Weshalb Sparen nichts mit Tugendhaftigkeit zu tun hat

Deutsche Autos warten darauf, verschifft zu werden. (Keystone)

Deutsche sparen viel, konsumieren weniger, ihre Exporte sind grösser als ihre Importe: BMWs warten in Bremerhaven darauf, verschifft zu werden. (EPA/Ingo Wagner)

Spanien und Irland, die USA und Grossbritannien haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Sie haben zu viel konsumiert und zu wenig gespart. Sie haben zu viel importiert und zu wenig exportiert.

Deutschland und China, Japan und auch die Schweiz sind dagegen ein Beispiel an Tugendhaftigkeit. Sie sparen viel, konsumieren weniger, ihre Exporte sind grösser als ihre Importe.

So lauten oft gehörte Aussagen. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Eurokrise wird besonders in Deutschland oft das Argument geäussert, die «Spanier müssten halt mehr so sein wie die Deutschen.» Intuitiv nehmen die meisten Leute an, es sei für ein Land erstrebenswert, einen Überschuss der eigenen Leistungsbilanz, also im Handel mit Waren und Dienstleistungen, anzustreben. Ebenfalls gelten hohe Sparquoten gemeinhin als tugendhaft.

Leider ist das viel zu simpel, teilweise auch schlichtweg sinnlos. Auch das Argument, die Eurokrise wäre gelöst, wenn die Mittelmeer-Anrainer bloss so wären wie die Deutschen, führt in die Irre.

Weshalb, zeigt der an der Guanghua School of Management der Universität Peking lehrende amerikanische Ökonom Michael Pettis in seinem faszinierenden neuen Buch «The Great Rebalancing – Trade, Conflict, and the Perilous Road Ahead for the World Economy». Pettis schreibt den einflussreichen Blog China Financial Markets und ist regelmässiger Leitartikel-Autor in der FuW (hier sein letzter Kommentar).

Meine Redaktionskollegin Elisabeth Tester hat ihn kürzlich in Peking zu einem Gespräch besucht; hier ihr Interview mit ihm.

Das Bestechende an Pettis‘ Argumentation in seinem Buch ist, dass er die Volkswirtschaft eines Landes respektive der ganzen Welt konsequent aus buchhalterischer Sicht betrachtet, als Bilanz, die immer ausgeglichen sein muss. Daraus lassen sich drei unumstössliche mathematische Identitäten ableiten, die wiederum helfen, die scheinbar hoffnungslos komplexen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft zu identifizieren und bestenfalls zu beheben. Diese drei Identitäten sind:

  1. Die Leistungs- und die Kapitalbilanz jedes Landes müssen sich ausgleichen, oder anders gesagt: Die Summe aus dem Saldo der Leistungsbilanz (die vereinfacht gesagt den grenzüberschreitenden Handel mit Waren und Dienstleistungen misst) und aus dem Saldo der Kapitalbilanz (die vereinfacht gesagt die grenzüberschreitenden Kapitalflüsse misst) muss null ergeben. Ist der Leistungsbilanzsaldo positiv, muss die Kapitalbilanz einen negativen Saldo aufweisen (was bedeutet, dass mehr Kapital das Land verlässt, als in das Land hineinströmt). Kleine Anmerkung: Leistungs- und Kapitalbilanz ergeben zusammen die Zahlungsbilanz, die nach Pettis‘ Definition immer ausgeglichen sein muss. Ist die Zahlungsbilanz nicht ausgeglichen, steigen einfach die Devisenreserven der Zentralbank, was im Effekt aber einfach ein Teil der Kapitalbilanz ist.
  2. Für jedes Land gilt: Die Differenz zwischen den gesamten inländischen Ersparnissen und den gesamten inländischen Investitionen entspricht dem Betrag an Kapital, der importiert oder exportiert wird. Und weil die Kapitalbilanz das Gegenstück zur Leistungsbilanz ist, entspricht der Betrag auch dem Leistungsbilanzsaldo. Angenommen also, die inländischen Ersparnisse sind 100, die inländischen Investitionen betragen aber nur 80. Die Differenz, 20, werden als Nettokapital exportiert. Das heisst, die Kapitalbilanz weist einen negativen Saldo von 20 aus, und die Leistungsbilanz zeigt einen Überschuss von 20.
  3. Alles, was ein Land produziert, muss entweder konsumiert oder gespart werden. Die gesamten Ersparnisse eines Landes können errechnet werden, indem vom Bruttoinlandprodukt (also der Gesamtheit der im Inland produzierten Waren und Dienstleistungen) der gesamte inländische Verbrauch abgezogen wird.

An dieser Stelle noch eine wichtige Zusatzdefinition: Die nationale Sparquote eines Landes enthält nicht bloss die Sparquote der privaten Haushalte, sondern der Haushalte, der Unternehmen und des Staates zusammen.

Wenn also eine Volkswirtschaft, nennen wir sie «Land A», im Inland mehr produziert als sie konsumiert, und wenn die daraus resultierende Sparquote höher ist als die Investitionsquote, dann muss die Volkswirtschaft per Definition einen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaften und Kapital ins Ausland exportieren (das heisst, die Kapitalbilanz ist negativ). Ebenfalls per Definition braucht dieses Land A ein Gegenstück in Form einer Volkswirtschaft, nennen wir sie «Land B», die genau die gegenteiligen Attribute aufweist: In Land B ist die inländische Investitionsquote höher als die Sparquote, das heisst, es muss Kapital importieren und die Leistungsbilanz ist im Defizit.

Deutschland, China und Japan waren in den vergangenen Jahren respektive Jahrzehnten «Land A», während die USA, Spanien oder Grossbritannien «Land B» waren. Zu glauben, ein Leistungsbilanzüberschuss und eine hohe Sparquote sei für jedes Land erstrebenswert, ist unsinnig. Ohne einen ebenso gewichtigen Block an Ländern, die bereit sind, höhere Investitions- als Sparquoten respektive höhere Verbrauchs- als Produktionsquoten hinzunehmen, wäre das gar nicht möglich.

So weit, so gut. Ich hoffe, Sie sind noch bei mir. Pettis bringt nun noch ein wichtiges Argument auf: Leistungsbilanz-Überschüsse sind nicht zwingend die Folge einer bewusst gewählten Aussenhandelspolitik, geschweige denn unbedingt Ausdruck einer besonders starken und gesunden Volkswirtschaft.

Deutschland soll im Folgenden dazu als Beispiel dienen:

In den späten Neunzigerjahren und nach der Jahrtausendwende kam es, unter anderem mit der «Agenda 2010» unter Kanzler Gerhard Schröder, in Deutschland zu einer Art grossem Pakt zwischen Staat, Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Dieser Pakt war, vereinfacht gesagt: Die Löhne der Arbeitnehmer werden weitgehend eingefroren, beziehungsweise es wird sichergestellt, dass sie deutlich langsamer steigen als das Produktivitätswachstum der Wirtschaft. Das war in erster Linie eine innenpolitische Massnahme, die zum Ziel hatte, die hohen Arbeitslosenraten zu senken, unter denen Deutschland in den Neunzigerjahren nach der Wiedervereinigung gelitten hatte.

Weil die inländische Produktion aber kräftig stieg, während die Löhne stagnierten, war es unumgänglich, dass das Verhältnis von inländischem Verbrauch zu inländischer Produktion sinken musste (schliesslich sind die privaten Haushalte die grössten Verbraucher). Daraus musste wiederum – per Definition – folgen, dass die nationale Sparquote steigt (das ist die dritte oben besprochene Identität). Das wiederum hatte zur Folge, dass die nationale Sparquote Deutschlands deutlich über die Investitionsquote stieg. Deutschland musste also Kapital und Produktion ins Ausland exportieren, die Leistungsbilanz drehte fast zeitgleich mit der Einführung des Euro kräftig und nachhaltig ins Plus. (Weshalb damals das «Dirty Little Secret» der Eurozone begründet wurde, lesen Sie in diesem Blogbeitrag.)

Genau während dieser Zeit waren Länder wie Spanien das perfekte Gegenstück zu Deutschland. Sie investierten mehr, als sie sparten, und sie saugten das überschüssige Sparkapital Deutschlands bereitwillig auf (Nebenbei bemerkt: Die deutschen Banken dienen als Durchlauferhitzer dieses Kapitalexports, und sie haben in der Vergangenheit immer wieder eine erstaunliche Fähigkeit bewiesen, schlechte Investitionen einzugehen).

Diese Strategie mag für Deutschland in der Zeit um die Jahrtausendwende sinnvoll gewesen sein, aber ohne Konsequenzen war sie nicht. Eine Konsequenz ist der hohe Stand an ausstehenden Guthaben deutscher Kapitalgeber in Defizitländern. Eine andere Konsequenz ist die schlichte Tatsache, dass die deutschen Arbeitnehmer weniger vom deutschen Exportboom hatten als die deutschen Arbeitgeber. Ihre Saläre und damit ihre Konsumfähigkeit hielt nicht mit dem Wirtschaftswachstum mit. Mit scheinbar deutschen Tugenden wie einem erhöhten Sparwillen hatte das überhaupt nichts zu tun. Das deutsche Exportwunder war nur möglich, weil a) die deutschen Arbeitnehmer ihre Arbeitgeber subventionierten, und b) andere Länder bereit waren, die deutschen Spar- und Produktionsüberschüsse zu absorbieren.

Wenn wir die Welt auf die 17 Länder der Eurozone reduzieren, dann sind die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands auch innerhalb des Euro-Raumes nur möglich, wenn andere Länder ein Leistungsdefizit haben, diese also mehr investieren, als sie sparen.

Nun wird gern gefordert, ein Land wie Spanien müsse die «deutschen Tugenden» übernehmen: mehr sparen, weniger konsumieren, mehr exportieren, weniger importieren, damit in der Leistungsbilanz ein Überschuss steht. Wenn das wirklich geschehen soll (und nicht nur, wie aktuell, weil die spanischen Importe rezessionsbedingt einfach kollabieren), dann braucht Spanien per Definition innerhalb der Eurozone andere Volkswirtschaften, die bereit sind, den Gegenpart zu spielen und ihre Leistungsbilanz in ein Defizit sinken zu lassen. Das kann nur ein Land sein: Deutschland. Selbstverständlich steht noch ein weiterer Weg offen, nämlich der, dass die 17 Länder der Eurozone in ihrer Gesamtheit, inklusive Spanien, einen riesigen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaften und ihre Überersparnisse und Überproduktion jemand anderem aufbürden. Bloss: Wem? Den asiatischen Ländern, die allesamt (mit Ausnahme Indiens) seit den späten Neunzigerjahren die Strategie verfolgen, Leistungsbilanzüberschüsse zu erzielen?

Wie aber könnte Deutschland seine Spar- und Produktionsüberschüsse abbauen? Oft ist das Argument zu hören, Deutschland müsse wettbewerbs-unfähiger werden. Das ist Unsinn. Es gibt andere Wege. Erinnern wir uns an die drei unumstösslichen buchhalterischen Identitäten: Deutschland spart zu viel und investiert zu wenig. Dieser Spar-Überschuss wird exportiert, daher zeigt die Leistungsbilanz einen massiv positiven Saldo.

Wie ist das zu lösen? Zwei Wege: Deutschland kann die inländische Investitionsquote erhöhen und damit den Spar-Überschuss absorbieren. Das könnten beispielsweise Infrastruktur-Investitionen des Staates sein. Der gleiche Effekt könnte aber auch erreicht werden, indem der Staat gezielt steuerliche Erleichterungen für Unternehmen erlässt, die im Inland investieren. Der zweite Weg: Die Sparquote muss gesenkt werden, damit sie wieder in einem gesünderen Verhältnis zu den inländischen Investitionen steht. Die Sparquote wiederum sinkt, wenn die Konsumausgaben erhöht werden. Dieser Effekt liesse sich erzielen, indem der Staat gezielt Steuern auf dem inländischen Konsum senkt – beispielsweise die Mehrwertsteuer – und gleichzeitig die Gehälter der Arbeitnehmer wieder im Gleichschritt mit dem Produktivitätswachstum steigen.

Mit der Aufgabe deutscher «Tugenden» oder der deutschen Wettbewerbsfähigkeit hat das überhaupt nichts zu tun.

Sorry, dieser Blogeintrag ist etwas lang geworden. Auf jeden Fall: Pettis‘ Buch regt zum Denken an.

Und weil Freitag ist, hier noch ein Linkfest zum Wochenende:

  • Hier eine Analyse von meinem Redaktionskollegen Gregor Mast und mir, die zum Schluss kommt, dass der Aktienmarkt heute deutlich überbewertet ist.
  • Der in Genf lehrende Ökonomieprofessor Charles Wyplosz macht sich hier Gedanken und Sorgen über den Ausstieg aus der unkonventionellen Geldpolitik.
  • Brad DeLong mit einem langen, sehr anregenden Stück zur europäischen Austeritätspolitik und dem Ferngefecht, das sich Paul Krugman und Olli Rehn liefern.
  • Acemaxx geht der Frage nach, weshalb trotz beträchtlicher Produktionslücke in den USA keine Deflation entstanden ist.
  • Charles Hugh Smith untersucht, wo noch ungeplatzte Immobilienblasen zu finden sind (leider hat er sich die Schweiz nicht angeschaut).
  • Mein Redaktionskollege Peter Rohner zeigt, wie Bond-Investoren in Venezuela unter Hugo Chavez Renditen von 700% einfahren konnten.