Ein frustrierendes Jubiläum

Andrew Haldane. (Foto: Bank of England)

Banken erhalten dank einer impliziten Staatsgarantie ein höheres Rating: Andrew Haldane, Exekutivdirektor für Finanzmarktstabilität der Bank of England. (Foto: Bank of England)

Noch wenige Wochen, und wir feiern ein nettes kleines Jubiläum. Vor knapp sechs Jahren, Anfang Februar 2007, warnte die britische Grossbank HSBC, sie müsse auf ihrem Portfolio mit amerikanischen Subprime-Hypotheken eine milliardenschwere Abschreibung vornehmen. Zu diesem Zeitpunkt wusste in der breiten Öffentlichkeit noch kaum jemand, was Subprime-Hypotheken überhaupt sind.

Neunzehn Monate später stand die Finanzwelt und mit ihr die gesamte Weltwirtschaft am Abgrund.

Wenn es einen Begriff gibt, der diese Episode prägte, dann dieser: Too big to fail. Reihenweise mussten Staaten damals Finanzinstitute retten, weil sie zu gross und zu komplex waren und ihr unkontrollierter Absturz das gesamte Finanzsystem in die Tiefe gerissen hätte. AIG, Citigroup, Royal Bank of Scotland und UBS zählten zu den unrühmlichsten Beispielen. Man hätte denken können, diese grösste internationale Bankenkrise seit den frühen Dreissigerjahren sei ein Weckruf, um das «Too big to fail»-Problem ein für alle Mal zu lösen.

Es kam nicht dazu. Ohne die gesamte Geschichte aufzurollen: Der Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich machte sich an die Arbeit und gebar das Basel-III-Regelwerk, das den Banken unter anderem ein etwas höheres Eigenkapitalpolster vorschreibt – und ihnen Zeit bis 2019 einräumt, um dies zu bewerkstelligen. In einzelnen Ländern wurden zusätzliche, zum Teil über Basel III hinausgehende Massnahmen beschlossen oder angedacht, etwa in der Schweiz, in Grossbritannien mit dem «Vickers Report», in den USA mit der Volcker-Regel, und auch in der EU hat die Liikanen-Kommission ihre Empfehlungen abgegeben. Derzeit ist allerdings vor allem eines zu beobachten: Die USA sowie grössere europäische Länder wie Deutschland wollen die Einführung von Basel III verzögern, respektive die Regeln bereits wieder verwässern.

Doch von den politischen Mühlen mal abgesehen: Wenn es einen Ort gibt, an dem festzustellen wäre, ob das «Too big to fail»-Problem gelöst ist, dann ist es der Finanzmarkt. Wenn Investoren tatsächlich glaubten, dass gescheiterte Banken künftig nicht mehr von ihren Heimatstaaten gerettet werden, dann müsste das in ihren Kreditratings respektive in ihren Kapitalkosten ersichtlich sein. Und hier ist das Fazit leider mehr als niederschmetternd.

Gemäss einer Untersuchung von Andrew Haldane, Exekutivdirektor für Finanzmarktstabilität der Bank of England (in diesem Blogbeitrag haben wir ihn bereits vorgestellt), hat sogar das Gegenteil stattgefunden: Vor der Finanzkrise erhielten die 29 weltweit grössten, systemrelevanten Banken von den Ratingagenturen im Schnitt ein um gut eine Stufe («notch») erhöhtes Kreditrating, weil diese in ihrer Bonitätsprüfung eine implizite Staatsgarantie mit einberechneten. Dieser Rating-Unterschied lässt sich feststellen, weil die Agenturen für grosse Banken in der Regel zwei Ratings aussprechen: eines auf Basis «standalone», also ohne angenommene Staatshilfe, und eines auf Basis «support».

Heute kommen die 29 weltgrössten Banken dank der impliziten Staatsgarantie gemäss Haldane sogar auf ein um drei Stufen erhöhtes Kreditrating, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: Bank of England):

Die am Finanzmarkt erwartete Wahrscheinlichkeit, dass eine Grossbank im Notfall gerettet wird, hat sich so gesehen also verdreifacht. Ein höheres Kreditrating bedeutet für die Bank tiefere Kapitalkosten – die implizite Staatsgarantie ist daher nichts weiter als eine versteckte staatliche Subvention, die die Grossbanken erhalten. Nach Berechnungen Haldanes summierte sich diese Subvention vor der Finanzkrise für die 29 grössten Institute weltweit auf rund 70 Milliarden Dollar. Mit den seriellen Rettungsaktionen ab Herbst 2008 schoss diese implizite Subvention in die Höhe und liegt heute mit rund 500 Milliarden Dollar auf fast zehn Mal höheren Niveau als vor der Krise. Hier die Grafik (Quelle: Bank of England):

Das Verdikt der Finanzmärkte ist daher klar: Statt dass das «Too big to fail»-Problem gelöst wurde, wurde es in den vergangenen fünf Jahren erst recht zementiert.

Kürzlich bin ich auf ein Umfrageergebnis gestossen, das mir meine spärlichen Haare zu Berge stehen liess. Das angesehene CFA Institute hat auf seiner NewsBrief-Website eine nicht-repräsentative Erhebung gemacht und eine simple Frage gestellt: Was ist die wichtigste Lektion, die Sie als Investor in den vergangenen fünf Jahren gelernt haben?

Hier die Antworten:

Fast 60 Prozent der 999 Befragten antworteten: Central banks and governments will continue to bail out troubled creditors. Nicht repräsentativ, gewiss, aber trotzdem bedenklich.

Das Fazit nach sechs Jahren Finanzkrise: Die implizite staatliche Subvention, die die Grossbanken geniessen, hat sich fast verzehnfacht. Und die wichtigste Lektion, die Investoren gelernt haben, ist, dass in Bedrängnis geratene Finanzinstitute künftig wieder gerettet werden.

Frustrierend, nicht wahr?

An dieser Stelle noch ein kleiner Hinweis: Martin Hellwig, Ökonom am Bonner Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, (in diesem Blogbeitrag mehr zu ihm) hat zusammen mit seiner an der Stanford University forschenden Kollegin Anat Admati ein neues Buch zur Grossbankenthematik mit dem Titel «The Banker’s New Clothes: What’s Wrong with Banking and what to do about it» geschrieben. Es soll am 24. Februar erscheinen. Ich bin gespannt darauf.