Weshalb Austerität nicht funktioniert

«Die beste Definition für Irrsinn ist, das Gleiche wieder und wieder zu tun und sich daraus unterschiedliche Resultate zu erhoffen»: Albert Einstein. (Keystone/Archivbild)

«Die beste Definition für Irrsinn ist, das Gleiche wieder und wieder zu tun und sich daraus unterschiedliche Resultate zu erhoffen»: Albert Einstein. (Keystone/Archivbild)

Einstein soll einst gesagt haben, die beste Definition für Irrsinn sei, das Gleiche wieder und wieder zu tun und sich daraus unterschiedliche Resultate zu erhoffen.

Gemäss dieser Definition sind Politiker und Ökonomen irrsinnig, wenn sie heute fordern, die von anämischem Wachstum und hohen Schulden geplagten Staaten müssten mit der Umsetzung harter Austeritätsmassnahmen wieder auf die Beine kommen. Wieso das? Weil es kein Beispiel in der Geschichte gibt, in der mehrere gewichtige Länder gleichzeitig dank Austeritätspolitik – also Kürzungen von Staatsausgaben, um das Haushaltsbudget zu konsolidieren und Staatsschulden abzutragen – gesundet sind. Versucht wurde es mehrmals, aber funktioniert hat es nie.

Die vergangenen zwei Wochen waren denkbar frustrierend für die Austeritätsfantasten. Die von den Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff aufgestellte These, wonach Staaten massiv an Wachstumsdynamik verlieren, wenn die Schuldenquote 90% der Wirtschaftsleistung übersteigt, ist spektakulär in Rauch aufgegangen (in diesem Blogbeitrag mehr dazu). Um den wohl strammsten Verfechter der Austeritätspolitik unter den namhaften Ökonomen, Alberto Alesina, ist es derweil schon seit längerer Zeit ruhig geworden – ihm wurde bereits vor gut zwei Jahren in diesem Papier von Mike Konczal eine reichlich naive Interpretation seiner Forschungsdaten nachgewiesen.

Die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds haben längst erkannt, dass Austerität in der heutigen Situation das falsche Rezept ist, doch Europa steckt immer noch im Würgegriff der Hardliner. Die Agenda für die Eurozone müsse sich auf Fiskalkonsolidierung und Strukturreformen konzentrieren, twitterte Jeroen Dijsselbloem, der niederländische Finanzminister und Vorsitzende der Eurogruppe, am vergangenen Wochenende.

Dieser Tage ist ein Buch erschienen, das er vielleicht lesen sollte: Austerity – The History of a Dangerous Idea. Geschrieben hat es Mark Blyth, Professor für Politökonomie an der Brown University in Providence, Rhode Island. Er beschreibt darin die gut dreihundertjährige Geschichte der philosophischen Auseinandersetzung zwischen Markt und Staat, angefangen mit John Locke, weitergeführt von David Hume und Adam Smith und danach von David Ricardo und John Stuart Mill bis hin zu den «Österreichern» und Keynes.

Blyth zeigt in seinem Buch auf, dass Austerität immer kläglich versagt hat, wenn zu viele Länder gleichzeitig diese Politik verfolgten und damit nicht von einem Nachfrageboom im Aussenhandel profitieren konnten. Die einzigen Beispiele, die funktionierten, liefern kleine, exportorientierte Volkswirtschaften, die von einer brummenden Weltkonjunktur profitieren und in den allermeisten Fällen ihre eigene Währung markant abwerten konnten (etwa Kanada in den Achtziger- und Schweden in den Neunzigerjahren).

Die wichtigsten Begründungen, weshalb Austerität nicht funktionieren kann, liefert Blyth in diesem Video (amüsante Spezialeffekte und schottischer Akzent inklusive):

Das grundsätzliche Problem ist der Zustand der sogenannten Bilanzrezession, in der sich auch heute noch Volkswirtschaften wie Spanien, Grossbritannien, Japan, Portugal, Irland und teilweise auch die USA befinden. Das Phänomen der Bilanzrezession haben wir in diesem Kommentar schon eingehend thematisiert, daher nur das Wichtigste in Kürze. Am deutlichsten sichtbar wird das Dilemma, wenn man sich vor Augen führt, dass eine Volkswirtschaft nur aus vier Nachfragegruppen besteht:

  1. Private Haushalte
  2. Private Unternehmen
  3. Der Staat
  4. Export (d.h. Nachfrage von Privaten und Staaten im Ausland)

Der Zustand einer Bilanzrezession tritt in der Regel auf, wenn eine Volkswirtschaft einen von einem markanten privaten Schuldenaufbau getriebenen Boom (oftmals im Immobiliensektor) hinter sich hat und in einen heftigen Abschwung gekippt ist. Die privaten Individuen unter den Haushalten und Unternehmen sehen sich plötzlich mit einer überschuldeten Bilanz konfrontiert. Jeder Einzelne tut in dieser Situation für sich das Vernünftigste und versucht, zu sparen, seine Bilanz zu sanieren und Schulden abzubauen. Wenn das jedoch alle gleichzeitig tun, stellt sich das Sparparadoxon ein: Wenn alle gleichzeitig sparen, brechen Konsum und Unternehmensinvestitionen ein und die aggregierte Nachfrage in der Wirtschaft sackt zusammen. Dieser Zustand hält so lange an, bis die privaten Bilanzen saniert sind – und das dauert meist Jahre.

Von den oben beschriebenen Nachfragekomponenten verbleiben somit die Nummern drei und vier, die die Wirtschaft noch einigermassen in der Luft halten. Doch nun kommen die Austeritätspropheten und fordern, auch der Staat müsse jetzt sparen und seine Ausgaben zurückfahren, womit die Nachfragegruppe drei ebenfalls wegfällt.

Verbleibt noch die vierte Gruppe, das Ausland. Doch nicht nur unter Haushalten und Unternehmen, auch unter den Staaten kann sich das Sparparadoxon einstellen: Wenn zu viele Länder gleichzeitig in einer Bilanzrezession stecken und ihre Staatsausgaben drosseln, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, dass alle diese Länder von einem boomenden Aussenhandel leben können.

Genau das spielt sich in Europa seit mehr als drei Jahren ab. Freiwillig (im Fall Grossbritanniens) und unfreiwillig (Spanien, Italien, Portugal, Griechenland, Irland) steckt ein beträchtlicher Teil der Eurozone in der Austeritätsfalle. Die Resultate sind ernüchternd: In all diesen Ländern steigen die Staatsschulden und die Arbeitslosenraten, die öffentlichen Finanzen verharren hartnäckig im Defizit und sie finden keinen Weg aus der Lethargie.

Mit diesem Krankheitsverlauf hätte jeder Arzt längst seine Therapiemethode geändert.

Die Links zum Wochenende:

  • Hier ein spannendes Interview, dass mein Redaktionskollege Dietegen Müller in Frankfurt mit Mohamed El-Erian, dem Chef des weltgrössten Bond-Investors Pimco, geführt hat.
  • Und in eigener Sache, die aktuelle FuW-Umfrage: Finden Sie, die Schweiz solle das Bankkundengeheimnis aufgeben und den automatischen Informationsaustausch von Kundendaten annehmen, sofern dieser dereinst auf Ebene der OECD zum Standard wird? Sagen Sie uns hier Ihre Meinung.