Die grösste Migrationswelle der Geschichte

Massenbewegung: Millionen Arbeiter kehren nach dem chinesischen Neujahrsfest bei ihren Familien zurück in die Grossstädte. Im Bild eine Bahnhofunterführung in Shanghai. (Bild: AFP)

Massenbewegung: Millionen Arbeiter kehren nach dem chinesischen Neujahrsfest bei ihren Familien zurück in die Grossstädte. Im Bild: eine Bahnhofunterführung in Shanghai. (Bild: AFP)

Die grosse Auswanderungswelle von Europa nach Nordamerika im 19. Jahrhundert gehört zu den wichtigsten Kapiteln der Wirtschaftsgeschichte. Sie bildete die Grundlage für den Aufstieg der USA zur grössten Volkswirtschaft der Welt. Noch Mitte der 1870er-Jahre befand sie sich ungefähr auf dem Niveau der grossen europäischen Länder, dann hängte sie alle anderen ab, wie die Grafik von Angus Maddison zeigt.

Doch so eindrücklich und wichtig die Migration über den Atlantik war, im Vergleich zu Chinas Binnenmigration verblasst sie. Die grösse Migrationswelle der Geschichte hat nicht im 19. Jahrhundert, sondern in den letzten Jahrzehnten stattgefunden. Schätzungen sprechen von 200 bis 300 Millionen Menschen, die von ländlichen Gebieten in die Städte an oder nahe der Küste gezogen sind. Letztes Jahr lebten 690 Millionen Menschen in Städten, gegenüber 460 Millionen Menschen auf dem Land. Zum ersten Mal in der Geschichte Chinas leben mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land.

Man kann den Einwand machen, dass die Auswanderung etwas fundamental anderes ist als die Binnenwanderung und dass die beiden Migrationsformen nicht miteinander verglichen werden können. Es gibt sicher relevante Unterschiede. Die Auswanderer im 19. Jahrhundert mussten weit reisen und konnten nicht über die Feiertage schnell ein paar Tage zu ihren Verwandten im Heimatland, während die chinesischen Migranten ihre Verbindungen zum Herkunftsdorf aufrecht erhalten können, wenn sie wollen. Ausserdem bleiben die Chinesinnen und Chinesen im gleichen Sprachraum und können ihre Essensgewohnheiten beibehalten, was in der Fremde wichtig ist.

Trotz dieser Einwände würde ich am Vergleich festhalten. Im 19. Jahrhundert lebten viele Emigranten in den USA in Quartieren, wo sie weiterhin die eigene Sprache sprechen und ihre Traditionen leben konnten. Der Bruch mit der Heimat war weniger gross, als er auf den ersten Blick scheint. Umgekehrt könnte der Kontrast zwischen dem Leben im chinesischen Hinterland und in einer industriellen Grossstadt nicht grösser sein, wie er im Buch «Factory Girls» eindrücklich beschrieben wird (hier ein Vortrag der Autorin Leslie T. Chang). Nur weil die Migration im selben Land stattfindet, muss sie nicht weniger schwierig sein.

Interessant, wenn auch hypothetisch ist die Frage, ob China zu einem Einwanderungsland werden wird, wenn die Binnenwanderung an ihr Ende gekommen ist. In den florierenden Küstenregionen herrscht bereits heute Arbeitskräfteknappheit. Aus politischen Gründen kommt aber eine Öffnung der Grenze für ausländische Arbeitskräfte vorerst nicht in Frage.

Oder wird eine Liberalisierung sowieso nie kommen, so wie in Japan? Der dicht bevölkerte Inselstaat versucht bis heute die Einwanderung auf ein Minimum zu begrenzen, obwohl er aus demographischen Gründen dringend darauf angewiesen wäre. Mit der Erfindung von neuen Robotern versucht man den Notstand in der Altenpflege zu lindern. Ob das gut kommt, wenn man immer unter sich bleiben will?