China blutet Geld

Hundert Yuan-Noten. (Foto: Keystone)

Wie liquide ist China? Im Bild: Hundert-Yuan-Noten. (Foto: Keystone)

Es lohnt sich, grosse volkswirtschaftliche Themen ab und zu aus der Sicht eines Buchhalters zu betrachten. Währungskrisen beispielsweise folgen einer brutalen buchhalterischen Mechanik, wie sie in Europa gegenwärtig besonders eindrücklich am Beispiel Spaniens zu beobachten ist. Vereinfacht gesagt: In der Summe fliesst seit Monaten deutlich mehr Kapital von Spanien ins Ausland, als dass Kapital vom Ausland nach Spanien fliesst. Die Zahlungsbilanz ist rot, das Land blutet aus – respektive benötigt laufend Transfusionen von der Europäischen Zentralbank.

Auch die Asienkrise von 1997 und 1998, die unter anderen Thailand, Indonesien, Korea und Malaysia heimsuchte, war im Kern eine Zahlungsbilanzkrise.

Eine der eindrücklichsten Verwerfungen in der Zahlungsbilanz eines Landes findet derzeit jedoch in China statt.

Letzte Woche haben wir in diesem Blogbeitrag festgestellt, dass Chinas Zentralbank, die People’s Bank of China (PBoC), seit 2007 für die weitaus grösste Geldmengenausweitung weltweit verantwortlich war. Damals haben wir Ihnen versprochen, darzulegen, wie es dazu kam und was das für den Rest der Welt bedeutet.

Schauen wir’s uns also an.

Zunächst jedoch eine kurze, stark vereinfachte Übersicht über die wichtigsten Bilanzen eines Landes:

Die Leistungsbilanz (engl. current account) misst den Handel von Waren und Dienstleistungen mit dem Ausland. Exportiert ein Land mehr Waren und Dienstleistungen, als es importiert, ist der Saldo seiner Leistungsbilanz positiv.

Die Kapitalbilanz (engl. capital account) misst die grenzüberschreitenden Kapitalflüsse eines Landes. Darin enthalten sind alle möglichen Arten von Investitionen, die Inländer des fraglichen Landes im Ausland tätigen, beziehungsweise die Ausländer im Inland tätigen. Das kann beispielsweise eine Firma sein, die im Ausland einen Konkurrenten übernimmt, oder es können private Sparer sein, die ihr Geld in ausländischen Vermögenswerten anlegen.

Die Saldi der Leistungsbilanz und der Kapitalbilanz zusammen ergeben die Zahlungsbilanz (engl. balance of payments).

In einer normalen Welt mit freien Wechselkursen sollten sich die Saldi der Leistungs- und der Kapitalbilanz auf null addieren – die Zahlungsbilanz ist ausgeglichen. Deutschland beispielsweise erwirtschaftet einen Leistungsbilanzüberschuss und ein Defizit in der Kapitalbilanz. Das heisst: Die Exporte Deutschlands sind höher als die Importe, und mehr Kapital fliesst von Deutschland ins Ausland als vom Ausland nach Deutschland.

(Hier ein kleiner Exkurs: Es wird gemeinhin als erstrebenswert erachtet, dass ein Land einen Leistungsbilanzüberschuss erzielt. Damit einher geht aber auch ein Kapitalabfluss ins Ausland – und gerade die deutschen Banken beispielsweise haben sich in den vergangenen Jahren als phänomenale Kapitalvernichtungsmaschinen mit ihren Investments im Ausland erwiesen. Mehr zu diesem Thema in diesem Blogbeitrag von Kollege Markus Diem Meier.)

Nun kommt dieser reine Fall, dass sich Leistungs- und Kapitalbilanz die Waage halten, in der realen Welt nicht oft vor. In der Praxis ist die Zahlungbilanz selten ausgeglichen, und der Saldo wird über die Veränderung der Devisenreserven der Notenbank des betreffenden Landes ausgewiesen.

Schönes Beispiel hierfür: Die Schweiz erwirtschaftet einen Überschuss in der Leistungsbilanz. Und weil gleichzeitig viele Ausländer ihr Geld in die Schweiz bringen und die Schweizer ihrerseits die Lust an Investitionen im Ausland verloren haben, vermag die Kapitalbilanz den Leistungsbilanzüberschuss nicht zu kompensieren: Abzulesen in den steigenden Devisenreserven der Schweizerischen Nationalbank. Mein Redaktionskollege Philippe Béguelin hat im Momentum-Blog der FuW (hier der Link) über diese in der Schweiz bislang weitgehend unbeachtete Mechanik geschrieben.

Aber wir wollten ja über China sprechen.

China hat seit 1998 auf Quartalsbasis ohne Unterbruch einen Überschuss in seiner Leistungsbilanz erwirtschaftet. Gleichzeitig schloss in den meisten Quartalen aber auch die Kapitalbilanz mit einem positiven Saldo: Es strömte mehr Investitionskapital nach China als von China ins Ausland. Als Folge dieser beiden Entwicklungen hat auch die Zahlungsbilanz Chinas während 14 Jahren ohne Unterbruch einen positiven Saldo ausgewiesen. Die Kollegen des auf China spezialisierten Blogs Also sprach Analyst haben dazu diese Grafik erstellt:

Die blauen Balken zeigen den Überschuss in Chinas Leistungsbilanz (current account balance), auf Quartalsbasis seit 1998. Die roten Balken zeigen den Saldo der Kapitalbilanz (capital & financial account balance). Mit ganz wenigen Ausnahmen liegen sie beide stets im positiven Bereich. Die grünen Balken schliesslich zeigen den Zahlungsbilanzsaldo respektive die Veränderung der Reserven der People’s Bank of China (reserve assets). Wichtig: Die grünen Balken im Minusbereich der Grafik bedeuten, dass die Reserven der Zentralbank gestiegen sind.

Hätte China während dieser Zeit seine Währung, den Renminbi, frei «floaten» lassen, hätte er sich durch den Kapitalzufluss kräftig aufgewertet. Diese Währungsaufwertung wiederum hätte die chinesischen Waren auf dem Weltmarkt verteuert, die Exporte des Landes wären dadurch gesunken und der Überschuss in der Leistungsbilanz hätte sich verringert. Die Währungsaufwertung hätte also das Zahlungsbilanz-Ungleichgewicht korrigiert.

Diesen Prozess hat die People’s Bank of China jedoch bewusst unterbunden und den Wechselkurs des Renminbi (hauptsächlich zum Dollar) künstlich tief gehalten. Sie tat dies, indem sie Renminbi auf den Markt warf und damit Fremdwährungsreserven aufbaute.

So sieht die Zusammensetzung der Bilanz der People’s Bank of China aus (Quelle: Also sprach Analyst):

Die Grafik zeigt die enorme Ausweitung der Bilanz, von rund 5000 Milliarden Renminbi im Jahr 2004 auf aktuell rund 28’600 Milliarden Renminbi. Die weitaus wichtigste Bilanzkomponente wird durch die dunkelblaue Fläche dargestellt: Ausländische Wertschriften (Foreign Assets). Zu einem grossen Teil handelt es sich dabei um US-Schatzanleihen.

Mit dieser Ausweitung ihrer Bilanz – als Folge der Zahlungsbilanzüberschüsse – flutete die People’s Bank of China den Markt mit Renminbi.

Möglicherweise geht diese grosse Bewegung aber nun zu Ende. Die schwarze Kurve in der Grafik zeigt die Wachstumsrate der Bilanz der PBoC. Sie ist auf nahezu null gefallen.

Im zweiten Quartal dieses Jahres ist zudem etwas geradezu Historisches geschehen: Erstmals seit 1998 schloss Chinas Zahlungsbilanz im Minus, die Devisenreserven der PBoC bildeten sich leicht zurück.

Hier nochmals die Grafik der Bilanzsaldi:

Ganz rechts in der Grafik ist zu sehen, wie im zweiten Quartal 2012 die Kapitalbilanz (roter Balken) deutlich ins Minus rutschte. Der negative Saldo der Kapitalbilanz war sogar grösser als der positive Saldo der Leistungsbilanz (blau), wodurch die Zahlungsbilanz (grün) erstmals seit 14 Jahren ins Minus rutschte.

Derzeit verlässt also mehr Kapital China, als dass ausländisches Kapital nach China strömt. Leider lässt es sich aus den Statistiken nicht ermitteln, um welche Art von Kapitalfluss es sich handelt. Vielleicht investieren chinesische Unternehmen besonders viel Kapital im Ausland, vielleicht ziehen aber auch ausländische Investoren ihr Kapital ab oder – wie seit Wochen gerüchteweise zu hören ist – reiche Chinesen verschieben ihr Vermögen ins Ausland.

Eines ist jedoch sicher: Wenn die Zahlungsbilanz Chinas ins Defizit rutscht, muss die People’s Bank of China ihre Devisenreserven verkaufen und dem Markt Renminbi entziehen. Die Zeit, als die PBoC die fleissigste Gelddruckerin der Welt war, dürfte vorbei sein.

Bereits zeigen sich erste Signale von Liquiditätsnot im chinesischen Bankensystem (mehr dazu hier).

Bleiben wir dran.