Wirtschaft


Never Mind the Markets

Die subtile chinesische Gefahr

Markus Diem Meier am Mittwoch 1. September 2010

Chinas gewaltiges Wachstum ist eine Gefahr. Es bedroht eine für unser Wirtschaftssystem äusserst wichtige, besänftigende Annahme: Dass wirtschaftlicher Erfolg letztlich zwingend eine offene, demokratische Gesellschaft voraussetze.

Harvard-Ökonom Dani Rodrik

Liegen wir falsch? Hat das eine mit dem anderen am Ende doch nichts zu tun? Geht es auch anders?

Dani Rodrik, ein bekannter und gescheiter Entwicklungsökonom der Harvard-Universität in Boston, hat dem Thema hier einen interessanten Beitrag gewidmet und fragt:

Was ist besser für wirtschaftliches Wachstum? Eine starke Hand, die frei ist vom Druck politischen Wettbewerbs, oder die Vielfalt miteinander in Wettbewerb stehender Interessen, die eine Öffnung hin zu neuen Ideen sowie neue politische Akteure hervorbringt? Beispiele aus Ostasien (Südkorea, Taiwan, China) scheinen die erste Variante nahezulegen. Aber wie erklärt sich dann, dass fast alle wohlhabenden Länder – ausser denjenigen, die ihren Reichtum nur natürlichen Ressourcen verdanken –, Demokratien sind? Sollte die politische Öffnung dem Wirtschaftswachstum vorausgehen, anstatt ihm zu folgen?

Nebenbei: Rohstoffreichtum heisst nicht immer Reichtum. Stichwort «Fluch der Ressourcen».  Zur Hauptlinie: Rodriks Frage halten wir natürlich für rhetorisch. Klar ist die Demokratie erfolgreicher, wollen wir rufen. Rodrik sagt, was wir hören wollen:

Wenn wir uns keine Einzelfälle, sondern systematische historische Quellen anschauen, sehen wir, dass eine autoritäre Staatsführung kein wirtschaftliches Wachstum beschert. Für jedes autoritär geführtes Land, das schnell gewachsen ist, sind viele andere gescheitert. Für jeden Lee Kuan Yew aus Singapur gibt es viele wie Mobutu Sese Seko aus dem Kongo.

Keine echte Beruhigung. Die Mobutus der Vergangenheit habens vielleicht falsch angepackt. Was käme heraus, wenn die Diktaturen alle von China und Singapur lernen würden? Ausserdem ist die moderne Demokratie eine viel zu junge Erscheinung (wie der moderne Kapitalismus auch), um aus der Geschichte schon abschliessende Urteile ziehen zu können. Rodrik argumentiert grundsätzlich: Demokratien…

…gewähren eine grössere wirtschaftliche Stabilität, gemessen am Auf und Ab der Konjunktur. Sie stellen sich schneller auf ökonomische Erschütterungen ein (wie Verfall der Geschäftsbedingungen oder plötzliches Ausbleiben von Kapitalzuflüssen). Sie erzeugen mehr Investition in Humankapital – Gesundheit und Bildung. Und sie schaffen gerechtere Gesellschaften.

Hat der Mann in Harvard die Finanzkrise verschlafen? China hat diese Wirren besser überstanden als viele westlichen Demokratien. Schon die Folgen der Asienkrise 1998 unmittelbar vor seiner Tür hat die Diktatur besser gemeistert als Demokratien wie etwa Thailand. Bleibt fast nur noch die Hoffnung, dass China – als Diktatur – irgendwann doch noch scheitert. Rodrik:

Aber China ist auch weiterhin insgesamt ein relativ armes Land. Sein wirtschaftlicher Fortschritt in der Zukunft hängt in nicht unbeträchtlichem Mass davon ab, ob das Land es schafft, sein politisches System dem Wettbewerb zu öffnen, genauso, wie es seine Wirtschaft geöffnet hat. Ohne diesen Wandel wird das Fehlen institutionalisierter Mechanismen für die Äusserung und Organisation von abweichenden Meinungen letztendlich zu Konflikten führen, die das Regime nicht wird unterdrücken können. Politische Stabilität und wirtschaftliches Wachstum werden dann darunter leiden.

Wie sehr wir doch alle hoffen, dass er recht hat, dass nur unsere Ideale letztlich doch die wirtschaftlich erfolgreichsten sind, dass alle aktuellen und kommenden Diktatoren keine Morgenluft schnuppern. Schlagende Argumente sind erwünscht.

22 Kommentare zu „Die subtile chinesische Gefahr“

  1. Patrick Tigri sagt:

    Ach, hier ernten wir nur, was wir gesät haben. Wir haben China jahrzehntelang nicht an der wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben lassen. Jetzt machen sie es halt ohne uns, anders als wir, und sie überholen uns. Bitter, aber halt letztlich eine Folge unserer Ignoranz.

  2. Werner Stettler sagt:

    Ein wirklich interessanter Satz “Sollte die politische Öffnung dem Wirtschaftswachstum vorausgehen, anstatt ihm zu folgen?” Wahrscheinlich hängt die Lösung vom kulturellen Umfeld ab. Während in Afrika Diktatoren, verblendet vom westlichen Reichtum eher zur Ausbeutung neigen, definiert sich China ganz anders. China wird mehrheitlich über Werte geführt (auch wenn das nicht immer unsere westlichen Werte sind). Die konfuzianische Ethik macht es Diktatoren schwieriger ausschliesslich egoistisch zu handeln. Deshalb bin ich überzeugt, dass trotz der riesigen Probleme, die dieses Land hat, Wohlstand und Bildung mit der Zeit mehr Demokratie bringen wird. Das dauert zwar länger, könnte aber die Phase der oligarchischen Strukturen oder der Clan-Politik vermeiden, die in den schnell erzwungenen Demokratien sonst leicht entstehen (s. Russland, Irak, Afghanistan). Demokratie und Marktwirtschaft funktionieren nur, wenn das Bildungsniveau hoch und die wirtschaftlichen Möglichkeiten (Mittelschicht) intakt sind.

  3. Uwe Brock sagt:

    Weitaus interessanter wären Artikel über solche Fragestellungen wenn die Indikatoren die zur Messung der Oekonomischen (versus der sozialwissenschaftlichen Indikatoren) leistungsfähigkeit herbeigezogen werden darin auch ihre Geltung erhalten. Die herkömmlichen uns allen geläufigen Zahlen die Tag für Tag durch die Medien schwirren sagen nicht wirklich viel aus. Es ist zu unterscheiden zwischen gesättigten und ungesättigten Oekonomischen Systemen. Was die einen beinahe mit Leichtigkeit bewerkstelligen, schaffen die anderen nur noch mit Mühe, falls überhaupt. Trotzdem hält man stur daran fest und/oder biegt an den statistischen Grundlagen herum um die Zahlen zu beschönigen. Als Beispiel mag etwa die Teuerungsrate in der Schweiz herhalten welche die wirklich Massgeblichen Faktoren im Warenkorb einfach nicht einbezieht. Das gleiche bei den Arbeitstslosenzahlen welche für viele Verantwortliche als Pseudoleistungsausweis sehr wichtig sind und deshalb auch beschönt werden. Der Kontext dessen sind die massiv gestiegenden Sozialhilfebezieher versus angeblich abnehmender Arbeitslosenzahlen. Vorallem sind diese herkömmlichen Indikatoren nicht in der Lage “das Glück und Wohlbefinden” des einzelnden zu messen. Nur so aber könnte man feststellen das Unternehmen, Investoren und etwa abhängig Beschäftigte gänzlich andere Ansprüche an ein WIrtschafts- und auch gesellschaftssystem haben. Zugedient wird aber fast ausschliesslich den einen wärend die anderen vernachlässigt werden. Besonders Abartig wird das ganze noch wenn etwa die Arbeitslsoen als Selbstverschuldeten Faulenzer und Nicht genügen Leistungsfähig an den Pranger gestellt werden obwohl die Arbeitslosen sich ja nicht selber generieren.
    Herkömmliche Oekonomische Theorien die aktuell angewendet werden setzen stets Wachstum voraus. Dabei geht aber schnell vergessen das brachliegende Oekonomische Systeme grundsätzlich bessere Wachstumsbedigungen haben als bereits gesättigte. Auch ist es Massgeblich ob ein Oekonomisches System klein oder sehr gross ist. Wiederum auch hier hält man fleissig an den herkömmlichen Indikatoren fest obwohl die Zahlen konstant schwächer werden und am Ende zu einer modernen zukunftsgerichteten Gesellschaftlichen Entwicklung nicht’s mehr beitragen können. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird auch die Politk zu einem Murks weil die herkämmlichen Möglichkeiten zur Gesellschaftlichen Steuerung nicht mehr vorhanden sind… Doch über Alternativen, ja nicht mal Kompromisse, will keiner Nachdenken…
    Das Wachstum in China oder eben auch in allen anderen Ländern, sagt nicht’s darüber aus wie gut bzw. Schlecht es den meisten Bewohnern dieses Landes geht. Gerade China hat enorme Probleme genügend Arbeitsplätze für die Nachwachsende Bevölkerung zu schaffen. Trotz dem starken Wachstums haben auch die Verantwortlichen in China dafür keine Lösung sofern nicht vom herkömmlichen Oekonomischen Denken abgewichen wird.

  4. Yves Latour sagt:

    Nicht die Demokratie ist für den Kapitalismus entscheidend sondern die Eigentumsrechte und das Schuldrecht. Natürlich wird ein Rechtssystem eher akzeptiert, wenn es demokratischen Prinzipien oder einer gerechten Führung unterliegt. Ebenso ist ein funktionierendes und vernünftiges Sozialwesen nötig. Dies ermöglicht dann eine stabile Gesellschaft, in der gewirtschaftet werden kann. Der Kapitalismus ist eben ein Staatsbastard und hängt vom starken und stabilen Staat ab.
    Zur Stabilität von Staaten: DE ist 70 (oder 140), die USA 240, China 4000 Jahre alt! Zurecht weist der Autor die Langfristigkeit hin.

  5. Martin Christ sagt:

    Es überrascht mich immer wieder , wie viele “gescheite” Experten davon ausgehen , was für sie resp. für ihr Land gelte , gelte für alle Anderen auch . Während Jahrhunderten konnte es sich der Westen leisten , seine eigene Sicht der Dinge den andern Kulturen aufzuzwingen . Doch was den Amerikanern im Irak in den letzten Jahren nicht einmal mit überlegener Waffengewalt gelang , wird gegenüber dem erwachten Riesen China wohl auch nicht einmal mit dem Prinzip Hoffnung zu ändern sein . – Die chinesische Kultur ist älter als die europäische , sie hat Menschen geformt , die anders ticken als wir . “Demokratie” , “politische Öffnung” , “gerechte Gesellschaft” , “Lenkung” , “Wettbewerb” , und was der Begriffe alle sind , die im Zusammenhang mit dem Rätselraten um die weitere Zukunft des politischen Systems in China gebraucht werden – : sie stehen in China in einem andern Kontext . Es an der Zeit , dass Europäer und Amerikaner dies zur Kenntnis nehmen , – nicht den Chinesen , sondern sich selbst zuliebe .

  6. Wang Kun sagt:

    Ich verstehe nicht, warum China als Diktatur dargestellt, wird. Wer bitte ist den der Diktator von China? Falls man aber das Einparteiensystem als Grundlage nimmt ein Land als Diktatur zu bezeichnen, wie soll dann ein Land mit einem Zweiparteiensystem bezeichnet werden? Eine Halbdiktatur… Da würde sich aber Halbdiktator Obama nicht grad freuen.

    In China ist zwar die freie Meinungsäusserung (eine eigene Meinung zu haben ist allerdings üblich, analog “die Gedanken sind frei”) nicht gestattet oder erwünscht, aber für ein Wirtschaftsystem sind doch andere Rahmenbedingungen elementar: die Infrastruktur ist gut, die Produktionskosten tief, das Rechtssystem korrekt und gegen die Korruption wird massiv vorgegangen, wenn ich da ein Land wie Griechenland im globalen Vergleich anschaue….. dann braucht man sich nicht zu wundern.

  7. Marc Bourgeois sagt:

    China mag zwar erheblich stärker wachsen als die westlichen Demokratien. Aber erstens geschieht dies – berücksichtigt man den durchschnittlichen Wohlstand der Chinesen (Land- und Wanderarbeiter eingeschlossen) – auf einem sehr tiefen Niveau, womit es sich eher um eine Aufholjagd handelt. Und zweitens ist dies nur möglich, weil China seine Produkte in die westliche/demokratische Welt exportieren kann. Man stelle sich vor, ausser China gäbe es nur Länder wie der Kongo oder Madagaskar – China’s Exportindustrie und damit der Wachstumsmotor würde schlicht nicht existieren. Hier werden somit Äpfel mit Birnen verglichen. Erst wenn China einen vergleichbaren Wohlstand wie der Westen erlangt hat und immer noch so stark wächst, werde ich staunen.

  8. Franc Kaiser sagt:

    Die Gedanken die Rodrik und dieser Blog aufwirft sind nicht neu, aber sicherlich interessant und wichtig zu diskutieren. Wieso wichtig? Es zwingt Europaer das Konzept “Demokratie” nicht als selbstverstaendlich hinzunehmen, und die Reflektion auf groessere und laengere Zeitbogen aufzutun. Die Chinesen sind das eher gewohnt als Europaer.

    Als Kissinger in den early 70ies Zhou Enlai fragte, was er von der Franzoesischen Revolution halte, antwortete Zhou: “Too soon to to tell”. Dieser Quote ist wahrscheinlich aus dem Kontext herausgenommen (es gibt verschiedene Quellen), aber repraesentiert die Denk- und Sichtweise der Chinesischen Kultur ziemlich treffend. Das passt uns Westler nicht ins Konzept – muss es ja auch nicht unbedingt.

    Es ist schwierig zu argumentieren, ob die Westliche oder Asiatische Kultur / Werte / Ideale “recht” haben, oder welche mehr “erfolgreich” ist.

    Wenn ich eines gelernt habe (Ich lebe seit fast 10 Jahren in China): Die Logik von True / False (wenn das eine korrekt ist, ist das andere falsch) ist nicht zwingend, aber beide Umstaende koennen “True” sein.

    Der Westen wird nicht darum herumkommen sich eingehend mit Asian / China zu beschaeftigen. Dies haette bereits vor 40 Jahren passieren koennen, als Japan startete die Maerkte zu eroberen, ist aber weitgehend verschlafen worden. Nun hat Europa / USA die Wahl, entweder zurueck ins Christliche Mittelalter und zu fundamentalen “Werten” zurueckzugehen. Oder die Diskussion und Werte-Entwickling nach vorne zu treiben.

    Lassen wir uns nicht vormachen: Das einzige, wirklich fundamentale Value welche die Menschheitsgeschichte angetrieben hat, ist dasjenige der” Familie”. Wenn man den Stereotyp Diktatur beiseite laesst, ist das in China nicht anders als in Europa, und wahrscheinlich ein sozio-oekonomisch Erfolgsfaktor welche beide Kulturen teilen und Gegenseitigkeiten finden koennen.

  9. Mike E. sagt:

    Meine Beobachtungen geben mir den Eindruck dass mit einer korrekten Strategie die Gesellschaftsform eine sekundäre Rolle in bezug auf die Wirtschaft spielt respektive eine “demokratische” Staatsform sich sogar nachteilig auswirken kann. Eine autoritäre Gesellschaftsform kann, wenn das Ziel das Wohl der Allgemeinheit ist, viel schlagkräftiger Agieren weil u.a. jegliche “Vetternwirtschaft” zentral koordiniert und geleitet wird.
    Bei der Demokratie spielen so viele Eigeninteressen mit, es findet oft ein ständiges Katz-und Maus Spiel statt und wer mehr Einfluss hat gewinnt schlussendlich trotzdem, die Bürger jedoch dürfen für den “Dialog” aufkommen. Vieles wird sogar “zu Tode” debattiert sodass gute Ideen schlussendlich nur zahnlos umgesetzt werden. Demokratische Regierungen scheinen stark abgelenkt von diesem ständigen Seilziehen der Mächtigen sprich Authorität de Geldes.während die autoritäre Regierung viel Zeit und Geld spart und beides gebündelt und viel effektiver einsetzen kann.

  10. Reto Huber sagt:

    Besser, aber genau so gewagt, wäre zu behaupten dass erfolgreiche Staaten auf der Weltkugel etwa zwischen den 45 und dem 60 nördlcihen Breitengrad liegen. Vergessen wird ausserdem, dass es sich bei den Chinesen um einen andere Rasse mit einer anderen Mentalität handelt. Die Chinsen sind fleissig, gönnen sich nichts und dass wichtigste ist dass ihre Kinder weiter kommen. Dies Rezept funktioniert in jedem politischen System. Es scheint zwar interessant aber etwas pseudowissenschaftlich, hier einen Zusammenhang mit der Staatsform Demokratie herzustellen.

  11. Rosy sagt:

    Der Westen hat China Reichtum sowie auch Umweltverschmutzung beschert. Indem man die ganze Firmen oder Produktionsstätten nach China verlegt hat um „günstiger zu produzieren“. Auf Kosten der Arbeiter im Westen und der Umwelt allgemein. Der Westen alleine ist für die momentane wirtschaftliche Situation verantwortlich. Was reden wir hier eigentlich über Demokratie und Diktatur? In China gibt es einzelne die durch den Westen reich geworden sind aber viele die sich kaum eine Impfung oder Nahrung leisten können.
    Der Westen sollte nun zumindest in Sachen Umwelt den Chinesen zeigen wie der Hase läuft und dafür sorgen, dass die Firmen die in China erbaut worden sind auch nach westliche Standards umweltgerecht funktionieren. Sowie, dass die Arbeiter gerecht entlohnt und behandelt werden. Aber an diese Kosten hat wohl kein Firmenchef je einen Gedanken verschwendet. Da werden die einen immer reicher und die anderen immer kränker… Und schlussendlich trifft die Krankheit auf die ganze Welt.

  12. Matthias sagt:

    Weil die Wirtschaftsökonomen hier einen wichtigen Fakt missachten und das schon immer taten -> praktisch alle nicht demokratischen Systeme werden vom Westen mit kleineren oder grösseren Handelsblockaden belegt.

    Würden diese nicht existieren hätte vermutlich auch die Wirtschaftliche Entwicklung Kubas oder der UDSSR anders ausgesehen.

    Und genau darum existieren sie (die Handelsblockaden) auch. Man stelle sich vor ein Kommunistisches Land wäre wirtschaftlich erfolgreicher als eine kapitalistische Nation, was würden die Leute sagen. Und jetzt haben wir halt China.

  13. Gabriel Sidler sagt:

    China beeindruckt seit einigen Jahren durch ein eindrückliches Wachstum. Sie haben in den letzten Jahres Erstaunliches erreicht. Das konnte ich auch auf meiner kürzlichen China-Reise erleben. Es darf aber nicht vergessen werden, dass insgesamt die Entwicklung in China noch sehr weit hinter westlichem Niveau zurückliegt. In den westlichen Nationen liegt das GDP zwischen $30’000 bis $50’000. In China bei $6’000. China müsste also noch viele Jahre mit 10% weiterwachsen, um ein westliches Niveau der Entwicklung zu erreichen.

    Ich glaube, dass eine wirtschaftliche Spitzenposition unter den Nationen nur mit einer freien, demokratischen Gesellschaft erreicht werden kann. Werte wie Freiheit, Meinungsvielfalt, Sicherheit, Individualität scheinen mir Voraussetzungen dafür. Es ist aber gut möglich, dass sich China im Laufe der Zeit langsam öffnet und eine Art Demokratie chinesicher Prägung entsteht. Denn, eines sind die Chinesen heute: Pragmatisch.

    Bei einer zu schnellen Oeffnung und Demokratisierung könnte das Land aber im Chaos versinken oder zerbrechen. Der Durchschnittschinese hat heute kein Demokratieverständnis. So etwas müsste sich zuerst entwickeln. Das ist nicht zu unterschätzen. Wir nehmen das oft einfach als selbstverständlich hin. Das ist es aber nicht. Wir haben im Irak gut beobachten können, dass sich die Demokratie nicht so einfach exportieren lässt.

    Insgesamt glaube ich, dass wir uns freuen können, dass sich China in den letzten Jahren so stark entwickelt hat und so viele Menschen heute von besseren Lebenbedingungen profitieren. China nimmt uns nicht nur Arbeitsplätze weg, es ist auch ein riesiger Markt für uns. Ja, die Veränderungen tun weh. Aber langfristig ist es auch in unserem Interesse, dass sich China entwickelt.

  14. Hans Meyer sagt:

    Das konfuzianische Modell Singapurs und Chinas ist doch gar nicht so schlecht. Wichtig ist das die Regierenden nach Konfuzius sehr viele Pflichten haben. Zumindestens auf nationaler Ebene sieht ist diesbezüglich in China nicht mal so schlecht aus. auf lokaler Ebene ist das sicher nicht überall der Fall. Bei einer unfähigen Führung haben die Untergebenen sogar das Recht, bzw. die Pflicht zu rebellieren. Wenn man sieht, wieviel Pseudodemokratien es auf dieser Welt gibt, ist es vielleicht gut, wenn es einige andere Regierungssysteme gibt. Und viel wichtiger scheint es mir, dass die chinesische Kultur sehr rational ist. Auch Bildung hat einen sehr hohen Stellenwert. Ohne entsprechende Bildung und Interesse der Bürger kann eine Demokratie schnell im Desaster enden. Man sieht ja schon in Italien mit Berlusconi wie eine Demokratie sich selbst überflüssig machen kann.

  15. China wird die Antwort für den Raubbau an seiner Natur erhalten, früher oder später, und die Überschwemmungen und die Flussvergiftungen in China werden ja nicht unbedingt weniger, sondern immer mehr. Die Gefahr lauert bei China also eher im Innern als bei der Aussenpolitik. In Sachen Aussenpolitik ist die “USA” viel gefährlicher als China.

  16. anh toan sagt:

    @Wang Kun: Das Menschenrecht der freien MeinungsAUESSERUNG art. 19 wird typischerweise in Diktaturen auf das Recht reduziert, eine eigene Meinung zu haben, jedoch nicht, diese zu auessern. Dies ist pervers, da das Recht, eine eigene Meinung zu HABEN, unmoeglich beschnitten werden kann. Ausserdem wird das Recht beschraenkt, sich Informationen zu beschaffen, um sich eine eigene Meinung zu bilden (siehe Chinas Streit mit Google). Ein Einparteiensystem verstoesst gegen Artikel 20 der Menschenrechtserklaerung (Versammlungsfreiheit) China anerkennt als UNO-Mitglied automatisch die Menschenrechte. Somit haelt sich China nicht an seine eigenen Gesetze, die Macht der kommunistischen Partei wird mittels Verletzung elementarer Menschenrechte aufrechterhalten, darum ist China eine Diktatur. Offen bleibt die Frage, ob eine Diktatur der Elite (zweifellos gehoeren die Mitglieder des Generalsekretariats zur Elite) vor allem bei einem allgemein tiefen Bildungsniveau der Bevoelkerung, die geignetere Staatsform ist als Demokratie, da letztere durch Demagogen pervetiert wird (siehe Thailand). Leider ist Chinas Diktatur aber auch pervers, nennt sie sich doch kommunistisch und investiert in Blackstone (=Inbegriff der “Heuschrecke”. Zum wirtschaftlichen Erfolg Chinas der letzten 30 Jahre bleibt anzumerken, dass dieser zu einem wesentlichen Teil auf Diebstahl geistigen Eigentums beruht, zu einem anderen Teil auf einem Wirtschaftssystem, dass faktisch weitgehend dem Kapitalismus des 19. Jahrhunderts entspricht (keine Sozialversicherung, keine Gewerkschaften, kein Schutz der Menschenwuerde, nicht mal Schutz des Lebens, von Arbeitnehmern, kein Umweltschutz). Zurueck zur Meinungsauesserungsfreiheit: Waere hier China, wuerde dieser Kommentar nicht publiziert……

  17. Thomas Ernst sagt:

    Der Einfluss der Kultur wird sehr häufig unterschätzt. Aus meiner Sicht ist die Wirkungskette wie folgt: Aufklärung -> bessere Ausbildung + offenere Weltsicht -> Demokratie UND Wirtschaftsaufschwung. Die Aufklärung verschiebt den Fokus von den vorgegebenen religiösen Wahrheiten auf die selber zu erforschenden (wissenschaftlichen) Zusammenhänge. Sie stärkt das Individuum und fördert individuelle Anstrengungen. Daraus ergeben sich die bessere Wirtschaftsleistung und die individuellen Freiheiten, die sich in der Demokratie widerspiegeln.

    In der chinesischen Kultur sind der Clan, das Kollektiv meist wichtiger als der Einzelne. Kollektivstrafen und Sippenhaftung waren lange Zeit üblich. In dieser Kultur ist der Boden für die individuellen Rechte nicht besonders fruchtbar.

    Wie die aktuelle Sarrazin-Diskussion zu Tage gefördert hat, sind Kulturen, die stark Sippen-/Familienorientiert sind, wie z.B. der arabisch/türkische Islam oder der südamerikanische Katholizismus weniger offen und weniger auf die Förderung des Einzelnen fokussiert. Dies zeigt sich dann STATISTISCH (NICHT individuell) in einer geringeren Intergrationsfähigkeit (Erwerb der Landessprache durch Einwanderer) und einer geringeren Akademikerquote. Beide Kulturen neigen übrigens dazu, die Frauen als NUR-Mütter zu betrachten, die weder wissenschaftlich noch wirtschaftlich etwas zu leisten haben. Damit verzichten diese Kulturen auf die Nutzung eines grossen Teils ihres Potentials (bei den türkisch/arabischen Muslims werden die Frauen sogar aktiv gehindert, sich zu entfalten und oft als Besitz des Mannes betrachtet).

    Es wird sich zeigen, wie weit die chinesische kulturelle Grundausrichtung in der Lage ist, das Potential jedes Einzelnen – manchmal auch zulasten der Harmonie in der Gemeinschaft – zu fördern und zu nutzen. Langfristig wird diese Frage den wirtschaftlichen Erfolg bestimmen.

  18. Franc Kaiser sagt:

    @Ahn Tohan: “Waere hier China, wuerde dieser Kommentar nicht publiziert” – Stimmt so nicht. Sie sollten sehen wie die Fetzen fliegen in einem Chinesischen online forum. Millionen von Bloggern kommentieren in Chinesisch ueber Politik etc. Ich gebe Ihnen recht, dass man vorsichtiger ist in der Ausdrucksweise – und dass Zensur vorherrscht – aber die Chinesische Sprache an sich ist vieldeutig interpretierbar und drueckt sich anders aus als wir uns gewohnt sind.
    Ihr Argument dass die “Kommunisten” kapitalistisch handeln ist ueberfluessig, da man schon lange keinen Kommunisten per se sichten kann in China.
    “Diebstahl geistigen Eigentums”: Die USA hat es genau gleich getan, vor ueber 100 Jahren. Ich muss immer grinsen wenn ich Gaeste aus Europa hier habe, welche sich erstmal ein paar Stunden ueber die “Kopiererei” und “Chinesen koennen nichts selber erfinden” auslassen, und nachher fragen, wo der naechste Fake Market ist (…”Ich muss noch ein paar Einkaeufe taetigen…”).

    @Thomas Ernst: Ich denke nicht dass in der Chinesischen Kultur das Kollektiv wichtiger ist als der oder die Einzelne. Dies ist ein Stereotyp welcher haften bleibt. Die Chinesen sind weitaus anders als z.B. die Japaner oder Koreaner. Die Familie ist wichtiger als der Einzelne, ja, aber dann hoert das Verantwortungsgefuehl normalerweise auf. Das Problem das die Chinesische Regierung hat, ist dass es ausser der Partei und Nationalismus keinen “Kitt” gibt, welcher solch ein grosses und diverses Land zusammenhaelt. Religion ist nicht erwuenscht – die tausendjaehrige Geschichte China’s hat Lektionen erteilt von welchen die momentanen Leader konstruktiv lernen – und so bleibt, ausser etwas Konfuzianismus, nur der Staat als Ueberform und Identifikationsgeraet.
    “Es wird sich zeigen, wie weit die chinesische kulturelle Grundausrichtung in der Lage ist, das Potential jedes Einzelnen – manchmal auch zulasten der Harmonie in der Gemeinschaft – zu fördern und zu nutzen.” Dies ist ein aktuelles Thema in China, angeheizt von skrupellosen privaten Unternehmern welche schaedliche oder gefaehrliche Produkte in Zirkulation bringen. Allerdings koennen Sie lange argumentieren, was fuer die Chinesen besser ist, und was nicht. Letztendlich werden wir “von der Masse zerdrueckt” – und von der Masse gibt es in China genug. Wir muessen uns auf ein Gedankenbild einstellen, welche dem absoluten Durchschnitt gerecht wird – und mit bald 1.4 Milliarden Chinesen (400 – 600 Millionen davon in der Mittelklasse in 10 Jahren) wird der Chinesische Durchschnitt mehr Gewicht haben als der Europaeische oder Amerikanische. Ob wir wollen oder nicht.

    • anh toan sagt:

      Ich habe nicht geschrieben, Kommunisten handeln kapitalistisch, ich habe geschrieben, die chinesisch Diktatur bezeichnet sich als kommunistisch, ist es aber keinesegs. Betreffend Publikation meines Kommentars geben Sie mir recht, ich muesste mich in China vorsichtiger ausdruecken, damit mein Kommentar veroeffentlich wird. Beim Diebstahl geistigen Eigenrtums gehts gar nicht nur um eigentliche Warenfaelschung: Ich bemuehe mich, keine Kopien von Markenprodukten zu kaufen, kaufe ich jedoch in Asien ein Noname Produkt, stelle ich hauefig im Nachhinein fest, dass Design/Farbe etc. zu 99% von einem Markenprodukt kopiert wurden. Ihr Hinweis, die USA haetten es gleich getan vor hundert Jahren, bestaetigt ja meine Argumentation.
      Immer wieder muss ich lesen, die asiatische (gilt uebrigens genauso fuer arabische und andere) Kultur unterscheide sich von der westlichen dadurch, dass es um die Familie, und nicht ums Individuum geht: Dies ist jedoch nicht ein Unterschied zwischen Ost und West, sondern zwischen Moderne und Spaetmittelalter: Auch in der westlichen Kultur war immer die Familie wichtiger als das Individuum, die Aufklaerung hat im Westen die Grundlage geschaffen, dies zu ueberwinden. Man (vielleicht besser Mann) mag dies bedauern, da es zu mehr Egoismus fuehrt, andrerseits war dies Voraussetzung fuer die Emanzipation der Frau (Emanzipation bedeuted Entlassung aus der vaeterlichen/ehemaennlichen/sklavenhalterischen Gewalt). In Kulturen, welche die Familie ueber das Individuum stellen, werden “gute” Frauen zu Sohnproduktionsmaschinen, “schlechte” Frauen zu Nutten. Aus diesem Grund bin ich ueberzeugt, dass die Entwicklung der westlichen Gesellschaft zum Individualismus richtig ist

  19. Casino Bonus sagt:

    excellent points and the details are more specific than elsewhere, thanks.

    - Norman

  20. I never thought of it that way, well put!

    - Zaria MARQUARDT

  21. Chinas Erfolg beruht auf einem Zufall, der in Genf vor 33 Jahren im “Appel de Genève” formuliert wurde, der am 2. Oktober 1978 von bekannten Wissenschaftern, Kernphysikern, Professoren und Politikern aus dem Raume Genfs unterschrieben wurde und die Regierungen der EU aufforderten, den Atomausstieg schnellstmöglichst umzusetzen!

    1990 ging die DDR Pleite, ihre AKWs wurden abgestellt und sie wurde in den BRD integriert. China hatte 1990 keinen Atomstrom!

    1992 ging die UdSSR mit all ihren AKWs Pleite. China hatte 1992 noch keinen Atomstrom!

    2000 ging das AKW Land Argentinien Pleite!

    Heute hat China 1.5% Atomstrom, doch haben die Russen noch immer 17%, Grossbritanien 15%, USA 20%, Deutschland 27%, EU 28%, die Schweiz 39%, die Ukraine 47%!

    Die kommerzielle Nutzung nuklearer Energie treibe jeden Staat in den Bankrott, es sei nur eine Frage der Zeit, lernten wir vor 33 Jahren!

    Der Grund liegt in der asymmetrischen Umverteilung der Ressourcen!

    Eine Milliarde Franken wird von einer Million Zwangsatomstromkonsumenten auf ein AKW umverteilt, wobei es zu einer Einkommensungleichheit kommt, die 0.0001% Gewinne bringt!

    Sollte aber eine Milliarde Franken von einer Million Solarenergiekonsumeten auf 100’000 Solarstromproduzenten umverteilt werden, wären 10% Gewinner, welche das Wirtschaftswachstum und die Wohlfahrt erhöhten!

    Das hat China begriffen und der Westen versäumt!

    Politik ist dabei ein Nebenschauplatz oder hält gerade noch als Sündenbock oder schwarzer Peter hin!

    Die Probleme verdanken wir der nuklearen Lobby und diese Probleme gilt es zu behaben! Die Schweiz, aber auch Deutschland, haben dies begriffen!

    Gruss

    Myrc

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