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Nestwärme in der Rehaklinik

Oliver Kraaz am Freitag den 4. März 2016

Der Schweizer Fussballverband wollte vor einigen Jahren die Challenge League fit machen und reduzierte diese von 16 auf 10 Teams. Das ging gehörig in die Hosen. Die bisherige Ausbildungsliga spuckt heute nicht zahlenmässig mehr Talente als früher aus, dafür treibt sie immer mehr Clubs in den Ruin: Der sportliche Druck ist höher, die Vorgaben für ein modernes Stadion lassen aufstöhnen. Einnahmen? Keine.

Viele Clubs strecken sich so in der Challenge League an die Decke, solange es geht. Oder bis ein Sultan aus «1001 Nacht» – ganz seriös natürlich! – Milliarden mit Fernziel Champions League in den Verein einschiesst. Milliarden, die dann komischerweise nie kommen. Kein Wunder landen immer mehr Clubs statt in der Champions League schliesslich in der Promotion League. Dann heisst es: Breitenrain statt Barcelona.

Die Promotion League ist die Rehaklinik des Schweizer Fussballs. Es tummeln sich hier Clubs mit Namen, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Traditionsvereine wie Brühl, Old Boys, YF Juventus, Etoile Carouge, Kriens und Servette. Der Fachmann sieht: Da sind sogar Ex-Schweizer-Meister drunter.

… tja, und was jetzt? Das ist die grosse Frage bei den Clubs in der Promotion League. Klar, bei den anonymen Alkoholikern ist es zwar nicht so sauglatt wie am Ballermann mit einem 10-Liter-Kübel voll Sangria unter dem Arm. Aber dafür lebt man länger. Was nicht unwesentlich ist.

Dieses Wochenende eröffnet die Promotion League mit dem Spitzenspiel SC Kriens – FC Servette. Der Vierte gegen den Zweiten. In den 90er-Jahren spielten die beiden schon in der Nationalliga A gegeneinander. Servette wurde auf diese Saison hin wegen finanziellen Kasperlitheaters zwangsrelegiert, will aber unbedingt wieder nach oben. Mit seinem Budget ist dies ohne weiteres möglich – allerdings auch ein erneutes Wiedersehen in der Promotion League in ein paar Jahren.

Der SC Kriens auf der anderen Seite stand vor kurzem als langjähriger NLB-Club und zweimaliger NLA-Club vor dem Konkurs, wurde gar in die viertklassige 1. Liga durchgereicht. Die Stimmung war vergiftet, das jahrelange Zusammenkratzen eines jeden Frankens, der Lizenzdruck-Stress hatte den familiären Club ausgesaugt. Jetzt steht der SC Kriens als Aufsteiger mit dem kleinsten Budget und der jüngsten Mannschaft in den Toprängen. Der Aufstieg wird angestrebt, muss aber nicht sein.

Das ist ein Kurswechsel. Viel mehr zählt am Fuss des Pilatus die Nähe zu den Fans. Diese sind seit der Wiederauferstehung wieder näher an den Verein herangerückt, gleichzeitig hat sich der Verein ihnen gegenüber geöffnet. Heute werden die Fans bewusst in die Gestaltung ihres Vereins miteinbezogen. Eine Fanvereinigung betreibt beispielsweise eine Stadionbeiz, die Aufstiegsfeier 2015 wurde bereits von ihr organisiert. Die Folge: Im Stadion begrüssen sich Spieler und Fans per Handschlag. Der Klimawandel zeigt Wirkung: Beim Aufstiegsspiel im Sommer waren fast 2000 Fans auf dem Kleinfeld. Ein Rekord auf weiter Flur. Pro Spiel sind es jetzt rund 600 bis 800 Fans. In der Promotion League notabene, abseits der Medien.

Woran liegts? Das altehrwürdige Stadion Kleinfeld mit dem Charme eines vergammelten bulgarischen Sportcenters bietet Nestwärme. Etwas, was dem modernen Fussball zusehends abhandenkommt: Die neuen Arenen sind zwar modern, aber klinisch-steril. Der Fan darf mit der Prepaid-Karte am Kiosk konsumieren, soll dann aber nach Spielschluss gefälligst das Stadion verlassen. Er könnte ja ein Sicherheitsrisiko sein oder die Reinigungsequipe stören. Kommt dazu, dass die – teure – Verpackung oft nicht hält, was sie verspricht. Wie bei einem schlechten Kinofilm.

Die bisher unterschätzte Promotion League und ihre Clubs könnten für einen sympathischen Kulturwandel im Fussball stehen. Für eine Basisbewegung im Spitzenfussball. In einem Spitzenfussball vielleicht mit Abstrichen, aber dafür zum Anfassen. Das ist Seelennahrung. Denn von schwindsüchtigem Fingerfood wird niemand satt. Von einer deftigen Bratwurst vom Holzkohlengrill dagegen schon.

Oliver Kraaz

Oliver Kraaz

Oliver Kraaz (45) lebt in Zürich und war in seiner Jugend das grösste Talent der Innerschweiz. Er hatte die Technik eines Andy Egli und den Kampfgeist eines Hakan Yakin. Er blieb allerdings unentdeckt. Er hofft, dass die SG Sonnenhof Grossaspach bis 2019 die Champions League gewinnt. Das Neujahrs-Raclette des SC Kriens hält er für die gastronomisch wichtigste Veranstaltung der Schweiz.

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10 Kommentare zu “Nestwärme in der Rehaklinik”

  1. Marc Goldinger sagt:

    Und falls Kriens dieses Frühjahr aufsteigt, gibt’s in der nächsten Saison wieder ein Derby gegen den FC Luzern in der Challenge League…

  2. Zoran Petrovic sagt:

    Damit man in der CH Spitzenfussball spielen darf, gehört nun mal neben der erfolgreichen Mannschaft auch die angemessene Infrastruktur und Finanzen dazu und wer dies nicht bieten kann/will hat im bezahlten Fussball nichts verloren, obwohl da auf jeder Stufen (ganz besonders in der Promotion League) viele und grosse Ausnahmen zugestanden werden.
    Es liegt doch am Management richtige und realistische Schlüsse zu ziehen – eine langfristige Strategie zu wählen – und diese seriös und hart arbeitend umzusetzen, dann klappt es auch mit dem „Erfolg“. Gibt da genügend Beispiele die das gar nicht so schlecht machen, wie der FC Thun, FC, Vaduz, FC Winterthur oder der FC Breitenrain.

  3. Stipe Pizdarevic sagt:

    bei der Bildunterschrift 2/17 heisst es, der SC Kriens spiele in der 1.Liga Classic. Im Text ist die Rede von 1.Liga Promotion. was nun?….

  4. Mark Baumann sagt:

    Die Promotion League ist – nüchtern betrachtet – keineswegs attraktiv. Das darf ich als langjähriger Kriens-Anhänger behaupten. Auch bei Kriens gegen Carouge oder Breitenrain hat es niemals 600 Zuschauer, sondern max. 400. In Carouge oder Nyon ist man schon glücklich, wenn 200-300 den Weg ins Stadion finden. Von YF Juventus sprechen wir lieber nicht betr. Zuschauern. Gründe: Es gibt zu wenig Regionalderbys, dazu hat es an den Spielen kaum Gästefans. Auf der andern Seite entstehen wegen der Reisen durchs ganze Land hohe Kosten. Etliche Clubs beschäftigen trotzdem Profis oder Halbprofis, nicht nur Servette, sondern z.B. Rapperswil. Diese Liga hat keine grosse Zukunft.

  5. Severin Clark sagt:

    Der regionale Fussball ist am dahinderben. Wir haben in der NWS nicht einmal mehr eine anständige Zeitung die darüber berichtet. In Deutschland werden in der Sportschau Spiele bis in die 4.! Liga gezeigt. Regelmässig jedoch sicher die 3. In der Schweiz würde es gut tun, mindestens jeweils aus den Spitzenspielen oder “Abstiegsspielen” der NLB ein paar bewegte Bilder zu zeigen.
    Ich bin absolut für eine 14er oder gar 16er Profiliga. Mit Schafhausen, Winterthur, Lausanne, Xamax, Servette, Kriens, Biel (ja misswirtschaft halt), Aarau etc. wäre genug Potenzial vorhanden. Die oberste 10er Liga langweilt mich als Jahreskartenbesitzer. Ich sehne mich nach dem Modus Auf- Abstiegsrunde.

    • Anh Toàn sagt:

      Auch in der Schweiz erhält der Fussball, verglichen mit allen anderen Sportarten, eine Medien- und generell öffentliche Wahrnehmung, von der jede andere Sportart nicht einmal zu träumen wagt: Im Skisport interessiert sich kaum jemand für Schweizermeisterschaft, wer ist bitte der siebte im Ranking der Schweizer Tennisspieler? Wer wurde Schweizer Handballmeister und wie heisst die wichtigste Spielerin des Meisters?

      • Urs Hofer sagt:

        @Anh Toàn: Die Medienpräsenz für den Fussball, von der Sie sprechen, gilt aber nur für die Super League, Champions und Europa League und die Nationalmannschaft. Schon in der Challenge League sind die Vereine, abgesehen vom Montagsspiel auf Teleclub, in den gesamtschweizerischen Medien nicht mehr präsent und können froh sein, wenn in der Regionalen Zeitung ihrer Region 1x pro Woche ein Matchbericht erscheint.

    • Leo Schmidli sagt:

      Wieso vergleichen Sie Äpfel mit Birnen? Sie können doch nicht die 4. Liga in Deutschland mit der 4. Liga in der Schweiz vergleichen! In der Regionalliga gibt es Teams mit einem Zuschauerschnitt von 7’000-8’000 Zuschauern. Das Niveau ist alleine dadurch schon ein völlig anderes und um 1-2 Ligen höher anzusiedeln.

  6. Gundelianer sagt:

    Seit wann spielt Concordia in der Promotion League?

    Zurzeit spielen sie 2. Liga interregional, also 2 Ligen tiefer….

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