Mütter machen sich Sorgen. Ein Mutterleben lang. Von der Befruchtung bis zur Himmelfahrt oder wohin es auch immer gehen mag, wenn wir hier fertig sind. Entwickelt sich das Kind im Bauch normal? Atmet es noch, wenn es mucksmäuschenstill in seinem Bettchen schläft? Verschluckt es sich auch nicht an einem Legostein? Fällt es vom Baum? Kommt es sicher auf die andere Strassenseite? Hat es gute Freunde? Ist es gut in der Schule? Verliebt es sich womöglich in einen unwürdigen Herzensbrecher? Hat es einen bösen Chef und schuftet sich in ein Burn-out? Diese Litanei der inneren Besorgnis dauert an und an und an, selbst dann, wenn «es» schon lange kein «es» mehr ist.
Schon klar, das ist total normal. Es ist sogar normaler als je zuvor. Abnormal normal, sozusagen. Debatten über eine überbesorgte Generation von Eltern füllen die Presse von Regenbogenblatt bis Wissenschaftsmagazin. Der Begriff der Helikopter-Eltern rotiert über unseren Köpfen und wir wissen: Wir sind viel zu ängstlich. Und das schadet den Kindern. Die sollten besser wieder Baumhütten zimmern, allein im Dunkeln Detektiv spielen, sich ungestört verprügeln dürfen auf dem Heimweg und sonstiges Verbotenes ausprobieren, ohne dass wir ihnen dabei ständig in den Nacken atmen. So viel haben wir verstanden. Angst ist normal. Aber haben sollen wir sie trotzdem nicht.
Und damit es auch so richtig komplex wird, gelten wir rasch als verantwortungslos, wenn wir unsere Kinder tatsächlich unbesorgt frei herumtollen lassen. Oder nicht stets präzise wissen, wann sie nach Hause kommen, ihnen kein Handy mitgeben, ihnen gar einen Schlüssel um den Hals hängen oder sie nicht ins Gymi befördern.
Mit diesem Salat an Widersprüchen und Sorgen müssen wir leben. Das ist auch nicht sonderlich dramatisch. Genauso wie mit der angeborenen Angst der Mütter, die ja eigentlich durchaus sinnvoll ist. Sie zwingt uns, uns stets mit vollem Einsatz für unseren Nachwuchs einzusetzen und Unheil möglichst vorauszusehen und zu verhindern. Das Problem an der Sache ist, dass wir nun mal nur sehr bedingt Einfluss auf den Lauf der Dinge haben. Auch wird die Welt in ein immer bedrohlicheres Licht gerückt, weil fast alles als potenziell bedrohlich eingestuft wird. Erdnüsse, Stofftieraugen, Zitronensäure, Zebrastreifen, das Internet etc. Und das, obwohl das Leben in unseren Breitengraden viel sicherer geworden ist. Diese Welt-Angst überträgt sich auf unsere Kinder. Auch das ist meist keine Tragödie, nur ein unbequemes und eigentlich unnötiges Korsett.
Richtig ernst wird es erst, wenn die Angst zur Krankheit wird. Und das ist keineswegs selten. Je nach Erhebung leidet jeder Fünfte im Lauf seines Lebens an einer Angststörung, Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer. Und damit gibt es viele Mütter, die nicht nur einfach mit mütterlicher Sorge fertig werden müssen, sondern darüber hinaus in pathologischem Ausmass darunter leiden, dass das Leben eben nicht kontrollierbar ist.
Die Folgen reichen von Vermeidungsverhalten bis zu regelrechten Panikstörungen. Zu den eigentlichen Ängsten kommt die Sorge, den Kindern mit der eigenen Angst grad doppelt zu schaden, ihnen das Urvertrauen zu nehmen, das sie doch so dringend brauchen. Willkommen im Teufelskreis. Heisse Tipps und wohlmeinende Beschwichtigungen nützen hier leider kaum mehr, oft machen sie alles noch schlimmer, in dem sie das schlechte Gewissen füttern.
Gut zumindest, das man heute viel weiss über Angststörungen und ihre Therapie und dass sie ernstgenommen werden. Denn je früher sie behandelt werden, um so besser. Aber dafür müssen sie erst mal diagnostiziert werden. Und das wiederum bedingt, dass man sich eingesteht, dass etwas nicht stimmt. Nicht ganz einfach. Schliesslich ist Angst uncool, im wahrsten Sinn des Wortes. Und manchmal eine Krankheit. Dazu zu stehen bedeutet, zu der eigenen Schwäche zu stehen. Wer tut das schon gern? In der Überzeugung, dass es trotzdem wichtig ist, das Thema endlich aus dem Halbschatten zu holen, habe ich nach langem Hin und Her beschlossen, hier genau das zu tun: dazu zu stehen, dass ich eine Mutter mit übermässiger Angst bin. Ich bin nicht stolz darauf, aber es ist eine Tatsache. Eine, mit der man leben kann. Mal besser, mal weniger gut.
Für mich hat es sich bewährt, gegenüber mir und meinem Umfeld dazu zu stehen – auch gegenüber meinen Kindern. So wissen sie, dass es nichts mit ihnen zu tun hat, wenn ich ihnen mal wieder zu wenig zutraue oder mir eine eigentlich völlig übertriebene Ermahnung nicht verkneifen kann. Sie wissen auch, dass es nicht ihr Job ist, mich vor meiner Angst zu beschützen, in dem sie mir zuliebe übervorsichtig sind. Es gibt darum Dinge, die sie mit meinem Mann besprechen müssen. Wie die Erlaubnis, vom Fünfmeterbrett zu springen, allein mit dem Fahrrad im Quartier rumzudüsen oder auf eine hohe Mauer zu klettern. Das erspart ihnen unnötige Einschränkungen. Und mir gibt es die Zuversicht, dass sie trotz meiner Angst den Raum bekommen, ihre Kräfte und Fähigkeiten auszuloten.





Susanne Taverna ist Dienstchefin beim «Bündner Tagblatt» und Mutter eines acht Monate alten Sohnes. Sie lebt mit ihrer Familie in Chur.
*Michèle Binswanger ist Autorin, Redaktorin, Mutter zweier Kinder und Mamabloggerin der ersten Stunde. Sie hat gerade ihr erstes Buch zusammen mit Nicole Althaus veröffentlicht: «Macho Mamas – Warum Frauen im Job mehr wollen sollen.» Nagel & Kimche, 176 Seiten, 25.90 sFR 

Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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