Achtung, Fremdprämienverbot!

Florian Raz am Montag, den 23. Mai 2016
Uli Forte verspricht St. Gallen einen Lastwagen Bier. (Keystone)

Uli Forte verspricht St. Gallen einen Lastwagen Bier. (Keystone)

Liebe Fans des FC Zürich, ihr müsst jetzt ganz tapfer sein. Wahrscheinlich kann euch der Uli Forte im letzten Spiel gegen den FC Vaduz nicht mehr helfen. Und das, nachdem er die Mannschaft im nur vielleicht zu spätesten Moment so richtig aufgeweckt hat. 2:2 in Sitten und so.

Aber dann  hat der Uli einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hat dem FC St. Gallen Bier versprochen für den Fall, dass sich der tatsächlich noch einmal dazu aufraffen sollte, in Lugano eine vernünftige Leistung abzurufen. Und nein, er hat nicht ein oder zwei Bierchen versprochen. Sondern gleich «einen Lastwagen» voll davon.

Homer Simpsons Bier-Tagtraum. (via GIPHY)

Klingt harmlos? Ist es keineswegs. Wir haben da mal nachrecherchiert. Zum Beispiel: Wie viel Bier passt in einen Lastwagen? Die sympathische Familienbrauerei Feldschlösschen hat kürzlich den Auftrag erhalten, 30’000 Hektoliter Bier nach Frankreich zu verschicken. Dazu benötigt sie 300 Lastwagen, macht also 100 Hektoliter Bier pro LKW.

Wir nehmen jetzt mal an, der Herr Forte erhält das Bier zum Einkaufspreis, den Gastronomen bezahlen. Das kommt offenbar auf rund 300 Franken pro Hektoliter. Macht summa summarum 30’000 Franken, die der FCZ-Temporär-Trainer aus seinem Portokässeli bezahlen müsste. Die Lieferung lassen wir mal aufs Haus der Brauerei gehen.

30’000 Franken also. Das sind immerhin 10’000 Franken mehr, als die Luganesi Igor Djuric und Patrick Rossini 2015 den Spielern des FC Schaffhausen in einem Couvert zukommen liessen. Damals ging es um den Aufstieg in die Super League, und die Schaffhauser siegten gegen Servette, den einzigen verbliebenen Konkurrenten Luganos, 2:1.

Djuric und Rossini wurden damals von der Liga erst für zwölf Spiele gesperrt. Das wurde danach zwar auf zwei Spiele reduziert, aber da war es für Rossini bereits zu spät: Er war von FCZ-Präsident-Eigentümer-Sportchef Ancillo Canepa fristlos entlassen worden. Die zwei werden das Ganze irgendwann vor Gericht miteinander aufarbeiten.

Wir halten also fest:

  1. Demnächst wird Uli Forte von der Liga für zwölf Spiele gesperrt.
  2. Ancillo Canepa löst seinen Vertrag zwei Spiele vor dessen Beendigung auf.
  3. Danach senkt die Liga die Sperre auf zwei Partien.
  4. Forte verklagt den FCZ auf die Cupfinalprämie.
  5. Cupsieger wird entweder Canepa oder Djuric.
  6. Absteiger auch.

Ein deutsches Missverständnis

Blog-Redaktion am Mittwoch, den 4. Mai 2016

Ein Gastbeitrag von Tobias Escher*

Nachspielzeit

Wieder das Aus im Champions-League-Halbfinal: Hat Pep Guardiola in den Augen der deutschen Experten wieder alles falsch gemacht? Foto: Tobias Hase (Keystone)

Düstere Stimmung im «Doppelpass», in Deutschlands selbst ernanntem Fussballstammtisch Nummer eins. Sendezeit will auch bei Sport 1 gefüllt werden, und kein anderes Thema bringt so viel Quote wie der FC Bayern. Woche um Woche bespricht die Runde die wenigen wichtigen und die vielen, vielen unwichtigen Themen, die an der Säbener Strasse entstehen. Und momentan gibt es eminent wichtige Themen rund um den FC Bayern zu besprechen.

Das Aus gegen Atlético in den Halbfinals der Champions League. Thomas Müller beim 0:1 im Hinspiel nur auf der Bank. Danach unentschieden gegen Gladbach, damit keine Meisterschaft drei Spieltage vor Schluss. Katastrophenstimmung. Pep Guardiola habe alles falsch gemacht, was ein Trainer falsch machen könne, so der Tenor. Moderator Thomas Helmer stellt die grosse Frage: «Wer coacht Pep?» Wer coacht also den Trainer, der in der Bundesliga sämtliche Rekorde gebrochen hat, der drei Meistertitel in drei Jahren gefeiert hat, der in jedem Jahr das Champions-League-Halbfinale erreicht hat?

Irgendwas ist schiefgelaufen zwischen Pep Guardiola und Fussballdeutschland. Der «Kicker» attestiert dem Spanier «krasse Defizite im menschlich-psychologischen Bereich» und wirft ihm vor, «ohne Empathie» zu agieren und nach «rein fussballspezifischen Erwägungen» aufzustellen. Guardiola, der Taktiktüftler ohne Herz – das ist das Bild, das Fussballdeutschland hat.

Nicht nur Guardiolas Auftreten ist den Deutschen nach drei Jahren immer noch fremd. Auch sein Spielstil. Die Sportjournalisten erklären Guardiolas Spielphilosophie selten. Er selbst gibt keine Interviews, speist Fragen auf Pressekonferenzen mit «Super, super»-Phrasen ab. Guardiola erklärt sich und sein Spiel nicht. Das ist medienpolitisch höchst unklug, sind viele deutsche Sportjournalisten es doch gewohnt, von den Protagonisten gesagt zu bekommen, wieso sie gespielt haben, wie sie gespielt haben. Guardiola macht sich jedoch rar und hofft, dass andere sein Spiel erklären – eine Hoffnung, die sich nach drei Jahren als recht illusorisch erwiesen hat.

Bayern's Robert Lewandowski, left, scores his side's second goal during the Champions League second leg semifinal soccer match between Bayern Munich and Atletico de Madrid in Munich, Germany, Tuesday, May 3, 2016. (AP Photo/Michael Probst)

Der Moment der Hoffnung: Robert Lewandowski (links) erzielt das 2:1, doch dabei blieb es – und das war zu wenig. Foto: Keystone

Guardiolas Juego de Posición ist heute das, was vor zwanzig Jahren die Viererkette war: eine grosse Unbekannte, die nur wenige Eingeweihte verstehen. Der grosse Johann Cruyff führte es einst bei Barcelona ein. Die Idee: Durch eine kluge Raumaufteilung gewinnt man Spiele. Guardiola gibt vor, wie die Spieler sich auf dem Feld zu positionieren haben, welche Laufwege sie wählen sollen, wer wann welchen Pass zu spielen hat. Dazu teilt er das Spielfeld in rund zwanzig Zonen ein. Es sollen sich nie zwei Spieler in einer Zone aufhalten, möglichst nicht mehr als zwei in einer vertikalen oder drei in einer horizontalen Linie stehen. Nur so könne man dem Spieler am Ball jederzeit mehrere Anspielstationen bieten und den Gegner dominieren.

Das vielleicht grösste Missverständnis betreffend Guardiola: Nicht das System entscheidet, welche Einzelspieler auflaufen, sondern die Einzelspieler bestimmen das System. Guardiola will seine Spieler in Situationen bringen, in denen sie ihre Stärken einbringen können. Bei Barça bedeutete dies, für Lionel Messi, Xavi und Andres Iniesta Räume im Mittelfeld zu öffnen. Die wichtigsten Bayern-Spieler sind jedoch keine Mittelfeldspieler, sondern Jérôme Boateng und Xabi Alonso sowie Douglas Costa, Franck Ribéry und Arjen Robben. Die ersten beiden bauen das Spiel aus der Tiefe auf, die letzten drei sollen für Durchbrüche sorgen.

Guardiola gibt feste Abläufe in seinem Positionsspiel vor, um sicherzustellen, dass die wichtigsten Spieler das tun können, was sie am besten können. Boateng soll möglichst viele lange Pässe spielen, Robben in Eins-gegen-eins-Situationen gelangen. Dazu passt Guardiola sein System an, ständig. Jeder Gegner hat ein anderes System, andere Schwachstellen. Deshalb braucht Guardiola unterschiedliche Formationen, unterschiedliche Spieler, unterschiedliche Laufwege, um erfolgreich sein zu können.

«Bring deine Spieler in eine Position, in der sie erfolgreich sein können», sagte Dallas-Mavericks-Besitzer Mark Cuban einmal. Das ist die Quintessenz von Peps Arbeit, die grosse Kontinuität in seinem Schaffen. Deshalb muss auch ein Thomas Müller mal auf der Bank sitzen, wenn Guardiola nicht das Gefühl hat, er könne seine Stärken gewinnbringend zur Geltung bringen.

In Deutschland hat sich Guardiola aber auch verändert. Der Spanier ist konservativer geworden, denkt defensiver. Die Absicherung der eigenen Angriffe ist ihm noch wichtiger als zu Barça-Zeiten. Die Bayern dominieren nicht in erster Linie über ihr Passspiel. Sie gewinnen praktisch jeden zweiten Ball nach einer Flanke. Es ist spanischer Juego de Posición mit einem grossen Schuss deutscher Tugenden. Kein Spieler verkörpert diese Veränderung in Guardiolas Wesen so stark wie Arturo Vidal, der Kämpfer, der diese Saison der Garant war für die starken Bayern-Momente.

Und doch schraubte Guardiola lange Zeit weiter an seinem Traum vom perfekten, formvollendeten Fussball. Nie kam ein deutsches Team so nah an dieses Ideal heran, nie hat eine deutsche Mannschaft den Gegner so dominiert wie Guardiolas Bayern beim 7:1-Erfolg gegen den AS Rom oder in den ersten sechzig Minuten des Hinspiels gegen Juventus Turin. Nicht unter Udo Lattek, nicht unter Ottmar Hitzfeld und auch nicht unter Jupp Heynckes.

Doch schon Franz Beckenbauer hatte als Nationaltrainer festgestellt: «Schön gespielt? So ein Schmarrn. Der Deutsche will den Erfolg sehen.» Guardiola wird an nichts anderem gemessen als am Triple, dem Gewinn aller drei grossen Wettbewerbe.

Dahinter steckt der grosse, ungelöste Widerspruch Fussballdeutschlands. Einerseits sagt der urdeutsche Ingenieursgedanke: Man braucht nur die richtigen Teile, um einen Mercedes zu bauen. Guardiola habe gefälligst die Bayern-Teile so zusammenzustecken, dass am Ende ein Triple dabei herauskommt. Verletzungen, Form, Matchglück – all das zählt nicht. Andererseits herrscht in Fussballdeutschland noch immer ein massives Desinteresse an der Frage, wie Trainer ihre Autos bauen. Man wird im «Kicker» nie das Wort «Juego de Posición» lesen und es auch nie im «Doppelpass» hören. So lässt sich eine Debatte über die Leistung eines Trainers am Ende nur anhand von Silbertrophäen führen.

* Tobias Escher ist der Autor des Buchs «Vom Libero zur Doppelsechs», Journalist und schreibt für das Online-Fussballmagazin «Spielverlagerung». Der Beitrag erschien zuerst im Blog Miasanrot.de, er wurde für den TA-Blog minimal aktualisiert.

Hummels und Hoeness, das passt!

Christian Andiel am Dienstag, den 3. Mai 2016
Bayern Munich's players and Chief Executive Karl-Heinz Rummenigge (3R) and President Uli Hoeness (2R) hold up German soccer cup (DFB Pokal), Champions League and German soccer championship Bundesliga trophies as they stand on the balcony of the town hall in Munich June 2, 2013. Bayern Munich completed the treble by beating VfB Stuttgart 3-2 in the German Cup final on June 1, 2013, adding the trophy to the Champions League and Bundesliga titles they have already won this season. REUTERS/Michael Dalder (GERMANY - Tags: SPORT SOCCER) - RTX1099B

Da will der gute Mats jetzt halt auch mal mittun dürfen: Die Bayern wissen 2013 gar nicht, wohin mit der Silberware. Foto: Reuters

Die Dortmunder bekommen also von den Bayern wieder einmal das höchste Lob: Rummenigge und Mitstreiter kaufen dem BVB einen zentralen Spieler weg, sie haben erkannt, wer ihnen richtig gefährlich werden kann. Das ist legitim, und auch der Wunsch von Mats Hummels ist verständlich, in den letzten Jahren seiner Karriere nochmals richtig abzukassieren (nicht, dass er in Dortmund darben musste, aber mehr von richtig viel ist eben richtig viel mehr).

Borussia Dortmund's Mats Hummels (R) walks past the trophy next to German president Joachim Gauck after his team's German Cup (DFB Pokal) final soccer match against Bayern Munich in Berlin May 17, 2014. REUTERS/Ina Fassbender (GERMANY - Tags: SPORT SOCCER TPX IMAGES OF THE DAY) DFB RULES PROHIBIT USE IN MMS SERVICES VIA HANDHELD DEVICES UNTIL TWO HOURS AFTER A MATCH AND ANY USAGE ON INTERNET OR ONLINE MEDIA SIMULATING VIDEO FOOTAGE DURING THE MATCH. - RTR3PMT2

Immer verlieren ist irgendwie blöd: Mats Hummels geht zu den Bayern. Foto: Reuters

Nachvollziehbar sind aber auch die Reaktionen der BVB-Fans, die ihrer Enttäuschung über das Verhalten des langjährigen Captains mit Pfiffen Ausdruck verliehen. Was hatte Hummels erwartet? Er, der vor nicht allzu langer Zeit deutlich seinen Unmut geäussert hatte über den Wechsel seines damaligen Teamkollegen Mario Götze zu den Bayern. Alles ausführlich dokumentiert und beschrieben. Hummels verstand damals die Titelfixierung von Götze nicht, sagte unter anderem: «Ich muss nicht sagen: Wenn ich nie die Champions League gewonnen habe, werde ich nicht glücklich im Leben.»

Er muss aber damit fertig werden, dass man seine Wort von früher nicht einfach vergessen hat. Was das heisst, darüber kann er ja dann in München mit seinem neuen Spezl Uli Hoeness fachsimpeln. Dem verschmitzten Steuergauner wurden nämlich ebenfalls frühere Worte schwer zum Verhängnis. Niemand (ausser Hoeness’ Familie und Freunden) hätte es lustig gefunden, dass er Steuern in Millionenhöhe hinterzogen hat. Was die ganze Sache aber richtig schlimm machte, waren Hoeness’ Auftritte vor der Verurteilung, in denen er über die angebliche Steuerungerechtigkeit in Deutschland hergezogen war und immer wieder betont hatte, wie doof er selbst eigentlich sei, weil er immer noch ehrlich seine Steuern zahle, und wie gefährlich es für den Staat ist, wenn die Reichen ihr Geld in die Schweiz oder nach Österreich bringen. Die Justiz brachte ans Licht, was diese angeblich mutigen, ehrlichen Worte waren: Abbild seiner Arroganz, Selbstherrlichkeit und seines sehr speziellen Staats- und Gerechtigkeitsempfindens.


Hoeness warnt davor, dass die reichen Deutschen ihr Geld in die Schweiz bringen könnten. Quelle: OdeToAsia/Youtube

Hummels muss nicht in den Knast, natürlich nicht. Er wird glücklich werden bei den Bayern, und bald werden sich Hummels und Hoeness in den Armen liegen nach den vielen weiteren Siegen und Triumphen, sie werden lachen über die Aufgeregtheit der Menschen, die getane Aussagen für bare Münze nehmen. Momentane Anlaufschwierigkeiten der beiden Schwätzer werden überwunden, man ist schliesslich unter Männern. Und Geld bringt einiges ins Lot und viele zum Verstummen. Wer weiss das besser als Hoeness?

Der Rüpel hat immer recht

Christian Andiel am Dienstag, den 22. März 2016

Wenn Sion-Präsident Christian Constantin schon nicht die ganze Welt erobern kann, will er wenigstens dem Schweizer Fussball jeden Anstand rauben (das Foto entstand bei der Sion-Gala im Februar 2015). Foto: Keystone

Wo ist der Trainer, der einen Spieler nach einer ungeahndeten «Schwalbe» vom Feld nimmt und den Wechsel genau damit begründet, dass er dieses unsportliche Verhalten in seinem Team nicht duldet? Noch besser wäre es, den Spieler dann zusätzlich intern für ein halbes Jahr zu suspendieren.

Wo ist der Sportdirektor des Clubs, der seinen Trainer nicht schützt, sondern kritisiert, wenn er sich offensichtlich daneben benimmt? Wenn er sich also zum Beispiel weigert, auf die Tribüne zu gehen, weil er vom Schiedsrichter dazu aufgefordert wird? Man darf dem Angestellten dann ruhig auch eine Abmahnung erteilen.

Leverkusens Trainer Roger Schmidt legt sich mit dem vierten Offiziellen an. Später sollte er in dieser Partie gegen Dortmund auf die Tribüne, weigerte sich aber und provozierte damit eine Spielunterbrechung. Foto: Keystone

Wo ist der Verband, der einen Clubpräsidenten so hart wie möglich bestraft, wenn er eine Art Kopfgeld auf einen Schiedsrichter aussetzt, ihn nach einem Fehler wegen Betrugs anzeigen will? Am besten zieht man dem Verein empfindlich viele Punkte ab, im Wiederholungsfall wird zwangsrelegiert.

Ach so… diese Strafen sind zu hart, und dann treffen sie auch noch die Falschen … hm, ist natürlich blöd. Aber wer ist denn der Richtige?

Klar, der Schiedsrichter. Wer keine Lobby hat, ist eine arme Sau. Wer aber im Millionenspiel der Suche nach dem eigenen Vorteil den Job hat, die Regeln einzuhalten, der hat keine Lobby. Der darf keinen Fehler machen, selbst wenn man ihn erst in der zehnten Super-Zeitlupe sieht. Der ist höchstens der Hofnarr, der zwar auch dafür angestellt ist, um die bittere Wahrheit zu sagen – der aber halt auch immer Gefahr läuft, geköpft zu werden. (Nicht dass wir hier Christian Constantin auf dumme Gedanken bringen.)

Renato Steffen hingegen, der öffentlich erklärt hat, dass eine «Schwalbe» nicht nur korrekt, sondern dem Erfolg des Teams sogar geschuldet sei, darf weiterspielen. Wo ist also jetzt der Clubpräsident, der den Spieler rauswirft und sich vor den Schiedsrichter stellt, so wie er sonst so gerne die prügelnden Fans seines Clubs verteidigt, weil sie doch Hundertschaften von Einzelfällen sind, die vielleicht noch eine schwierige Jugend hatten?

Fussball verroht nicht wegen mehr Fouls oder zu hartem Einsteigen beim Zweikampf. Fussball verroht, weil der Eigennutz über allem steht, weil rüpelhafte, betrügerische Mittel den Zweck heiligen. Dass das ein Abbild der Gesellschaft ist, stimmt, machts aber nicht besser.


Die «Schwalbe» von YB-Spieler Miralem Sulejmani (die entscheidende Szene ab Minute 3:05). Aber war Sulejmani hinterher der Böse? Nein, natürlich der Schiedsrichter. Quelle: SRF/Youtube

Bleibt noch die Frage: Haben die Blatters, Hoeness’, Platinis und bin Hammams den Fussball nach ihrem Abbild, Denken und ihren moralischen Grundsätzen gestaltet? Sind also die Miralem Sulejmanis und Steffens nur die Vollstrecker all dieses niederträchtigen Lügens, Betrügens und Verarschens aller anderen? Oder verwandelt der Fussball mit seinem Geld, seiner Macht, seiner weltweiten Faszination an und für sich integre Menschen in rücksichtslose Ego-Maschinen und charakterlose Haderlumpen?

Haben wir noch rasch Zeit für das Thema Rudelbildung? Gut, denn wo bleibt der Schiedsrichter, der sich diese Missachtung allen Anstands nicht gefallen lässt und dann halt in einer Partie mal sechs Spieler vom Platz schickt?

Wir werden darauf lange warten müssen. Auf Sky hat Deutschlands einstiger Vorzeige-Schiedsrichter Markus Merk letzthin nach einem Fehlentscheid fast schon vorwurfsvoll gesagt, die betroffene Mannschaft habe schliesslich nicht reklamiert … Steffen, Merk, Sulejmani, Constantin… nur der Rüpel hat im Fussball recht.

FIFA referee Markus Merk pauses before receiving the ethics award of sports of Germany's catholic sports organisation Deutsche Jugend-Kraft (DJK) from Cardinal Karl Lehmann during a ceremony in Mainz June 29, 2007. Merk is honoured for his efforts as soccer referee and his social engagement. REUTERS/Alex Grimm (GERMANY) - RTR1R9TC

Aufruf zur Rudelbildung: Markus Merk war mal Schiedsrichter, jetzt ist er TV-Experte (eine Aufnahme von 2007). Foto: Reuters

«Ibra» turmhoch

Oliver Meiler am Mittwoch, den 16. März 2016
AC Milan striker Zlatan Ibrahimovic, of Sweden, pose in front of the Eiffel Tower with his jersey, in Paris, Wednesday, July 18, 2012 after signing an agreement with the Paris Saint Germain (PSG) club. Ibrahimovic will be the Ligue 1 club's third major signing of the summer, following the arrivals of former AC Milan teammate Thiago Silva and Napoli's Ezequiel Lavezzi. (AP Photo/Jacques Brinon)

Grösser als der Eiffelturm? Zlatan Ibrahimovic bei seiner Ankunft in Paris. (AP Photo / Jacques Brinon)

Hält er sich tatsächlich für den Grössten, den Besten, den Grossartigsten? Oder kokettiert er nur mit seinem barocken Grössenwahn? Bei Zlatan Ibrahimovic aus dem schwedischen Malmö, und vielleicht ist das die unterhaltsamste Note in seiner Geschichte als vermeintlicher Bad Boy und Megalomane des Fussballs, ist man nie ganz sicher – und lacht dennoch: Ach, der Zlatan wieder! Etwa, wenn er sich mit Gott vergleicht. Das tut er gern und mit ernster Miene, so ist die Wirkung noch etwas grösser. Wir nehmen nun einmal an, dass «Ibra» der Selbstironie fähig ist.

Als man ihn nun nach dem Gewinn der vierten französischen Meisterschaft in Folge, den er seinem Verein Paris Saint-Germain fast im Alleingang schon acht Spiele vor Saisonende bescherte, vor laufenden Kameras fragte, ob er denn seinen Vertrag verlängern werde, sagte er: «Ich denke nicht, dass sie den Eiffelturm durch eine Statue von mir ersetzen können. Das können wahrscheinlich nicht einmal die Bosse des Vereins. Aber sollten sie es dennoch schaffen, dann bleibe ich. Versprochen!» Eine hübsche Pointe war das, für einmal vorgetragen mit einem gelösten, sonoren Lachen.

PSG wird ihn wahrscheinlich nicht halten können, so sehr sich die milliardenschweren Vereinsbesitzer aus Katar auch bemühen sollten, die Angebote aus England mit einigen zusätzlichen Gehaltsmillionen zu kontern: Man spekuliert, Ibrahimovic ziehe es zu Manchester United – raus aus der fussballerischen Provinz, zurück auf die wirklich grosse Bühne. Mit 34 Jahren ist das wahrscheinlich seine letzte Chance. In Paris aber könnten ohne seine Nummern am Ball und ohne seine Sprüche schnell die Lichter ausgehen.

«Ibra» war bisher immer alles in einem gewesen: der überragende Fussballer der Liga, selbst wenn er mal einen weniger guten Tag hatte. Er war die wandelnde Litfasssäule von PSG, der Chefunterhalter mit dem Glamourfaktor eines Popstars, der Alleinvermarkter der Ligue 1. Er war gar der einzige Grund, warum man ausserhalb Frankreichs den französischen Fussball in den vergangenen Jahren überhaupt wahrnahm. Die Franzosen verziehen ihm sogar, dass er ihr Land einmal «ein Scheissland» genannt hatte. Und das will etwas heissen. Kein Wunder, sieht er sich als Alternative zum Eiffelturm. Auf diese Allegorie muss man ja auch zuerst einmal kommen.

Vor allem aber zeigt sein Fall exemplarisch, wie wichtig einzelne Figuren in den Businessmodellen der Grossvereine geworden sind – fürs Marketing, fürs Merchandising. Alles wird um sie herum gebaut, ganze Mannschaften. Der Emir aus Katar rechnete sich wohl aus, dass dieser gross gewachsene Schwede mit dem spektakulären Mundwerk seinem Projekt unmittelbar am meisten Strahlkraft geben würde. Es geht ja darum, Katar als Fussballland zu positionieren, für die Weltmeisterschaften 2022. So grotesk das auch wirkt. PSG ist das Schaufenster dafür, und «Ibra» war bisher die schönste Puppe darin – schier unbezahlbar.

Nestwärme in der Rehaklinik

Oliver Kraaz am Freitag, den 4. März 2016

Der Schweizer Fussballverband wollte vor einigen Jahren die Challenge League fit machen und reduzierte diese von 16 auf 10 Teams. Das ging gehörig in die Hosen. Die bisherige Ausbildungsliga spuckt heute nicht zahlenmässig mehr Talente als früher aus, dafür treibt sie immer mehr Clubs in den Ruin: Der sportliche Druck ist höher, die Vorgaben für ein modernes Stadion lassen aufstöhnen. Einnahmen? Keine.

Viele Clubs strecken sich so in der Challenge League an die Decke, solange es geht. Oder bis ein Sultan aus «1001 Nacht» – ganz seriös natürlich! – Milliarden mit Fernziel Champions League in den Verein einschiesst. Milliarden, die dann komischerweise nie kommen. Kein Wunder landen immer mehr Clubs statt in der Champions League schliesslich in der Promotion League. Dann heisst es: Breitenrain statt Barcelona.

Die Promotion League ist die Rehaklinik des Schweizer Fussballs. Es tummeln sich hier Clubs mit Namen, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Traditionsvereine wie Brühl, Old Boys, YF Juventus, Etoile Carouge, Kriens und Servette. Der Fachmann sieht: Da sind sogar Ex-Schweizer-Meister drunter.

… tja, und was jetzt? Das ist die grosse Frage bei den Clubs in der Promotion League. Klar, bei den anonymen Alkoholikern ist es zwar nicht so sauglatt wie am Ballermann mit einem 10-Liter-Kübel voll Sangria unter dem Arm. Aber dafür lebt man länger. Was nicht unwesentlich ist.

Dieses Wochenende eröffnet die Promotion League mit dem Spitzenspiel SC Kriens – FC Servette. Der Vierte gegen den Zweiten. In den 90er-Jahren spielten die beiden schon in der Nationalliga A gegeneinander. Servette wurde auf diese Saison hin wegen finanziellen Kasperlitheaters zwangsrelegiert, will aber unbedingt wieder nach oben. Mit seinem Budget ist dies ohne weiteres möglich – allerdings auch ein erneutes Wiedersehen in der Promotion League in ein paar Jahren.

Der SC Kriens auf der anderen Seite stand vor kurzem als langjähriger NLB-Club und zweimaliger NLA-Club vor dem Konkurs, wurde gar in die viertklassige 1. Liga durchgereicht. Die Stimmung war vergiftet, das jahrelange Zusammenkratzen eines jeden Frankens, der Lizenzdruck-Stress hatte den familiären Club ausgesaugt. Jetzt steht der SC Kriens als Aufsteiger mit dem kleinsten Budget und der jüngsten Mannschaft in den Toprängen. Der Aufstieg wird angestrebt, muss aber nicht sein.

Das ist ein Kurswechsel. Viel mehr zählt am Fuss des Pilatus die Nähe zu den Fans. Diese sind seit der Wiederauferstehung wieder näher an den Verein herangerückt, gleichzeitig hat sich der Verein ihnen gegenüber geöffnet. Heute werden die Fans bewusst in die Gestaltung ihres Vereins miteinbezogen. Eine Fanvereinigung betreibt beispielsweise eine Stadionbeiz, die Aufstiegsfeier 2015 wurde bereits von ihr organisiert. Die Folge: Im Stadion begrüssen sich Spieler und Fans per Handschlag. Der Klimawandel zeigt Wirkung: Beim Aufstiegsspiel im Sommer waren fast 2000 Fans auf dem Kleinfeld. Ein Rekord auf weiter Flur. Pro Spiel sind es jetzt rund 600 bis 800 Fans. In der Promotion League notabene, abseits der Medien.

Woran liegts? Das altehrwürdige Stadion Kleinfeld mit dem Charme eines vergammelten bulgarischen Sportcenters bietet Nestwärme. Etwas, was dem modernen Fussball zusehends abhandenkommt: Die neuen Arenen sind zwar modern, aber klinisch-steril. Der Fan darf mit der Prepaid-Karte am Kiosk konsumieren, soll dann aber nach Spielschluss gefälligst das Stadion verlassen. Er könnte ja ein Sicherheitsrisiko sein oder die Reinigungsequipe stören. Kommt dazu, dass die – teure – Verpackung oft nicht hält, was sie verspricht. Wie bei einem schlechten Kinofilm.

Die bisher unterschätzte Promotion League und ihre Clubs könnten für einen sympathischen Kulturwandel im Fussball stehen. Für eine Basisbewegung im Spitzenfussball. In einem Spitzenfussball vielleicht mit Abstrichen, aber dafür zum Anfassen. Das ist Seelennahrung. Denn von schwindsüchtigem Fingerfood wird niemand satt. Von einer deftigen Bratwurst vom Holzkohlengrill dagegen schon.

Was Clooney und Senderos eint

Christian Zürcher am Dienstag, den 1. März 2016

December-May-Romance heisst das, was heute besonders gerne Hochglanzzeitschriften ihren Leser präsentieren. Männlein und Weiblein: Der eine steht im Winter, die andere im Frühling des Lebens. George Clooney (54) und Amal Alamuddin (38) etwa. Manchmal auch umgekehrt, wie damals bei Demi Moore und Ashton Kutcher. Aber, Zeitschriftenleser wissen das, das ist die Ausnahme.

Was das mit Fussball zu tun hat? Nun, betrachtet man Sportlerleben als das, was sie sind – nämlich kürzer als normale Leben –, dann bietet auch der Fussball solche Romanzen. Wie vor kurzem im Letzigrund. Es spielte GC gegen Sion. In der Innenverteidigung der Zürcher standen Philippe Senderos (31) und Jan Bamert (17). Vis-à-vis Theofanis Gekas (35, der mit diesen geheimen Ratsecken) und Edimilson Fernandes (19, der Cousin des fleissigen Gelson).

In der Schweiz gibt es noch mehr von ihnen: In Basels Sturm stehen Marc Janko (32) und Breel Embolo (19). Oder eine Liga tiefer, bei Lausanne im Angriff, die Woody-Allen-Soon-Yi-Previn’sche Variante: Walter Pandiani, mit dem für Stürmer fantastischen Künstlernamen el Rifle. Pandiani ist 40 (!). Kollege Andi Zeqiri 16. Als kleine Randnotiz: Woody Allen ist 80 und lebt mit seiner 45-jährigen Frau (und ehemaligen Adoptivtochter! Das gibt es tatsächlich) Soon Yi zusammen.

Die Age-Gap-Forschung (auch die gibt es), sagt, dass die Lebenszufriedenheit von Age-Gap-Paaren diejenige von Paaren ohne grossen Altersunterschied übersteigt. GC-Captain Källström (auch er 33) bewundert, wie abgeklärt Bamert spielt: «Das ist gut für ihn, gut für uns.» Senderos sieht zwar glücklich aus, will nach Spielen aber jeweils nicht sprechen, Bamert meidet noch den Kontakt mit den Mikrofonen.

Stattdessen weiss die Theorie viel zu berichten. Die Colorado State University in Fort Collins untersuchte im Jahr 2011 in einer Studie Age-Gap-Paare und kam zum Schluss, dass diese sich als vertrauenswürdiger, weniger eifersüchtig und weniger eigennützig als andere Paare beschreiben. Das macht Sinn, auch im Fussball. Der Alte muss sich nicht mehr beweisen, und der Junge darf vom Alten profitieren. Der Alte fühlt sich geschätzt (und vielleicht etwas jünger). Er gibt sein Wissen weiter und weiss: Heute, das ist die gute alte Zeit von morgen.

In der Fachsprache wird dann gerne von erhöhter Reflexion gesprochen, was wiederum Stabilität bedeute. Eben: GC hat gegen Sion kein Tor kassiert. Die Innenverteidigung mit Senderos und Bamert war äusserst … stabil halt.

Freiräume sind in solchen Beziehungskisten besonders wichtig. Einander Hobbys gönnen, getrennte Zimmer, Zweitmänner und so weiter. Praktiker wissen, es ist ein Balanceakt. Die Alten Källström und Senderos bekamen etwa vergangene Woche ein Sonderprogramm. Die Mannschaft musste sich draussen in der Kälte abmühen, die beiden Routiniers durften im warmen Fitnessraum bleiben.

GC stark, Basel stark, Lausanne stark – angesichts derart schlagfertiger Argumente muss man unweigerlich zur Konklusion kommen, dass solche Age-Gap-Beziehungen auch im Fussball ganz doll sein können.

Leider kämpfen solche Paare in unserer Gesellschaft oftmals gegen Klischees. Etwa: Altes Männlein will optimieren und nimmt sich ein noch jüngeres Weiblein. Im Fussball stellt sich dieses Problem Gott sei Dank selten. Paare werden vom Trainer arrangiert. Dazu eine letzte Anmerkung: Arrangierte Paare sind in der Beziehungsforschung dann wieder ein anderes, ganz grosses Thema, meist mit der Kernfrage: Kann man sich so lieben? Dazu ein niedliches Fallbeispiel: Herr Xhaka und Herr Steffen. Es scheint, man kann.

Mehr Geld für Petkovic? Nein!

Ueli Kägi am Freitag, den 19. Februar 2016

Vladimir Petkovic, Schweizer Fussball-Nationalcoach, weiss, was er will und wie viel er will. Rechts guckt Peter Stadelmann, Delegierter des Verbandes für die Nationalteams. Foto: Keystone

Haben Sie kürzlich besonders gut gearbeitet auf der Baustelle, als Tramchauffeur oder auf Ihrem Zahnarztstuhl? Sind Sie vielleicht Lehrer, der den Kindern in den ersten Schuljahren mit Erfolg das ABC beigebracht hat? Oder haben sie ihrem Kunden gerade ein schönes Möbel geschreinert? Dann wäre es jetzt Zeit, mehr Lohn zu verlangen. Sprechen Sie bei Ihrem Chef vor. Sofort! Und nicht nur 10 Prozent mehr sollen es sein. Sondern mindestens 20. Und eher 50.

Nein? Das möchten Sie nicht? Weil Sie es unverschämt finden würden? Weil Sie glauben, dass Sie nur Ihren Job erledigt hätten? Dann muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Sie fürs Fussballgeschäft völlig untauglich wären. Im Fussballgeschäft ist es nämlich so: Hat jemand die Erwartungen erfüllt, sei es ein Spieler, Trainer oder Manager, erwartet er mehr Lohn. Ungeachtet dessen, wie hoch die Erwartungen überhaupt gewesen sind. Manchmal sind sie ja von Beginn an recht tief. Dann und wann genügt es beispielsweise schon, nicht schlechter gewesen zu sein als alle anderen, um die Ziele zu erreichen.

Vladimir Petkovic ist auch im Fussballgeschäft. Er hat einen ziemlich guten Job als Schweizer Nationaltrainer: Rund 800’000 Franken Jahreslohn und ordentlich Freizeit, Dienstwagen, an der Arbeit oft in kurzen Hosen, schöne Hotels, gutes Essen, grosszügige Spesen.

Als Petkovic die Schweiz im Sommer 2014 als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld übernahm, kündigte er an, wie die Auftritte des Teams unter ihm sein sollten. Er sagte zum Beispiel, die Mannschaft solle Fussball als Spiel begreifen, «die Begeisterung muss erkennbar sein», die positive Energie müsse spürbar sein.

Nun gut: Die Schweiz hat sich dann durch die EM-Qualifikation gekämpft. Oder auch recht häufig: gequält. Sie war gegen England chancenlos, sie stolperte in Slowenien und korrigierte ihren Fehlstart gegen Fussballzwerge wie Estland, Litauen und San Marino nicht immer ohne Mühe.

Aber immerhin: Am Ende stand sie auf Platz 2. Deshalb ist sie im Sommer an der Euro dabei. Petkovics aktueller Vertrag läuft noch bis dahin. Der Verband würde gerne mit ihm verlängern. Petkovic hat auch Interesse. Es gibt gegen eine weitere Zusammenarbeit auch nichts einzuwenden. Der Trainer hat ja nicht schlecht gearbeitet. Er ist auch nicht unsympathisch aufgetreten. Allerdings hat er auch nicht besonders gut gearbeitet. Oder beim Publikum mit seinen Auftritten und Aussagen Bonuspunkte gewonnen. Petkovic hat die Schweiz viel eher recht unberührt gelassen.

Trotzdem will er jetzt die Vertragsverlängerung unbedingt mit einer Lohnerhöhung verknüpfen. Er wünscht sich in erster Linie höhere Erträge mit Werbepartnern des Fussball-Verbandes, weil er sich in dieser Beziehung mit seinem Vorgänger vergleicht. Dabei verkennt er einige Dinge. Petkovic hat nicht die Vergangenheit, nicht den Ruf und nicht die Strahlkraft des Welttrainers Hitzfeld. Deshalb würde es ihm gut anstehen, den Vertrag einfach zu verlängern. Zu den gleichen Grundkonditionen, vielleicht mit einer hübschen Prämie, sollte sich die Schweiz für die WM 2018 in Russland qualifizieren. Das wäre eine sehr gute Leistung, die im Gegensatz zur EM-Qualifikation nicht einfach so erwartet werden darf.

Will Petkovic aber partout mehr Lohn, müsste der Schweizer Verband Abstand nehmen von der Idee einer gemeinsamen Zukunft. Es gibt genug Trainer, die ebenso fähig wären für diesen Job. Und mit weniger Geld zufrieden.

Zwei, die den Fussball lieben

Christian Andiel am Samstag, den 13. Februar 2016

Zwei, die sich achten und die der Fussballfan liebt: Mauricio Pochettino (links) und Claudio Ranieri führen Tottenham und Leicester an die Spitze der Premier League. Foto: Reuters

Der Showdown findet im Emirates statt. Am Sonntag empfängt Arsenal Leicester zum vorentscheidenden Spiel um die englische Meisterschaft. Arsenal-Leicester? Vor einem Jahr wäre das noch die Partie Titelanwärter gegen Abstiegskandidat gewesen. Jetzt ist es der Herausforderer gegen den Favoriten. Und der Favorit heisst Leicester.

Es wäre eine der grösseren Sensationen in der Geschichte des englischen Fussballs, sollte der Titel tatsächlich in die East Midlands gehen. Aber wer will dieses Team schlagen, dachte man endgültig nach dem 3:1 bei Manchester City. Und Leicester ist nicht das einzige Phänomen-Team in der Premier League, auf Platz 2 folgen die Tottenham Hotspurs. Die sinnigerweise am Sonntag auf eben jenes Manchester City treffen und der lachende Dritte an diesem grossartigen Spieltag sein könnten.

Wer hätte gedacht, dass uns ausgerechnet diese restlos überbezahlte, zunehmend seelenlose Liga, diese verhängnisvolle Mischung aus milliardenschweren Clubbesitzern und utopisch lukrativen TV-Verträgen den Glauben an das Gute im Fussball am Leben mit erhält?
Denn was ist dieses Phänomen anderes als der Beweis, dass Geld zwar Tore schiesst, aber nicht allein den Erfolg ausmacht. Nach dem geradezu atemberaubenden Auftritt in Manchester sagte TV-Experte Alan Shearer auf BBC: «Leicester gab Man City eine Lektion in Leidenschaft, Hunger, Entschlossenheit, es war eine Lektion in der Frage, wie man Fussballspiele gewinnt.» Shearer sagte dies so gnadenlos, wie der Leader in der ewigen Torschützenliste der Premier League einst die Bälle versenkte.

Leidenschaft, Hunger, Entschlossenheit lassen sich also offenbar nicht kaufen. Die elf Leicester-Spieler in der Startformation beim 3:1 am vergangenen Sonntag hatten 22,5 Millionen Pfund gekostet. Insgesamt. Einer davon ist ein eher ungelenker deutscher Abräumer in der Innenverteidigung, der gerne auch mal den Ellbogen rustikal durch die Gegend schwenkt. Aber genau dieser Robert Huth traf zweimal, dabei sah City-Verteidiger Martin Demichelis beide Male derart jämmerlich aus, wie man ihn von schlechtesten Zeiten bei Bayern kannte. Man fragte sich wieder: Was machen die Clubs eigentlich mit den Millionen, die man ihnen Jahr für Jahr hinterherwirft?


Typisch Leicester: Jamie Vardys unglaubliches Tor gegen Liverpool. Quelle: ZEystarn/Youtube

Vielleicht holen sie die falschen Trainer. Und damit sind wir beim schönsten Punkt, wenn es um Leicester und Tottenham geht: Beide werden von ruhigen, zurückhaltenden Vertretern ihrer Zunft geleitet. Der Italiener Claudio Ranieri hat eine schöne Vergangenheit bei namhaften Clubs, wirklich aufgefallen ist er nicht. Und als Nationalcoach in Griechenland ist er so grandios gescheitert, dass Englands Legende Gary Lineker bei der Verpflichtung durch Leicester hämisch twitterte: «Claudio Ranieri? Really?» Inzwischen hat Lineker Ranieri auf dem gleichen Kanal seine Liebe erklärt.

Bei Tottenham arbeitet der in der Öffentlichkeit nicht minder gelassene Mauricio Pochettino. Der Argentinier überzeugt als gewiefter Taktiker wie sein Kollege in Leicester. Beide lieben den Fussball mehr als sich selbst. Pochettino wird mittlerweile als grosser Favorit bei Manchester United auf die Nachfolge von Louis van Gaal gehandelt. Wie würde das den stolzen Holländer ins Herz treffen, wenn einer wie Pochettino ihn ersetzt? Was wäre es erst für eine Schmach für José Mourinho, wenn der kleine Argentinier statt ihm das grosse ManU führen dürfte?

Pochettino könnte ManU. Das ist klar. Aber wie wäre es andersherum? Und das ist doch eine interessante Frage: All die selbst- oder fremdernannten Gurus wie Mourinho, van Gaal, Pep Guardiola – die sich selbst so viel wichtiger nehmen als das Spiel, als die Spieler? Könnten sie Tottenham oder Leicester? Könnten sie also erfolgreich sein, ohne dass sie mit Millionen um sich werfen dürfen, bis ein Team beisammen ist, mit dem der Erfolg praktisch garantiert ist?

Der böse, böse Jogi

Christian Andiel am Samstag, den 30. Januar 2016

Der Beweis: Bundestrainer Joachim Löw (links) will Jérõme Boateng aufs Übelste beeinflussen. Ein Glück für den Verteidiger, dass er von seinem Club geschützt wird. Foto: Keystone

Gut, gibts den Karl-Heinz Rummenigge. Da hat der Chef des FC Bayern aber mal wieder mit aller Deutlichkeit gezeigt, wo im deutschen, ach, was sag ich da: im Weltfussball der Hammer hängt. An der Säbener Strasse in München nämlich. Was erlaubt sich Löw, hat sich der Rummenigge gedacht, als der Bundestrainer einmal mehr eine seiner unverschämten Einmischungen nicht lassen konnte. Löw hatte gesagt, er plane für die Europameisterschaft im Sommer mit Jérõme Boateng, obwohl sich der Bayern-Abwehrrecke verletzt hat und wohl vier Monate ausfällt. Für Rummenigge ist dies logischerweise genau das, was Löw in seinem hinterhältigen Schwarzwälder Hirn ausgebrütet hat. Ein dickes Lob an den designierten Abwehrchef, vielleicht sogar ein Ansporn für Boateng in psychisch schwierigen Zeiten? Ha, so denkt nur ein dummer, naiver Mensch.

Rummenigge weiss natürlich ganz genau: Damit erhöht sich die Gefahr, dass Boateng den Heilungsverlauf beschleunigt, einen Rückfall erleidet und noch länger ausfällt. Löws vermeintliche Hilfestellung ist also nichts anderes als eine raffiniert versteckte Attacke auf den besten Fussballclub des Universums (inklusive Zwergplaneten).

Das klingt zwar nun ein bisschen komisch, weil Rummenigge immerhin Pep Guardiola als Trainer beschäftigt. Und gerade der ist bekannt dafür, dass er Spieler auch dann einsetzt, wenn sie praktisch von der letzten Verletzung her noch am Tropf hängen. Guardiola sagt: «Wenn es heisst, ein Spieler fällt sieben Wochen aus, dann möchte ich, dass es sechs sind.» Es gibt Mediziner, die sagen, dass genau deshalb so viele Spieler – Ribéry, Robben, Thiago – bei den Bayern immer wieder verletzt und nach der «Genesung» auch schnell wieder weg sind. Aber was kümmert das Guardiola? Er arbeitet schliesslich nur bei Clubs mit Unmengen an Geld, die werden doch für Ersatz und Nachschub sorgen können. Und schliesslich hatte Guardiola selbst als Spieler mit der Einnahme von Dopingmitteln bewiesen, was er unter Siegeswillen und Loyalität gegenüber Club und Trainer versteht.

Aber was wir mit diesen Bemerkungen zu Guardiola tun, ist übelste Einmischung in Bayern-interne Vorgänge. Und da versteht Rummenigge so wenig Spass wie bei unmoralischen Angeboten von Löw gegenüber Boateng. Er droht dem DFB, er werde dem Abwehrspieler die Freigabe verweigern. Vielleicht darf ja gar kein Bayern-Spieler mit zur EM. Und wer weiss, vielleicht gehen die Bayern ganz weg aus der Bundesliga, wenn alle immer nur Böses für sie wollen.

Vielleicht spielen sie dann ja nur noch in Katar. Da sind eh alle viel lieber und netter zu den Bayern. Warum heisst denn der Münchner Flughafen nicht «Uli Hoeness Airport», nach dem grössten Wohltäter, den Deutschland  hervorgebracht hat? Warum wird dem Club nicht der deutsche Meistertitel auf Lebenszeit verliehen, damit man sich die mühsamen Reisen nach Darmstadt, Ingolstadt oder Sinsheim ersparen kann (was, nebenbei, auch das Verletzungsrisiko drastisch senken würde)?

Das sind doch alles üble Machenschaften, hinter denen der DFB, dessen Haupt-Scherge Löw, die Lügenpresse und überhaupt die ganze neidgeplagte Welt steht. Aber nicht mit den Bayern! Jetzt schlagen sie zurück. Jetzt setzt Guardiola den Boateng so schnell wieder ein, dass er zur EM und bis weit ins Jahr 2018 ausfällt. Tja, was nun, Jogi Löw?

Pope Francis receives an autographed fottball from Bayern Munich's CEO Karlheinz Rummenigge during a private audience with the soccer team at the Palace of the Vatican in Vatican City, October 22, 2014. REUTERS/Alexander Hassenstein/Pool (VATICAN - Tags: SPORT SOCCER RELIGION) - RTR4B4TZ

Wer dem Papst (rechts) ethische Grundsätze mithilfe eines Fussballs näherbringt, soll sich vom DFB verscheissern lassen? Ha, nicht mit Karl-Heinz Rummenigge! Foto: Reuters