. In Wirklichkeit allerdings brauchen wir mehr.
B: Aber die Strategie dahinter ist, sie in die Sache hineinzuziehen. Du bringst sie dazu, einen dicken Check zu unterschreiben. Und dann müssen sie dabeibleiben, um ihr Geld zu schützen, nicht?
F: Ja, ja, ja, ja, ja. Sie hängen dann mit ihrer Haut drin – das ist der Schlüssel.
B: Sie haben zu viel investiert. Wenn sie sehen würden… wenn sie das ganze Desaster auf einmal sehen würden, würden sie vielleicht nachdenken, ob sie eine Wahl haben. Verstehst du? Sie würden vielleicht sagen: «Die Kosten für den Steuerzahler sind zu hoch.» Nun… Aber wenn die Summe am Anfang nicht zu hoch aussieht, zwar hoch genug, um ernsthaft zu sein, aber nicht hoch genug, dass alles in die Luft fliegt…

Es lohnt sich, die ganze Zusammenfassung der Konversation zu lesen und erst recht, alles im Original zu hören. Am Ende packt einem die kalte Wut – mir zumindest geht es so.

Doch es geht hier nicht allein um diese irischen Banker, denn dieses Verhalten ist nicht bloss Ausdruck von deren Skrupellosigkeit und fehlender Moral, es ist auch Ausdruck perverser ökonomischer Anreize – den Anreizen des «Too Big To Fail» – denen alle Bank-Spitzenmanager von grossen bzw. systemisch wichtigen Instituten ausgesetzt sind – unabhängig von ihrer moralischen Integrität. Es wäre daher auch genauso verkehrt, in Bankern per se weniger moralische Menschen zu vermuten. Unter ähnlichen Anreizen wäre ein solches Verhalten auf die Dauer überall vermehrt zu erwarten. Weil in der Zwischenzeit nicht viel passiert ist, um diese Fehlanzreize zu beheben, einmal mehr, worum es geht:

«Too Big To Fail» bedeutet, dass es sich keine Regierung leisten kann, grosse bzw. systemrelevante Banken fallen zu lassen. Denn der ungeordnete Untergang einer solchen Bank würde zu einer Katastrophe nicht nur für die betroffene Bank, sondern für eine ganze Volkswirtschaft führen. Seit die US-Behörden Lehman Brothers Pleite gingen liessen, haben sich die schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Es lohnt sich aus diesem Grund für Bankmanager mit ihrem Institut auf Grösse und Vernetzung zu setzen, auch wenn das ökonomisch wenig Sinn macht. Denn damit wird jede Regierung im Krisenfall noch besser erpressbar dafür, Steuergelder für die Rettung bereitzustellen. Tatsächlich sind die überlebenden systemrelevanten Institute seit der Krise noch grösser und systemrelevanter geworden. Sie können sich ihrer Rettung im Notfalls noch sicherer sein als vor der Krise.

Und das irische Beispieil zeigt einmal mehr: Die Anreize für eine transparente Information über den wahren Zustand der Bank fehlen ebenfalls: Wenn die irische Regierung gewusst hätte, welche Verluste am Ende anfallen, hätte sie sich nicht auf einen Überbrückungskredit eingelassen, zumindest hätte sie härtere Bedingungen gestellt und nicht alles auf die Steuerzahler abgewälzt. Je mehr Mittel eine Regierung schon eingesetzt hat, desto schwieriger kann sie sich aus einem Engagement wieder zurückziehen. Die Erpressbarkeit nimmt noch zu.

Hat eine Bank den Status «Too Big To Fail» erlangt, ist das aber nicht erst von Bedeutung, wenn sie vom Konkurs bedroht ist, das beeinflusst das Verhalten und die Anreize der Banker in jedem Moment:

  • Gehen Banker grosse Risiken mit ihrem Institut ein, bleiben ihnen die Gewinne, wenn sich die Dinge positiv entwickeln. Materialisieren sich hingegen die Risiken und gefährden die Bank, springt die Öffentlichkeit ein. Das kommt für die Banker einer Einladung gleich, laufend hohe Risiken auf Kosten der Allgemeinheit einzugehen.
  • Wenn eine Bank faktisch nicht untergehen kann, müssen auch die Fremdkapitalgeber weniger befürchten, wenn sie einer Bank Geld leihen – unabhängig davon, welche Risiken diese Bank eingeht.
  • Ein solches Risiko ist das Halten von sehr wenig Eigenkapital. Ein gewöhnliches Unternehmen würde unter diesen Umständen schon bei relativ geringen Verlusten vom Bankrott bedroht sein. Dementsprechend ist Fremdkapital für gewöhnliche Unternehmen mit einer äusserst dünnen Eigenkapitaldecke besonders teuer. Bei systemrelevanten Banken gilt das nicht, gerade weil ein Bankrott durch Steuergelder verhindert würde. Die Risiken für die Kapitalgeber sind deshalb kleiner, jene für die Allgemeinheit umso höher.
  • Banker haben daher einen grossen Anreiz, ihren Eigenkapitalanteil so tief wie möglich zu halten. Der auf dem gesamten Kapital erzielte Gewinn kommt nur den Eigenkapitalgebern zugute und zeigt sich in einer umso höheren Rendite auf diesem Eigenkapital (Return on Equity ROE) je geringer dessen Anteil ist. Man spricht hier auch vom Leverage- oder Hebeleffekt.

Soweit die TBTF-Logik im Kern. Für eine Vertiefung bleibt einmal mehr das wohl beste Werk zum Thema zu empfehlen: «The Bankers New Clothes» der Ökonomen Anat Admati und Martin Hellwig.  Es war schon einmal Thema in diesem Blogbeitrag von Kollege Mark Dittli.

Wie alle Anreize bestimmen auch die oben genannten nicht bloss das Verhalten, sondern sie bestimmen auf die Dauer auch die Kultur in einer Branche. Umso mehr, wenn die Boni auch noch wesentlich von Grössen wie dem ROE abhängen. Das Gespräch der irischen Banker ist ein Ausdruck dieser Kultur.

Ein anderer Ausdruck der nach wie vor eingefleischten TBTF-Kultur ist auch die offensichtliche Unmöglichkeit, das Nötige zu tun, um das Problem zu lösen: Nämlich für Banken deutlich höhere Eigenkapitalquoten zu erzwingen. Banker behaupten, das würde die Volkswirtschaft deutlich schwächen und sie glauben es wahrscheinlich sogar selbst. Ihr Einfluss auf die Politik ist jedenfalls überall nach wie vor so gross, dass neue Regulierungen wie Basel III als Grosserfolg gefeiert werden, obwohl sie kaum etwas zur Verbesserung beitragen.

Wie Anat Admati und Martin Hellwig im erwähnten Buch eindrücklich darlegen, gibt es kein ein vernünftiges ökonomisches Argument gegen höhere Eigenkapitalanteile. In diesem Dokument haben die beiden die 23 wichtigsten Argumente der Banker gegen höheren Kapitalquoten noch einmal zusammengefasst und zerpfückt. Im folgenden nur drei oft vorgebrachte Beispiele:

  • Wenn Banken mehr Geld als Sicherheit binden müssten, so eine oft gehörte Behauptung, dann könnten sie weniger als Kredit vergeben. Das wiederum würde der Wirtschaft schaden. Der Punkt hier ist, dass ein höherer Eigenkapitalanteil nicht das Geringste damit zu tun hat, wieviel Geld eine Bank in Reserven bindet. Was sie mit dem Kapital macht (ob Eigen- oder Fremdkapital, der Passivseite der Bilanz), bleibt unabhängig davon, wie sich dieses Kapital zusammensetzt. Auch mit einem hohen Eigenkapitalanteil könnte sie weniger Cash-Reserven halten und den grössten Teil ihrer Mittel auslehnen, was sich in der Aktivseite der Bilanz zeigt. Ein gescheites Liquiditätsmanagement ist zwar auch wichtig für die Stabilität einer Bank, hat aber nichts mit der Eigenkapitalquote zu tun.
  • Wenn Banken mehr Eigenkapital halten müssen, würden sich ihre Kosten erhöhen, so die Behauptung. Denn Eigenkapital sei teurer. Falsch: Eine kleine Eigenkapitaldecke stellt ein weitaus höheres Risiko für die Eigenkapitalgeber dar, das entsprechend höher abgegolten werden muss – nur das führt in diesem Fall zu einer höheren Eigenkapitalrendite bzw. dem hohen Preis für das Eigenkapital. Ein höherer Eigenkapitalpuffer senkt daher sowohl dieses Risiko, wie auch die notwendige Entschädigung für das Eigenkapital. Gewöhnliche Unternehmen streben keine tiefen Eigenkapitalquoten an, weil sie dann auch für ihre Kredite (das Fremdkapital) angesichts des damit verbundenen grösseren Konkursrisikos sehr hohe Zinsen bezahlen müssten. Gläubiger von systemrelevanten Banken dagegen wissen, dass sie keinen Totalverlust befürchten müssen – die Steuerzahler würden vorher einspringen. Sie verlangen daher nicht Zinssätze, wie sie das bei anderen Unternehmen mit ähnlich kleinen Kapitalpuffern fordern würden.
  • Einzelne Banken seien möglicherweise gar nicht in der Lage, ihr Eigenkapital zu erhöhen, lautet ein weiteres Argument. Unternehmen können ihr Eigenkapital gewöhnlich auf zwei Arten erhöhen: Durch einbehaltene Gewinne oder durch die Ausgabe neuer Aktien. Wenn ein Unternehmen bzw. eine Bank auf beide Arten nicht in der Lage ist, an neues Kapital zu gelangen, deutet das auf tieferliegende Probleme hin: auf eine Insolvenz der betroffenen Bank oder auf zuviele Banken im Markt, was die betroffenen Institute unprofitabel macht. Die angemessene Lösung wäre in diesem Fall, diese Institute geordnet untergehen zu lassen.

Wie Admati und Hellwig in ihrem Buch und dem zusammenfassenden Dokument eindrücklich darlegen, reichen die vorgeschlagenen Kapitalbedingungen durch Basel III nirgendwohin. «Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt», ist daher ihre Schlussfolgerung in einem Interview, das mein Kollege Christoph Gisiger mit den beiden geführt hat

Allein schon, dass sich die verlangten Eigenkapitalquoten nicht an den gesamten Anlagen einer Bank orienterieren sollen, sondern an Anlagen, die nach Risikoschätzungen gewichtet werden, entlarven die Ökonomen als Farce. Staatsanleihen zum Beispiel gelten als so sicher, dass sie keiner Eigenkapitalunterlegung bedürfen, genauso wie das für einige hoch komplexe Verbriefungskonstrukte von Hypotheken gegolten hat, die dann einen wesentlichen Anteil am Ausbruch der Bankenkrise hatten.

Der Eigenkapitalanteil am Gesamtkapital ohne solche Risikogewichtungen – die genannte «Leverage Ratio» – soll nach Basel III voraussichtlich nur gerade 3 Prozent betragen. Wie die aktuelle Debatte in den USA zeigt, streben sie höhere Sätze von 5-6 Prozent an (hier mehr zu dieser Debatte und hier zu den jüngsten Entscheiden des Fed). Das heisst aber selbst dort, dass ein Verlust von 6 Prozent gemessen am Gesamtkapital bereits das gesamte Eigenkapital vernichtet. Anat Admati und Martin Hellwig fordern einen ungewichteten Eigenkapitalanteil von 25-30 Prozent – Quoten, die für andere Unternehmen keineswegs als besonders hoch gelten. Das galt vor einigen Jahrzehnten selbst für die Banken.

Ohne deutlich höhere Eigenkapitalquoten werden Telefongespräche wie jene zwischen den irischen Bankern noch oft geführt werden – nicht nur in Irland. Und wir werden in den meisten Fällen nichts davon erfahren, nur von den Konsequenzen.