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Zwei, die den Fussball lieben

Christian Andiel am Samstag den 13. Februar 2016

Zwei, die sich achten und die der Fussballfan liebt: Mauricio Pochettino (links) und Claudio Ranieri führen Tottenham und Leicester an die Spitze der Premier League. Foto: Reuters

Der Showdown findet im Emirates statt. Am Sonntag empfängt Arsenal Leicester zum vorentscheidenden Spiel um die englische Meisterschaft. Arsenal-Leicester? Vor einem Jahr wäre das noch die Partie Titelanwärter gegen Abstiegskandidat gewesen. Jetzt ist es der Herausforderer gegen den Favoriten. Und der Favorit heisst Leicester.

Es wäre eine der grösseren Sensationen in der Geschichte des englischen Fussballs, sollte der Titel tatsächlich in die East Midlands gehen. Aber wer will dieses Team schlagen, dachte man endgültig nach dem 3:1 bei Manchester City. Und Leicester ist nicht das einzige Phänomen-Team in der Premier League, auf Platz 2 folgen die Tottenham Hotspurs. Die sinnigerweise am Sonntag auf eben jenes Manchester City treffen und der lachende Dritte an diesem grossartigen Spieltag sein könnten.

Wer hätte gedacht, dass uns ausgerechnet diese restlos überbezahlte, zunehmend seelenlose Liga, diese verhängnisvolle Mischung aus milliardenschweren Clubbesitzern und utopisch lukrativen TV-Verträgen den Glauben an das Gute im Fussball am Leben mit erhält?
Denn was ist dieses Phänomen anderes als der Beweis, dass Geld zwar Tore schiesst, aber nicht allein den Erfolg ausmacht. Nach dem geradezu atemberaubenden Auftritt in Manchester sagte TV-Experte Alan Shearer auf BBC: «Leicester gab Man City eine Lektion in Leidenschaft, Hunger, Entschlossenheit, es war eine Lektion in der Frage, wie man Fussballspiele gewinnt.» Shearer sagte dies so gnadenlos, wie der Leader in der ewigen Torschützenliste der Premier League einst die Bälle versenkte.

Leidenschaft, Hunger, Entschlossenheit lassen sich also offenbar nicht kaufen. Die elf Leicester-Spieler in der Startformation beim 3:1 am vergangenen Sonntag hatten 22,5 Millionen Pfund gekostet. Insgesamt. Einer davon ist ein eher ungelenker deutscher Abräumer in der Innenverteidigung, der gerne auch mal den Ellbogen rustikal durch die Gegend schwenkt. Aber genau dieser Robert Huth traf zweimal, dabei sah City-Verteidiger Martin Demichelis beide Male derart jämmerlich aus, wie man ihn von schlechtesten Zeiten bei Bayern kannte. Man fragte sich wieder: Was machen die Clubs eigentlich mit den Millionen, die man ihnen Jahr für Jahr hinterherwirft?


Typisch Leicester: Jamie Vardys unglaubliches Tor gegen Liverpool. Quelle: ZEystarn/Youtube

Vielleicht holen sie die falschen Trainer. Und damit sind wir beim schönsten Punkt, wenn es um Leicester und Tottenham geht: Beide werden von ruhigen, zurückhaltenden Vertretern ihrer Zunft geleitet. Der Italiener Claudio Ranieri hat eine schöne Vergangenheit bei namhaften Clubs, wirklich aufgefallen ist er nicht. Und als Nationalcoach in Griechenland ist er so grandios gescheitert, dass Englands Legende Gary Lineker bei der Verpflichtung durch Leicester hämisch twitterte: «Claudio Ranieri? Really?» Inzwischen hat Lineker Ranieri auf dem gleichen Kanal seine Liebe erklärt.

Bei Tottenham arbeitet der in der Öffentlichkeit nicht minder gelassene Mauricio Pochettino. Der Argentinier überzeugt als gewiefter Taktiker wie sein Kollege in Leicester. Beide lieben den Fussball mehr als sich selbst. Pochettino wird mittlerweile als grosser Favorit bei Manchester United auf die Nachfolge von Louis van Gaal gehandelt. Wie würde das den stolzen Holländer ins Herz treffen, wenn einer wie Pochettino ihn ersetzt? Was wäre es erst für eine Schmach für José Mourinho, wenn der kleine Argentinier statt ihm das grosse ManU führen dürfte?

Pochettino könnte ManU. Das ist klar. Aber wie wäre es andersherum? Und das ist doch eine interessante Frage: All die selbst- oder fremdernannten Gurus wie Mourinho, van Gaal, Pep Guardiola – die sich selbst so viel wichtiger nehmen als das Spiel, als die Spieler? Könnten sie Tottenham oder Leicester? Könnten sie also erfolgreich sein, ohne dass sie mit Millionen um sich werfen dürfen, bis ein Team beisammen ist, mit dem der Erfolg praktisch garantiert ist?

Christian Andiel

Christian Andiel

In Bayern aufgewachsen, ziemlich heftig mit dem 1. FC Köln verbandelt – und ganz sicher, dass der FC auch in der Saison 2016/17 keine Montagsspiele bestreiten wird.

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7 Kommentare zu “Zwei, die den Fussball lieben”

  1. Remo Nydegger sagt:

    Die englische Liga war, ist und wird wohl noch lange die beste und v.a. attraktivste Liga der Welt sein. Jedes Team in den Top 8 kann jeden schlagen und in einem guten Jahr sogar Meister werden. Nur erkennen das diejenigen nicht, die zu faul sind am Samstagabend etwas anderes als Bundesliga zu schauen.

    • Christoph Bons sagt:

      Da bin ich überhaupt nicht ihrer Meinung, Herr Nydegger. Der englische Fussball – oder sollte ich besser sagen, der Fussball, der in England gespielt wird, Engländer hat es leider nur sehr wenige – lebt vor allem von seinem Tempo. Taktisch ist das Niveau einigermassen annehmbar aber technisch ein Greuel! Das widerspiegelt sich dann in den europäischen Auftritten.

    • Nicolas Richard sagt:

      Naja, wann hat ein PL-Team zum letzten Mal die Champions League gewonnen? Genau, Chelsea, mit Antifussball unter Di Matteo, der in der Bundesliga kläglich gescheitert ist. Die PL ist sportlich Mittelmass. Von den besten 50 Fussballern spielen höchstens 5 dort. Der gute Fussball wird in Spanien und Deutschland gespielt. Seit die Normalos die Eintrittspreise nicht mehr bezahlen können und im Pub zugucken, ist die Stimmung in den Stadien weg. Geld allein bringts nicht.

      • Remo Nydegger sagt:

        War klar das so eine Antwort kommen würde. Gibt es in Deutschland oder Spanien das Tempo, die Härte oder die Intensität wie in der PL? Vom ganzen Rundherum (Präsentation der Spiele, Analysen, Matchberichte usw.) ganz zu schweigen. Deutschland hat die Bayern. Andere (Gladbach, Wolfsburg usw.) dürfen höchstens ein bisschen mitspielen. Mehr gibts nicht. Dazu unglaublich viel Mittelmass. In Spanien ist es noch krasser. Eine Liga in welcher der Meister regelmässig 100 Punkte holt und Ronaldo 50 Tore schiesst ist einfach lächerlich. Di Matteo ist übrigens auch in England gescheitert, ihr Argument zählt also nicht. Ob eine Liga stark ist zeigt sich in der Breite der Liga, nicht in einem CL-Sieger.

        • Tobias Jordan sagt:

          Die BPL ist in der Breite die beste. Bundesliga und vor allem La Liga in der Spitze.
          Für mich persönlich ist auch die Premier League spannender, aber das soll jeder so sehen wie er möchte. In Spanien ist vor allem die Technik krass. In der BPL die Intensität.

  2. Pat Geering sagt:

    Es ist wie mit vielen Dingen im Leben. Ein schwarz/weiss gibt es nicht. Dazwischen liegen viele Grautöne. Ob Pochetino oder Ranieri ManeichU trainieren könten? Ja. Hätten Sie Erfolg? Vielleicht, aber eher nicht. Teams wie Leicester oder die Spurs zeichnet aus, dass dort die Spieler eine verschworene Gemeinschaft sind, ein Team. Und dass sie hungrig sind und etwas beweisen wollen, und dass der richtige Trainer die richtigen Massnahmen trifft um die Spieler einzustellen.
    Die grossen Teams wie ManU, City, Chelsea etc. haben das Problem, dass dort viele gute Einzelkämpfer sind, aber kein Team. Da hat jeder das Gefühl es geschafft zu haben, der Star zu sein. Einschliesslich der Trainer.

  3. Frédéric sagt:

    Grundsätzlich ist es gut und begrüssenswert, dass das kleine Leicester den Grosskopfeten aus Manchester und London den Rang abläuft. So toll ist der Fussball dieser Mannschaft aber nicht. Punkto Ballbesitz und Passgenauigkeit liegt sie in der unteren Tabellenhälfte. Also nichts für Fussballästheten. Rennen und kämpfen, der britische Style eben. Ein grosser Teil der Tore entsteht aus Standardsituationen. Die Nagelprobe kommt dann in der Champions League, hoffentlich. Und da wird Leicester gegen spanische und deutsche, vermutlich auch gegen italienische Mannschaften ebenso scheitern wie die Three Lions seit Jahrzehnten.

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