Die Tragik der Eurokrise in einem Chart

Schlange vor einer Arbeitsvermittlung in Spanien. (Foto: AP/Andres Kudacki)

In der Eurozone sind die Unterschiede bezüglich Arbeitslosigkeit teilweise extrem: Schlange vor einem Arbeitsamt in Spanien. (Foto: AP/Andres Kudacki)

Sowohl in Deutschland wie auch in der gesamten Eurozone liegt die Arbeitslosenrate derzeit auf einem Rekordniveau. Bloss sind es zwei komplett divergierende Rekorde.

Die folgende Grafik zeigt das eindrücklich (Quelle: Eurostat via Société Générale):

In Deutschland (rote Kurve) beträgt die Arbeitslosenrate gemäss Eurostat aktuell 5,4 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit dem Start der Europäischen Währungsunion im Jahr 1999.

In der gesamten, 17 Länder umfassenden Eurozone (schwarze, perforierte Kurve) liegt sie derweil auf 12 Prozent. Das ist der höchste verzeichnete Wert seit dem Beginn der Währungsunion. Der guten Ordnung halber haben wir in der Grafik noch Frankreich, das zweite «Kernland» der Union, eingefügt (blaue Kurve): Mit 10,8 Prozent wird auch dort ein rekordhoher Wert verzeichnet.

In Spanien liegt die offiziell ausgewiesene Arbeitslosenrate übrigens auf 26,3 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit auf 55,7 Prozent. In Griechenland sind die Werte nahezu gleich, Portugal und Italien kämpfen derweil mit Jugendarbeitslosenraten von je 38 Prozent. Diese Länder sind nicht in einer Rezession, das ist eine Depression. Mein Kollege Markus Diem Meier hat in diesem Beitrag bereits über die «Ökonomie der Arbeitslosigkeit» geschrieben.

Es ist verständlich, dass aus deutscher respektive nordeuropäischer Sicht nicht wirklich von einer Eurokrise die Rede sein kann und das Problem in erster Linie in der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit der Südländer liegt. Die Tragik der Eurokrise liegt aber eben genau darin, dass sich zwei komplett unterschiedliche Wirtschaftsregionen in eine Ehe mit dem Korsett der gemeinsamen Währung begeben haben.

It takes two to tango; Deutschland hat in den ersten Jahren der Währungsunion enorm von der lockeren Geldp0litik der EZB profitiert (in diesem Blogbeitrag mehr zu diesem Dirty Little Secret der Eurozone). Auf sich allein gestellt müsste das Land heute mit einer deutlich härteren Währung leben. Und innerhalb der Eurozone erwirtschaftet Deutschland immer noch Leistungsbilanzüberschüsse in Höhe von rund 20 Milliarden Euro pro Quartal: das ist per Definition nur möglich, weil nach wie vor eine Reihe anderer Partnerländer in der Union bereit respektive gezwungen sind, mit Leistungsbilanzdefiziten zu arbeiten (weshalb hohe Sparquoten und Exportüberschüsse keine Tugend sind, lesen Sie in diesem Blogbeitrag).

Die rekordniedrigen Arbeitslosenraten in Deutschland bedingen also zu einem Teil die rekordhohen Arbeitslosenraten in anderen Euroländern. Und vice versa.

Das Ventil, um diese Ungleichgewichte auszugleichen, wäre natürlich der freie Personenverkehr innerhalb der Union. Arbeitslose Spanier, Italiener oder Griechen könnten – sollten – in Deutschland, Finnland oder Österreich Arbeit suchen. Bloss: Gegenwärtig sind in den 17 Mitgliedsländern gemäss Eurostat 19,1 Millionen arbeitsfähige und -willige Menschen ohne Arbeit. Davon 3,6 Millionen Jugendliche unter 25 Jahren. Ist Nordeuropa für diesen Ansturm bereit?

Zum Wochenende noch einige Linkverweise:

  • Italien ist politisch bald im doppelten Sinn führungslos: Die Amtszeit von Staatspräsident Giorgio Napolitano endet am 15. Mai. Mein Redaktionskollege Tommaso Manzin stellt in diesem Beitrag die aussichtsreichsten Anwärterinnen und Anwärter auf dieses für Italien wichtige Amt vor.
  • Weshalb Zypern einmal mehr die Notwendigkeit einer Bankenunion für die Eurozone beweist: hier mein Kommentar zu diesem kleinen grossen Problem Europas.
  • Vielleicht haben Sie schon von der Web-Währung Bitcoin gehört, deren Wert gegenwärtig parabolisch steigt: Hier eine faszinierende Abhandlung zum Thema, geschrieben vom Reuters-Blogger Felix Salmon.
  • Und hier noch der Chart des Tages im Momentum-Blog der FuW: Der wahre Treibstoff hinter der Aktienrally.