Der 1937-Effekt

Tatendrang: Präsident Roosevelt bei seiner Arbeit im July 1932.

Tatendrang: Franklin Roosevelt bei seiner Arbeit im Juli 1932. (Bild: Keystone)

Geschichte hat eine ungemütliche Eigenschaft: Sie kennt rückblickend nur einen Pfad, alternative Geschichtsverläufe lassen sich nie beweisen.

Wie sähe die Welt heute aus, wenn Wien 1529 oder 1683 gefallen wäre?

Was, wenn Adolf Hilter wie seine drei älteren Geschwister schon als Baby gestorben wäre?

Was, wenn am 26. Oktober 1962 Valentin Savitsky, der in Panik geratene Kapitän des sowjetischen U-Bootes B-59, vor Kuba seinen Nukleartorpedo auf die USS Beale abgefeuert hätte?

Die gleichen Gedanken lassen sich auf die Wirtschaftsgeschichte anwenden: Was wäre mit der Weltwirtschaft und den Finanzmärkten geschehen, wenn die USA, China und Japan im Winter 2008/2009 kein mit fast 2000 Milliarden Dollar dotiertes Stimulusprogramm beschlossen hätten? Die Ökonomen Barry Eichengreen und Kevin O’Rourke haben damals anhand verschiedener Indikatoren dargelegt, dass die Weltwirtschaft Ende 2008 auf dem gleichen, steil abwärts gerichteten Pfad war wie in den frühen Dreissigerjahren. Haben die Stimulusprogramme sowie die enorm expansive Geldpolitik diverser Notenbanken eine zweite Grosse Depression verhindert?

Beweisen lässt es sich nicht.

Diese Frage ist auch heute wieder aktuell, in der Debatte, ob der harte Austeritätskurs, der südeuropäischen Ländern wie Spanien auferlegt wird, sinnvoll ist.

Der Internationale Währungsfonds hat diese Debatte in seinem World Economic Outlook neu lanciert. Kollege Diem Meier hat in diesem Blogbeitrag bereits intensiv über den Report berichtet. Die Schlüsselstelle im Report (hier abrufbar) ist auf den Seiten 41 bis 43 zu finden, wo IWF-Chefökonom Olivier Blanchard darlegt, dass der bislang angenommene Fiskal-Multiplikator deutlich zu niedrig gewesen sei.

Was bedeutet das? Vereinfacht gesagt hatte der IWF bislang einen Multiplikator von 0,5 angenommen, das heisst, wenn der Staat seine Ausgaben um 2 Prozent zurückfährt, schrumpft das BIP des betreffenden Landes um 1 Prozent. Eine empirische Untersuchung des IWF habe jedoch gezeigt, dass der Multiplikator eher zwischen 0,9 und 1,7 liege, schreibt Blanchard. Das heisst im Extremfall, dass eine Kürzung der staatlichen Ausgaben um 2% einen BIP-Rückgang von 3,4% zur Folge hat.

Im Kern geht es also um die Frage, ob die harte Sparpolitik überhaupt zum Ziel führt, das heisst, ob die Kürzungen im Staatshaushalt auch tatsächlich zu einer Verringerung des Budgetdefizits und letztlich der Staatsschulden führen.

Blanchard bezweifelt es. Der IWF mahnt daher, den Spardruck nicht zu übertreiben.

Doch wie ist es überhaupt möglich, dass Kürzungen in den Staatsausgaben nicht zu einer Verkleinerung des Budgetdefizits und der Staatsschulen führen? Intuitiv wäre doch klar, dass weniger Ausgaben auch weniger Schulden bedeuten.

Leider ist es nicht so einfach. Zunächst muss nämlich festgestellt werden, in welcher Art Rezession sich ein Land überhaupt befindet.

Handelt es sich um eine normale Rezession, wie sie in der westlichen Welt in der Nachkriegszeit üblich waren, sollte der Staat tatsächlich einfach abseits stehen und nichts unternehmen. Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn das Land in einer Bilanzrezession steht (ein von Richard Koo, Vorsitzender des Nomura Research Institute in Tokio, geprägter Begriff). In diesem Kommentar und in diesem Blogbeitrag haben wir das Thema bereits ausführlich beschrieben, daher hier nur kurz: In einer Bilanzrezession baut der Privatsektor eines Landes – Unternehmen oder private Haushalte oder beide – seine Schulden ab und saniert seine Bilanz. Konsum und Investitionen sinken als Folge davon kräftig.

Kürzt in dieser Situation nun auch noch der Staat seine Ausgaben, schraubt sich die Volkswirtschaft immer tiefer in die Rezession. Als Folge davon sinken die Steuereinnahmen des Staates, während die Ausgaben für automatische Stabilisatoren wie die Arbeitslosenversicherung weiter steigen. Folge davon ist ein weiterhin hartnäckig hohes Budgetdefizit – und das, obwohl der Staat eigentlich zu sparen versucht.

Leider ist es auch hier schwierig, den Beweis zu erbringen, welcher Weg – harte Austerität oder eine fiskalpolitisch gedämpfte Übergangsphase, mit glaubwürdigen mittelfristigen Plänen zur Haushaltskonsolidierung – die besseren Resultate liefert.

Was aber ins Feld geführt werden kann, ist die historische Erfahrung. Und die spricht gegen einen zu harten, kurzfristig ausgerichteten Austeritätskurs.

Beweisstück 1: In den Jahren 1935, 1936 und 1937 hatte sich die US-Wirtschaft sukzessive vom Einbruch der Grossen Depression erholt. Anfang 1937 hatten der industrielle Output und die Unternehmensgewinne wieder das Vorkrisenniveau von 1929 erreicht. Die Arbeitslosenrate war vom Höchststand von 25% im Jahr 1933 auf 14,3% gesunken. Der Aktienmarkt hatte sich seit Mitte 1932 vervierfacht und wieder den Stand von 1928 erreicht.

Dann beschloss die Regierung von Franklin D. Roosevelt, die Staatsausgaben zu drosseln und das Budget zu konsolidieren. Doch wie sich herausstellen sollte, war der immer noch in einer Bilanzrezession steckende Privatsektor noch nicht bereit dazu: Mitte 1937 sackte die Wirtschaft wieder in die Depression zurück, die Arbeitslosenrate schoss auf 19% und der industrielle Output brach um 37% ein. Die Kurse an der New Yorker Börse halbierten sich bis 1938 wieder.

Der verfrühte Versuch Roosevelts, das Staatsbudget auszugleichen, könnte die Depression um mehr als zwei Jahre verlängert haben.

Beweisstück 2 liefert Japan: Nach dem Platzen der dortigen Immobilien- und Aktienblase Anfang 1990 fiel das Land in eine hartnäckige Bilanzrezession. Der Staat hielt mit Fiskalstimuli dagegen, die Staatsschulden stiegen Jahr für Jahr. 1997 beschloss die Regierung von Premier Ryutaro Hashimoto einen Sparkurs und versuchte, das Staatsbudget auszugleichen.

Auch in diesem Fall war die Realwirtschaft noch nicht in der Lage, die Rolle des Wachstumsmotors zu übernehmen, wie folgende Grafik von Richard Koo eindrücklich zeigt:

In den Jahren nach den Hashimoto-Reformen sackte Japans Wirtschaft in die Rezession zurück, als Folge sanken die Steuereinnahmen (weisse Balken), und das Budgetdefizit (dunkle Balken) stieg sprunghaft an. Vier Jahre später versuchte Premier Junichiro Koizumi das gleiche Experiment, mit exakt dem gleichen Resultat.

Diese beiden Episoden aus der Geschichte, gekoppelt mit der Untersuchung von IWF-Chefökonom Blanchard, zeigen die Gefahren eines zu frühen staatlichen Sparkurses in einer von einer Bilanzrezession geplagten Wirtschaft.

Leider wird diese enorm wichtige Frage, welcher Weg eher zum Ziel führt, gegenwärtig durch eine ideologisch verzerrte Optik betrachtet: Auf der einen Seite die Anhänger der „österreichischen“ Schule, die jede Art staatlicher Schuldenwirtschaft ablehnen, auf der anderen Seite die Pseudo-„Keynesianer“ (Keynes würde sich übrigens im Grab umdrehen, aber das ist eine andere Geschichte), die das Heil in weiteren Staatsausgaben sehen.

Dabei müsste die Frage ideologiefrei und mechanisch betrachtet werden. Zwei starke historische Beispiele – die USA 1937 und Japan 1997 – sprechen dafür, dass eine zu frühe Kürzung der Staatsausgaben in einer Bilanzrezession kontraproduktiv wirkt. Wie sieht es mit Gegenargumenten aus?

Enden wir also mit einem Aufruf an Sie, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs: Melden Sie uns historische Beispiele von Ländern, die es mit einem harten staatlichen Austeritätskurs geschafft haben, sich aus einer hartnäckigen Bilanzrezession/Depression zu befreien, ohne – und diese Einschränkung ist zentral, denn schliesslich geht es aktuell um Spanien – ihre eigene Währung abwerten zu können. Zweite Einschränkung, um zu verhindern, dass sie hundertfach genannt werden: Bitte Estland und Lettland nicht nennen. Zu diesen beiden Ländern gerne bald mehr in diesem Blog.

Noch eine Meldung in eigener Sache: In den kommenden Wochen ist unser Blog-Team ferienbedingt etwas ausgedünnt. Die obengenannte Fragestellung werden wir daher frühestens Mitte November behandeln können.