Mamablog-Redaktion am Samstag den
31. Dezember 2011
Über die Festtage pausieren unsere Bloggerinnen und Blogger. Deshalb publizieren wir bis Ende Jahr Lieblingsbeiträge unserer Autorinnen und Autoren – wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der letzte Beitrag unserer Best-of-Serie ist von Marie Dové.
«Sie zeigen Sex als absurd, peinlich und lustig»: Air-Sex-Einlage an einer Veranstaltung in Austin, Texas.
Der Mamablog widmete im Sommer 2011 dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Als Erstes konnten Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der TerminusSexsuchtzu einer Art Modediagnose geworden ist. Dann hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet. Es folgte der vergnügliche Gastbeitrag von Julia Sweeney über Frösche und Analsex. Danach zeigte Michael Marti auf, weshalb ein Blick ins tiefste Mittelaltererhellend ist für unser Verhältnis zur Lust. Den abschliessenden Beitrag, ein wahrlich virtueller Höhepunkt, wollen wir Ihnen wieder präsentieren: Air Sex, der letzte erotische Schrei, hat das Potenzial, alle sexuellen Probleme auf einen Schlag zu lösen. Viel Spass beim Lesen!
Womöglich ist dieser Sex ja die Lösung vieler unserer Sexprobleme. Denn jeder und jede kann ihn alleine tun und amüsiert damit erst noch andere. Die Redaktion des Internet-Magazins «Slate» jedenfalls zeigt sich geradezu begeistert vom Air Sex, von so viel auf der Bühne präsentierter Lust: «Die Veranstaltung zeigt Sex als absurd, peinlich und lustig – und genau so ist doch Sex.» Die Rede ist von einer «Air Sex»-Performance unlängst in Chicago, welche Teil einer grossen Air-Sex-Championship war, die durch die Vereinigten Staaten tourt.
Air Sex? Das sind Meisterschaften in vorgetäuschtem Sex. In der Regel 120 Sekunden Zeit haben die Sex-Sportlerinnen und Sex-Sportler – sie nennen sich Spider Pussy oder Erotic Otto –, um einen möglichst tollen Orgasmus möglichst eindrucksvoll vorzuspielen; sie praktizieren damit gewissermassen die geschlechtliche Variante der Luftgitarren-Duelle.
Hier das Beispiel eines prämierten und sehr unanständigen Blow Jobs, der auch unseren «Slate»-Kollegen ganz besonders gefiel.
Die Regeln beim Air-Sex sind denkbar simpel: Die Frauen und Männer dürfen keinen echten Orgasmus haben (ja, das gilt nicht), und sie dürfen nicht gänzlich nackt sein. Teilweise ausziehen ist allerdings erlaubt, genauso wie eindrückliche Hintergrundmusik. Ob es dabei gleich richtig zur Sache geht oder man vorher noch das Vorspiel vortäuscht, ist dem Geschmack der Teilnehmerinnen und Teilnehmer überlassen. Eine Jury bewertet schliesslich die Solo-Porno-Performance und kürt Siegerin und Sieger.
Ihren Ursprung hat die Sex-Pantomine in Japan, der mutmassliche Erfinder – gemäss Wikipedia ein Mann namens J-Taro Sugisaku – behauptet, Air Sex sei 2006 in Tokyo von einer Gruppe gelangweilter Männer ohne Freundinnen erfunden worden, aus der Sexualnot heraus quasi. Das tönt plausibel, jedenfalls wurde das Konzept in anderen Städten übernommen und in den USA gibt es mittlerweile eine Air-Sex-Championship, die durch die amerikanischen Metropolen tourt. Die dabei gebotenen Höhepunkte sind auf Youtube anzuschauen.
Eine Air-Sex-Gang-Bang-Nummer von Jugendlichen – nicht für die Bühne bestimmt, sondern direkt für Youtube. Und perfekt im Rhythmus der Musik.
Es ist viel und seit längerem schon von der Allmacht, der Tyrannei der Pornografie die Rede. So hiess es bereits 2001 im «Spiegel», wer die Zeitungen und Zeitschriften aufschlage, ins Kino oder Theater gehe, im Internet surfe, Fitness-Studios frequentiere, Modenschauen besuche oder einfach nur durch die Strassen spaziere, werde geradezu bombardiert mit «Bildern der Verführung und Ekstase, perfekter Schönheit und Appellen des Verlangens». Und neuerdings wird gar davon geschrieben, wie die Pornografie uns die Sexualität entführt habe (Gail Dines: «Pornoland – How Porno has Hijacked our Sexuality»). Wenn dies tatsächlich zutrifft, so ist Air Sex die definitiv witzigste und subversivste Antwort auf diese Entwicklung: eine Groteske nämlich auf die Pornofizierung.
Marie Dové ist Journalistin beim Online-Magazin«Clack»und schreibt regelmässig über die Themen Politik und Sexualität.
Erstpublikation: 8. Juli 2011.
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«Sie zeigen Sex als absurd, peinlich und lustig»: Air-Sex-Einlage an einer Veranstaltung in Austin, Texas.
Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Am Montag konnten Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der TerminusSexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist. Am Dienstag hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet. Am Mittwoch lasen Sie den vergnüglichen Gastbeitrag von Julia Sweeney über Frösche und Analsex. Und gestern zeigte Michael Marti auf, weshalb ein Blick ins tiefste Mittelalter erhellend ist für unser Verhältnis zur Lust.
Womöglich ist dieser Sex ja die Lösung vieler unserer Sexprobleme. Denn jeder und jede kann ihn alleine tun und amüsiert damit erst noch andere. Die Redaktion des Internet-Magazins «Slate» jedenfalls zeigt sich geradezu begeistert vom Air Sex, von so viel auf der Bühne präsentierter Lust: «Die Veranstaltung zeigt Sex als absurd, peinlich und lustig – und genau so ist doch Sex.» Die Rede ist von einer «Air Sex»-Performance unlängst in Chicago, welche Teil einer grossen Air-Sex-Championship war, die durch die Vereinigten Staaten tourt.
Air Sex? Das sind Meisterschaften in vorgetäuschtem Sex. In der Regel 120 Sekunden Zeit haben die Sex-Sportlerinnen und Sex-Sportler – sie nennen sich Spider Pussy oder Erotic Otto –, um einen möglichst tollen Orgasmus möglichst eindrucksvoll vorzuspielen; sie praktizieren damit gewissermassen die geschlechtliche Variante der Luftgitarren-Duelle.
Hier das Beispiel eines prämierten und sehr unanständigen Blow Jobs, der auch unseren «Slate»-Kollegen ganz besonders gefiel.
Die Regeln beim Air-Sex sind denkbar simpel: Die Frauen und Männer dürfen keinen echten Orgasmus haben (ja, das gilt nicht), und sie dürfen nicht gänzlich nackt sein. Teilweise ausziehen ist allerdings erlaubt, genauso wie eindrückliche Hintergrundmusik. Ob es dabei gleich richtig zur Sache geht oder man vorher noch das Vorspiel vortäuscht, ist dem Geschmack der Teilnehmerinnen und Teilnehmer überlassen. Eine Jury bewertet schliesslich die Solo-Porno-Performance und kürt Siegerin und Sieger.
Ihren Ursprung hat die Sex-Pantomine in Japan, der mutmassliche Erfinder – gemäss Wikipedia ein Mann namens J-Taro Sugisaku – behauptet, Air Sex sei 2006 in Tokyo von einer Gruppe gelangweilter Männer ohne Freundinnen erfunden worden, aus der Sexualnot heraus quasi. Das tönt plausibel, jedenfalls wurde das Konzept in anderen Städten übernommen und in den USA gibt es mittlerweile eine Air-Sex-Championship, die durch die amerikanischen Metropolen tourt. Die dabei gebotenen Höhepunkte sind auf Youtube anzuschauen.
Eine Air-Sex-Gang-Bang-Nummer von Jugendlichen – nicht für die Bühne bestimmt, sondern direkt für Youtube. Und perfekt im Rhythmus der Musik.
Es ist viel und seit längerem schon von der Allmacht, der Tyrannei der Pornografie die Rede. So hiess es bereits 2001 im «Spiegel», wer die Zeitungen und Zeitschriften aufschlage, ins Kino oder Theater gehe, im Internet surfe, Fitness-Studios frequentiere, Modenschauen besuche oder einfach nur durch die Strassen spaziere, werde geradezu bombardiert mit «Bildern der Verführung und Ekstase, perfekter Schönheit und Appellen des Verlangens». Und neuerdings wird gar davon geschrieben, wie die Pornografie uns die Sexualität entführt habe (Gail Dines: «Pornoland – How Porno has Hijacked our Sexuality»). Wenn dies tatsächlich zutrifft, so ist Air Sex die definitiv witzigste und subversivste Antwort auf diese Entwicklung: eine Groteske nämlich auf die Pornofizierung.
Marie Dové ist Journalistin beim Online-Magazin«Clack»und schreibt regelmässig über die Themen Politik und Sexualität.
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In einem Jungbrunnen vergnügen sich Männer und Frauen miteinander in der Öffentlichkeit: Ausschnitt aus einem Fresko im Castello della Manta, Piemont (14. Jahrhundert).
Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Am Montag konnten Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der TerminusSexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist – und was dies über unser Verhältnis zur Lust sagt. Am Dienstag hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet. Und gestern lasen Sie den vergnüglichen Gastbeitrag von Julia Sweeney über Frösche und Analsex.
Wir schreiben, es ist bekannt, ein Kleist-Jubiläumsjahr, und ich lese wieder einmal die Lebensgeschichte meines Lieblingsdramatikers; diesmal in Form der sehr empfehlenswerten Biografie des «Frankfurter Rundschau»-Journalisten Peter Michalzik.
Heinrich von Kleist (1777 bis 1811) war, bevor er sich zum Dichter wandelte, ein Kindersoldat: Mit 14 Jahren trat er in die Armee ein, ins preussische Garderegiment; und mit 14 schon nahm er an der Belagerung von Mainz teil, sah er das Gemetzel der preussisch-französischen Schlachten. Dabei war der kleine Kleist keineswegs der jüngste unter den preussischen Killer-Knaben: Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz etwa, der später der grosse Kriegstheoretiker («Vom Kriege») werden sollte, ging bereits mit elf Jahren zum Militär. Auch er kämpfte 1793 bei der Tausende von Toten fordernden Rückeroberung von Mainz – im offenbar nicht so zarten Alter von zwölf.
Weshalb ich das alles erzähle?
Sexualität ist zwar in der Sache nicht dasselbe wie Krieg – aber es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass früher der Sex genauso wie das Töten und das Sterben den Kindern viel plastischer und drastischer vor Augen geführt wurde, als es heute geschieht. Wenn in unsren Tagen, beispielsweise in der Politik, von der angeblich so verrohenden Wirkung von Brutalo-Filmen auf Jugendliche gewarnt wird, dann oft so, als wären früher Kinder und Jugendliche in einem Paradies der Friedfertigkeit herangewachsen. Und wenn, beispielsweise in der aktuellen Sexual-Pädagogik, der schädliche Einfluss einer allgegenwärtigen und stetig verfügbaren Pornografie auf Minderjährige beklagt wird, dann zuweilen in einem Ton, als hätten Kinder und Jugendliche sich einst in einem sexlosen Reservat bewegt, in einem Laufgitter der Keuschheit.
Dabei: Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur waren bis vor ein paar Hundert Jahren Zwölfjährige alt genug, um in den Krieg zu ziehen. Im Mittelalter galt man generell als viel früher erwachsen – und somit geschlechtsreif. Mädchen waren mit 12 Jahren heiratsfähig, Jungen mit 14. Vor allem in adligen Kreisen wurde die Ehe schon in diesem Alter praktiziert – und gültig war sie erst nach vollzogenem Beischlaf. Was uns heute unvorstellbar ist, war damals normal.
Kinder waren bis ungefähr zum siebten Lebensjahr von ihren Eltern abhängig, danach wurden sie als eigenständige Mitglieder der Erwachsenengesellschaft anerkannt, schreibt der berühmte französische Sozialhistoriker Philippe Aries in seiner «Geschichte der Kindheit». Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter begann für die Menschen im Mittelalter viel früher als heute – eben weil Kindheit nicht einfach eine biologische Phase beschreibt, sondern immer auch ein soziales Konstrukt, eine Konvention ist. Die Kindheit, wie wir sie meinen, der erste Lebensabschnitt als möglichst beschützte Entwicklungsphase, gibt es erst seit dem Zeitalter der Aufklärung; das ist bekannt.
Wenn man heute also über Pornografiediskutiert oder über die richtige und altersgemässe Aufklärung(wie wir das hier im Mamablog ja immer wieder tun), dann mag es ganz interessant sein, sich zu vergegenwärtigen, dass früher so etwas wie sexuelle Privatsphäre kaum vorkam. Bei den damaligen Wohnverhältnissen gab es keine Rückzugsmöglichkeiten, so dass Kinder ihren Eltern zwangsläufig beim Sex zuhören, wenn nicht zusehen mussten. Es ist anzunehmen, dass solche Kinder viel früher aufgeklärt waren als heutige. Und schon viel mehr Sexszenen gesehen hatten, reale, nicht solche auf dem Handy.
Damit wir uns richtig verstehen: Ich wünsche mir mitnichten zwölfjährige Kindersoldaten zurück. Ich bin nicht für Ehen zwischen Teenies. Oder gleich für die Abschaffung der Kindheit und ihres gesellschaftlichen Schutzes. Was ich sagen will, ist vielmehr: Der Blick in die Vergangenheit ermöglicht manchmal etwas mehr Gelassenheit in der Gegenwart – namentlich in Erziehungsfragen.
Was meinen Sie? Sind Sie einverstanden?
Michael Marti, 44, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.
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Der heutige Beitrag ist ein Text der amerikanischen Schauspielerin und Komikerin Julia Sweeney, die beschreibt, wie ein Aufklärungsgespräch über Kaulquappen und Frösche zu Katzen und Hunden forschreitet und schliesslich bei homosexuellem Analsex landet. Wir publizieren den Text mit freundlicher Genehmigung des «Guardian» auf Deutsch.
Auch offene Eltern können ins Schwitzen kommen, wenn Kinder beharrlich wissen wollen, wie ES genau funktioniert: Schmusende Katzen.
Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Vorgestern konnte Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der TerminusSexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist – und was dies über unser Verhältnis zur Lust sagt. Gestern hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet.
Komikerin Julia Sweeney.
Eines Abends ass ich mit meiner neunjährigen Tochter Mulan in unserem Lieblings-Thai-Restaurant zu Abend. Wir kennen den Chef und Besitzer, der uns an diesem Abend die Froschschenkel in Pfeffersauce empfahl, was wir höflich ablehnten. Mulan sagte mir, sie hätten Frösche in der Schule durchgenommen und begann die grundlegenden Parameter zu erklären: «Also Mum, zunächst legen die Frösche ihre Eier in einen Teich, dann verwandeln sich die Eier zu Kaulquappen und die verwandeln sich dann in Frösche.»
Ich kniff die Augen zusammen. Biologie – Wissenschaft ganz allgemein – gehört nicht zu meinen Stärken. Immer wenn Mulan mir etwas über Wissenschaft erzählte, trug ich einen Ausdruck erstaunter Verwirrung und Fassungslosigkeit auf dem Gesicht. Ich hatte 12 Jahre lang eine katholische Schule besucht und dabei war man nie näher auf Biologie eingegangen. Das Thema Reproduktion vermied man fast gänzlich.
Also murmelte ich: «Uh….Yeah. Ich denke schon. Ich glaube aber, nur die weiblichen Frösche legen die Eier und diese werden dann von den Männchen befruchtet – obschon, so genau weiss ich es nicht.»
«Huh?», sagte Mulan, die aufmerksam zuhörte. «Was bedeutet ‹befruchten›?»
«Oh, das bedeutet, die Männchen haben diesen Stoff in sich, das ist wie eine Neben-Zutat, die man Sperma nennt. Das sprühen sie auf die Eier. Und so werden diese befruchtet. Es braucht sowohl die weiblichen Eier als auch das männliche Sperma und zusammen machen sie die neuen Kaulquappen.» Ich war wirklich stolz auf mich wegen dem Wort Neben-Zutat. Das war gut.
«Soooooo, also nur die Weibchen haben Eier», sagte Mulan. Ihre Augen wanderten zur Decke, während sie das alles aufnahm.
«Ja», sagte ich.
«Bei den Menschen auch?», fragte sie.
Lassen sie mich für einen kurzen Moment innehalten. Ich bekenne, dass ich mich für eine aufgeklärte, weltoffene, Sex-ist-keine-grosse-Sache-Mutter hielt. Ich war trotzdem nicht wirklich auf dieses Gespräch vorbereitet. Ich hatte ein paar Ratgeber gelesen und die schienen alle dasselbe zu sagen. Nämlich: Wenn das Kind anfängt, Fragen zu Sex zu stellen, soll man exakt auf die gestellte Frage antworten. Nicht mehr. Nicht ausbreiten, nicht zu viel mitteilen.
In diesem Sinne war ich auf dieses entscheidende Initiations-Gespräch vorbereitet. Ich würde nicht ihre Hand nehmen und mit wässrigen Augen erklären, auf welch wunderbare Weise Kinder gezeugt werden. Das hatte sie nicht gefragt. Sie wollte nur wissen, ob Menschenfrauen Eier haben. Die Antwort war klar und unzweideutig.
«Ja», sagte ich. Ich machte eine Pause. Ich versuchte ein anderes Thema zu finden, zu welchem wir wechseln könnten. Ich nahm einen grossen Bissen Mangosalat, der gerade serviert worden war.
Mulan fragte: «Wo haben die Frauen ihre Eier?»
«Nun», sagte ich, «dank der Evolution haben wir Frauen unseren eigenen Teich und zwar in unserem eigenen Körper. Dorthin legen wir unsere Eier, was doch sehr bequem ist, wenn man es mit den Fröschen vergleicht, weil wir uns keine Sorgen machen müssen über Gelege von anderen Fröschen. Es ist unser eigener Teich.
Ein Teich für sich allein – ich stellte mir Virginia Woolf vor, wie sie nachdenklich an ihrem eigenen Teich sitzt – und dann ertrinkt.
«Wo befindet sich der?» fragte Mulan, die Augen grösser denn je.
«Im Unterleib, innen, unter dem Bauchnabel, über der Vagina» Ich hatte es geschafft, präzise und gleichzeitig völlig vage zu antworten. Perfekt.
«Aber…wie werden die Eier dann befruchtet?»
«Vom Mann», sagte ich, und überlegte dabei, warum ich mich so ausgedrückt hatte, womöglich implizierend, dass es einen speziellen Mann gibt, der nur für diese Aufgabe da war. Unheimlich und verdreht. Und nicht korrekt.
Zum Glück kam in diesem Moment der Hauptgang. Ich spiesste ein paar grüne Bohnen auf und hoffte, dass Mulan vom Thema ablassen würde. Ich bemerkte, dass meine Augen herumwanderten, was mich an meine eigene Mutter erinnerte. Ich hatte es gehasst, wie seltsam und peinlich berührt diese sich immer verhalten hatte, wenn es ums Thema Sex ging. Jetzt gab mein eigener Körper dieselben Anzeichen von Unbehagen preis. Ich nahm einen tiefen Atemzug und lächelte Mulan auf extra entspannte Art zu.
«Aber wie kommt das Sperma in den Körper, um die Eier zu befruchten?» fragte Mulan.
Ich sagte: «Oh, ja. Das. Nun, das Sperma kommt aus dem männlichen Penis und gelangt von dort in die Vagina der Frau. Das geschieht, wenn die beiden das tun, was man ‹Sex-haben› nennt. Und so wird das Ei – normalerweise gibt es nur eines im weiblichen Teich – befruchtet.» Erst danach bemerkte ich, dass ich die Wörter Penis, Vagina und Sex in einem Sotto-Voce-Ton ausgesprochen hatte. Auch etwas, was meine Mutter getan hätte. Selbsthass schwoll in meiner Brust.
Mulan musste ihre Gabel niederlegen. Ihr Gesicht verzog sich vor Widerwillen. Dort entstehen also die menschlichen Babys? Dort, wo man auch aufs WC geht? Mum!» Ihre Stimme wurde lauter.
«Ja», sagte ich und sah mich dabei verschwörerisch um. «Ich weiss», seufzte ich. «Es ist verrückt. Daran muss man sich erst mal gewöhnen.»
«Eklig», murmelte Mulan.
«Ja, ich weiss. Es ist, könnte man sagen, als ob man die Kehrichtabfuhr direkt neben den Vergnügungspark gebaut hätte. Miserable Stadtplanung.»
«Was?», fragte Mulan.
«Der Punkt ist», führ ich fort, «wir haben uns so entwickelt. Dort passiert das alles. Und obschon Aufs-WC-Gehen und Sex-haben dieselbe Region betrifft, hat beides nichts miteinander zu tun.» Ich hätte hinzufügen können: «Mit Ausnahme einiger Menschen, bei denen sich das psychologisch alles vermischt hat, was meiner Meinung nach ganz schön gruselig ist, aber moralisch nicht unbedingt falsch, und naheliegend im wörtlichen Sinn.» Aber das schien etwas zu weit zu gehen, also versuchte ich einen sanften Richtungswechsel unseres Gesprächs.
«Es ist wie mit deiner Nase und deinem Mund», sagte ich. «Beide liegen im Gesicht nahe beieinander, aber du würdest keine Bohne in deine Nase stecken.» Mulan schenkte mir ein Lächeln, das die untere Zahnreihe freilegte und gluckste in sich hinein. Dann kehrte sie zum Thema zurück.
«Aber Mum», fragte sie, «wie kann das denn geschehen? Mann und Frau können ja nie nackt zusammen sein.»
«Nun», erklärte ich, «wenn die Leute etwas älter sind – viel, viel älter als ein Kind – wenn sie also älter und sich einig sind, dass sie das wollen, unter sehr speziellen Umständen, zum Beispiel wenn sie sich lieben, nun, dann können sie zusammen nackt sein.»
«Aber wie können sie wissen wann?» fragte Mulan. «Sagt zum Beispiel der Mann: Ist jetzt die Zeit gekommen, meine Hose auszuziehen?»
Wir sahen uns einen Moment an.
«Ja», sagte ich. «Genau so läuft es.»
Zu meiner grossen Erleichterung schien Mulan mit dieser Erklärung zufrieden zu sein und begann mit Appetit zu essen. Wir sprachen nun über andere Dinge.
Als wir nach Hause fuhren schien Mulan ungewöhnlich still. Ich blickte von Zeit zu Zeit in den Rückspiegel. Sie sass auf dem Rücksitz und starrte aus dem Fenster. Die Strasse war voller Menschen.
Plötzlich lachte Mulan.
«Was?» fragte ich.
«Mum, du wirst so sehr lachen.»
«Warum?»
«Mum, du wirst nicht glauben, was ich dachte, dass du es im Restaurant gesagt hättest. Es ist so lustig. Ich dachte, du hättest gesagt, der Mann steckt seinen Penis in die Vagina der Frau, also innen – und dass so Babys gemacht werden. Ist das nicht einfach hysterisch?»
Pause.
«Genau das habe ich gesagt», antwortete ich.
«Oh», sagte Mulan. Ihr Gesicht verwandelte sich von Freude zu Ernsthaftigkeit. Es gab eine lange Stille. Sie starrte aus dem Fenster, nahm das alles auf.
Sie fragte: «Was, wenn die Menschen einfach auf der Strasse zueinander gehen und ES tun würden?» Unsere Augen trafen sich im Spiegel, ihre Augenbrauen zusammengezogen. Sie sah weg, wieder auf die Strasse hinaus.
An diesem Punkt beschloss ich, dass es am besten sei, das Thema zu behandeln, als wäre ich eine Art leidenschaftloser Anthropologe, der das Paarungsverhalten einer anderen Spezies diskutiert. «Der Mensch ist gern privat, wenn es zu Sex kommt. Menschen sind diesbezüglich anders als andere Tiere. Sie ziehen sich zurück, um Sex zu haben.»
Mulan fragte: «Was, wenn du auf eine Party gehen würdest und dort gäbe es ein paar Männer und Frauen und sie würden plötzlich anfangen ES zu tun? Könnte das pasieren?»
«Nein», log ich. «So etwas würde nie passieren. Denn Menschen sind in dieser Hinsicht sehr privat».
Ich versteifte meinen Rücken. Genau so wie meine Grossmutter, die Mutter meiner Mutter es getan hatte. Mein Unbehagen reichte weiter zurück als das meiner Mutter, bis in die Gräber der nächsten Generation von Unbehagen. Die Toten leben.
«Mum», sagte Mulan grabesschwer, «hast du das jemals getan?»
«Ja», sagte ich flach.
«Aber Mum, du kannst keine Kinder haben», sagte Mulan.
«Das ist so», sagte ich.
«Nun, wenigstens musst du DAS nicht mehr machen.» Mulan seufzte. Sie tönte erleichtert.
Nach einem kurzen Moment sagte ich: «Nun, wenn du jemanden wirklich liebst und du bist erwachsen, dann willst du es tun, sogar wenn du keine Babys haben kannst.»
Stille. Mulan starrte nachdenklich zum Fenster hinaus. «Aber Mum, wie können die Leute so was tun? Ich meine, wie machen sie das mit ihren Beinen? Nicht jeder kann schliesslich den Spagat.»
Ah, die Perspektive der stolzen Gymnastikerin. Mulan begann sich darauf zu fixieren, wie das mit den Beinen geht während dem Sex. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie das körperlich möglich wäre, sogar wenn jemand den Spagat kann. Schliesslich sagte ich: «Mulan, die Leute kriegen das mit den Beinen irgendwie hin. Sie schaffen es.»
«Oh», sagte Mulan. Sie wurde still und wir kamen zu Hause an. Als wir aus dem Wagen stiegen, sahen wir unsere Katze Val im Vorgarten sitzen und die letzten Sonnenstrahlen geniessen. Sie rollte sich auf den Rücken.
«Wie steht es mit Katzen, wie tun sie es?» fragte Mulan.
«Im Grunde ist es immer dasselbe Prinzip», sagte ich.
«Aber wie machen sie es mit den Beinen?», fragte sie.
Sie, nun, ich glaube, das Männchen steht hinter dem Weibchen und…und…sie tun es einfach, Mulan», sagte ich, verärgert und enttäuscht, dass ich nicht mehr zustande brachte als «sie tun es einfach».
Das mit den Beinen zu kann wirklich zum Problem werden: Hunde nach der Paarung.
Wir kamen ins Haus und unser Hund Arden, der sich über unsere Rückkehr freute, sprach an uns herauf. «Wie steht es mit Hunden?», fragte Mulan. Diese Möglichkeit hatte sie zuvor nie in Erwägung gezogen.
«Dasselbe», sagte ich. «Es ist eigentlich bei allen Säugetieren mehr oder weniger dasselbe.»
«Aber was passiert mit ihren Beinen?» fragte Mulan.
«Schau», sagte ich, ermüdet vom Thema , «ich kann es dir nicht besser beschreiben. Vielleicht können wir uns das Ganze auf Wikipedia anschauen oder so, dann siehst du es.»
Also gingen wir ins Büro, starteten den Computer auf und gingen ins Internet. Ich googelte: Katzen Paarung. Natürlich gab es tausend Videos auf Youtube. Wir sahen uns ein paar an. Mulan war fasziniert. Sie bewegte ihr Gesicht immer näher zum Monitor.
«Nun, was ist mit Hunden?» fragte sie. Also sahen wir uns ein paar Hunde-Videos an. Sie legte mir die Hand auf den Arm.
Hier kommen wir zu einem anderen zeitlosen Moment. Wie bei einem Unfall, wenn alles sich verlangsamt. Ich konnte meinen Atem hören, als ob ich plötzlich einen Astronautenanzug aus dem Film «2001 – Odyssee» im Weltraum tragen würde. Mulans Hand schien in Zeitlupe nach meinem Arm zu greifen. Ich glaube, ich nahm es so wahr, weil mir augenblicklich bewusst wurde, wo das hinführen würde.
«Mum, glaubst du es gibt im Internet auch Filme von Menschen, die sich paaren?»
Ich bin ein Monster. Ein inkompetentes Monster von einer Mutter.
Ich lächelte und sagte fest: «Nein, das gibt es nicht. Denn Menschen sind gern privat.» Und dann: «Was meinst du zu einem Eis?»
Wodurch ich ihr natürlich vermittelte, dass bei heiklen Fragen zum Thema Sex Essen die Antwort war.
Später fragte Mulan: «Was ist mit Roger und Don – wie tun sie es?» Damit bezog sie sich auf ein befreundetes homosexuelles Paar.
«Ich weiss es nicht» sagte ich.
Gut, ich hatte versagt. Ich dachte, zwischen den Fragen nach Fröschen und dem Sexualverhalten von Homosexuellen bliebe mir etwas mehr Zeit, als nur zwei oder drei Stunden.
Mulan ging ins Bad und blieb etwas länger als üblich. Später sagte sie beiläufig: «Ich glaube, ich weiss, wie Roger und Don es tun.»
«Ach ja?» fragte ich.
«Ja, Mum, es gibt da unten noch ein anderes Loch, wo man auch aufs WC geht. Vielleicht, du weisst schon, benutzen sie das.»
Hier haben wir meine neunjährige Tochter, die gerade das Prinzip von Analsex entdeckt hat. Klug, wissbegierig, problemlösungsorientiert, ein Spock, was Objektivität anbelangt, total unzimperlich. Ihr Herz sei gesegnet.
«Vielleicht», sagte ich und zuckte die Schultern, um zu signalisieren: Siehst du, wie locker ich bin?
«Aber Mum», fragte sie, «wie steht es mit zwei Frauen? Wie tun Eileen und Karen es?»
«Ich… ich…», antwortete ich, geschlagen.
«Ruf doch Karen an und frage sie», sagte Mulan.
«Nö», sagte ich und tat so, als ob ich die Zeitung läse.
Mulan schob ihr Gesicht direkt vor das meinige. Sie sah angewidert aus. «Mum, bist du nicht einmal neugierig?»
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Wie sag ichs meinem Kind? Abigail Breslin und Ryan Reynolds im Film «Definitely, Maybe» (2008).
Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Gestern konnte Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der TerminusSexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist – und was dies über unser Verhältnis zur Lust sagt.
Das Bild der frühreifen Jugendlichen, die heute alle schon mit elf Jahren mit wechselnden Partnern ungeschützten Sex haben, hält sich hartnäckig. Zu Unrecht. Tatsächlich kommen Jugendliche zwar immer früher in die Pubertät. Hatten Mädchen in den 20er-Jahren mit durchschnittlich 14,6 Jahren ihre erste Periode, sind sie heute laut Sexualforschern bereits mit knapp zehn Jahren soweit. Und bei den Jungs sieht es nicht viel anders aus: Deren sogenanntes Ejakularchealter, also der Zeitpunkt des ersten Samenergusses, ist im Laufe der Zeit ebenfalls stetig gesunken: Bei immer mehr Knaben beginnt die Pubertät heute bereits vor dem zwölften Geburtstag.
Für ihr erstes Mal lassen sich die Teenager aber trotzdem noch etwas länger Zeit: Mit 17 Jahren haben zwei Drittel der Schweizer Jugendlichen das erste Mal hinter sich. Und die meisten von ihnen verhalten sich dabei verantwortungsbewusst und benutzen Verhütungsmittel, wie eine Studie der Uni Basel zeigt. Dieselbe Studie belegt allerdings auch, dass viele Jugendliche ihr Wissen über Verhütung und Fortpflanzung gnadenlos überschätzen. So bejahten etwa 76 Prozent die Frage, ob sie wüssten, wann das Risiko schwanger zu werden am grössten sei. Knapp die Hälfte davon gab dann aber eine falsche Antwort.
Das eigentliche Problem unserer Jugend ist also nicht zu früher und zu viel Sex, sondern zu wenig und zu schlechte Aufklärung. Denn ja, aufgeklärt wurde der Grossteil dieser Jugendlichen laut eigener Aussage. Die meisten von ihnen in der Schule, viele auch von der Mutter oder von Gleichaltrigen. Die Väter bleiben bei dem Thema Nebendarsteller, geben doch bloss 1 Prozent der Mädchen und 5 Prozent der Jungs an, vom Papa aufgeklärt worden zu sein.
Egal ob Lehrer, Mutter oder Vater den Aufklärungsjob übernehmen, oft hindert ihr eigenes Schamgefühl sie daran, diesen erfolgreich zu meistern. Unsere Expertentipps sollen Ihnen eine Stütze sein fürs Aufklärungsgespräch. Beziehungsweise für die Aufklärungsgespräche, denn die ersten Fragen zur Sexualität stellt Ihnen Ihr Kind garantiert schon mit zwei, drei Jahren – und wenn Sie das Thema offen behandeln, wird es bis ins Erwachsenenalter nicht mehr damit aufhören.
Wenn die Kinder nicht von selbst fragen: In welchem Alter soll man mit dem Aufklärungsbuch auf sie zukommen?
«Kinder sind von Geburt an, ja sogar schon vor der Geburt Sexualwesen, das beschreibt die psychologische und medizinische Forschung seit Jahrzehnten», sagt Marina Costa, Fachärztin für Kinder und Jugendliche, Schulärztin und Co-Leiterin der Fachstelle für Sexualpädagogik LustundFrust. Wichtig bei der Aufklärung sei, dass diese dem Entwicklungsstand des Kindes entspreche. «Jedes Kind verfügt über einen eigenen «Aufklärungskompass». Die Eltern sollten auf Äusserungen des Kindes achten – Fragen, Zeichnungen oder andere Geschehnisse – und daran erkennen, wann die Themen der Sexualaufklärung anzugehen sind», sagt Costa. Zudem sei es wichtig, über Sexualität ebenso normal und unaufgeregt zu reden, wie man das Kind zum Beispiel auch über gesunde Ernährung, Bewegung oder gegenseitigen Respekt aufkläre.
Gabriela Jegge vom Kompetenzzentrum Sexualpädagogik und Schule an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz ergänzt, dass gerade Eltern stiller Kinder im Bereich der Sexualerziehung eine besondere Verantwortung zu tragen hätten: «Sie sollten Anregungen für Gespräche schaffen und sich auch im Umgang mit Körperlichkeit nicht verschliessen.» Wichtig sei es jedoch, auf die Grenzen des Kindes zu achten, also behutsam vorzugehen und Rücksicht auf die kindlichen Bedürfnisse und Signale zu nehmen. «Unterstützend für ein Gespräch sind sicherlich altersentsprechende Bilderbücher. Das gemeinsame Bücherlesen ist eine gute Möglichkeit der Aufklärung.» Eine Liste empfehlenswerter Aufklärungsbücher finden sich auf www.amorix.ch.
Wie sehr soll man bei der Aufklärung ins Detail gehen?
«Je kleiner die Kinder sind, desto weniger Details sind gefragt. Und desto eher sind «erlebte» Körpererfahrungen und Vorbilder wichtig», so Gabriela Jegge. Was die Eltern vorleben, prägt das Kind. Es ist darum nicht nur erlaubt, sondern sogar ratsam, als Elternpaar auch vor den Augen der Kinder zärtlich miteinander zu sein, sich zu küssen oder zu umarmen. «Eine sexualfreundliche Erziehung ist mehr als Aufklärung und Informationsvermittlung. Sie findet nicht punktuell oder einmalig statt, sondern ist eher eine Haltung der Eltern», sagt Jegge.
Wie soll man die Geschlechtsteile nennen, wenn das Kleinkind danach fragt?
«Die einzelnen Körperteile sollten unbedingt richtig benennt werden», sagt Marina Costa. So müssten keine lustigen Bezeichnungen wie «Müscheli» oder «Schnäggli» erfunden werden und man könne die Kinder davor schützen, gewisse Worte als «Schmutzworte» zu empfinden. «Zudem ist es wichtig, dem Kind gleichzeitig beizubringen, welche Körperteile als privat gelten und von anderen nicht angefasst werden dürfen, und wie es diesen Anspruch auf Privatsphäre durchsetzen kann. Auf diese Weise agiert man präventiv gegen Kindsmissbrauch», sagt Costa.
Soll man im Aufklärungsgespräch persönliche Erfahrungen einbringen?
Annette Bischof-Campbell von der Beratungsplattform lilli bejaht die Frage klar: «Es ist besser, wenn man nicht versucht, alles ganz neutral zu erklären, denn ein grosser Teil des Sexualitäts-Wissens ist nun mal sehr stark gefärbt von persönlichen Erfahrungen. Und statt zu sagen «Das ist so», hilft die Aussage «Das habe ich so erlebt, es kann aber sein, dass du das ganz anders erlebst, denn jeder Mensch erlebt die Sexualität anders» dem Kind meist mehr.» Gerade um nicht nur die eine, persönliche gefärbte Sicht auf die Dinge zu erfahren, ist es gut, wenn die Kinder auch Zugang zu anderen Aufklärungs-Quellen haben – zum Beispiel Bücher, den Aufklärungsunterricht in der Schule oder Aufklärungswebsites.
Wie soll man reagieren, wenn die Tochter oder der Sohn etwas fragt, über das man selber nicht genau Bescheid weiss?
«Eltern müssen nicht allwissend sein», beruhigt Gabriela Jegge, «wichtiger ist es, ehrlich zu sein und sich einzugestehen, dass man nicht in allen Lebensbereichen Fachexperte ist.» Jugend-Ratgeber, Lexikas (zum Beispiel «Schülerduden Sexualität») oder Internetseiten können fast immer die entsprechenden Antworten liefern.
Dürfen Kinder etwas vom Sexleben der Eltern mitbekommen oder schadet ihnen das?
«Warum sollten Kinder nicht wissen, dass ihre Eltern eine Sexualität haben? Sie haben ja selbst eine – schon Babys empfinden bewiesenermassen sexuelle Erregung», sagt Annette Bischof-Campbell von lilli. Man müsse das Thema Sexualität sicher nicht künstlich von Kindern fernhalten. Im Gegenteil: «Wenn die Sexualität tabuisiert wird, entstehen übermässige Scham, Hemmungen und Sprachlosigkeit um sie herum.» Gleichzeitig ist es allerdings auch wichtig für Kinder zu lernen, dass ihre Eltern gerne ungestört sind, wenn sie sich lieben. Denn die sexuelle Beziehung des Elternpaares soll umgekehrt schliesslich auch keinen Schaden nehmen. Es besteht also ein klarer Unterschied zwischen Privatsphäre beim Sex einhalten und Sex verheimlichen: «Eltern als Rollenvorbilder können Kindern einerseits zeigen, dass Sexualität nicht tabuisiert werden muss. Andererseits sollen sie ihnen auch beibringen, dass Menschen beim Sex ein Anrecht auf eine Privatsphäre haben.»
Der Teenager hat zum ersten Mal eine feste Beziehung. Soll man als Elternteil das Thema Verhütungsmittel direkt ansprechen, oder besser nur Gesprächsbereitschaft signalisieren?
Laut Gabriela Jegge sollen Eltern ihre Kinder durchaus auf dieses Thema ansprechen, doch es sei auch in Ordnung, nur Gesprächsbereitschaft und Offenheit zu signalisieren. «Wenn Mutter und Vater ein Gespräch über Sexualität peinlich ist und diese bis anhin nie ein Thema war, wird es unter Umständen schwierig werden, just in dem Moment, da das Kind erstmals eine Partnerschaft eingegangen ist, das Thema Verhütung offen auf den Tisch zu bringen.» Also empfiehlt es sich eher, dem Kind ganz nebenbei ein Gespräch über die noch frische Beziehung anzubieten, ohne aber darauf zu drängen oder gleich Detailfragen zu stellen. Welcher Weg der richtige ist, spüren Eltern selber. «Grundsätzlich gilt jedoch: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold – aber von Anfang an!»
Vorausgesetzt der Teenager informiert die Eltern darüber: Soll das erste Mal der Tochter oder des Sohnes im Elternhaus stattfinden, oder soll man das junge Paar den Ort selber wählen lassen?
Es ist wichtig für die heranwachsenden Töchter und Söhne, dass sie eine Privatsphäre haben. Dazu gehören private Orte, die sie selber auswählen dürfen. Und die Eltern können dem jungen Paar beim ersten Mal sowieso nicht über die Schultern schauen oder es kontrollieren. «Umso wichtiger ist der gute Einfluss der Eltern vor dem ersten Mal. Eltern sollten sich vergewissern, dass und wie für Verhütung gesorgt wird», sagt Annette Bischof-Campbell (siehe vorherige Frage). Jugendliche haben meist viele Fragen bezüglich dem ersten Mal. Wenn im Elternhaus ein Klima der offenen Kommunikation und Toleranz herrscht, dann wird der Nachwuchs eher mit seinen Anliegen zu den Eltern kommen – und auch eher zum Gespräch bereit sein, wenn die Eltern das Thema von sich aus ansprechen. «Helfen kann auch, wenn die Eltern den Jugendlichen informative Bücher und Links bereitstellen», so Bischof-Campbell.
Wie bereitet man die Tochter auf den ersten Frauenarzt-Termin vor und wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?
DEN richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. «Jede Jugendliche sollte in der Lage sein (dürfen), selber darüber zu entscheiden, ob sie zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt möchte. Dieser Entscheid ist zu respektieren – ebenso ob die Jugendliche mit oder ohne Eltern oder andere Begleitung dorthin gehen möchte», sagt Marina Costa. Auch bedeutet einen Frauenarztbesuch nicht automatisch, dass eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt wird. Je nach Fragestellung und Situation kann auch nur eine ausführliche Beratung stattfinden.
Wie soll man reagieren, wenn das pubertierende Kind ein Problem mit dem eigenen Körper hat und dies äussert, man es selber aber nicht nachvollziehen kann?
Gerade in der Pubertät sind Probleme mit dem eigenen Körper an der Tagesordnung. Das Kind wächst in einen Frauen- oder Männerkörper hinein und muss erst lernen, sich dort zuhause zu fühlen. Jungs und Mädchen vergleichen sich mit anderen und sind dabei sehr unsicher und selbstkritisch. «Man sollte ihre Probleme auf jeden Fall ernst nehmen und nicht herunterspielen, also erst mal Verständnis zeigen», sagt Bischof-Campbell, «die meisten Eltern können sich ja selber noch an diverse Unsicherheiten in der Kindheit und Jugend zurückerinnern. Gleichzeitig ist es wichtig, dem Kind möglichst viel Bestätigung und positives Feedback zu seinem Körper und natürlich auch zu seiner Person zu geben.» Viele Körperprobleme entstehen laut der Expertin, weil die Kinder oder Jugendlichen ihr Äusseres mit Darstellungen in den Medien vergleichen. Darum sollte man ihnen auch die Fakten aufzeigen: Wie breit das «Norm-Spektrum» bezüglich Körperbau tatsächlich ist, wie sich der Körper in der Pubertät verändert und entwickelt. Ein hervorragender Gegenpol zu einem unsicheren Körperbild sei schliesslich auch ein gutes Körpergefühl, sagt Bischof-Campbell: «Eltern sollten ihre Kinder dazu ermutigen, körperorientierte Dinge zu tun, die ihnen Spass machen und sich gut anfühlen. So zum Beispiel Sport, Tanzen oder auch Körperpflege.»
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Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Andrea Fischer
Andrea Fischer ist freischaffende Journalistin und Autorin des Buches «Das ganz normale Familienchaos», einem «Ratgeber für Eltern mit Herz und Humor». Sie lebt mit Tochter, Sohn und Mann in Zürich.