Die Schweiz hat die Stürme gut überstanden

Tobias Straumann am Montag, den 1. September 2014
Never Mind The Markets

Im Moment gut auf Kurs: Die Schweizer Wirtschaft geniesst trotz turbulenten Zeiten eine stabile Einkommensverteilung. Foto: iStock

Auf den ersten Blick scheint der neue "Wohlstandsbericht" des Bundesrates völlig überflüssig zu sein. Die Hauptaussage der hundertseitigen Expertise lautet nämlich: Es hat sich in den letzten 15 Jahren kaum etwas verändert.

Überlegt man sich aber, was seit 1998 alles passiert ist, muss man die Stabilität des schweizerischen Wohlstands geradezu als Sensation einstufen. Die Zeiten hätten nicht unruhiger sein können. Hier folgt eine kurze Liste der internationalen Grossereignisse:

  • 2001–02 Dotcom-Crash und Rezession
  • 2007–09 Finanzkrise, Einbruch des Welthandels und starke Rezession
  • seit 2010 Eurokrise, schwaches Wachstum und Massenarbeitslosigkeit

Die Entwicklung des BIP vermittelt einen ersten Eindruck dieser turbulenten Periode. Nur von 2004 bis 2007 hatte die Schweiz Hochkonjunktur, ansonsten kämpfte sie mit einem Abschwung (2001-03, 2008-09) oder einem gebremsten Aufschwung (2010-13).

Betrachtet man die Entwicklung der schweizerischen Arbeitslosigkeit, so bestätigt sich der Eindruck, dass die letzten 15 Jahre eine schwierige Zeit gewesen sind. Besonders fällt auf, wie zäh die Erholung nach dem Dotcom-Crash war. Erst 2006 setzte eine spürbare Senkung der offiziellen Arbeitslosenquote ein - und schon zweieinhalb Jahre später kam die nächste Krise.

Auch die Eurokrise hat ab 2011 den schweizerischen Arbeitsmarkt belastet. Klar, im Vergleich zu Südeuropa leben wir in einem Paradies. Aber die Grafik zeigt, dass die offizielle Arbeitslosigkeit seit einiger Zeit wieder am Steigen ist. Und wenn wir daran denken, dass die Eurozone immer noch enorme Wachstumsprobleme hat, liegt ein weiterer Anstieg durchaus im Bereich des Möglichen.

Erfreulich sind nun besonders zwei Dinge, die im Bericht hervorgehoben werden:

  1. Das durchschnittliche Bruttoeinkommen je Haushalt hat seit 1998 real um sieben Prozent zugenommen. Das ist keine besonders hohe Zahl, aber immerhin: Es hat ein Anstieg stattgefunden - trotz all der Krisen.
  2. Die Ungleichheit zwischen den obersten 20 Prozent und den untersten 20 Prozent ist ziemlich stabil geblieben, d.h. die Schere zwischen arm und reich ist nicht aufgegangen. Die Einkommen der untersten 20 Prozent ist vor allem wegen höherer staatlicher Transferleistungen gestiegen, d.h. die Schweiz kümmert sich um die einkommensschwachen Schichten.

Der zweite Punkt wird in der folgenden Grafik noch genauer dokumentiert. Sie zeigt die Entwicklung des Gini-Koeffizienten, der die Verteilung misst: Je höher der Koeffizient, desto ungleicher ist die Verteilung. Am relevantesten ist die Entwicklung des verfügbaren Einkommens. Es entwickelt sich fast parallel zur Konjunktur, und sein Wert ist deutlich tiefer als das Primäreinkommen, d.h. es findet eine spürbare staatliche Umverteilung statt.

Ist damit schon alles gesagt über Wohlstand und Verteilung in der Schweiz? Natürlich nicht. Man müsste vor allem die Entwicklung innerhalb der obersten und untersten 20 Prozent genauer analysieren. Von anderen Studien weiss man zum Beispiel, dass das Einkommen des obersten Prozents überdurchschnittlich zugenommen hat.

Trotzdem: Der Eindruck, dass der Abstand zwischen oben und unten immer grösser wird, stimmt nicht. Diese Wahrnehmung ist sehr stark geprägt durch die Entwicklung der angelsächsischen Länder, die im globalen Medienmarkt eine überdurchschnittliche Beachtung finden. Die Schweiz hat zum Glück starke Kräfte und Institutionen, die dies verhindern. Sie hat die Stürme der letzten 15 Jahre gut überstanden.

Die zweite Grosse Depression

Mark Dittli am Freitag, den 29. August 2014
Never Mind The Markets

Depressive Zustände: Wartende vor einem Arbeitsamt in Madrid. Foto: Reuters

Der deutsche Staat muss für neu ausgegebene Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit gegenwärtig bloss 0,89 Prozent Zins pro Jahr bezahlen. Das ist das niedrigste je verzeichnete Zinsniveau in Deutschland.

Für Bonds mit Laufzeiten bis drei Jahren sind die Renditen gegenwärtig sogar negativ; Investoren entrichten im Effekt dem deutschen Staat einen Zins für das Privileg, sichere Bundesanleihen halten zu dürfen.

Tolle Nachrichten, nicht wahr?

Leider nein.

Bevor wir der Frage nachgehen, weshalb das keine guten Nachrichten sind, hier noch einige weitere Rekorde:

  • Die Renditen auf zehnjährigen Anleihen des italienischen Staates liegen gegenwärtig auf 2,43 Prozent.
  • Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen Frankreichs: 1,23 Prozent
  • Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen Spaniens: 2,22 Prozent

Das alles sind Tiefstwerte, die in der Historie noch nie erreicht wurden. Die Renditen auf Staatsanleihen in Europa, auch an der schwachen Peripherie, sind nicht bloss auf das Niveau von vor Ausbruch der Eurokrise im Jahr 2010 gesunken, sondern auf den niedrigsten Wert seit zum Teil mehreren hundert Jahren.

Der nachfolgende Chart zeigt die Entwicklung der Bondrenditen seit dem Jahr 2000 (Quelle: Bloomberg):

Auch im Fall von Belgien, Österreich, Irland, Finnland und den Niederlanden sind, nebenbei bemerkt, die Renditen auf Staatsanleihen auf historische Tiefs gesunken.

Hier noch, weil's so eindrücklich ist, die Renditen auf spanischen Staatsanleihen im Zeitverlauf von gut 220 Jahren (Quelle: Bank of America Merrill Lynch):

Selbst das von der Eurokrise noch vor kurzem heftig gebeutelte Spanien konnte sich noch nie in der Historie günstiger finanzieren als heute.

Was ist los?

Für die Finanzminister der betreffenden Staaten (übrigens auch in der Schweiz, wo zehnjährige Eidgenossen 0,4 Prozent rentieren) sind derartige Finanzierungsbedingungen ein Traum. Für Investoren, insbesondere auch auf Sicherheit bedachte Pensionskassen, sind sie ein Horror. Und für den Beobachter der makroökonomischen Situation sind sie ein Warnsignal.

Niedrige und sinkende Bondrenditen sind ein Zeichen, dass die Finanzmärkte eine Abkühlung der Wirtschaft oder sogar einen Rückfall in die Rezession erwarten.

Genau das ist in der Eurozone in den vergangenen Monaten geschehen. Das Wachstum in Europas Wirtschaft verlangsamt sich bedrohlich; wäre der Kontinent ein Flugzeug, befände er sich gegenwärtig bedrohlich nahe an einem Strömungsabriss:

  • Italien ist im zweiten Quartal wieder in die Rezession gerutscht und hat das Kunststück des so genannten «Triple Dip» geschafft: Drei Rezessionen in kurzer Abfolge in den Jahren 2008, 2011 und 2014.
  • Frankreichs Wirtschaft gelingt das nicht minder beeindruckende Kunststück des «Flatlining»: Seit mehr als einem Jahr macht das Bruttoinlandprodukt keinen Mucks mehr.
  • Das BIP Deutschlands ist im zweiten Quartal im Vergleich zum ersten Quartal um 0,2 Prozent gefallen.
  • Unter den grossen Volkswirtschaften der Eurozone mag sich einzig die viertgrösste, Spanien, einigermassen im positiven Bereich zu halten - wenngleich die in den letzten Quartalen verzeichneten BIP-Wachstumsraten von jeweils rund 0,5 Prozent freilich nie und nimmer reichen, um die erdrückend hohe Arbeitslosenrate von fast 25 Prozent spürbar zu senken.
  • Nicht nur die ausgewiesenen BIP-Zahlen des zweiten Quartals waren in der Eurozone enttäuschend, auch die konjunkturellen Vorlaufindikatoren haben sich in den Sommermonaten kontinuierlich abgeschwächt (hier mehr dazu).

Die Eurozone - auch die vermeintliche Konjunkturlokomotive Deutschland - droht, wieder in die Rezession zu fallen.

Der folgende Chart zeigt die Zusammensetzung der BIP-Wachstumskomponenten pro Quartal seit 2012:

Sinkende Bondrenditen, blutleere Wirtschaft, die ständige Tendenz, zurück in die Rezession zu gleiten: Dieses Muster erinnert gefährlich stark an Japan seit Beginn der Neunzigerjahre. Dort sieht die Entwicklung der Renditen auf zehnjährigen Staatsanleihen so aus (Quelle: Bloomberg):

In Japan hält die Lethargie nunmehr seit mehr als zwanzig Jahren an, und Europa ist auf bestem Weg dazu, in die gleiche Falle zu tappen. Mein Kollege Alexander Trentin beschreibt in diesem Beitrag die Japanifizierung Europas.

Kein Wunder, liegt der Kurs des Euro angesichts dieser desolaten Aussichten wieder bedrohlich nahe an der von der Schweizerischen Nationalbank verhängten Mindestgrenze von 1.20 Fr. je Euro (hier mehr dazu).

Wenn man sich etwas vom «Lärm» der quartalsweisen Berichterstattung des BIP-Wachstums distanziert, wird rasch klar, dass es im Kern der Sache gar nicht um die Frage geht, ob die angeschlagenen Volkswirtschaften der Eurozone ein zweites oder gar drittes Mal in die Rezession rutschen: Seit nunmehr sechs Jahren befinden sie sich in einer Depression und kommen nicht raus.

Der folgende Chart des Bloggers Matt O'Brien der Washington Post zeigt das Muster eindrücklich:

O'Brien hat den nominellen Stand des Bruttoinlandproduktes im vierten Quartal 2007 auf 100 indexiert; die Kurven zeigen den bisherigen Verlauf. Die Eurozone als Ganzes (schwarze Kurve) hat ihr Vorkrisenniveau immer noch nicht wieder erreicht.

Das BIP Italiens (rosa) liegt fast 9 Prozent unter dem Stand des Jahres 2007. Spanien hat sich zwar etwas erholt, das dortige BIP liegt aber immer noch knapp 6 Prozent unter dem Niveau von 2006.

Zwei weitere Anhaltspunkte: Das italienische BIP in absoluten Zahlen ist heute kein Cent höher als im Jahr 2000. Die Industrieproduktion Italiens liegt aktuell auf dem Stand von Anfang der Neunzigerjahre. Und sie sinkt weiter.

Das ist keine Rezession. Das ist eine Depression. Genau das signalisiert der Bondmarkt mit den sinkenden Zinsen.

Mir ist schleierhaft, weshalb nach sechs Jahren Depression weite Teile der nordeuropäischen Classe Politique immer noch überzeugt ist, man könne sich aus dieser Falle befreien, wenn man nur eine genügend harte Austeritätspolitik betreibt. Wer sich genauer für die Argumente gegen eine allzu sture Sparpolitik interessiert, findet sie in diesem, diesem oder diesem Blogbeitrag.

Hier, falls Sie sich für die Finanzmärkte interessieren, noch ein Link in eigener Sache: In diesem ausführlichen Interview, das ich kürzlich mit meinem Kollegen Gregor Mast führen konnte, spricht der Nobelpreisträger Robert Shiller über die neue Euphorie an den Börsen. Amerikanische Aktien hält er für deutlich überbewertet.

Die Lektion des Paul Volcker

Markus Diem Meier am Mittwoch, den 27. August 2014
Never Mind The Markets

Für das Ende des makroökonomischen Chaos der 1970er Jahre war der Notenbankchef wichtiger als der Staatschef: US-Präsident Ronald Reagan und der damalige Notenbankchef Paul Volcker, 1981. Foto: Keystone

Bis heute streitet man in der Ökonomenzunft über die Wirksamkeit der Geldpolitik. Der Streit geht auf die Wirren der 1970er-Jahre zurück. Dabei hat am Ende dieses Jahrzehnt der damalige Notenbankchef schon alles klar gemacht.

Vergangene Woche haben sich im bayerischen Lindau am Bodensee die Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften versammelt. Neben spannenden Vorträgen und Debatten bot der Anlass auch einen Spiegel der ökonomischen Dogmengeschichte. Ein Beispiel dafür sind die kurz nacheinander gehaltenen Vorlesungen von Edward Prescott (leider nicht per Video vorhanden) und von Peter Diamond. Die Vorlesungen dieser beiden Ökonomen haben daran erinnert, wie sehr sich die dominierenden Ansichten zur Konjunkturpolitik, und insbesondere zur Geldpolitik seit den letzten zwanzig Jahren geändert haben.

Und sie haben an die Rolle von Paul Volcker zu seiner Zeit als Chef der US-Notenbank erinnert. Denn genau zu dieser Zeit erfreuten sich Theorien zur Wirkungslosigkeit von Konjunktur- und besonders Geldpolitik  in der akademischen Welt besonderer Beliebtheit. Das war umso bemerkenswerter, als Volcker mit seiner Politik eigentlich schon damals gezeigt hat, dass das nicht stimmen kann. Der Reihe nach:

Edward Prescott hat den Nobelpreis im Jahr 2004 gemeinsam mit Finn Kydland (der ebenfalls in Lindau anwesend war) für die Begründung der so genannten «Real Business Cycle»-Theorie erhalten. Die Kernaussagen dieser zu Beginn der 1980er Jahren entwickelten Theorie in Kurzform: Ausschläge der Konjunktur sind kein Problem, sondern basieren auf Optimierungsentscheidungen der Wirtschaftssubjekte angesichts technologischer Innovationen. Die wichtigste Botschaft für die Wirtschaftspolitik: Die Geldpolitik der Notenbanken kann überhaupt nichts bewirken, die Fiskalpolitik (Konjunkturpolitik durch Staatsausgaben) ist ohnehin immer schädlich.

Peter Diamond, der den Nobelpreis im Jahr 2010 erhalten hat, vertrat eine gänzlich andere und die heute dominierende Weltsicht der Ökonomen. Sein Spezialgebiet ist der Arbeitsmarkt. In Lindau hat er fast zeitgleich wie die Chefin der US-Notenbank Janet Yellen am Treffen der Notenbanker in Jackson Hole die gleichen Fragen diskutiert, die sich darum gedreht haben, ob der Arbeitsmarkt in den USA noch immer unter einer konjunkturbedingten (unfreiwilligen) Unterbeschäftigung leidet, oder ob strukturelle Faktoren, die durch die Geldpolitik nicht beeinflusst werden können, entscheidend sind. Dass die Geldpolitik wirksam ist, um die Konjunkturlage zu beeinflussen, ist für Diamond selbstverständlich.

Auch wenn das seit der Finanzkrise schwer vorstellbar ist: Die Real-Business-Cycle-Theorie hatte auf die Makroökonomie in den letzten Jahrzehnten einen entscheidenden Einfluss: Auch deshalb nahm die Bedeutung ab, die man im Fach konjunkturellen Krisen beimass. Auf die kürzeste Form gebracht herrschte das Dogma vor: Die Märkte richten es am besten selbst. Jegliche Art von Konjunkturpolitik galt als suspekt. Geldpolitik wurde als Kompromiss nur mit der Minimalaufgabe akzeptiert, die Inflation stabil zu halten.

Spätestens seit dem weltweiten Absturz ab dem Jahr 2007 ist diese Sichtweise kaum mehr zu verteidigen. Edward Prescott hat es in Lindau in einer Art Brandrede zwar versucht - aber vergeblich: Die intellektuelle Lufthoheit hat er und seine Schule verloren. Innerhalb der Ökonomenzunft ist seit der Krise ein Paradigmenwechsel im Gang. Ökonomen wie Peter Diamond und ihre Fragestellungen bestimmen die Debatten.

Dass sich einst Theorien durchsetzen konnten, die der Konjunkturpolitik keinerlei Aufgabe zumessen, geht ebenfalls auf einen Paradigmenwechsel nach einer Krise zurück: Den so genannten Stagflationsschock der 1970er Jahre. Die Theorien jener Zeit gingen davon, dass entweder Inflation vorherrscht (als Ergebnis einer überhitzten Wirtschaft) oder Arbeitslosigkeit (als Ergebnis einer Rezession). Doch Mitte der 1970er Jahre stiegen gleich beide Datenreihen deutlich an, wie die Grafik unten für die USA zeigt:

Stagflation

Der wichtigste Grund für diese Entwicklung war der Ölpreisschock von 1973. Weil die Öl exportierenden Länder der OPEC den Ausstoss des Rohstoffs damals im Zusammenhang mit dem Jom-Kippur-Krieg arabischer Länder gegen Israel deutlich gedrosselt haben, stieg der Ölpreis drastisch an, was generell auf die Kosten durchgeschlagen hat und damit auch die Arbeitslosigkeit befeuerte (die Ökonomen sprechen heute von einem «Angebotsschock» im Vergleich zum «Nachfrageschock» der eine gewöhnliche Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit auslöst, weil in diesem Fall die zu geringe Nachfrage nach Exporten, Investitionen oder Konsumgütern der Auslöser der Krise ist.

Doch das Öl ist nur ein Teil der Geschichte der Stagflation: Das Vertrauen in die Möglichkeiten der Konjunkturpolitik waren damals so unverhältnismässig gross, wie es später unverhältnismässig gering sein sollte. Mit neu geschaffenem Geld, staatlichen Ausgabenimpulsen und Preiskontrollen glaubte man jede Krise meistern zu können, welchen Ursprung sie auch haben mochte. Das ist kläglich gescheitert. Die Folge ein eine Lohn-Preis-Spirale: Ständig steigende Inflationserwartungen führten zu entsprechenden Lohnanpassungen und damit zu einer tatsächlich entsprechend steigenden Inflation.

Die Theorien vor allem von Milton Friedman, Edmund Phelps und Robert Lucas (sie erhielten alle den Nobelpreis für ihre Arbeiten der 1960er, bzw. 1970er Jahre) lieferten eine Erklärung für das Scheitern: Einerseits kann frisch geschaffenes Geld keine realen Werte schaffen, so dass das Geld zumindest nach einiger Zeit in dem Mass an Wert verliert, wie seine Menge über jene der produzierten Güter wächst (Was die Ökonomen lieferten, war eine ausgefeiltere Version der klassischen so genannten Quantitätstheorie). Sowohl bei der Geld-, wie bei der Steuer- und Ausgebenpolitik des Staates kommt dazu, dass die Individuen ihr Verhalten dieser Politik anpassen und sie dadurch neutralisieren: Erhöht die Notenbank die Geldmenge, passen die Individuen die Preise und Löhne nach oben an, erhöht der Staat seine Ausgaben, sparen die Individuen das Geld für später höhere Steuern.

Vor allem die Theorien von Friedman (dem wichtigsten Vertreter des Monetarismus) und Phelps haben die Geldpolitik keineswegs für wirkungslos erklärt – das galt nur für die lange Frist. Sie warnten aber davor, die Notenpresse zu missbrauchen und forderten für die Notenbanken einen möglichst kleinen Entscheidungsspielraum. Doch ihre Nachfolger – angefangen bei Lucas aber erst Recht bei der Real Business-Cicle-Theorie von Kydland und Prescott – erklärten die Geldpolitik dann wie erwähnt für gänzlich wirkungslos.

Die Ironie der Geschichte war, dass genau zu jenem Zeitpunkt, als diese Theorie in den 1980er Jahren die Universitäten zu erobern begann, der im August 1979 noch vom demokratischen Präsidenten Jimmy Carter berufene Notenbanckchef Paul Volcker sie durch seine Geldpolitik bereits widerlegt hat.

Volcker sah seine Aufgabe vor allem darin, die aus dem Ruder gelaufende Teuerung zu bekämpfen. Die folgende Grafik zeigt deren Verlauf in jener Zeit:

Volcker-Inflation

Den Teuerungsanstieg zu brechen und ins Gegenteil zu verkehren, war dann tatsächlich Volckers Verdienst, bzw. seiner Geldpolitik. Sie hat im Kern darin bestanden, die Konjunktur radikal abzubremsen und damit den Preisdruck zu brechen. Erreicht hat er das mit einem radikalen Anstieg der Leitzinsen auf beinahe 20 Prozent, was real (inflationsbereinigt) noch immer beinahe 10 Prozent entsprochen hat:

Volcker-Interest-Rate

Diese Politik verfehlte ihre Wirkung nicht, wie sich vor allem an einem anfänglich massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit zeigt. Dass dieser zeitverzögert zum Zinsanstieg erfolgt ist, liegt daran, dass sich die durch ihn ausgelöste radikale Wirtschaftsabschwächung (wie immer) verzögert auf den Arbeitsmarkt auswirkt.

Volcker-Unemployment

Die drastische (von Volcker verursachte) Rezession und die hohe Arbeitslosigkeit hat schliesslich den zuvor vorherrschenden Trend zu immer höheren Preisen und Löhnen beendet und die Inflationserwartungen und damit die Inflation selbst zum Stillstand gebracht. Wenn die Beschäftigten nicht mehr von einer laufend steigenden Inflation ausgehen, fordern sie auch nicht mehr entsprechende Lohnzuwächse. Die so genannte Lohn-Preis-Spirale endet dann und die Inflation nimmt ab. Die Notenbank kann dann die Leitzinsen wieder senken, die Konjunkturlage verbessert sich wieder und die Beschäftigung nimmt wieder zu. Genau das hat Vocker mit seiner Politik erreicht, wie die obigen Grafiken belegen.  

Eindrücklicher hätte kein Modell die Wirksamkeit der Geldpolitik beweisen können. Die Zweifler schafften es dennoch, bis zur jüngsten Krise massgeblichen Einfluss auf das makroökonomische Denken auszuüben.

Heute sind führen wir ganz andere Debatten um die Geldpolitik - wohl noch intensivere als in den 1970er Jahren: Die Fragen heute lauten, wie die Geldpolitik bei Leitzinsen von praktisch Null Prozent ausgestaltet sein soll, welche weiteren Massnahmen tauglich sind und was alles zur Aufgabe der Notenbanken zählen soll, ob sich alle ihre Ziele wie die Konjunkturstabilisierung, die Finanzmarktstabilisierung, die Währungspolitik, die Rettung der Banken im Notfall (Lender of Last Resort) gleichzeitig verwirklichen lassen und ob den Notenbankern damit zuviel nicht demokratisch legitimierte Macht verbleibt. Ausreichend spannende Themen für spätere Beiträge.

Bernanke Feds 100

Drei Notenbankchefs: Der Hühne Paul Volcker und seine Nachfolger Alan Greenspan und Ben Bernanke , 2013. Foto: Keystone

Never Mind The Markets

Paul Volcker in einer Aufnahme des Jahres 2011. Foto: Keystone

 

Warum die reichen Länder Europas klein sind

Tobias Straumann am Montag, den 25. August 2014
luxemburg

Zufall? Das reichste Land Europas hat gerade mal gut eine halbe Million Einwohner: Luxemburg. (Foto: Flickr.com)

Wenn man das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf länderweise aufschlüsselt, sieht man auf einen Blick, dass die reichsten Länder Westeuropas alle relativ klein sind. Die Zahlen der Grafik stammen von Eurostat, der EU-Statistikbehörde. Acht Länder liegen vor Deutschland, und sie haben alle deutlich weniger Einwohner: Luxemburg, Norwegen, Schweiz, Österreich, Irland, Niederlande, Schweden und Dänemark. In Deutschland leben etwa 80 Millionen Menschen.

Wie lässt sich dies erklären? Wenn man die beiden reichsten Länder Westeuropas, nämlich Luxemburg und Norwegen, betrachtet, könnte man argumentieren, dass es sich nur um Sondereffekte handelt. Luxemburg ist etwa so gross wie Zürich und kann problemlos vom Finanzplatz leben. Norwegen hat Erdöl, das jedes Land reich macht – sogar arabische Länder im Golf, die keine nennenswerte Industrie haben. Auch bei Irland könnte man allenfalls ähnlich argumentieren. Das Land ist hauptsächlich ein günstiger Standort für US-Firmen, die Steuern sparen wollen.

Aber bei den anderen fünf Kleinstaaten lässt sich diese Argumentation nicht aufrechterhalten. Denn dort beruht der Reichtum nicht auf einem einzelnen Sonderfaktor, sondern auf einer über Jahrzehnte gewachsenen Industrialisierung. Entsprechend waren diese Länder bereits vor hundert Jahren wohlhabend im Vergleich zu anderen europäischen Ländern (im Vergleich zu heute war der durchschnittliche Lebensstandard natürlich immer noch sehr bescheiden.) Die entsprechenden Zahlen findet man hier.

Reine Ökonomie stösst an Grenzen

So muss man nach einer systematischen Erklärung suchen. Sie ist aber, trotz jahrelanger Forschung, gar nicht so einfach zu finden. Ein rein ökonomischer Ansatz bringt jedenfalls keine klare Antwort. So hat ein grosses Land mit einem grossen Binnenmarkt durchaus Vorteile. Firmen können mehr Mittel für die Forschung und Entwicklung mobilisieren und haben schneller die Möglichkeit, ihre Entwicklungskosten zu amortisieren.

Also muss man auf institutionelle Erklärungen ausweichen. Aber auch hier ist es gar nicht so einfach, den Schlüssel zu finden, weil Kleinheit auch in dieser Hinsicht Nachteile hat. So kennen sich in kleinen Ländern «alle» Leute, was zu erhöhtem Gruppendruck und Innovationsfeindlichkeit führen kann. In grossen Ländern ist Wettbewerb viel eher möglich.

Aber offenbar ist dieser Nachteil im Vergleich zu zwei Vorteilen von geringer Bedeutung:

  1. Gerade weil Kleinstaaten einen unbedeutenden Binnenmarkt haben, sind sie gezwungen, zu exportieren und sich somit stärker der internationalen Konkurrenz auszusetzen.
  2. Gerade weil der Gruppendruck grösser ist als in den grossen Ländern, besteht ein grosser Zwang zum Konsens.

Heisst das nun, dass grosse Länder nicht auch reich sein können? Nein, natürlich nicht. Deutschland gehört zu den reichsten Ländern Europas, und ohne die Kosten der Wiedervereinigung wäre das BIP pro Kopf deutlich höher. Aber der auffällige Unterschied zwischen dem Wohlstand von kleinen und grossen Ländern in Westeuropa lässt doch vermuten, dass kleine Einheiten nicht nur einfacher zu regieren sind als grosse, sondern auch aus ökonomischer Sicht positiv zu bewerten sind.

Der Mythos von Bretton Woods

Markus Diem Meier am Mittwoch, den 20. August 2014

Der Sieger und Spion Harry Dexter White (links) und der ausgetrickste John Maynard Keynes: Sie haben die Vorarbeiten für IWF und Weltbank geleistet.

Der Internationale Währungsfonds IWF und die Weltbank - sie stehen für das letzte grosse gelungene Projekt internationaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Leider falsch.

Ferienzeit ist immer auch Lesezeit. Meine Literatur war das Werk «The Battle of Bretton Woods» von Benn Steil, der als Direktor für internationale Wirtschaft beim renommierten unabhängigen Think Tank «Council of Foreign Relations» arbeitet. Das Werk über die Gründungsversammlung der beiden erwähnten Organisationen ist so sexy geschrieben wie eine trockene Doktorarbeit. Zuweilen war das Lesen eine Qual. Aber die Schwäche des Buches aus Sicht des Lesevergnügens ist seine Stärke aus Sicht der Detailgenauigkeit.

Was aber gibt Anlass dazu, sich mit der Gründung von IWF und Weltbank zu befassen?

Zum einen jährt sich die Konferenz von Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire zum 70. Mal. Wirklich Bedeutung hat aber der Umstand, dass gut funktionierende und akzeptierte Koordinations-Organisationen für die internationale Wirtschaft heute besonders schmerzlich fehlen und solche Projekte nicht mehr zustande gebracht werden können. Da stellt sich die Frage, wie es damals gelang.

Auf den ersten Blick ist die Leistung aus dem Jahr 1944 beachtlich: Führende Vertreter von 44 Nationen und damit ein Gewusel von 700 Beamten und Politikern haben sich im Mount Washington Hotel - noch während der Zweite Weltkrieg in vollem Gange war - auf eine wirtschaftliche Nachkriegsordnung geeinigt, welche die ganze Welt einbezog und sie haben Organisationen geschaffen, die bis heute Bestand haben.

Zu schön um wahr zu sein! In Tat und Wahrheit hatte die 44 Delegationsleiter nichts zum Ergebnis von Bretton Woods beigetragen. Dieses war praktisch das alleinige Werk eines leitenden Beamten im US-Finanzministeriums, der zusätzlich für die Sowjetunion als Spion gearbeitet hat: Harry Dexter White.

Der Reihe nach:

Die entscheidende Vorgeschichte

Neben White gilt auch John Maynard Keynes als zentrale Figur bei der Gründung des IWF und der Weltbank in Bretton Woods. Tatsächlich haben die beiden die wichtigsten Vorarbeiten geleistet. Keynes arbeitete lose für das britische Finanzministerium, White hatte vor allem als ökonomischer Berater des US-Finanzministers Henry Morgenthau viel Einfluss.

Das grundsätzliche Ziel

Beide haben schon zwei Jahre vor der Konferenz unabhängig voneinander Pläne für die Nachkriegsordnung entwickelt, die das Ziel hatten, ein Fixkurs-System zwischen den Währungen  zu etablieren, ohne aber die Rigidität des Goldstandards zu erben, die sich in der Zwischenkriegszeit als verheerend für die wirtschaftliche Entwicklung und die internationalen Beziehungen erwiesen hat.

Eine Organisation sollte ähnlich wie eine Bank für Unternehmen auf nationaler Ebene auf internationaler Ebene Ländern bei Zahlungsbilanzproblemen mit Krediten zur Verfügung stehen. Diese Aufgabe sollte letztlich der Internationale Währungsfonds erhalten. Weiter - und von geringerer Bedeutung - sollte eine Organisation geschaffen werden, die Gelder für langfristige Entwicklungshilfen ausleiht. Diese Aufgabe übernahm letztlich die Weltbank.

Der wesentliche Unterschied zwischen Keynes und White

Der wichtigste Unterschied zwischen den Plänen von Keynes und von White bestand im Mechanismus, durch den das (anpassungsfähige) Fixwährungssystem funktionieren sollte: Keynes wollte eine gegenseitige Verrechnungsstelle von Guthaben und Schulden zwischen den Ländern schaffen - eine so genannte Clearing Union. Als zentrale Verrechnungs- und Kreditwährung für das System sollte mit dem Bancor neues Buchgeld geschaffen werden. Der Plan von White sah dagegen vor, gleich den Dollar als Weltreservewährung zu etablieren, der allerdings durch Gold gedeckt sein sollte. Von einer Clearing-Union wollte White nichts wissen. Das Geld für Zahlungsbilanzhilfen durch den Fonds wollte White durch Einzahlungen der Mitgliedsländer beschaffen, die auch die Mitbestimmungsrechte festlegen sollten.

Die neue und die alte Weltmacht

Das Ziel Whites, den Dollar zur Weltreservewährung machen zu wollen und die Regelung, dass die Macht in den Institutionen an die Beitragszahlungen geknüpft sein sollte, hatten nicht zufällig die Folge, dass damit den USA die absolute Dominanz über das wirtschaftliche Nachkriegssystem zugesichert wurde.

Schon vor der Konferenz hatte White dafür gesorgt, dass nur sein Plan Chancen auf eine Durchsetzung hatte. Das war  schlicht eine Folge der realen Machtverhältnisse. Keynes vertrat Grossbritannien, dessen Einfluss auf der Weltbühne immer stärker am Schwinden war, wogegen sich die USA mit diesem Krieg endgültig als grösste wirtschaftliche und militärische Weltmacht etabliert haben. Die Briten hatten schon daher nichts in die Waagschale zu werfen, als sie während dem Krieg dringend auch auf wirtschaftliche US-Unterstüzung angewiesen waren, wofür die Amerikaner harsche Bedingungen diktiert haben, die vor allem ein Ziel hatten: auch den Rest des verbliebenen britischen imperialen Einfluss auf der Welt noch zu brechen.

Delegierte als Statisten

An der Konferenz (die offiziell von Finanzminister Henry Morgenthau geleitet wurde) hat White, wie Benn Steil beschreibt, dafür gesorgt, dass die Delegationen gar nicht erst über die wichtigsten Punkte informiert wurden und die Delegierten vor allem über Nebensächlichkeiten debattiert haben. Vor allem hat er sich die Kontrolle über die Beschlussprotokolle gesichert. So ist es ihm sogar gelungen, die wichtigste Regel des neuen Systems überhaupt - die geplante zentrale Rolle des Dollars als internationale Leitwährung - verborgen zu halten. Keynes, der sich stets entschieden gegen diese Lösung war, hat das erst nach der Konferenz im nachgereichten Beschluss gelesen. Daher konnte an der Konferenz über diesen Punkt gar nicht erst gestritten werden.

Der Sowjetspion und Patriot

Erst Jahre später wurde bekannt, dass der eigentliche Vater der Bretton Woods-Organisationen Harry Dexter White die ganze Zeit über die Sowjetunion mit vertraulichen Informationen beliefert hat. Wie Steil schreibt, war das Motiv von White schlicht Bewunderung für das kommunistische System. Der scheinbare Widerspruch, dass White auch sehr radikal die Interessen der USA verfolgt hat, löst sich dadurch auf, als dass er davon überzeugt war, sein eigenes Land und die Sowjetunion würden sich ohnehin nach dem Krieg annähern. Das System der staatlichen Lenkung war für White das Modell der Zukunft, auch für die USA. Verurteilt wurde White für seine Spionagetätigkeit nie, da ihm am 16. August 1948 ein Herzinfarkt aus dem Leben riss.

Die Europäer als Profiteure

Der Tatsache, dass die Behörden bereits erste Beweise gegen White in der Hand hatten, hatte zur Folge, dass man ihm den Posten als erster Chef des neu geschaffenen Währungsfonds verweigerte. Dafür war er ursprünglich vorgesehen. Öffentlich begründet hat man diese überraschende Entscheidung, dass man die Spitze des Fonds den Europäern belassen wolle und die Amerikaner nur die weniger bedeutsame Weltbank führen. Eine Regelung, die bis heute bestand hat. Christine Lagarde kann sich bei White bedanken.

Von Anfang an zum Scheitern verurteilt

Im Sinne des Zwecks, für den er geschaffen wurde, war der Währungsfonds eine Totgeburt. Erst 15 Jahre nach seiner Begründung, im Jahr 1961, unterwarfen sich die ersten neun westeuropäischen Länder den vorgesehenen Währungsmechanismen. Zehn Jahre später brach das System bereits zusammen. Als erster begründete der belgisch-amerikanische Ökonom Robert Triffin im Jahr 1959 den grundlegenden Konstruktionsfehler des Systems von White: Damit der Dollar als Reservewährung funktionieren konnte, musste die USA Importüberschüsse verzeichnen, denn nur dadurch gelangen die Notenbanken der übrigen Länder an die  Dollarreserven. Doch gleichzeitig hatte der Dollar durch Gold gedeckt zu sein, dass sich aber nicht entsprechend vermehr liess. So war diese Deckung tatsächlich immer weniger gegeben, bis im Jahr 1971 der damalige US-Präsident Richard Nixon die Golddeckung des Dollars aufhob. Damit war das System von Bretton Woods im Sinne seines Erfinders endgültig gescheitert. Der Fonds beschränkt sich seither auf die Aufgabe als Aushilfsfinanzierer in Notlagen unter Bedingungen.

Fazit:

Die Geschichte von Bretton Woods hat einige interessante Lektionen bereit, die sich verallgemeinern lassen. Hier die wichtigsten:

  1. Es sind nie viele, die fundamentale Pläne gemeinsam beschliessen, das Wesentliche leisten immer nur einzelne oder sehr wenige, auch wenn ein Beschluss dadurch geadelt wird, dass er durch eine grosse Anzahl Delegierter gefällt worden sei. Die Theorie dazu hat Mancur Olson geliefert. Mehr dazu ein andermal.
  2. Damit internationale funktionierende Organisationen sich durchsetzen können, müssen sie durch eine dominierende Macht getragen werden. Whites Plan hat sich nicht durchgesetzt, weil er so gut war, sondern weil die USA hinter ihm gestanden ist. Es ist daher falsch zu sagen, ohne US-Zentriertheit hätten die Bretton Woods-Beschlüsse besser funktioniert. Ohne diese US-Zentriertheit hätte es gar kein Bretton-Woods-System gegeben.

Und täglich grüsst das Murmeltier

Tobias Straumann am Montag, den 18. August 2014
Never Mind The Markets

Bill Murray sucht im Film «Und täglich grüsst das Murmeltier» den Ausweg aus einer Wiederholungsschleife. Der Eurozone geht es derzeit gleich. (Foto: Columbia Pictures)

Die Sommerferien enden, wie sie begonnen haben: mit schlechten Wirtschaftsdaten aus der Eurozone. Die Krise bleibt chronisch, weil die Währungsunion grundlegende Konstruktionsfehler hat. Und nach wie vor stellt sich die bange Frage: Wie lange wird diese Misere politisch geduldet werden?

Ausser Durchhalteparolen hört man nichts. Letzten Sommer startete die EU ein Programm gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Aus dem Fonds von sechs Milliarden Euro ist bisher kaum ein Cent eingesetzt worden. Der designierte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker besuchte Griechenland und forderte weitere Sparmassnahmen. Gemäss Schuldenfallenformel führt das nur zu einer Erhöhung der Schuldenlast und einer weiteren Verarmung der Bevölkerung. Ein neuer Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf schreibt, dass mittlerweile 35 Prozent der griechischen Bevölkerung als arm eingestuft werden müssen. Und wie der Chefredaktor der Tageszeitung «Kathimerini» unlängst schrieb, wird die Mittelklasse schrittweise zerstört (hier). Auf dieser Basis ist ein Aufschwung undenkbar. Hat man in Brüssel keine besseren Ideen?

Sechs Jahre tritt die Eurozone nun schon an Ort, und die neusten Erhebungen zeigen keine Verbesserung. Im Gegenteil, es geht wieder rückwärts. Entsprechend ist das BIP immer noch unter dem Niveau, das es vor der Finanzkrise 2007 erreicht hat. Die USA, die bisher auch nur einen moderaten Aufschwung erlebt haben, sind gegenüber der Eurozone geradezu ein Wachstumsparadies, wie die Zahlen von Eurostat zeigen (Quelle).

Wegen des schwachen Wachstums ist auch die Inflation weiter unter dem Zielwert geblieben. Sie beträgt nur noch 0,4 Prozent, sollte aber gemäss EZB-Mandat nahe bei zwei Prozent liegen. EZB-Chef Mario Draghi wiederholt zwar bei jeder Gelegenheit, dass die mittelfristigen Inflationserwartungen etwa bei 1,5 Prozent lägen, also gut verankert seien. Was wir aber auch wissen: Es braucht nur wenig, um diese Erwartungen aus den Angeln zu heben.

Der IWF geht immer noch davon aus, dass die Eurozone 2014 ein Wachstum von 1,1 Prozent erzielen wird (hier). Das wäre erfreulich, wenn auch zu wenig, um die Arbeitslosigkeit spürbar zu senken. Es ist aber eher anzunehmen, dass die Prognosen einmal mehr zu optimistisch sind. Wie der in Princeton lehrende Ökonom Ashoka Mody kürzlich geschrieben hat, sind nämlich die IWF-Prognosen seit 2011 immer zu hoch ausgefallen (hier).

Mody erinnert an den Film «Und täglich grüsst das Murmeltier», in dem ein TV-Wetterfrosch jeden Tag genau dasselbe erlebt. Erst als sich der Wetterfrosch (Bill Murray) ernsthaft verliebt, findet er einen Ausweg aus der Wiederholungsschleife. Etwas Ähnliches müsste in der Eurozone passieren, damit es endlich wieder aufwärts geht.

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