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«Ich bin schwul!»

Christian Andiel am Donnerstag den 1. September 2016

Das wird die Beste aller bisherigen Bundesliga-Saisons. Nicht weil doch Dortmund Meister wird, nicht weil Köln mit einem ganz neuen, revolutionären Spielsystem endlich wieder in den Europacup kommt, auch nicht, weil die roten Bullen aus Leipzig gleich wieder absteigen. Nein, die Saison wird deshalb so wichtig und zukunftsweisend, weil sich erstmals ein aktiver Bundesliga-Promi als schwul outet. Dass dies einmal passieren wird, war immer klar. Nur, wann, das ist die Frage. Marcus Wiebusch, Frontmann von Kettcar, hat auf seinem Soloalbum einen tollen Song dazu geschrieben und ein starkes Video gedreht.


Der Song und das Video zum Thema: Marcus Wiebusch, «Der Tag wird kommen!». Quelle: Grand Hotel van Cleef/Youtube

Thomas Hitzlspergers Bekenntnis war der letzte vorletzte Schritt. 2014 äusserte sich der ehemalige Nationalspieler zu seiner Homosexualität. In seinem sehr lesenswerten Interview mit der «Zeit» wird auch klar, warum er damit bis nach der Karriere wartete. Von «Soziopathen» war da die Rede, davon, dass Homosexualität im Fussball «schlicht ignoriert wird. In England, Deutschland oder Italien ist das kein ernsthaftes Thema, nicht in der Kabine jedenfalls.» Von Schwulen-Witzen unter Fussballern, Gruppenzwang, vom langwierigen und schwierigen Prozess.

Aber jetzt ist es soweit. Während der aktuellen Saison wird ein prominenter Spieler oder Trainer den Mut haben, dieses Thema ein für allemal zu erledigen und zu sagen: «Ich bin schwul!» Ich werde jetzt hier den Teufel tun und mit Namen spekulieren, wer es sein könnte. Genau diese Mutmassungen sind nämlich schon ein Grund, warum viele Menschen so grosse Probleme haben, sich zu outen. Getuschel, schiefe Blicke, blöde Sprüche. Da wird einem immer wieder klar, wie wichtig die «richtige» sexuelle Orientierung für viele andere ist – und natürlich wissen nur genau diese Leute, was «richtig» ist.

Wie reagieren die Fans?

Gut deshalb, dass jetzt einer dieses Tabu bricht. Und gespannt dürfen wir sein, wie die Fans reagieren. Sie, die sich doch so gerne als die Wahrer des Fussballs sehen. Passen Homosexuelle ins Weltbild der diversen «Fronten» und anderen gewaltbereiten Gruppierungen? Und wehren sich die übrigen Fans dann für die mutige Minderheit, oder machen es die meisten, wie sie es sonst auch handhaben: Ein bisschen mitlaufen, ein bisschen mitgrölen, ein bisschen mitmischen, es aber doch irgendwie gar nicht so meinen, wenns dann wirklich mal aus dem Ruder läuft?

Wie auch immer: Es wird eine grandiose Saison. Wegen eines kurzen Satzes, der nur diejenigen stört, die eh nichts in der Birne haben und vor lauter Hass nicht wissen, wohin mit sich. «Ich bin schwul.» Klingt so einfach – und ist im Fussball immer noch so schwierig.

Fussball ist alles - auch schwul! (Getty Images)

Und der Tag wird kommen: Denn Fussball ist alles – auch schwul! (Getty Images)

Christian Andiel

Christian Andiel

In Bayern aufgewachsen, ziemlich heftig mit dem 1. FC Köln verbandelt – und träumen darf man ja von Europa und Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

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17 Kommentare zu “«Ich bin schwul!»”

  1. Röschu sagt:

    Kleine Anmerkung zum Song von Marcus Wiebusch:
    Es ist durchaus ironisch, dass im Liedtext eines Songs, der für Toleranz wirbt, Menschen mit anderer Meinung als die “Dümmsten der Dummen” und “homophobe Vollidioten” bezeichnet werden.

    Wie immer gilt: es ist einfach tolerant zu sein, solange die eigene Meinung geteilt wird.

    • Walter Eggenberger sagt:

      Sorry, dieser Umkehrschluss funktioniert schlicht und einfach nicht. Wie Rassismus darf auch Homophobie nicht unter der Flagge der Meinungsfreiheit segeln. Jemanden aufgrund seiner Sexualität auszugrenzen, zu mobben, zu schikanieren, zu beschimpfen, auszulachen und dergleichen hat nichts mit einer “Meinung” zu tun sondern einzig und allein mit Ignoranz. Toleranz bedeutet nicht, dass man den Intoleranten die Türe öffnen muss.

  2. erich burri sagt:

    Denke in zwanzig Jahren wird dies wirklich kein Thema mehr sein auch aus dem Grund weil immer mehr Menschen sich gar nicht als schwul oder hetero verstehen sondern es sehr viele Zwischentöne gibt.
    Bin selber 45 und habe früher in der damaligen NLB Fussball gespielt. Es war für mich unmöglich mich so zu geben wie ich es gerne getan hätte, musste michziemlich verstellen vorallem bei Mannschaftsessen oder Trainingslagern war es sehr mühsam.
    Einige Jahre nach meiner aktiven Fussballzeit habe ich dann an einem Schwulenstrand in Südamerika einen anderen Exfussballer getroffen, der nahm es ein wenig lockerer und hat mir von ca zehn anderen erzählt die auch schwul seien, inklusive einem…

  3. Anita H. sagt:

    Fussballer sind nicht nur Sportler, sie sind auch Vorbilder. Und eben gerade als Vorbild für Fans und den Nachwuchs, wäre ein Outing wichtig.
    Viele sagen (oder schreiben jetzt hier): “Für mich ists egal, hauptsache er kann spielen”. Das ist zwar schön, aber nicht wirklich das Thema. Homophobie und Diskriminierung sind zu oft Alltag. Ein Outing ist ein Schritt Richtung breiterer Akzeptanz.
    Die Geselschaft ist noch nicht so weit, dass man davon absehen kann. Sonst gäbe es kein Lied und keinen Blogeintrag dazu.

  4. Olli sagt:

    Denjenigen, die sich nun beschweren, dass das doch “kein Thema” sein sollte, dass es sie “nicht interessiert”, dass sie das “gar nicht wissen wollen”, dass doch “nur die Leistung zählt” – denjenigen unterstelle ich, dass sie Homosexualität wohl genau so lange in Ordnung finden, wie sie nicht damit konfrontiert werden, dass sie tatsächlich existiert. Vielleicht sogar in ihrer Lieblingsmannschaft.

    Wenn ein “Spielermann” bei den Spielerfrauen sitzt und nach dem Spiel von seinem Partner geküsst wird, dann heißt es wahrscheinlich auch: “Das kann der doch zuhause machen”, “Das ist seine Privatsache, die will ich gar nicht sehen!”, “Müssen sie das im TV zeigen?” etc.

    Genau…

    • Kusi N. sagt:

      Tja lieber Olli. Haben Sie wirklich das Gefühl es ändert sich etwas, wenn sie alle Fussball- und Eishockeyfans in einen (homophoben) Topf werfen und genauso in Klischees denken wie die Leute, die sie selber verurteilen? Stellen Sie sich vor: Ich habe in den letzten 30 Jahren hunderte von Spielen des FCZ und des SCB live gesehen, bin heute verheiratet und habe zwei Kinder. In meinem Freundeskreis gibt es Heteros, Schwule und Lesben. Bevor ich mit meiner Frau zusammengezogen bin, habe ich während mehrerer Jahre mit einem dieser schwulen Freunde in einer 2er-WG zusammen gewohnt. Vielleicht sollten sie zuerst mal mit ihrem verkrusteten Denken aufräumen bevor sie andere verurteilen….

      • Olli sagt:

        Ich bin froh für jeden, der es tatsächlich und mit allen Konsequenzen ehrlich so meint, wenn er sagt, dass ihm die sexuelle Orientierung von Fußballspielern egal ist. Die wichtigste dieser Konsequenzen wäre: Spieler müssten nicht nur schwul, sondern auch *als schwul erkennbar* sein dürfen, ohne angefeindet zu werden. Öffentliche Auftritte und im TV gezeigte “Begegnungen am Platz” mit Spielermann statt Spielerfrau müssten die Fans akzeptieren. Nur so wäre “ist mir egal / nur die Leistung zählt” zu Ende gedacht. Ansonsten müsste man es im Sinne von “Don’t ask, don’t tell” verstehen – und das wäre tatsächlich homophob. Beide Interpretationen sind möglich.

  5. Mario Fiedler sagt:

    Da 10 Prozent der Menschen homosexuell geboren und es in allen gesellschaftlichen Schichten homosexuelle Menschen gibt, muss es statistisch einige Homosexuelle im Fußball geben. Es wird auch einige mit einer (eingeweihten) Scheinfrau geben, damit ja nicht die Homosexulität auffällt. Aber natürlich geht sehr viel Energie für das “aufwendige Versteckspiel” drauf, sodass auch die Leistung im Fußball leidet.

    Und heterosexuelle Menschen outen sich ständig als “heterosexuell”, indem sie zB. vor Kollegen erzählen wie das Wochenende mit der Freundin war oder ein Bild von der Freundin auf dem Schreibtisch steht. Macht dasselbe ein “homosexueller” Kollege, gilt das gleich als “penetrantes…

  6. DeRay Davis sagt:

    Wieso sollte dies uns Fans interessieren? Wieso muss sich ein Spieler überhaupt in der Öffentlichkeit outen? Mich als Fan interessiert nur: “Kann er spielen?”

    • Christian Andiel sagt:

      Niemand MUSS sich outen, wenn die sexuelle Orientierung keine Rolle spielt. Das scheint mir aber im Fussball nicht der Fall zu sein – siehe das Interview mit Hitzlsperger. Und deshalb denke ich, dass eine öffentliche Diskussion nach wie vor nötig ist, um Normales eben zum Normalfall zu machen.

    • Olli sagt:

      Outen muss ja nicht immer bedeuten, feierlich eine Erklärung abzugeben! Es kann z.B. auch bedeuten, es einfach offen zu zeigen, ganz genau wie gegengeschlechtliche Paare das selbstverständlich auch tun. So gesehen: Jedes Paar, das sich in der Öffentlichkeit als solches erkennbar zeigt, outet sich. Und das tun Heterosexuelle ständig. Bei jeder Gelegenheit drücken sie einem ihre heterosexuelle Orientierung aufs Auge! Ist ja auch in Ordnung. Aber dann: gleiches Recht für alle!
      Dass daraus eine feierliche Erklärung gemacht wird, liegt einzig und allein daran, dass man meint, sich erklären zu müssen, weil man gesellschaftliche Erwartungen nicht erfüllt.

  7. Reto Sahli sagt:

    Keine Ahnung, warum man sich als Homosexueller immer “outen” soll. Heterosexuelle outen sich ja auch nicht. Die sexuelle Orientierung hat überhaupt nichts mit dem Sport oder Beruf zu tun und sollte auch kein Thema sein.

  8. vito snaporaz sagt:

    Ein etwas gesuchter und gequälter Kommentar.
    Es ist doch fast zu vermuten, dass in einer Mannschaftssportart wie Fussball die sexuelle Orientierung der Spieler kaum auf lange Sicht verborgen bleibt.
    Ob die Kollegen dies ev. einfach zur Kenntnis nehmen und keinen Anlass zu wie auch immer gearteten Aktionen oder Kommentaren sehen?
    Als Hetero wurde ich auf der Schauspielschule mit vielen homosexuellen Kollegen konfrontiert, niemals kam jemand auf die Idee vor ein Micro zu stehen oder laut zu verkünden “ich bin schwul” (oder vice versa).
    Ob dieses modisch gewordene “Outing” nicht doch nur die übliche Form von zwangshafter Selbstdarstellung ist und niemanden interessiert oder gar hilft?

  9. Nicolas Richard sagt:

    Schwul sein sollte also ein ernsthaftes Thema sein in der Kabine? Ist das Ihr Ernst? Wer sich outen will, solls tun. Wer nicht, solls einfach bleiben lassen. Es interessiert sowieso nur die Medien.

    • Christian Andiel sagt:

      Irgendwie wärs ja schön, wenns nur die Medien interessieren würde… ich denke, das Interview von Thomas Hitzlsperger zeigt deutlich, dass Homosexualität in Fussballerkreisen ein Tabu-Thema ist. Und das darf es meiner Meinung nicht sein.

  10. Kusi N. sagt:

    Ist das jetzt Spekulation oder hat ihnen ein homosexueller Fussballer diese Information in einem vertraulichen Gespräch mitgeteilt? Und wenn ja, wieso heizen sie mit diesem Blog die Spekulationen zwangsläufig an und beschweren sich gleichzeitig darüber anstatt einfach zu warten, bis sich der Spieler outet. Es ist ja gut möglich, dass er es sich noch einmal anders überlegt, die Spekulationen dann aber weiterhin im Gange sind. Ich bin seit mehr als 30 Jahren treuer Fan des FC Zürich. Mir ist es scheissegal ob ein Spieler schwul, heti, bi oder asexuell ist. Für mich zählt nur, dass er das Trikot des FCZ mit Stolz trägt und 90 Minuten kämpft bis zum Umfallen.

    • Christian Andiel sagt:

      Es ist die pure Hoffnung, dass es passiert. Ich habe keinerlei Insider-Infos. Es geht mir einzig darum, dass es in der nach wie vor praktizierten Macho-Welt des Männer-Fussballs meiner Meinung nach wichtig wäre, dass dieses Thema in der von mir geschilderten Art öffentlich diskutiert wird. Und ich finde Ihre Einstellung absolut lobenswert – bin mir aber nicht sicher, dass alle Fans so denken.

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