Wirtschaftskrise und Revolution

Laut und deutlich: Demo zum Jahrestag der bolschewistischen Revolution in Moskau. (Bild: Reuters)

Laut und deutlich: Demo zum Jahrestag der bolschewistischen Revolution in Moskau. (Bild: Reuters)

Wann ist die Wahrscheinlichkeit eines politischen Umschwungs grösser: während der Wirtschaftskrise oder während des Booms? Intuitiv würde man eher auf die Wirtschaftskrise tippen. Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, sind die Leute unzufrieden mit dem Regime und suchen nach radikalen Alternativen, weil sie nichts mehr zu verlieren haben.

So lässt sich der Zeitpunkt der Französischen Revolution unter anderem damit erklären, dass die Ernte 1789 besonders schlecht war, was die Lebensmittelpreise in die Höhe trieb.

Auch die Wahlerfolge der Nationalsozialisten lassen sich teilweise mit der Wirtschaftskrise von 1930 bis 1932 erklären. Noch 1928 war die NSDAP ein kleines Splittergrüppchen am äussersten rechten Rand, das bei den Reichtstagswahlen nur gerade 2,6 Prozent der Stimmen erhielt. 1930 waren es bereits 18,3 Prozent und im Juli 1932 sogar 37, 4 Prozent.

Ein oft zitiertes Beispiel ist ferner die russische Revolution von 1905, die zwar scheiterte, aber sozusagen das Vorspiel für die bolschewistische Revolution von 1917 darstellte. Zumindest habe ich es so in der Schule gelernt und gelehrt. Russland hatte zwar seit der Niederlage im Krimkrieg von 1856 mit der Industrialisierung begonnen, um in zukünftigen militärischen Auseinandersetzungen besser dazustehen. Aber weil gleichzeitig die Bevölkerung so stark wuchs, blieb das Pro-Kopf-Einkommen äusserst bescheiden.

Der Eindruck, dass das Moskauer Regime die elementarsten Bedürfnisse der Bevölkerung ignorierte, drängt sich auch beim Lesen des «Tagebuchs des letzten Zaren» auf. Es ist viel von Jagderlebnissen, Verwandtschaftstreffen und Ausflügen die Rede, aber kaum je etwas von den politischen Ereignissen. Wenn man nicht wüsste, dass das Tagebuch die Periode von 1890 bis 1917 abdeckt, würde man denken, es hätten in Russland keine Revolutionen stattgefunden.

Alles falsch, behauptet nun ein russischer Wirtschaftshistoriker in einem neuen Buch. Boris Mironow versucht nachzuweisen, dass es der russischen Bevölkerung vor der Revolution 1905 nicht schlechter, sondern besser ging. Denn im späten 19. Jahrhundert habe die Durchschnittsgrösse der Menschen signifikant zugenommen, was nicht anderes heisse, als dass sich der Speisezettel stark verbessert habe. Nicht ökonomische, sondern politische Gründe seien für das Ende der Zarenherrschaft verantwortlich gewesen.

Die skeptische Sicht lässt sich auch auf die Französische Revolution übertragen. Missernten hatte es immer wieder gegeben, aber warum genau diejenige von 1789 so entscheidend gewesen sein soll, lässt sich nicht ohne Rückgriff auf politische Ereignisse kaum erklären. Die NSDAP mag von der Weltwirtschaftskrise profitiert haben, aber hinter ihrem schnellen Aufstieg steckt viel mehr. Und aus der Streikforschung weiss man, dass nicht auf dem Tiefpunkt der Wirtschaftskrise, sondern kurz nach ihrer Überwindung die Streikaktivität sprunghaft zunimmt. Erst wenn es wieder etwas zu verteilen gibt, lohnt sich der Widerstand.

Was folgt daraus? Auf den ersten Blick scheint die Diskussion nur von akademischem Interesse zu sein. Ist sie aber nicht. In letzter Zeit konnte man wiederholt lesen, dass die chinesische Führung ein altes Buch mit besonderem Interesse zu studieren begonnen hat: «L’Ancien Régime et la Révolution» von Alexis de Tocqueville (1805-69).