Dorfkicker im Schaufenster der Nation

Guido Tognoni am Freitag, den 26. Mai 2017
Nachspielzeit

Feiern wie die ganz Grossen: Die Amateure der Sportfreunde Dorfmerkingen nach ihrem Triumph am 25. Mai. Foto: Sportfreunde Dorfmerkingen (Facebook)

Unvorstellbar: Tavanasa – Balzers oder FC Grünstern – Ticino, einfach irgendetwas, das halbwegs mit Fussball zu tun hat, den ganzen Auffahrtsnachmittag am Schweizer Fernsehen, nicht gerade SRF 1, aber doch SRF 2, der ohnehin der Sportsender ist. Und am Mikrofon unter anderen Sascha Ruefer, der alle Namen der Tavanasa-Spieler kennt und weiss, wie alt der Trainer ist, und überhaupt alles sagt, was es zu sagen gibt, und der bei jedem Tor schreit, als ob es die ganze Schweiz live und ohne Lautsprecher bei offenen Fenstern in den Stuben hören müsste. Wie gesagt, unvorstellbar.

In Deutschland ist es anders. Deutschland ist nicht nur Fussballnation Nummer 1, weil die Deutschen Weltmeister sind. Deutschland ist Merkel und Mercedes, Deutschland ist aber vor allem Fussball, Fussball und nochmals Fussball. Wer an Auffahrt beim Durchzappen auf ARD hängen blieb, wähnte sich zuerst mal an einem verspäteten Champions-League-Spiel mit deutscher Beteiligung. Die Reporter brüllten wie bei Bayern – Real Madrid, die Konferenzschaltung wirbelte von einem Spielort zum andern, aber es war nicht Samstagnachmittag mit Bundesliga auf Sky, sondern irgendwelcher Fussball auf ARD, dem Sender für über 80 Millionen Deutsche.

Sensationelle Sportfreunde

An einem Spielfeldrand warb «Köstitzer Klosterbier», und auf dem Rasen kämpften Norderstedt gegen Halstenbek, Kirchheim gegen Nöttingen, Rostock gegen MSV Pampow, Hadamar gegen Wehen und Hausen gegen Rielasingen-Arlen. Loriot, der leider verstorbene Grossmeister der deutschen Komik, hätte an diesen Spielen seine helle Freude gehabt. Dorfmerkingen schaffte offenbar mit dem 3:1 gegen die Stuttgarter Kickers eine Sensation, und bei Cottbus gegen Luckenwalde war als Reporterin eine Quotenfrau im Einsatz, die allerdings nur selten zum Zuge kam. Im Lauf des Nachmittags lernte man auch die guten alten teutonischen Bezeichnungen «Wacker» (Burghausen), «Germania» (Halbstadt) und «Eintracht» (Norderstedt) wieder einmal kennen. Die Dorfmerkinger sind «Sportfreunde».

Bald einmal war es erforderlich, die notwendige Basisinformation von der Website des Deutschen Fussball-Bundes abzuholen. Um was ging es denn bei dieser landesweiten Aufregung? Auffahrtfussball mit Norderstedt gegen Halstenbek war der «Finaltag der Amateure» mit 19 Endspielen an drei Spielzeiten ab 12.45, 14.45 und 17 Uhr. Beginn der Reportagen auf ARD um 12.35, Ende 20.00, so der Zeitplan. Dorfmerkingen und Hausen spielen in den Tiefen der 7. Liga und kamen am Bildschirm genauso zum Zuge wie der einstige Pokalsieger Rot-Weiss Essen. Die Sieger qualifizieren sich für den DFB-Pokal.

Dorfmerkingen mit den Weilern Dossingen, Hohenlohe und Weilermerkingen liegt im Ostalbkreis in Baden-Württemberg. Es gehört zur Stadt Neresheim. So steht es bei Wikipedia. Die DFB-Website bezeichnet den Erfolg von Dorfmerkingen als «irre». Falls es eine Steigerung von irre gibt: Nächster Gegner der Sportfreunde könnte Bayern München sein.

Wo Fussballstadien noch willkommen sind

Guido Tognoni am Samstag, den 13. Mai 2017
Nachspielzeit

Die Frage des Schattenwurfs stand hier nicht zur Debatte: Das Soccer City Stadium in Johannesburg, wo das Eröffnungs- und das Finalspiel der WM 2010 ausgetragen wurden. Foto: Keystone

Grosse Bauten werfen ihre Schatten voraus. Zumindest in Zürich. Die Tatsache, dass die Grasshopper-Fussballer ihre Heimspiele immer noch als Strafexpeditionen in den Letzigrund bestreiten müssen, hat auch mit Schatten zu tun: Wegen des verhinderten Neubaus des Hardturmstadions erlangte der Begriff Schattenwurf zumindest regionale Bedeutung. Zürich musste lernen, dass der jahrhundertelang gewährte ungestörte Sonnenschein gewissermassen als Menschenrecht ersessen werden kann. Das neue Stadion hätte einigen Nachbarn nicht etwa Schatten gespendet, sondern einige Stunden Sonne weggenommen. Das reichte, um das Projekt zu Fall zu bringen. Interessant wäre der Ausgang der Diskussionen gewesen, wenn nicht ein Stadion, sondern etwa eine Alterssiedlung einen solchen Schatten geworfen hätte.

Das Wort Schattenwurf dürfte ausserhalb Zürichs und geschulter Architektenzirkel nirgendwo ein Begriff sein. Schon gar nicht in Afrika. Afrika ist bekanntlich immer noch ein leidender Kontinent. Es gibt zwar Leute, die in diesem oder jenem Land wirtschaftliche Fortschritte erkennen können, aber im Vergleich etwa zu Asien ist Afrika fast hoffnungslos im Rückstand. Nur im Fussball drang Afrika druckvoll nach vorne, dies allerdings weniger auf dem Rasen als vielmehr in der Sportpolitik. Ohne die afrikanischen Delegierten zu hätscheln, wird seit 1974, als João Havelange seine 24 Jahre dauernde Alleinherrschaft antrat, keiner Fifa-Präsident. Das wusste auch Sepp Blatter, und das lernte natürlich ebenso schnell Gianni Infantino.

Lieber Stadien als Spitäler

Wie wichtig der Fussball in Afrika ist, zeigt sich auch auf einer ganz anderen Ebene. Wenn ein Investor kommt und in Afrika nach Geschäftsfeldern sucht, glaubt er vorerst an zahlreiche Möglichkeiten: Rohstoffe aller Art, Verkehrswege auf Schiene, Strasse oder dem Luftweg, Kommunikation, Landwirtschaft und nicht zuletzt auch medizinische Versorgung. Nicht jedes Investment ist in Afrika willkommen, denn einzelne Länder sind – etwa für den Abbau von Erdöl oder im Fernmeldewesen – bereits grossflächig vergeben. Und bei vielen Projekten verliert der Investor bald einmal Lust und Geduld, herauszufinden, wer was bei wem und wie viel verdienen will.

Schnell kommt man nur in einer Richtung voran: Wer ein Stadion verspricht, kann offene Türen einrennen. Nicht Spitäler, Fabriken, Farmen, Strassen und Brücken stehen in Afrika auf der Bedürfnisliste der Machthaber zuoberst, sondern Fussballstadien. Da leuchten die Augen. Wobei einzuräumen ist, dass Fussballstadien mancherorts auch für politische Manifestationen verwendet werden. Immerhin. In der Schweiz sind Stadionbauten grundsätzlich umstritten. In Afrika grundsätzlich willkommen. Und zum Schatten, ob geworfen oder ganz einfach vorhanden, hat in ganz Afrika niemand ein gestörtes Verhältnis.

Lucien Favre muss nach Dortmund

Ueli Kägi am Donnerstag, den 11. Mai 2017
Erfolgsverwöhnt: Lucien Favre in Nizza. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Erfolgsverwöhnt: Lucien Favre in Nizza. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Der FCZ war Dauerkrise. Die Hertha träumte gross, aber spielte klein. Gladbach stand vor dem Abstieg. Und Nizza war höchstens für Schönwetterfussballer Traumziel.

Dann kam Lucien Favre. Den FCZ verliess er als zweifacher Meister. Die Hertha führte er zwischenzeitlich an die Bundesliga-Spitze. Mit Gladbach schaffte er es in die Champions League. Und in Nizza wird es jetzt mindestens Rang 3. Ob Favre deshalb in Südfrankreich bleibt? Es muss nicht sein. Und eigentlich: Es darf nicht sein.

Unberechenbar

Was ist an allen Favre-Stationen hängen geblieben vom Romand – neben den sportlichen Höhenflügen und plötzlichen Trennungen? Seine Unberechenbarkeit. Den FCZ hat er trotz anderer Beteuerungen Hals über Kopf verlassen. In Berlin rieb er sich in einem Machtkampf mit Dieter Hoeness auf. In Gladbach wollte er offenbar mehrmals zurücktreten, bis er dann nach fünf Niederlagen in Folge seinen sofortigen Abgang per Communiqué bekannt gab – ohne Rücksprache mit der Clubführung.

60-jährig wird Favre im November. Und wenn es weitergeht mit unerwarteten Wendungen, sollen doch jetzt bitte sein nächster Erfolg in Nizza und die lodernden Streitereien in Dortmund zwischen Clubchef Watzke und Trainer Tuchel vielleicht dazu führen, dass Favre doch noch die Chance erhält, sich bei einem Grossclub zu versuchen.

«Wird Favre neuer BVB-Trainer?», fragte die «Bild-Zeitung» am Dienstag auf ihrer ersten Seite (und hier online). Es gibt ja Fussballmitredner, die sagen: Favre bei einem grossen Club, das gehe nicht. Dafür sei er zu kompliziert und zappelig. Dafür könne er zu wenig gut mit schwierigen Menschen umgehen. Dafür sei er zu verletzlich.

Das passt

Nur: Woher wollen sie all das wissen? Favre selbst hat in einem Interview einmal gesagt: «Für mich wäre es kein Problem, wenn einmal ein Verein sagt: Herr Favre, wir verpflichten Sie, damit Sie den Titel gewinnen. Ich würde das akzeptieren.» Und über sich als Trainer ist er auch schon diesen Satz losgeworden: «Ich denke, ich bin gut. Punkt.»

Ja, gut ist er. Und deshalb wäre es grossartig, ihn nun noch bei einem Club mit Geld zu sehen. Favre in Dortmund, ein lebhafter Trainer bei einem lebhaften Club – da ist alles denkbar. Vom Champions-League-Sieg bis zum schnellen Scheitern. Und wenn ich wetten müsste: Ich nähme die Variante mit dem Pokal.

Kein Schweiza Toahüta

Guido Tognoni am Donnerstag, den 27. April 2017

Erfrischend echt: Yann Sommer redet wie ein Schweizer. (Bild: Reuters/Ints Kalnins)

Borussia Mönchengladbachs Torhüter Yann Sommer gehört, wie etwa Roger Federer, zu jenen Schweizer Sportlern, die bei ihren öffentlichen Auftritten nichts falsch machen können. Beide blieben im Laufe ihrer Karriere bisher skandalfrei. Sommer sieht wie Federer gut aus, er hält fast alle Bälle, und er kann bei seinen Interviews den Akkusativ vom Apéritif unterscheiden. Vor allem: Yann Sommer redet Deutsch wie ein Schweizer in Deutschland, wie zuletzt am späten Dienstagabend in der ARD nach dem verlorenen Elfmeterschiessen gegen Eintracht Frankfurt. Er lässt auch nach mehreren Jahren Bundesliga den meist völlig untauglichen Versuch bleiben, als Schweizer wie ein Deutscher zu sprechen.

Denn solche Versuche nerven. Ob am Radio, im Fernsehen oder bei irgendwelchen Interviews, ob hochdekorierte Sportler oder national bekannte Nachrichtensprecher: Schweizer, die statt zweiundzwanzig zweiundzwanzich und statt dreissig dreissich sagen, bemühen sich am falschen Ort. Altmeister Beni Thurnheer wäre es nie eingefallen, sprachlich einen Deutschen zu mimen, und dennoch fiel er keineswegs ab, als er etwa mit Günter Netzer, einem natürlich begabten Künstler der gepflegt gesprochenen hochdeutschen Sprache, über die Fussball-Nationalmannschaft berichtete.

Unnötige und misslungene Versuche

Die Sportmoderatoren und -reporter des Schweizer Fernsehens, um bei diesen zu bleiben, sind glücklicherweise nicht vom versuchten Bühnendeutsch infiziert. Bei der Konkurrenz von Teleclub tönt es hingegen extrem bemüht: Die Reporter reden beim Tor vom Toa, beim Torhüter vom Toahüta, der vielgepriesene Denker und Lenker im Mittelfeld wird zum Denka und Lenka, und unsere braven Müller, Meier, Keller und Widmer werden zu Mülla, Meia, Kella und Widma. Dabei tönt Yann Somma statt Yann Sommer aus einer Schweizer Kehle nicht nur gekünstelt, sondern genauso angestrengt wie die Bemühungen, das schweizerische rollende r aus den Tiefen der Kehle auszusprechen.

Wir amüsieren uns, wenn Deutsche in der Schweiz versuchen, unser Grüezi mit ihrem Grüzi zu imitieren, was ohnehin ein ebenso hoffnungsloser wie unnötiger Versuch ist, die Integration in unser Land über die Sprache zu beweisen. Genauso unnötig sind die Versuche von uns Tellensöhnen und -töchtern, krampfhaft jene sprachliche Tonalität und Finessen zu bemühen, die nun einmal nicht uns, sondern den Deutschen eigen sind. So versucht Yann Sommer nicht so zu klingen wie Manuel Neuer, sondern wie ein Schweizer, der in der Schule am Zürichsee Hochdeutsch gelernt hat. Er spricht nicht wie ein Schweiza Toahüta, sondern wie ein Schweizer Torhüter.

 

Lotto ist korrekter als Spitzenfussball

Guido Tognoni am Donnerstag, den 20. April 2017
Die Spieler jubeln zu unrecht: Real Madrid nach dem zweiten Treffer von Cristiano Ronaldo gegen Bayern München. Foto: Daniel Ochoa de Olza (AP Photo, Keystone)

Die Spieler jubeln zu Unrecht: Real Madrid nach dem zweiten Treffer von Cristiano Ronaldo gegen Bayern München. Foto: Daniel Ochoa de Olza (AP Photo, Keystone)

Was ist los mit den Schiedsrichtern? Hat es zu wenig gute, sind die besten nur in einem Formtief, oder sind sie dem aktuellen Fussball nicht mehr gewachsen? Irgendetwas stimmt da nicht mehr. Wir sehen in jüngster Zeit zu viele Spiele, die von falschen Entscheidungen massgeblich beeinflusst wurden. Und zu den Spielleitern gehören auch die Linienrichter, die bekanntlich mittlerweile zu Schiedsrichter-Assistenten befördert worden sind. Wenn etwa derart klare Abseitspositionen wie jene Ronaldos vor dem 2:2-Ausgleich Real Madrids nicht bemerkt werden, ist das mehr als nur ein Betriebsunfall, wie er von Fussballromantikern als unvermeidlicher Teil des Spiels verklärt wird. Das irreguläre Tor Ronaldos lieferte eindrückliche Bilder: hier der blitzschnelle Angriff der Spanier, da ein Schiedsrichter, der vom Tempo gleichermassen überfordert wird wie der Assistent an der Linie, welcher der Aktion statt auf Ballhöhe um mehrere Meter hinterherhechelt.

Millionen Zeugen

Millionen haben den Regelverstoss gesehen, nur der Schiedsrichter nicht. Die Bayern, für einmal nicht mit dem traditionellen Bayern-Bonus gesegnet, schäumen, und dies zu Recht. Solch krasse Fehlleistungen der Schiedsrichter sollten die Fifa endlich dazu bewegen, das gesamte System zu überdenken. Es braucht beispielsweise keine Torrichter, die quasi als bezahlte Fussballtouristen bei Spielen der Uefa die verlängerte Torlinie dekorieren und zwischendurch sogar jene Szene nicht beurteilen können, die in jedem 500. Spiel vorkommt, während es in jeder Partie mehrere umstrittene Abseits- und Elfmeterszenen gibt. Michel Platini hat diese Torrichter aus Trotz eingeführt, weil sein Rivale Sepp Blatter nach Jahren des Zauderns endlich seine Zustimmung für die Anfänge des Videobeweises gegeben hatte.

Jeder Quadratzentimeter ist reglementiert

Die perfekte Lösung für die Spielleitung wird es nie geben. Das Problem ist, dass nicht einmal ernsthaft nach Verbesserungen gesucht wird. Fifa-Präsident Gianni Infantino verschliesst sich zwar nicht dem Videobeweis, aber eine klare Richtungsangabe fehlt. Tatsache ist einzig, dass der Fussball rituell abgesicherte Ungerechtigkeit bleibt, solange die vorhandenen technischen Hilfsmittel nur für die Zuschauer, aber nicht für das Spiel eingesetzt werden. Fifa und Uefa reglementieren ausserhalb des Spielfelds jeden Quadratzentimeter Raum, den es zu vermarkten gibt. Aber die Spielleitung, die über die Verteilung der Millionen aus den gigantischen Geldmaschinen entscheidet, befindet sich noch im sportlichen Mittelalter. Lotto läuft korrekter ab als Fussball – das ist nicht nur schwer zu ertragen, sondern ganz einfach absurd.

Auf den Bart gekommen

Guido Tognoni am Freitag, den 14. April 2017


Nur wenige würden zugeben, dass auch Männer willens sind, sich seltsamen Modeströmungen auszuliefern, was bisher eher ein Privileg des weiblichen Geschlechts war. Dennoch: Die Drei-, Vier-, Fünf- und Sechstagebärte halten sich zäh und scheinen sogar weiterhin auf dem Vormarsch, denn selbst in der Männermode gibt es offensichtlich noch letzte Mohikaner.

So ist auch Vladimir Petkovic, weltweit der Nationalcoach mit den schönsten Zähnen, vor einigen Wochen dem Kurzbarttrend erlegen, Borussia-Dortmund-Coach Thomas Tuchel versucht sich mit einem Dünnbart, der seinem asketischen Aussehen entspricht, der gelernte Coiffeur Alain Suter, stilbildend für Kopfschmuck und schmerzfreie Analysen, doziert im Schweizer Fernsehen mit zweifarbigem Bart, wie auch Basels Neo-Sportchef Marco Streller das Bartmesser nur sehr dosiert einsetzt.

In den 70ern war es der Schnauz

Uli Forte, mit dem FC Zürich auf Erfolgskurs, darf immerhin für sich in Anspruch nehmen, dass er bereits auf einen rustikalen Gesichtsausdruck Wert legte, noch bevor weite Männermassen sich vom Bartzwang mitreissen liessen. Völlig antizyklisch verhält sich dagegen der neue GC-Coach Carlos Bernegger: Sein Kopf- und Gesichtsschmuck besteht aus einem radikalen Nichts. Auch Cristiano Ronaldo, der Spieler mit dem makellosen Körper, verzichtet auf Barthaar, während sein ewiger Rivale Lionel Messi die Gegner nun mit einem Vollstrupp ausdribbelt. Erstmals sieht Messi nicht mehr jünger aus als er ist, sondern älter, so richtig erwachsen. Mats Hummels, der schwarzhaarige deutsche Nationalverteidiger, lief vor kurzem gar mit einem blonden Bart auf. Jedenfalls gehören mittlerweile nicht nur die Frisuren, sondern auch die Bärte zu den besonderen Kennzeichen von Fussballprofis.

Eine ähnliche maskuline Massenbewegung wie heute gab es bereits einmal in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrtausends. Der Schnauz des amerikanischen Wunderschwimmers und mehrfachen Olympiasiegers von München 1972, Mark Spitz, animierte Millionen Männer, zwischen Oberlippe und Nasenspitze ein Gestrüpp wachsen zu lassen, so unpassend, um nicht zu sagen lächerlich, es bei vielen Trägern auch ausgesehen haben mag. Der Trend verschwand bald einmal schneller, als er gekommen war. So weit sind wir bei den Bärten noch nicht.

Wann kommt die Transfersteuer der Fifa?

Guido Tognoni am Mittwoch, den 5. April 2017

Neymar ist der aktuelle Kandidat für einen 200-Millionen-Euro-Transfer. Foto. Paulo Whitaker (Reuters)

Der erste 200-Millionen-Transfer der Geschichte ist nur eine Frage der Zeit. Der unter dem Namen Silva Santos Junior unbekannte und als Neymar sehr bekannte Stürmer des FC Barcelona ist der wahrscheinlichste Kandidat, um diese irre Summe zu bewegen. Und als Käufer kommt noch vor den englischen oder chinesischen Bietern Real Madrid infrage, dies allein schon, weil niemand den FC Barcelona lieber ärgern möchte als der ewige Rivale aus der Hauptstadt.

Neymars Transfersumme soll vorderhand noch auf 190 Millionen Euro festgeschrieben sein. Doch wer 190 Millionen für zwei gut trainierte Beine ausgibt, der kann gleich auch fünf Prozent mehr und damit 200 Millionen hinlegen und die entsprechenden Schlagzeilen ernten. Falls Fussball vernünftig wäre (er ist es nicht): Jeder Verein, dem für einen Star 200 Millionen Euro angeboten wird, müsste diesen Spieler sogleich mit einem Trainingsverbot belegen, damit er sich nicht noch verletzen kann, bevor der Transfer vollzogen ist.

Im obszönen Bereich

Es ist nutzlos, sich über das verrückte Treiben auf dem Transfermarkt auszulassen. Das Geld ist offenbar vorhanden, und seitdem China das Prestige des Fussballs erkannt hat, sind die Lohn- und Transfersummen ohnehin noch mehr in jenen obszönen Bereich gestiegen, in dem sie angelangt sind, seitdem das Fernsehen dem Fussball als Geldmaschine dient. Die Summen sind einzig halbwegs vergleichbar mit jenem Geld, das in der Kunst für angesagte Maler ausgegeben wird. Mit dem Unterschied allerdings, dass ein Neymar echt ist, was man nicht von jedem teuer erstandenen Van Gogh sagen kann.

Skala von 1 bis 5 Prozent

Was soll die Fifa machen? Soll sie eingreifen und Höchstlimiten ansetzen mit dem Ergebnis, dass sogleich Wege gefunden werden, um diese Vorschrift zu umgehen? Die Transfersummen gleich abschaffen würde die Falschen treffen und die Löhne nur noch mehr erhöhen. Zudem ist davon auszugehen, dass bei einem Verbot der Transfersummen die Gelder einfach unter dem Tisch die Hände wechseln würden. Es bleibt eine dritte, die wohl vernünftigste Option: Die Fifa besteuert die Transfers, und zwar möglichst progressiv, beispielsweise mit einer Skala von 1 bis 5 Prozent, je nach Höhe der Summe. Die Einnahmen wären beträchtlich, Projekte für die sinnvolle Verwendung des Geldes sind leicht zu finden.

Die Versuchung der Steuerhinterziehung wäre im Fussball natürlich nicht kleiner als anderswo. Aber die Fifa hätte es in der Hand, die Fehlbaren umso drastischer zu bestrafen. Sie müsste es nur wollen.

Die Grasshoppers im Dorf der Osterhasen

Guido Tognoni am Dienstag, den 4. April 2017

Carlos Bernegger bei seinem ersten Training im GC-Campus in Niederhasli. Foto: Siggi Bucher (Keystone)

Die Clubadresse der Grasshoppers ist Niederhasli. Nicht etwa Oberhasli. Richtig: Nie-der-has-li. Der Rekordmeister lässt sich seine Post nach Nie-der-has-li schicken. Wer denkt an Fussball, wenn man den Namen Niederhasli hört? Der Osterhase passt zu Niederhasli, eine weltberühmte Kaninchenzucht würde auch passen, ein grossartiges Jodelchörli («Echo vom Niederhasli») ebenfalls, sicher auch ein Verein von Freunden der Modelleisenbahn. Aber Spitzenfussball?

Am Sonntagnachmittag lagen die Grasshoppers aus Nie-der-has-li während einiger Zeit auf dem letzten Rang, und wären die tapferen Vaduzer aus dem ausländischen Liechtenstein nicht in der Nachspielzeit gegen die Young Boys, nach dem FC Basel die zweitteuerste Mannschaft der Schweiz, eingebrochen, würde der Rekordmeister aus Niederhasli mindestens eine Woche lang die rote Laterne tragen müssen. 1. FC Basel, 10. FC Niederhasli. Unglaublich.

Schwamendingen liegt näher

Es war gewiss eine löbliche Absicht der damaligen Führungsriege der Grasshoppers, in der Provinz ein Fussballzentrum zu bauen. Allerdings ist Zürich nicht Afrika, wo junge, völlig mittellose Spieler nicht nur trainiert, sondern auch gepflegt und ernährt werden müssen. In der Schweiz werden die Jungs, vor allem jene aus den Balkanländern, von ihren Eltern und Verwandten gezielt und unter grossen persönlichen Opfern in den Fussball erzogen und aufgebaut. Die Familien stehen ihren Hoffnungsträgern jahrelang bei. Seitdem die Grasshoppers ihr Camp in Niederhasli eingeweiht haben, kommen die besten Nachwuchsspieler nicht etwa von GC, sondern aus der Schule des FC Zürich. Schwamendingen liegt näher als Niederhasli.

Ein Student muss drinliegen

Es mag Zufall sein oder auch nicht, aber seitdem die Grasshoppers Niederhasli besiedelt haben, geht es nicht aufwärts, sondern abwärts. Der sogenannte Campus hängt als finanzieller Bleifuss am Club, und die Spiele im Durchzugstadion Letzigrund anstelle des voreilig zertrümmerten Hardturm sind für den heimatlosen Verein Strafaufgaben. Irgendetwas läuft schief beim ehemaligen Nobelclub. Ein Wechsel von Niederhasli nach Oberhasli wäre wenigstens vom Klang des Namens her ein kleiner Fortschritt, würde jedoch kaum grosse Besserung bringen. Aber die Grasshoppers müssen eine Zeitenwende erzwingen, bevor es zu spät ist. Zumindest ein Postfach in Zürich müsste es sein. Grasshopper-Club, Postfach, 8021 Zürich ist jedenfalls besser als Postfach 377, 8155 Niederhasli. Ein Student oder Nachwuchsspieler, der die Briefe täglich nach Niederhasli bringt, muss im 20-Millionen-Budget drinliegen.

Grasshoppers im Postfach in Niederhasli – so etwas geht einfach nicht.

Petkovic darf kein Mitleid zeigen

Guido Tognoni am Montag, den 27. März 2017

Keine Gegner unterschätzen, und seien sie noch so klein: Vladimir Petkovic vor den Medien in Genf, am Tag vor dem 1:0 gegen Lettland. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Einst gab es Albanien, Luxemburg, Malta und Zypern. Wer als Nationalcoach gegen eine dieser Mannschaften verlor, musste schwer um seinen Posten bangen. In jener Zeit war ein Spiel wie Italien – Liechtenstein nicht einmal vorstellbar. Heute gibt es nicht nur Liechtenstein, es gibt auch Andorra, San Marino, die Felsenkicker aus Gibraltar, es fehlen nur noch der Vatikan und die Kanalinsel Jersey. Zudem haben der Zerfall Jugoslawiens und die Auflösung der Sowjetunion Europas Fussballkarte verändert.

Waljäger mit Zipfelmütze im Tor

Die Frage, ob Spiele wie Belgien – Gibraltar, Deutschland – San Marino, Liechtenstein – Italien oder Andorra – Färöer den Fussball weiterbringen, stellt sich nicht. Die Spiele sind nun einmal einfach da und setzen, weil es sich um Fussball handelt, Hunderte Marketing-Millionen um. Zudem haben vor Jahren die Waljäger der Färöer mit einem Torhüter mit Zipfelmütze Österreich geschlagen und dem weltweiten Spott ausgesetzt, und die Karriere von Rolf Fringer als Nationalcoach erlitt 1996 bei einer Niederlage in Aserbeidschan einen Knacks, bevor sie richtig begonnen hatte. Andererseits ermöglichen heute Gegner wie Färöer, Andorra und Lettland der Schweiz, historische Siegesserien hinzulegen.

Rolf Fringer nach dem WM-Qualispiel gegen Aserbeidschan 1997 in Zürich, kurz bevor bekannt gegeben wurde, dass sein Vertrag nicht verlängert wird. Foto: Keystone

Aber sonst? Viel interessanter als das Geschehen auf dem Feld ist in der Regel der journalistische Umgang mit solchen Spielen. Kein Journalist darf schreiben, dass die Schweiz mit all ihren Auslandprofis Andorra oder die Färöer 7:0 wegputzen müsste. Und obwohl Nationalcoach Vladimir Petkovic mit seinen Kollegen aus Andorra und den Färöern Mitleid haben sollte, darf er das niemals zugeben.

«Es gibt keine schwachen Gegner mehr» gehört zu den eisernen Pflichtaussagen, selbst wenn man gegen die schlechteste Mannschaft der Welt antritt. Zudem darf man solche Aussenseiter «nicht unterschätzen», oder sie sind «körperlich robust», was offenbar bereits eine bedrohliche Ausgangslage ist.

Lauter «unberechenbare Gegner»

Falls die Schweiz morgen gegen die Malediven spielen würde, wären diese aus der Sicht des Nationalcoachs zumindest «ein unberechenbarer Gegner». Alain Sutter, Fussballphilosoph des Schweizer Fernsehens, brachte es vor dem Anpfiff gegen Lettland auf den Punkt: für den Sieg komme es «auf die Einstellung» an.

Die deutschen Journalisten waren vor dem Spiel in Baku erleichtert darüber, dass sie über die Menschenrechtslage in Aserbeidschan berichten konnten, statt den schwachen Gegner stark schreiben zu müssen. Und die deutsche Industrie ihrerseits war sicher froh, dass wieder einmal der Sport für sie in die Bresche sprang und den Mahnfinger erhob, was zwar sympathisch, aber nach wie vor wirkungslos ist.

Sitzordnung ist Hackordnung

Guido Tognoni am Donnerstag, den 23. März 2017

Wer steht wo? Auf diesem Gruppenfoto aus dem Jahr 2008 entdeckt man zum Beispiel Sepp Blatter (vorne, Dritter von rechts). Foto: Alessandro della Valle (Keystone).

Das einzige sichtbare und bleibende Ergebnis der vielbeschriebenen Konferenzen der G-8- oder G-20-Staaten ist jeweils das Standbild aller Teilnehmer. Wer da nicht drauf ist, ist nichts und niemand. Umgekehrt: Auf dem gemeinsamen Bild mitlächeln reicht aus, um der Welt die eigene Bedeutung zu vermitteln. Was der gelangweilte Leser und Zuschauer nicht bemerkt: Wer wo und neben wem steht, ist für die Teilnehmer nicht nur sehr, sondern extrem wichtig. Die Position auf dem Bild wird sogar dann von grösster Bedeutung sein, wenn sich die Politiker dereinst um Donald Trump scharen werden.

Veritabler Kulturschock

Stehordnung beziehungsweise Sitzordnung ist Hackordnung. Das sieht man bei den Politikern, bei den Sitzungen von Verwaltungsräten, das sieht man auch auf den Tribünen von Fussballspielen, auf denen sich im Verlaufe der jüngsten Vergangenheit immer mehr Leute – Offizielle, Wirtschaftskapitäne, Politiker und einige andere Unvermeidliche – die Schultern reiben. Wer etwa einmal bei einem grossen Verband gearbeitet hat, der weiss, dass die falsche Sitzordnung auf der Ehrentribüne eines Endspiels gleich das ganze Turnier versauen kann. Zum Glück merkt der Fan nichts davon.

Deshalb verdient eine vermeintlich nebensächliche Bemerkung des neuen Uefa-Präsidenten Aleksander Ceferin grosse Beachtung. Der 49-jährige Jurist Ceferin, vor einem Jahr noch ein unbekannter Fusballfunktionär im tiefen Slowenien, inzwischen als Folge der internationalen Turbulenzen auf höchster Ebene als Nachfolger von Michel Platini Präsident des wichtigsten Kontinentalverbandes und in dieser Funktion vielleicht der mächtigste Mann im Weltfussball, hat in einem Interview mit der «New York Times» Grosses angekündigt: In Zukunft werden bei den Versammlungen der Uefa die Mitglieder des Exekutivkomitees im gleichen – also nicht mehr im besseren – Hotel schlafen und nicht mehr separat dinieren. Ab sofort wird bei den gemeinsam zelebrierten Nahrungsaufnahmen, sozial überaus wichtige Elemente eines Fussballkongresses, auch freie Sitzordnung herrschen. Das ist für einige altgestandene Funktionäre ein veritabler Kulturschock.

Der Protestkandidat

Damit handelt Ceferin so, wie er aussieht. Jugendlich, drahtig und schlank, das Haar etwa gleich lang wie der offenbar modisch erforderliche Fünftagebart, zudem Karatekämpfer wie Wladimir Putin. Er vermittelt alles andere als das Bild des verfettenden Sportfunktionärs. Ceferin wurde im vergangenen September als Protestkandidat überraschend klar gewählt und scheint dieses Protestpotenzial seiner Wähler richtig einzustufen. Es mag seltsam klingen, aber allein schon die freie Sitzordnung bei den lukullischen Fünfstern-Dinners müsste tatsächlich den Beginn einer neuen Uefa bedeuten. Warten wir gespannt auf weitere Überraschungen.