Was bringen die Bilateralen Abkommen I?

Tobias Straumann am Mittwoch, den 28. Januar 2015
VERKEHR, GRENZGAENGER, FRONTALIERI, GRENZGAENGERVERKEHR, FEIERABENDVERKEHR, NACHTAUFNAHME,

Italienische Grenzgänger auf der A 2 bei Mendrisio. Foto: Francesca Agosta, Keystone.

Im neusten Wachstumsbericht hat der Bundesrat Stellung zum Nutzen der Bilateralen Abkommen I genommen (Bericht, S. 30–35). Die Angaben sind von hoher Brisanz, denn wenn es mit der EU zu keiner Einigung bezüglich der Personenfreizügigkeit kommt, droht das Verschwinden der Bilateralen Abkommen I. Das könnte für die Schweiz schädlich sein. Die Frage ist: Wie schädlich?

Es geht um insgesamt sieben Abkommen:

    1. Abkommen über die Freizügigkeit (Personenfreizügigkeit)
    2. Abkommen über gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen (Beseitigung technischer Handelshemmnisse)
    3. Abkommen über bestimmte Aspekte des Öffentlichen Beschaffungswesens
    4. Abkommen über den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen
    5. Abkommen über den Landverkehr
    6. Abkommen über den Luftverkehr
    7. Rahmenabkommen über wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit (Forschungsabkommen)

Die Befürworter der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) sind der Meinung, dass ein Wegfall der Bilateralen Abkommen I verkraftbar wäre. Die Nachteile seien überschaubar, weil der Marktzugang durch das Freihandelsabkommen von 1973 und die Vereinbarungen der World Trade Organization (WTO) genügend abgesichert sei.

Von den Gegnern der MEI hört man Unterschiedliches. Einige sind sich sicher, dass der direkte volkswirtschaftliche Schaden beträchtlich wäre. Andere sind vorsichtiger. Sie befürchten vor allem indirekten Schaden. Einzelne EU-Länder könnten zum Beispiel die Zusammenarbeit mit der Schweiz erschweren, was die Rechtssicherheit untergraben würde. Aber man ist sich einig: Die Beibehaltung der Bilateralen Abkommen I sind essentiell für die Schweizer Wirtschaft.

Was sagt nun der Bundesrat? Im Fazit teilt er das zweite Argument der Gegner:

Die vorliegenden Studien erlauben, mit wenigen Ausnahmen, keine direkten beziehungsweise quantifizierten Aussagen über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen eines möglichen Wegfalls der Bilateralen I. Einige weisen allerdings auf die indirekten und nicht quantifizierbaren Auswirkungen für die schweizerischen Wirtschaftsträger hin. Auf die möglichen langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen können sie aber dennoch Hinweise geben. Kurz- und mittelfristig würde es zu einer Phase grösserer Unsicherheit und wirtschaftlicher Turbulenzen kommen. Dies dürfte die Investitionen in der Schweiz und damit auch das Wachstumspotenzial zusätzlich und u.U. nachhaltig beeinträchtigen. (Seite 35)

Der Bericht bringt damit keinen Befreiungsschlag für die politische Diskussion. Die wissenschaftlichen Studien, die zitiert werden, deuten zwar mehrheitlich auf einen Nutzen der Bilateralen Abkommen I hin, aber sie können keinen grossen Effekt nachweisen. So bleibt alles in der Schwebe.

in der kurzen Frist ist ohnehin viel entscheidender, wie sich die Aufgabe des Mindestkurses auf die Wirtschaft und die Zuwanderung auswirken wird. Es gibt zwei Möglichkeiten:

  1. Die Zuwanderung geht schnell zurück. Das dürfte eher jene Stimmen stärken, die bei der Personenfreizügigkeit auf einen Kompromiss mit der EU hinarbeiten.
  2. Die Zuwanderung und die Zahl der Grenzgänger bleiben konstant oder steigen an, weil die Firmen billige Arbeitskräfte brauchen, um die Frankenstärke zu absorbieren. In diesem Fall würde die Ablehnung der Personenfreizügigkeit ansteigen.

Die Situation ist also völlig offen. Wir wissen nicht, wie sich der Wechselkurs und die Einwanderung entwickeln werden. Es herrscht weiterhin das Prinzip Hoffnung.

Die Ökonomen und der Nationalbank-Entscheid

Tobias Straumann am Mittwoch, den 21. Januar 2015
WAEHRUNG, WECHSELKURS, MINDESTKURS, EURO, SCHWEIZER FRANKEN, AUFHEBUNG, MINDESTKURSAUFHEBUNG, SNB, SCHWEIZERISCHE NATIONALBANK, UNTERGRENZE, KURSUNTERGRENZE, FINANZPOLITIK,

Da war der Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken Geschichte: Nationalbank-Präsident Thomas Jordan gibt in Zürich den Beschluss bekannt (15. Januar 2015). Foto: Walter Bieri (Keystone)

Selten war die Zukunft so offen wie heute, einige Tage nach dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB), den Mindestkurs aufzugeben. Die Ökonomen sind zurückhaltend und vorsichtig. Niemand will der SNB das Leben unnötig schwer machen, aber es ist auffällig, wie zurückhaltend die Unterstützung ist. Die Risiken sind enorm.

Hier eine kleine Zusammenstellung von schweizerischen und internationalen Stimmen:

Mathias Hoffmann, Yvan Lengwiler, Ernst Baltensperger, Tobias Rötheli, Barry Eichengreen, Markus Brunnermeier/Harold James.

Wenn die Ökonomen sich einig sind, muss das natürlich nichts heissen. Alle erinnern sich an die Queen, die fragte: «It’s awful – Why did nobody see it coming?»

Trotzdem: Es gibt gute Argumente, zurückhaltend zu sein.

1. Die SNB hat immer betont, dass die Untergrenze wichtig sei, um Deflation zu verhindern. Mit der Freigabe des Wechselkurses riskiert man Deflation.

2. Die Europäische Zentralbank (EZB) startet am Donnerstag ihr Aufkaufprogramm. Es ist sehr schwierig vorauszusehen, wie sich das auf die Devisenmärkte auswirken wird. Wahrscheinlich ist eine weitere Abwertung des Euro, aber es muss nicht sein. Warum hat die SNB die Wirkung der EZB-Aktion nicht abgewartet, bevor sie den Ausstieg bekannt gab?

3. Wenn der Franken zu stark bleibt, muss die SNB wieder intervenieren. Das kann sehr kostspielig werden. Eventuell schwächt sich der Dollar ab, was zusätzlichen Druck ausüben würde. Die Bilanz der SNB würde sich dadurch noch schneller ausweiten, als wenn man die Untergrenze behalten hätte.

Es gibt Stimmen, die auf die Parallele zu 1973 verweisen. Damals trat die SNB aus dem Bretton-Woods-System der festen Wechselkurse aus. Es war ein ähnlicher Schock wie letzte Woche. Der Franken schoss in die Höhe, und die exportorientierten Branchen waren von einem Tag auf den andern gezwungen, völlig anders zu kalkulieren. Das habe man ja auch überlebt, lautet das Argument.

Die Grafik zeigt, wie sich der Franken gegenüber der DM und dem Dollar aufgewertet hat.

Präsentation1

Die Schweizer Wirtschaft überlebte in der Tat den Schock, aber der Vergleich mit der heutigen Situation ist nicht ganz tauglich. 1973 war der Schweizer Franken deutlich unterbewertet, das ist er heute nicht. Zweitens hatte man damals die Möglichkeit, die Arbeitslosigkeit zu einem grossen Teil zu exportieren bzw. in die privaten Haushalte zurückzuverlagern. Etwa 200'000 ausländische Arbeitskräfte und Zehntausende von Frauen verloren temporär ihre Stelle. Die Textil- und die Uhrenindustrie gerieten in existenzielle Probleme. Das geht heute in der Zeit der Personenfreizügigkeit nicht mehr.

So bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Devisenmärkte bald beruhigen werden und den Franken wieder abschwächen werden. Darauf wetten kann man aber nicht. Der Safe-Haven-Effekt, der den Franken immer wieder nach oben treibt, könnte noch lange anhalten.

Die grössten Verlierer der Personenfreizügigkeit

Tobias Straumann am Montag, den 12. Januar 2015
Polen640

Die Personenfreizügigkeit führt dazu, dass es vor allem in ländlichen Gebieten Osteuropas einen grossen Mangel an Fachpersonal gibt: In einem polnischen Dorf. Foto: Ilana Tamir (Flickr)

Grossbritannien und die Schweiz stehen in der Kritik, weil sie die Personenfreizügigkeit einschränken wollen. Man könne nicht beides haben, Zugang zum Binnenmarkt und Sonderkonditionen bei der Einwanderung, heisst es. Vor allem der Schweiz wird diesbezüglich vorgehalten, sie sei eine Rosinenpickerin.

Wenn alles so eindeutig wäre. Es mag für die EU inakzeptabel sein, dass die Schweiz die Personenfreizügigkeit neu verhandeln möchte. Aber der Vorwurf der Rosinenpickerei greift zu kurz.

Erstens arbeiten alle EU-Länder permanent daran, möglichst gute Konditionen für sich herauszuholen. Das gehört zum Spiel, Brüssel ist ein Basar. Und wenn man die Geschichte der EU anschaut, sieht man, dass immer wieder Kompromisse gemacht wurden. Ohne Flexibilität wäre die EU längst auseinandergebrochen. Zum Beispiel: Frankreich und Italien werden voraussichtlich 2015 ein höheres Budgetdefizit, als der Fiskalpakt erlaubt, zulassen. Am Anfang gab es grosse Empörung in Brüssel, mittlerweile hört man kaum mehr etwas - obwohl der Fiskalpakt zu den tragenden Säulen der Währungsunion gehört.

Zweitens könnte man genauso gut argumentieren, dass die Personenfreizügigkeit die höchste Form der Rosinenpickerei ist. Die Schweiz kann ohne Mühe die besten Leute abwerben, ohne für die Ausbildungskosten aufzukommen. Die Einschränkung der Personenfreizügigkeit müsste deshalb eine gute Nachricht für die Länder sein, die gegenüber der Schweiz einen Nettoauswanderungssaldo haben.

Die privilegierte Position der Schweiz zeigt sich besonders deutlich bei der Einwanderung im Gesundheitsbereich, wie ein neuer Artikel der «Süddeutschen Zeitung» zeigt (hier). Skandinavische Länder und die Schweiz werben deutsches Fachpersonal ab, und Deutschland füllt seine Lücken mit osteuropäischen Ärztinnen und Ärzten. Das Ergebnis ist, dass in Osteuropa ein geradezu dramatischer Personalmangel aufgetreten ist. Vor allem auf dem Land fehlt es an medizinischem Fachpersonal. Anders gesagt: Die grössten Verlierer der Personenfreizügigkeit sind die Emigrationsländer.

Wie die Währungsunion verstärkt also auch die Personenfreizügigkeit die Unterschiede zwischen den europäischen Regionen. Es passiert genau dasselbe, was wir in allen Nationalstaaten in den letzten 150 Jahren beobachten konnten. Die Schweiz ist ein typisches Beispiel. Eine gemeinsame Währung, Niederlassungsfreiheit und Binnenmarkt haben dazu geführt, dass sich das Wirtschaftswachstum immer stärker auf einige wenige Wachstumszentren konzentriert.

Das Binnenmarktprogramm der EU, das anfangs der 1990er Jahren beschlossen wurde, kann man deshalb durchaus als radikales Projekt bezeichnen. Es pflügt nicht nur die europäische Wirtschaft um, sondern definiert auch völlig neue Regeln für den Arbeitsmarkt. Dass nicht alle mit dieser stillen Revolution einverstanden sind, kommt nicht überraschend. Es ist eher überraschend, dass so viele vom wachsenden Widerstand gegen die Personenfreizügigkeit überrascht sind.

Soll die SNB die Untergrenze bald aufheben?

Tobias Straumann am Montag, den 22. Dezember 2014
Hat den Negativzins eingeführt: Die Schweizerische Nationalbank in Bern. (Keystone/Peter Klaunzer)

Die Diskussion um die Politik der SNB ist wieder neu lanciert: Wasserspiegelung der SNB in Bern. (Keystone/Peter Klaunzer)

Die Schweizerische Nationalbank führt Negativzinsen ein, um den Zufluss von ausländischen Geldern zu bremsen. Kritiker bemängeln, dass diese Massnahme einmal mehr zeige, wie verfehlt die Euro-Untergrenze sei. Man habe sich nun vollends in die Arme der Europäischen Zentralbank (EZB) begeben.

Ist also der Zeitpunkt bereits gekommen, die Untergrenze aufzuheben? Dafür sprechen mindestens zwei Argumente. Erstens steigen mit der Ausweitung der SNB-Bilanz die Verlustrisiken. Zweitens ist es wichtig, den Eindruck zu vermeiden, dass die SNB auf Dauer Industriepolitik betreibt. Es besteht die Gefahr, dass die Untergrenze mit der Zeit den Strukturwandel bremst. Das ist nicht wünschenswert.

Auf der anderen Seite sollte man sich aber keine Illusionen machen. Die Aufhebung der Untergrenze wäre kein Befreiungsschlag. Die SNB könnte unmöglich zu einer normalen Geldpolitik zurückkehren. Der Franken würde zu attraktiv, wenn wir höhere Zinsen hätten als die Euro-Länder. Wir sind leider stark abhängig von der Geldpolitik des Fed und der EZB. Die Untergrenze ist nicht die Ursache der Abhängigkeit, sondern die Folge. Wer das bestreitet, verharmlost die Lage, in der sich die SNB befindet.

Zweitens muss man sich ernsthaft mit der Frage der Preisstabilität auseinandersetzen. Die SNB definiert sie folgendermassen:

Preisstabilität ist eine wesentliche Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand. Inflation und Deflation beeinträchtigen dagegen die Entwicklung der Wirtschaft. Sie erschweren die Entscheide von Konsumenten und Produzenten, rufen Fehler beim Einsatz von Arbeit und Kapital hervor, führen zu Umverteilungen von Einkommen und Vermögen und benachteiligen die wirtschaftlich Schwächeren. Die Nationalbank setzt Preisstabilität mit einem Anstieg der Konsumentenpreise von weniger als 2% pro Jahr gleich. Auch Deflation, d.h. ein anhaltender Rückgang des Preisniveaus, verletzt das Ziel der Preisstabilität. Als Hauptindikator für die geldpolitischen Entscheide dient eine mittelfristige Inflationsprognose. (Quelle: SNB-Webseite)

Was würde mit den Preisen passieren, wenn die SNB die Untergrenze aufheben würde? Wahrscheinlich würde sich der Franken aufwerten und die Preise würden sinken. Das wäre an sich keine Katastrophe. Temporär dürfen die Preise durchaus einmal eine gewisse Zeit sinken.

Aber die Gefahr, dass sich die Inflationserwartungen permanent nach unten verschieben würden, wäre durchaus vorhanden. Denn seit 2009 ist die Inflationsrate fast immer unter 1 Prozent geblieben, mehrere Quartale lang war sie sogar unter Null. Und in der neusten Prognose geht die SNB davon aus, dass die Preise im nächsten Jahr wieder sinken werden, nachdem sie im laufenden Jahr vorübergehend geringfügig angestiegen sind.

Präsentation2

Das heisst: Nicht einmal die Untergrenze sorgt für Preisstabilität, obwohl die Schweizer Wirtschaft brummt. Eigentlich müssten wir in einem solch günstigen wirtschaftlichen Umfeld steigende Konsumentenpreise haben. Aber das Gegenteil ist wahr: Die Preise sind wieder am Sinken. Das ist abnormal und besorgniserregend.

Im schlimmsten Fall könnte nun folgendes Szenario wahr werden: Die Schweiz rutscht in eine Rezession, möglicherweise in Verbindung mit einer Immobilienkrise, und die Preise beginnen stark zu sinken, doch die SNB hat überhaupt keine Möglichkeit mehr, mit Zinssenkungen zu reagieren. Was dann?

Wer also jetzt schon für eine Aufhebung der Untergrenze plädiert, geht hohe Risiken ein, was die Preisstabilität und die künftige Geldpolitik anbelangt. Vielleicht kommt man zum Schluss, dass diese Risiken kleiner sind als die Verlustrisiken, die durch die aufgeblähte SNB-Bilanz entstanden sind. Aber diese Diskussion müsste zuerst geführt werden, bevor die Aufhebung der Untergrenze empfohlen wird. Soweit sind wir noch nicht.

Die grösste Gefahr für die Weltwirtschaft

Mark Dittli am Freitag, den 19. Dezember 2014
Federal Reserve

Erhöht sie im nächsten Jahr die Zinsen? Die Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, hat die Erwartungen jedenfalls nicht gedämpft. Foto: Keystone

Der amerikanische Investor Warren Buffett liebt Bonmots. Eines davon: «Erst bei Ebbe zeigt sich, wer ohne Badehosen schwimmt.»

An den Weltfinanzmärkten findet derzeit eine der wichtigsten Gezeitenänderungen seit Jahren, möglicherweise sogar seit Jahrzehnten statt. Der Grund: Der Dollar steigt.

Seit Mitte 2014 hat der Dollar-Index, der den handelsgewichteten Wert der amerikanischen Währung zeigt, um rund 12 Prozent zugenommen. Einer der Gründe für den Dollaranstieg ist die an den Finanzmärkten mittlerweile fest verankerte Erwartung, dass die US-Notenbank im kommenden Jahr beginnen wird, die Zinsen zu erhöhen.

Am Mittwoch hat Fed-Chefin Janet Yellen keine Andeutungen gemacht, dass diese Erwartung verfehlt sein könnte. Daher gilt: Die Aussicht auf höhere Zinsen zieht Kapital in die USA.

Wieso aber ist ein steigender Dollar ein Problem für das Weltfinanzsystem?

Die Antwort ist so simpel wie beängstigend: Zahlreiche Unternehmen aus Schwellenländern (Emerging Markets) von Brasilien bis China haben sich im Verlauf der vergangenen fünf Jahre einem beispiellosen Kreditexzess hingegeben (in diesem Blogbeitrag mehr zu dieser monströsen Entwicklung). Sie haben sich verschuldet. Und das in Dollar, einer Währung, die nicht ihre eigene ist.

Es ist immer eine potenzielle Gefahr, wenn man sich in einer fremden Währung verschuldet. Steigt nämlich der Wert dieser Währung in Relation zur Heimvaluta, so steigt die Schuldenlast für den Schuldner (hier mehr zu dieser «Mutter aller Sünden»).

Und genau das geschieht in den Emerging Markets momentan. Die Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigen sich in ihrem aktuellen Quartalsbericht überaus besorgt über diese Entwicklung.

Zunächst einige Zahlen (Quelle: BIZ):

  • Das Gesamtvolumen an Dollarkrediten, die in Emerging Markets gewährt wurden, hat sich seit 2009 auf 4000 Milliarden verdoppelt. Kredite an Finanzinstitute sind in dieser Summe nicht enthalten.
  • Chinesische Unternehmen haben aktuell Dollarschulden von 1100 Milliarden ausstehen. Vor fünf Jahren waren es nahezu null.
  • Russische Unternehmen sind mit 751 Milliarden Dollar verschuldet.
  • Brasiliens Dollarschulden belaufen sich auf 461 Milliarden oder 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes.
  • Mexikos Dollarschulden belaufen sich auf 381 Milliarden oder 30 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Auch Staaten wie Kolumbien und Indonesien sind betroffen.

Nun sind die Währungen all dieser Staaten gegenüber dem Dollar ins Rutschen geraten, wie der Kommentator Grant Williams in seinem stets sehr lesenswerten «Things That Make You Go Hmmm...»-Report zeigt.

Hier der Kursverlauf des russischen Rubels und des brasilianischen Reals:

Hier der mexikanische Peso:

Und hier, am wichtigsten, der chinesische Renminbi zum Dollar:

All diese Währungen werten sich gegenüber dem Dollar ab. Jahrelang hat sich der Renminbi aufgewertet, doch nun hat ihn die People's Bank of China bewusst etwas abschwächen lassen.

Für die in Dollar verschuldeten Unternehmen von Brasilien bis China ist das eine brutale Entwicklung. Sie erwirtschaften ihren Cashflow in ihrer Heimwährung, doch ihre Verbindlichkeiten müssen sie in Dollar bezahlen. Möglicherweise werden sich daher schon bald die Schlagzeilen häufen, wonach Grosskonzerne aus Emerging Markets Mühe bekunden, ihre Schulden zu bezahlen.

Paradoxerweise wird das den Dollar noch weiter stärken, denn mit den ersten Anzeichen einer Finanzkrise in den Schwellenländern wird sich die Kapitalflucht in den sicheren Hafen der USA noch beschleunigen. Ein Teufelskreis von steigendem Dollar, steigenden Zahlungsausfällen und Kapitalflucht wäre die Folge.

Russell Napier, der unabhängige Marktstratege (hier seine Website) und langjährige Chefaugur von CLSA Asia-Pacific Markets, führt in diesem Interview mit den Kollegen Hanspeter Frey und Peter Rohner im Detail aus, weshalb der Dollarboom gegenwärtig eine der grössten Gefahren für das Weltfinanzsystem darstellt.

Wenn die Bewegung einmal im Gang ist, lässt sie sich kaum mehr stoppen.

Schon bald dürfte sich also zeigen, wer ohne Badehosen schwimmt.

Hier noch einige Links in eigener Sache:

Warum es Griechenland ohne Euro besser gehen würde

Tobias Straumann am Montag, den 15. Dezember 2014
Alexis Tsipras, leader of Greece's Syriza party gestures during a meeting in central Madrid

Wenn er die Wahlen gewinnt, will er den Schuldendienst neu verhandeln: Alexis Tsipras, Syriza-Vorsitzender. Foto: Reuters

In den letzten Tagen ist einmal mehr die währungspolitische Zukunft Griechenlands ins Rampenlicht gerückt. Möglicherweise wird die linke Partei Syriza bald die Regierung übernehmen. Ihr Vorsitzender Alexis Tsipras hat angekündigt, dass er den Schuldendienst neu verhandeln möchte. Kommt kein neues Abkommen zustande, würde er die Zahlungen Griechenlands ganz aussetzen. Wahrscheinlich müsste dann Griechenland den Euro verlassen.

Was würde ein Austritt bedeuten? Manche sagen, dass dies einer Katastrophe gleichkommen würde. Nach Griechenland würden bald andere südeuropäische Länder folgen, worauf das ganze europäische Finanzsystem zusammenbräche. Ein weiteres Argument lautet, dass es Griechenland nichts bringen würde, aus dem Euro auszutreten. Der Export besteht ja nur aus Oliven und Käse. Eine Abwertung würde nur die Importe unnötig verteuern.

Mir scheinen beide Argumente nicht ganz stichhaltig zu sein. Die Gefahr der Ansteckung mag real sein, aber wenn die Eurozone weiterhin stagniert, ist ein Zerfall ohnehin nicht aufzuhalten. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Es ist höchst gefährlich, ohne Rücksicht auf die sozialen und politischen Kosten an einem Währungssystem festzuhalten.

Auch die Vorstellung, dass eine Abwertung nichts bringt, ist zu hinterfragen. Natürlich löst sie nicht alle Probleme, aber sie würde Griechenland wieder zu einem günstigen Standort machen, wo es sich zu investieren lohnt. Das Beispiel der Türkei – ein mit Griechenland vergleichbares Land – zeigt, dass eine unabhängige Währung für ein Schwellenland enorme Vorteile bringt.

So erlebte die Türkei Anfang der 2000er-Jahre eine heftige Finanzkrise. Die Währung stürzte förmlich ab. Danach aber ging es stetig aufwärts, weil das vor der Finanzkrise aufgebaute Ungleichgewicht durch die Abwertung schnell verschwunden war. Es lohnte sich wieder zu investieren, ein neuer Wachstumsschub setzte ein. Auch die jüngste Krise überstand die Türkei dank der eigenen Geld- und Währungspolitik recht gut. In Griechenland hingegen implodierte die Wirtschaft, weil die Währung nicht abgewertet werden konnte.

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung des BIP der Türkei und Griechenlands seit 2000 (inflationsbereinigt; 2000 = Wert 1). Auf einen Blick wird deutlich, wie viel besser die Türkei aus der Krise herausfand.

http://research.stlouisfed.org/fredgraph.jpg?hires=1&type=image/jpeg&chart_type=line&recession_bars=off&log_scales=&bgcolor=%23e1e9f0&graph_bgcolor=%23ffffff&fo=verdana&ts=12&tts=12&txtcolor=%23444444&show_legend=yes&show_axis_titles=yes&drp=0&cosd=1998-06-14%2C1998-06-14&coed=2012-12-31%2C2012-12-31&width=670&height=445&stacking=&range=Custom&mode=fred&id=NAEXKP01TRA661S%2CNAEXKP01GRA661S&transformation=lin%2Clin&nd=%2C&ost=-99999%2C-99999&oet=99999%2C99999&scale=left%2Cleft&line_color=%234572a7%2C%23aa4643&line_style=solid%2Csolid&lw=2%2C2&mark_type=none%2C&mw=1%2C1&mma=0%2C0&fml=a%2Ca&fgst=lin%2Clin&fq=Annual%2CAnnual&fam=avg%2Cavg&vintage_date=%2C&revision_date=%2C

Der Vergleich des BIP pro Kopf zeigt ein ähnliches Bild. Die Türkei hat eine kontinuierliche Entwicklung gehabt, nur kurzzeitig unterbrochen im Jahr 2001, als das Land unter den Folgen einer Finanzkrise litt. Danach ging es stetig bergauf, wiederum nur temporär gestoppt durch die Finanzkrise von 2008. In Griechenland verlieft das Wachstum hingegen sehr unregelmässig. Ab 2000 wuchs das Land zu schnell, von 2009 bis 2013 ging es nur noch abwärts.

Präsentation1

Natürlich existieren nicht nur in Griechenland, sondern auch in der Türkei grosse Probleme. Die Auslandsverschuldung ist nach wie vor beträchtlich. Ein hohes Leistungsbilanzdefizit deutet auf Wettbewerbsprobleme hin. Innenpolitisch droht immer wieder Instabilität. Dennoch: Wo hätten Sie in den letzten fünfzehn Jahren lieber investiert, in der Türkei oder in Griechenland? Eben.

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