Leben


Andrea Fischer am Dienstag den 7. Februar 2012

Von Idioten umzingelt

Mamablog

Gregs Tagebücher machen Lust aufs Lesen: Illustration aus dem Buch «Von Idioten umzingelt». (Baumhaus Verlag)

Klar, es ist sehr amerikanisch. Und dass sich einer eine goldene Nase verdient mit unbedarften Strichmännchen und mittelmässigen Verfilmungen seiner Stories, wurmt auch. Trotzdem, ich muss es fast neidlos zugeben, die Dinger sind pädagogisch wertvoll: Gregs Tagebücher. Wenn vielleicht nicht für die Kids, so doch für ihre Eltern. Dabei ist das Strickmuster denkbar einfach: Ein egoistischer, selbstverliebter Junge erzählt in fiktiven Tagebüchern, was er von sich und der Welt hält. Die Welt, das sind sein beiden Brüder, seine Eltern, seine Freunde, Lehrer, Verwandte und Nachbarn. Aus Gregs Sicht alles Loser, versteht sich. Er selbst nennt sein Werk natürlich nicht Tagebuch, das wäre ja was für Weiber und Weicheier, sondern Memoiren. Schliesslich wird er als Erwachsener sowieso mal berühmt, nur weiss das ausser ihm noch keiner.

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Gregs Tagebuch 1, Jeff Kinney, Baumhaus Verlag, 218 Seiten.

Geschrieben sind die Bücher von einem erwachsenen Gamedesigner, selbst Vater und Comiczeichner (sicher nicht einer der Begnadetsten, aber das passt perfekt zu Gregs Selbstüberschätzung). Das klingt alles nicht sonderlich spektakulär, ist es aber. Jeff Kinney, so heisst der Autor, schafft es, Millionen von lesefaulen Jungs mit Lesefieber zu infizieren, wenn vielleicht auch nur für die Dauer der Lektüre (immerhin gibt es bereits sechs Bände mit so reisserischen Titeln wie «Von Idioten umzingelt» oder «Ich war’s nicht»). Danach spielen einige sogar noch ein Weilchen mit dem Gedanken, selbst ein berühmtes Tagebuch zu veröffentlichen, denn was der kann, können sie natürlich schon lang. Diese literarischen Anwandlungen halten vielleicht nicht ewig, aber immerhin.

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In der Ringerklasse: Szene aus dem Film «Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt» (2010). Greg ist der dritte von rechts.

Das Beste an den Büchern ist aber nicht der Effekt auf die Kids, sondern der auf die Eltern. So bös durchschaut gefühlt habe ich mich schon lange nicht mehr. Und so lustig auch nicht. Mein Lieblingsbeispiel ist der Entscheid von Gregs Schule, alle Spielgeräte vom Spielplatz zu entfernen, an denen sich je ein Kind verletzt hat. Das hat zu Folge, dass nach kürzester Zeit gar nichts mehr da steht und alle Kids in den Pausen wie im Knast langsam im Kreis herumgehen müssen. Hauptsache, es ist nicht gefährlich. Aus dem gleichen Grund gibt es in der Mensa auch eine erdnussfreie Zone und die Pommes Frites werden durch «Extrem Sport Sticks» ersetzt, Karottensticks in einem Sack mit einem coolen Skater drauf. Aus der Sicht eines Erwachsenen mag das alles nachvollziehbar sein, aus der Sicht eines Elfjährigen ist es einfach Kinderquälerei und muss sabotiert werden. Ebenso wie die Ermahnungen, selber Geld für Computerspiele zu verdienen, lieb zum kleinen Bruder zu sein, frische Unterwäsche anzuziehen und nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen.

Gregs Gegenstück ist sein braver Freund Rupert. Er ist Einzelkind einer Familie von politisch Ultrakorrekten und von unkaputtbarer Naivität. An Halloween darf er nur mit einer riesigen Leuchtantenne auf dem Rücken aus dem Haus, ein bisschen so wie ein Hund mit Leuchthalsband, und spielen tut er nur mit harmlosem Kram für Kleinkinder. Logisch, ist Greg da immer der Unruhestifter und Rupert der nervig Nette. Und logisch, hassen Ruperts Eltern Greg und er sie zurück.

Kurz, die Bücher sind eine wunderbare Anleitung dazu, wie wir Erwachsenen auf keinen Fall sein wollen. Darüber täuscht auch das Uramerikanische des Settings nicht hinweg. Viel Spass beim Lesen!

Jeanette Kuster am Sonntag den 5. Februar 2012

Wo Windelberge sich erheben

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Herkömmliche Wegwerfwindeln belasten nicht nur das Riechorgan, sondern auch die Umwelt. Höchste Zeit, auf ökologisch sinnvollere Produkte umzusteigen. (Bild: Screenshot aus der Arte-Dokumentation «Leben ohne Schadstoffe?»)

Meine Tochter hat vor Kurzem entschieden, dass sie nun gross genug sei fürs Klo. Was mich als werdende Zweifachmutter innerlich frohlocken liess, werde ich doch auch künftig nicht im Akkord wickeln müssen. Dass wir durch den jüngsten Entwicklungsschritt die Umwelt ein ganzes Stück weniger belasten, wurde mir hingehen erst bewusst, als ich kürzlich den Dokumentarfilm «Wickeln, Windeln, wegwerfen» auf Arte gesehen habe.

4000 bis 6000 Windeln verbraucht ein Kind, bis es trocken wird. Die Wegwerfwindeln machen damit «einen erheblichen Teil des Siedlungsmülls» aus, wie das Amt für Umwelt und Energie Basel-Stadt auf seiner Homepage mitteilt. Aber Pampers und Co füllen nicht nur Abfallsäcke und Müllwagen, sondern stellen wegen der verwendeten Materialien auch ein echtes Umweltproblem dar. Die immer dünner werdenden, immer saugfähigeren Windeln bestehen nämlich heute nicht mehr grösstenteils aus Zellstoff, sondern aus Kunststoffen. Das verwendete Polyethylen etwa wird aus Erdölderivaten hergestellt. Landet dieser Stoff auf der Mülldeponie – und in vielen Ländern ist dies heute noch der Fall – bleibt er dort etwa 300 Jahre liegen, ehe er sich zersetzt. Wird er hingegen verbrannt, entstehen klimaschädliche Stickoxide.

Wir Eltern verschmutzen also täglich die Welt, in die wir unsere Kinder hineingeboren haben. Ohne uns dessen bewusst zu sein. Denn während wir mit Werbung für die saugfähigsten Windeln überhäuft werden, klärt uns niemand darüber auf, was für einen Schaden die praktischen Wegwerfartikel anrichten. Dabei gäbe es durchaus Alternativen. Biowindeln zum Beispiel: Ihre Folie besteht aus biologisch abbaubarer Pflanzenstärke, der verwendete Zellstoff wird aus FSC-Holz hergestellt und ist chlorfrei gebleicht. Sie sind allerdings so teuer, dass sich nur die wenigsten Familien diese Art des Umweltschutzes leisten können.

Doch auch Migros und Coop bieten seit einer Weile ökologisch verträglichere Produkte zu günstigen Preisen an. Die Coop Oecoplan Windel zum Beispiel soll die Umwelt um 30 Prozent weniger belasten als eine herkömmliche Wegwerfwindel. Grund: Der verwendete Zellstoff besteht auch hier aus nordeuropäischem FSC-Holz und wird mit Sauerstoff gebleicht. Zudem verwendet Coop bei der Herstellung Ökostrom und produziert die Windeln in der Schweiz, wodurch die Transportwege verkürzt werden. Auch das Verpackungsmaterial wurde laut Coop «aufgrund von Ökobilanz-Resultaten ausgewählt» und auf ein Minimum reduziert.

Obwohl Eltern sonst schnell für Umweltanliegen zu begeistern sind, scheinen sie bei den Windeln die Notwendigkeit nicht zu sehen: «Die Oecoplan-Windeln machen rund 2 Prozent der Windelkäufe aus, es handelt sich also immer noch um ein Nischenprodukt», teilt die Coop-Pressestelle auf Anfrage mit. Trotzdem: Wenn es doch möglich ist, umweltfreundlichere Windeln herzustellen, und die Anbieter sonst so gerne ihre ökologischen Bemühungen unterstreichen, weshalb stellen sie dann nicht das gesamte Eigensortiment um und nutzen das als Verkaufsargument? «Wir sind an der Sache dran», sagt Coop, «in kurzer Zeit die nötigen Rohstoffe für diese erhöhten Mengen zu erhalten, ist aber gar nicht so einfach.»

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Öko muss nicht beige sein: Stoffwindel von Totsbots bei Vallemonte.ch.

Vielleicht liegt die Lösung jedoch gar nicht in der Zukunft, sondern vielmehr in der Vergangenheit: bei den Stoffwindeln. Die modernen Stoffwindeln sind genauso einfach zu wechseln wie Wegwerfwindeln und halten genauso dicht. Einziger Nachteil: Man muss sie waschen. Stinkt einem das im wahrsten Sinne des Wortes, kann man diese leidige Aufgabe einem Windelservice übertragen, der die dreckigen Stoffwindeln wöchentlich abholt und einem gleichzeitig eine Ladung sauberer Windeln liefert. «Mit einem solchen Lieferservice belaste ich die Umwelt doch zusätzlich», mögen Sie nun sagen. Ja und nein, denn dafür werden die Windeln garantiert möglichst umweltschonend (sprich: in vollen Waschladungen) gereinigt und zudem über längere Zeit benutzt, was ihre Ökobilanz nochmals verbessert.

Das immer wieder gehörte Argument, dass die klassische Stoffwindel keineswegs umweltfreundlicher sei als die Wegwerfwindel, da sie eben gewaschen werden muss, stimmt natürlich bis zu einem gewissen Grad. Beim Energieverbrauch schneidet die Stoffvariante tatsächlich nicht besser ab als die Plastikwindel. Wenn es ums Entsorgen geht, haben die Stoffwindeln jedoch klar die Nase vorn: ein paar Kilo Stoff gegenüber bis zu einer Tonne Plastik pro Kind – der Fall ist klar.

Das Entsorgungsargument ist es denn auch, das die britische Regierung zu konkreten Massnahmen veranlasst hat: In Grossbritannien werden junge Eltern neuerdings in Kursen und mit Gutscheinen dazu aufgefordert, Stoffwindeln zu benutzen. Nicht nur aus Umweltschutz-, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen: Die Aufklärung der Eltern kostet den Staat deutlich weniger als der Abbau der Windelberge.

Und auch die Eltern profitieren finanziell, denn auf die gesamte Windelzeit hochgerechnet sparen Stoffwindelbenutzer trotz hoher Anfangsinvestition circa 720 Franken. Werden die Windeln des Erstgeborenen später noch fürs Geschwisterchen benutzt, erhöht sich diese Zahl nochmals deutlich. Und nicht zuletzt spart man hierzulande auch einiges an Abfallgebühren, wenn man auf Wegwerfwindeln verzichtet.

Es gibt also mehr als genug Gründe, den Babypo künftig in Stoff statt in Plastik zu wickeln. Man müsste die Eltern bloss darüber informieren. Sollte der Staat also eine Aufklärungskampagne nach britischem Vorbild starten und Eltern vielleicht sogar mit finanziellen Anreizen dazu bewegen, umweltfreundlicher zu wickeln? Die Grünen zumindest würden eine solche Kampagne begrüssen und könnten sich vorstellen, «den Import und die Herstellung von Windeln zusätzlich zu besteuern, für die umweltfreundliche Produktion hingegen steuerliche Anreize einzuführen», wie Martina Fleischli von der Grünen Partei Schweiz sagt. Oder müsste man sogar konkrete Richtlinien für Wegwerfwindeln erlassen, die umweltschonendere Materialien vorschreiben? Was denken Sie?

Mamablog-Redaktion am Freitag den 3. Februar 2012

Jeanne d’Arc statt Tiger Mom

Eine Carte Blanche von Clack-Autor Ralph Pöhner*.

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Eine sehr französische Mutter: Model und Schauspielerin Laetitia Casta, mittlerweile dreifache Mama (unser Bild zeigt sie 2009 in Cannes, als sie mit ihrer zweiten Tochter schwanger war).

Waren Sie schon mal mit einem Kind in Paris? Dann fiel Ihnen vielleicht ein Phänomen auf, das in Schweizer Städten längst verschwunden ist: In den Parks gibts diskrete Schildchen, die das Betreten des Rasens verbieten. Wer also dort sein Kind, wie bei uns üblich, über die Wiese rennen lässt, gibt ihm besser den Rat mit, weit entfernt von gewissen Herren mit blauer Uniform und Képi herumzutoben.

Was fällt sonst noch auf in Paris? Zum Beispiel, dass Spielplätze dort Raritäten sind. Und wenn vorhanden, muss man dort manchmal allen Ernstes Eintritt bezahlen.

Und weiter? Statt auf dem Spielplatz findet man Kinder im Museum. Oder im Restaurant (nein, damit ist nicht McDonald’s gemeint).

Kurz: Wer mit Kindern nach Frankreich reist, stösst auf ganz leicht verschobene Zustände. Und in diesen Verschiebungen wiederum spiegelt sich offenbar etwas Grundsätzliches: Die Franzosen erziehen ihre Kinder anders als wir. Denn sie sehen sie anders an.

Gut möglich, dass sich daraus bald eine neue Debatte entwickelt darüber, wie wir mit unserem Nachwuchs umgehen, umgehen sollten – und was dies über unsere Gesellschaft besagt. Auch bei uns. Denn nach den letztjährigen Wortgefechten über die chinesischen Tigermütter (Lesen Sie auch: «5 Fragen zur Tigermutter») findet nun ein Buch in der angelsächsischen Welt grosse Beachtung, welches die französischen Eltern zum grossen Vorbild stilisiert: Es stammt von der US-Journalistin Pamela Druckerman und heisst «French Children Don’t Throw Food» (in der britischen Ausgabe) respektive «Bringing Up Bébé» (in der US-Version).

Der Amerikanerin, die jahrelang in Paris lebte, war aufgefallen, dass die Kinder dort verblüffend gut erzogen schienen – während die Eltern keineswegs strenger mit ihnen umgingen als Eltern in ihrer US-Heimat. Die Kleinen kamen ins Restaurant und widmeten sich dort zivilisiert dem «Sauté de boeuf et légumes», zugleich schien es undenkbar, dass eine Französin ein Telefongespräch unterbrechen musste, weil es hintendran quäkte. Und auf den Spielplätzen konnte Druckerman bald erkennen, wer von wo war. Die Französinnen tranken entspannt ihren Kaffee beim kiosque nebendran, die Ausländerinnen wetzten ihren Kleinen hinterher, um Katastrophen und grössere Flurschäden zu verhindern.

Und ja: Sogar die Säuglinge schliefen, wenn sie Französinnen und Franzosen waren, in der Nacht eher durch.

Woran liegt das? Druckermanns Ergebnisse führten zurück zur grundsätzlichen Haltung, welche eine Gesellschaft gegenüber ihren Kindern einnimmt. In einem Satz: In Frankreich muss sich das Kind der Erwachsenenwelt unterordnen – während sich das Verhältnis im englischen Sprachraum (und ja, auch in der Deutschschweiz) umgekehrt hat. Bei uns setzte sich ein Selbstverständnis durch, in dem das Kind zum König wurde – was wiederum die ganze familieninterne Dynamik verändert hat: «La famille, c’est moi».

Dass sich Erwachsene von gelangweilten Kindern im Gespräch unterbrechen lassen, käme den Franzosen nicht in den Sinn. Im Elternbett haben die Kleinen nichts verloren. (Lesen Sie auch: «Sex schlecht? Ehe schlecht?») Und die Idee, dass es einerseits Menus und andererseits Kindermenus gibt, erscheint den Franzosen ebenfalls skurril. Die Unterschiede gehen bis hinein in den Sound («Ça suffit!!!» statt «Könntest du bissoguet endlich…»), aber gerade weil sich in Frankreich nicht alles ständig um die Kinder dreht, waren die Erwachsenen viel entspannter – so der Eindruck der Amerikanerin.

«Die Französinnen leiden sicherlich nicht unter denselben ständigen Schuldgefühlen», folgert Druckerman. Das führt im Alltag dazu, dass Maman nicht im Renault-Alpine-GT-Tempo losrennt, wenn das Baby in der Nacht schreit, sondern erst mal schaut, ob sich das Problem von selber löst. Mit dem Nebeneffekt, dass französische Babys nach einer gewissen Zeit offenbar tatsächlich besser durchschlafen.

Und es schlägt sich schliesslich in zahlreichen Konventionen nieder – mit gewaltigen Folgen für die gesellschaftliche Rolle der Frau. Die kleinen Unterschiede werden am Ende sehr, sehr grundsätzlich.

Stillen? Finden die Ärzte und Geburtskliniken in Frankreich nicht so wichtig. Mutterschaftsurlaub? Krippen? Schulsystem? Klar, das wird so organisiert, dass man das Arbeitsleben leicht daneben durchbringt: Erwachsenenwelt vor Kinderwelt – auch hier. (Lesen Sie auch: «Wie Eltern das Arbeitsleben vermiest wird»)

Dass die Kinder in Frankreich unerschütterlich Spinat-Quiche verspeisen – dies ist also das eine. Das andere: Frankreich ist das Land mit der höchsten Geburtenrate in Europa; und zugleich liegt die Frauenerwerbsquote dort weit über dem Durchschnitt der EU. Nimmt man die Altersgruppe zwischen 25 und 55 – also die der Mütter –, so ist es das einzige Land ausserhalb Skandinaviens, in dem skandinavische Verhältnisse herrschen.

Kein Wunder, wird «Bringing Up Bébé» in den Ländern, wo es bereits veröffentlicht ist, weit herum beachtet. Der «Economist» gab dabei zu bedenken, dass sich hier nur eine bourgeoise Schicht spiegle, ein Blick in die banlieues hätte Druckermans schöne Bilder rasch zerstört. Und die Autorin, so der Kritiker, hätte auch mal darauf hinweisen können, dass der Wettbewerbsgedanke in Frankreich vielleicht ein bisschen zu kurz kommt.

Tatsächlich, so betont Druckerman, seien französische Eltern keineswegs streng, ehrgeizig, drakonisch – nichts da von Tigermüttern: «Sie geben den Kindern einfach einen klaren Rahmen, in dem sie lernen und sich entwickeln müssen.»

Völlig überzeugt zeigte sich dagegen die «Huffington Post», wo Debra Olliver das Buch aufnahm – eine Autorin, die nach langen Frankreichjahren selber mehrere Bestseller über die französische Kultur veröffentlicht hatte. Olliver fühlte sich prompt an eigene Erfahrungen und Fehler erinnert. So  geschehen, als ihre Kinder bei einem Primarschul-Ausflug mit der zweisprachigen Schule von Paris nach England reisen sollten. Sie, die besorgte Amerikanerin, verbot es. Worauf die Rektorin antwortete: «Madame, einen unabhängigen Geist kann man nicht kultivieren, wenn man ein Kind zurückhält» – und dann nachsetzte: «Wir haben dieses Problem nur mit angelsächsischen Müttern.»

Am Ende, so Olliver, reisten die französische Kinder nach England, und die englischsprachigen Kinder blieben in Frankreich. Die ausländischen Eltern froren auf dem Spielplatz, die französischen Eltern genossen drei kinderfreie Tage.

Erwachsenenwelt, Kinderwelt: Freiheit zu geben heisst, Freiheit zu gewinnen. Dass Frankreichs Nationalheldin ein Mädchen war, ein Kind, das die Heere des Königs in die Schlacht gegen England führte – das ist dabei noch das kleine symbolische aperçu.

Lesen Sie mehr zum Thema Erziehung auch hier.

Weiter Links
Buch von Pamela Druckerman «French Children Don’t Throw Food»
Frauenerwerbsquote
in der EU
Artikel der «Huffington Post»
Beitrag im «Economist»

ralphpöhner*Ralph Pöhner ist Mitgründer des Online-Magazins Clack.ch und der Wirtschafts-Site finews.ch sowie regelmässiger Autor von «Die Zeit».

Nina Merli am Donnerstag den 2. Februar 2012

Ich krieg die Krippen-Krise

Otto's Kinderposten: FDP-Nationalrat Ineichen will 100 Billig-Krippen eröffnen. (Archivbild: Keystone)

Otto's Kinderposten: FDP-Nationalrat Ineichen will 100 Billig-Krippen eröffnen. (Archivbild: Keystone)

Es scheint, als habe sich Otto Ineichen in ein Wespennest gesetzt: Der Luzerner FDP-Nationalrat möchte (mit der von ihm initiierten Stiftung Speranza) in den nächsten zwei Jahren 100 bezahlbare Krippen realisieren. Nach ersten Anpassungen – die Kinder sollen laut aktuellem Stand ausschliesslich von einheimischen Fachkräften betreut werden, was vom Verband Kindertagesstätten der Schweiz (KiTaS) sehr begrüsst wurde – soll im April dieses Jahres die erste Ineichen-Krippe in Beromünster LU ihren Betrieb aufnehmen.

Doch statt Wohlwollen löste die Meldung diese Woche heftige Kritik aus. Auch die Kommentar-Schreiber von Newsnet liessen sich nicht zweimal bitten und machten ihrem Unmut und ihren Sorgen Luft: Von «Discount-Krippen» war da die Rede, die nur mit Billigpersonal und somit erheblichen Qualitätseinbussen auf Kosten der armen Kinder geführt werden können. Ineichen habe keine Ahnung; eine seriöse Krippe zu realisieren, die weniger koste als bisher, sei gar nicht möglich. Und schon werden sie heraufbeschworen, die Horrorszenarien von vernachlässigten, achtlos in einer Ecke stehen gelassenen Kindern mit vollen Windeln und laufenden Nasen, neben denen die völlig überforderten und ungenügend ausgebildeten Betreuerinnen verzweifeln.

Zugegeben, gewisse Einwände sind berechtigt. Und es ist mit Sicherheit sinnvoll, ein sehr wachsames Auge auf dieses Projekt zu werfen, schliesslich geht es um das Wohl der Kinder – und dieses gilt es auf jeden Fall zu gewährleisten. Die Vorstellung, sein Kind in falsche Hände zu geben, bereitet ein sehr ungutes Gefühl. Aber muss man deshalb eine neue und angesichts der grossen Nachfrage sinnvolle Idee von Anfang an zunichte machen? Nein.

Denn Krippenplätze sind absolute Mangelware und dringend nötig. Wer im Augenblick, wie die Schreibende etwa, in der Stadt Zürich einen Krippenplatz sucht, muss sich mit einem Platz auf der Warteliste zufrieden geben. Vor allem Babyplätze sind rar und die Chance, sein Kind termingerecht per Ende Mutterschaftsurlaub unterzubringen, sind äusserst gering. Man hätte sich halt schon vor zwei Jahren anmelden müssen, heisst es nicht selten von Seiten der Kitas. Tja, aber vor zwei Jahren sah das eigene Leben vielleicht noch ganz anders aus und das Projekt «Kinder haben» war noch nicht komplett durchdacht, berechnet und voll durchorganisiert. Wie kopflos!

Ginge es nach einem Grossteil des Motz-Chores, dann gäbe es gar keinen Grund zum Jammern, denn die Lösung liegt auf der Hand: Die Mutter bleibt zuhause und kümmert sich um die Kinder. Was bei den aktuellen Betreuungspreisen, rein rechnerisch, durchaus Sinn machen würde. Denn oft geht ein Grossteil des Lohnes für die Krippenrechnung drauf. Aus welchem Grund sollte die Mutter überhaupt weiterhin arbeiten gehen? Vielleicht weil sie ihre Arbeit mag? Weil sie sich teilweise auch über ihre Arbeit definiert und es ihr Bestätigung und Befriedigung gibt? Weil es vielleicht auch für eine gute Balance in der Partnerschaft sorgt? Oder weil sie vielleicht einfach keine Lust hat, «nur noch» Vollzeit-Mutter zu sein.

Achtung, wer mit diesen egoistischen Argumenten kommt, stösst auf kein Verständnis und wird mindestens genauso heftig gebasht wie Otto Ineichen. Der hat es ja sogar noch gewagt, zu erwähnen, dass er mit seinem Krippenprojekt Müttern den Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtern möchte – eine doppelte Provokation für alle Traditionalisten, Schwarzmaler und Dauernörgler.

Ich meinerseits hoffe, dass Ineichens Krippen-Projekt erfolgreich starten kann und entgegen aller Unkenrufe den Ansprüchen von Kindern, Eltern und Betreuern gerecht werden wird. Nur so schöpfen vielleicht andere innovative Köpfe den nötigen Mut, um bestehende Modelle mit neuen Ideen zu bereichern. Dies natürlich in der Hoffnung, dass in der Stadt Zürich möglichst schnell ein paar neue Krippen eröffnet werden und ich nicht zwei Jahre auf der Warteliste versauern muss.

Michael Marti am Mittwoch den 1. Februar 2012

Wundersame Geburt

Ein Papablog von Michael Marti.

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Die Gebärende bestimmt, wer dabei sein darf: Katherine Heigl gibt im Film «Knocked Up» den Tarif durch.

Es ist ja heute gang und gäbe, dass Papa mit in den Gebärsaal geht – auch wenn die Meinungen, ob dies tatsächlich Sinn macht, immer noch geteilt sind, auch bei den Frauen übrigens.

Denn Studien lassen vermuten, dass der Mann eigentlich nur Probleme schafft bei der Niederkunft der Partnerin. Etwas verkürzt gesagt: Steht der Mann an der Seite seiner niederkommenden Partnerin, dauert die Geburt länger und die Gebärende hat grössere Schmerzen – weil die Anwesenheit des Mannes bei der Frau einen zusätzlichen Stress verursacht. (Wir haben diese These hier schon einmal im Mamablog diskutiert).

Es gibt also gute Gründe, als Papa draussen zu bleiben, wenn die Mama gerade am Gebären ist. Insbesondere für diejenigen mutigen Männer, die sich entgegen des Zeitgeistes tatsächlich zu diesem Schritt zur Seite entschliessen wollen, stellten wir die untenstehende Video-Strecke zusammen: Die Ausschnitte aus Spielfilmen führen allen vor Augen, welches Spektakel sich mitunter im OP abspielt – zumindest, wenn dieser in einem Studio Hollywoods steht.

In Realität mag alles anders sein, aber dass man mit Recht vom Wunder der Geburt spricht, zeigt sich spätestens dann, wenn Arnold Schwarzenegger einem Kind das Leben schenkt oder Extraterrestrische zur Welt kommen. Viel Spass!

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 44, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnet und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.