Wirtschaft


Never Mind the Markets

Warum Merkel nervös ist

Tobias Straumann am Dienstag 14. Februar 2012

Nicolas Sarkozy ist nervös. In weniger als drei Monaten, am 22. April, sind Präsidentschaftswahlen, und sein Widersacher François Hollande (Parti Socialiste) liegt deutlich voraus. Gemäss der letzten Umfrage hat Hollande einen Vorsprung von 6 bis 7 Prozent.

Sichtlich angespannt: Angela Merkel. (AFP)

Sichtlich angespannt: Angela Merkel. (AFP)

Nicht nur bei Sarkozy herrscht Alarmzustand, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel fürchtet einen Regierungswechsel. Sie hat allen Grund dazu, denn die französischen Sozialisten haben ein Wirtschaftsprogramm, das die Spannungen innerhalb der Eurozone verstärken wird. Das Ungleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich ist jetzt schon frappant.

So ist das Leistungsbilanzdefizit Frankreichs im Dezember 2011 noch größer geworden. Gemäss neusten Zahlen der französischen Zentralbank (Banque de France) ist es von 2,1 Mrd. Euro im November auf 3,0 Mrd. Euro im Dezember gestiegen. Der steigende Minusbetrag geht vor allem auf das Konto des Handelsbilanzdefizits, das von 4,3 auf 5,4 Mrd. Euro geklettert ist. Damit setzt sich der Trend der letzten zehn Jahre fort: Deutschland hat einen wachsenden Exportüberschuss, Frankreich einen wachsenden Importüberschuss.

Der Grund für das wachsende Ungleichgewicht ist, dass die französischen Lohnstückkosten gegenüber den deutschen zu schnell gestiegen sind. Wie die Grafik zeigt, ist Frankreich in den letzten zehn Jahren fast zwanzig Prozent teurer geworden:

Wenn François Hollande die Präsidentschaftswahlen gewinnen sollte, kann man davon ausgehen, dass das Ungleichgewicht nicht abgebaut werden wird. Im Gegenteil: Hollande wird gemäss Wahlkampfprogramm kein einziges heisses Eisen anfassen: Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, 35-Stunden-Woche, Rentenreform, Beamtenreform etc. Wenn Frankreich mehr Wachstum und weniger Arbeitslosigkeit will, wird es nicht umhin kommen, die deutsche Wirtschaftspolitik zu imitieren. Wer mit Deutschland eine Währungsunion teilt, muss sich an die deutschen Standards anpassen.

Auch Hollandes Prognose zum künftigen Wirtschaftswachstum ist viel zu optimistisch. Die Grafik, die von seiner Website stammt, geht davon aus, dass 2013 ein schneller Aufschwung folgt, der sich dann über Jahre auf hohem Niveau stabilisieren wird. Das ist angesichts der europaweiten Entschuldungsdynamik vollkommen unrealistisch (siehe hier).

Es ist gut möglich, dass Hollande die Wahlversprechen schon nach wenigen Monaten wieder brechen und einen Kurswechsel vornehmen muss. Sein Ziehvater François Mitterrand musste zu Beginn der 1980er-Jahre die gleiche Erfahrung machen. In den ersten zwei Jahren seiner Präsidentschaft verstaatlichte er zusammen mit den Kommunisten viele Schlüsselsektoren der Wirtschaft und startete ein ehrgeiziges Konjunktur- und Investitionsprogramm. Weil der Franc aber an die D-Mark gebunden war, entstand bald ein grosses Leistungsbilanzdefizit, es kam zu einer Attacke auf den Franc, die Banque de France verlor an Devisenreserven. 1983 vollzog er einen «tournant de rigeur»: Sparen, hohe Zinsen und Lohnzurückhaltung. Es war das pure Gegenteil dessen, was er im Wahlkampf versprochen hatte.

Die Liebesaffäre der Börsen mit Mario Draghi

Mark Dittli am Freitag 10. Februar 2012

«Never Mind The Markets» baut aus und erhält Verstärkung. Ab heute schreibt auch Mark Dittli, Chefredaktor der Zeitung «Finanz und Wirtschaft», regelmässig für den Blog. Seit längerem ist er für uns bereits ein spannender Gesprächspartner, umso mehr freuen wir uns, dass er mit an Bord gekommen ist. Dank seiner Mitarbeit wird ausserdem auch die Frequenz unserer Beiträge deutlich erhöht. Markus Diem Meier und Tobias Straumann

EZB-Präsident Mario Draghi am WEF in Davos, Januar 2012. (Bild: Keystone)

Mit dem LTRO-Programm (Longer Term Refinancing Operation) ist dem EZB-Präsidenten ein Geniestreich gelungen: Mario Draghi am WEF in Davos, Januar 2012. (Bild: Keystone)

Die Börsen zeigen sich momentan in Glanzverfassung. Seit zwei Monaten haben alle namhaften Aktien-Indizes weltweit jede Woche mit Gewinn abgeschlossen. Eine derart lang anhaltende Aufwärtsbewegung war letztmals im Frühjahr 2009 zu beobachten. Seit Anfang Jahr hat der Swiss Performance Index 4,5 Prozent zugelegt. Der Dax in Deutschland gewann 14,5 Prozent. Die grössten Avancen werden im europäischen Bankensektor gemessen – der Branche, die im vergangenen Jahr die meisten Federn lassen musste. Der UBS-Aktienkurs beispielsweise ist seit Ende November um 33 Prozent gestiegen. Was steckt hinter dieser Rally?

Eine erstarkende Wirtschaft ist es leider nicht. Im Gegenteil: Der Eurozone droht gegenwärtig ein Rückfall in die Rezession. Aus Italien beispielsweise drangen am Mittwoch Gerüchte aus dem statistischen Amt, wonach die Wirtschaft – immerhin die drittgrösste in der Europäischen Währungsunion – im vierten Quartal noch stärker geschrumpft ist als im dritten Quartal. In den USA zeigen sich die Konjunkturdaten seit drei Monaten von der robusteren Seite, aber von einem Wirtschaftsboom ist auch dort längst nicht zu sprechen. Nein, wenn der aktuellen Börsenrally ein Auslöser zugeordnet werden kann, dann befindet sich dieser Auslöser in Frankfurt, am Hauptsitz der Europäischen Zentralbank, und trägt den klingenden Namen LTRO.

LTRO steht für Longer Term Refinancing Operation und ist ein Geniestreich, der dem erst seit Anfang November amtierenden EZB-Präsidenten Mario Draghi gelungen ist. Schauen wir uns die LTRO-Aktion etwas genauer an: Am 8. Dezember 2011 kündigte Draghi das Programm an. Er erklärte, die europäischen Banken dürften zur Linderung ihrer Liquiditätsnot – diese hatte in den Herbstmonaten einige Grossbanken gefährlich nahe an den Kollaps getrieben – Geld von der EZB mit einer Laufzeit von drei Jahren zu einem Zinssatz von 1 Prozent ausleihen. Das war ein Paradigmenwechsel für die Zentralbank, denn bis anhin hatte sie den Geschäftsbanken Geld nur für jeweils maximal drei Monate ausgeliehen. Die Banken liessen sich nicht zweimal bitten: In der ersten LTRO-Aktion vom 21. Dezember gewährte die EZB Kredite in der Höhe von 489 Milliarden Euro.

Schon wenige Tage später begann sich das Stressniveau an den Finanzmärkten Europas zu senken. Die Kurse der Obligationen der Problemstaaten Italien und Spanien begannen zu steigen und die Zinsen, die die beiden Länder auf neu ausgegebenen Anleihen bezahlen mussten, sanken. Am 9. Januar erreichten die Zehnjahreszinsen Italiens mit 7,2 Prozent im laufenden Jahr ihren Höchststand und sinken seither stetig (Quelle: Bloomberg):

Die Renditedifferenz zwischen den Staatsanleihen Deutschlands und Frankreichs – also dem «harten» und dem «weichen» Kern der Währungsunion – begann zu schrumpfen (Quelle: Bloomberg):

Und auch der Interbankenmarkt entspannte sich, abzulesen etwa am so genannten Euribor-OIS-Spread, der die Zinsdifferenz zwischen unbesicherten und besicherten Ausleihungen zwischen Banken zeigt. Hier ist besonders schön zu sehen, wie das Stressniveau exakt am 8. Dezember, dem Tag der LTRO-Ankündigung von Mario Draghi, zu sinken begann (vgl. weisse, vertikale Linie im Chart; Quelle: Bloomberg):

Alle diese Entspannungssignale begannen mit dem Start des LTRO-Programms im Dezember. Die Aktienmärkte wiederum nahmen die abnehmende Absturzgefahr in der Eurozone dankend zum Anlass, zu ihrer Rally anzusetzen. Der 9. Januar war hier der Scheidepunkt: Exakt am selben Tag, als die Zinsen der Problemstaaten Italien und Spanien nachhaltig zu sinken begannen, gab es für die Aktienkurse der Grossbanken kein Halten mehr. Der Stoxx-Bankenindex hat seit jenem 9. Januar bereits 37 Prozent zugelegt (Quelle: Stoxx):

Unter näherer Betrachtung wird klar, was genau die Banken mit einem Grossteil der erhaltenen 489 Milliarden Euro gemacht haben: Sie haben Anleihen der Problemstaaten, insbesondere Italiens, Spaniens und Frankreichs, gekauft. Wieso das? Nun, angenommen, Sie sind der Direktor einer italienischen Grossbank. Sie erhalten von Ihrer Zentralbank Geld für drei Jahre zu einem Zinssatz von 1 Prozent. Gleichzeitig rentieren dreijährige Anleihen ihres Heimatstaates mehr als 6 Prozent. Man braucht kein Genie zu sein, um in dieser Zinsdifferenz eine Einladung zu einem nahezu risikofreien Geschäft zu sehen. Ich borge mir eine Milliarde von der EZB zu 1 Prozent, kaufe damit italienische Staatsanleihen zu 6 Prozent und streiche fünfzig Millionen Euro Gewinn ein. Die Banken konnten die gekauften Staatsanleihen zudem gleich an die EZB weiterreichen – als Pfand (Collateral) für weitere Kredite.

Das Geld der EZB kommt so übrigens gar nie wirklich in der realen Wirtschaft an: Gemäss jüngsten Zahlen der Zentralbank ist die Geldmenge M3 in der Eurozone seit mehr als drei Monaten im Sinken begriffen.

Nun fragen sich Investoren freilich, ob das alles gut gehen kann. Die kurze Antwort: Ja, für eine Weile. Draghi hat womöglich genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, um eine Katastrophe im europäischen Bankensektor abzuwenden. Mark Carney, der Gouverneur der Bank of Canada, sagte Ende Januar in Davos gar, die EZB habe mit ihren Handlungen die Gefahr eines zweiten «Lehman-Schocks» in Europa «dramatisch gesenkt». Zwar nützt das LTRO-Programm der realen Wirtschaft nichts – und auch die kranken Banken werden dadurch nicht gesünder -, aber es hat das Stressniveau in der Eurozone spürbar gesenkt. Am 28./29. Februar ist bereits die nächste LTRO-Auktion, und die «Financial Times» spekuliert, dass die europäischen Banken dann satte 1000 Milliarden Euro von der EZB beziehen werden – wonach das heitere Spiel seine Fortsetzung finden kann. Nichts treibt die Börsen effektiver an als billige Liquidität im Bankensystem. Die Frage, was genau Ende 2014 und Anfang 2015 geschehen soll, wenn die Banken ihr LTRO-Geld zurückzahlen müssen, bereitet heute noch niemandem schlaflose Nächte.

Der lange Weg zurück zur Normalität

Markus Diem Meier am Donnerstag 9. Februar 2012

Das Besondere an grossen Finanzkrisen im Unterschied zu gewöhnlichen Rezessionen ist die hohe Verschuldung, die nach ihrem Ausbruch eine Erholung der Wirtschaft für lange Zeit behindert. Auf jeden Fall für eine viel längere Zeit als im Fall einer gewöhnlichen Rezession. Das ist die Botschaft aller grösseren Untersuchungen historischer Beispiele. Die wohl wichtigste jüngste Studie dieser Art stammt von den Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart. Ihre Erkenntnisse haben sie im Buch «This Time is Different» niedergeschrieben. Eine kurze Studie der beiden zeigt, mit welchen durchschnittlichen «Erholungsfristen» von Finanzkrisen gerechnet werden muss und welche Konsequenzen sich zeigen. So zeigt eine Grafik aus diesem Papier etwa, dass die Arbeitslosigkeit über 4,8 Jahre um 7 Prozent zunimmt:

Wie schnell nach einer Krise wieder Normalzustände herrschen, hängt in erster Linie davon ab, wie lange der Schuldenabbau vor sich geht. Man spricht hier vom «Deleveraging» – dem Umkehrprozess des «Leveraging» im Vorfeld der Krise. «Leveraging» bezieht sich auf die Anhäufung einer immer grösseren Verschuldung, die jeweils mit Bezug auf ein steigendes Vermögen basierend auf scheinbar ewig steigenden Preisen von Sachwerten (meist Immobilien) im Vorfeld von Crashs rechtfertigt wird.

Eine Studie des McKinsey Global Institute, dem Think Tank des Beratungsunternehmens McKinsey, ist nun der Frage nachgegangen, wie weit es denn her ist mit dem Deleveraging in ausgewählten Ländern. Die Studie ist mittlerweile schon verschiedentlich in den Medien aufgenommen worden. Unten die wichtigsten Grafiken daraus und was sie besagen.

Die erste macht klar, dass das Deleveraging bis zum zweiten Quartal 2011 (der letzte von der Studie berücksichtigte Zeitpunkt) noch kaum begonnen hat. In einigen Ländern hat die Verschuldung sogar noch drastisch weiter zugenommen, zum Beispiel in Spanien, Frankreich und Japan:

Wie weit der Weg zur Normalität bzw. zum vollendeten Deleveraging noch ist, vergleicht die Studie anhand der Finanzkrisen-Erfahrungen von Schweden und Finnland in den 1990er Jahren. Die folgende Grafik (sowie ein Grossteil der Studie) geht auf die Entwicklung in den USA, Spanien und Grossbritannien ein und vergleicht die bisherige Entwicklung mit jener von Schweden von damals:

Wie die Grafik zeigt, sind die USA in Sachen Deleveraging am weitesten. Ein wichtiger Grund dafür ist laut der Studie, dass zwei Drittel der Schuldenreduktion allein auf Ausfälle («Defaults») auf Hypotheken zurückgeht. Der Schuldenerlass durch Bankrott der Schuldner spielt hier eine weit grössere Rolle als in den untersuchten europäischen Ländern.

Die nächste Grafik macht klar, dass die öffentliche Diskussion, die oft auf die Staatsschulden fokussiert, zu kurz greift. Sie zeigt für ausgewählte Länder das Gesamtbild der Verschuldung:

Wie die Geschichte von Finanzkrisen zeigt, ist ihre übliche Folge ein dramatischer Anstieg der Staatsschulden. Wie Reinhart und Rogoff in den erwähnten Studien zeigen, hat der Einbruch der Staatseinnahmen daran den weitaus grösseren Anteil als die Rettungsmassnahmen für Banken oder andere Private. Das heisst allerdings nicht, dass diese Rettungsmassnahmen unwichtig sind, um die Lage zu stabilisieren. Der Staat kann auf jeden Fall Schulden besser tragen als Private (wenn er sich in eigener Währung verschuldet und nicht in eine Währungsunion eingebunden ist), das zeigt sich allein an den sehr tiefen Zinsen für die Staatsanleihen etwa der USA, Grossbritanniens und Japans.

Ein gleichzeitiges Deleveraging der Privaten und des Staates würde die Lage dagegen verschlimmern, ausser die ausfallende Nachfrage würde vom Aussenhandel her kompensiert. Wenn aber die potenziellen Handelspartner ebenfalls auf dieses Ventil setzen, geht die Rechnung nicht auf. Die Staatsverschuldung muss abgebaut werden – aber zur richtigen Zeit: Sobald sich die Lage der Privaten stabilisiert hat, muss und kann der Staat Sparmassnahmen durchsetzen. Hier die grafische Version dazu in der McKinsey-Studie:

Diesem gestaffelten Vorgehen folgen die USA – wie schon oben gesehen – mit grösserem Erfolg als andere. Auch die untere Grafik, die die Entwiclung der verschiedenen Schuldenkategorien zeigt, macht das noch einmal deutlich:

Wenn man den Finanzsektor aussen vor lässt (warum das Sinn machen kann, gleich unten), entspricht die Zunahme der staatlichen Verschuldung (+19) ziemlich genau der Abnahme der privaten (-18). In dieser Betrachtung ist die Gesamtverschuldung zwar nicht gesunken, aber die Voraussetzungen für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Entwicklung sind – dank dem privaten Deleveraging – weit besser geworden.  

Paul Krugman begründet, warum der gesonderte Einbezug des Finanzsektors in der McKinsey-Studie das Bild verfälschen kann (Hervorhebung durch mich):

My preference is to leave financial-sector debt out of the picture, because it’s conceptually very different from nonfinancial debt. Think of it this way: compare two banking systems, one in which banks directly lend deposits out to customers, another in which many deposits are lent out through the interbank wholesale market, and then lent on to nonfinancial customers. The second system will show much higher financial-sector debt, and it is in some real sense more risky than the first, but the real economy isn’t more highly indebted than in the first case. In general, financial-sector debt is about the internal organization of intermediation, and it’s not the same kind of thing as when households or business run up a lot of debt.

Spanien ist Beispiel für ein Land der Währungsunion, das eben nicht über erhöhte Staatsausgaben das private Deleveraging in einer ersten Phase unterstützen kann. In den Worten der Studien-Autoren:

Spain faces a particularly difficult challenge in reducing debt, since it is contrained in its ability to use fiscal or monetary policy to revive growth.

Hier das Ergebnis:

Ein Deleveraging der Privaten findet fast überhaupt nicht statt. Und hier liegt das Hauptproblem von Spanien. Die Staatsverschuldung steigt trotz der Sparmassnahmen weiter – als Folge der anhaltenden Wirtschaftskrise mit einer Arbeitslosigkeit von mehr als 20 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von beinahe 50 Prozent. So steigt dann auch die Gesamtverschuldung.

Steuerstreit: Warum bricht die Schweiz ein?

Tobias Straumann am Dienstag 7. Februar 2012
Bereits in den 30er-Jahre war Steuerflucht ein Thema: Zürcher Paradeplatz um 1930.

Bereits in den 30er-Jahren kam die Schweiz wegen unversteuerter Vermögen unter Druck: Zürcher Paradeplatz um 1930. (Bild: Postkarte)

In den 1930er-Jahren kam die Eidgenossenschaft unter Druck wegen unversteuerter Vermögen, die auf den Konten von Schweizer Banken lagen. Was tat sie? Sie verankerte das Bankgeheimnis im ersten eidgenössischen Bankengesetz von 1935. Von nun an war das Weitergeben von bankinternen Informationen strafbar.

Heute ist die Schweiz wieder unter Druck wegen der unversteuerten Vermögen auf Schweizer Bankkonten. Was tut sie? Sie zeigt sich kooperationsbereit und weicht das Bankgeheimnis auf.

Wie ist das unterschiedliche Verhalten zu erklären?

Man wird die Frage erst in ein paar Jahren beantworten können, wenn der Ausgang der Geschichte bekannt ist. Aber erste Überlegungen lassen sich heute schon anstellen. Ich sehe drei grosse Unterschiede zwischen damals und heute:

1. Die Stellung der USA: Die Schweizer Banken waren bereits 1930 wichtig für die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung. Der Schweizer Bankier Felix Somary schrieb 1929: «Zürich dürfte wohl als der relativ stärkste Vermögensverwalter des Kontinents anzusprechen sein.» Aber die Kunden stammten fast alle aus den benachbarten Staaten, vor allem aus Deutschland und Frankreich. Die Steuerflucht aus Frankreich war bereits vor dem Ersten Weltkrieg bedeutend gewesen, in den 1920er-Jahren kamen die Vermögen aus Deutschland hinzu. Kriegskosten, politische Unruhen und Hyperinflation (1923) hatten das Vertrauen in den Staat unterhölt.

Die grosse Zunahme der Vermögen und Konten in den 1920er-Jahren zeigt die unten stehende Grafik. Der Erste Weltkrieg gilt deshalb in der schweizerischen Bankengeschichte als Wasserscheide.

Hinzu kam, dass die USA sich damals noch nicht als globale Führungsmacht begriff. Erst mit dem Eintritt in den Zweiten Welkrieg im Dezember 1941 begann das «amerikanische Zeitalter». Erst jetzt drängten die USA darauf, dass ihre Wertvorstellungen global verankert werden.

2. Die Einigkeit der grossen europäischen Staaten: In der Zwischenkriegszeit waren Deutschland und Frankreich, die am stärksten auf die Rückerstattung von unversteuerten Vermögen drängten, in vielen anderen Themen zerstritten. Sie versuchten zwar im Rahmen des Völkerbunds, Druck auszuüben und internationale Regelungen durchzusetzen, aber da die Niederlande und Grossbritannien mit der Schweiz ein Bündnis eingingen, blieben die Versuche chancenlos.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Bemerkung des Schweizer Botschafters in Den Haag. 1924 schrieb er an Aussenminister Motta, dass man in Holland die Aufhebung des Bankgeheimnisses nie tolerieren würde. So etwas sei nicht vereinbar mit dem holländischen Charakter. (Quelle: Christophe Farquet, Le secret bancaire en cause à la Société des Nations (1922-1925), Traverse: Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire 1 (2009), S. 110.) Heute sind selbst die Holländer auf der Seite Deutschlands und Frankreichs, und die Briten freuen sich über den Niedergang des Finanzplatzes Schweiz.

3. Der politische Stil: Wenn man sich mit der Geschichte der Zwischenkriegszeit beschäftigt, fällt sofort auf, wie entschlossen alle Länder ihre nationalen Interessen in den Vordergrund stellten. Es gab zwar den Völkerbund, aber er war eine relativ schwache Institution. Die USA waren nie Mitglied, die Sowjetunion erst ab 1934, und Deutschland und Frankreich waren wie erwähnt in vielen Fragen (v. a. Kriegsschuldfrage) uneins. In diesem Kontext fiel es selbst kleinen Ländern wie der Schweiz relativ leicht, aussenpolitisch kompromissloser aufzutreten als heute, wo jedes Land durch zahlreiche Verträge eingebunden ist. Gleichzeitig hat die Rücksichtslosigkeit der grossen Staaten gegenüber den kleinen Staaten seit der Finanzkrise markant zugenommen. Wenn es den Grossen schlecht geht, sind sie weniger interessiert an rechtsstaatlichen Verfahren als in guten Zeiten.

Dazu kommt, dass die Menschen damals aus einem anderem Holz geschnitzt waren als heute. Sie hatten den Ersten Weltkrieg durchlitten, machten sich keine Illusionen über die Stabilität in Europa und waren auf schwierige Zeiten vorbereitet. Heute haben wir kaum mehr die Nerven, aussenpolitische Konflikte über eine längere Zeit durchzustehen. Die Generation, die jetzt am Ruder ist, hat keine grösseren Krisen erlebt. Vielleicht wird die aktuelle Krise zu einem «defining moment» für die künftige Politik wie die 1930er-Jahre. Aber auch diese Frage wird man erst in ein paar Jahren beantworten können.

Der wahre Zweck von Bernankes Entscheid

Markus Diem Meier am Freitag 3. Februar 2012
Ben Bernanke, Januar 2012. (Bild: Reuters)

Hat den Leitzins bis 2014 festgelegt: Fed-Chef Ben Bernanke, Januar 2012. (Bild: Reuters)

Ein Blick in die USA – genauer auf den «Zinsentscheid» der US-Notenbank «Federal Reserve». Wir erinnern uns: Der US-Leitzins – das heisst die «Federal Funds Rate» – liegt seit Dezember 2008 faktisch bei null Prozent, genau genommen zwischen 0 bis 0,25 Prozent. Der wichtigste Entscheid von Fed-Chef Ben Bernanke und den anderen Mitgliedern des für die Geldpolitik zuständigen «Federal Open Market Comittee» FOMC lag darin, schon jetzt festzulegen, dass der Leitzins voraussichtlich bis 2014 auf dem gegenwärtigen Tiefstniveau bleiben wird. Hier der entscheidende Abschnitt aus der Verlautbarung des Fed (Hervorhebung durch mich):

To support a stronger economic recovery and to help ensure that inflation, over time, is at levels consistent with the dual mandate, the Committee expects to maintain a highly accommodative stance for monetary policy.  In particular, the Committee decided today to keep the target range for the federal funds rate at 0 to 1/4 percent and currently anticipates that economic conditions including low rates of resource utilization and a subdued outlook for inflation over the medium run are likely to warrant exceptionally low levels for the federal funds rate at least through late 2014.

Was bedeutet diese Aussage, bzw. was will das Fed damit bezwecken? Es geht um eine Steigerung der Inflationserwartungen.

Der Reihe nach:

  • In normalen Zeiten senkt eine Zentralbank den Leitzins, wenn der Wirtschaftsmotor lahmt. Das erreicht sie über eine Ausdehnung der Geldmenge. Die Folge ist, dass alle Zinsätze in der Wirtschaft fallen. Das verbilligt die Aufnahme von Krediten und Hypotheken und damit auch die Kosten für Investitionen und Hauskäufe. Zu guter letzt fällt dadurch auch der Wert der eigenen Währung, was den Exporten Schub verleiht. Kurz: Eine Ausdehnung der Geldmenge (bzw. das Senken der Leitzinsen) ist in gewöhnlichen Zeiten das am besten geeignete Instrument zur Bekämpfung einer Rezession.
  • Dies sind aber keine gewöhnlichen Zeiten. Die USA steckt in einer Liquiditätsfalle bzw. in einer «Balance Sheet Recession». Was das bedeutet in aller Kürze: Der erste Begriff bezeichnet eine Situation, in der das Geld der Zentralbank gar nicht in die Wirtschaft fliesst und diese kaum eine Möglichkeit hat, daran etwas zu ändern, gerade weil sie die Zinsen gar nicht mehr senken kann. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag. «Balance Sheet Recession» verweist auf einen wichtigen Grund für diese Machtlosigkeit der Zentralbank: Wenn die Privaten stark verschuldet sind, verwenden sie neu zufliessendes Geld vor allem zum Abbau dieser Schulden und dann zum Aufbau eines Sicherheits-Finanzpolsters. Hier mehr dazu von Richard Koo, auf den der Begriff zurückgeht, dieses Buch von ihm geht noch ausführlicher darauf ein.
  • Den Zinssatz, den eine Zentralbank nicht unter null senken kann, ist genau genommen aber nur der Nominalzinssatz. Für die Praxis viel wichtiger ist aber der Realzinssatz – das ist der Nominalzinssatz abzüglich der erwarteten Inflationsrate (genau genommen nicht «abzüglich», aber diese Näherungsrechnung ist einfacher und ausreichend exakt). Ein Unternehmer, der eine Investition tätigt, vergleicht schliesslich auch, welchen realen Wert die erwartete Rendite daraus hat, das heisst – salopp gesagt – wie viele Brötchen er dafür kaufen kann. Ebenso betrachtet er die Kosten für die Investition.
  • Den Realzins kann eine Zentralbank also dann senken, wenn es ihr gelingt, für eine höhere erwartete Inflation zu sorgen. Ein Beispiel: Erwarten die Leute eine Inflation von 3 Prozent  und beträgt der Nominalzins zum Beispiel 2 Prozent, dann verlieren jene, die zu diesem Zinssatz Geld ausleihen real (das heisst zum Beispiel in Brötchen gemessen, die sie mit dem Zinserlös kaufen können) 1 Prozent. Umgekehrt bezahlen jene, die das Geld unter diesen Bedingungen aufnehmen, einen Realzins von -1 Prozent. Sie erhalten also noch Brötchen dafür, dass sie Geld ausgeliehen haben.
  • Wenn eine Zentralbank die Geldschleusen zu lange weit offenlässt, dann steigt das Risiko einer steigenden Inflation. Indem Bernanke und das FOMC jetzt sagen, sie würden die Leitzinsen bis 2014 so tief belassen, wie im Augenblick, dann wollen sie genau diese Erwartung damit schüren. Gelingt ihnen das, fällt der Realzins. Das Horten von Geld – siehe Liquditätsfalle – wird weniger attraktiv, das Investieren wieder attraktiver und die Last der noch immer sehr hohen privaten Verschuldung sinkt ebenfalls. Darin besteht der Zweck der jüngsten Beschlüsse. Dass das Fed gleichzeitig ein weiteres «Quantitative Easing» als mögliche Politik in Betrachtung zieht (zu den letzten solchen Schritten mehr hier), dient ebenfalls diesem Erwartungsmanagement.

Und wie steht es um den Auftrag (auch) der US-Zentralbank, die Inflation unter Kontrolle zu halten. Auch dazu hat das Fed sich beim letzten Treffen geäussert. Hier die entsprechende Verlautbarung, hier die entscheidenden Zeilen daraus (Hervorhebungen von mir):

The inflation rate over the longer run is primarily determined by monetary policy, and hence the Committee has the ability to specify a longer-run goal for inflation. The Committee judges that inflation at the rate of 2 percent, as measured by the annual change in the price index for personal consumption expenditures, is most consistent over the longer run with the Federal Reserve’s statutory mandate. Communicating this inflation goal clearly to the public helps keep longer-term inflation expectations firmly anchored, thereby fostering price stability and moderate long-term interest rates and enhancing the Committee’s ability to promote maximum employment in the face of significant economic disturbances.

Das Fed will also die Inflation auf 2 Prozent beschränken. Beachte: Die Europäische Zentralbank EZB und die Schweizer Nationalbank sehen 2 Prozent nicht als Zielwert, sondern als obere Grenze. Dennoch, wie geht auch ein solcher Zielwert des Fed zusammen mit der Absicht, die Inflationserwartungen zu erhöhen? Die Lösung des Rätsels liegt in der Absicht, diese Inflationsrate langfristig einzuhalten, kurzfristig sind Abweichungen damit nicht ausgeschlossen. Ein langfristiges Inflationsziel ist tatsächlich eine ziemlich verblüffende Idee, wie auch Lorenzo Bini Smaghi, bis vor kurzem Mitglied im Führungsgremium der EZB, diese Woche konsterniert in der «Financial Times» festgehalten hat:

This differs from most other central banks in advanced economies, where price stability is targeted over a horizon of two to three years. The reason for focusing on the medium term is that inflation forecasts over a longer period are not very reliable… In particular, the link between the inflation forecasts and the policy decision is unclear. What should market participants derive from a published inflation forecast above the two per cent target in the long run (but not necessarily over the next two years)? Should they expect a tightening to take place? And when? The long run is not a “policy-relevant” time horizon and thus has little value for those attempting to understand the central bank’s next moves.

Wie Bini Smaghi feststellt, schliesst ein langfristiges Inlationsziel von 2 Prozent eben keine Inflationserwartung von mehr als 2 Prozent aus. Bei einem enger gefassten, kurzfristigen Inflationsziel von maximal 2 Prozent, wie bei der EZB und der SNB, ist das aber weit schlechter möglich. Was aber ist dann der Zweck dieses langfristigen Inflationsziels? Die US-Zentralbank will zwar die Inflationserwartungen steigern, aber sie will die Inflation auch nicht explodieren lassen. Mit der Festlegung auf das langfristige Ziel einer Inflation von 2 Prozent macht sie genau dies klar. Der Marktbericht «Liquid Insight» der «Bank of America» vom 27. Januar bringt das auf den Punkt:

What about the tail risk of runaway inflation expectations? The Fed addressed this tail risk by communicating a headline PCE target of 2% as its long term inflation goal. This serves to anchor long-term inflation expectations, while allowing short-term inflation to rise from current low levels, thus influencing the term structure of inflation expectations. Note that by specifying the symmetrical nature of the Fed’s dual mandate (equal weight to both the unemployment and inflation goals), the Fed has indicated that their willingness to let short-term inflation rise even as longer term expectations are constrained.

Das eigentliche Problem der Übung besteht angesichts der anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Lage weniger darin, dass die Inflation demnächst explodiert, sondern vielmehr darin, ob die Inflationserwartungen auch tatsächlich steigen. Denn in einem gewissen Sinn muss es der Notenbank gelingen, glaubhaft zu versprechen, «unverantwortlich» zu sein. Unverantwortlich in dem Sinn, dass man ihr auch wirklich glaubt, dass sie die Inflation auf Raten von mehr als 2 Prozent ansteigen lässt:

In a liquidity trap monetary policy does not work because the markets expect the bank to revert as soon as possible to the normal practice of stabilizing prices; to make it effective, the central bank must credibly promise to be irresponsible, to maintain its expansion after the recession is past.

Obige Aussage stammt vom Nobelpreisträger Paul Krugman aus dem Jahr 1998, doch die Debatte ist wieder brandaktuell – hier mehr dazu.

Hier noch, wie Ben Bernanke die Stossrichtung des Fed der Presse erklärt. Selbstverständlich hat er sich davor gehütet, direkt das Ziel von höheren Inflationserwartungen zu verkünden.

Wer ist die Älteste im ganzen Land?

Tobias Straumann am Dienstag 31. Januar 2012
Sign above a counter at the private bank Wegelin & Co. in St. Gallen, Switzerland, pictured on April 16, 2010. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Schild über einem Schalter der Privatbank Wegelin & Co. in St. Gallen. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Die älteste Bank der Schweiz, die Wegelin, ist nicht mehr. Als offizielles Geburtsdatum gilt das Jahr 1741, als der Kaufmann Caspar Zyli in St. Gallen eine Einzelunternehmung gründete, die nicht nur im Handel, sondern auch im Bankgeschäft tätig war.

Wer tritt nun altermässig an die Stelle der Bank Wegelin? Dazu ein kleiner Rückblick auf die Schweizer Bankengeschichte.

Mit Sicherheit ist es keine Grossbank, denn im Unterschied zu den grossen Finanzplätzen Amsterdam oder London dauerte es in der Schweiz relativ lange, bis sich Geschäftsbanken etablierten. Noch 1850 gab es in der Schweiz keine einzige Grossbank (siehe Tabelle unten). Erst mit dem Eisenbahnbau begann der grosse Aufschwung des Firmenkreditgeschäfts, des Aktienhandels, der Emissionen etc. Die erste Geschäftsbank war die Schweizerische Kreditanstalt in Zürich (heute Credit Suisse), die 1856 gegründet wurde – also rund hundert Jahre nach der Wegelin.

Auch die übrigen Banktypen, die in der Tabelle aufgeführt sind, wurden erst im 19. Jahrhundert gegründet. Der sogenannte Sparkassenfrühling begann nicht vor dem Ende der napoleonischen Kriege (1815), die ersten Kantonalbanken entstanden im Nachzug der liberalen Revolutionen in einzelnen Kantonen in den 1830er-Jahren und im Jahrzehnt der Demokratischen Bewegung in den 1860er-Jahren. Die Zürcher Kantonalbank zum Beispiel öffnete ihre Schalter erst 1870, gleichzeitig mit der Umsetzung der neuen Kantonsverfassung. Auch die Bodenkreditbanken und Lokalbanken entstanden nicht vor 1815.

Es muss also wieder eine Privatbank sein, die sich als älteste Bank der Schweiz bezeichnen darf. Mit der Datierung des Gründungsdatums gibt es jedoch Schwierigkeiten, denn wie schon bei der Wegelin war es im 18. Jahrhundert ganz normal, dass Handels- und Bankgeschäfte vermischt waren. Rahn & Bodmer schreiben zum Beispiel auf ihrer Homepage, das Gründungsdatum ihrer Bank sei 1750:

Im Jahr 1750 gründeten die Zürcher Kaufleute Caspar und Hans Conrad Schulthess ein Seidenhandelshaus. Noch zu ihren Lebzeiten gewann der Handel mit Effekten und Wechseln an Wichtigkeit für das Geschäft.

Als Rahn & Bodmer firmiert die Bank allerdings erst seit knapp hundert Jahren. Dennoch kann man sie durchaus als älteste Zürcher Privatbank bezeichnen. Dasselbe gilt für La Roche & Co Banquiers, 1787 von Benedikt La Roche gegründet, und die Landolt & Cie., die seit 1780 existiert. Beide bezeichnen sich als älteste Privatbank Basels bzw. der Westschweiz.

Nimmt man die offizielle Gründung eines Bankhauses zum Massstab, dann gewinnt das Genfer Institut Lombard Odier Darier Hentsch & Cie., denn seine Vorgängerbanken sind alle über 200 Jahre alt: 1795 Ferrier, Darier & Cie., 1796 Hentsch & Cie., 1798 Henri Hentsch & Jean Gédéon Lombard.

Interessant und verblüffend ist die Häufung der Gründungsdaten. Waren die 1790er Jahren nicht die schlechteste Zeit, um eine Bank in Genf zu gründen? Denn 1789 brach die Französische Revolution aus, 1792 kam es zu einem Umsturz in Genf selber, der einen Massenkonkurs unter den Genfer Banken auslöste, und 1798 annektierte Frankreich die Genfer Republik, was die Handlungsfreiheit der Bankiers stark einschränkte. Dennoch waren die Bankgründungen erfolgreich – eine verblüffende und bis heute kaum erforschte Geschichte.

Als Pictet 2005 das zweihundertjährige Jubiläum feierte, publizierte die Bank ein tolles Buch zur Geschichte der internationalen Finanzplätze (Capitals of Capital, geschrieben vom Genfer Professor Youssef Cassis). Was die eigene Geschichte anbelangte, so erfuhr die Öffentlichkeit leider wenig Neues. 1805 war die Bank De Candolle, Mallet & Cie., aus der später die Pictet & Cie. hervorging, gegründet worden. 1805 war auch das Jahr, in dem Napoleon Österreich und Russland in Austerlitz besiegte. Wie war es möglich, während des europäischen Krieges eine Bank zum Florieren zu bringen? Man wüsste gerne mehr über die Geschichte der schweizerischen Privatbanken.