Sitzordnung ist Hackordnung

Guido Tognoni am Donnerstag, den 23. März 2017

Wer steht wo? Auf diesem Gruppenfoto aus dem Jahr 2008 entdeckt man zum Beispiel Sepp Blatter (vorne, Dritter von rechts). Foto: Alessandro della Valle (Keystone).

Das einzige sichtbare und bleibende Ergebnis der vielbeschriebenen Konferenzen der G-8- oder G-20-Staaten ist jeweils das Standbild aller Teilnehmer. Wer da nicht drauf ist, ist nichts und niemand. Umgekehrt: Auf dem gemeinsamen Bild mitlächeln reicht aus, um der Welt die eigene Bedeutung zu vermitteln. Was der gelangweilte Leser und Zuschauer nicht bemerkt: Wer wo und neben wem steht, ist für die Teilnehmer nicht nur sehr, sondern extrem wichtig. Die Position auf dem Bild wird sogar dann von grösster Bedeutung sein, wenn sich die Politiker dereinst um Donald Trump scharen werden.

Veritabler Kulturschock

Stehordnung beziehungsweise Sitzordnung ist Hackordnung. Das sieht man bei den Politikern, bei den Sitzungen von Verwaltungsräten, das sieht man auch auf den Tribünen von Fussballspielen, auf denen sich im Verlaufe der jüngsten Vergangenheit immer mehr Leute – Offizielle, Wirtschaftskapitäne, Politiker und einige andere Unvermeidliche – die Schultern reiben. Wer etwa einmal bei einem grossen Verband gearbeitet hat, der weiss, dass die falsche Sitzordnung auf der Ehrentribüne eines Endspiels gleich das ganze Turnier versauen kann. Zum Glück merkt der Fan nichts davon.

Deshalb verdient eine vermeintlich nebensächliche Bemerkung des neuen Uefa-Präsidenten Aleksander Ceferin grosse Beachtung. Der 49-jährige Jurist Ceferin, vor einem Jahr noch ein unbekannter Fusballfunktionär im tiefen Slowenien, inzwischen als Folge der internationalen Turbulenzen auf höchster Ebene als Nachfolger von Michel Platini Präsident des wichtigsten Kontinentalverbandes und in dieser Funktion vielleicht der mächtigste Mann im Weltfussball, hat in einem Interview mit der «New York Times» Grosses angekündigt: In Zukunft werden bei den Versammlungen der Uefa die Mitglieder des Exekutivkomitees im gleichen – also nicht mehr im besseren – Hotel schlafen und nicht mehr separat dinieren. Ab sofort wird bei den gemeinsam zelebrierten Nahrungsaufnahmen, sozial überaus wichtige Elemente eines Fussballkongresses, auch freie Sitzordnung herrschen. Das ist für einige altgestandene Funktionäre ein veritabler Kulturschock.

Der Protestkandidat

Damit handelt Ceferin so, wie er aussieht. Jugendlich, drahtig und schlank, das Haar etwa gleich lang wie der offenbar modisch erforderliche Fünftagebart, zudem Karatekämpfer wie Wladimir Putin. Er vermittelt alles andere als das Bild des verfettenden Sportfunktionärs. Ceferin wurde im vergangenen September als Protestkandidat überraschend klar gewählt und scheint dieses Protestpotenzial seiner Wähler richtig einzustufen. Es mag seltsam klingen, aber allein schon die freie Sitzordnung bei den lukullischen Fünfstern-Dinners müsste tatsächlich den Beginn einer neuen Uefa bedeuten. Warten wir gespannt auf weitere Überraschungen.

Warum Petkovic lieber Snapchat benutzt hätte

Florian Raz am Mittwoch, den 22. März 2017

Bär, Ball, Bowling, Bilderrätsel. Vladimir Petkovic präsentiert sein Motto für das Lettenspiel. Foto: Keystone

Das Leben ist nicht einfach für Fussballtrainer. Denn Fussballer haben eine ähnlich kurze Aufmerksamkeitsspanne wie ein derzeit handelsüblicher US-Präsident. Gucken Sie sich zum Beispiel an, wie die Verteidiger von Arsenal bei gegnerischen Eckbällen immer ganz brav auf ihrer Position stehen. Und kaum kommt der Ball geflogen, sind sie auch schon wieder weg, weil die kleinen Racker vergessen haben, warum sie überhaupt im eigenen Strafraum sind.

Gerne greift der Fachmann deswegen zu optischen Mitteln, um der Mannschaft seine Botschaft zu vermitteln. Christian Gross war in seiner Zeit beim FC Basel ein Meister dieses Fachs. Mal liess er Meisterpokale in Schokoladenform giessen, mal hing ein Haikopf in der Garderobe, mal stand ein Steinbock herum. Und FCZ-Coach Uli Forte spielte seinen Profis vor der Cuppartie in Basel noch einmal die schönsten Cupszenen der letzten Monate vor – natürlich unterlegt mit emotional aufwühlender Musik. Gut, das hat dann ja auch nichts gebracht. Aber item.

Visuelle Motivation

Jetzt hat sich auch Vladimir Petkovic unter die visuell arbeitenden Trainer gesellt. Und sagen wir mal: Das Ergebnis überzeugt uns so mittelprächtig. Natürlich, die Geschichte, die der Schweizer Nationalcoach erzählen will, ist in sich stimmig. Vor dem letzten Spiel vor der Winterpause hatte er seine Mannschaft zum Bären gemacht, der sich noch etwas Winterspeck zulegen muss, bevor er schlafen darf. Jetzt muss der Bär wieder aufwachen und sozusagen als erste Frühlingsnahrung Lettland verspeisen.

Aber warum mischt man das mit Bowling? Und mit einem Ball? Geht es um Alliteration? Bär, Ball, Bowling? Wer hat das grafisch umgesetzt? Wieso brüllt der Bär den Betrachter an – und nicht die Bowling-Pins, die er ja offenbar mit einem Ball umwirft, auf dem die Schweizer Flagge ist? Ist der Bär die Schweiz? Oder ist der Ball die Schweiz? Und wenn die Schweiz der Ball ist, wer ist dann der Bär? Oder ist es gar kein Ball – und der Bär trägt einen Gotthard-Basistunnel-Arbeiterhelm mit Schweizerkreuz? Wieso eigentlich Bowling und nicht Kegeln, was doch viel helvetischer wäre?

Vor allem aber: Warum Print? Viel besser wäre gewesen, Petkovic wäre mit der Zeit gegangen. Wie Ralph Krueger im Jahr 2000. Der Schweizer Nationaltrainer schickte damals seinen Hockey-Helden eine SMS: «Glaube an das Unmögliche und das Unmögliche wird möglich.» Die Schweiz schlug folgerichtig das Heimteam Russland 3:2.

Es gibt nur eine Lösung: Snapchat

Auf heute umgelegt, bedeutet das: Petkovic müsste seine Spieler auf Snapchat kontaktieren. Da würde sich garantiert eine Snapperei entwickeln, die dem Teamgedanken nur förderlich sein kann. Etwa so:

Start Petkovic

Xherdan Shaqiri

 

Valon Behrami

 

Granit Xhaka

 

Yann Sommer

 

Und dann klinken wir uns langsam aus.

Das Problem des Fussballs mit dem Kopf

Guido Tognoni am Donnerstag, den 9. März 2017

Schon ein übliches Kopfballtraining kann Gehirnfunktionen beeinträchtigen: Kopfballduell in der mexikanischen Liga. Fotos: Keystone

Fussballer haben ein Problem mit dem Kopf. Es geht dabei nicht darum, wie viel Intelligenz es braucht, um als Spieler zu erkennen, dass es beispielsweise für das Ausziehen des Leibchens beim Jubel nach einem Torerfolg zwangsläufig eine Verwarnung gibt. Das Problem sitzt tiefer: Kopfbälle können das Hirn schädigen. Oder noch schlimmer: Kopfbälle schädigen das Gehirn.

Bereits in den Achtzigerjahren warnten Ärzte in den USA die Fifa vor Hirnschäden, die von Kopfbällen verursacht worden sind. Nur nahm in Europa niemand von solchen Warnungen Notiz, zumal diese aus einer Weltgegend stammten, die nicht gerade zu den Pionieren des Fussballs gezählt werden kann. Das Stichwort Fussballerdemenz wurde schlicht ausgeblendet.

Kopfschlagbilanzen geben immer mehr Medizinern zu denken

Mittlerweile wird das Thema etwas ernster genommen, wobei das Schweizer Eishockey dem Fussball weit vorangeht und in jüngster Zeit Kopfverletzungen grosses Gewicht beimisst. So müssen Spieler allein schon bei begründetem Verdacht auf Hirnerschütterungen pausieren. Aber auch im Fussball werden die Bedenken lauter. Eine Untersuchung der Universität Stirling in Schottland ergab, dass allein schon ein übliches Kopfballtraining kleine, aber bedeutsame Beeinträchtigungen der Gehirnfunktionen, namentlich des Gedächtnisses, hervorrufen kann.

Das Stichwort Fussballerdemenz wurde schlicht ausgeblendet: Begegnung in der 2. Bundesliga.

Es ist in der Tat nicht einzusehen, dass beispielsweise Abstösse von Torhütern, die von gegnerischen Verteidigern mit dem Kopf zurückgeschlagen werden, sonderlich gesund sein sollen. Ein Fussballprofi spielt während einer Karriere Tausende von Kopfbällen, einige ganz sanft, andere hart, nicht wenige sehr hart, von Zusammenstössen mit gegnerischen Köpfen nicht zu reden. Solche Kopfschlagbilanzen, die nur mit jener von Boxern vergleichbar sind, geben immer mehr Medizinern zu denken.

Schottland diskutiert eine pragmatische Lösung

Gleichwohl ist Fussball ohne Kopfbälle nicht vorstellbar. Der Verzicht auf Kopfbälle, der vielleicht im Jugendfussball durchsetzbar wäre, würde dem Erwachsenenfussball fast den ganzen Reiz nehmen. Kopfbälle gehören zu diesem Sport. Eine pragmatische Lösung wurde dieser Tage in Schottland diskutiert, nachdem die langjährige Demenz des früheren Celtic-Captains Billy McNeill publik gemacht worden war: Profispieler sollen sich vertraglich dazu verpflichten, im Falle von Hirnschädigungen keinen Anspruch auf Entschädigung geltend zu machen. Damit wäre bei Fussballerdemenz, welche Ursache sie auch immer hätte, wenigstens das Haftungsproblem geregelt.

Ein anderer Ausweg aus dem Dilemma zwischen Sport und mentaler Gesundheit – die körperliche Unversehrtheit ist bei den meisten Sportarten ohnehin kein Thema – ist leider für den Weltsport Nummer 1 nicht in Sicht.

Die Kopfschlagbilanzen sind mit jenen von Boxern vergleichbar: Luftkampf in der Super League 2009.

Maracanã – der letzte Stadionkadaver

Guido Tognoni am Donnerstag, den 2. März 2017

Der Platzwart machte sich vom Acker: Aktuelle Luftaufnahme des Maracanã in Rio de Janeiro. Fotos: Nacho Doce (Reuters)

Maracanã. Allein schon der Name des Stadions vergeht auf der Zunge. Maracanã stand Jahrzehnte als Bühne für den klassischen brasilianischen Fussball, den Journalisten als Samba-Fussball bezeichnen, für grosse Siege und auch für noch grössere Niederlagen, verlor doch Brasilien 1950 im Maracanã das WM-Endspiel gegen Uruguay 1:2. Jenes Trauma wird wohl nur noch vom monumentalen 1:7-Debakel gegen Deutschland in den Halbfinals der WM-Endrunde 2014 überhöht. Diese Niederlage verhinderte den Einzug ins Maracanã, wo an Stelle der schlaffen Samba-Truppe Deutschland und Argentinien um den Titel kämpften. Zwei Jahre später holten sich die Brasilianer an gleicher Stelle wenigstens olympisches Gold.

Nehmen Sie Platz – wenn Sie einen Sitz finden.

Seither geht es mit dem Maracanã nur noch bergab. Innerhalb weniger Monate verlotterte das Stadion derart, dass nicht einmal mehr Führungen gemacht werden konnten. Heute kann man erkennen, wie schnell ein Stadion zu einem Abbruchobjekt wird, wenn man es nicht pflegt und in der Krise das Geld nicht einmal mehr ausreicht, um die Stromrechnungen zu bezahlen.

Das Maracanã spiegelt den Niedergang des modernen Brasilien, ein ökonomisch und administrativ kaputter Staat, der sich an Fussball-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, den beiden grössten Sportveranstaltungen unserer Zeit, mit Milliardeninvestitionen übernommen hat.

Bilder des Jammers

Das Maracanã-Stadion steht aber auch für überrissene Ansprüche, die der Sport bei Grossveranstaltungen immer wieder stellt und die nur deshalb erfüllt werden, weil die Politiker für diese vielfach absurden Anlagen niemals einen Cent aus eigener Tasche zahlen müssen, von der Korruption erst gar nicht zu reden. Es gibt allerdings keinen Grund, nun mit Schadenfreude nach Rio de Janeiro oder andere Städte Brasiliens zu blicken, wo Milliardenprojekte vergammeln.

Sportruine mit und ohne Smog: Das Nationalstadion in Peking, entworfen von Herzog & de Meuron. Fotos: Reuters

Die vor sich hin faulenden Sportanlagen der Olympischen Spiele in Athen 2004 sind Bilder des Jammers, das einstmals berühmte «Vogelnest» in Peking ist eine Sportruine, und die Fussball-WM-Endrunde in Südafrika forderte mehrere sinnlose, überdimensionierte Stadionbauten.

Soziale Verantwortung?

Dasselbe geschah für diverse Euro-Turniere, jenes von 2008 in der Schweiz und Österreich nicht ausgenommen. Klagenfurt leidet seit Jahren unter einem zu grossen Stadion, die Stadt Genf ebenso, und der panikartig für die Euro durchgepeitschte neue Letzigrund freut nur die Leser von Architekturbüchern.

Unsere Kathedralen stehen unbeschadet 500 Jahre, die Stadien kaum einmal deren 50, einige Protzbauten nicht einmal 10 Jahre. Irgendetwas stimmt da nicht. Die Sportverbände pflegen sich regelmässig ihrer sozialen Verantwortung zu rühmen. Die rund um den Globus liegenden Sportstättenkadaver bezeugen leider das Gegenteil.

Es war einmal ein Beachvolleyball-Stadion, damals, 2004 in Athen. Foto: Yorgos Karahalis (Reuters)

Büsst Carlo Ancelotti für den dipitus impudicus?

Guido Tognoni am Donnerstag, den 23. Februar 2017

Bayern Münchens Trainer verleiht dem Stinkefinger neuen Schub. Foto: Matthias Schrader (Keystone)

Der Mittelfinger hat höchstens bei Konzertpianisten, Gitarristen und Stargeigern die gleiche monumentale Bedeutung wie im Fussball. Dort darf jeder die Daumen hochhalten, mit dem Zeigefinger drohen oder loben, oder den kleinen Finger dem Gegner in die Nase stecken. Aber Mittelfinger geht nicht. Richtige Berühmtheit erlangte der Mittelfinger zwar erst durch eine Geste des früheren deutschen Mittelfeldstrategen Stefan Effenberg, der nach dem offenbar sport-ethisch unsachgemässen Gebrauch von Bundestrainer Berti Vogts von der WM-Endrunde 1994 aus den USA nach Hause verbannt worden ist. Effenberg machte den Mittelfinger unter dem Titel Stinkefinger weltweit populär.

Angesichts solcher Bedeutung musste sich auch der Duden dieses Begriffs annehmen. Das Wort Stinkefinger ist gemäss Duden maskulin (als der Stinkefinger), logischerweise ein Substantiv, und die Ehre, in den Duden aufgenommen zu werden, erfuhr der Stinkefinger im Jahr 1996. Als Synonym gibt der Duden einzig «Mittelfinger» an, und wer in der Sprachbibel blättert, stösst alphabetisch vor dem Stinkefinger auf Stinkbock, Stinkbombe und Stinkdrüse. Der Schluss ist erlaubt, dass alle Begriffe zumindest nicht positiv besetzt sind.

Der Stinkefinger – beleidigend und obszön

Und nun also Carlo Ancelotti, der Trainer von Bayern München. Er verleiht dem Stinkefinger neuen Schub. Der ansonsten überaus besonnene Italiener gibt zu, den Stinkefinger erhoben zu haben, und zwar, weil er nach der turbulenten Schlussphase des Spiels Hertha Berlin – Bayern München, das wie üblich erst mit einem Torerfolg der Münchner zu Ende ging, auf dem Weg in die Kabine bespuckt worden sei. Entdeckt wurde dieser Frevel am sittlichen Benehmen nur durch eine der zahllosen Kameras, die in Deutschland Fussballspiele begleiten.

Hat Carlo Ancelotti im politisch korrekten Deutschland und im politisch noch korrekteren Deutschen Fussball-Bund eine Chance, straflos bespuckt zu werden? Das ist fraglich. Ein Trainer namens Norbert Düwel aus Berlin wurde einst vom DFB für einen Stinkefinger mit 3500 Euro gebüsst, es liegt also nebst Stefan Effenberg ein weiterer Präzedenzfall vor. Und auf Wikipedia, wo dem Stinkefinger (lateinisch: dipitus impudicus, italienisch: dito medio, englisch: fuckfinger) ein ansehnliches Kapitel samt Skizzen des korrekten Gebrauchs gewidmet wird, lernt man zwar, dass der gestreckte Mittelfinger «häufig» als beleidigende Geste verwendet wird, aber leider nicht in Deutschland. Da gilt der Stinkefinger immer als obszön, zumal der gestreckte Mittelfinger bei den Griechen und Römern einen erigierten Penis dargestellt haben soll.

Carlo Ancelotti hätte den Ringfinger strecken müssen.

Die Grenzfälle der Masochisten

Guido Tognoni am Montag, den 13. Februar 2017
Nachspielzeit

Der richtige Reflex: Dortmunds Goalie Roman Bürki hält einen Penalty im Spiel gegen Hertha Berlin (8. Februar 2017). Foto: Martin Meissner (Keystone)

Gewiss, Roman Bürki hat hervorragend reagiert, als er am späten Mittwochabend im Cupspiel gegen Hertha Berlin nach der Verlängerung den Elfmeter Daridas abwehrte. Nur: Bürki verhielt sich dabei nicht regelkonform und hatte die Torlinie bereits vor der Schussabgabe verlassen. Es gibt nicht viel, auf das die drei Spielleiter bei einem Elfmeter achten müssen, aber die korrekte Position des Torhüters gehört dazu. Ein Goalie darf sich vor dem Schuss zwar bewegen, doch nur seitlich auf der Torlinie und nicht nach vorne.

Die Frage, die sich aufdrängt: Gibt es einen Schiedsrichter, der den Mut hat, in Dortmund vor 80’000 Zuschauern einen vom Dortmunder Torhüter abgewehrten Elfmeter wiederholen zu lassen?

Das Gleiche am Vortag bei Bayern München – VfL Wolfsburg: der bereits verwarnte Münchner Arjen Robben lässt die Wolfsburger einen Freistoss nicht ausführen und schlägt den Ball weg. Ein Spieler aus Freiburg, Darmstadt, Ingolstadt oder Mainz wäre mit einer zweiten Gelben Karte gleich vom Platz geflogen, Arjen Robben hingegen geniesst den typischen Bayern-Schutz, den man beispielsweise bei Franck Ribérys Entgleisungen seit Jahren feststellen kann, und bleibt auf dem Rasen.

Dass die renommierten Teams bevorteilt werden, ist ein weltweites Phänomen und könnte bestimmt statistisch belegt werden. Zwar ist jeder Fussball-Schiedsrichter bis zu einem gewissen Mass ein Masochist, aber muss er sich ohne grosse Not auf dem Platz noch mehr Probleme einhandeln, als er ohnehin hat? Schliesslich hat jeder Spielleiter einen Ermessensspielraum. Weshalb soll er ihn nicht ausgerechnet bei Bayern München wohlwollend ausnützen, wozu soll er in Dortmund das wildeste Stadion Deutschlands gegen sich aufbringen?

Auch Masochisten setzen sich ihre Grenzen.

Katar und das Millionenversprechen der Fifa

Guido Tognoni am Mittwoch, den 8. Februar 2017
Nachspielzeit

Die Fussball-WM 2022 ist etwas in Vergessenheit geraten: Baustelle des Khalifa International Stadium in Doha. Foto: Naseem Zeitoon (Reuters)

Dieser Tage wurde im Wüstensprengel Katar eine historische Tiefsttemperatur gemessen: 1,5 Grad Celsius, die niedrigste Temperatur seit Menschengedenken. Diesem klimatischen Ausreisser, den die Zweifler an der Erderwärmung ebenso bejubeln wie den kalten Januar in der Schweiz, entspricht im Emirat auch die Konjunktur. Sie hat sich in jüngster Zeit derart abgekühlt, dass es in Katar erstmals seit Beginn des Aufstiegs zum weltweiten Wirtschaftsfaktor Entlassungen gibt. Es ist kein Geld mehr vorhanden für zahllose Kongresse über belanglose Themen, nichts mehr für allerlei Verrücktheiten, die Banken sind trocken wie der Wüstensand, und selbst für das Grossprojekt Fussball-WM 2022 wird das Geld nicht mehr mit dem Feuerwehrschlauch ausgegeben. Man kann es auch so sehen: Katar lernt den Umgang mit wirtschaftlicher Vernunft. Das bisherige Überfluss-Paradies wird daran sicher nicht zerbrechen. Es gibt weiterhin Erdöl, und es wird noch sehr lange Erdgas geben.

Zurück zum Fussball: Es sind schon mehr als sechs Jahre vergangen seit dem bizarren Entscheid der Fifa, die WM-Endrunde 2022 in die Wüste zu vergeben. Und es ist ebenfalls sechs Jahre her, seit die Herren des Exekutivkomitees gleich nach der Abstimmung gemerkt haben, dass es Sommer in Katar ziemlich heiss ist. Die Mehrzahl der damaligen Entscheidungsträger ist – aus meist wenig rühmlichen Gründen – nicht mehr dabei, darunter der damalige Präsident Sepp Blatter, der zwar jahrelang mit dem Emir schäkerte, aber nicht für Katar stimmte, und Michel Platini, der als Einziger zugab, dass er den Stimmzettel für Katar einwarf, und dafür auch ausreichend Prügel bezog. Der frühere Spieler Platini war es auch, der sogleich die gloriose Idee aufbrachte, die WM-Endrunde in den Winter zu verlegen.

Bleibt das so? Unter dem aggressiven Polit-Marketing, das gegen Katar (aber nicht etwa gegen das viel repressivere Saudiarabien) seither betrieben wird, und unter der Ankündigung der Massen-Endrunden ab 2026 ist die Datumsfrage in den Hintergrund gerückt. Die seinerzeit lautstark lamentierenden Clubs wurden von Sepp Blatter mit einem Zahlungsversprechen von über 200 Millionen Franken besänftigt – der Vereinsverhandler Karl-Heinz Rummenigge nannte dieses Ergebnis konstruktiv.

Das Problem bleibt allerdings ungelöst: Spätestens, wenn die grossen Ligen sich ernsthaft bewusst werden, was ein mehrwöchiger Unterbruch der Meisterschaften im November und Dezember für ein Chaos hervorruft, ist mit Radau zu rechnen. Der Daten-Tsunami ist vorauszusehen, Sponsoren und Fernsehen werden sich einmischen. Der erfolglose Fifa-Präsidentschafskandidat Jérôme Champagne, ein Kenner des Fussballs, hätte im Falle seiner Wahl das Thema sogleich aufgegriffen. Gewählt wurde bekanntlich Gianni Infantino. Er ist in dieser Frage unbelastet. Dennoch sollte er sie aufgreifen. Selbst die Fifa schaut mittlerweile aufs Geld. Mit einer WM im Frühsommer könnte sich Infantino das 200-Millionen-Versprechen seines Vorgängers ersparen. Und einige weitere Probleme dazu.

Benennt den Profifussball um!

Thomas Kistner am Montag, den 6. Februar 2017
Nachspielzeit

Die Berater verdienen kräftig mit: Der wechselwillige Dortmunder Aubameyang. Foto: Sascha Schürmann (AFP)

Immer Ärger mit den Zugvögeln: Das Wechseltheater, integraler Bestandteil des Fussballgewerbes, hält aktuell Klubs in Dortmund und London auf Trab. Bei West Ham United erzwang der Franzose Dimitri Payet seinen Transfer nach Marseille, im Ruhrgebiet erhielt Pierre-Emerick Aubameyang einen Maulkorb zu dem Thema, das er zuletzt öffentlich allzu sehr strapazierte: Ein Wechsel im Sommer nach Spanien könnte die Laufbahn des Gabuners perfekt abrunden.

Beide Profis haben Verträge, Aubameyang gar bis 2020. Was seine Aussage, er müsse jetzt mit 27 Jahren «die nächste Stufe» seiner Karriere anpeilen, als sinnfrei entlarvt: dass er zu Vertragsende in Dortmund 31 sein wird, wusste er bei Unterzeichnung.

Alles Spielchen. In der Summe zeigen sie, dass man den Profifussball in Spielerberaterfussball umbenennen sollte. Bezogen auf die Herrschaften, die hier faktisch allein das Sagen haben; die schon jeden Dorfplatz nach 13-jährigen Rohdiamanten abgrasen, um sie am Ende der Verwertungskette mit persönlichen Gewinnmargen in bis zu zweistelliger Millionenhöhe zu verhökern. Eine völlig aus der Zeit gefallene Handelsstruktur, die einen riesigen Graubereich für transnationale Milliardenflüsse schafft – und die Frage aufwirft, wie viele von denen, die so gern wehklagen über die Landplage der Fussballdealer, selbst profitieren von der Schattenwirtschaft. Auch dieses Thema taucht ja ständig auf, zuletzt dank der Enthüllungsplattform Football Leaks.

Reglementierung wäre problemlos möglich

Gäbe es ein Interesse, das Transfergeschäft halbwegs sauber, fair und transparent abzuwickeln, liesse sich das ziemlich einfach umsetzen. Der Fussball, vom Weltverband Fifa über die Nationalverbände, Ligen und Profiklubs, schreibt sich seine Regeln ja selbst. Da spricht nichts gegen eine scharfe Reglementierung der Wechselwirtschaft. Denkbar wäre etwa eine verbindliche, an Ausbildung und Vermittlungsstandards gekoppelte Lizenzierung aller Spielerberater – und deren feste Anbindung an Verbände und Ligen. So wäre ein Berater bezahlter Dienstleister des Betriebs, nicht Preistreiber im Dienste des eigenen Kontos.

Mit dem Wissen aus 50 Jahren Transfergeschäft liesse sich ein Pflichtenheft erstellen, das die Interessen der Spieler (haben die nicht sogar Gewerkschaften?) ebenso wie die der Klubs umfasst. Würde so ein lizenzierter Dienstleister mit 200’000 Euro im Jahr entlohnt, würden sich fähige Betriebswirtschaftler um den Job reissen. Und die Berater, all die Papas und Onkels, Klempner und Pizzabäcker? Die haben in einem sauberen Geschäft keine Rolle zu spielen. Sie könnten sich weiter um die private Vermögensverwaltung ihrer Klientel kümmern. Bis zum letzten Cent.

Aber das will niemand. Im Gegenteil. In Deutschland haben Verband und Liga im Vorjahr publiziert, dass die Profiklubs allein von März 2015 bis März 2016 mehr als 127 Millionen Euro an Berater zahlten. Zu viel der Transparenz – die Publikation entfällt künftig wieder, teilte die Liga kürzlich mit. Klar, die Geschäfte boomen, und seit 2010 sollen sich die Gesamtkosten aller Bundesligaklubs für Beratergagen verdoppelt haben. Besser also kein grosses Thema draus machen.

Tuchel ist der Beste

Christian Andiel am Donnerstag, den 15. Dezember 2016

In der Premier League tummeln sich die angesagtesten Trainer. Und es tut sich dementsprechend einiges. José Mourinho spielt bei Manchester United längst wieder sein altbekanntes Spiel: Ich lege mich mit allen ausserhalb meiner geliebten Mannschaft an, ich benehme mich daneben, damit aller Zorn, alle Abneigung auf mich fokussiert ist. Und wenn dann die Spieler für ihn durchs Feuer gehen, kann das für kurze Zeit sogar aufgehen. Pep Guardiola ist bei Manchester City noch ungleich schneller in die Kritik geraten als in den letzten Monaten seiner Zeit bei Bayern München. Seine Art, die so selbstherrlich und besserwisserisch klingt, kommt in England noch weniger an, zudem kassiert seine Mannschaft haufenweise Gegentore. Dass er im Training keine Tacklings üben lässt, nehmen ihm die Insel-Raubeine übel. Abgesehen davon, dass das tatsächlich einer der dämlichsten Vorwürfe ist, den ich je gehört habe, abgesehen davon, dass es eher erstaunlich ist, wie weit Guardiola den verhätschelten Sauhaufen von Manchester City eigentlich schon gebracht hat – die englische Presse wird nicht so lange so schleimerisch hörig alles für Gottes Wort halten, was er von sich gibt.

Wird also spannend, mitzuverfolgen, wie es bei den beiden Manchester-Clubs weitergeht. Wie sich Jürgen Klopp bei Liverpool hält, wenn Goalie Karius weiter nicht die nötige Souveränität ausstrahlt, wenn Klopp sich noch häufiger mit bewährten Kämpen wie den Neville Brothers anlegt. Am souveränsten war bislang der Auftritt von Chelsea unter dem italienischen Temperamentbolzen Antonio Conte, der es offenbar sogar geschafft hat, den normalerweise unsäglichen Diego Costa zu bändigen und ihm seine ewigen Provokationen auszutreiben. Wie der Spanier bei West Brom den einzigen nennenswerten Fehler des Gegners ausnutzte, wie er dann den Ball im Netz versenkte – das war schlicht grossartig.


Jürgen Klopp legt sich mit den Neville Brothers an. Quelle: SportingLife/Youtube

Und doch – trotz aller tollen Geschichten rund um die Premier-League-Coaches: Am spannendsten finde ich mittlerweile Thomas Tuchel. Der hat sich in relativ kurzer Zeit eine Position erarbeitet und erredet, die vor ihm zumindest in der Bundesliga keiner innehatte. Klopp ist der geborene Rhetoriker, ein Meister des scharfen Wortes. Guardiola war der Taktik-Gott, der aber kaum einmal etwas von Bedeutung sagte, weil er lieber gar nicht redete mit Leuten, die nicht auf seinem intellektuellen Niveau sind (also eigentlich niemand). Jupp Heynckes war ein so sympathischer wie langweiliger weil stets korrekter Coach, Otto Rehhagel eigentlich gerade dem Ende entgegen ein Kasper.

Tuchel hat irgendwie von allen etwas. Wie er seine Mannschaft nach dem 1:2 in Frankfurt öffentlich zusammenfaltete, das war gegen alle Regeln der inneren Gemeinschaft eines Teams. Wie er eine Woche später, nach dem glorreichen 4:1 gegen Gladbach, sagte: Dies sei nicht das Resultat seiner Brandrede gewesen, sondern einfach der Tatsache geschuldet, dass er vor diesem Spiel eine komplette Trainingswoche gehabt habe mit den Spielern, ungestört von internationalen Einsätzen. Tuchel legt sich mit Kollegen an und rechnet ihnen vor, wie viele Fouls ihr Team gegen die Borussia begangen hat. Wirkt das ein bisschen nach Oberlehrer? Klar, aber was solls, die Fakten geben ihm recht.


Tuchels Brandrede nach der Niederlage in Frankfurt. Quelle: hrfernsehen/Youtube

Wenn man Interviews von Tuchel hört, Pressekonferenzen, dann spürt man die unbändige Lust, den Fussball in allen seinen Details zu sezieren, und zwar mit den Menschen, die gerade da sind. Klar, das lässt die Zeit nicht zu, aber Tuchel ist kein abgehobener Typ, er brennt vor Leidenschaft, er ist ein Taktikfuchs und Menschenversteher. Er ist noch jung, und er wird Fehler machen. Aber ich freu mich schon enorm darauf, ihm dabei zuzusehen. Und danach miterleben zu dürfen, wie er alles wieder gut und noch viel besser macht.

Abpfiff im Stadion der Sehnsucht

Oliver Kraaz am Donnerstag, den 24. November 2016

Und plötzlich war alles fertig. Nach 46 Jahren. Aus, Amen. 3:1 schlägt der SC Kriens den FC Köniz. Dass Kriens kurz vor Schluss noch einen Gegentreffer kassiert hatte, war im kollektiven Bier- und Kaffeeschnaps-Nebel der Fans untergegangen. Für sie waren die letzten 90 Minuten längst zu einem lang anhaltenden Abschiednehmen von der Kultstätte geworden. Von einem Kleinstadion, das in den letzten Jahren bis ins Letzte vergammelt war und das es eigentlich gar nicht mehr geben durfte.

Groteskerweise wuchs die Zuneigung vieler Fans mit jeder rostigen Schraube noch mehr. Zugegeben gut gezählte 1944 Fans kamen so zur Derniere am vergangenen Samstag. 1944 ist übrigens das Gründungsjahr des SC Kriens. Aber so oder so sind auch die wahrscheinlicheren 1400 Zuschauer bei eisiger Affenkälte für die Promotion League eine enorme Zuschauerzahl.

Kein Wunder, denn das Kleinfeld ist ein besonderes Stadion. Ein Relikt aus einer Zeit, als man im Fussballstadion (gross und klein) nur Fussball spielen wollte. Aus einer Zeit, als Altersheime und Einkaufszentren noch in andern Gebäuden im Ort untergebracht waren. Und nicht gleich hinter dem Totomat in die Höhe ragten.

Das Tor von Uli Forte

Und was hier los war: Christian Gross verlor hier im regendurchweichten Sakko in der 91. Minute durch einen Penalty. 1997, in der NLA. Der FC Basel mit Maurizio Gaudino und Trainer Jörg Berger im selben Jahr. Dann Thun und Xamax in den 2000er-Jahren im Cup. Und einmal verlor der FC Bayern München – mit Stefan Effenberg und lauter Stammspielern – in einem Vorbereitungsturnier im Elfmeterschiessen. Einer der Torschützen für Kriens war ein gewisser Uli Forte.

So etwas kann man nicht vergessen. Will man nicht vergessen. Auch wenn die Gegner unterdessen Breitenrain, Köniz oder Brühl heissen. Das morbid-kaputte Kleinfeld stellte zusammen mit der Winterthurer Schützi und dem Aarauer Brügglifeld eine der letzten Stätten der alten Fussballkultur dar, die in den letzten Jahren noch NLA-, NLB- bzw. ChL-Luft schnupperten oder geschnuppert haben. Eine Reise aufs Kleinfeld war immer eine Zeitreise.

Jetzt ist Endstation. Es wird gebaut, bis 2018 das neue Stadion eröffnet wird. An alter Stätte. Aber ob es noch etwas mit dem Geist des alten Kleinfelds zu tun haben wird? Selten ist der Wechsel geglückt. Das Stade de Suisse ist immer noch nur die steife Halbschwester des alten Wankdorf? Und beim Letzigrund ist alles einfach nur traurig. Ja, Stadionumbauten können tödlich sein. Für die Seele eines Vereins.

Heillose Romantiker

Und diese Angst geht auch in der Krienser Fankultur um, die schon immer sehr eigen war. In die Wehmut um das alte Stadion mischt sich die Angst vor dem Neubau. Dieser sieht auf dem Reissbrett sehr kalt aus. So, wie eben Neubauten aussehen. Kommt dazu, dass das neue Stadion einen Kunstrasen haben wird. Was für viele Fans so schlimm ist wie eine Saison lang alkoholfreies Bier im Ausschank.

Das Problem ist aber erkannt. Viele Fans und ehrenamtliche Helfer des Vereins werden in die Detail-Planung miteinbezogen. Das neue Kleinfeld soll auch die Handschrift der Fans tragen. Das klingt heillos romantisch. Aber in Kriens ist man Romantiker. Dadurch hat man zwar nicht alles richtig gemacht. Dafür aber auch nicht so viel falsch wie andere.