
Wie sag ichs meinem Kind? Abigail Breslin und Ryan Reynolds im Film «Definitely, Maybe» (2008).
Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Gestern konnte Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der Terminus Sexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist – und was dies über unser Verhältnis zur Lust sagt.
Das Bild der frühreifen Jugendlichen, die heute alle schon mit elf Jahren mit wechselnden Partnern ungeschützten Sex haben, hält sich hartnäckig. Zu Unrecht. Tatsächlich kommen Jugendliche zwar immer früher in die Pubertät. Hatten Mädchen in den 20er-Jahren mit durchschnittlich 14,6 Jahren ihre erste Periode, sind sie heute laut Sexualforschern bereits mit knapp zehn Jahren soweit. Und bei den Jungs sieht es nicht viel anders aus: Deren sogenanntes Ejakularchealter, also der Zeitpunkt des ersten Samenergusses, ist im Laufe der Zeit ebenfalls stetig gesunken: Bei immer mehr Knaben beginnt die Pubertät heute bereits vor dem zwölften Geburtstag.
Für ihr erstes Mal lassen sich die Teenager aber trotzdem noch etwas länger Zeit: Mit 17 Jahren haben zwei Drittel der Schweizer Jugendlichen das erste Mal hinter sich. Und die meisten von ihnen verhalten sich dabei verantwortungsbewusst und benutzen Verhütungsmittel, wie eine Studie der Uni Basel zeigt. Dieselbe Studie belegt allerdings auch, dass viele Jugendliche ihr Wissen über Verhütung und Fortpflanzung gnadenlos überschätzen. So bejahten etwa 76 Prozent die Frage, ob sie wüssten, wann das Risiko schwanger zu werden am grössten sei. Knapp die Hälfte davon gab dann aber eine falsche Antwort.
Das eigentliche Problem unserer Jugend ist also nicht zu früher und zu viel Sex, sondern zu wenig und zu schlechte Aufklärung. Denn ja, aufgeklärt wurde der Grossteil dieser Jugendlichen laut eigener Aussage. Die meisten von ihnen in der Schule, viele auch von der Mutter oder von Gleichaltrigen. Die Väter bleiben bei dem Thema Nebendarsteller, geben doch bloss 1 Prozent der Mädchen und 5 Prozent der Jungs an, vom Papa aufgeklärt worden zu sein.
Egal ob Lehrer, Mutter oder Vater den Aufklärungsjob übernehmen, oft hindert ihr eigenes Schamgefühl sie daran, diesen erfolgreich zu meistern. Unsere Expertentipps sollen Ihnen eine Stütze sein fürs Aufklärungsgespräch. Beziehungsweise für die Aufklärungsgespräche, denn die ersten Fragen zur Sexualität stellt Ihnen Ihr Kind garantiert schon mit zwei, drei Jahren – und wenn Sie das Thema offen behandeln, wird es bis ins Erwachsenenalter nicht mehr damit aufhören.
Wenn die Kinder nicht von selbst fragen: In welchem Alter soll man mit dem Aufklärungsbuch auf sie zukommen?
«Kinder sind von Geburt an, ja sogar schon vor der Geburt Sexualwesen, das beschreibt die psychologische und medizinische Forschung seit Jahrzehnten», sagt Marina Costa, Fachärztin für Kinder und Jugendliche, Schulärztin und Co-Leiterin der Fachstelle für Sexualpädagogik LustundFrust. Wichtig bei der Aufklärung sei, dass diese dem Entwicklungsstand des Kindes entspreche. «Jedes Kind verfügt über einen eigenen «Aufklärungskompass». Die Eltern sollten auf Äusserungen des Kindes achten – Fragen, Zeichnungen oder andere Geschehnisse – und daran erkennen, wann die Themen der Sexualaufklärung anzugehen sind», sagt Costa. Zudem sei es wichtig, über Sexualität ebenso normal und unaufgeregt zu reden, wie man das Kind zum Beispiel auch über gesunde Ernährung, Bewegung oder gegenseitigen Respekt aufkläre.
Gabriela Jegge vom Kompetenzzentrum Sexualpädagogik und Schule an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz ergänzt, dass gerade Eltern stiller Kinder im Bereich der Sexualerziehung eine besondere Verantwortung zu tragen hätten: «Sie sollten Anregungen für Gespräche schaffen und sich auch im Umgang mit Körperlichkeit nicht verschliessen.» Wichtig sei es jedoch, auf die Grenzen des Kindes zu achten, also behutsam vorzugehen und Rücksicht auf die kindlichen Bedürfnisse und Signale zu nehmen. «Unterstützend für ein Gespräch sind sicherlich altersentsprechende Bilderbücher. Das gemeinsame Bücherlesen ist eine gute Möglichkeit der Aufklärung.» Eine Liste empfehlenswerter Aufklärungsbücher finden sich auf www.amorix.ch.
Wie sehr soll man bei der Aufklärung ins Detail gehen?
«Je kleiner die Kinder sind, desto weniger Details sind gefragt. Und desto eher sind «erlebte» Körpererfahrungen und Vorbilder wichtig», so Gabriela Jegge. Was die Eltern vorleben, prägt das Kind. Es ist darum nicht nur erlaubt, sondern sogar ratsam, als Elternpaar auch vor den Augen der Kinder zärtlich miteinander zu sein, sich zu küssen oder zu umarmen. «Eine sexualfreundliche Erziehung ist mehr als Aufklärung und Informationsvermittlung. Sie findet nicht punktuell oder einmalig statt, sondern ist eher eine Haltung der Eltern», sagt Jegge.
Wie soll man die Geschlechtsteile nennen, wenn das Kleinkind danach fragt?
«Die einzelnen Körperteile sollten unbedingt richtig benennt werden», sagt Marina Costa. So müssten keine lustigen Bezeichnungen wie «Müscheli» oder «Schnäggli» erfunden werden und man könne die Kinder davor schützen, gewisse Worte als «Schmutzworte» zu empfinden. «Zudem ist es wichtig, dem Kind gleichzeitig beizubringen, welche Körperteile als privat gelten und von anderen nicht angefasst werden dürfen, und wie es diesen Anspruch auf Privatsphäre durchsetzen kann. Auf diese Weise agiert man präventiv gegen Kindsmissbrauch», sagt Costa.
Soll man im Aufklärungsgespräch persönliche Erfahrungen einbringen?
Annette Bischof-Campbell von der Beratungsplattform lilli bejaht die Frage klar: «Es ist besser, wenn man nicht versucht, alles ganz neutral zu erklären, denn ein grosser Teil des Sexualitäts-Wissens ist nun mal sehr stark gefärbt von persönlichen Erfahrungen. Und statt zu sagen «Das ist so», hilft die Aussage «Das habe ich so erlebt, es kann aber sein, dass du das ganz anders erlebst, denn jeder Mensch erlebt die Sexualität anders» dem Kind meist mehr.» Gerade um nicht nur die eine, persönliche gefärbte Sicht auf die Dinge zu erfahren, ist es gut, wenn die Kinder auch Zugang zu anderen Aufklärungs-Quellen haben – zum Beispiel Bücher, den Aufklärungsunterricht in der Schule oder Aufklärungswebsites.
Wie soll man reagieren, wenn die Tochter oder der Sohn etwas fragt, über das man selber nicht genau Bescheid weiss?
«Eltern müssen nicht allwissend sein», beruhigt Gabriela Jegge, «wichtiger ist es, ehrlich zu sein und sich einzugestehen, dass man nicht in allen Lebensbereichen Fachexperte ist.» Jugend-Ratgeber, Lexikas (zum Beispiel «Schülerduden Sexualität») oder Internetseiten können fast immer die entsprechenden Antworten liefern.
Dürfen Kinder etwas vom Sexleben der Eltern mitbekommen oder schadet ihnen das?
«Warum sollten Kinder nicht wissen, dass ihre Eltern eine Sexualität haben? Sie haben ja selbst eine – schon Babys empfinden bewiesenermassen sexuelle Erregung», sagt Annette Bischof-Campbell von lilli. Man müsse das Thema Sexualität sicher nicht künstlich von Kindern fernhalten. Im Gegenteil: «Wenn die Sexualität tabuisiert wird, entstehen übermässige Scham, Hemmungen und Sprachlosigkeit um sie herum.» Gleichzeitig ist es allerdings auch wichtig für Kinder zu lernen, dass ihre Eltern gerne ungestört sind, wenn sie sich lieben. Denn die sexuelle Beziehung des Elternpaares soll umgekehrt schliesslich auch keinen Schaden nehmen. Es besteht also ein klarer Unterschied zwischen Privatsphäre beim Sex einhalten und Sex verheimlichen: «Eltern als Rollenvorbilder können Kindern einerseits zeigen, dass Sexualität nicht tabuisiert werden muss. Andererseits sollen sie ihnen auch beibringen, dass Menschen beim Sex ein Anrecht auf eine Privatsphäre haben.»
Der Teenager hat zum ersten Mal eine feste Beziehung. Soll man als Elternteil das Thema Verhütungsmittel direkt ansprechen, oder besser nur Gesprächsbereitschaft signalisieren?
Laut Gabriela Jegge sollen Eltern ihre Kinder durchaus auf dieses Thema ansprechen, doch es sei auch in Ordnung, nur Gesprächsbereitschaft und Offenheit zu signalisieren. «Wenn Mutter und Vater ein Gespräch über Sexualität peinlich ist und diese bis anhin nie ein Thema war, wird es unter Umständen schwierig werden, just in dem Moment, da das Kind erstmals eine Partnerschaft eingegangen ist, das Thema Verhütung offen auf den Tisch zu bringen.» Also empfiehlt es sich eher, dem Kind ganz nebenbei ein Gespräch über die noch frische Beziehung anzubieten, ohne aber darauf zu drängen oder gleich Detailfragen zu stellen. Welcher Weg der richtige ist, spüren Eltern selber. «Grundsätzlich gilt jedoch: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold – aber von Anfang an!»
Vorausgesetzt der Teenager informiert die Eltern darüber: Soll das erste Mal der Tochter oder des Sohnes im Elternhaus stattfinden, oder soll man das junge Paar den Ort selber wählen lassen?
Es ist wichtig für die heranwachsenden Töchter und Söhne, dass sie eine Privatsphäre haben. Dazu gehören private Orte, die sie selber auswählen dürfen. Und die Eltern können dem jungen Paar beim ersten Mal sowieso nicht über die Schultern schauen oder es kontrollieren. «Umso wichtiger ist der gute Einfluss der Eltern vor dem ersten Mal. Eltern sollten sich vergewissern, dass und wie für Verhütung gesorgt wird», sagt Annette Bischof-Campbell (siehe vorherige Frage). Jugendliche haben meist viele Fragen bezüglich dem ersten Mal. Wenn im Elternhaus ein Klima der offenen Kommunikation und Toleranz herrscht, dann wird der Nachwuchs eher mit seinen Anliegen zu den Eltern kommen – und auch eher zum Gespräch bereit sein, wenn die Eltern das Thema von sich aus ansprechen. «Helfen kann auch, wenn die Eltern den Jugendlichen informative Bücher und Links bereitstellen», so Bischof-Campbell.
Wie bereitet man die Tochter auf den ersten Frauenarzt-Termin vor und wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?
DEN richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. «Jede Jugendliche sollte in der Lage sein (dürfen), selber darüber zu entscheiden, ob sie zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt möchte. Dieser Entscheid ist zu respektieren – ebenso ob die Jugendliche mit oder ohne Eltern oder andere Begleitung dorthin gehen möchte», sagt Marina Costa. Auch bedeutet einen Frauenarztbesuch nicht automatisch, dass eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt wird. Je nach Fragestellung und Situation kann auch nur eine ausführliche Beratung stattfinden.
Wie soll man reagieren, wenn das pubertierende Kind ein Problem mit dem eigenen Körper hat und dies äussert, man es selber aber nicht nachvollziehen kann?
Gerade in der Pubertät sind Probleme mit dem eigenen Körper an der Tagesordnung. Das Kind wächst in einen Frauen- oder Männerkörper hinein und muss erst lernen, sich dort zuhause zu fühlen. Jungs und Mädchen vergleichen sich mit anderen und sind dabei sehr unsicher und selbstkritisch. «Man sollte ihre Probleme auf jeden Fall ernst nehmen und nicht herunterspielen, also erst mal Verständnis zeigen», sagt Bischof-Campbell, «die meisten Eltern können sich ja selber noch an diverse Unsicherheiten in der Kindheit und Jugend zurückerinnern. Gleichzeitig ist es wichtig, dem Kind möglichst viel Bestätigung und positives Feedback zu seinem Körper und natürlich auch zu seiner Person zu geben.» Viele Körperprobleme entstehen laut der Expertin, weil die Kinder oder Jugendlichen ihr Äusseres mit Darstellungen in den Medien vergleichen. Darum sollte man ihnen auch die Fakten aufzeigen: Wie breit das «Norm-Spektrum» bezüglich Körperbau tatsächlich ist, wie sich der Körper in der Pubertät verändert und entwickelt. Ein hervorragender Gegenpol zu einem unsicheren Körperbild sei schliesslich auch ein gutes Körpergefühl, sagt Bischof-Campbell: «Eltern sollten ihre Kinder dazu ermutigen, körperorientierte Dinge zu tun, die ihnen Spass machen und sich gut anfühlen. So zum Beispiel Sport, Tanzen oder auch Körperpflege.»







Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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