Die stille Revolution

Erdölförderanlage in Colorado, USA. (Keystone)

Dank neuen Verfahren kann in den USA mehr Erdgas und Erdöl gefördert werden: Erdölpumpe in Colorado. (Keystone)

Diese Meldung ging Anfang Dezember um die Welt: Apple will wieder einen Teil seiner Produkte in den USA herstellen. Bis zu 100 Millionen Dollar will der IT-Konzern in neue Fertigungsanlagen investieren, um bestimmte Modelle seiner Mac-Computerpalette künftig auf heimischem Boden zu produzieren.

Mein Kollege Tobias Straumann nahm die Meldung zum Anlass, um in diesem Blogbeitrag darüber zu sinnieren, was die Aussage bedeutet, ein Produkt sei «Made in» irgend einem Land – zumal sich die Wertschöpfungsketten für viele Produkte über diverse Länder spannen. Grundsätzlich teile ich Straumanns Meinung. Die heute existierende globale Verflechtung der Produktionsstandorte ist historisch ohne Beispiel.

Und doch findet in den USA gegenwärtig eine Entwicklung statt, die es verdient, genauer betrachtet zu werden. Beginnen wir daher mit einigen weiteren Unternehmensmeldungen, die – weil es sich nicht um Apple handelt –, in den Medien kaum beachtet wurden:

  • Seit Februar dieses Jahres stellt General Electric wieder Wasserboiler in einer Fabrik in den USA her. Seit März produziert der Industriekonzern zudem wieder Kühlschränke in Kentucky, und Anfang 2013 wird GE eine neue Fertigungslinie für Waschmaschinen «Made in USA» eröffnen. Alle diese Güter hatte das Unternehmen zuvor während Jahren nur noch in China oder Mexiko hergestellt. GE hat für die neuen Anlagen 800 Millionen Dollar investiert und direkt mehr als 1700 neue Arbeitsplätze geschaffen.
  • Der Lifthersteller Otis hat kürzlich ein Fertigungswerk von Mexiko nach South Carolina verlegt.
  • Der Haushaltgerätehersteller Whirlpool hat angekündigt, die Produktion von Mixern aus China ins heimische Ohio zu «insourcen».
  • Der Chemieriese Dow Chemical hat ein neues Chemiewerk in Texas eröffnet.
  • Und Wham-O (allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs sicher ein Begriff) wird wieder Frisbees in Kalifornien herstellen, statt sie in China fertigen zu lassen.

Was steckt hinter diesem Industrialisierungsboom? Sind es bloss plumpe patriotische Gesten? Das US-Monatsmagazin «The Atlantic» ist der Frage in einer tollen Titelstory (hier) auf den Grund gegangen und kommt zu einem auf den ersten Blick überraschenden Schluss: Das Insourcing macht schlichtweg betriebswirtschaftlich Sinn. Am Beispiel des Wasserboilers von General Electric wird vorgerechnet, wie die Produktionskosten in den USA heute alles in allem um 20 Prozent niedriger sind als in China. Der Anteil der manuellen Arbeit – das Hauptargument für Produktionsauslagerungen nach Asien – ist an den Gesamtkosten genügend klein geworden, dass sich Outsourcing nicht mehr lohnt.

Der wichtigste Faktor für die neue Wettbewerbsfähigkeit der USA als Produktionsstandort liegt in den Energiepreisen. Zum einen hat sich der Ölpreis seit dem Jahr 2001, als der Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation WTO den Outsourcing-Boom so richtig anfachte, verdreifacht. Gerade für schwere, voluminöse Güter wie Kühlschränke fallen die Transportkosten ins Gewicht. Noch wichtiger ist jedoch die Entwicklung der Energiepreise in den USA selbst: Das ist das Feld, in dem von einer eigentlichen stillen Revolution gesprochen werden kann. Die Energiepreise in Amerika sind nämlich massiv gesunken.

Diese Grafik zeigt den Preis für Erdgas (in Dollar je Million BTU; British Thermal Unit). Die orange Kurve steht für die USA, die Schwarze für Grossbritannien, die Dunkelgraue für Kontinentaleuropa und die Gestrichelte für Japan (Quelle: FuW):

Bis und mit 2009 lagen die Erdgaspreise weltweit eng beieinander, doch seither ist er in den USA immer weiter gesunken, während die anderen Länder wieder steigende Preise verzeichneten. In Japan ist der für die Industrie wichtige Energieträger Erdgas heute rund acht mal teurer als in den USA.

Seit zwei Jahren ist in den USA auch Erdöl deutlich (wenn auch nicht im Ausmass wie das Erdgas) günstiger als im Rest der Welt. Der Preis für die Sorte West Texas Intermediate scheint dauerhaft rund 20 Dollar (je Fass) tiefer zu liegen als der Preis für das in Europa gehandelte Brent – und das, nachdem sich die beiden Preise in den Jahren zuvor jeweils gleichauf bewegt hatten. Hier die Grafik dazu (Quelle: FuW):

Was ist geschehen? Die Antwort auf diese Frage heisst «Fracking» oder Hydraulic Fracturing, eine neue Fördermethode, mit deren Hilfe Öl und Gas aus Schiefergestein gepresst wird und die USA einen neuen Gas- und Ölboom erleben. Mein Redaktionskollege Christoph Gisiger hat eine schöne Reportage über das neue Ölfieber in Texas (hier zu finden) geschrieben, in der er auch die technischen Details des Fracking erklärt. Für die Zwecke dieses Blogs nur drei Grafiken aus Gisigers Arbeit:

Die erste zeigt, wie sich das Volumen in der Erdgasförderung seit 2007, als der technische Durchbruch im Fracking gelang, massiv ausgeweitet hat (diese Angebotsausweitung ist der Grund für den Preiszerfall im US-Erdgasmarkt):

Die zweite Grafik zeigt die Ölförderung im Land, die im Jahr 2008 ihren Tiefpunkt verzeichnete und seither wieder kräftig steigt:

Und die dritte schliesslich zeigt die prognostizierten Produktionsausweitungen in der amerikanischen Erdölförderung über die kommenden Jahre:

Gemäss Schätzungen der Internationalen Energieagentur IEA sind die Schiefervorkommen derart ergiebig, dass die USA bis 2020 Saudi-Arabien als weltgrössten Ölproduzenten überholen könnten. Die Vereinigten Staaten werden dann nicht mehr auf Energieimporte aus dem Mittleren Osten oder aus Venezuela angewiesen sein, sondern im Gegenteil selbst zu einem Exporteur werden. Was das wohl aus geopolitischer Sicht für den Mittleren Osten bedeuten wird?

Die amerikanische Wirtschaft jedenfalls darf sich dauerhaft auf günstigere Energiekosten einstellen. Es ist also durchaus möglich, dass wir über die kommenden Jahre eine Re-Industrialisierung der USA erleben werden.

Nachtrag: Vergangene Woche haben wir in diesem Blogbeitrag über Japan geschrieben. Die Wahlen sind mittlerweile vorüber, und die Liberaldemokratische Partei unter Shinzo Abe hat einen Erdrutschsieg errungen. Bereits beginnt Abe, politischen Druck auf die Bank of Japan auszuüben; die Zentralbank hat am Donnerstag weitere Massnahmen zur Stützung der Wirtschaft und zur Schwächung des Yen bekannt gegeben (hier die Details). Mein Redaktionskollege Gregor Mast hat sich in dieser Analyse mit dem Titel «Japanisches Endspiel in vier Akten» Gedanken darüber gemacht, wie Japan in den kommenden Jahren die Weltfinanzmärkte bewegen wird. Nur so viel: Es wird heftig.