Abpfiff im Stadion der Sehnsucht

Oliver Kraaz am Donnerstag, den 24. November 2016

Und plötzlich war alles fertig. Nach 46 Jahren. Aus, Amen. 3:1 schlägt der SC Kriens den FC Köniz. Dass Kriens kurz vor Schluss noch einen Gegentreffer kassiert hatte, war im kollektiven Bier- und Kaffeeschnaps-Nebel der Fans untergegangen. Für sie waren die letzten 90 Minuten längst zu einem lang anhaltenden Abschiednehmen von der Kultstätte geworden. Von einem Kleinstadion, das in den letzten Jahren bis ins Letzte vergammelt war und das es eigentlich gar nicht mehr geben durfte.

Groteskerweise wuchs die Zuneigung vieler Fans mit jeder rostigen Schraube noch mehr. Zugegeben gut gezählte 1944 Fans kamen so zur Derniere am vergangenen Samstag. 1944 ist übrigens das Gründungsjahr des SC Kriens. Aber so oder so sind auch die wahrscheinlicheren 1400 Zuschauer bei eisiger Affenkälte für die Promotion League eine enorme Zuschauerzahl.

Kein Wunder, denn das Kleinfeld ist ein besonderes Stadion. Ein Relikt aus einer Zeit, als man im Fussballstadion (gross und klein) nur Fussball spielen wollte. Aus einer Zeit, als Altersheime und Einkaufszentren noch in andern Gebäuden im Ort untergebracht waren. Und nicht gleich hinter dem Totomat in die Höhe ragten.

Das Tor von Uli Forte

Und was hier los war: Christian Gross verlor hier im regendurchweichten Sakko in der 91. Minute durch einen Penalty. 1997, in der NLA. Der FC Basel mit Maurizio Gaudino und Trainer Jörg Berger im selben Jahr. Dann Thun und Xamax in den 2000er-Jahren im Cup. Und einmal verlor der FC Bayern München – mit Stefan Effenberg und lauter Stammspielern – in einem Vorbereitungsturnier im Elfmeterschiessen. Einer der Torschützen für Kriens war ein gewisser Uli Forte.

So etwas kann man nicht vergessen. Will man nicht vergessen. Auch wenn die Gegner unterdessen Breitenrain, Köniz oder Brühl heissen. Das morbid-kaputte Kleinfeld stellte zusammen mit der Winterthurer Schützi und dem Aarauer Brügglifeld eine der letzten Stätten der alten Fussballkultur dar, die in den letzten Jahren noch NLA-, NLB- bzw. ChL-Luft schnupperten oder geschnuppert haben. Eine Reise aufs Kleinfeld war immer eine Zeitreise.

Jetzt ist Endstation. Es wird gebaut, bis 2018 das neue Stadion eröffnet wird. An alter Stätte. Aber ob es noch etwas mit dem Geist des alten Kleinfelds zu tun haben wird? Selten ist der Wechsel geglückt. Das Stade de Suisse ist immer noch nur die steife Halbschwester des alten Wankdorf? Und beim Letzigrund ist alles einfach nur traurig. Ja, Stadionumbauten können tödlich sein. Für die Seele eines Vereins.

Heillose Romantiker

Und diese Angst geht auch in der Krienser Fankultur um, die schon immer sehr eigen war. In die Wehmut um das alte Stadion mischt sich die Angst vor dem Neubau. Dieser sieht auf dem Reissbrett sehr kalt aus. So, wie eben Neubauten aussehen. Kommt dazu, dass das neue Stadion einen Kunstrasen haben wird. Was für viele Fans so schlimm ist wie eine Saison lang alkoholfreies Bier im Ausschank.

Das Problem ist aber erkannt. Viele Fans und ehrenamtliche Helfer des Vereins werden in die Detail-Planung miteinbezogen. Das neue Kleinfeld soll auch die Handschrift der Fans tragen. Das klingt heillos romantisch. Aber in Kriens ist man Romantiker. Dadurch hat man zwar nicht alles richtig gemacht. Dafür aber auch nicht so viel falsch wie andere.

Liebe Fussballfans: Hinhören und lernen!

Florian Raz am Donnerstag, den 27. Oktober 2016
Fans of San Lorenzo cheer before the First Division Argentine championship soccer match against Estudiantes in Buenos Aires December 1, 2013. REUTERS/Enrique Marcarian (ARGENTINA - Tags: SPORT SOCCER) - RTX160FS

So geht Fussball: Fans von San Lorenzo in Argentinien. Foto: Reuters

Kürzlich war ich per Zufall in einem englischen Fussballstadion. Es spielte Arsenal gegen Basel. Okay, es war kein Zufall, es war Arbeit. Und weil es Arbeit war, genoss ich die angenehm ruhige Atmosphäre. Das Heimteam spielte zwar prächtig, und an die 60’000 Zuschauer waren auch gekommen. Aber ausser im völligen Notfall (Tor Arsenal) war es im Emirates in etwa so laut wie in einem Schweizer Pendlerzug, in den sich vielleicht ein, zwei dieser penetrant gut gelaunten Wanderrentner geschmuggelt haben.

Ruhig ist es geworden in den englischen Stadien. Was mit den Ticketpreisen und dem entsprechenden Wandel der Zuschauerschaft zu tun hat. Wer mit der Tube zu jener Champions-League-Partie fuhr, der hatte nicht das Gefühl, an einen Match zu gehen. Eher wirkte es wie die Fahrt zum Nordlondoner Businesslunch der mittleren und höheren Kadermitglieder finanztechnischer Beratungsfirmen.

Adoleszente Bengalo-Fetischisten

So still ist es inzwischen, dass der «Guardian» letzthin befunden hat, die auf der Insel meist bloss als Ansammlung adoleszenter Bengalo-Fetischisten wahrgenommene Ultra-Bewegung könnte dem Betrieb guttun: In der Premier League sei im Zuge der Hooliganbekämpfung «eine Art Angst vor Atmosphäre» festzustellen. Dem kann nur zustimmen, wer sieht, wie die Ordner im Emirates alle, die bei einer Chance aufstehen, sofort wieder auf ihre Schalensitze zurückbefehlen: «Sit, Sir, sit!»

Und damit zu einem Video, das mir nach jenem leicht antiseptischen Erlebnis das Herz gewärmt hat. Auftritt der Fans des Clubs Atlético San Lorenzo de Almagro, eines Clubs aus der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Ein Club? Ach was! DER Club von Papst Franziskus (Mitgliedernummer 88’235). Es wird dargeboten die (wahrscheinlich) neuste Ode an den Club. Schliesslich ist das Lied mit der Originalmelodie erst im Frühjahr 2016 erschienen.

Jetzt: Ton aufdrehen. Und ja, die singen wirklich die ganzen sieben Minuten des Videos durch – und wahrscheinlich noch etwas länger:

Und weil Sie sicher gerne mitsingen wollen, hier der Text.

Vamos San Lorenzo, que hoy hay que ganar
Como todos los años, te vengo a alentar
Nos dicen enfermos, que le voy a hacer
Mi único remedio, es volverte a ver

Donde vas, siempre voy con vos,
Vayas bien o mal, a tu lado estoy,
Ciclon, nunca lo van a entender
Siempre te voy a querer

Ponga huevo matador, esta tarde no podes perder
La banda te va a acompañar, esta es la gloriosa Butteler…

Es geht, wie so üblich, um ewige Treue und so. Eine fast krankhafte Liebe, die andere nicht verstehen. Sie werden das mit Google Translate schnell verstehen. Ciclon, das ist ein Kosename des Clubs (Zyklon). Und Butteler ist der Name des Quartiers und der Fankurve (analog Südkurve, Muttenzerkurve etc.).

Ja, da kann so manches Stadion dieser Welt stimmungsmässig einpacken. Nicht bloss das Emirates.

Besser als das Original?

Und wenn Sie sich fragen, wo die Butteler denn diese lüpfige Melodie herhat: Sie stammt vom Lied «Duele el corazon» (Es schmerzt das Herz) von Enrique Iglesias, einer laut Wikipedia dem Reggeaton verpflichteten Komposition.

Mir gefallen die Argentinier irgendwie besser.

Hat die Schweiz eine grosse Mannschaft?

Christian Andiel am Mittwoch, den 12. Oktober 2016
Switzerland's players cheer after winning the 2018 Fifa World Cup Russia group B qualification soccer match against Hungary in the Groupama Arena in Budapest, Hungary, on Friday, October 7, 2016. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Grosse Emotionen, grosse Mannschaft? Die Schweizer feiern nach dem tollen 3:2 in Ungarn mit den Fans. Foto: Keystone

Es war ein grosser Satz, und er hatte mit grossen Mannschaften zu tun. Nach dem hochdramatischen Sieg der Schweizer in Ungarn sagte SRF-Moderator Rainer Maria Salzgeber: Es sei doch das Zeichen grosser Mannschaften, dass sie eben auch Spiele gewinnen, in denen sie nicht unbedingt besser gewesen seien als der Gegner und möglicherweise ein bisschen Glück nötig gewesen sei.

Nun legten die Schweizer zwar ein paar Tage später in der WM-Qualifikation in Andorra mit drei Punkten nach, ihre Bilanz in der WM-Qualifikation ist makellos. Dennoch sei hier die Behauptung gewagt: Das aktuelle Schweizer Nationalteam ist keine grosse Mannschaft.

Aber das ist nicht als Vorwurf an Salzgeber gedacht. Im Moment des heftigen Adrenalinschubs kann so etwas passieren. Und schliesslich leben wir in Zeiten des Superlativs, das Produkt Fussball ist teuer, es muss verkauft werden, dabei hilft himmelhoch jauchzend genauso wie zu Tode betrübt.

Was macht eine grosse Mannschaft aus?

Wenn ich nun aber die Schweiz nicht zu den grossen Mannschaften zähle, wen dann? Momentan eigentlich niemanden. Nicht einmal den aktuellen Weltmeister (also «Die Mannschaft»), obwohl das meine Landsleute sind und sie gegen Tschechien und Nordirland auch ganz gut gespielt haben. Aber «eine grosse Mannschaft»? Ich sehe gerade keine, auch auf Clubebene nicht.

Fragen wir anders: Was macht eine grosse Mannschaft aus? Sie muss eine Epoche prägen, nicht nur ein grosses Turnier. Sie muss grosse Spieler- und Trainerpersönlichkeiten hervorbringen. Also war für mich die letzte «grosse Mannschaft» das Spanien von Xavi und Iniesta mit den WM- und EM-Titeln zwischen 2008 und 2012; der FC Barcelona von ebenfalls Xavi und Iniesta, dazu Messi; natürlich Manchester United in der Ferguson-Ära, allein schon wegen ihm, wegen der Wucht des Auftritts; die AC Milan mit Arrigo Sacchi und dem Holland-Trio Gullit, Rijkaard, van Basten.

Vielleicht hat Salzgeber doch recht

Es bleibt der Eindruck, dass es in den 60er-, 70er-und 80er-Jahren mehr von diesen dominanten Teams gab: Ajax, Bayern, Liverpool, Juventus, Real, Brasilien, Deutschland. Wobei ich mich schon mit dem deutschen Team schwertue: Es wurde 1972 Europa- und zwei Jahre später Weltmeister – aber hat es die Epoche taktisch wirklich geprägt, mit innovativem Fussball? Das waren damals eher die Niederländer (siehe auch Ajax und Bayern). Wenn dieser Eindruck stimmt: Ist es heute schwieriger, eine ganze Ära derart zu prägen wie zuletzt Spanien? Hat sich der Fussball in seiner Breite so stark verbessert, dass die Ausgeglichenheit eine eindeutige Dominanz verhindert?

Vielleicht lege ich aber auch die ganz falschen Parameter zugrunde und es genügen ein paar nationale Meistertitel in Folge, um unter die grossen Mannschaften gereiht zu werden. Es würde mich schon interessieren, wie das andere sehen, welche Versäumnisse mir bei der Namensnennung unterlaufen sind, welche Kriterien ich unterschlagen oder falsch bewertet habe. Und vielleicht hat am Ende ja doch Salzgeber recht.

Konstruktiv zu vielen Chischten

Christian Zürcher am Donnerstag, den 29. September 2016
Marco Schneuwly of Lucerne reacts after he scored the first goal for 1-0, during the UEFA Europa League third qualifying round first leg soccer match between Swiss Club FC Luzern and Italian Club US Sassuolo, in Lucerne, Switzerland, Thursday, 28 July 2016. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Spiele 8, Tore 7, Quote 0,88: Marco Schneuwly (Luzern) hat am tatkräftigsten an der hohen Trefferquote der Super League mitgewirkt. Foto: Keystone

Schon einmal die Super-League-Tabelle etwas näher betrachtet? Klar, man sollte Vaclik an den Pfosten fesseln, dem Balanta Betonschuhe anziehen und beim Doumbia Eisenplatten in die Hosen einnähen. Basel ist etwas gar überlegen, das stimmt.

Doch das ist hier für einmal nicht das Thema. Denn ein zweiter Blick offenbart, in der Super League werden Tore geschossen, was das Zeug hält. 3,42 Treffer sind es bisher pro Partie, und damit über eine halbe Chischte (nicht zu verwechseln mit den Chischten von Andy R. aus H. mit Ableger bei YB und Weingut in F.) mehr pro Spiel als in europäischen Ligen wie der Premier League, Bundesliga, Primera División et al.

Aber nun fertig mit dem Geschwätz, her mit den Zahlen.

Weil sich die verschiedenen Ligen an unterschiedlichen Zeitpunkten der Meisterschaft befinden, sei hier die Anzahl Spielrunden zum Messzeitpunkt erwähnt.

Bereits vergangenes Jahr schwang die Super League obenaus, wenn auch damals die Differenz noch etwas kleiner war.

Das bringt uns zur Frage: Warum ist das so? Es lassen sich dafür verschiedene Anhaltspunkte finden, aber keine Argumentation, die diese Torhohheit vollends erklärt.

  • In der Super League spielen zurzeit praktisch alle Mannschaften einen konstruktiven Fussball – Toreschiessen, und nicht -verhindern, ist das Ziel. Das beginnt bei Aufsteiger Lausanne. Dessen Trainer Fabio Celestini sagte der NZZ, entweder würden seine Spieler seine Ideen begreifen, oder eben nicht. Das ist mal eine Haltung. Sie führt zu 2:7-Niederlagen wie gegen YB, zu 4:4-Unentschieden wie gegen Thun, aber auch zu 5:0-Siegen wie gegen Vaduz. Weil andere Aussenseitermannschaften wie Lugano, Vaduz oder Thun ebenfalls eine spielbejahende Philosophie pflegen (sie spielen teilweise gar mit Gegenpressing), fallen auch in ihren Spielen zahlreiche Treffer. In anderen Ligen mag das anders sein: Da mauert ein HSV gegen den FC Bayern ein Spiel lang, da setzen finanziell schlechtere Mannschaften den Fokus auf die Defensive und eine gute Organisation.
  • Gute Verteidiger finden ist schwierig und vor allem teuer, das sagen Schweizer Sportchefs immer wieder. Also schauen sie sich im eigenen Nachwuchs oder in der Challenge League um. Das kann gut gehen wie bei einem Fabian Schär oder einem … ja, man tut sich gerade schwer, andere Beispiele zu finden. Vielleicht gilt es noch bei Michael Lang oder Jan Bamert, doch diese Strategie führt zumeist eben doch dazu, dass letztlich die Qualität fehlt. Kommt dazu, dass das Geld tendenziell eher für Stürmer und Mittelfeldspieler investiert wird als für Verteidiger. Die Konsequenz: Die Abwehr ist Mal für Mal überfordert.
  • Eine Kombination aus den beiden oben genannten Punkten ist folgende: Trainer wie Celestini, Tami, Manzo oder mit Abstrichen auch Zinnbauer (halt sehr erfolglos) verfolgen ein offensives Spielsystem, das anspruchsvoll zugleich ist. Weil also die Qualität fehlt, zeigen sich die Abwehrreihen oftmals entblösst, was folgt, sind Fehler und Tore.
  • Wo sind sie nur geblieben? Da wären wir wieder bei Vaclik – die guten Torhüter fehlen: Früher gab es Yann Sommer, Roman Bürki und Beat Mutter. Heute stehen Daniel Lopar, Guillaume Faivre oder Peter Jehle zwischen den Pfosten. Es fehlt ihnen an Liebe zum Arbeitsgerät, immer wieder lassen sie es fallen. Das war nun zynisch. Item. Ich bleibe dabei, früher war alles besser, nur dass heute mehr Tore passieren. Das ist doch auch was.

Geldgeil ohne Ende

Christian Andiel am Donnerstag, den 22. September 2016
Barcelona's Lionel Messi, right, scores his second goal past Bayern's goalkeeper Manuel Neuer during the Champions League semifinal first leg soccer match between Barcelona and Bayern Munich at the Camp Nou stadium in Barcelona, Spain, Wednesday, May 6, 2015. (AP Photo/Emilio Morenatti)

Neuer gegen Messi – das lockt Fans, Sponsoren und das Geld. Aber immer nur Neuer gegen Messi… Foto: Keystone

«Der Teufel scheisst auf den grössten Haufen.» Gewohnt prägnant brachten es die Autoren des Dortmunder Fanzines «Schwatzgelb» wieder mal auf den Punkt. Dabei gings nun für einmal sogar nicht um das im Ruhrpott besonders ungeliebte Bayern München, zumindest nicht explizit. Es ging um nichts weniger als «ein Gespenst, das im europäischen Fussball umgeht», wie die Kollegen von «11 Freunde» schreiben. Es geht um eine europäische Superliga, die schon seit längerer Zeit droht, die der Champions League das Wasser abgraben soll und den reichsten Clubs ihren Status auf immer und ewig zusichern soll.

Bei der Uefa macht man sich grosse Sorgen, für den neuen Präsidenten Aleksander Ceferin wäre eine Superliga ein «Krieg gegen die Uefa» – und meint damit ihre wichtigste Einnahmequelle Champions League. Die grossen spanischen, italienischen und deutschen Clubs hingegen sehen ihre Chancen schwinden gegenüber den zunehmend zahlungskräftigeren Clubs in England. In der Bundesliga kommt erschwerend die «50+1»-Regel hinzu, kein Besitzer darf mehr als 50 Prozent der Anteile eines Vereins besitzen. Das ist zwar inoffiziell längst hinfällig (siehe Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim, Leipzig, Hamburg), dennoch hält es hochpotente Investoren aus Asien, Saudiarabien und Russland bislang ab.

Die perfekte Drohkulisse

Eine Superliga also soll es richten. Real und Bayern, Barcelona und Chelsea, Juventus und Manchester City fortan nur noch unter sich. Das soll für Spektakel sorgen, für TV- und Werbeeinnahmen. Funktioniert das auf Dauer? Bleibt es wirklich ein Spektakel ohne die heimische Liga, ohne die frechen «Kleinen», ohne zumindest mögliche Sensationen?

Vermutlich nicht. Und das wissen die Abramowitschs und Rummenigges, und sie werden dieses Risiko nicht ohne Not eingehen. Denn eines sind sie alle: geldgeil ohne Ende. Und sie wissen mit Macht umzugehen. Die Diskussionen um die Superliga sind deshalb in erster Linie als Drohung zu verstehen. Gegenüber der Champions League. Es wirkt. Gerade eben wurde der Modus wieder den Wünschen der Reichen angepasst: Ab 2018 gehören den vier Verbänden Spanien, Italien, Deutschland und England 16 der insgesamt 32 Startplätze fix. Das heisst unter anderem, dass zum Beispiel der Schweizer Meister keinen festen Startplatz mehr hat. Zudem wurde der Verteilschlüssel der TV-Einnahmen in der Champions League weiter zugunsten der Grossen verändert.

Grenzenloser Zynismus

Und wenn damit der Fussball – auch ohne europäische Superliga – irgendwann kaputt geht, weil kein System überlebt, das derart aus dem Gleichgewicht ist? Was bitte soll das die Mächtigen und Reichen kümmern, die haben ihre Millionen und Milliarden längst gesichert. Dass Rummenigge beim Lob über die neuen Vereinbarungen von «Solidarität mit den Kleinen» sprach, ist schon zu frech und zynisch, als dass man es noch kommentieren könnte.

President of the Football Association of Slovenia and candidate for the UEFA presidency Aleksander Ceferin speaks during an interview with Reuters in Athens, Greece September 13, 2016. REUTERS/Alkis Konstantinidis - RTSNI92

Uefa-Präsident von Mutkos Gnaden: der Slowene Aleksander Ceferin. Foto: Reuters

Denn es wird immer weitergehen. Irgendwann fragen sich die Reichen zum Beispiel: Ja, warum sind wir eigentlich nicht immer für die Achtelfinals gesetzt? Prompt bauen sie die Drohkulisse Superliga wieder auf. Schwupps, schon wirds von der Uefa umgesetzt. Dass sich deren neuer Präsident Ceferin auf ein Netzwerk des nun wirklich mehrfach schwer diskreditierten russischen Sportministers Witali Mutko stützt, sagt eigentlich auch schon alles über die moralische Integrität des europäischen Fussballverbandes der «Nach-Platini-Ära». Einer wie Ceferin weiss, wies geht im Milliardengeschäft, Sätze wie der mit dem Krieg gegen die Champions League darf man getrost als Funktionärs-Gewäsch abtun. Mit ihm an der Uefa-Spitze müssen sich Abramowitsch, Rummenigge & Co. keine Sorgen um die Umsetzung ihrer Gier und Machtgelüste machen.

High Noon im Old Trafford

Christian Andiel am Donnerstag, den 8. September 2016
epa03066085 Real Madrid's Portuguese head coach Jose Mourinho (L) greets FC Barcelona's head coach Josep Guardiola (R) moments before their Spanish King's Cup quarterfinals first leg soccer match at Santiago Bernabeu stadium in Madrid, central Spain, on 18 January 2012. EPA/KIKO HUESCA

Männerfeindschaft: José Mourinho (links) und Pep Guardiola beim Cup-Viertelfinal Real – Barcelona im Januar 2012. Foto: Keystone

Geben sie sich die Hand? Schauen sie einander in die Augen? Am Samstag zur Mittagszeit ist es so weit, in Manchester treffen José Mourinho und Pep Guardiola erstmals nach mehr als vier Jahren wieder aufeinander. High Noon ist um 13.30 Uhr zwar grade durch, aber es wird ein Duell, das die eh schon aufgeladene Atmosphäre in der Premier League ein erstes Mal so richtig zum Kochen bringt.

Mourinho und Guardiola sind sich gegenseitig in tiefster Abneigung zugetan, dabei arbeiteten sie einst vier Jahre in Barcelona zusammen: Guardiola als Captain, Mourinho als Assistent der Chefcoachs Bobby Robson und Louis van Gaal. Es ist das Duell zweier Männer mit überbordendem Ego und manchmal schon furchterregenden Rattenfänger-Mentalitäten. Und es ist das Duell zweier komplett unterschiedlicher Systeme: Guardiolas Ballbesitz-Fussball gegen Mourinhos Abwarte- und Kontertaktik.

Jetzt stehen sie sich nach Champions League und Primera División erstmals in der Premier League gegenüber. Guardiola wird gerne an den ersten Clásico denken, als er im November 2010 mit Barça Mourinhos Real beim 5:0 demütigte. Mourinho vor allem an das 3:1 mit Inter im Halbfinal der Champions League im April 2010. Barcelona hatte wegen des Vulkanausbruchs auf Island die Reise nach Italien im Bus zurücklegen müssen, nach dem 1:0 im Hinspiel erklärte Guardiola die Niederlage mit diesen Strapazen. Mourinho hat ihm diese «Ausrede» nie verziehen, er fühlte sich im Stolz nach einem starken Auftritt seiner Mannschaft tief verletzt.

Es geht wieder los, und das im «Theatre of Dreams» der United. Beide bislang ohne Verlustpunkt, beide mit der optimalen Ausbeute nach drei Partien. «Game of Thrones» titelte der «Observer» am Sonntag in seiner Vorschau auf die Partie. Und erinnerte an das 6:1 der City vor fünf Jahren beim Spiel im Old Trafford. Es war die schlimmste Heimpleite für ManU nach mehr als einem halben Jahrhundert.

«Ich bin schwul!»

Christian Andiel am Donnerstag, den 1. September 2016

Das wird die Beste aller bisherigen Bundesliga-Saisons. Nicht weil doch Dortmund Meister wird, nicht weil Köln mit einem ganz neuen, revolutionären Spielsystem endlich wieder in den Europacup kommt, auch nicht, weil die roten Bullen aus Leipzig gleich wieder absteigen. Nein, die Saison wird deshalb so wichtig und zukunftsweisend, weil sich erstmals ein aktiver Bundesliga-Promi als schwul outet. Dass dies einmal passieren wird, war immer klar. Nur, wann, das ist die Frage. Marcus Wiebusch, Frontmann von Kettcar, hat auf seinem Soloalbum einen tollen Song dazu geschrieben und ein starkes Video gedreht.


Der Song und das Video zum Thema: Marcus Wiebusch, «Der Tag wird kommen!». Quelle: Grand Hotel van Cleef/Youtube

Thomas Hitzlspergers Bekenntnis war der letzte vorletzte Schritt. 2014 äusserte sich der ehemalige Nationalspieler zu seiner Homosexualität. In seinem sehr lesenswerten Interview mit der «Zeit» wird auch klar, warum er damit bis nach der Karriere wartete. Von «Soziopathen» war da die Rede, davon, dass Homosexualität im Fussball «schlicht ignoriert wird. In England, Deutschland oder Italien ist das kein ernsthaftes Thema, nicht in der Kabine jedenfalls.» Von Schwulen-Witzen unter Fussballern, Gruppenzwang, vom langwierigen und schwierigen Prozess.

Aber jetzt ist es soweit. Während der aktuellen Saison wird ein prominenter Spieler oder Trainer den Mut haben, dieses Thema ein für allemal zu erledigen und zu sagen: «Ich bin schwul!» Ich werde jetzt hier den Teufel tun und mit Namen spekulieren, wer es sein könnte. Genau diese Mutmassungen sind nämlich schon ein Grund, warum viele Menschen so grosse Probleme haben, sich zu outen. Getuschel, schiefe Blicke, blöde Sprüche. Da wird einem immer wieder klar, wie wichtig die «richtige» sexuelle Orientierung für viele andere ist – und natürlich wissen nur genau diese Leute, was «richtig» ist.

Wie reagieren die Fans?

Gut deshalb, dass jetzt einer dieses Tabu bricht. Und gespannt dürfen wir sein, wie die Fans reagieren. Sie, die sich doch so gerne als die Wahrer des Fussballs sehen. Passen Homosexuelle ins Weltbild der diversen «Fronten» und anderen gewaltbereiten Gruppierungen? Und wehren sich die übrigen Fans dann für die mutige Minderheit, oder machen es die meisten, wie sie es sonst auch handhaben: Ein bisschen mitlaufen, ein bisschen mitgrölen, ein bisschen mitmischen, es aber doch irgendwie gar nicht so meinen, wenns dann wirklich mal aus dem Ruder läuft?

Wie auch immer: Es wird eine grandiose Saison. Wegen eines kurzen Satzes, der nur diejenigen stört, die eh nichts in der Birne haben und vor lauter Hass nicht wissen, wohin mit sich. «Ich bin schwul.» Klingt so einfach – und ist im Fussball immer noch so schwierig.

Fussball ist alles - auch schwul! (Getty Images)

Und der Tag wird kommen: Denn Fussball ist alles – auch schwul! (Getty Images)

Das Schreckgespenst der Bundesliga

Christian Andiel am Donnerstag, den 25. August 2016

Was war das für ein grandioser Tag für die Fussballromantiker und die unermüdlichen Kämpfer für das Gute und Ehrliche. Dynamo Dresden, der Club mit der grossen Tradition und der erklecklichen Zahl an schwer gewaltbereiten Fans, schmiss das höherklassige Team von RB Leipzig hochkant aus dem DFB-Pokal. Ach, was jauchzte da das Herz des wahren Fans, als der verhasste Club des Brauseherstellers aus Österreich unterging. Und was wird für ein Gefeixe geherrscht haben, als Dynamo-Fans den abgeschlagenen und blutigen Kopf eines echten Bullen auf die Laufbahn ums Spielfeld geworfen haben. Unappetitlich sind schliesslich immer nur die anderen, nie man selbst. (Kurze Frage an die Chefs von Dynamo: Wie bringt man unbeobachtet einen Bullenkopf ins Stadion?)

Keine Frage: Es gibt Punkte, die abstossen bei Rasenball Leipzig, dem milliardenschweren Spielzeug von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz. Die Vereinsstruktur ist so gestaltet, dass es nur eine Handvoll «Mitglieder» gibt, deren einzige Aufgabe es ist, die Alleinherrschaft von Mateschitz nicht infrage zu stellen. Als bei Servus TV, einem anderen Mateschitz-Projekt, Mitarbeiter mit der Gründung eines Betriebsrates drohten, kündigte der öffentlichkeitsscheue Machtmensch für diesen Fall prompt die Schliessung des Senders an. Es gibt Servus TV noch, einen Betriebsrat gibt es nicht. RB Leipzig holt zudem mit den Milliarden, die zur Verfügung stünden, nicht gestandene Stars, sondern eher junge Spieler mit Perspektive – machen damit aber den deutschen Markt für Talente ziemlich kaputt.

Der Stil von Ralf Rangnick

Das ist alles höchst unangenehm. Und einige Kritiker sagen, zumindest die Sache mit der Mitgliederstruktur hätte von der Liga als Grund genommen werden können, um RB Leipzig den Aufstieg zu versagen. (Ich bin da skeptisch, Leute wie Mateschitz haben immer die besseren Anwälte.) Aber Fakt ist: RB ist jetzt oben angekommen, und sie werden vieles tun, um irgendwann in die Champions League zu kommen und um den Meistertitel mitzukämpfen. Und sie werden das unter der Ägide von Sportchef Ralf Rangnick so tun, wie er es schon beim vergleichbaren Projekt in Hoffenheim pflegte: mit vor allem jungen Spielern, die einen begeisternden, offensiven Stil pflegen.

Nur: Ist das böse? Darf Mateschitz sein Geld nicht dort einsetzen, wo er will? Natürlich ist er ein Kotzbrocken, aber ist Martin Kind, der selbstherrliche Boss in Hannover, ein Sympathieträger? In Hamburg gibt es den schwerreichen Sponsor Klaus-Michael Kühne, der immer dann einen teuren Spieler kauft, wenn der Abstieg droht. Ohne Kühne geht nichts beim HSV, das offizielle Budget ist absurd, der Club ist faktisch in seiner Hand. Wo sind die Proteste, und wer stellt die heiklen Fragen, wenn die Relegation durch einen restlos absurden Schiedsrichterentscheid zugunsten der Hamburger ausgeht?


Freiburgs Trainer Christian Streich über die Qualitäten und Möglichkeiten von RB Leipzig. Quelle: Badische Zeitung / Youtube

Die Macher in anderen Vereinen sind besorgt. Das ist klar. Freiburgs Coach Christian Streich verweist auf die unbegrenzten Möglichkeiten im finanziellen Bereich, geleistet von einem Mäzen, der wieder weg ist, wenn er die Lust verliert. Streichs Kollege bei St. Pauli, Ewald Lienen, erklärt, warum man einst auf der Website das Firmenlogo zensiert habe, «wir machen keine Werbung für diesen Konzern». Auch dank Red Bull Leipzig ist in der gesamten Szene die Diskussion über die verrohten Sitten im Fussball ausgebrochen. Am Sonntag sagte zum Beispiel Marcel Reif im «Doppelpass» auf Sport 1 im Zusammenhang mit dem Transferwahnsinn, er habe Bedenken, «dass das eine Art der Kultur wird, mit der möchte ich nichts mehr zu tun haben». Machen Sie sich als Reif-Fan nun aber bitte nicht zu viele Sorgen. Er bleibt uns (Gott sei Dank!) erhalten, denn auch Reif wurde reich und berühmt als Mitglied des Showbusiness Fussball, das nun in der Bundesliga als vorläufigen Höhepunkt all der Entwicklungen der vergangenen Jahre den Aufstieg von RB Leipzig erlebt hat.


Ewald Lienen (St. Pauli) erklärt, warum eine Zensur nötig war. Quelle: Deutschland sagt Nein zu RB Leipzig / Youtube

Immerhin haben die Fans wieder einen klaren Feind, nachdem Bayer Leverkusen, VW Wolfsburg, SAP Hoffenheim und Audi Ingolstadt längst normal und akzeptiert sind. Die Vorbereitungen zu Protest und Randale laufen auf Hochtouren, gebündelt bei Facebook unter «Deutschland sagt Nein zu RB Leipzig». Da heisst es zum Beispiel: «Dann gibt es noch das Argument ‹Hinfahren und Bude abreissen› wie einst Hansa Rostock. Aber aufgrund des Sicherheitswahns in Leipzig ist das nicht mehr möglich.» Und das ist dann wirklich frech von Mateschitz und seinen Schergen in den Institutionen. Da schaut die Polizei bei heftiger Randale nicht einfach zu, sondern wappnet sich und will in der Tat sogar dagegen vorgehen. Danke, RB Leipzig, kann der wahre Fan da nur sagen, euretwegen müssen wir tatsächlich unter dem Sicherheitswahn leiden.

Der Kümmerer

Christian Andiel am Donnerstag, den 18. August 2016


Schlechte Neuigkeiten für (fast) alle Fussballfans: Bayern wird in der kommenden Saison das Triple holen. Das lässt sich deshalb nicht vermeiden, weil das ohnehin starke Kader nun von einem Trainer betreut wird, der nicht sich, sondern die Spieler in den Vordergrund stellt. Carlo Ancelotti hat bei allen seinen bisherigen Stationen bewiesen, dass er ein unglaubliches Gespür für die Menschen um sich herum hat. Er ist ein gewiefter Taktiker, aber er stellt nicht sein Denken, seine Ideen über alles und verliert dabei den Respekt vor den Fähigkeiten des Gegners. Ancelotti ist also nichts weniger als ein Anti-Pep, er erinnert vielmehr an Jupp Heynckes, den Vorgänger von Guardiola. Und was war das Erbe jenes ehrgeizigen, erfahrenen, bescheidenen, sympathischen Heynckes? Genau, das Triple.

In einer lesenswerten Biografie mit dem passenden Titel «Quiet Leadership – Wie man Menschen und Spiele gewinnt» (für eine Leseprobe klicken Sie bitte hier) bringt uns Ancelotti sein Denken nahe, er erzählt von seinem Leben, von seiner Kindheit in sehr einfachen Verhältnissen. Der Vater war Bauer, die Familie lebte von der Herstellung von Parmesankäse. 50 Prozent der Einkünfte mussten an den Eigentümer des Landes abgegeben werden. Ancelotti hat seine Herkunft nie vergessen, und dennoch kann er mit den Superstars der restlos überteuerten Fussballwelt so umgehen, dass einer nach dem anderen im Buch eine wahre Lobeshymne auf den ehemaligen Trainer abgibt: «Er ist ein unglaublicher Mensch» (Cristiano Ronaldo), «Er ist der beste Trainer aller Zeiten» (Zlatan Ibrahimovic), «Für mich ist er das Nonplusultra» (John Terry), «Für mich ist er ein Freund, und ich vermisse ihn» (Paolo Maldini).

Lächerliche Gesten sind ihm fremd

Bei Ancelotti muss Thomas Müller nicht bis nach dem allerletzten Spiel nach drei Jahren warten, ehe er sagt, nun habe der Trainer endlich Mensch sein können, wie er das bei Guardiola tat. Und was nur zeigt, wie sehr sich der Katalane selbst überhöht hat und wie das Umfeld diese Hybris übernommen hat. Ancelotti liebt den Fussball, aber er wird ihm nie wichtiger sein als die Menschen um ihn herum. Paul Clement, sein langjähriger Wegbegleiter als Assistent, sagt: «Carlo ist ein Kümmerer.» Dass ihm das immer wieder als Schwäche ausgelegt wird, dass er zu weich und nachgiebig im Umgang mit Spielern sei, das zeigt nur eines: wie dämlich Mächtige und Entscheider im Fussball halt zumeist sind.

Die Liebe zum Fussball lässt Ancelotti auch die nötige Demut wahren. Er schreibt: Die Menschen im Stadion «zahlen nicht, um mich an der Seitenlinie zu sehen oder Pep Guardiola oder Sir Alex Ferguson». Also wird Ancelotti nicht auf lächerliche Art während eines Penaltyschiessens demonstrativ auf einen Stuhl neben der Seitenlinie sitzen und den Blick vom Geschehen wenden, er wird nicht während eines Spiels bis fast zum Mittelkreis rennen, um Goalie Manuel Neuer nach einem minimalen und folgenlosen Fehler publikumswirksam zusammenzustauchen.

Wie läuft es mit den Chefs?

Auf eines darf man freilich schon gespannt sein: das Verhältnis zwischen Ancelotti und seinen Chefs. In seiner Autobiografie macht der Italiener deutlich klar, was er von Einmischungen von oben und ganz oben hält, wie sehr es ihn anwidert, wenn man auf Konkurrenten oder Schiedsrichter verbal einprügelt. Er sieht sich auf der Seite der Spieler und des Spiels, sonst nichts. «Ich verbringe nicht sehr viel Zeit mit dem Präsidenten», schreibt er etwa, dieser Teil der Kommunikation sei ihm nicht sehr wichtig. Blöd nur, dass der Präsident beim FC Bayern bald wieder Uli Hoeness heisst. Daneben schwurbelt ein Karl-Heinz Rummenigge auch gerne zu allem und jedem irgendetwas. Und das in einer Phase, in welcher der interne Machtkampf zwischen den beiden Gockeln wieder heftig entfacht werden wird.

Aber die Störfeuer der selbstherrlichen Chefs werden leider der Konkurrenz nichts nützen, weil auch Rummenigge und Hoeness am Menschen Ancelotti abprallen. Gut für den Italiener, schlecht für die anderen Vereine.

Mourinho – Guardiola 1:0

Christian Andiel am Donnerstag, den 11. August 2016
Real Madrid's coach Jose Mourinho (R) shakes hands with Barcelona's coach Pep Guardiola before their Champions League semi-final first leg soccer match at Santiago Bernabeu stadium in Madrid April 27, 2011. REUTERS/Sergio Perez (SPAIN - Tags: SPORT SOCCER) - RTR2LOFS

Dich ignorier ich nicht einmal! Pep Guardiola (links) und José Mourinho während ihrer gemeinsamen Zeit in Spanien. Foto: Reuters

Das muss Pep Guardiola fertigmachen. Gleich das erste Duell mit seinem Intimfeind José Mourinho verliert der stolze Katalane. Knapp, aber verloren ist verloren. Dabei sah Guardiola im ersten Moment wie der Sieger aus: 190,1 Millionen Euro warf sein Club Manchester City für neue Spieler auf den Markt, und damit 5,1 Millionen mehr als Lokalrivale Manchester United. Haben die Besitzer von ManU ihren neuen Coach Mourinho also weniger lieb, ist er ihnen weniger teuer? Falsch, wie der zweite Blick aufdeckt: ManU hat keinen Cent eingenommen, also eine Transferbilanz von eben diesen 185 Millionen Euro. Manchester City aber hat die Herren Dzeko, Rulli und Lejeune für insgesamt 19,5 Millionen verkauft, damit sinkt die Transferbilanz auf jämmerliche 170,6 Millionen Euro. Es ist eine Schande, wird sich Guardiola sagen, bereut er möglicherweise schon den Wechsel zu diesen Geizkragen?

Natürlich spinnt die Premier League. Und das Transferfenster schliesst erst Ende August, man darf noch einiges erwarten, wenn Mourinho und ManU schon bereit sind, für einen Paul Pogba 105 Millionen Euro zu bezahlen: In den Jahren 2014/15 (1,2 Milliarden) und 2015/16 (1,4 Milliarden) wurde die Milliarden-Grenze überschritten, da wird man doch noch jemanden finden, mit dem man sein Team aufpeppen kann? Einen mittelmässig begabten deutschen Linksverteidiger vielleicht oder einen vielfachen Internationalen, den man als dritten Goalie engagieren kann, zur Not einen schicken Greenkeeper? Guardiola kann also weiter hoffen, dass sein Club ihm noch den einen oder anderen überteuerten Wunsch von den Augen abliest.

Aber klar ist trotzdem: Die Vorfreude auf diese Saison inmitten des englischen Wahnsinns ist riesig. Allein was sich da an Coaches bei Titelanwärtern messen: Guardiola und Mourinho, Klopp (Liverpool), Conte (Chelsea) und Wenger (Arsenal). Oder können Ranieri (Leicester) und Pochettino (Tottenham) mit weniger Mitteln, aber mehr Ideen, besserer Taktik, grösserer Leidenschaft und Teamgeist die Grossen wieder ärgern, wie es Leicester als Meister vorbildlich gezeigt hat?

Der Zirkus startet am Sonntag mit Arsenal – Liverpool, und schon am 4. Spieltag (10. September) ist High Noon: Manchester United empfängt Manchester City. Der «Guardian» witzelte schon darüber, dass Spanien fast zu klein war für die Egos von Guardiola und Mourinho, als der eine bei Barcelona, der andere bei Real arbeitete. Und nun müssen sich beide das vergleichsweise kleine Manchester teilen, quasi Tür an Tür mit dem jeweiligen Grölef (grösster lebender Feind). Man stelle sich das vor, beide kaufen gleichzeitig im selben Biomarkt ein, und Mourinho schnappt sich die letzte reife Avocado, er knurrt: «In dieser Stadt ist kein Platz für uns beide», im Hintergrund erklingt die Mundharmonika, die Sporen klirren… ach, endlich wieder Fussball!