Frauenfussball zieht nicht. Findet euch damit ab!

Guido Tognoni am Samstag, den 22. Juli 2017
Nachspielzeit

Nur verhältnismässig wenige Fans wollten das Spiel Schweiz – Österreich an der Europameisterschaft der Frauen am 18. Juli sehen. Ist das ungerecht? Foto: Hans Punz (Keystone)

Im Schweizer Radio wurde dieser Tage darüber geklagt, dass der Frauenfussball gegenüber dem Männerfussball diskriminiert werde. Das beginne damit, dass man bei den Frauen nicht schlicht von Fussball, sondern von Frauenfussball rede, sagte die Interviewpartnerin aus Deutschland auf unserem Landessender. Es muss sich um eine Soziologin gehandelt haben, denn darüber zu jammern, dass man Frauenfussball als Frauenfussball bezeichnet (und nicht etwa als Pferdefussball), können nur Leute, die sich in unserer Luxusgesellschaft professionell mit der Suche nach eingebildeten oder echten Benachteiligungen befassen. Soziologen (und Soziologinnen, um politisch korrekt zu bleiben) machen das. Immerhin hat die Dame noch nicht gefordert, dass die Fussballerinnen gleich viel verdienen müssten wie die männlichen Kollegen.

Der Frauenfussball hat tatsächlich ein Problem. Das besteht darin, dass sich im Vergleich zum Männerfussball viel weniger – sehr viel weniger, klar gesagt – Leute dafür interessieren. Die Fussballfans füllen die Stadien nicht für den Fussball der Frauen, sondern für den Fussball der Männer, und zwar freiwillig. Im Fussball kaufen die Fans Leibchen von Cristiano Ronaldo und nicht von der Brasilianerin Marta Viera da Silva. Auch im Fernsehen ziehen die Fussballfans den Männerfussball vor.

Müssige Geschlechterdiskussion

Schlimm! Grausam! Zwar spielen die Frauen nach den gleichen Regeln, mit dem gleich grossen Ball und den gleich grossen Toren wie die Männer (was man sieht, wenn ein Ball, den jeder Junioren-Torhüter gehalten hätte, über den Händen der Torhüterin ins Netz segelt), aber diese offenbar soziologisch irregeleiteten und von der Geschlechterdiskussion längst gesättigten Fans wollen einfach lieber die Männer sehen.

Politisch korrekt und aus soziologischer Sicht betrachtet ist das eine Katastrophe, vernunftmässig betrachtet aber völlig normal. Auch im Tennis beispielsweise bewegt Roger Federer – nicht nur in der Schweiz – mehr Zuschauer (und, politisch korrekt, Zuschauerinnen) als Serena Williams. Im Boxen zieht Vladimir Klitschko gegen jeden Sandsack mehr Zuschauer an als Regina Halmich gegen Stefan Raab. Ist das für das Wohl der Menschheit ein Problem? Müssen sich politisch korrekte Fans dazu verpflichten, Männer- und Frauensport gleich interessant zu finden? Und was ist mit den benachteiligten Männern, wenn im Eiskunstlauf wie üblich die Pirouetten-Prinzessinnen den männlichen Kraftläufern die Show stehlen?

Man darf nicht laut sagen, dass die Geschlechterdiskussion einem längst zum Halse raushängt, und man sollte, politisch korrekt, so etwas auch nicht schreiben. Aber wenn dieses Thema zumindest an einem Ort völlig überflüssig ist, dann beim Fussball. Denn die Fans, ob männlich oder weiblich, werden auf immer politisch unkorrekt bleiben und als Zuschauer den Männerfussball bevorzugen. Der Frauenfussball wird das genauso überleben wie die vielen Sportarten, die noch weit weniger Zuspruch erfahren als die kickenden Frauen.

Bye bye, Silverdome

Guido Tognoni am Freitag, den 14. Juli 2017
Nachspielzeit

Das vielleicht beste Schweizer Team aller Zeiten tritt am 18. Juni 1994 im Silverdome gegen die USA an. Foto: Bill Waugh (Keystone)

Das ideale Fussballfeld ist 105 Meter lang und 68 Meter breit. Das sind die Masse der Fifa, und auf diesen 105 Metern Länge und 68 Metern Breite werden die Spiele der Weltmeisterschaften ausgetragen. Es gab allerdings unvergessliche WM-Partien, bei denen es die Fifa mit diesen Massen nicht so genau nahm: die Spiele im Silverdome in Pontiac bei Detroit an der WM-Endrunde 1994 in den USA. Der Silverdome, eine gedeckte Riesenhalle, in der für den Fussball über 70’000 Fans Einlass fanden, war Teil des Fussball-Abenteuers USA, das seinerzeit alle Mitarbeiter der Fifa ganz besonders faszinierte, den damaligen Generalsekretär Sepp Blatter inbegriffen. Blatter war sich bewusst, dass die Fifa mit einer WM-Endrunde in den Vereinigten Staaten Fussballgeschichte schreiben würde und dass Spiele in einem gedeckten Stadion zum Spektakel gehörten. Und der sonst oft detailversessene Walliser wusste auch, dass er lieber nicht danach fragen sollte, wie gross die Spielfläche im Silverdome war.

Es war wunderbar, dass dies überhaupt niemand wissen wollte. Alle Beteiligten waren sich stillschweigend darüber einig, dass das Erlebnis Silverdome nicht durch formalistische Bedenken gefährdet werden sollte. Das Spielfeld mit dem für die WM-Spiele eingelegten Naturrasen war nicht nur zu kurz, sondern auch viel zu schmal, derart schmal, dass die Trainer und Ersatzspieler auf der Tribüne sassen und die Eckbälle mit etwa eineinhalb Meter Anlauf getreten werden mussten. Statt Auslauf gab es Polsterungen. Offiziell mass die Breite 65 Meter, tatsächlich waren es noch weniger. Aber es wurde gespielt, bei grosser Hitze und noch grösserer Luftfeuchtigkeit, die allein schon beim Zuschauen den Schweiss in Strömen fliessen liess. Bei einer WM im Sommer in Katar wären die klimatischen Voraussetzungen für den Fussball sicher besser als in jener Waschküche.

Die Schweizer feiern einen Treffer von Stéphane Chapuisat gegen Rumänien. Foto: Keystone

Aber es wurde in diesem überhitzten Hohlraum attraktiver Sport geboten, vor allem von der Schweizer Auswahl, jener Mannschaft unter Roy Hodgson, die vielleicht spielerisch die beste in der Geschichte des Schweizer Fussballs war, auch wenn sie später im Achtelfinal gegen Spanien chancenlos ausschied. Die Schweiz spielte dank einem schönen Bregy-Freistoss gegen die USA 1:1 und kam mit einem berauschenden 4:1 gegen das damals starke Rumänien in die Direktausscheidung. Es war die Zeit von Geiger, Sutter, Sforza, Knup und Chapuisat, aber auch von Quentin, Ohrel, Hottiger, Herr und Subiat. Auf der Torlinie stand der von Hodgson bevorzugte Marco Pascolo.

Die WM-Endrunde in den USA war der letzte grosse Höhepunkt des Silverdome, wo zuvor auch Rockstars und Papst Johannes Paul II. aufgetreten waren. Der Niedergang der ehemaligen Automobilmetropole Detroit erfasste auch die Vorstädte, und für den Silverdome gab es bald keine Verwendung mehr. Die letzte Veranstaltung fand 2011 statt, danach wurde der Dome nicht mehr gepflegt, und er zerfiel. Jetzt wird das, was vom einst stolzen Dome noch übrig blieb, abgebrochen. Eine Fussball-WM mit Hallenspielen auf zu kleinem Feld wird es nie mehr geben.

Nur zwei haben einen Stammplatz

Guido Tognoni am Donnerstag, den 6. Juli 2017

Wer wird dieses Jahr sitzen bleiben? Ein Blick auf die Ersatzbank beim Spiel gegen Frankreich 2014. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Die Fussballer legen wieder los. In der Schweiz beginnen Training und Meisterschaft wie üblich früher als in den anderen Ländern, was nachweislich den Vorteil hat, dass unsere Mannschaften für die Qualifikationsspiele der europäischen Wettbewerbe besser gerüstet sind als die ruhende Konkurrenz, etwa die Italiener mit ihrem späten Meisterschaftsbeginn. In der Politik hätte der Bundesrat wegen dieses Vorteils längst ein schlechtes Gewissen und würde sich in Brüssel für die unbotmässigen Fussballer entschuldigen, und einige SP-Politiker und Journalisten würden den Zeigefinger erheben und schreiben, die Schweizer seien wieder einmal Rosinenpicker.

Den Fussballern ist die Politik egal. Sie bereiten sich auf dem Land oder auf Nebenplätzen gegen unterklassige Gegner auf die Meisterschaft vor – Testspiele eben. Aber diese Testspiele machen viele Spieler unglücklich, anstatt dass sie sich über die Trainingsunterbrüche freuen. Es sind vor allem jene Spieler, die sich in einem neuen Verein jene Hoffnungen machen, die sich im bisherigen Verein nicht erfüllt haben. Sie trainieren eifriger denn je, sie glauben und hoffen, nun jenen Trainer gefunden zu haben, der ihr Talent erkennt und an sie glaubt. Sie hoffen auf ein Aufgebot für die erste Halbzeit und nicht auf jenes für die zweite, in welcher der Coach die halbe Mannschaft austauscht. Und sie leiden, wenn es selbst in der zweiten Halbzeit nur zu einem Teileinsatz reicht.

Sie denken nur an sich

In solchen Momenten denken die Spieler nur an sich. Sie verdrängen, dass ein Testspiel eben ein Testspiel ist, dass der Trainer um diese Zeit ein viel zu grosses Kader hat, dass er nicht nur das Können, sondern auch das Verhalten seiner Spieler beobachten will, dass ein Testspiel auf das andere folgt. Und wenn vermeintlich oder tatsächlich schlechtere Spieler eingesetzt werden, wird vom übergangenen und enttäuschten Konkurrenten nicht beachtet, dass der Trainer auch das Recht hat, im Testwettkampf den Aufschluss darüber zu erhalten, wer den Anforderungen nicht genügt. Um seine Idealformation zu finden, muss der Trainer nicht mit den Besten üben, er muss vielmehr herausfinden, wer die Schlechtesten sind.

Zudem darf nicht vergessen werden: Im heutigen Fussball mit der ständig zunehmenden Anzahl Einsätze und den immer höheren körperlichen Anforderungen sitzt an jedem Wettkampftag regelmässig mehr als eine Weltauswahl auf der Bank. Es gibt zwischen Nord- und Südpol nur zwei Spieler mit einer unbestrittenen Stammplatzgarantie: Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.

Der Fussball frisst die Leichtathletik

Guido Tognoni am Donnerstag, den 29. Juni 2017
Nachspielzeit

Die Fans wollen näher ran: Laufbahnen, wie hier im Berliner Olympiastadion, machen das Zuschauen weniger attraktiv. Foto: Roberto Pfeil (Keystone)

Sie sind ungleich geworden, die beiden Brüder. Jahrzehntelang bildeten Fussballer und Leichtathleten ein Gespann. In der Mitte wurde Fussball gespielt, aussen herum rannten die Leichtathleten. Mittlerweile sind die Leichtathleten zunehmend verdrängt worden. Der Fussball, durch und durch professionalisiert und kommerzialisiert, frisst alles: Sponsorengelder, Zuschauer, Fernsehstunden, politische und öffentliche Aufmerksamkeit, Stadiongebrauch, und die Kinder drängen unter der geballten Anziehungskraft des Fussballs in solchen Strömen in die Clubs, dass in der Schweiz viele davon einen Aufnahmestopp erlassen müssen.

Parallel dazu zieht entweder der Fussball aus dem ehemals gemeinsamen Stadion weg, oder die Leichtathleten müssen weichen. Seit die Stadionsitze in Konkurrenz zu den häuslichen Fernsehfauteuils stehen und am Bildschirm jede Szene zwanzigfach analysiert werden kann, ist die Unverträglichkeit noch grösser geworden. Bayern München flüchtete schon vor Jahren aus dem Olympiastadion, Hertha Berlin droht mit dem gleichen Schritt, das Olympiastadion von London 2012 wurde mit viel Aufwand in eine Fussballarena mit beweglichen Tribünen umgebaut, und die Tartanbahn im Letzigrund wird nur noch geduldet, weil der LC Zürich jedes Jahr ein Weltklassemeeting durchführt, das dem Namen der Stadt einigen internationalen Glanz verleiht.

Aber Fussballstadien mit acht- oder gar neunspurigen Laufbahnen werden keine mehr gebaut, es sei denn, es gibt noch unverzagte Städte, die Olympische Spiele durchführen. Der Fussball braucht die Nähe der Fans, und jene, die ins Stadion kommen, wollen näher an die Spieler ran. Jene Zuschauer, die noch ein Fussballspiel aus der Ferne hinter den Toren und der weiten Tartankurve sehen wollen, verdienen eine Tapferkeitsmedaille.

Partner für die Leichtathleten gesucht

Eine Lösung ist nicht in Sicht, Kompromisse im Stadionbau sind für die Fussballer nicht mehr akzeptabel, der Fussball ist schlicht stärker als die Läufer, Springer und Werfer. Was bleibt zu tun? Es braucht kreativere Stadionlösungen als bisher. Die Leichtathleten müssen die Freizeitsportler ins Boot holen, die Skater, die verrückten Velokünstler, andere Ballspiele als Fussball. Vor Jahren verstand man unter einem multifunktionalen Stadion eine Anlage mit Ladengeschäften, Altersresidenzen und anderen, sportfremden Einnahmequellen. Dieser Rausch ist schon vorüber, die Erwartungen haben sich in vielen Fällen nicht erfüllt.

Multifunktional kann aber auch ein rein sportliches Argument sein: Leichtathleten plus Skateboarder plus Rollschuhfahrer plus Velo-Freestyler, warum nicht auch etwas Motorenlärm (ausser in Zürich). Wenn man denkt, mit wie viel unsinnigem Aufwand neue Fussballarenen gebaut werden, obwohl das Fussballstadion längst erfunden ist, kann man kaum glauben, dass für andere Stadionformen jegliche Fantasie fehlt. Dabei wird die Leichtathletik auf Dauer nur überleben, wenn sie sich neue Sportarten als Stadionpartner anlacht. Der Fussball ist ihr längst untreu geworden.

Aber natürlich ist das völlig absurd

Ueli Kägi am Freitag, den 23. Juni 2017

Die machen ja, was sie wollen: Derzeit scheint im Fussballgeschäft schier alles möglich zu sein. (Foto: Keystone)

Wir haben uns ja schon an allerhand gewöhnt im Fussball. Manchester United trainiert in Los Angeles und spielt in Maryland. Die Fernsehanstalten finden den Confed-Cup ganz wichtig. Für Kylian Mbappé werden angeblich 135 Millionen Euro geboten. Der Adidas-Chef kann sich den DFB-Pokal-Final in Peking statt Berlin vorstellen. Und die Fifa möchte unter Gianni Infantino in den kommenden Jahren mindestens eine halbe Milliarde Dollar mehr einnehmen.

Und jetzt kommt noch das dazu: Ab kommender Saison spielt die chinesische U-20-Nationalmannschaft in der Regionalliga Südwest, der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Kein Witz. Sie ist das 20. Team, die jeweils zwei Partien gegen die 19 Konkurrenten haben allerdings nur Testspiel-Charakter. Dafür gibts für jeden Gegner 15’000 Euro sowie  Zuschauereinnahmen und Vermarktungschancen. Darum haben auch alle Mannschaften schon zugestimmt. Es fehlt jetzt nur noch die letzte Genehmigung zur Umsetzung des Plans, aufgrund der klaren Meinungen bei Clubs und Deutschem Fussball-Bund (DFB) offenbar eine Formalität.

Scheinbar alles möglich

So nett wie einige Fussball-Funktionäre finden das allerdings nicht alle. Für die «Süddeutsche Zeitung» ist die Geschichte absurd genug, um an den Mäzen Hans Viol aus Bonn zu erinnern: «Viol, ein Unternehmer in der profitablen Granit- und Natursteinbranche, hatte 1999 genug von der chronischen Erfolglosigkeit des von ihm alimentierten Bonner SC in der Oberliga Nordrhein. Deshalb beschloss er, die kubanische Nationalmannschaft zu verpflichten. Und zwar: die ganze.»

Die Kubaner landeten dann tatsächlich auf dem Flughafen Köln-Bonn, allerdings fehlten ihnen die Spielberechtigungen, um Punkte zu gewinnen. Der Deutsche Fussball-Bund hatte sich gegen Viols Plan gestellt.

Das ist jetzt ganz anders. Jetzt, da im Fussball scheinbar alles möglich ist, wenn es nur mehr Zaster bringt. Auch beim DFB, der sich sonst ja gerne kritisch gibt, wenn die Fifa wieder mit einem neuen Furz auftaucht – und nachdem er mutmasslich die WM 2006 ins Land gekauft hat.

Gschäftlimacherei zum Davonlaufen

Die chinesischen Jungfussballer sollen in Deutschland auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorbereitet werden. Und der DFB soll natürlich auch profitieren von der Verbindung. Er hat 2016 zusammen mit der Deutschen Fussball-Liga und der chinesischen Regierung einen Kooperationsvertrag unterzeichnet. Das Geschäft läuft vorerst einmal bis 2021. Es soll dem deutschen Fussball mehr Umsatz bringen, bei TV-Verträgen oder Fanartikeln etwa.

Es gibt nahe Beobachter, die dieses Ding mit der chinesischen U-20 auch nicht so toll finden. Hajo Sommers zum Beispiel, Theaterleiter, Schauspieler und Präsident von Rot-Weiss Oberhausen, Regionalliga West: «Die Regionalliga wird zu einer Kirmesliga, damit der FC Bayern München mehr Trikots in China verkaufen kann», hat er zum «Reviersport» gesagt. Der DFB und die anderen grossen Mächte des Geschäfts aber sind sicher auch nach 2021 ganz offen für weitere tolle Ideen. Oder lamentieren sie dann schon darüber, dass dem Fussball das Volk davongelaufen ist?

Sind 50’000 Zuschauer wenig oder viel?

Guido Tognoni am Dienstag, den 20. Juni 2017

Tolle Kulisse: Das Confederations-Cup-Spiel Russland gegen Neuseeland in St. Petersburg am 17. Juni 2017. (Foto: Reuters/ Carl Recine)

Man kann über den Confederations Cup denken, wie man will, man kann ihn als gut, schlecht oder einfach belanglos bewerten. Der als WM-Hauptprobe deklarierte Wettbewerb hatte es in Europa schon immer schwer, Anerkennung zu finden. Und Europa gibt im Fussball nun mal den Takt an.

Wenn ein solches Turnier wie dieser Tage zudem im politisch belasteten Russland stattfindet, regnet es aus vielen Ecken noch mehr Kritik. Allerdings ist nicht jede Kritik nachvollziehbar. So wurde in den Medien mehrfach genüsslich rapportiert, dass beim Eröffnungsspiel Russland – Neuseeland das Stadion in St. Petersburg nicht voll war. Dass Wladimir Putin in den Rängen Lücken sehen musste.

Mit oder ohne Putin?

Das Stadion war tatsächlich nicht voll. Aber um Himmels willen, wer will denn Russland gegen Neuseeland spielen sehen, mit oder ohne Putin? Russlands Nationalmannschaft hat in den vergangenen Jahren eine jammervolle Negativbilanz hingelegt, und Neuseeland trat mit der grossartigen Referenz eines Ozeanien-Meisters an, also als Meister jener Konföderation, aus der das Gründungsmitglied Australien im Jahr 2006 geflüchtet ist, um gegen asiatische Konkurrenz besseren Fussball zu erleben, statt gegen Fidschi, Tonga, Kiribati und Papua-Neuguinea nette Reiseabenteuer hinter sich zu bringen. Und bei Russland gegen dieses Neuseeland wollten in St. Petersburg immerhin über 50’000 Zuschauer dabei sein. Das Glas war also weit mehr als halb voll. Und 33’000 Fans bei Kamerun – Chile in Moskau sind auch nicht so schlecht.

Nochmals die Frage: Würden Sie für die Schlager Mexiko – Neuseeland, Kamerun – Australien oder Neuseeland – Portugal in Zürich, Basel oder Bern Eintritt bezahlen? Würden Sie wenigstens hingehen, wenn Sie ein Gratisbillett erhielten? Würden Sie, im Schweizer Sommer, immerhin am Fernseher sitzen, wenn Mexiko für den Fussballschocker gegen Neuseeland aufläuft?

50’000 Zuschauer für ein Spiel wie Russland – Neuseeland sind eine tolle Kulisse. Dies in einem Land, in dem die grosse Mehrheit der Leute weder vom Fussball noch vom Leben verwöhnt wird. Ob das Stadion nun voll war oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Was Jogi Löw mit «gut spielen» wirklich meint

Blog-Redaktion am Donnerstag, den 15. Juni 2017

Das Siegerlächeln des Weltmeisters: Joachim Löw vor dem Confed-Cup. Foto: Sven Hoppe (Keystone)

Es wird uns in den kommenden Wochen nicht nur der Fussball fehlen, sondern auch die Geschichten drum herum. Die fundamentalen Antworten der Trainer auf fundamentale Fragen der Journalisten. Das philosophisch Tiefgründige und Grundsätzliche, das uns in seiner Evidenz erschlägt und gegen dessen klare Aussage es kein Gegenargument gibt.

Es wird uns der ultimative Titel des «Tages-Anzeigers» fehlen: «Forte will gewinnen», das offene Bekenntnis des Hoffenheim-Trainers Julian Nagelsmann: «Ich verliere nicht gerne.» Es fehlt uns auch die intellektuell kaum fassbare taktische Einsicht des Juventus-Trainers Massimiliano Allegri nach dem verlorenen Endspiel der Champions League gegen Real Madrid: «Wir wollten in Führung gehen.» Und nicht zuletzt die geradezu überirdische Offenbarung des österreichischen Nationaltrainers Marcel Koller nach dem Unentschieden gegen Irland: «Wir wollten das Spiel gewinnen.»

Alle wollen gewinnen – wie langweilig!

Sakrament, wer hätte das gedacht! Alle Fussballtrainer sind vom Willen beseelt, Spiele zu gewinnen. Und dies seit über 100 Jahren. Eigentlich schon fast verdächtig, wenn alle gleich denken. Ausser vielleicht der Nationaltrainer von Gibraltar, der eine der schlechtesten Mannschaften der Welt zu dirigieren versucht. Von ihm ist nicht viel überliefert, aber wir gehen kaum fehl in der Annahme, dass er innerlich vor jedem Spiel ein Stossgebet zum Himmel schickt, damit seine Mannschaft nicht zweistellig verliert.

Alle wollen gewinnen – wie langweilig. Aber wir lesen sie dennoch gerne, die tiefsinnigen Trainersprüche, wir saugen sie auf, die wunderbaren, porentiefen Bekenntnisse, jeden Tag, jede Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, immer das Gleiche, immer wieder und wieder. Und wir sind voll auf Entzug, wenn wir im Sommer und Winter einige Wochen nicht regelmässig lesen dürfen, dass der Trainer, der die elf Besten zusammenstellen soll, auch wirklich gewinnen will. Und nach dem verlorenen Spiel, das er nicht absichtlich verloren hat, sondern gewinnen wollte.

Eine kleine Überbrückung bildet der aktuelle Confederations Cup. Deutschlands Coach Joachim Löw, der spricht wie ein Diplomat, will «natürlich gut Fussball spielen». Für Deutschland und Löw kann «gut Fussball spielen» einzig eine leicht untertriebene Umschreibung für gewinnen sein. Auch wenn der Weltmeister, zum Ärger der Veranstalter, nur mit einer B-Auswahl zur WM-Hauptprobe geflogen ist.

Ist Caio dumm oder superschlau?

Guido Tognoni am Donnerstag, den 1. Juni 2017

Hier blieb Caio brav: 2016 war das Tor gegen Sion gefallen, aber das T-Shirt noch an. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Es gibt im Fussball Regeln, über deren Sinn oder Unsinn man lange diskutieren könnte. Beispielsweise über die Anweisung an die Schiedsrichter, eine Verwarnung auszusprechen, wenn ein Spieler – meist als Verstärkung des Torjubels – sich sein Leibchen vom Körper reisst. Das ist sportlich völlig bedeutungslos, jedenfalls hundertmal weniger schlimm, als einem Gegner in die Fussknöchel zu fahren. Aber die Regel ist nun mal seit vielen Jahren da, und den Schiedsrichtern bleibt nichts anderes übrig, als sie anzuwenden. Genauso gibt es eine Verwarnung, wenn ein Spieler – ebenfalls im Freudenrausch – die Umzäunung hochklettert, um sich von den Fans feiern zu lassen und sie abzuklatschen. Wer also Fussball spielt, der weiss, dass er in seiner Freude zwar Mitspieler, den Coach, die Eckfahne und vielleicht sogar den Schiedsrichter abknutschen darf, aber er darf nicht sein Leibchen ausziehen.

Erstaunlich nur, dass viele Spieler, die vom Fussball leben, das immer noch nicht wahrhaben wollen. Jedes Jahr, immer wieder, überall. Der vielfache GC-Torschütze Caio ist einer von ihnen. Er schaffte es, im zweitletzten Auftritt der Meisterschaft nach seinem Freistosstreffer zum vorübergehenden 1:1 gegen Meister Basel durch einen euphorischen Striptease sich jene Gelbe Karte einzuhandeln, die ihm zum Saisonende eine Spielsperre einbrachte. Caio fehlt somit im letzten Spiel. Ein Glück für die Grasshoppers und Caio selbst, dass sich der Rekordmeister bereits vor einiger Zeit vor dem Abstieg gerettet hat. Caio ist an seinen guten Tagen etwa 30 Prozent der Grasshoppers wert, und die Vorstellung, dass die Zürcher im letzten Saisonspiel in Sion ohne den Brasilianer um den Ligaerhalt hätten kämpfen sollen, müsste sowohl den Verantwortlichen als auch den Fans grosses Magenbrennen verursachen.

Verdächtige Todesfälle

Es gibt taktische Fouls, für die man Verständnis aufbringen kann. Und wenn ein Verteidiger mit der Hand auf der Linie für seinen geschlagenen Torhüter abwehrt, leistet er seinem Team unter Umständen trotz der folgenden Roten Karte und des unausweichlichen Elfmeters einen grossen Dienst. Wer aber durch das Ausziehen des Leibchens seine Mannschaft schwächt, muss sich die Frage gefallen lassen: Wie dumm darf ein Fussballer sein?

Oder war unser Caio nicht dumm, sondern superschlau? Von brasilianischen und afrikanischen Fussballern wissen wir, dass viele von ihnen wenn immer möglich ihre Aufenthalte in der Heimat verlängern. Die Häufung der fernen familiären Todesfälle zum Zeitpunkt, an dem die Trainingslager beginnen, ist längst auffällig. Und welcher Coach mag schon einem Spieler die «Ferien» verderben, wenn er wegen der Ehrung von Toten zu spät ins Trainingslager einrückt? Wie auch immer: Caio weilt längst in Südamerika. Die Gelbe Karte vom Sonntag hat ihm einen letzten Einsatz erspart. Ferien in Brasilien sind schöner als ein Pflichtspiel im Wallis.

Bratwurst statt Showeinlage

Blog-Redaktion am Montag, den 29. Mai 2017


Wütende Fussballfans pfeifen Helene Fischer aus. Video: Tamedia/Twitter/ARD

Pause in Berlin. Zwischen Dortmund und Frankfurt steht es im DFB-Pokalfinal 1:1. Zeit, um durchzuatmen? Mitnichten. Für manche beginnt jetzt, wo der Ball ruht, das Highlight dieses Abends: Helene Fischer gibt ein Kurzkonzert. Die deutsche Sängerin führt mit ihren Ohrwürmern durch die Pause. Atemlos durch die Berliner Nacht quasi. Immerhin: Die zweite Halbzeit beginnt planmässig.

Nicht etwa so wie eine Woche zuvor, als Anastacia in der Münchner Allianz-Arena sang und sich der Start der zweiten Halbzeit hinzog, weil der Abbau der Bühne länger dauerte. Sie polarisieren jedenfalls, die Halbzeitshows, die im deutschen Fussball gerade en vogue sind. Dass Helene Fischer für den DFB-Pokalfinal gewonnen werden konnte, zelebrierte der deutsche Fussballverband zuvor richtiggehend. Schliesslich war es ein Novum, das Endspiel um eine musikalische Darbietung zu ergänzen.

Marketing-Menschen würden von einer Eventisierung sprechen. Tönt gut, fand aber keinen Anklang. Fischer kam, sang und wurde mit Pfiffen eingedeckt. Es war ein klares Statement der Fans. Für die Pausenwurst und gegen musikalische Halbzeitkost. Für den Fussball und gegen das immer bunter werdende Rahmenprogramm. Die Fans in Deutschland haben genug.

Dass die Anhänger mit der Kommerzialisierung des Fussballs ihre liebe Mühe haben, ist keine Annahme, keine Momentaufnahme, sondern empirisch bewiesen. Vor kurzem wurde eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass jeder zweite Fussballfan in Deutschland sich früher oder später vom Profifussball abwenden werde, sollte die Fussballkommerzialisierung sich in diese Richtung weiterentwickeln.

«Ein Warnsignal für alle Vereine»

Beachtung fand die Studie vor allem deshalb, weil es sich um die gegenwärtig grösste wissenschaftliche Untersuchung im deutschen Profifussball handelt. 17’330 Fans wurden dafür befragt. Durchgeführt wurde die Studie von einem Verein, der den Clubanhängern eine Stimme geben will und sich «FC Playfair» nennt. Dahinter stehen mit Claus Vogt und André Bühler ein Sportökonom sowie ein Unternehmer, beide Fans des VFB Stuttgart.

Den «Stuttgarter Nachrichten» sagten sie, dass der Fussball vor einer Zeitenwende stehe. «So, wie es jetzt läuft, macht es den Fans immer weniger Spass.» Gemäss ihrer Studie finden acht von zehn Fussballfans, dass der Profifussball aufpassen müsse, sich nicht noch weiter vom Fan zu entfernen.

Bühler sagte der «Zeit» vor kurzem: «Ich empfehle dem Profifussball einen Schritt zurück. Wie im Wirtschaftsleben, da schätzt man das Prinzip der Gesundschrumpfung. Das ist gut fürs Produkt.» Ein Produkt, das mittlerweile die Hälfte der Zuschauer langweilig findet.

Nur in wenigen Fanlagern nehmen sie die Lage des deutschen Fussballs anders wahr. In Leipzig beispielsweise erachten sie die Kommerzialisierung als nicht wirklich schlimm. In München sind sie überzeugt, dass die Liga wirklich spannend ist. Der Tenor aber ist klar: So kann es nicht weitergehen. «Unsere Studie muss ein Warnsignal für alle Vereine sein», meint André Bühler.

Es ist nämlich nicht so, dass die Befragten grundsätzlich gegen den Kommerz sind. 66,5 Prozent der Fussballfans befinden die Vermarktung von Fussballvereinen im Profifussball als notwendig. Nur sagt Claus Vogt, dass die Grenze der Überkommerzialisierung eben nicht nur erreicht, sondern überschritten sei. Helene Fischers Auftritt ist ein Paradebeispiel dafür.

*Calvin Stettler ist Journalist.

Dorfkicker im Schaufenster der Nation

Guido Tognoni am Freitag, den 26. Mai 2017
Nachspielzeit

Feiern wie die ganz Grossen: Die Amateure der Sportfreunde Dorfmerkingen nach ihrem Triumph am 25. Mai. Foto: Sportfreunde Dorfmerkingen (Facebook)

Unvorstellbar: Tavanasa – Balzers oder FC Grünstern – Ticino, einfach irgendetwas, das halbwegs mit Fussball zu tun hat, den ganzen Auffahrtsnachmittag am Schweizer Fernsehen, nicht gerade SRF 1, aber doch SRF 2, der ohnehin der Sportsender ist. Und am Mikrofon unter anderen Sascha Ruefer, der alle Namen der Tavanasa-Spieler kennt und weiss, wie alt der Trainer ist, und überhaupt alles sagt, was es zu sagen gibt, und der bei jedem Tor schreit, als ob es die ganze Schweiz live und ohne Lautsprecher bei offenen Fenstern in den Stuben hören müsste. Wie gesagt, unvorstellbar.

In Deutschland ist es anders. Deutschland ist nicht nur Fussballnation Nummer 1, weil die Deutschen Weltmeister sind. Deutschland ist Merkel und Mercedes, Deutschland ist aber vor allem Fussball, Fussball und nochmals Fussball. Wer an Auffahrt beim Durchzappen auf ARD hängen blieb, wähnte sich zuerst mal an einem verspäteten Champions-League-Spiel mit deutscher Beteiligung. Die Reporter brüllten wie bei Bayern – Real Madrid, die Konferenzschaltung wirbelte von einem Spielort zum andern, aber es war nicht Samstagnachmittag mit Bundesliga auf Sky, sondern irgendwelcher Fussball auf ARD, dem Sender für über 80 Millionen Deutsche.

Sensationelle Sportfreunde

An einem Spielfeldrand warb «Köstitzer Klosterbier», und auf dem Rasen kämpften Norderstedt gegen Halstenbek, Kirchheim gegen Nöttingen, Rostock gegen MSV Pampow, Hadamar gegen Wehen und Hausen gegen Rielasingen-Arlen. Loriot, der leider verstorbene Grossmeister der deutschen Komik, hätte an diesen Spielen seine helle Freude gehabt. Dorfmerkingen schaffte offenbar mit dem 3:1 gegen die Stuttgarter Kickers eine Sensation, und bei Cottbus gegen Luckenwalde war als Reporterin eine Quotenfrau im Einsatz, die allerdings nur selten zum Zuge kam. Im Lauf des Nachmittags lernte man auch die guten alten teutonischen Bezeichnungen «Wacker» (Burghausen), «Germania» (Halbstadt) und «Eintracht» (Norderstedt) wieder einmal kennen. Die Dorfmerkinger sind «Sportfreunde».

Bald einmal war es erforderlich, die notwendige Basisinformation von der Website des Deutschen Fussball-Bundes abzuholen. Um was ging es denn bei dieser landesweiten Aufregung? Auffahrtfussball mit Norderstedt gegen Halstenbek war der «Finaltag der Amateure» mit 19 Endspielen an drei Spielzeiten ab 12.45, 14.45 und 17 Uhr. Beginn der Reportagen auf ARD um 12.35, Ende 20.00, so der Zeitplan. Dorfmerkingen und Hausen spielen in den Tiefen der 7. Liga und kamen am Bildschirm genauso zum Zuge wie der einstige Pokalsieger Rot-Weiss Essen. Die Sieger qualifizieren sich für den DFB-Pokal.

Dorfmerkingen mit den Weilern Dossingen, Hohenlohe und Weilermerkingen liegt im Ostalbkreis in Baden-Württemberg. Es gehört zur Stadt Neresheim. So steht es bei Wikipedia. Die DFB-Website bezeichnet den Erfolg von Dorfmerkingen als «irre». Falls es eine Steigerung von irre gibt: Nächster Gegner der Sportfreunde könnte Bayern München sein.