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Maracanã – der letzte Stadionkadaver

Guido Tognoni am Donnerstag den 2. März 2017

Der Platzwart machte sich vom Acker: Aktuelle Luftaufnahme des Maracanã in Rio de Janeiro. Fotos: Nacho Doce (Reuters)

Maracanã. Allein schon der Name des Stadions vergeht auf der Zunge. Maracanã stand Jahrzehnte als Bühne für den klassischen brasilianischen Fussball, den Journalisten als Samba-Fussball bezeichnen, für grosse Siege und auch für noch grössere Niederlagen, verlor doch Brasilien 1950 im Maracanã das WM-Endspiel gegen Uruguay 1:2. Jenes Trauma wird wohl nur noch vom monumentalen 1:7-Debakel gegen Deutschland in den Halbfinals der WM-Endrunde 2014 überhöht. Diese Niederlage verhinderte den Einzug ins Maracanã, wo an Stelle der schlaffen Samba-Truppe Deutschland und Argentinien um den Titel kämpften. Zwei Jahre später holten sich die Brasilianer an gleicher Stelle wenigstens olympisches Gold.

Nehmen Sie Platz – wenn Sie einen Sitz finden.

Seither geht es mit dem Maracanã nur noch bergab. Innerhalb weniger Monate verlotterte das Stadion derart, dass nicht einmal mehr Führungen gemacht werden konnten. Heute kann man erkennen, wie schnell ein Stadion zu einem Abbruchobjekt wird, wenn man es nicht pflegt und in der Krise das Geld nicht einmal mehr ausreicht, um die Stromrechnungen zu bezahlen.

Das Maracanã spiegelt den Niedergang des modernen Brasilien, ein ökonomisch und administrativ kaputter Staat, der sich an Fussball-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, den beiden grössten Sportveranstaltungen unserer Zeit, mit Milliardeninvestitionen übernommen hat.

Bilder des Jammers

Das Maracanã-Stadion steht aber auch für überrissene Ansprüche, die der Sport bei Grossveranstaltungen immer wieder stellt und die nur deshalb erfüllt werden, weil die Politiker für diese vielfach absurden Anlagen niemals einen Cent aus eigener Tasche zahlen müssen, von der Korruption erst gar nicht zu reden. Es gibt allerdings keinen Grund, nun mit Schadenfreude nach Rio de Janeiro oder andere Städte Brasiliens zu blicken, wo Milliardenprojekte vergammeln.

Sportruine mit und ohne Smog: Das Nationalstadion in Peking, entworfen von Herzog & de Meuron. Fotos: Reuters

Die vor sich hin faulenden Sportanlagen der Olympischen Spiele in Athen 2004 sind Bilder des Jammers, das einstmals berühmte «Vogelnest» in Peking ist eine Sportruine, und die Fussball-WM-Endrunde in Südafrika forderte mehrere sinnlose, überdimensionierte Stadionbauten.

Soziale Verantwortung?

Dasselbe geschah für diverse Euro-Turniere, jenes von 2008 in der Schweiz und Österreich nicht ausgenommen. Klagenfurt leidet seit Jahren unter einem zu grossen Stadion, die Stadt Genf ebenso, und der panikartig für die Euro durchgepeitschte neue Letzigrund freut nur die Leser von Architekturbüchern.

Unsere Kathedralen stehen unbeschadet 500 Jahre, die Stadien kaum einmal deren 50, einige Protzbauten nicht einmal 10 Jahre. Irgendetwas stimmt da nicht. Die Sportverbände pflegen sich regelmässig ihrer sozialen Verantwortung zu rühmen. Die rund um den Globus liegenden Sportstättenkadaver bezeugen leider das Gegenteil.

Es war einmal ein Beachvolleyball-Stadion, damals, 2004 in Athen. Foto: Yorgos Karahalis (Reuters)

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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9 Kommentare zu “Maracanã – der letzte Stadionkadaver”

  1. Markus Rotkopf sagt:

    Die Bildstrecke vom ‘vergammelten’ Maracanã wurde in den letzten Wochen so ziemlich durch alle Schweizer und internationalen Medien geschleift. Ein Fotograf hat hier wohl ein super Geschäft gemacht, es ist ihm zu gönnen.

    Trotzdem finde ich es falsch. Ja, der Rasen sieht nicht schön aus, aber das ist nun mal so wenn man ihn nicht pflegt, und wäre wohl in wenigen Wochen zu beheben sobald das Stadion wieder gebraucht wird. Ja, ein paar Sitze fehlen oder sind defekt, aber 95% sind noch da. Vielleicht waren sie dafür nur halb so teuer. Ja, es liegt etwas Abfall herum, der kann aber problemlos eingesammelt werden,

    Ja, in der Schweiz muss alles perfekt sein, selbst wenn nicht in Gebrauch.

  2. Enzler Paul sagt:

    Ich hoffe, es wird nicht alles so schlimm sein wie dargestellt, letztes Spiel war ende Nov.2016 im Maraca.
    Momentan arbeiten 150 Leute vom Fussballclub Flamengo Rio daran das Stadion so herzurichten damit am 8.3.2017
    ein Spiel der Taca Libertadores im Maraca stattfinden kann.
    Lassen wir uns überraschen.

    • Andras sagt:

      Ich war gestern im Stadion, um das Spiel zu sehen. Und ich hatte den Eindruck, das Bild der “Bruchbude” scheint doch reichlich überzeichnet. Mir kam das Stadion ordentlich in Schuss vor. Wie der Rasen war, ob er womöglich nur gefärbt wurde, konnte ich nicht erkennen. Er sah jedoch vom nächstmöglichen Tribünenplatz lange nicht so schlecht aus, wie es vor einigen Tagen um die Welt ging. Habe den Eindruck, da wurde doch sehr übertrieben. Schlimm ist, dass dieses herrliche Stadion zum Spielball politischer Interessen verkommen ist. Das ist echt ein Jammer.

  3. Marcel Senn sagt:

    Habe vorletztes Jahr den inzwischen verstorbenen Alcides Ghiggia nochmals getroffen, der mir ein paar Unterschriften auf Originaldokumente der WM 1950 gab und von seinem Jahrhundertspiel und seinem Goal damals im Maracanã erzählte, welches das Stadion zu einem Schweigen brachte, wie das gemäss seinem bekannt gewordenen Spruch nachher nur noch Frank Sinatra und dem Papst gelungen ist und vielleicht auch einen Fluch über die grösste Salatschüssel der Welt brachte

    Auf älteren Postkarten wir es als *Estadio Municipal do Maracanã” bezeichnet wird, wenn man es jetzt so anschaut, macht es wirklich den Eindruck, als sei es irgendein Provinzacker – traurig!

  4. Karl Müller sagt:

    Ich mag Guido Tognoni. Ist mir irgendwie sympathisch. Habe ihn mal im TV in einer Sendung als es um die FIFA mit Sepp Blatter ging gesehen. Auch dieser Artikel finde ich bestens. Was ich jedoch übertrieben finde ist, dass Maracanã als “Kadaver” hinzustellen. Nur weil dort nun paar Sitze fehlen, der Rasen nicht mit dem letzten dl gewässert wird, ist es noch lange keine Ruine. Vielleicht sollte man beachten, dass solche Grossevents vor allem von Momenten leben. Die Schweiz mit Brasilien zu vergleichen..ich weiss nicht..hier ticken die Leute anders. Hier muss jeder Sitz 365 Tage im Jahr glänzen, auch wenn es nur der Tourist sieht. Brasilien ist anders. Dieses Geld kann anders gebraucht…

  5. Paul Müller sagt:

    Klagenfurt mag stimmen, das Stade de Geneve feierte aber bereits im März 2003 Eröffnung – die EURO wurde erst im Dezember 2002 in die Schweiz/nach Österreich vergeben.
    Das fehlkonstruierte und für das heutige Servette viel zu grosse Stadion wäre also mutmasslich auch ohne EURO entstanden, zumal Servette um die Jahrtausendwende ja durchaus noch ein Spitzenclub war (Meister 99, Cupsieger 01).

  6. Marco Affolter sagt:

    Ich war vor etwa 15 Jahren im Maracanà und erinnere mich noch an die Openair-Panorama-Toilette. Will heissen: keiner ging zu offiziellen Toilette. Das Geschäft wurde in Reih und “Glied” ganz oben im Gang direkt an der Stadionmauer, mit Panorama-Sicht verrichtet :-)!

  7. Matthias Gratwohl sagt:

    Es wäre vernünftig und ökologisch viel besser, wenn die WM und die Olympischen Spiele nur noch in Ländern / Regionen ausgetragen werden, wo bereits sämtliche Sportarenen bestehen, so dass keine neu gebaut werden müssen. Das kann meinetwegen sogar dahin gehen, dass immer wieder die gleichen Länder / Regionen zum Handkuss kommen. So können die völlig aufgeblähten Bewerbungs-Dossiers mit ständig neuen Sportstätten auf sinnvoll unterhaltene Sportstätten reduziert werden.

  8. Marcello Märki sagt:

    Gebe Ihnen in allem recht, ausser: “und der panikartig für die Euro durchgepeitschte neue Letzigrund freut nur die Leser von Architekturbüchern.”
    Reden Sie mal mit uns FCZ Fans, viele von uns lieben den Letzi. Sie warden uns im C, D oder A finden. Der Letzi war schon immer ein Stadion mit Leichtathletikbahn. Wir hatten noch nie ein reines Fussballstadion. Und im Hardturm zu spielen ist definitiv kein Option

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