Die griechische Sage vom Rendite-Wunder

Markus Diem Meier am Mittwoch, den 16. April 2014
NMTM

Grund für neues Vertrauen oder bloss ein Risikorausch? Ikarus-Gemälde von Jacob Peter Gowy. Foto: Wikipedia

Anleihen des griechischen Staates gingen letzte Woche auf den Kapitalmärkten weg wie frische Brötchen und dazu für einen verblüffend tiefen Zinssatz für das Land. Leider ist das dennoch kein gutes Zeichen - weder für Griechenland, die Eurozone,  noch für die Kapitalmärkte.

Die folgende Grafik aus dem Wall Street Journal macht klar, weshalb der Anleihenverkauf Griechenlands auf den ersten Blick wie ein gewaltiger Erfolg erscheint. Die Grafik zeigt die Renditen für 10 Jahre laufende Staatsanleihen, die stets als Massstab für das langfristige Zinsniveau gelten. Die Papiere, die Griechenland auf den Markt gebracht hat, waren allerdings auf 5 Jahre laufende Anleihen.

Greece Rates

Die Sorge vor einem Staatsbankrott Griechenlands markierte den Beginn der Eurokrise im Frühjahr 2010. Seither waren die Renditen der Staatsanleihen des Landes stets so etwas wie der Fiebermesser der Krise insgesamt. Diese Renditen sind massgeblich dafür, was das Land für neue Schulden bezahlen muss, sofern es das Geld auf den Kapitalmärkten aufnehmen müsste, was seit den Hilfspaketen der Europäischen Union und dem IWF allerdings nicht mehr der Fall war.

Bis zum März 2012 kletterte die Rendite für die 10-jährigen griechischen Staatsanleihen auf beinahe 40 Prozent, nicht zuletzt auch in Erwartung eines Schuldenschnitts, den die privaten Investoren im April dann auch zu tragen hatten. Trotz der (allerdings nur unwesentlich) geringeren Gesamtverschuldung danach (siehen unten) sind die Renditen im Nachgang erneut deutlich angestiegen.

Um beim Bild des Fiebermessers zu bleiben: Wenn der Renditeanstieg als Zeichen für die Krankheit Griechenlands und indirekt der Eurozone gelesen wurde, dann müsste doch umgekehrt der Fall der Rendite als Zeichen der Heilung verstanden werden.

Das ist leider aus den folgenden Gründen nicht der Fall.

  1. Wegen der selbstverstärkenden Dynamik bei steigenden Zinsen
  2. Weil für den Fall der Zinsen keine entsprechende Verbesserung der Wirtschaftslage verantwortlich ist
  3. Wegen den aktuellen Vorgängen auf den Kapitalmärkten.

Wir bleiben bei Griechenland, doch ähnliches liesse sich auch zu anderen Peripheriländern sagen. Gehen wir die Punkte durch:

1. Die Verschuldensdynamik im Falle hoher Zinsen

Die Zinsen (genauer: die Renditen - spielt keine Rolle) steigen in unserem Zusammenhang, wenn die Erwartung eines Staatsbankrotts steigt. Doch die höheren Zinsen machen angesichts dadurch steigender Kosten für die Staatsschulden einen solchen Bankrott noch wahrscheinlicher. Das für Länder der Eurozone angesichts der Einheitswährung mehr als für andere Länder. Der belgische Ökonom hat diesen Teufelskreis der Euroschuldenländer in einer ausgezeichneten Studie schon im April 2011 beschrieben, ihr war auch ein Beitrag auf NMTM gewidmet.

De Grauwe forderte die Europäische Zentralbank (EZB) auf, dieser selbsterfüllenden Prophezeiung ein Ende zu bereiten. Das hat sie getan. Der Abwärtstrend bei den Zinsen setzte (nicht nur im Fall von Griechenland) erst ein, als Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juli 2012 in London erklärt hat, alles zu tun, um die Eurozone zu retten. Im September 2012 hat er mit dem so genannten OMT-Programm (OMT steht für «Outright Monetary Trasaction») das bestätigt. Das OMT Programm bedeutet in aller Kürze, dass die EZB unter Bedingungen im Notfall bereit ist, Staatsanleihen gefährdeter Staaten in unbeschränkter Mengeaufzukaufen. Allein diese Aussicht hat wie erwartet die Aufwärtsspirale bei den Zinsen beendet.

Sinkende Zinssätze entlasten zwar die Schuldenkosten. Doch die daraus erwachsenden Kosten waren und sind nicht der Grund für den starken Anstieg der griechischen Staatsverschuldung, das hat mehr mit der Struktur und der Gesamtlage der Wirtschaft zu tun. Deshalb führen die tieferen Zinsen auch nicht zu einer ausreichenden Entlastung für die Staatsfinanzen. Das führt uns zum zweiten Punkt.

2. Die Lage der griechischen Wirtschaft

Beginnen wir mit dem Positiven: Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in seinem eben veröffentlichten Weltwirtschaftsausblick mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,6 Prozent in Griechenland im laufenden Jahr. Bis 2016 soll das Wachstum gemäss dieser Einschätzung sogar bis 3,7 Prozent weiter steigen, danach wieder sinken. Genau genommen ist das wenig eindrücklich. Wie die folgende interaktive Grafik basierend auf IWF-Daten zeigt, ist die griechische Wirtschaft seit fünf Jahren am schrumpfen und zwar drastisch.

Die erwarteten Wachstumsraten vermögen diesen Zerfall nicht wettzumachen, das gilt selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Wachstum der griechischen Wirtschaft in den Boomjahren vor der Krise nicht ihrem langfristigen Potenzial entspricht.

Der Zerfall der griechischen Wirtschaft drückt sich schliesslich in den Arbeitslosenquoten aus, deren Entwicklung die folgende Grafik zeigt:

Wie in der obigen Grafik entspricht der Wert für 2014 der jüngsten Schätzung des IWF. Laut Einschätzung des Fonds soll die Arbeitslosenquote bis 2019 auf 14 Prozent sinken, doch selbst dann wäre sie noch immer höher als in jedem Jahr seit mindestens 1980.

Ein schwaches Wachstum und eine hohe Arbeitslosigkeit drücken auf die Tragfähigkeit von Schulden. Den Zusammenhang zwischen den Kosten für die Schulden (dem Zinssatz) und dem Wirtschaftswachstum macht die Schuldenfallenformel deutlich, die ebenfalls  durch die Lage Griechenland veranlasst vor Jahren bereits einmal Thema von NMTM war. Sie zeit, dass auch die mittlerweile deutlich tieferen Zinsen für die Tragbarkeit der Schulden Griechenlands noch immer zu hoch sind. Im Kern ist das so, weil die Kosten der Schulden noch immer stärker steigen als die Einkommen.

Ohne Beachtung der Zinskosten hat es Griechenland immerhin im Jahr 2013 geschafft, im Staatsbudget einen Überschuss von 1,5 Prozent gemessen am BIP zu erzielen. Man spricht hier von einem Primärsaldo. Wie der «Economist» in seiner neusten Ausgabe allerdings festhält, muss dieser Überschuss bis 2016 auf 4,5 Prozent weitersteigen und sich über die ganzen 2020er Jahre auf mindestens 4 Prozent belaufen, damit die Staatsverschuldung auf einen nachhaltigen Pfad gebracht werden kann. Ein solches Ziel wäre für jedes Land mit einer solchen Arbeitslosigkeit und Konjunkturlage sehr schwer zu erreichen – und würde überall die politische Stabilität gefährden. Für Griechenland gilt das aber noch viel mehr.

Die erste der folgenden Grafiken zeigt die Entwicklung der jährlichen Budgetdefizite in Prozent des BIP  seit Mitte der 1990er Jahre, die nächst die Entwicklung der Bruttoschuldenquote seit 1980. Der kleine Rückgang im Jahr 2012 zeigt die Wirkung des Schuldenschnitts bei privaten Gläubigern auf die Verschuldungsquote.

Wie die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrem bahnbrechenden Werk über Finanzkrisen, «Dieses Mal ist alles anders», geschrieben haben, befand sich Griechenland in mehr als der Hälfte aller Jahre seit 1800 im Zustand des Staatsbankrotts.

Dass Griechenland diesmal alle seine Schulden vollständig zurückzahlen kann, glaubt daher eigentlich niemand. Der IWF rechnet mit einem notwendigen Verzicht der Gläubiger von rund 4,5 Prozent gemessen am BIP bis zum Jahr 2016, damit die Bruttoverschuldung Griechenlands bis zum Jahr 2020 den angepeilten Höchstwert von 124 Prozent gemessen am BIP nicht übersteigt. Bedeutend mehr ist notwendig, soll die Verschuldung wie geplant bis zum Jahr 2022 auf 110 Prozent gesenkt werden.

Welche Gründe gibt es dann für Investoren, sich um griechische Staatsanleihen zu reissen und tiefere Zinsen als zuvor zu akzeptieren. Damit sind wir beim letzten Punkt angekommen:

3. Die Motive auf den Kapitalmärkten

Eine knappe und gute Zusammenstellung der Motive zum Kauf von griechischen Staatsanleihen trotz der anhaltend düsteren Aussichten des Landes hat Felix Salmon von Reuters in seinem Blog geliefert:

  • Dass Griechenland seine Schulden dereinst nicht mehr bedienen kann, ist auf den Kapitalmärkten unbestritten. Die entscheidende Frage ist aber, wann das sein wird. Bis zu diesem Zeitpunkt werfen die Anleihen noch immer deutlich höhere Zinsen ab, als sie im anhaltenden Tiefzinsumfeld mit weniger riskanten Investitionen zu verdienen sind.
  • Die griechischen Anleihen verleiten auch zum Kauf, weil sich mit ihnen seit dem Schuldenschnitt im Frühjahr 2012 hohe Kursgewinne realisieren liessen.  Die deutlich gesunkenen Renditen sind gleichbedeutend mit stark gestiegenen Kursen dieser Anleihen.
  • Da die Rendite griechischer Anleihen noch immer deutlich höher liegt, als die anderer Peripherieländer wie Portugal, setzen viele auf weitere Kursgewinne.
  • Viele Investoren rechnen damit, dass ein nächster Schuldenschnitt nicht mehr - wie beim letzten Mal -  private Anleger trifft, sondern den öffentlichen Sektor und damit direkt oder indirekt (über die EZB) die Steuerzahler. Diese Hoffnung beruht darauf, dass der Anteil der privat gehaltenen Anleihen ohnehin nur noch gering ist und deshalb der Schaden eines Schuldenschnitts bei privaten Investoren für die weitere Kreditaufnahme grösser wäre als dessen Nutzen.
  • In Finanzkreisen steigt ausserdem die Erwartung, dass EZB-Chef Mario Draghi zur Stützung der Eurozone wie die US-Notenbank ein so genanntes «Quantitative Easing» starten könnte. Das würde den Aufkauf von Staatsanleihen bedeuten - auch solcher von Griechenland.

Wie auch Salmon schreibt, sind das alles zwar gute Erklärungen für die Käufe der griechischen Anleihen, nicht aber gute Gründe. Wie es scheint, befinden sich die Kapitalmärkte wieder einmal in einer Phase, in der die Risiken generell auf weniger Beachtung stossen als die kurzfristig lockenden Gewinne. Das zeigt sich schliesslich nicht nur am Beispiel der griechischen Staatsanleihen. Anfangs April sind die Renditen fünfjähriger spanischer Staatsanleihen unter jene der USA gefallen, was sich angesichts der sehr viel besseren wirtschaftlichen Lage der USA und der Tatsache, dass die Weltmacht die Weltwährung Dollar selbst drucken kann, in keiner Art und Weise rational begründen lässt.

Wie Peter Rohner in einem Kommentar der «Finanz und Wirtschaft» zu Recht festhält, bezieht sich der «Zinswahnsinn» – wie er es nennt – nicht allein auf Staatsanleihen, sondern auf die gegenwärtige Einstellung der auf den Kapitalmärkten gegenüber allen Risikoanlagen. Selbst Hochrisikoanleihen von Unternehmen (High-Yield-Bonds) werfen bloss noch eine Rendite von 5,5 Prozent ab.

Fazit:

Die deutlich gesunkenen Zinskosten für die Peripherieländer der Eurozone sind nicht Ausdruck für eine entsprechende Lageverbesserung, sondern vielmehr für sich erneut abzeichnende Übertreibungen an den Kapitalmärkten.

 

 

Der grösste Sklavenhändler der Geschichte

Tobias Straumann am Montag, den 14. April 2014
Sklaven Brasilien

Anhänger der afrobrasilianischen Religion Candomblé feiern ein Ritual im Hafenviertel von Rio de Janeiro. Die Landestelle Valongo war das Ziel zahlreicher Sklaventransporte von Afrika nach Brasilien. (Foto: Pilar Olivares/Reuters, 6. Juli 2013)

Die Erforschung des transatlantischen Sklavenhandels gehört zu den wichtigsten Gebieten der Wirtschaftsgeschichte. In bewunderswerter Kärrnerarbeit haben Generationen von Forschern versucht zu rekonstruieren, wer mit welchem Schiff wohin verschleppt worden ist.

Die Daten sind seit einigen Jahren frei verfügbar im Internet. Es ist eine der besten historischen Webseiten, die ich kenne. Sie ist nicht nur unentbehrlich für die Forschung, sondern enthält auch viele Materialien für den Unterricht.

Die Daten sind auch deshalb nützlich, weil sie auf einen Blick das aus Film, Funk und Fernsehen gewonnene Bild der Sklaverei korrigieren. Sehr verbreitet ist nämlich die Ansicht, dass die meisten afrikanischen Sklaven von britischen Schiffen nach Nordamerika geschafft wurden. Das stimmt nicht.

Die folgende Karte zeigt, woher und wohin die meisten afrikanischen Sklaven verschifft wurden: hauptsächlich nach Brasilien und die Karibik, nicht nach Nordamerika.

Map 1: Overview of the slave trade out of Africa, 1500-1900

Die unten stehende Tabelle zeigt, welche Nationen die Sklaven transportiert haben. Die Rangliste veränderte sich über die Jahrhunderte. Aber es ist eindeutig, dass Portugal mit Abstand der grösste Sklavenhändler der Geschichte war. Brasilien war bis anfangs des 19. Jahrhundert eine portugiesische Kolonie, und die portugiesischen Sklavenhändler achteten stets darauf, dass nur sie die Transporte durchführen konnten.Präsentation1

Interessant ist die Tabelle auch in chronologischer Hinsicht. Während Grossbritannien den Sklavenhandels 1807 abschaffte, transportierten Portugal/Brasilien und Spanien zwischen 1800 und 1850 besonders viele Afrikaner über den Atlantik. Brasilien schaffte die Sklaverei erst 1888 ab. Inoffiziell soll sie bis heute nicht ganz verschwunden sein (hier).

Wie die Wirtschaft den Ersten Weltkrieg entschied

Tobias Straumann am Montag, den 7. April 2014
NMTM

Siegertrophäe: Ein deutsches U-Boot wird nach Kriegsende 1918 in London vorgeführt. Foto: Wikipedia

Die Debatte um den Ersten Weltkrieg hat sich bisher auf den Kriegsausbruch konzentriert. Dies ist zweifellos berechtigt. Bis heute beunruhigt uns diese Frage am meisten: Wie konnte es bloss geschehen?

Relevant ist aber auch zu wissen, wie der Krieg entschieden wurde. Hier herrscht in der Forschung weitgehende Übereinstimmung: Ausschlaggebend war nicht die Genialität der Generäle, sondern die wirtschaftliche Stärke der kriegführenden Länder, vor allem nach der Schlacht an der Marne (September 1914), als der deutsche Vormarsch im Westen gestoppt wurde.

  • Die Gruppe der Alliierten war wirtschaftlich eindeutig stärker. Sie umfasste zunächst die Länder Frankreich, Grossbritannien und Russland. 1915 stiess Italien dazu, 1917 die USA. Gleichzeitig schied allerdings Russland 1918 wegen der Russischen Revolution aus.
  • Die Gruppe der Zentralmächte war wirtschaftlich unterlegen. Sie bestand aus Deutschland, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich.

Der Wirtschaftshistoriker Mark Harrison (University of Warwick) hat die Bedeutung der Wirtschaft zu quantifizieren versucht. Bereits bei Kriegsausbruch waren die Alliierten deutlich überlegen, wie die Momentaufnahme vom November 1914 zeigt. Sowohl bevölkerungsmässig wie volkswirtschaftlich zeigten sich beträchtliche Unterschiede (Quelle: The Economics of World War I).

Konkret sah es im November 1914 folgendermassen aus:

  • Die Bevölkerung der alliierten Grossmächte war 2,2-mal grösser als diejenige der Zentralmächte.
  • Wenn man die Kolonien und das Commonwealth dazu zählt, war die Bevölkerung sogar 5,2-mal grösser. Dies war relevant, denn Frankreich und Grossbritannien setzten in grossem Stil Kolonialtruppen in Europa ein.
  • Das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Alliierten war 1,8-mal grösser als dasjenige der Zentralmächte.

Am Ende des Kriegs waren die Unterschiede noch deutlicher. Das BIP der Alliierten war 2,5-mal grösser als dasjenige der Zentralmächte. Der Kriegseintritt der USA im April 1917 hatte den Krieg endgültig entschieden. Die Alliierten blieben also überlegen, obwohl Russland wegen der Oktoberrevolution 1917 bald ausschied und einen Separatfrieden mit Deutschland abschloss.

Die entscheidende Bedeutung der USA in der letzten Kriegsphase wirft die Frage auf, warum Deutschland Anfang 1917 mit dem unbeschränkten U-Boot-Krieg begann. Dies musste zwangsläufig zum Kriegseintritt der USA führen.

Aufschluss über die Gründe gibt eine vertrauliche Unterhaltung, die der österreichische Bankier Felix Somary im Frühsommer 1917 mit General Ludendorff führte (Erinnerungen). Ludendorff war neben General Hindenburg die bestimmende Figur bei der Festlegung der deutschen Kriegsführung. Das Gespräch zeigt, wie ahnungslos Ludendorff war.

Ludendorff: «Was ist das? Seit wann haben wir den Krieg verloren?»

Somary: «Seit dem Eintritt Amerikas.»

Ludendorff: «Blödsinn, das war eine Episode.»

Somary: «Nein, das war die Entscheidung.»

Ludendorff: «Bedeutet denn der kommende Umfall Russlands nicht zehnmal mehr als der Eintritt Amerikas, das erst in Jahren eine wirkliche Armee haben wird?»

Somary: «Nein, an Stelle eines abgekämpften Feindes kommt ein frischer, unbesiegbarer, noch dazu die einzige Nation, die den Frieden hätte vermitteln können.»

Am Schluss des Gesprächs erklärte Ludendorff:

«Übrigens wäre ein verlorener Krieg ganz gesund für unsere Nation. Der ist es seit sechsundvierzig Jahren zu gut gegangen. Das muss anders werden. Aus der Niederlage würde sich Preussen grösser als je erheben, wie bisher immer in seiner Geschichte. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Bekomme ich erst die Ostdivisionen frei, so werfe ich Frankreich so zu Boden, dass es sich nie wieder erheben kann, und dann mögen die Engländer und Amerikaner auf dem Meer herumtanzen, wie sie wollen.»

Die globale Ungleichheit in 10 Charts

Mark Dittli am Freitag, den 4. April 2014
NMTM

Verschärfte Gegensätze: Junge Frauen posieren mit einem Obdachlosen in New York. Foto: Reuters

Das Thema Ungleichheit bewegt die Gemüter. In zahlreichen Ländern floss im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte ein immer grösserer Teil der Einkommen an die obersten Schichten der Bevölkerung.

Mit dem Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty, «Capital in the Twenty-First Century», hat die Diskussion an Dynamik gewonnen. Mein Kollege Markus Diem Meier hat Piketty und sein Werk bereits in diesem äusserst lesenswerten Blogbeitrag eingehend vorgestellt.

Für ein Mal beschränke ich mich in diesem Beitrag auf wenig Worte und lasse einige Grafiken sprechen. Alle stammen aus der faszinierenden World Top Incomes Database, die Piketty zusammen mit seinen Kollegen Emmanuel Saez und Anthony B. Atkinson aufgebaut hat.

Sie haben von 28 Staaten die Einkommensverteilung der Bevölkerung über Zeiträume von teilweise mehr als hundert Jahren erhoben und katalogisiert. Wo immer möglich haben sie dabei auf offizielle Daten der Steuerbehörden zugegriffen.

Beginnen wir mit einem unverdächtigen Beispiel: Schweden.

Die folgende Grafik zeigt den prozentualen Anteil der gesamten Einkommen, den die bestverdienenden 1 Prozent des Landes erhalten (seit 1947):

NMTM_Piketty_Sweden

Aktuell sind es etwas mehr als 7 Prozent. Das heisst, die reichsten 1 Prozent verdienen 7 Prozent der Einkommen in Schweden. In den frühen Achtzigerjahren waren es bloss 4 Prozent.

Jetzt wird's spannender: Italien (Daten seit 1974):

NMTM_Piketty_Italy

Dort absorbieren die bestverdienenden 1 Prozent rund 9,5 Prozent der gesamten Einkommen. Auch in Italien war der niedrigste Wert in den frühen Achtzigerjahren zu verzeichnen.

Nehmen wir mal etwas Exotischeres: Kolumbien (Daten seit 1993):

NMTM_Piketty_Colombia

Dort entfallen mehr als 20 Prozent der Einkommen auf die reichsten 1 Prozent.

Hier der guten Ordnung halber, damit sie nicht beleidigt sind, noch Frankreich (seit 1946):

NMTM_Piketty_France

Insgesamt gesehen eine relativ stabile Entwicklung, mit Extremwerten zwischen 7 Prozent und knapp 10 Prozent der Einkommen, die an die bestverdienenden 1 Prozent gehen.

Ein eindrückliches Bild zeigt Japan (Daten seit 1886):

NMTM_Piketty_Japan

In der Ära vor dem Zweiten Weltkrieg war Japan eine relativ ungleiche Gesellschaft, in der rund 20 Prozent der Einkommen an die reichsten 1 Prozent gingen - analog zu Kolumbien heute.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg herrschten in Japan dagegen schwedische oder französische Verhältnisse, mit einem Anteil zwischen 7 und 10 Prozent, der an die «Top 1%» geht.

So, und jetzt kommen wir zur Schweiz (Daten seit 1933):

NMTM_Piketty_CH

Aktuell verdienen die «Top 1%» etwas mehr als 10 Prozent der gesamten Einkommen in der Schweiz, was deutlich mehr ist als in Frankreich oder Schweden. Das Band verläuft allerdings recht stabil; in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren gingen rund 8,5 Prozent an die reichsten 1 Prozent.

Die nächste Grafik zeigt den Anteil der Einkommen in der Schweiz, der an die bestverdienenden 10 Prozent geht:

NMTM_Piketty_CH2

Ihr Anteil ist seit den frühen Neunzigerjahren von unter 30 Prozent auf aktuell etwas über 33 Prozent gestiegen.

Erhellend ist die Betrachtung des Einkommensanteils in der Schweiz, der an die bestverdienenden 0,1 Prozent des Landes geht:

NMTM_Piketty_CH3

Dieser Wert ist seit den frühen Neunzigerjahren signifikant angestiegen und beträgt gegenwärtig gut 4 Prozent. Mit anderen Worten: Die 8000 bestverdienenden Personen in der Schweiz absorbieren mehr als 4 Prozent der gesamten Einkommen im Land.

Und nun kommen wir zu den USA.

Die folgende Grafik zeigt wiederum den Einkommensanteil der bestverdienenden 1 Prozent der Vereinigten Staaten (seit 1913):

NMTM_Piketty_USA

Die rote Kurve zeigt den Einkommensanteil der «Top 1%». Die blaue Kurve zeigt den Einkommensanteil dieser Gruppe inklusive Kapitalgewinne.

Von allen gezeigten Ländern hat sich in den USA in den letzten drei Jahrzehnten die eindrücklichste Entwicklung abgespielt: Seit den frühen Achtzigerjahren ist der Einkommensanteil, der an die bestverdienenden 1 Prozent der Bevölkerung geht, von 8 Prozent auf aktuell fast 20 Prozent angestiegen. Werden die Kapitalgewinne einbezogen, beträgt der Anteil gut 22 Prozent.

Das ist ein Mass an Ungleichheit, wie es sonst nur in Staaten wie Kolumbien zu beobachten ist und entspricht dem höchsten Wert seit Ende der «Roaring Twenties», kurz bevor die Grosse Depression ausbrach.

Und hier der schönste Chart:

NMTM_Piketty_USA2

Er zeigt den Einkommensanteil, der in den USA an die bestverdienenden 0,1 Prozent der Bevölkerung geht (blau wiederum mit Kapitalgewinnen). Der Wert hat sich seit den späten Siebzigerjahren mehr als vervierfacht, von unter 2 auf knapp 9 Prozent, respektive gut 11 Prozent mit Kapitalgewinnen.

Die 314'000 bestverdienenden Amerikanerinnen und Amerikaner erhalten mehr als 9 Prozent der gesamten Einkommen im Land.

Food for Thought.

Hier noch ein Thema in eigener Sache: In diesem und diesem Blogbeitrag haben wir bereits auf die wachsende Kreditblase in China hingewiesen. Michael Pettis, Finanzprofessor an der Universität Peking, erklärt in diesem ausgedehnten Interview, das meine Kollegin Elisabeth Tester mit ihm geführt hat, wie es um Chinas Wirtschaft steht und wo die Gefahren lauern.

Und hier noch eine Frage aus unserer «Chart des Tages»-Reihe: Welches ist die bislang heftigste Aktienbaisse (einer namhaften Börse) aller Zeiten? Hier die Antwort.

Die Wachstumsdebatte ist zuweilen absurd

Markus Diem Meier am Mittwoch, den 2. April 2014
NMTM

Wie viel ist genug? Kundin mit Einkauf in einem Shoppingcenter in den USA. Foto: Keystone

Über Sinn und Unsinn von Wirtschaftswachstum wird heftig gestritten. Leider streitet man dabei gewöhnlich nicht über das Gleiche. Der Versuch einer Begriffsklärung.

Die Ausrichtung auf das Wachstum richte immer mehr Schaden an, so meinen Einige. Ein Ende des Wachstums erscheint in dieser Sichtweise als Befreiung. Der «Spiegel» fasst dieses Denken im Untertitel der aktuellen Titelgeschichte zum Thema treffend zusammen: «Weniger haben, glücklicher leben». Selbst Initiativen wie jene zur Masseneinwanderung oder Ecopop werden mit der Sorge vor zuviel Wachstum erklärt.

Und dann gibt es die andere Seite – jene der Ökonomen. Schaut man sich dort die aktuellen Debatten an, dominiert exakt die umgekehrte Sorge: Das Wachstum könnte in Zukunft deutlich geringer ausfallen als bisher und sogar gegen Null tendieren.

Grund genug für eine Klärung, worum es beim Wirtschaftswachstum geht:

  • Zu allererst gilt es zwischen den zwei unterschiedlichen Treibern  zu unterscheiden: Dem Bevölkerungswachstum und dem Wachstum der Produktivität. Bei letzterer steht die Leistungsfähigkeit der Arbeit (zum Beispiel dem Output pro Arbeitsstunde) im Vordergrund. Die Produktivität hängt in erster Linie vom Stand der technologischen Entwicklung ab.
  • Wenn Ökonomen vom Vorteil des Wachstums sprechen, meinen sie in der Regel jenes pro Kopf, das (langfristig) nur vom Produktivitätswachstum abhängt. Wächst die Bevölkerung stärker als die Produktivität, verschlechtert sich die Lage der Menschen, denn dann verteilt sich das Erwirtschaftete im Durchschnitt auf mehr Köpfe. Auf die Verteilung kommen wir noch zu sprechen.
  • Ein Bevölkerungswachstum ohne Produktivitätswachstum entspricht dem düsteren Szenario von Thomas Malthus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Seine Diagnose von sich stetig wiederholenden Hungersnöten hat die Zeit vor ihm richtig beschrieben und sie wäre wohl auch für die Zukunft zutreffend gewesen, wäre da nicht dieses gigantische Wachstum der Produktivität seither eingetreten, das selbst die Bevölkerungsexplosion seit seiner Zeit noch übertrumpft hat. Die folgenden zwei Grafiken vermitteln einen Eindruck davon:

gdp per head

Die Grafik zeigt die geschätzten jährlichen Wachstumsraten pro Kopf seit dem Jahr 0. Man beachte: Auch sinkende, aber verbleibende hohe Wachstumsraten bedeuten einen weiter steigenden, wenn eben weniger stark steigenden, Output pro Kopf. Das heisst, diese Wachstumsraten sind schon um das Bevölkerungswachstum korrigiert und dieses war selbst gewaltig:

Bevoelkerung

Die zweite Grafik zeigt die geschätzten Wachstumsraten der Weltbevölkerung seit dem Jahr 0. Auch hier gilt natürlich, dass abnehmende Wachstumsraten einer weiteren, wenn auch geringeren Zunahme entsprechen. Die Grafik stammt aus dem Buch von Thomas Piketty. die Wachstumsraten der Jahre bis 2100 entsprechen in beiden Grafiken seiner Prognose.

  • Damit sollte schon klar geworden sein, dass ein ausbleibendes Wachstum im Sinne eines stillstehenden Produktivitätswachstum wohl kaum jemand wünschen kann. Schon gar nicht, so lange die Bevölkerung weiter wächst.
  • Wenn schliesslich das tatsächliche Wachstum der Produktion geringer ausfällt als das Wachstum der Bevölkerung und der Produktivität, bedeutet das, dass die bereitgestellten Güter und Dienstleistungen nicht abgesetzt werden können. Die Folge ist eine steigende Arbeitslosigkeit und man spricht von einer Rezession oder sogar Depression. Auch kaum ein Nullwachstum, das wünschenswert ist.
  • Die aktuelle Spiegel-Titelgeschichte verweist auf einen zentralen Punkt der aktuellen Wachstumkritik - jener am Konsumwahn. Hauptfigur ist ein Sebastian Knüpers, der einen Grossteil seines Krempels entsorgt und sich dann befreit fühlt. Mehrkonsum ist aber keine zwingende Folge von Wirtschaftswachstum. Die erhöhte Produktivität schafft nur mehr Möglichkeiten. Es hängt von den gesellschaftlichen oder politischen Umständen und/oder den Präferenzen einer Bevölkerung ab, wie sie genutzt werden: Ob zum Beispiel für Waffen, Konsum oder für mehr Freizeit.
  • Anders gesagt ist die Möglichkeit, auch mit weniger Konsum leben zu können, gerade das Ergebnis des Wirtschaftswachstums und damit Ausdruck eines historisch und im internationalen Quervergleich gesehen sehr hohen Lebensstandards. Dasselbe gilt für die Möglichkeit, auch mit weniger Arbeit den Lebensunterhalt bestreiten zu können.
  • Gemessen wird das Wachstum in der Regel über das Bruttoinlandprodukt BIP. Diese Messmethode ist Grund für einen grossen Teil der Wachstumskritik. Weil hier hauptsächlich nur über Märkte handelbare Güter und Dienste erfasst werden, bleibt ein wichtiger Teil der Vorteile des Produktivitätswachstums unberücksichtigt, wie etwa jener von mehr Freizeit sowie alle Tätigkeiten ausserhalb messbarer Märkte - vor allem die unentgeldlichen Beschäftigungen, der private Tausch und die Schwarzmärkte. Die BIP-Messung führt daher zuweilen zur absurden Überhöhung der Bedeutung dieser unbefriedigenden statistischen Grösse - als Zielgrösse für die einen, als Grund für die generelle Wachstumskritik für die anderen.
  • Ein weiterer zentraler Punkt der Wachstumskritik ist der Umstand, dass damit in vielen Fällen eine Schädigung der Umwelt einher geht. Wenn eine steigende Produktivität durch eine irreparable Schädigung von Umweltkapital erreicht wird, ist ein solches Wachstum nicht nachhaltig und erfordert politische Gegenmassnahmen. Aber auch das ist kein Argument gegen Wachstum per se: Innovationen können auch neue und bessere Möglichkeiten für ein umweltgerechtes Wirtschaften Schaffen.
  • Nochmals zurück zur Spiegel-Hauptfigur Knüpers: Als Job arbeitet der Konsumentsager für sein eigenes Internet Startup an einer App, die Nutzern nützliche Informationen vermittelt. Noch vor wenigen Jahren war weder ein solcher Job, noch eine Nachfrage nach seinem Produkt denkbar. Der technologische Fortschritt hinter dem Produktivitätswachstum pflügt laufend die Berufswelt, die entsprechenden Anforderungen und auch die Lebensumstände um. Das schafft zwar neue Möglichkeiten aber auch einen erheblichen Anpassungsstress. Alleine hier dürfte eine wesentliche Ursache der Wachstumskritik zu suchen sein. Dieser Stress ist reael und erfordert politische Antworten.
  • Phasen starken Wachstums im Nachgang von technologischen Innovationen sind oft von einer steigenden Einkommensungleich begleitet, weil jene, von denen die Innovationen ausgehen oder die über die Rechte darüber verügen, zumindest anfänglich eine aussergewöhnliche Machtposition erhalten oder weil sie über noch wenig gestreute Fähigkeiten verfügen, um die Innovationen zu implementieren. So lange aber über die Zeit die Wirtschaft stärker wächst als die Kapitaleinkommen, nimmt die Bedeutung von hergebrachten Besitzständen und der Verfügung über Kapital im Vergleich zur Gesamtwirtschaft ab. Das ist das Thema von Thomas Piketty in seinem neuen Buch und damit auch des letzten Blogbeitrags.

Fazit:

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Fehlentwicklungen, Risiken und Anpassungsprobleme in der Folge von Wachstum müssen ernst genommen und angegangen werden. Aber das Wachstum der Produktivität - im Kern das Wirtschaftswachstum - verhindern zu wollen, wäre absurd. Es würde Niemandem nützen, keine Probleme lösen und neue schaffen. Das wäre ähnlich unsinnig, wie das Geld abschaffen zu wollen. Aber das ist Thema für ein andermal.

Thomas Piketty stellt die Fundamentalfrage

Markus Diem Meier am Mittwoch, den 26. März 2014
French economist Thomas Piketty works in his office in Paris

Sorgt mit seinem Buch in der Ökonomengilde weltweit für Aufsehen: Thomas Piketty (Bild: Reuters)

Der französische Ökonom hat einen Wälzer verfasst, in dem er den Kern der kapitalistischen Entwicklung untersucht und er warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft.

«Capital in the Twenty-First Century» heisst das 640-Seiten Werk. Die eben erschienene englische Ausgabe ist bei Amazon bereits Nummer eins unter den Wirtschaftsbüchern und unter den Wirtschaftsblogs wird das Werk weltweit bereits intensiv debattiert. Die französische Ausgabe ist zwar schon seit dem letzten Jahr vorhanden – aber wer liest schon französisch? Ökonomen schon gar nicht, ausser den französischen.

Pikettys Grundthema ist das der wachsenden Ungleichheit. Allerdings geht er es sehr viel umfassender an, als es gewöhnliche ökonomische Schriften der jüngsten Zeit tun. Es geht ihm nicht darum, ob einige mehr haben oder mehr verdienen als andere. Es geht ihm um einen möglichen tiefgreifenden ökonomischen Prozess, der die gesellschaftlichen Verhältnisse fundamental umkrempeln könnte. In diesem Zusammenhang greift er Fragen auf, die bereits intensiv debattiert werden:

  • Gehen wir in Richtung einer Gesellschaft, in der eine kleine Schicht sehr mächtiger und sehr reicher Leute alle wesentlichen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Bereiche durch finanzielle, wirtschaftliche und politische Macht dominiert und die eigene Macht auch über weitere Generationen hinweg erhalten kann?
  • Ist die Zeit der grossen Produktivitätsschübe vorbei und wird daher das Wirtschaftswachstum deutlich geringer ausfallen als bisher?
  • Werden die Möglichkeiten für die Mehrzahl der Menschen in in Bezug auf viele wichtige Dimension abnehmen: Etwa in Bezug auf politische Mitbestimmung, auf berufliche Entfaltungsmöglichkeiten, auf soziale Mobilität, auf die Wahl des Wohnorts und die Chancen für den eigenen Nachwuchs.

Solche Sorgen drücken sich bereits in einer Reihe von Büchern und Aufsätzen aus, die schon jetzt weltweit grossen Anklang finden, etwa im Werk von Robert Gordon zum Ende der grossen Produktivitätsfortschritte, im Werk von Erik Brynjolfsson zur gegenteiligen Ansicht über die grossen Änderungen, zu den denen die neuen Technologien führen, im Werk von Tyler Cowen zur scharfen Spaltung der Gesellschaft, zu der diese Entwicklungen führen sollen oder in den Debatten zu einer «Secular Stagnation» wie sie Larry Summers aufgebracht hat.

Wie Piketty festhält, war die Ungleichheit des Reichtums und der Entwicklungschancen das grosse Thema der klassischen Ökonomen Thomas Malthus, David Ricardo und Karl Marx, von denen jeder argumentiert hat, dass die wirtschaftliche Entwicklung letztlich die gesellschaftlichen Gegensätze verschärfen müsse – auch wenn sie sich in ihrer Analyse deutlich unterschieden haben: Bei Malthus war die ständige Tendenz zu Überbevölkerung der Grund für die Chancenlosigkeit der Massen. Bei Ricardo war es die Knappheit des Bodens und dessen steigender relativer Wert, die den Landbesitzern Dominanz ermöglichen werde und bei Marx war es schliesslich der Klassengegensatz zwischen Arbeitern und Kapitalisten.

Die Prognosen erwiesen sich alle vor allem aus einem Grund als falsch: die klassischen Ökonomen haben den technologischen Wandel unterschätzt, der letztlich allen Schichten eine deutliche Wohlstandszunahme beschert hat und - wie Piketty schreibt - ein Gegengewicht zum Prozess der Reichtums-, bzw. Kapitalkonzentration bildete. Innovationen haben eine schöpferische Zerstörung zur Folge, wie Joseph Schumpeter gelehrt hat: Sie verdrängen hergebrachte Produkte, Prozesse und die mit ihnen verbundenen Pfründen.

Vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die Ungleichheit auf ein Tiefstmass. Das führte Simon Kuznets, der zuerst im grossen Ausmass Daten zum Thema gesammelt hat, zur Schlussfolgerung, dass eine stark steigende Ungleichheit die Folge der kapitalistischen Frühentwicklung ist, die sich aber in einem fortgeschrittenen Stadium durch Konkurrenz, Innovationen und freie Märkte wieder zurückbildet. Die Folgerung daraus: Herrscht in einem Land noch hohe Ungleichheit, ist das nur ein vorübergehendes Problem, solange die Politik die wirtschaftliche Entwicklung nicht behindert.

Die Prognose-Irrtümer der klassischen Ökonomen rechtfertigen allerdings für Thomas Piketty  nicht, dass ihr Thema innerhalb der Ökonomie an Bedeutung verloren hat, bzw. nur noch in rein theoretischen und oft ideologisch untermalten Debatten abgehandelt wird. Für den Ökonomen gibt es keinen Grund für die Annahme, dass auf freien Märkten über die Dauer eine automatische Entwicklung zu mehr Ausgewogenheit stattfindet, wie es Kuznets angenommen hat.  O-Ton Piketty:

«The economists of the nineteenth century deserve immense credit for placing the distributional question at the heart of economic analysis and for seeking to study long term trends. Their answers were not always satisfactory, but at least they were asking the right questions. There is no fundamental reason why we should believe that growth is automatically balanced... For far too long, economists have neglected the distribution of wealth, partly because of Kuznets's opimistic conclusions and partly because of the profession's undue enthusiasm for simplistic mathematical models...»

Die Skepsis Pikettys gegenüber dem üblichen Zugang der Ökonomen zum Thema Ungleichheit  hat ihn veranlasst, sich wie schon Kuzsets (und auf seiner Forschung aufbauend) sehr intensiv mit Daten zur ökonomischen Verteilung auseinanderzusetzen. Zusammen mit dem Ökonomen-Kollegen Emmanuel Saez hat er eine umfangreiche Statistik dazu begründet. Für dieses Werk war er bisher in der Ökonomenzunft vor allem bekannt. Hier zum Beispiel ein umfangreiche Excel-File zur Entwicklung der Ungleichheit in den USA.

Piketty sieht im wesentlichen zwei Treiber für die wachsende Ungleichheit in vielen Ländern. Sie werden durch die folgenden beiden Grafiken aus der Einleitung seines Buches verdeutlicht.

Grafik IGrafik IIDie erste Grafik zeigt am Beispiel der USA den Einkommensanteil der reichsten 10 Prozent in den 100 Jahren zwischen 1910 und 2010. Die Einkommensunterschiede werden von Ökonomen oft mit der Nachfrage nach besonderen Fähigkeiten in Zeiten eines starken technologischen Wandels erklärt («Skill biased technological change»). Piketty hält dagegen die Erklärung für besser mit den Daten vereinbar, dass die Entwicklung vor allem den Einfluss von Topmanagern zeigt, die ihre Macht dafür nutzen, sich selbst hohe Einkommen zuzuschanzen, ohne dass das mit einer messbaren Produktivität von ihrer Seite erklärt werden könnte. Obwohl diese Ursache von Ungleichheit vor allem die öffentliche Debatte bestimmt und im Buch behandelt wird, hält sie Piketty nicht für die wichtigste.

Problematischer ist für ihn eine Ungleichheit, die bestehende Vermögensverhältnisse und dadurch auch gesellschaftliche Macht- und Chancenverhältnisse zementiert. Und deshalb setzt er beim Kapital an, dass er mit dem Vermögensbestand gleich setzt, dabei aber an Personen gebundene Kapitalbegriffe wie «Humankapital» ausschliesst. Die zweite Grafik zeigt am Beispiel von europäischer Staaten das Verhältnis des Kapitalbestands zum jährlichen Gesamteinkommen. Ein Wert bei 700 Prozent bedeutet daher, dass in diesem Jahr der Kapitalbestand dem Siebenfachen des Gesamteinkommens in diesem Jahr entsprochen hat.

Die Ungleichheit dieser Art erhöht sich immer dann automatisch und die Besitzverhältnisse zementieren sich, wenn sämtliche Einkommen aus dem Kapital -  (ob sie nun als Zins, Profite, Renten, Dividenden, Kapitalgewinne usw. bezeichnet werden) prozentual stärker zunehmen als das Wachstum der Gesamtwirtschaft. Piketty fasst das in der  Formel r > g zusammen. r steht für die Kapitaleinkünfte und g für das Wirtschaftswachstum und damitr jenes der Gesamteinkommen. Laut Piketty war r bis zum 19. Jahrhundert in der Geschichte tatsächlich meist grösser als g und wird es seiner Ansicht nach auch im 21. Jahrhundert bleiben. Die grössere Gleichheit in dieser Beziehung im 20. Jahrhundert bis nach dessen Mitte erklärt sich Piketty mit den grossen politischen Umwälzungen, den Weltkriegen und den schweren Wirtschaftskrisen dieser Zeit, die den hergebrachten Vermögen deutlich zugesetzt haben.

Diese These ist selbstverständlich angreifbar und angesichts der zwingenden Ungewissheit über die zukünftige Entwicklung kann sie trotz all der zusammengetragenen Daten weder belegt noch verworfen werden. Auch Piketty selbst warnt in seinem Buch eindrücklich und mehrmals vor Prognosen in Bezug auf die Entwicklung der Ungleichheit, dafür würden nicht abschätzbare politische Entwicklungen eine viel zu grosse Rolle spielen. Er versteht sein Buch daher in erster Linie als Warnung vor einer gefährlichen Entwicklung und vor dem Fehlschluss, Automatismen in der wirtschaftlichen Entwicklung würden früher oder später automatisch zu Gegenbewegungen eines solchen Auseinanderdriftens in den Vermögensverhältnissen führen.

Meinem Eindruck nach ist sein Mammutwerk die wohl bisher beste Auseinandersetzung mit dem Thema, nicht zuletzt auch wegen dem reichen Schatz an Daten. Dabei ist es nicht nötig, dass man jeder Schlussfolgerung von Piketty zustimmt. Das Buch wird kaum das letzte Mal in diesem Blog thematisiert.

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