Unsinnige Vorwürfe an die SNB

Daniel Gros am World Economic Forum in Wien. (Foto: WEF)

Bringt Ursache und Wirkung durcheinander: Ökonom Daniel Gros am World Economic Forum on Europe and Central Asia in Wien, 8. Juni 2011. (Foto: WEF)

Nach der Ratingagentur Standard & Poor’s hat nun auch der Ökonom Daniel Gros von der Brüsseler Denkfabrik CEPS der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vorgeworfen, sie verschärfe mit ihrer Währungspolitik die Euro-Krise (hier und hier). Was ist von seinen Argumenten zu halten?

Bei mir lösen sie nur Ratlosigkeit aus. Vor allem bin ich erstaunt darüber, dass Gros Ursache und Wirkung vertauscht, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Euro-Krise nimmt immer bedrohlichere Ausmasse an und schlägt inzwischen auf die gesamte Weltwirtschaft durch, aber das scheint für ihn sekundär. Die Schweiz ist «Weltmeister in der Währungs-Manipulation», ist er überzeugt.

Konkret sind folgende Vorwürfe nicht nachvollziehbar:

  1. Die Schweiz manipuliere wie China die Währung: Dieser Vergleich ist schief. China hält die Währung unterbewertet, während die Schweiz verhindert hat, dass sich der Franken zu schnell aufwertet. Bei der Festlegung der Untergrenze vor einem Jahr war der Franken immer noch deutlich überbewertet (insbesondere gegenüber Deutschland). Zudem hatte die Schweiz seit der Freigabe der fixen Wechselkurse 1973 immer eher eine überbewertete Währung. Gros‘ Vorwurf, die Schweiz lebe seit Jahrzehnten von einer unterbewerteten Währung ist komplett falsch. Nur von 2002 bis 2008 war der Franken aussergewöhnlich schwach, aber das war die grosse Ausnahme, welche die Regel bestätigt.
  2. Die SNB trage entscheidend zum Auseinandergehen der Zinsen in Europa bei: Der Graben zwischen den nördlichen und den südlichen Euro-Länder ist strukturell bedingt und hat bereits im Januar 2009 begonnen, d.h. längst vor der Einführung der Untergrenze. Dass Irland und die südeuropäischen Länder höhere Zinsen zahlen müssen als Deutschland, hat damit zu tun, dass die Anleger erwarten, dass die Wahrscheinlichkeit eines Schuldenschnitts grösser ist. So war es bereits vor der Einführung des Euro.
  3. Die Schweiz müsse wie Griechenland einen Anpassungsprozess durchlaufen und ihren Export einbrechen lassen, bis die Leistungsbilanz ausgeglichen ist: Was Griechenland durchmacht, ist in der Tat brutal. Aber daraus abzuleiten, dass die Schweiz kein Recht habe auf eine autonome Geld- und Währungspolitik, ist unsinnig. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Nach der Logik von Gros müssten alle Länder mit einem Handelsbilanzüberschuss sofort aufhören, die Aufwertung ihrer Währung zu bekämpfen, insbesondere Norwegen und Schweden, aber auch Australien. Zudem sollte Dänemark den fixen Wechselkurs gegenüber dem Euro aufgeben. Und Hongkong hat einen Währungsfonds im Umfang von rund 120 Prozent des BIP.

Tröstlich ist, dass Gros bisher der einzige Ökonom ist, der die SNB angegriffen hat. Bei den Zentralbanken, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) habe ich bisher noch keinen Vorwurf hören können. Allenfalls findet man die Einführung der Untergrenze eine allzu riskante Strategie, aber das ist eine andere Diskussion. Es liegt völlig auf der Hand, dass die USA und die Euroländer für die allgemeine Misere verantwortlich sind. Die Vorwürfe an die SNB lenken nur von den wahren Problemen ab.