Lotto ist korrekter als Spitzenfussball

Guido Tognoni am Donnerstag, den 20. April 2017
Die Spieler jubeln zu unrecht: Real Madrid nach dem zweiten Treffer von Cristiano Ronaldo gegen Bayern München. Foto: Daniel Ochoa de Olza (AP Photo, Keystone)

Die Spieler jubeln zu Unrecht: Real Madrid nach dem zweiten Treffer von Cristiano Ronaldo gegen Bayern München. Foto: Daniel Ochoa de Olza (AP Photo, Keystone)

Was ist los mit den Schiedsrichtern? Hat es zu wenig gute, sind die besten nur in einem Formtief, oder sind sie dem aktuellen Fussball nicht mehr gewachsen? Irgendetwas stimmt da nicht mehr. Wir sehen in jüngster Zeit zu viele Spiele, die von falschen Entscheidungen massgeblich beeinflusst wurden. Und zu den Spielleitern gehören auch die Linienrichter, die bekanntlich mittlerweile zu Schiedsrichter-Assistenten befördert worden sind. Wenn etwa derart klare Abseitspositionen wie jene Ronaldos vor dem 2:2-Ausgleich Real Madrids nicht bemerkt werden, ist das mehr als nur ein Betriebsunfall, wie er von Fussballromantikern als unvermeidlicher Teil des Spiels verklärt wird. Das irreguläre Tor Ronaldos lieferte eindrückliche Bilder: hier der blitzschnelle Angriff der Spanier, da ein Schiedsrichter, der vom Tempo gleichermassen überfordert wird wie der Assistent an der Linie, welcher der Aktion statt auf Ballhöhe um mehrere Meter hinterherhechelt.

Millionen Zeugen

Millionen haben den Regelverstoss gesehen, nur der Schiedsrichter nicht. Die Bayern, für einmal nicht mit dem traditionellen Bayern-Bonus gesegnet, schäumen, und dies zu Recht. Solch krasse Fehlleistungen der Schiedsrichter sollten die Fifa endlich dazu bewegen, das gesamte System zu überdenken. Es braucht beispielsweise keine Torrichter, die quasi als bezahlte Fussballtouristen bei Spielen der Uefa die verlängerte Torlinie dekorieren und zwischendurch sogar jene Szene nicht beurteilen können, die in jedem 500. Spiel vorkommt, während es in jeder Partie mehrere umstrittene Abseits- und Elfmeterszenen gibt. Michel Platini hat diese Torrichter aus Trotz eingeführt, weil sein Rivale Sepp Blatter nach Jahren des Zauderns endlich seine Zustimmung für die Anfänge des Videobeweises gegeben hatte.

Jeder Quadratzentimeter ist reglementiert

Die perfekte Lösung für die Spielleitung wird es nie geben. Das Problem ist, dass nicht einmal ernsthaft nach Verbesserungen gesucht wird. Fifa-Präsident Gianni Infantino verschliesst sich zwar nicht dem Videobeweis, aber eine klare Richtungsangabe fehlt. Tatsache ist einzig, dass der Fussball rituell abgesicherte Ungerechtigkeit bleibt, solange die vorhandenen technischen Hilfsmittel nur für die Zuschauer, aber nicht für das Spiel eingesetzt werden. Fifa und Uefa reglementieren ausserhalb des Spielfelds jeden Quadratzentimeter Raum, den es zu vermarkten gibt. Aber die Spielleitung, die über die Verteilung der Millionen aus den gigantischen Geldmaschinen entscheidet, befindet sich noch im sportlichen Mittelalter. Lotto läuft korrekter ab als Fussball – das ist nicht nur schwer zu ertragen, sondern ganz einfach absurd.

Auf den Bart gekommen

Guido Tognoni am Freitag, den 14. April 2017


Nur wenige würden zugeben, dass auch Männer willens sind, sich seltsamen Modeströmungen auszuliefern, was bisher eher ein Privileg des weiblichen Geschlechts war. Dennoch: Die Drei-, Vier-, Fünf- und Sechstagebärte halten sich zäh und scheinen sogar weiterhin auf dem Vormarsch, denn selbst in der Männermode gibt es offensichtlich noch letzte Mohikaner.

So ist auch Vladimir Petkovic, weltweit der Nationalcoach mit den schönsten Zähnen, vor einigen Wochen dem Kurzbarttrend erlegen, Borussia-Dortmund-Coach Thomas Tuchel versucht sich mit einem Dünnbart, der seinem asketischen Aussehen entspricht, der gelernte Coiffeur Alain Suter, stilbildend für Kopfschmuck und schmerzfreie Analysen, doziert im Schweizer Fernsehen mit zweifarbigem Bart, wie auch Basels Neo-Sportchef Marco Streller das Bartmesser nur sehr dosiert einsetzt.

In den 70ern war es der Schnauz

Uli Forte, mit dem FC Zürich auf Erfolgskurs, darf immerhin für sich in Anspruch nehmen, dass er bereits auf einen rustikalen Gesichtsausdruck Wert legte, noch bevor weite Männermassen sich vom Bartzwang mitreissen liessen. Völlig antizyklisch verhält sich dagegen der neue GC-Coach Carlos Bernegger: Sein Kopf- und Gesichtsschmuck besteht aus einem radikalen Nichts. Auch Cristiano Ronaldo, der Spieler mit dem makellosen Körper, verzichtet auf Barthaar, während sein ewiger Rivale Lionel Messi die Gegner nun mit einem Vollstrupp ausdribbelt. Erstmals sieht Messi nicht mehr jünger aus als er ist, sondern älter, so richtig erwachsen. Mats Hummels, der schwarzhaarige deutsche Nationalverteidiger, lief vor kurzem gar mit einem blonden Bart auf. Jedenfalls gehören mittlerweile nicht nur die Frisuren, sondern auch die Bärte zu den besonderen Kennzeichen von Fussballprofis.

Eine ähnliche maskuline Massenbewegung wie heute gab es bereits einmal in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrtausends. Der Schnauz des amerikanischen Wunderschwimmers und mehrfachen Olympiasiegers von München 1972, Mark Spitz, animierte Millionen Männer, zwischen Oberlippe und Nasenspitze ein Gestrüpp wachsen zu lassen, so unpassend, um nicht zu sagen lächerlich, es bei vielen Trägern auch ausgesehen haben mag. Der Trend verschwand bald einmal schneller, als er gekommen war. So weit sind wir bei den Bärten noch nicht.

Wann kommt die Transfersteuer der Fifa?

Guido Tognoni am Mittwoch, den 5. April 2017

Neymar ist der aktuelle Kandidat für einen 200-Millionen-Euro-Transfer. Foto. Paulo Whitaker (Reuters)

Der erste 200-Millionen-Transfer der Geschichte ist nur eine Frage der Zeit. Der unter dem Namen Silva Santos Junior unbekannte und als Neymar sehr bekannte Stürmer des FC Barcelona ist der wahrscheinlichste Kandidat, um diese irre Summe zu bewegen. Und als Käufer kommt noch vor den englischen oder chinesischen Bietern Real Madrid infrage, dies allein schon, weil niemand den FC Barcelona lieber ärgern möchte als der ewige Rivale aus der Hauptstadt.

Neymars Transfersumme soll vorderhand noch auf 190 Millionen Euro festgeschrieben sein. Doch wer 190 Millionen für zwei gut trainierte Beine ausgibt, der kann gleich auch fünf Prozent mehr und damit 200 Millionen hinlegen und die entsprechenden Schlagzeilen ernten. Falls Fussball vernünftig wäre (er ist es nicht): Jeder Verein, dem für einen Star 200 Millionen Euro angeboten wird, müsste diesen Spieler sogleich mit einem Trainingsverbot belegen, damit er sich nicht noch verletzen kann, bevor der Transfer vollzogen ist.

Im obszönen Bereich

Es ist nutzlos, sich über das verrückte Treiben auf dem Transfermarkt auszulassen. Das Geld ist offenbar vorhanden, und seitdem China das Prestige des Fussballs erkannt hat, sind die Lohn- und Transfersummen ohnehin noch mehr in jenen obszönen Bereich gestiegen, in dem sie angelangt sind, seitdem das Fernsehen dem Fussball als Geldmaschine dient. Die Summen sind einzig halbwegs vergleichbar mit jenem Geld, das in der Kunst für angesagte Maler ausgegeben wird. Mit dem Unterschied allerdings, dass ein Neymar echt ist, was man nicht von jedem teuer erstandenen Van Gogh sagen kann.

Skala von 1 bis 5 Prozent

Was soll die Fifa machen? Soll sie eingreifen und Höchstlimiten ansetzen mit dem Ergebnis, dass sogleich Wege gefunden werden, um diese Vorschrift zu umgehen? Die Transfersummen gleich abschaffen würde die Falschen treffen und die Löhne nur noch mehr erhöhen. Zudem ist davon auszugehen, dass bei einem Verbot der Transfersummen die Gelder einfach unter dem Tisch die Hände wechseln würden. Es bleibt eine dritte, die wohl vernünftigste Option: Die Fifa besteuert die Transfers, und zwar möglichst progressiv, beispielsweise mit einer Skala von 1 bis 5 Prozent, je nach Höhe der Summe. Die Einnahmen wären beträchtlich, Projekte für die sinnvolle Verwendung des Geldes sind leicht zu finden.

Die Versuchung der Steuerhinterziehung wäre im Fussball natürlich nicht kleiner als anderswo. Aber die Fifa hätte es in der Hand, die Fehlbaren umso drastischer zu bestrafen. Sie müsste es nur wollen.

Die Grasshoppers im Dorf der Osterhasen

Guido Tognoni am Dienstag, den 4. April 2017

Carlos Bernegger bei seinem ersten Training im GC-Campus in Niederhasli. Foto: Siggi Bucher (Keystone)

Die Clubadresse der Grasshoppers ist Niederhasli. Nicht etwa Oberhasli. Richtig: Nie-der-has-li. Der Rekordmeister lässt sich seine Post nach Nie-der-has-li schicken. Wer denkt an Fussball, wenn man den Namen Niederhasli hört? Der Osterhase passt zu Niederhasli, eine weltberühmte Kaninchenzucht würde auch passen, ein grossartiges Jodelchörli («Echo vom Niederhasli») ebenfalls, sicher auch ein Verein von Freunden der Modelleisenbahn. Aber Spitzenfussball?

Am Sonntagnachmittag lagen die Grasshoppers aus Nie-der-has-li während einiger Zeit auf dem letzten Rang, und wären die tapferen Vaduzer aus dem ausländischen Liechtenstein nicht in der Nachspielzeit gegen die Young Boys, nach dem FC Basel die zweitteuerste Mannschaft der Schweiz, eingebrochen, würde der Rekordmeister aus Niederhasli mindestens eine Woche lang die rote Laterne tragen müssen. 1. FC Basel, 10. FC Niederhasli. Unglaublich.

Schwamendingen liegt näher

Es war gewiss eine löbliche Absicht der damaligen Führungsriege der Grasshoppers, in der Provinz ein Fussballzentrum zu bauen. Allerdings ist Zürich nicht Afrika, wo junge, völlig mittellose Spieler nicht nur trainiert, sondern auch gepflegt und ernährt werden müssen. In der Schweiz werden die Jungs, vor allem jene aus den Balkanländern, von ihren Eltern und Verwandten gezielt und unter grossen persönlichen Opfern in den Fussball erzogen und aufgebaut. Die Familien stehen ihren Hoffnungsträgern jahrelang bei. Seitdem die Grasshoppers ihr Camp in Niederhasli eingeweiht haben, kommen die besten Nachwuchsspieler nicht etwa von GC, sondern aus der Schule des FC Zürich. Schwamendingen liegt näher als Niederhasli.

Ein Student muss drinliegen

Es mag Zufall sein oder auch nicht, aber seitdem die Grasshoppers Niederhasli besiedelt haben, geht es nicht aufwärts, sondern abwärts. Der sogenannte Campus hängt als finanzieller Bleifuss am Club, und die Spiele im Durchzugstadion Letzigrund anstelle des voreilig zertrümmerten Hardturm sind für den heimatlosen Verein Strafaufgaben. Irgendetwas läuft schief beim ehemaligen Nobelclub. Ein Wechsel von Niederhasli nach Oberhasli wäre wenigstens vom Klang des Namens her ein kleiner Fortschritt, würde jedoch kaum grosse Besserung bringen. Aber die Grasshoppers müssen eine Zeitenwende erzwingen, bevor es zu spät ist. Zumindest ein Postfach in Zürich müsste es sein. Grasshopper-Club, Postfach, 8021 Zürich ist jedenfalls besser als Postfach 377, 8155 Niederhasli. Ein Student oder Nachwuchsspieler, der die Briefe täglich nach Niederhasli bringt, muss im 20-Millionen-Budget drinliegen.

Grasshoppers im Postfach in Niederhasli – so etwas geht einfach nicht.

Petkovic darf kein Mitleid zeigen

Guido Tognoni am Montag, den 27. März 2017

Keine Gegner unterschätzen, und seien sie noch so klein: Vladimir Petkovic vor den Medien in Genf, am Tag vor dem 1:0 gegen Lettland. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Einst gab es Albanien, Luxemburg, Malta und Zypern. Wer als Nationalcoach gegen eine dieser Mannschaften verlor, musste schwer um seinen Posten bangen. In jener Zeit war ein Spiel wie Italien – Liechtenstein nicht einmal vorstellbar. Heute gibt es nicht nur Liechtenstein, es gibt auch Andorra, San Marino, die Felsenkicker aus Gibraltar, es fehlen nur noch der Vatikan und die Kanalinsel Jersey. Zudem haben der Zerfall Jugoslawiens und die Auflösung der Sowjetunion Europas Fussballkarte verändert.

Waljäger mit Zipfelmütze im Tor

Die Frage, ob Spiele wie Belgien – Gibraltar, Deutschland – San Marino, Liechtenstein – Italien oder Andorra – Färöer den Fussball weiterbringen, stellt sich nicht. Die Spiele sind nun einmal einfach da und setzen, weil es sich um Fussball handelt, Hunderte Marketing-Millionen um. Zudem haben vor Jahren die Waljäger der Färöer mit einem Torhüter mit Zipfelmütze Österreich geschlagen und dem weltweiten Spott ausgesetzt, und die Karriere von Rolf Fringer als Nationalcoach erlitt 1996 bei einer Niederlage in Aserbeidschan einen Knacks, bevor sie richtig begonnen hatte. Andererseits ermöglichen heute Gegner wie Färöer, Andorra und Lettland der Schweiz, historische Siegesserien hinzulegen.

Rolf Fringer nach dem WM-Qualispiel gegen Aserbeidschan 1997 in Zürich, kurz bevor bekannt gegeben wurde, dass sein Vertrag nicht verlängert wird. Foto: Keystone

Aber sonst? Viel interessanter als das Geschehen auf dem Feld ist in der Regel der journalistische Umgang mit solchen Spielen. Kein Journalist darf schreiben, dass die Schweiz mit all ihren Auslandprofis Andorra oder die Färöer 7:0 wegputzen müsste. Und obwohl Nationalcoach Vladimir Petkovic mit seinen Kollegen aus Andorra und den Färöern Mitleid haben sollte, darf er das niemals zugeben.

«Es gibt keine schwachen Gegner mehr» gehört zu den eisernen Pflichtaussagen, selbst wenn man gegen die schlechteste Mannschaft der Welt antritt. Zudem darf man solche Aussenseiter «nicht unterschätzen», oder sie sind «körperlich robust», was offenbar bereits eine bedrohliche Ausgangslage ist.

Lauter «unberechenbare Gegner»

Falls die Schweiz morgen gegen die Malediven spielen würde, wären diese aus der Sicht des Nationalcoachs zumindest «ein unberechenbarer Gegner». Alain Sutter, Fussballphilosoph des Schweizer Fernsehens, brachte es vor dem Anpfiff gegen Lettland auf den Punkt: für den Sieg komme es «auf die Einstellung» an.

Die deutschen Journalisten waren vor dem Spiel in Baku erleichtert darüber, dass sie über die Menschenrechtslage in Aserbeidschan berichten konnten, statt den schwachen Gegner stark schreiben zu müssen. Und die deutsche Industrie ihrerseits war sicher froh, dass wieder einmal der Sport für sie in die Bresche sprang und den Mahnfinger erhob, was zwar sympathisch, aber nach wie vor wirkungslos ist.

Sitzordnung ist Hackordnung

Guido Tognoni am Donnerstag, den 23. März 2017

Wer steht wo? Auf diesem Gruppenfoto aus dem Jahr 2008 entdeckt man zum Beispiel Sepp Blatter (vorne, Dritter von rechts). Foto: Alessandro della Valle (Keystone).

Das einzige sichtbare und bleibende Ergebnis der vielbeschriebenen Konferenzen der G-8- oder G-20-Staaten ist jeweils das Standbild aller Teilnehmer. Wer da nicht drauf ist, ist nichts und niemand. Umgekehrt: Auf dem gemeinsamen Bild mitlächeln reicht aus, um der Welt die eigene Bedeutung zu vermitteln. Was der gelangweilte Leser und Zuschauer nicht bemerkt: Wer wo und neben wem steht, ist für die Teilnehmer nicht nur sehr, sondern extrem wichtig. Die Position auf dem Bild wird sogar dann von grösster Bedeutung sein, wenn sich die Politiker dereinst um Donald Trump scharen werden.

Veritabler Kulturschock

Stehordnung beziehungsweise Sitzordnung ist Hackordnung. Das sieht man bei den Politikern, bei den Sitzungen von Verwaltungsräten, das sieht man auch auf den Tribünen von Fussballspielen, auf denen sich im Verlaufe der jüngsten Vergangenheit immer mehr Leute – Offizielle, Wirtschaftskapitäne, Politiker und einige andere Unvermeidliche – die Schultern reiben. Wer etwa einmal bei einem grossen Verband gearbeitet hat, der weiss, dass die falsche Sitzordnung auf der Ehrentribüne eines Endspiels gleich das ganze Turnier versauen kann. Zum Glück merkt der Fan nichts davon.

Deshalb verdient eine vermeintlich nebensächliche Bemerkung des neuen Uefa-Präsidenten Aleksander Ceferin grosse Beachtung. Der 49-jährige Jurist Ceferin, vor einem Jahr noch ein unbekannter Fusballfunktionär im tiefen Slowenien, inzwischen als Folge der internationalen Turbulenzen auf höchster Ebene als Nachfolger von Michel Platini Präsident des wichtigsten Kontinentalverbandes und in dieser Funktion vielleicht der mächtigste Mann im Weltfussball, hat in einem Interview mit der «New York Times» Grosses angekündigt: In Zukunft werden bei den Versammlungen der Uefa die Mitglieder des Exekutivkomitees im gleichen – also nicht mehr im besseren – Hotel schlafen und nicht mehr separat dinieren. Ab sofort wird bei den gemeinsam zelebrierten Nahrungsaufnahmen, sozial überaus wichtige Elemente eines Fussballkongresses, auch freie Sitzordnung herrschen. Das ist für einige altgestandene Funktionäre ein veritabler Kulturschock.

Der Protestkandidat

Damit handelt Ceferin so, wie er aussieht. Jugendlich, drahtig und schlank, das Haar etwa gleich lang wie der offenbar modisch erforderliche Fünftagebart, zudem Karatekämpfer wie Wladimir Putin. Er vermittelt alles andere als das Bild des verfettenden Sportfunktionärs. Ceferin wurde im vergangenen September als Protestkandidat überraschend klar gewählt und scheint dieses Protestpotenzial seiner Wähler richtig einzustufen. Es mag seltsam klingen, aber allein schon die freie Sitzordnung bei den lukullischen Fünfstern-Dinners müsste tatsächlich den Beginn einer neuen Uefa bedeuten. Warten wir gespannt auf weitere Überraschungen.

Warum Petkovic lieber Snapchat benutzt hätte

Florian Raz am Mittwoch, den 22. März 2017

Bär, Ball, Bowling, Bilderrätsel. Vladimir Petkovic präsentiert sein Motto für das Lettenspiel. Foto: Keystone

Das Leben ist nicht einfach für Fussballtrainer. Denn Fussballer haben eine ähnlich kurze Aufmerksamkeitsspanne wie ein derzeit handelsüblicher US-Präsident. Gucken Sie sich zum Beispiel an, wie die Verteidiger von Arsenal bei gegnerischen Eckbällen immer ganz brav auf ihrer Position stehen. Und kaum kommt der Ball geflogen, sind sie auch schon wieder weg, weil die kleinen Racker vergessen haben, warum sie überhaupt im eigenen Strafraum sind.

Gerne greift der Fachmann deswegen zu optischen Mitteln, um der Mannschaft seine Botschaft zu vermitteln. Christian Gross war in seiner Zeit beim FC Basel ein Meister dieses Fachs. Mal liess er Meisterpokale in Schokoladenform giessen, mal hing ein Haikopf in der Garderobe, mal stand ein Steinbock herum. Und FCZ-Coach Uli Forte spielte seinen Profis vor der Cuppartie in Basel noch einmal die schönsten Cupszenen der letzten Monate vor – natürlich unterlegt mit emotional aufwühlender Musik. Gut, das hat dann ja auch nichts gebracht. Aber item.

Visuelle Motivation

Jetzt hat sich auch Vladimir Petkovic unter die visuell arbeitenden Trainer gesellt. Und sagen wir mal: Das Ergebnis überzeugt uns so mittelprächtig. Natürlich, die Geschichte, die der Schweizer Nationalcoach erzählen will, ist in sich stimmig. Vor dem letzten Spiel vor der Winterpause hatte er seine Mannschaft zum Bären gemacht, der sich noch etwas Winterspeck zulegen muss, bevor er schlafen darf. Jetzt muss der Bär wieder aufwachen und sozusagen als erste Frühlingsnahrung Lettland verspeisen.

Aber warum mischt man das mit Bowling? Und mit einem Ball? Geht es um Alliteration? Bär, Ball, Bowling? Wer hat das grafisch umgesetzt? Wieso brüllt der Bär den Betrachter an – und nicht die Bowling-Pins, die er ja offenbar mit einem Ball umwirft, auf dem die Schweizer Flagge ist? Ist der Bär die Schweiz? Oder ist der Ball die Schweiz? Und wenn die Schweiz der Ball ist, wer ist dann der Bär? Oder ist es gar kein Ball – und der Bär trägt einen Gotthard-Basistunnel-Arbeiterhelm mit Schweizerkreuz? Wieso eigentlich Bowling und nicht Kegeln, was doch viel helvetischer wäre?

Vor allem aber: Warum Print? Viel besser wäre gewesen, Petkovic wäre mit der Zeit gegangen. Wie Ralph Krueger im Jahr 2000. Der Schweizer Nationaltrainer schickte damals seinen Hockey-Helden eine SMS: «Glaube an das Unmögliche und das Unmögliche wird möglich.» Die Schweiz schlug folgerichtig das Heimteam Russland 3:2.

Es gibt nur eine Lösung: Snapchat

Auf heute umgelegt, bedeutet das: Petkovic müsste seine Spieler auf Snapchat kontaktieren. Da würde sich garantiert eine Snapperei entwickeln, die dem Teamgedanken nur förderlich sein kann. Etwa so:

Start Petkovic

Xherdan Shaqiri

 

Valon Behrami

 

Granit Xhaka

 

Yann Sommer

 

Und dann klinken wir uns langsam aus.

Das Problem des Fussballs mit dem Kopf

Guido Tognoni am Donnerstag, den 9. März 2017

Schon ein übliches Kopfballtraining kann Gehirnfunktionen beeinträchtigen: Kopfballduell in der mexikanischen Liga. Fotos: Keystone

Fussballer haben ein Problem mit dem Kopf. Es geht dabei nicht darum, wie viel Intelligenz es braucht, um als Spieler zu erkennen, dass es beispielsweise für das Ausziehen des Leibchens beim Jubel nach einem Torerfolg zwangsläufig eine Verwarnung gibt. Das Problem sitzt tiefer: Kopfbälle können das Hirn schädigen. Oder noch schlimmer: Kopfbälle schädigen das Gehirn.

Bereits in den Achtzigerjahren warnten Ärzte in den USA die Fifa vor Hirnschäden, die von Kopfbällen verursacht worden sind. Nur nahm in Europa niemand von solchen Warnungen Notiz, zumal diese aus einer Weltgegend stammten, die nicht gerade zu den Pionieren des Fussballs gezählt werden kann. Das Stichwort Fussballerdemenz wurde schlicht ausgeblendet.

Kopfschlagbilanzen geben immer mehr Medizinern zu denken

Mittlerweile wird das Thema etwas ernster genommen, wobei das Schweizer Eishockey dem Fussball weit vorangeht und in jüngster Zeit Kopfverletzungen grosses Gewicht beimisst. So müssen Spieler allein schon bei begründetem Verdacht auf Hirnerschütterungen pausieren. Aber auch im Fussball werden die Bedenken lauter. Eine Untersuchung der Universität Stirling in Schottland ergab, dass allein schon ein übliches Kopfballtraining kleine, aber bedeutsame Beeinträchtigungen der Gehirnfunktionen, namentlich des Gedächtnisses, hervorrufen kann.

Das Stichwort Fussballerdemenz wurde schlicht ausgeblendet: Begegnung in der 2. Bundesliga.

Es ist in der Tat nicht einzusehen, dass beispielsweise Abstösse von Torhütern, die von gegnerischen Verteidigern mit dem Kopf zurückgeschlagen werden, sonderlich gesund sein sollen. Ein Fussballprofi spielt während einer Karriere Tausende von Kopfbällen, einige ganz sanft, andere hart, nicht wenige sehr hart, von Zusammenstössen mit gegnerischen Köpfen nicht zu reden. Solche Kopfschlagbilanzen, die nur mit jener von Boxern vergleichbar sind, geben immer mehr Medizinern zu denken.

Schottland diskutiert eine pragmatische Lösung

Gleichwohl ist Fussball ohne Kopfbälle nicht vorstellbar. Der Verzicht auf Kopfbälle, der vielleicht im Jugendfussball durchsetzbar wäre, würde dem Erwachsenenfussball fast den ganzen Reiz nehmen. Kopfbälle gehören zu diesem Sport. Eine pragmatische Lösung wurde dieser Tage in Schottland diskutiert, nachdem die langjährige Demenz des früheren Celtic-Captains Billy McNeill publik gemacht worden war: Profispieler sollen sich vertraglich dazu verpflichten, im Falle von Hirnschädigungen keinen Anspruch auf Entschädigung geltend zu machen. Damit wäre bei Fussballerdemenz, welche Ursache sie auch immer hätte, wenigstens das Haftungsproblem geregelt.

Ein anderer Ausweg aus dem Dilemma zwischen Sport und mentaler Gesundheit – die körperliche Unversehrtheit ist bei den meisten Sportarten ohnehin kein Thema – ist leider für den Weltsport Nummer 1 nicht in Sicht.

Die Kopfschlagbilanzen sind mit jenen von Boxern vergleichbar: Luftkampf in der Super League 2009.

Maracanã – der letzte Stadionkadaver

Guido Tognoni am Donnerstag, den 2. März 2017

Der Platzwart machte sich vom Acker: Aktuelle Luftaufnahme des Maracanã in Rio de Janeiro. Fotos: Nacho Doce (Reuters)

Maracanã. Allein schon der Name des Stadions vergeht auf der Zunge. Maracanã stand Jahrzehnte als Bühne für den klassischen brasilianischen Fussball, den Journalisten als Samba-Fussball bezeichnen, für grosse Siege und auch für noch grössere Niederlagen, verlor doch Brasilien 1950 im Maracanã das WM-Endspiel gegen Uruguay 1:2. Jenes Trauma wird wohl nur noch vom monumentalen 1:7-Debakel gegen Deutschland in den Halbfinals der WM-Endrunde 2014 überhöht. Diese Niederlage verhinderte den Einzug ins Maracanã, wo an Stelle der schlaffen Samba-Truppe Deutschland und Argentinien um den Titel kämpften. Zwei Jahre später holten sich die Brasilianer an gleicher Stelle wenigstens olympisches Gold.

Nehmen Sie Platz – wenn Sie einen Sitz finden.

Seither geht es mit dem Maracanã nur noch bergab. Innerhalb weniger Monate verlotterte das Stadion derart, dass nicht einmal mehr Führungen gemacht werden konnten. Heute kann man erkennen, wie schnell ein Stadion zu einem Abbruchobjekt wird, wenn man es nicht pflegt und in der Krise das Geld nicht einmal mehr ausreicht, um die Stromrechnungen zu bezahlen.

Das Maracanã spiegelt den Niedergang des modernen Brasilien, ein ökonomisch und administrativ kaputter Staat, der sich an Fussball-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, den beiden grössten Sportveranstaltungen unserer Zeit, mit Milliardeninvestitionen übernommen hat.

Bilder des Jammers

Das Maracanã-Stadion steht aber auch für überrissene Ansprüche, die der Sport bei Grossveranstaltungen immer wieder stellt und die nur deshalb erfüllt werden, weil die Politiker für diese vielfach absurden Anlagen niemals einen Cent aus eigener Tasche zahlen müssen, von der Korruption erst gar nicht zu reden. Es gibt allerdings keinen Grund, nun mit Schadenfreude nach Rio de Janeiro oder andere Städte Brasiliens zu blicken, wo Milliardenprojekte vergammeln.

Sportruine mit und ohne Smog: Das Nationalstadion in Peking, entworfen von Herzog & de Meuron. Fotos: Reuters

Die vor sich hin faulenden Sportanlagen der Olympischen Spiele in Athen 2004 sind Bilder des Jammers, das einstmals berühmte «Vogelnest» in Peking ist eine Sportruine, und die Fussball-WM-Endrunde in Südafrika forderte mehrere sinnlose, überdimensionierte Stadionbauten.

Soziale Verantwortung?

Dasselbe geschah für diverse Euro-Turniere, jenes von 2008 in der Schweiz und Österreich nicht ausgenommen. Klagenfurt leidet seit Jahren unter einem zu grossen Stadion, die Stadt Genf ebenso, und der panikartig für die Euro durchgepeitschte neue Letzigrund freut nur die Leser von Architekturbüchern.

Unsere Kathedralen stehen unbeschadet 500 Jahre, die Stadien kaum einmal deren 50, einige Protzbauten nicht einmal 10 Jahre. Irgendetwas stimmt da nicht. Die Sportverbände pflegen sich regelmässig ihrer sozialen Verantwortung zu rühmen. Die rund um den Globus liegenden Sportstättenkadaver bezeugen leider das Gegenteil.

Es war einmal ein Beachvolleyball-Stadion, damals, 2004 in Athen. Foto: Yorgos Karahalis (Reuters)

Büsst Carlo Ancelotti für den dipitus impudicus?

Guido Tognoni am Donnerstag, den 23. Februar 2017

Bayern Münchens Trainer verleiht dem Stinkefinger neuen Schub. Foto: Matthias Schrader (Keystone)

Der Mittelfinger hat höchstens bei Konzertpianisten, Gitarristen und Stargeigern die gleiche monumentale Bedeutung wie im Fussball. Dort darf jeder die Daumen hochhalten, mit dem Zeigefinger drohen oder loben, oder den kleinen Finger dem Gegner in die Nase stecken. Aber Mittelfinger geht nicht. Richtige Berühmtheit erlangte der Mittelfinger zwar erst durch eine Geste des früheren deutschen Mittelfeldstrategen Stefan Effenberg, der nach dem offenbar sport-ethisch unsachgemässen Gebrauch von Bundestrainer Berti Vogts von der WM-Endrunde 1994 aus den USA nach Hause verbannt worden ist. Effenberg machte den Mittelfinger unter dem Titel Stinkefinger weltweit populär.

Angesichts solcher Bedeutung musste sich auch der Duden dieses Begriffs annehmen. Das Wort Stinkefinger ist gemäss Duden maskulin (als der Stinkefinger), logischerweise ein Substantiv, und die Ehre, in den Duden aufgenommen zu werden, erfuhr der Stinkefinger im Jahr 1996. Als Synonym gibt der Duden einzig «Mittelfinger» an, und wer in der Sprachbibel blättert, stösst alphabetisch vor dem Stinkefinger auf Stinkbock, Stinkbombe und Stinkdrüse. Der Schluss ist erlaubt, dass alle Begriffe zumindest nicht positiv besetzt sind.

Der Stinkefinger – beleidigend und obszön

Und nun also Carlo Ancelotti, der Trainer von Bayern München. Er verleiht dem Stinkefinger neuen Schub. Der ansonsten überaus besonnene Italiener gibt zu, den Stinkefinger erhoben zu haben, und zwar, weil er nach der turbulenten Schlussphase des Spiels Hertha Berlin – Bayern München, das wie üblich erst mit einem Torerfolg der Münchner zu Ende ging, auf dem Weg in die Kabine bespuckt worden sei. Entdeckt wurde dieser Frevel am sittlichen Benehmen nur durch eine der zahllosen Kameras, die in Deutschland Fussballspiele begleiten.

Hat Carlo Ancelotti im politisch korrekten Deutschland und im politisch noch korrekteren Deutschen Fussball-Bund eine Chance, straflos bespuckt zu werden? Das ist fraglich. Ein Trainer namens Norbert Düwel aus Berlin wurde einst vom DFB für einen Stinkefinger mit 3500 Euro gebüsst, es liegt also nebst Stefan Effenberg ein weiterer Präzedenzfall vor. Und auf Wikipedia, wo dem Stinkefinger (lateinisch: dipitus impudicus, italienisch: dito medio, englisch: fuckfinger) ein ansehnliches Kapitel samt Skizzen des korrekten Gebrauchs gewidmet wird, lernt man zwar, dass der gestreckte Mittelfinger «häufig» als beleidigende Geste verwendet wird, aber leider nicht in Deutschland. Da gilt der Stinkefinger immer als obszön, zumal der gestreckte Mittelfinger bei den Griechen und Römern einen erigierten Penis dargestellt haben soll.

Carlo Ancelotti hätte den Ringfinger strecken müssen.