Leben


Archiv für die Kategorie „Vater“

Das Papa-Survival-Kompendium

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 16. November 2011

Ein Papablog von Maurice Thiriet.

Mamablog

Verlassen Sie während der Geburt auf keinen Fall das Kopfende des Bettes: Szene aus dem Film «Knocked up» mit Kathrin Heigl und Seth Rogen.

Sie sind gerade Vater geworden oder werden es bald? Verzagen Sie nicht. Der Papablog hilft gerne. Da Sie keine Zeit haben oder die verbleibende nützen müssen, nachfolgend direkt die Punkte 1 bis 10 des Papa-Survival-Kompendiums:

1. Vorbereitung

Nutzen Sie die verbleibende Zeit und erledigen Sie alles, das Sie getan haben müssen, um als Vater den nötigen persönlichen Fonds zu haben (In dieser Reihenfolge: Eine Nacht in einer Ausnüchterungszelle verbringen, betrunken eine hoffnungslose Schlägerei anzetteln, eine Verfolgungsjagd mit der Polizei absolvieren, Sex mit zwei Partnerinnen haben und nach einer Party mit einem peinlichen Tattoo aufwachen, an dessen Entstehung Sie sich nicht erinnern).

2. Geburt

Nichts ist männerfeindlicher als eine Geburtsstation. Dennoch sollten Sie dabei sein, denn nur Sie können den Wünschen und Bedenken Ihrer Partnerin während der Geburt Nachdruck verleihen. Verlassen Sie jedoch in der kritischen Phase auf keinen Fall das Kopfende des Bettes. Falls Sie – was üblich ist – gebeten werden, die Nabelschnur durchzuschneiden, lehnen Sie höflich aber bestimmt ab, denn Sie müssten dazu das Kopfende des Bettes verlassen. Und das wollen Sie auf keinen Fall.

3. Mobilität

Kaufen Sie ein Auto. Wenn Sie abends nach dem Besuch bei den Schwiegereltern mit den ÖV nach Hause müssen, dann fangen die müden Kinder nach zehn Minuten an zu schreien, die Frau kurz danach und dann die übrigen Fahrgäste. Sie werden in Gedanken noch mal die Liste der Burnout-Kliniken durchgehen, die Sie bereits recherchiert haben. Das alles passiert nach etwa zehn Minuten Fahrt.

Ins Auto laden Sie die Kinder und Partnerin einfach ein und fahren los. Nach den gleichen zehn Minuten Fahrt sind Kinder und Partnerin eingeschlafen und sonst ist da keiner. Sie geniessen kostbare Minuten absoluter Ruhe.

4. Zivilstand

Bleiben Sie ledig. Wenn Sie heiraten, werden Ihr Einkommen und das Ihrer Frau gemeinsam besteuert und ausgewiesen. Die Krippensubventionen gehen dabei genauso flöten, wie die Krankenkassensubventionen, die Ihre Frau und die Kinder kriegen, weil sie offiziell armengenössig sind. Die Beträge sind nicht zu unterschätzen (Stadt Zürich, zwei Kinder = plus/minus 10′000 Franken). Heiraten nützt grundsätzlich nur dem, der den anderen Elternteil überlebt (Stichwort Witwenrente). Aber: Sie sind jung und sterben nicht. Plus: Das Konkubinat beraubt Ihre Partnerin der wirksamsten Methode, Druck auszuüben («Der Schwamm stinkt wieder! Wenn du noch einmal den nassen Schwamm im Spülbecken liegen lässt, lasse ich mich SCHEIDEN!»).

5. Geld

Versuchen Sie, wenig davon zu haben. Gleichen Sie Ihr Arbeitspensum demjenigen Ihrer Partnerin an. Es dient der Harmonieförderung in der Beziehung. Nur wenn beide Elternteile die gleiche Belastung im Büro und in der Kinderunterhaltung tragen, kann man abends die Leistung des jeweils anderen wertschätzen («So, deine acht Stunden Facebook-Surfen abgesessen?» – «Ja, wars gemütlich beim Käffele?»). Versuchen Sie, gemeinsam nicht mehr als 50′000 Franken zu verdienen. Dann haben Sie Anrecht auf alle Subventionen, die es gibt. Inklusive subventionierte 4-Zimmer-Stadtwohnung für 700 Franken im Monat. Sie leben dann exakt gleich, wie mit 120′000 Franken Einkommen, arbeiten aber weniger. Verlangen Sie wenn nötig vom Chef eine Lohnreduktion.

6. Zwischengeschlechtliches Sozialleben

Sobald Sie Vater sind, werden Sie auch für die wenigen Frauen Luft, die Sie bis anhin noch als sexuelle Option in Betracht gezogen haben. Sie müssen also fortan dort flirten, wo man sich nicht wehren kann. Dazu eignet sich die Kinderkrippe ideal. Stellen Sie den vor Abschiedsschmerz brüllenden Sohn ab und sagen Sie was Nettes («DU darfst bei all den hübschen, jungen Damen bleiben und ICH muss zu den alten Männern ins Büro! Und DU heulst!?»). Aber Achtung: Krippen-Erzieherinnen bergen Konfliktpotenzial. Ihre Partnerin weiss auch, dass die keine Neutren sind. Versuchen Sie rauszufinden, welche der Erzieherinnen Ihrer Partnerin am sympathischsten ist und äussern Sie sich ausschliesslich über die Betreffende lobend. Alle anderen müssen Sie konsequent entweder hässlich oder dumm finden.

7. Gleichgeschlechtliches Sozialleben

Als Mann haben Sie alleine mit Ihren Kindern stets Programmnot. Sie basteln nicht, Sie backen nicht und beim Fussball sind Sie (noch) zu überlegen. Suchen Sie sich also befreundete Väter mit Kindern im gleichen Alter wie Ihre und besuchen Sie an Ihren Kindertagen gemeinsam Institutionen, die über ein Restaurant mit Blick auf einen Spielplatz verfügen (z. B. Gemeinschaftszentren, Zoos etc.). Die Kinder spielen dann miteinander auf dem Spielplatz und brauchen Sie nicht. Trinken Sie im Restaurant ohne schlechtes Gewissen Bier aus grossen Gläsern und reihen Sie diese aneinander, wenn sie leer sind. Vorwurfsvolle Blicke kontern Sie mit einem entschuldigenden: «An den Abenden und Wochenenden kommen wir ja nicht mehr dazu.»

8. Schwiegereltern

Wenn Sie Punkt 4 beachten, dann werden sich Ihre Schwiegereltern, die ja streng genommen keine sind, über exakt diesen Umstand beschweren («Wir wären so gerne ECHTE Schwiegereltern.»). Natürlich geht es ihnen nicht darum, sondern darum, dass man als Mutter/Vater einer Tochter nur dann ganze Arbeit geleistet hat, wenn diese «anständig» verheiratet ist. Das ist nicht Ihr Problem. Es gibt nur zwei Wege, den Diskussionen, die mit dem je länger je penetranter vorgebrachten Heiratswunsch der Schwiegereltern verbunden sind, ein Ende zu setzen: 1. Heiraten 2. Diskussion beenden. Das geht nicht auf zivilisierte Art. Warten Sie an irgendeinem Nachtessen ab, bis das Thema beim Kaffee wieder zur Sprache kommt und brechen Sie ohne Zögern in Raserei aus («WIE OFT MUSS ICH DENN NOCH NEIN SAGEN! IHR SEID JA SCHLIMMER ALS ZWEIJÄHRIGE!»). Werfen Sie dann die volle Espressotasse an die Wand und zünden Sie sich zufrieden eine Zigarre an.

9. Alkohol und Drogen

Verzichten Sie auf abendlichen Alkohol- und Drogenkonsum (auch Bier). So wird Ihnen die Erfahrung erspart bleiben, dass sich Kinder nicht für Ihren Kater interessieren, wenn sie morgens um sechs Uhr dreissig die Schlumpf-DVD einlegen und starten müssen. Der Holztraktor landet früher oder später doch zwecks Wecken in Ihrem Gesicht. Bloss werden Sie es mit Kater nicht schaffen, den zweiten und dritten Schlag abzuwehren.

10. Pornographie

Bilder von Sexualakten verschiedener Prägung haben schon immer zu Ihrem Leben dazu gehört? Dann geben Sie diese Gewohnheit nicht auf, bloss weil Zeit und Raum knapper werden. Aber: Beachten Sie die Regeln des Safer Surfing (Stichwort: «Pornomodus»). Sollten Sie dennoch erwischt werden, streiten Sie alles kategorisch ab («Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich auch nur einen Tropfen Samen verschwendet! Wozu also bitte brauch ICH solchen Schweinkram?!»). Beschuldigen Sie den Nachbarn, der den Notfallschlüssel für Ihre Wohnung aufbewahrt, und räumen Sie ihm Gegenrecht ein.

Die Ohnmacht der Scheidungsväter

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 2. November 2011

Ein Papablog von Jeff Vader.

Geschiedene Väter protestieren in Grossbritannien für mehr Rechte, 2005.

Auch in der Schweiz haben geschiedene Väter kaum ein Mitspracherecht: Geschiedene Väter protestieren in Grossbritannien für mehr Rechte, 2005.

Papa werden ist ein unbeschreibliches Erlebnis und mehr noch Papa sein. Das hört ja nicht mit der Geburt des Kindes auf. Im Gegenteil, es fängt erst an. Ein neues Ich entfaltet sich, neue, noch nie empfundene Gefühle eröffnen sich, bedingungslose Hingabe erfährt eine tiefere Qualität, Verantwortung wird zur Bereicherung.

Schön, wenn man diese Gefühle und den Zustand gemeinsam im Alltag verfolgen und teilen kann. Aber nicht jedem ist das Glück vergönnt, diese Dreiheit (es ist unser erstes Kind) gemeinsam zu leben, zum Beispiel Eltern, die keinen gemeinsamen Haushalt haben. Damals, als es um die Regelung in der gemeinsamen Erziehung und des Besuchsrechtes ging, unterschrieb ich zusammen mit der Mutter meines Kindes eine Abmachung. Solche Regelungen sind sinnvoll, gerade mit einem Kind ist Planung unumgänglich.

Einfach ist das nicht. Auch ein Vater hat zuweilen das Bedürfnis, seinen Sohn ausserhalb dieser abgemachten und unterzeichneten Besuchszeiten zu sehen. Ein Begriff, der irgendwie an den Knast erinnert und nicht an das, was ich mir unter einer Familie vorstelle. Leider besteht je nach Beziehungsstatus mit der Mutter kaum Raum für spontanes Begegnen. Wenn sie gerade Bedarf hat, das Kind abzugeben, um zu putzen oder Büroarbeiten zu erledigen, darf der Papa den Kleinen zu sich nehmen. Sonst kaum.

Um den Kontakt trotzdem zu pflegen, greift man aus Verlegenheit auf den telefonischen Kontakt zurück. Da ich den Dreijährigen nicht selber anrufen kann, habe ich wiederum mit der Mutter zu tun. Dann fallen in vorwurfsvollem Geplänkel Sätze wie: «Ich will und muss nicht DIE GANZE ZEIT erreichbar sein.» Aber sollte nicht genau das der Fall sein, wenn man ein gemeinsames Kind hat? Wir haben diese Entscheidung zusammen gefällt und diese bindet uns. Auch wenn es vielleicht nicht immer gerade passt.

Weder bin ich ein verwahrloster Säufer, randständiger Schläger oder sonst wie abtrünnig oder sozial ausgemustert. Und dennoch wird mir die Nähe zu meinem Sohn verwehrt. So ist das. Und das schmerzt! Wie also umgehen mit der Situation? Klar, reden kann helfen. Wenn man reden kann, kann man auch neue Abmachungen treffen. Wenn aber reden auch nicht mehr geht, steht man als Vater verdammt blöd da. Wohin dann mit seiner Verzweiflung und Wut? Wie gelangt man dann doch zu einer Lösung?

Die Gesetzeslage, dass Väter kaum Mitspracherecht besitzen, ist veraltet und wird der Realität nicht mehr gerecht. Dass sich Frau Sommaruga mit Väterbewegungen an eine runden Tisch setzt ist löblich. Die Zeit für eine neue, gesetzliche Änderung in Bezug auf Erziehung und Betreuung, braucht aber dennoch Zeit. Und die habe ich nicht. Denn ich bin jetzt Vater – oder wenigstens möchte ich es sein.

Jeff Vader ist ein Peseudonym. Der betroffene Vater möchte anonym bleiben, um die Beziehung zur Kindesmutter nicht weiter zu belasten, von der er seit einigen Monaten getrennt lebt. Jeff Vader lebt und arbeitet in Basel.

Bravo, ihr Höhlenbewohner in Bundesbern!

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 12. Oktober 2011

Ein Papablog von Lukas Egli.

Alle Hände voll zu tun: Ted Danson in «Three Men and a Baby» (1987).

Mann mit Baby am Herd: Schauspieler Ted Danson in «Tree Men and a Baby» (1987).

Der Bund will den Vaterschaftsurlaub noch einmal diskutieren, konnte man Mitte September lesen. Man wolle eine Auslegeordnung der verschiedenen Modelle «trotz grundsätzlicher Vorbehalte» vornehmen, schrieb der Bundesrat in einer Antwort auf ein Postulat. Bravo, Ihr Höhlenbewohner! Wahrscheinlich haben schon die Männer der Pfahlbauer mehr Zeit mit ihren Neugeborenen verbracht als wir Schweizer im Jahr 2011.

Ihr habt es offenbar noch immer nicht verstanden, verehrte Politikerinnen und Politiker. Zwei Tage bekommt man in der Schweiz als frischer Vater zugestanden, um das Wunder des Lebens zu erleben. Um diese Prüfung zu bestehen. Um sein Leben umzugestalten. Zwei Tage? Wissen Sie, wie lange eine Geburt dauert? Im Schnitt sind es 13 Stunden. Okay, bleiben ja noch 35 Stunden. Husch, etwas Schlaf nachholen, einen Kinderwagen kaufen, Windeln nicht vergessen, zuhause aufräumen, allenfalls ein Blüemli fürs junge Mami? Mach vorwärts, Paps, die Zeit läuft!

Ich weiss ja nicht, aus welchem Holz Eure Frauen geschnitzt sind, liebe SVPler, aber meine Frau scheint mir ziemlich robust – trotzdem war sie froh, dass in den ersten Wochen abends zwischen dem 17- und dem 19-Uhr-Stillen etwas Warmes auf dem Tisch stand. Denn so ein Kleines macht doch etwas Arbeit. Und nein, liebe Freisinnige, nicht jeder kann sich eine Nanny leisten. Der normal fühlende Mann will auch keine. Er will dabei sein, will teilhaben. Er will das neue Leben mitgestalten.

Der Schweiz fehlen 1,1 Millionen Kinder, schrieb der emeritierte Professor für Kinderheilkunde Remo Largo kürzlich im «Magazin». 1,1 Millionen Kinder in 40 Jahren, Tendenz weiter negativ. 2010 lag die Reproduktionsrate bei 1,54 Kindern pro Frau; 2,1 müssten es sein, um die Schweizer Bevölkerung stabil zu halten, rechnete der «Vater der Nation» vor. Die Bevölkerung schrumpft – ist doch prima, möchte man rufen. Wer braucht schon das Geschrei kleiner Kinder? Sie stehen im Weg, machen Windeln voll, halten uns von wichtigen Sachen ab. Und dieses Theater erst, wenn die Schnuddernasen in die Pubertät kommen!

Wer so spricht, sollte sich dringend mal mit den Folgen der rückläufigen Geburtenrate auseinandersetzen. Spätestens wenn in der Schweiz mehr Greise leben als Kinder, die Renten nicht mehr überwiesen werden und das Gesundheitswesen unbezahlbar wird, werden es auch die Ruhe liebenden Berufssingles verstehen. Das wird schon bald der Fall sein: Ab 2015 wird die Arbeitsbevölkerung in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik abnehmen. Könnte sein, dass es schon zu spät ist: «Die 1,1 Millionen Kinder können nicht nachgeboren werden», so Largo lapidar.

Okay, die Reproduktion scheitert nicht am nicht vorhandenen Vaterurlaub. Trotzdem ist er zentral: Wenn ein Kind nur über das Schnuppern an einem veralteten Partnermodell – Frau, du musst zuhause bleiben, allein! – zu haben ist, muss sich keiner wundern, wenn jungen Frauen der Entscheid zum Kinderkriegen schwer fällt. Und sich potenzielle Väter noch länger zieren. Seiner Frau oder Freundin das Modell Heim und Herd zumuten, auch wenn es nur für die ersten Wochen ist – vielleicht doch lieber nicht.

Andere können es besser: In der Schweiz beträgt die «Elternzeit» 100 Tage; 2 Tage davon stehen dem Mann zu. In Schweden sind es 480 Tage – fast fünfmal mehr! Jeder Elternteil bekommt mindestens 60 Tage, über den Rest können die Paare frei verfügen. Wundert es Sie, geschätzte Volksvertreter, dass Schweden eine im nordeuropäischen Vergleich stolze Geburtenrate von 1,94 Kinder pro Frau vorweisen kann? Vielleicht bräuchten wir statt des im Parlament so beliebten Liberalitäts- ein Familienfreundlichkeitsrating.

Nun muss es ja nicht gleich die schwedische Maximallösung sein, liebe SPler. Wer mit demselben Anliegen schon mehrmals gescheitert ist, sollte seine Forderungen gelegentlich anpassen und vom sozialskandinavischen Kitsch Abschied nehmen. Bereits etwas mehr Freiraum würde uns jungen Vätern reichen. Die wenigsten wollen ja wochenlang zuhause sitzen – und ich bin überzeugt: die meisten Frauen wollten das auch nicht.

Meine Frau jedenfalls ist froh, dass ich morgens jeweils früh aus dem Haus gehe und ihr nicht bei allem dreinrede. Aber sie schätzt es auch sehr, wenn ich nicht erst spätabends wieder heimkomme. Warum also den Vätern nicht einen Vaterurlaubs in Form eines reduzierten Arbeitspensums gewähren? Warum nicht ein halbes Jahr lang 70 Prozent arbeiten? Diese 30 Prozent Erwerbsausfall müssten doch zu finanzieren sein!

«Eine Familie gründen darf für die jungen Schweizer nicht mehr eine zu grosse Last sein, sondern muss vermehrt auch Freude machen, sonst haben sie immer weniger Kinder oder überhaupt keine», schreibt Largo. So einfach ist es.

In einer Sache aber irrt der Übervater: «Die Kinderlücke zwingt uns, unsere Prioritäten weniger nach ökonomischen und materiellen Kriterien, sondern vermehrt nach zwischenmenschlichen Werten in Familie, Gesellschaft und Wirtschaft auszurichten», schreibt Largo am Schluss seines Aufsatzes im «Magazin». Falsch! Es ist gerade die ökonomische Vernunft, die uns – und Sie, liebe Volksvertreter – dazu bringen müsste, auch werdenden Vätern eine zeitgemässe Rolle zuzugestehen. Eine Familienpolitik, die diesen Namen verdient, ist eben nicht nur eine Frage der Familienzulagen und Steuern, werte Christdemokraten, sondern auch des Rollenbilds.

Der Staat hat in meinem Bett nichts verloren, werden die Betonköpfe unter Ihnen wieder rufen; einen Ausbau der Sozialwerke könnten wir uns in Zeiten der Krise nicht leisten, werden die Sparfüchse wie gewohnt einwenden. Ist die Frage nicht vielmehr: Können wir es uns überhaupt leisten, die dramatische demographische Entwicklung zu ignorieren? Durchaus möglich, dass Ihnen da die Höhlenbewohner voraus waren.

Die negative Demographie birgt keine vermeintlich theoretisch-statistischen Risiken, wie andere Errungenschaften unserer Zeit – die Folgen des demographischen GAUs sind absehbar. Die AHV, die wichtigste politische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, ist in ernster Gefahr, und mit ihr der Rest des nationalen Konsenses. Aber schon klar: Kinderkriegen ist eben teurer und anspruchsvoller als fertige Erwachsene, lies: Arbeitnehmer zu «importieren». Oder doch nicht?

Schweden investiert in die Zukunft. Wir in Sanatorien und Hüftgelenke für alle. Oder in die Rettung krimineller Grossbanken, Kampfjets und so weiter – ein anderes Thema, ich weiss. Aber wenn eine Sache, liebe Politikerinnen und Politiker, wirklich too big to fail ist, dann das Kinderkriegen.

WandernLukas Egli ist Redaktor bei 20 Minuten Online. Er hat am 12. Juli eine Tochter bekommen.

Im Namen des Vaters

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 5. Oktober 2011

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

Katholische Taufe.

Katholische Taufe.

Ich bin ein Junge von 36 Jahren und habe gesündigt. Das letzte Mal in der Kirche war ich Ende August bei der Taufe unserer kleinen Tochter. Und in den letzten 20 Jahren davor bei ein paar Beerdigungen, Hochzeiten und einem Gospel-Konzert. Wobei, das zählt nicht, das war in einer reformierten Kirche. Mein erstes Mal übrigens. Hat mich irgendwie an einen Zivilschutzbunker erinnert. So ganz ohne Glanz und Gloria.

Zum Thema. Kaum war unsere Tochter geboren, kam die Frage: Lässt ihr es taufen oder nicht? Heikle Frage. Glaubensfrage. Und, nüchtern betrachtet, auch eine Kostenfrage. Selbst wenn sich die Beatles oder ABBA wiedervereinigen würden, sie könnten niemals einen so hohen Eintritt verlangen, wie ich für die paar Besuche bei Jesus Christ Superstar hingeblättert habe. Ausgetreten bin ich trotzdem nicht. Obwohl ich in einem Klosterinternat zur Schule ging und mit dem Ars Latina unter dem Kopfkissen schlafen musste. Obwohl ich auf Geheiss der Eltern als Ministrant gedient habe (und wusste, dass unser Pfarrer aus dem Kelch gar kein Blut getrunken hat sondern 2/3 Fechy und 1/3 Wasser statt umgekehrt). Obwohl mir der Dorfcoiffeur Jahr für Jahr einen dicken Schmutzlibart angeleimt hat, der biss wie die Höllensau. Obwohl mir der liebe Gott unseren Hund nicht zurückgebracht hat. Obwohl oder vielleicht gerade deswegen. Weil all das zu meiner Kindheit und damit unauslöschlich zu mir gehört. Und niemand verabschiedet sich gern von seiner Kindheit. Vor allem wir Männer nicht.

Andererseits erleben wir die eigene Kindheit durch unsere Kinder nochmals neu. Warum also das Gleiche nochmals durchmachen? Warum nicht Buddhismus? Mir gefällt Buddha. Der sitzt friedlich da und strahlt goldig – ommmmmmmmm. Nicht wie unser Jesus, der ans Kreuz genagelt mit dem Tode ringt. Ein unschönes Bild. Wie das nur auf unsere Kinder wirkt? Die mögen doch Kung-Fu-Panda auch lieber als den sterbenden Schwan. Wobei Wiederauferstehung auch ziemlich cool ist. Das hat nicht mal Batman drauf. Halleluja.

Oder einfach nichts machen? Soll das ungetaufte Kind später, wenn es gross ist, selbst entscheiden, ob es Weihnachten oder Ramadan feiert? Ob es sich beschneiden lässt oder eine Burka tragen will? Ob es den Leib Christi oder koscher isst? Ob es nach dem Tod als Eidechse wiedergeboren wird oder in den Himmel kommt? Egal, wie es sich entscheiden wird, religiös wird das Kind schon davor sein. Es wird glauben, woran wir glauben, sich an den Werten unserer Gesellschaft orientieren. Es wird die Religion unserer Gesellschaft annehmen: Es wird schön und intelligent sein wollen. Es wird Geld und Macht besitzen und sich selbst verwirklichen wollen. Und es wird damit vielleicht genauso egoistisch und unglücklich werden wie so viele von uns. Weil es nie in einer Gemeinschaft dabei war, die Halt und Haltung gibt, die liebt und vergibt.

Vielleicht werde ich doch noch Pfarrer. Amen.

2_rinaldoRinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist dieses Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

Sind die Männer am Ende?

Michèle Binswanger am Dienstag den 4. Oktober 2011
Ist das die Zukunft des Mannes? Puma-Werbung aus Italien. (Screenshot: Youtube)

Ist das die Zukunft des Mannes? Puma-Werbung aus Italien. (Screenshot: Youtube)

Während man sich in der Schweiz gerade mit der Frage beschäftigt, was den Homo Helveticus ausmacht und ob man ihm Unrecht tut, wenn man ihn als schüchternen Käfeli-Trinker darstellt, ist die Diskussion in den USA bereits einen Schritt weiter. «Are men finished?» lautete der Titel eines prominenten Diskussionspanels an der New York University vom 20. September.

Um die kühne Frage zu klären, traten zwei Debattier-Teams im Wettstreit gegeneinander an. Sie mussten das Publikum entweder davon überzeugen, dass das Ende der Männer nahe ist, oder eben nicht. Das Pro-Männer-Team bestand aus einem etwas schiefen Gespann zwischen der sehr um die Zukunft junger Männer besorgten Philosophin Christina Hoff Sommers und David Zinczenko, Chefredaktor der amerikanischen «Men‘s Health». Das Anti-Team setzte sich zusammen aus Slate-Autorin Hanna Rosin und dem ABC-News-Analyst Dan Abrams.

Ich kann vorausschicken, dass das Anti-Männer-Team die Debatte gewann und zwar, weil Rosin/Abrams geschickter, humorvoller und mehr auf den Punkt argumentierten – eine Steilvorlage für jedes Rhetorikseminar. So stiegen sie mit den zu erwartenden Argumenten der Gegenpartei ein. Diese würde nämlich sicher zur Sprache bringen, dass Männer nach wie vor 99% des Weltvermögens besitzen, dass sie nach wie vor die Felder wie Wissenschaft, Technologie, Politik und den Finanzsektor beherrschten. Das sei aber nicht erstaunlich, schliesslich hätten die Männer vierzigtausend Jahre Zeit gehabt, ihre Vormachtstellung auszubauen. Eine Vielzahl von Statistiken deute aber darauf hin, dass sich dies sehr bald ändern würde. Zum Beispiel sind bereits heute drei von fünf US-College-Absolventen weiblich, Frauen unter dreissig verdienen mehr als ihre männlichen Kollegen, Frauen sind weniger korrumpierbar, kümmern sich mehr um die Umwelt, benutzen öfter den öffentlichen Verkehr usw. Und wie Abrams anführte: «Sogar Gott sagt, Männer sind am Ende: Zwischen 1955 und 2008 waren 82% der Personen, die von einem Blitz erschlagen wurden, männlichen Geschlechts.»

Und was antwortete die Gegenseite darauf? «Männer können unmöglich fertig sein», meinte Zinczenko, denn jeder wisse, wenn Männer fertig seien, drehten sie sich auf die andere Seite und schliefen sofort ein. Und dass die Männer das vorhätten, dafür gebe es keine Anzeichen. Und klar: Frauen machten brav ihre Studienabschlüsse. Während Studienabbrecher wie Mark Zuckerberg, Steve Jobs oder Bill Gates ihre Hausaufgaben vernachlässigt hätten, weil sie einfach zu sehr beschäftigt waren, ihre Milliardenunternehmen aufzubauen. Und Sommers insistierte irritierenderweise darauf, dass Männer und Knaben heute diskriminiert würden und es dringend nötig sei, sie vor weiblichem Chauvinismus zu schützen und sie wieder Männer sein zu lassen. Irritierend sage ich deshalb, weil dieses Argument Wasser auf die Mühlen der gegnerischen Partei spült. Wenn Männer bereits in der Position sind, dass mitfühlende Frauen sich dafür stark machen, sie zu schützen, sind sie dann nicht bereits marginalisiert?

Und so liessen sich an dem vergnüglichen rhetorischen Schlagabtausch tatsächlich die neuralgischen Punkte der gegenwärtigen Geschlechterdiskussion ablesen, die ich im folgenden aufführen und selber zur Diskussion stellen möchte.

  • Frauen sind in den vergangenen vierzig Jahren aus dem Haushalt und dem klassischen Fräuleinsektor ausgebrochen und haben in vielen vormals männlich dominierte Sektoren Boden gut gemacht, die umgekehrte Bewegung hat nicht stattgefunden. Die Frauen sind in die Hosen gestiegen, die Männer tun sich umgekehrt schwer damit, sich Schürzen umzubinden. Ein feminisierter Mann ist ein schwacher Mann, so wird heute nach wie vor suggeriert. Aus der Unfähigkeit, an eine neue Geschlechteridentität zu adaptieren, dümpelt der Mann unmotiviert und orientierungslos vor sich hin, oder wie Rosen es schildert: «Frauen machen eine Ausbildung, Männer spielen Videogames. Frauen drängen in die Jobs des Informationszeitalters, Männer gehen ins Gefängnis. Frauen halten Familien zusammen, Männer schauen Fussball. Vielleicht wäre es tatsächlichklüger, die Männer würden mehr ins Schulwesen und den Gesundheitssektor drängen als ins Finanzwesen.»
  • Wenn die Welt feminisiert wird, wer macht dann die harten Dreckjobs? Oder wie Sommers zu bedenken gab: «Würden Sie sich sicher fühlen, wenn da draussen nur noch Polizistinnen patroullieren würden? Wenn es keine Männer mehr gäbe, die ins Militär gehen?» Nun, es sagt ja niemand, dass Männer das nicht mehr tun dürfen. Hingegen gab Abrams zu bedenken, dass Studien mit weiblichen Polizisten ergeben hätten, dass Teams viel besser darin sind, Konflikte zu entschärfen, bevor sie überhaupt eskalieren. Wäre es nicht denkbar, wenn all die Probleme mit den Minenarbeitern, den militärischen Konflikten usw. eben Probleme sind, welche sich in einer weniger von Machons dominierten Welt gar nicht oder zumindest anders stellen?
  • Und wenn Frauen mit ihren Vorteilen – Flexibilität, social skills, Akzeptanz diversifizierter Geschlechteridentität – besser gerüstet sein sollen für die Anforderungen der modernen Welt, warum also besitzen immer noch Männer 99% davon? Laut Abram gibt es dafür drei Gründe: Sie sind immer noch für den Nachwuchs zuständig. Sie sind weniger selbstbewusst als Männer. Und Sexismus existiert nach wie vor – wenn auch heute vielleicht nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen Männer, die sich nicht zu schade dafür sind, in klassisch weibliche Arbeitssektoren einzusteigen.

Lassen Sie mich mit einem Zitat aus dem «Club Extra» von vergangener Woche schliessen. Dort gab der Berner SVP-Kantonsrat und Wachtmeister Erich Hess sein überholtes Männlichkeitsbild preis, als er sagte: «Die Schweizer Armee soll richtige Männer ausbilden. Ich kenne viele, die als Waschlappen in die RS gegangen sind und als Männer herauskamen, die gelernt hatten, sich durchzubeissen». Und wurde vom Blogger und Biologiestudenten Flurin Jecker gekontert: Im 21. Jahrhundert sei nicht derjenige ein starker Mann, der sich durch den Schlamm wühlt, sondern einer, der Beruf und Familie vereinbaren kann – «wie eine starke Frau also».

Vielleicht sind die Männer doch noch nicht ganz am Ende.