Die Schuld des Präsidenten

Barack Obama, Wahlverlierer

Die Wahlen sind durch und es kam wie erwartet: Die Republikaner haben im Repräsentantenhaus die Mehrheit.

Wie war das noch? Als die Republikaner das Land regierten – keine zwei Jahre ists her –, stürzten die USA in die schlimmste Krise seit der grossen Depression der 1930er-Jahre. Dieselben Republikaner gewinnen jetzt die Wahlen und der einst so grosse «Yes we can»-Hoffnungsträger Obama ist mit seiner Partei abgeschmiert.

Wie konnte das geschehen? Wie wärs damit: Die Republikaner haben im Politmarketing das Bravourstück vollbracht, Obama das ganze wirtschaftliche Elend in die Schuhe zu schieben. Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times», verdeutlicht den Punkt mit einem eingängigen Vergleich:

An ambulance stops by the roadside to help a man suffering from a heart attack. After desperate measures, the patient survives. Brought into hospital, he then makes a protracted and partial recovery. Then, two years later, far from feeling grateful, he sues the paramedics and doctors. If it were not for their interference, he insists, he would be as good as new. As for the heart attack, it was a minor event. He would have been far better off if he had been left alone. Unfortunately, the Republicans have succeeded in persuading a large enough portion of the American public that if the patient had been left entirely alone, he would be in perfect health today.

Doch Obama ist nicht unschuldig. Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger und «New York Times»-Kolumnist, schrieb bereits vor einem Jahr:

…I have a vision — what I think is the most likely course of events. It’s fairly grim… What we’re in right now is the aftermath of a giant financial crisis, which typically leads to a prolonged period of economic weakness — and this time isn’t different. A bolder economic policy early this year might have led to a turnaround, but what we actually got were half-measures. As a result, unemployment is likely to stay near its current level for a year or more. Those economic half-measures have landed the Obama administration in a trap: much of the political establishment now sees stimulus as having been discredited by events, so that it’s very hard to come back and scale the policy up to where it should have been in the first place. The result, then, will be high unemployment leading into the 2010 elections, and corresponding Democratic losses.

Obamas Partei werde bei den Wahlen verlieren (Krugman hat das Ausmass der Verluste damals allerdings unterschätzt), weil seine Massnahmen gegen die Krise zu halbherzig waren. Damit wollte Obama die Republikaner besänftigen, die aber ohnehin kein wichtigeres Ziel kennen, als ihn aus dem Amt zu jagen. Weil Obama zu wenig tat, können die Republikaner jetzt behaupten, staatliche Massnahmen taugen generell nichts, weshalb solche jetzt chancenlos sind. Martin Wolf:

The president’s willingness to ask for too little was, it turns out, a huge strategic error. It allows his opponents to argue that the Democrats had what they wanted, which then failed. If the president had failed to get what he demanded, he could argue that the outcome was not his fault. With a political stalemate expected, further action will now be blocked. A lost decade seems quite likely. That would be a calamity for the US – and the world.

Und noch was: Obwohl die Rettung der Banker noch unter Bush eingeleitet wurde, hat Obama nicht viel getan, um diese mehr als sein republikanischer Vorgänger in die Pflicht zu nehmen. Das liegt wohl daran, dass auch sein Finanzministerium mit einstigen führenden Mitarbeitern der Wall Street durchsetzt ist, die dort nach ihrer Zeit bei der Regierung wieder arbeiten wollen. Paul Krugman:

These losses [gemeint: die erwartbaren Verluste bei den Wahlen] will be worse because Obama, by pursuing a uniformly pro-banker policy without even a gesture to popular anger over the bailouts, has ceded populist energy to the right and demoralized the movement that brought him to power… So what I see is years of terrible job markets, combined with political paralysis.

Auch Robert Reich, Ex-Arbeitsminister der Clinton-Regierung und fleissiger Buchschreiber, sieht darin einen wichtigen Grund für die gesunkene Beliebtheit des Präsidenten, wie er in einem Interview auf Spiegel online im Vorfeld der Wahlen erklärt hat:

Obamas Dilemma hat mit dem Rettungspaket für die Wall Street begonnen. Erst Bush und dann Obama gaben 700 Milliarden Dollar an die grossen Banken. Für viele Normalbürger sah das wie ein Insider-Geschäft aus, bei dem sie aussen vor blieben. Sie fühlten sich mit ihren Sorgen und Nöten alleingelassen. Obama hätte diesen Eindruck vermeiden können, wenn er die Hilfe an schärfere Auflagen gekoppelt hätte, etwa Obergrenzen für Bonuszahlungen. Der Präsident hat auch nie klar kommuniziert, dass seine Gesundheitsreform, seine Finanzmarktvorschriften, sein Konjunkturpaket Teile eines Plans waren, den amerikanischen Mittelstand zu retten. Das rächt sich jetzt.

Auch Reich bleibt tief pessimistisch für die weitere Zukunft seines Landes – und er führt noch einen anderen Grund an:

Aber das Grundproblem bleibt, dass das meiste Geld an die Elite geht – und die breite Masse einfach nicht genug für den Konsum hat, ohne immer neue Schulden anzuhäufen. Wenn wir nun die Schuld auf die Verbraucher lenken, ignorieren wir das eigentliche Problem, die Ungleichheit der US-Gesellschaft. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffte zuletzt 1929 ähnlich weit auseinander. Und Sie wissen selber, was damals passierte…

O.k. Die Auswahl der hier Zitierten ist einseitig. Anhänger der Republikaner hätten andere Argumente für ihren Sieg angeführt.

Wer will Gegensteuer geben?

Wie anders lässt sich die demokratische Niederlage begründen?

Welche Bedeutung hat sie: für die Welt? Für uns?