Sex zwischen Teenagern ist in den USA nicht immer problemlos: Ellen Page und Michael Cera scheren sich im Film «Juno» nicht um Konventionen.
Renata liebt Ervin und Ervin liebt Renata. Und darüber regt man sich bis weit über die Grenzen Österreichs auf. Denn Renata Juras ist 43 und Ervin Unterlechner gerade mal 16 Jahre alt. Als das ungleiche Paar zum ersten Mal Sex miteinander hatte, war Ervin 13. Der Stiefvater des Teenagers zeigte die Frau an, worauf diese zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. Doch das Paar begann sich schon bald wieder zu sehen und hatte auch keine rechtlichen Schritte mehr zu befürchten, denn in Österreich liegt das Schutzalter bei 14 Jahren – diesen Sommer erwarten die beiden ihr erstes gemeinsames Kind, weshalb Renata und Ervin aktuell wieder für Schlagzeilen sorgen.
In den USA hätte die Liebesgeschichte von Renata und Ervin wohl ein anderes Ende genommen. Denn wenn es um Sex mit Teenagern geht, kennt die US-Justiz kein Pardon. Dabei spielt es keine Rolle, wie gross der Altersunterschied zwischen dem Paar ist: Unterliegt man dem Schutzalter – was von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden geregelt wird – ist sogar der Sex zwischen Gleichaltrigen verboten. Wie weit dieses Verbot gehen kann, musste Ken Thornsberry (mittlerweile 26 Jahre alt) aus Royal Oak, Michigan, am eigenen Leib erfahren.
Seine Geschichte ist dermassen absurd, dass sie kürzlich sogar dem Nachrichtenmagazin «Newsweek» eine mehrseitige Reportage wert war. Ken ist 18, als er sich in die 14-jährige Lester verliebt. Die beiden wissen, dass sie gegen das Gesetz verstossen würden, wenn sie zusammen schliefen. Sie tun es trotzdem. Lesters Vater beschliesst eine sofortige Trennung des Paars und zeigt Ken an, als sich dieser gegen seinen Willen weiterhin mit seiner Tochter trifft.
Der ungehorsame Teenager wandert für ein Jahr ins Gefängnis. Und wird anschliessend drei Jahre auf Bewährung gesetzt. Drei Jahre, in denen er – als offiziell registrierter Sexualstraftäter – keinen Kontakt zu Minderjährigen haben kann, schon gar nicht zu seiner Freundin Lester. Doch nach seiner Entlassung beginnt das Paar sich wieder zu sehen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Nur weiss man auch aus eigener Erfahrung, dass vor allem für Teenager, das Verbotene eine noch viel stärkere Anziehungskraft ausübt.
Lester und vor allem Ken verbrennen sich jedoch ganz gehörig die Finger, wobei er jetzt nicht mehr so «glimpflich» davonkommt: Ken verbringt über sechs Jahre hinter Gittern. Letzters Jahr im August wird er aus dem Gefängnis entlassen und ist jetzt zwei Jahre auf Bewährung. Er trägt eine elektronische Fussfessel und als verurteilter Sexualtäter darf er sich nicht in die Nähe von Kindern begeben, muss zweimal wöchentlich einen Verhaltenskurs besuchen, darf kein Mobiltelefon mit integrierter Kamera benutzen (er könnte ja heimlich Fotos von Kindern und Jugendlichen machen!) und die Nutzung von Facebook oder anderen Social-Media-Foren ist ihm auch verboten. Zu gross ist die Gefahr, dass er sich unter einem falschen Profil an Minderjährige ranmachen würde.
Seine Freundin, die stets beteuert hat, einvernehmlichen Sex mit ihm gehabt zu haben, unterliegt inzwischen nicht mehr dem Schutzalter. Doch eine Wiederaufleben ihrer Romanze – wie im Fall des österreichischen «Skandalpaares» Renate und Ervin – ist ausgeschlossen: Ein Richter hat Lester offiziell zum Opfer ernannt – Ken darf während der Bewährung keinen Kontakt zu ihr haben.
So unglaublich dieser Fall auch tönt, ist er kein Einzelfall. Allein im Staat Michigan gibt es 1341 registrierte jugendliche Sexualstraftäter. Wieviele von ihnen tatsächlich ein Verbrechen begangen haben oder einfach nur Sex mit ihrem Freund oder ihrer Freundin hatten, weiss man nicht. Kens Mutter kämpft seit der ersten Verurteilung ihres Sohnes für eine Lockerung dieser Gesetze. Denn laut der Staatsanwaltschaft ist sie indirekt mitschuldig am ganzen Dilemma. «Kinder müssen das Gesetz berücksichtigen und Eltern müssen ihre Kinder unter Kontrolle halten», so die lapidare Bemerkung des Staatsanwaltes auf ihre Frage, ob die Regelung nicht zu streng sei.
Dass es nicht ganz einfach ist, Teenager «unter Kontrolle» zu halten, wissen wohl auch andere amerikanischen Eltern. In den letzten Jahren haben sich in allen 50 Bundesstaaten Eltern-Organisationen formiert, um ihre Kinder zu schützen: Vor einer unverhältnismässig strengen Gesetzgebung.
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Früher wurde dafür gekämpft, das man Partys feiern durfte. Heute sind Partys für viele einfach nur ein Ventil für Wut und Zerstörung: «Fight for your right to party» ist ein Song der Band Beastie Boys (im Bild oben).
Ich bin 19 Jahre alt und ein Wohlstandskind. Ich hatte nie echte Probleme oder Ängste und dafür bin ich dankbar.
Trotzdem, oder gerade deswegen, zieht es mich Wochenende für Wochenende an Partys. Auch und besonders an exzessive und illegale. Die ganzen Strapazen des mühsam und sinnlos erscheinenden Schulalltags, die nervigen Gesichter von Lehrern und Mitschülern, der sonst omnipräsente Weltschmerz gehen vergessen. Ich suche nicht Krawall, sondern ausgelassene Momente mit Freunden und Fremden, den Rausch und das Versprechen der Nacht, an einem Ort zu landen, den ich noch nicht kenne, Grenzen zu überschreiten, die mir bis dato unbekannt waren. Dieses Gefühl, wenn jegliches Streben vergeht, wenn bloss Glück und Zufriedenheit bleiben.
Allzu oft bleibt dieser Moment aus. Weil ich mir die Party nicht leisten kann oder zu jung bin, um reinzukommen. Weil die Leute bescheuert, unsympathisch, aggressiv sind. Weil Türsteher, Polizisten und besoffene Stressköpfe dich doof anmachen. Oder am schlimmsten: Die Musik so scheisse ist, dass es einer akustischen Vergewaltigung gleichkommt. Danach ist der Heimweg hart und einsam, es bleibt nur die Hoffnung auf das nächste Wochenende.
Ein Jugendlicher bewirft nach einer Party in Zürich Polizisten.
Fight for your right to party? Die hohen Ansprüche eines Wohlstandskindes machen vor Partys nicht Halt. Wo diese nicht erfüllt werden, lauert Frustration. Und die kennt viele Wege, um sich ihre Bahn zu brechen. Ich persönlich nehme keine Eisenstangen zur Hand oder werfe Steine und Armeemesser, wie andere Vertreter meiner Generation. Aber ich kenne jene, die es tun, und es hat selten ausschliesslich mit fehlenden Freiräumen zu tun, auch selten mit fehlendem Wohlstand, sondern mehr mit individuellen Problemen. Unter dem Beastie-Boys-Deckmantel wird der persönlichen Wut freien Lauf gelassen.
So sehr ich illegale Partys schätze, ich finde dieses Verhalten einfach nur kriminell. Natürlich spielt Gruppendynamik bei den Ausschreitungen eine Rolle. Aber ich und die «Szene», welche solche Veranstaltungen organisieren, wir müssen uns eingestehen, dass wir die falschen Leute anziehen. Diesbezüglich herrscht eine fatal naive Toleranz. Man denkt, es sind doch nur ein paar Spinner. Leben und leben lassen, wir wollen schliesslich auch illegale Partys feiern. Aber langsam denke ich, dass darunter noch eine grössere, gesellschaftspolitische Frage lauert.
Wir sind alle überfordert. Für die Politik sind die Krawalle ein Anlass, ihre Lieblingsbegriffe Kuscheljustitz und Integration in die Runde werfen, die Medien schlachten das Ganze aus und die Intellektuellen können sich mit ihren Kommentärchen dazu rühmen. Für Jugendliche wie mich sind sie nur ein weiterer Grund, neue Partys zu feiern. All dies zusammen ergibt diese Suppe von Gesellschaft, die mir einfach nicht schmeckt.
Wenn ich mich unter Freunden und Bekannten umhöre, stimmt mich das wenig optimistisch. Alles und jeder ist unverbindlich, spontan und von Kopf bis Fuss durchindividualisiert. Ein geschlossenes Agieren wird so fast unmöglich. Ich wünsche mir mehr Zusammenhalt und Organisation. Die Schnittmenge von Konsumenten und Produzenten muss sich vergrössern. Das würde von Wertschätzung zeugen. So dass alle als Gleichgesinnte, ohne Gesindel, die Musik, dieses Gefühl feiern können, das uns doch alle verbindet. Auch generationenübergreifend.
Auch wenn die gewalttätigen Chaoten nur einen kleinen Prozentsatz ausmachen, müssen wir uns fragen: Wollen wir diese Gewaltbereitschaft noch länger hinnehmen? Dieser Verantwortung kann sich meine Generation nicht entziehen.
Wir danken Julian J. Schärer für diesen Beitrag.
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Michèle Binswanger am Dienstag den
27. September 2011
Mütter verwandeln sich nach der Menopause in ihre Töchter: Dina Lohan (l.) und ihre Tochter Lindsay.
Es gibt Phasen im Leben einer Frau, mit denen man sich erst auseinandersetzen kann, wenn sie da sind. Das heisst, im Nachhinein denkt man, man hätte sich besser früher damit auseinandergesetzt, was allerdings sinnlos gewesen wäre, weil man ja ohnehin keine Ahnung hat. Zum Beispiel die Pubertät. Zum Beispiel Mutterschaft. Zum Beispiel das Klimakterium. Die ersten zwei Phasen habe ich hinter mir oder besser: Ich habe sie in mein Leben integriert. Die letzte liegt noch vor mir – weit, weit vor mir. Trotzdem bin ich bereits angemessen misstrauisch. Denn Informationsseiten zum Thema beginnen so: «Die Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern eine natürliche Phase im Leben einer Frau.» Das sind nicht die besten Neuigkeiten. «Alles ganz natürlich» bedeutet meistens: Es wird nichts mehr so sein wie vorher und es wird ungefähr fünf Jahre dauern, bis man sich mit seiner neuen Persönlichkeit angefreundet hat. «Keine Krankheit» bedeutet: Das wird verdammt anstrengend.
Brechen wir das Mysterium auf die einzig entscheidende Frage herunter: Was ziehe ich bloss an? Wie die Hormonschübe der Pubertät, so scheinen auch diejenigen der Wechseljahre sich in einem spezifischen Modegeschmack zu manifestieren. Jedenfalls erlebte ich es so, als ich als Teenager selber erstmals in Miniröcken angetanzt kam. Dies war die Zeit, da die Mütter meiner Freunde sich zeltartige Gewänder und rotgeränderte Brillen kauften. Alternativ liess man sich eine Dauerwelle legen oder legte sich eine Lederhose zu und das wars dann.
Dieser Weg scheint modernen Müttern verschlossen. Denn wie mein Lieblingsphilosoph Boris Groys sagt, leben wir in Zeiten des totalen ästhetischen Vergleichs und wer sich nicht angemessen kleidet, ist erledigt. Ich kann das bestätigen, auch wenn man daraus nicht den Umkehrschluss ziehen sollte, dass reüssiert, wer sich richtig kleidet. Natürlich ist es Kindern egal, was ihre Mutter anhat, und Kinderpflege bringt Kleider ohnehin mit allen möglichen Sekreten in Berührung, da macht man sich über ästhetische Codes nicht viel Gedanken. Wenn man mit Erwachsenen zu tun hat und Ziele verfolgt und ernst genommen werden möchte hingegen schon. Immer wieder hört man als berufstätige Mutter vom durchschnittlichen Büromann zu hören: «Dir merkt man überhaupt nicht an, dass du Mutter bist.» Das ist als Kompliment gemeint.
Sie finden das oberflächlich? Ich auch. Betroffen bin ich dennoch. Zumal meine Tochter sich gerade in die Vorpubertät hineintastet wie ein Forscher in einen Dschungel mit einem bis dato unbekannten Volk. Was mir vor Augen führt, dass ich diesbezüglich bereits in einer voll entwickelten Zivilisation lebe, der mittelfristig nur noch Dekadenz und dann Untergang übrig bleiben. Der Tochter wird diese Welt sich erst noch eröffnen und so gräbt sie sich stundenlang durch meinen Kleiderschrank, stellt sich Outfits zusammen, versucht mit ihren Freundinnen kichernd in meinen pinkfarbenen Stilettos zu balancieren. Die muss ich dann jeweils wieder diskret verräumen, wenn ihre Mütter aufkreuzen, um die Töchter abholen. Um dann abends mit einem Glas Rotwein vor eben diesen Schuhen darüber zu meditieren, was ich sagen werde, wenn sie zum ersten Mal darum bittet, damit in den Ausgang gehen zu dürfen.
Wenn ich meditieren sage, meine ich in Wahrheit googeln. Und Google versichert mir, dass mein Problem sich sehr bald lösen dürfte. Es gibt nämlich Wissenschaftler, die sich nicht entblöden, genau diesen Fragen mit Empirie auf den Leib zu rücken. Dabei haben sie herausgefunden, dass Teenager-Töchter vor allem eines nicht wollen: herumlaufen wie ihre Mütter. Beruhigend. Weniger beruhigend: Mütter, besonders jene, die sich für stylish halten und sich jünger fühlen, als sie sind, orientieren sich gerne am Stil ihrer Töchter.
Könnte mich das auch betreffen? Ich würde diese Zukunftsperspektive weit von mir weisen, wüsste ich nicht, dass Hormonschübe äusserst unberechenbar sind. Soll ich für mein Klimakterium schon mal mein Zelt aufschlagen wie einst Ghadhafi während der Sitzungen der Uno-Vollversammlung? Oder werde ich mich in eine jener Mütter verwandeln, die sagen: Wenn es einen Unterschied gibt zwischen dem makellosen Körper meiner Tochter und meinen solariumbraunen Beinen, dem gebleichten Schnurrbart und den Kollagenlippen, dann ist das höchstens die Erfahrung? Werde ich wie während der Pubertät wieder Minis klauen, damals aus dem Kleiderschrank der Schwester, jetzt aus dem der Tochter, weil die ja ohnehin einen Grund braucht, mich zu hassen? Oder gibt es einen dritten Weg?
Was meinen Sie?
(P.S. Dieses Thema ist irrelevant, oberflächlich und langweilig. Sie brauchen das also nicht in die Kommentare zu schreiben. Aber was soll ich sagen, solche Fragen sind keine Krankheit. Sie kommen ganz natürlich.)
(PPS. Boris Groys sagt übrigens, dass der persönliche Stil aus Ausdruck eines widersprüchlichen Begehrens zu verstehen ist, einerseits dazugehören zu wollen, andererseits sich von anderen unterscheiden zu wollen. Und dass dieser Widerspruch sie unheimlich nervös macht. Vielleicht wollen Sie darüber ja diskutieren.)
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Michèle Binswanger am Dienstag den
16. August 2011
Jung, arbeits- und orientierungslos: Randalierer in London.
Sogar ein Laie wie ich durfte damit rechnen, dass die Finanzmärkte den Herbst nicht schadlos überstehen würden. Aber was während der letzten zwei Wochen in England geschah, hat alle überrascht. Und es muss zu denken geben. Wie aus dem Nichts brachen die Unruhen aus, ganze Stadtteile gingen in Flammen auf, der Mob plünderte, raubte, mordete und weder die Polizei noch die Zivilbevölkerung wusste auf die anarchischen Zustände zu reagieren.
Machokultur als Vaterersatz: Verurteilter junger Mann.
Nun hat die Stunde der Analysten geschlagen, um die tieferen Ursachen für die scheinbar aus dem nichts kommende Gewalt zu diagnostizieren. «Die Randalierer sind schwarz und ohne Väter» hiess es etwa in der «SonntagsZeitung». Tatsache ist, dass die 18 Stadtteile, die am meisten von der Randale betroffen waren, alle eine extrem hohe Zahl alleinstehender Mütter und «zerbrochener Familien» aufweisen. Es handelt sich dabei um junge Männer ohne Ausbildung und Perspektive, aufgewachsen mit den Anreizen des modernen Sozialstaates, aber ohne väterliche Autorität. Der britische Premier David Cameron hat nun angekündigt, dass er den Randalierern jegliche Sozialhilfe streichen wird. Ob das das Problem entschärfen wird, ist fraglich. Zumal das tiefer liegende Problem ja eher die Sache mit den abwesenden Vätern sein dürfte.
Kriminelle Banden waren die Hauptakteure bei den Krawallen. Mit ihrer strikten Hierarchie, ihrer Machokultur und der Forderung nach unbedingtem Gehorsam bieten sie den orientierungslosen jungen Männern jene stabilen Strukturen, welche diese in der Familie vermissen. Dazu kommen verhängnisvolle Rollenmuster, an welche die Männer sich umso mehr zu klammern scheinen, je weniger die gesellschaftlichen Grundlagen dazu gegeben sind. Die jungen Männer, so hielt der emeritierte Soziologieprofessor Walter Hollstein im Tagesanzeiger fest, orientierten sich an einem traditionalistischen Männerbild und seien deshalb unfähig, sich den veränderten Bedingungen anzupassen.
Was er damit meint, ist Folgendes: In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Arbeitsleben fundamental gewandelt. Mit der Globalisierung kam die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, man spricht auch von einer Feminisierung der Arbeitswelt. Das heisst, heute müssen auch Männer unter Bedingungen arbeiten, die bislang vor allem für weibliche Arbeitnehmerinnen typisch waren: eher flexibel, unregelmässig, unsicher, fristig, vielfältig und vor allem vermischt mit anderen Aktivitäten. Den Männern fällt dieser Übergang schwer, wie der Soziologe Lord Dahrendorf schon 1995 im Interview mit dem «Spiegel» feststellte: «In Grossbritannien haben wir jetzt schon mehr beschäftigte Frauen als Männer. Eines der sozialen Hauptprobleme besteht darin, dass junge Männer nicht bereit sind, die Teilzeitberufe und befristeten Arbeitsverträge zu akzeptieren, die Frauen hinnehmen. Sie hängen herum und gefährden Recht und Ordnung, was dann wieder zu autoritären Reaktionen führt. Das Problem der zornigen jungen Männer könnte bald auch anderen europäischen Ländern zu schaffen machen.»
Es bleiben Fragen: Könnte so etwas auch bei uns geschehen – zumal in der Schweiz mehr als drei Viertel der jungen Gewalttäter aus Familien mit allein erziehenden Müttern stammen? Und was muss man unternehmen, um das zu verhindern? Wo sind eigentlich die Väter dieser Kids und warum kümmern sie sich nicht um ihre Familien? Braucht es ganz einfach wieder ein bisschen mehr Zucht und Ordnung und das Problem ist gelöst, wie konservative Kreise sagen würden? Würde eine Aufwertung des Sozialstaates etwas bewirken können, wie Linke wahrscheinlich sagen würden? Oder liegt der Kern des Problems tatsächlich in der Krise der Männer, die aufgrund ihrer traditionellen Rollenbilder unfähig sind, sich in einer sich immer schneller drehenden Welt anzupassen? Und wer wäre fähig, hier ein Umdenken zu bewirken?
Natürlich gibt es auf komplexe Probleme selten einfache Rezepte. Aber wenigstens auf meine letzte Frage scheint mir die Antwort eindeutig: Die Männer müssen ran. Sie müssen ihre Rolle hinterfragen und neu definieren, es braucht neue Vorbilder für neue Männer. Denn letzlich ist es ja auch ein Integrationsproblem. Die Einwanderer leben auf der untersten sozialen Stufe und zelebrieren ihr Machotum und den Hang zur Kriminalität als Gegenkkultur zur Klasse der Besitzenden, des schweizerischen Mittelstands. Hier braucht es von der Politik ein klares Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Geschlechter als zentraler Wert der hiesigen Kultur. Und man muss vor allem auch den immigrierten Männern ermöglichen, zu arbeiten, ein Auskommen zu finden, so dass sie ein menschenwürdiges Leben führen können. Sonst sind sie eine soziale Zeitbombe.
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Wie sag ichs meinem Kind? Abigail Breslin und Ryan Reynolds im Film «Definitely, Maybe» (2008).
Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Gestern konnte Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der TerminusSexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist – und was dies über unser Verhältnis zur Lust sagt.
Das Bild der frühreifen Jugendlichen, die heute alle schon mit elf Jahren mit wechselnden Partnern ungeschützten Sex haben, hält sich hartnäckig. Zu Unrecht. Tatsächlich kommen Jugendliche zwar immer früher in die Pubertät. Hatten Mädchen in den 20er-Jahren mit durchschnittlich 14,6 Jahren ihre erste Periode, sind sie heute laut Sexualforschern bereits mit knapp zehn Jahren soweit. Und bei den Jungs sieht es nicht viel anders aus: Deren sogenanntes Ejakularchealter, also der Zeitpunkt des ersten Samenergusses, ist im Laufe der Zeit ebenfalls stetig gesunken: Bei immer mehr Knaben beginnt die Pubertät heute bereits vor dem zwölften Geburtstag.
Für ihr erstes Mal lassen sich die Teenager aber trotzdem noch etwas länger Zeit: Mit 17 Jahren haben zwei Drittel der Schweizer Jugendlichen das erste Mal hinter sich. Und die meisten von ihnen verhalten sich dabei verantwortungsbewusst und benutzen Verhütungsmittel, wie eine Studie der Uni Basel zeigt. Dieselbe Studie belegt allerdings auch, dass viele Jugendliche ihr Wissen über Verhütung und Fortpflanzung gnadenlos überschätzen. So bejahten etwa 76 Prozent die Frage, ob sie wüssten, wann das Risiko schwanger zu werden am grössten sei. Knapp die Hälfte davon gab dann aber eine falsche Antwort.
Das eigentliche Problem unserer Jugend ist also nicht zu früher und zu viel Sex, sondern zu wenig und zu schlechte Aufklärung. Denn ja, aufgeklärt wurde der Grossteil dieser Jugendlichen laut eigener Aussage. Die meisten von ihnen in der Schule, viele auch von der Mutter oder von Gleichaltrigen. Die Väter bleiben bei dem Thema Nebendarsteller, geben doch bloss 1 Prozent der Mädchen und 5 Prozent der Jungs an, vom Papa aufgeklärt worden zu sein.
Egal ob Lehrer, Mutter oder Vater den Aufklärungsjob übernehmen, oft hindert ihr eigenes Schamgefühl sie daran, diesen erfolgreich zu meistern. Unsere Expertentipps sollen Ihnen eine Stütze sein fürs Aufklärungsgespräch. Beziehungsweise für die Aufklärungsgespräche, denn die ersten Fragen zur Sexualität stellt Ihnen Ihr Kind garantiert schon mit zwei, drei Jahren – und wenn Sie das Thema offen behandeln, wird es bis ins Erwachsenenalter nicht mehr damit aufhören.
Wenn die Kinder nicht von selbst fragen: In welchem Alter soll man mit dem Aufklärungsbuch auf sie zukommen?
«Kinder sind von Geburt an, ja sogar schon vor der Geburt Sexualwesen, das beschreibt die psychologische und medizinische Forschung seit Jahrzehnten», sagt Marina Costa, Fachärztin für Kinder und Jugendliche, Schulärztin und Co-Leiterin der Fachstelle für Sexualpädagogik LustundFrust. Wichtig bei der Aufklärung sei, dass diese dem Entwicklungsstand des Kindes entspreche. «Jedes Kind verfügt über einen eigenen «Aufklärungskompass». Die Eltern sollten auf Äusserungen des Kindes achten – Fragen, Zeichnungen oder andere Geschehnisse – und daran erkennen, wann die Themen der Sexualaufklärung anzugehen sind», sagt Costa. Zudem sei es wichtig, über Sexualität ebenso normal und unaufgeregt zu reden, wie man das Kind zum Beispiel auch über gesunde Ernährung, Bewegung oder gegenseitigen Respekt aufkläre.
Gabriela Jegge vom Kompetenzzentrum Sexualpädagogik und Schule an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz ergänzt, dass gerade Eltern stiller Kinder im Bereich der Sexualerziehung eine besondere Verantwortung zu tragen hätten: «Sie sollten Anregungen für Gespräche schaffen und sich auch im Umgang mit Körperlichkeit nicht verschliessen.» Wichtig sei es jedoch, auf die Grenzen des Kindes zu achten, also behutsam vorzugehen und Rücksicht auf die kindlichen Bedürfnisse und Signale zu nehmen. «Unterstützend für ein Gespräch sind sicherlich altersentsprechende Bilderbücher. Das gemeinsame Bücherlesen ist eine gute Möglichkeit der Aufklärung.» Eine Liste empfehlenswerter Aufklärungsbücher finden sich auf www.amorix.ch.
Wie sehr soll man bei der Aufklärung ins Detail gehen?
«Je kleiner die Kinder sind, desto weniger Details sind gefragt. Und desto eher sind «erlebte» Körpererfahrungen und Vorbilder wichtig», so Gabriela Jegge. Was die Eltern vorleben, prägt das Kind. Es ist darum nicht nur erlaubt, sondern sogar ratsam, als Elternpaar auch vor den Augen der Kinder zärtlich miteinander zu sein, sich zu küssen oder zu umarmen. «Eine sexualfreundliche Erziehung ist mehr als Aufklärung und Informationsvermittlung. Sie findet nicht punktuell oder einmalig statt, sondern ist eher eine Haltung der Eltern», sagt Jegge.
Wie soll man die Geschlechtsteile nennen, wenn das Kleinkind danach fragt?
«Die einzelnen Körperteile sollten unbedingt richtig benennt werden», sagt Marina Costa. So müssten keine lustigen Bezeichnungen wie «Müscheli» oder «Schnäggli» erfunden werden und man könne die Kinder davor schützen, gewisse Worte als «Schmutzworte» zu empfinden. «Zudem ist es wichtig, dem Kind gleichzeitig beizubringen, welche Körperteile als privat gelten und von anderen nicht angefasst werden dürfen, und wie es diesen Anspruch auf Privatsphäre durchsetzen kann. Auf diese Weise agiert man präventiv gegen Kindsmissbrauch», sagt Costa.
Soll man im Aufklärungsgespräch persönliche Erfahrungen einbringen?
Annette Bischof-Campbell von der Beratungsplattform lilli bejaht die Frage klar: «Es ist besser, wenn man nicht versucht, alles ganz neutral zu erklären, denn ein grosser Teil des Sexualitäts-Wissens ist nun mal sehr stark gefärbt von persönlichen Erfahrungen. Und statt zu sagen «Das ist so», hilft die Aussage «Das habe ich so erlebt, es kann aber sein, dass du das ganz anders erlebst, denn jeder Mensch erlebt die Sexualität anders» dem Kind meist mehr.» Gerade um nicht nur die eine, persönliche gefärbte Sicht auf die Dinge zu erfahren, ist es gut, wenn die Kinder auch Zugang zu anderen Aufklärungs-Quellen haben – zum Beispiel Bücher, den Aufklärungsunterricht in der Schule oder Aufklärungswebsites.
Wie soll man reagieren, wenn die Tochter oder der Sohn etwas fragt, über das man selber nicht genau Bescheid weiss?
«Eltern müssen nicht allwissend sein», beruhigt Gabriela Jegge, «wichtiger ist es, ehrlich zu sein und sich einzugestehen, dass man nicht in allen Lebensbereichen Fachexperte ist.» Jugend-Ratgeber, Lexikas (zum Beispiel «Schülerduden Sexualität») oder Internetseiten können fast immer die entsprechenden Antworten liefern.
Dürfen Kinder etwas vom Sexleben der Eltern mitbekommen oder schadet ihnen das?
«Warum sollten Kinder nicht wissen, dass ihre Eltern eine Sexualität haben? Sie haben ja selbst eine – schon Babys empfinden bewiesenermassen sexuelle Erregung», sagt Annette Bischof-Campbell von lilli. Man müsse das Thema Sexualität sicher nicht künstlich von Kindern fernhalten. Im Gegenteil: «Wenn die Sexualität tabuisiert wird, entstehen übermässige Scham, Hemmungen und Sprachlosigkeit um sie herum.» Gleichzeitig ist es allerdings auch wichtig für Kinder zu lernen, dass ihre Eltern gerne ungestört sind, wenn sie sich lieben. Denn die sexuelle Beziehung des Elternpaares soll umgekehrt schliesslich auch keinen Schaden nehmen. Es besteht also ein klarer Unterschied zwischen Privatsphäre beim Sex einhalten und Sex verheimlichen: «Eltern als Rollenvorbilder können Kindern einerseits zeigen, dass Sexualität nicht tabuisiert werden muss. Andererseits sollen sie ihnen auch beibringen, dass Menschen beim Sex ein Anrecht auf eine Privatsphäre haben.»
Der Teenager hat zum ersten Mal eine feste Beziehung. Soll man als Elternteil das Thema Verhütungsmittel direkt ansprechen, oder besser nur Gesprächsbereitschaft signalisieren?
Laut Gabriela Jegge sollen Eltern ihre Kinder durchaus auf dieses Thema ansprechen, doch es sei auch in Ordnung, nur Gesprächsbereitschaft und Offenheit zu signalisieren. «Wenn Mutter und Vater ein Gespräch über Sexualität peinlich ist und diese bis anhin nie ein Thema war, wird es unter Umständen schwierig werden, just in dem Moment, da das Kind erstmals eine Partnerschaft eingegangen ist, das Thema Verhütung offen auf den Tisch zu bringen.» Also empfiehlt es sich eher, dem Kind ganz nebenbei ein Gespräch über die noch frische Beziehung anzubieten, ohne aber darauf zu drängen oder gleich Detailfragen zu stellen. Welcher Weg der richtige ist, spüren Eltern selber. «Grundsätzlich gilt jedoch: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold – aber von Anfang an!»
Vorausgesetzt der Teenager informiert die Eltern darüber: Soll das erste Mal der Tochter oder des Sohnes im Elternhaus stattfinden, oder soll man das junge Paar den Ort selber wählen lassen?
Es ist wichtig für die heranwachsenden Töchter und Söhne, dass sie eine Privatsphäre haben. Dazu gehören private Orte, die sie selber auswählen dürfen. Und die Eltern können dem jungen Paar beim ersten Mal sowieso nicht über die Schultern schauen oder es kontrollieren. «Umso wichtiger ist der gute Einfluss der Eltern vor dem ersten Mal. Eltern sollten sich vergewissern, dass und wie für Verhütung gesorgt wird», sagt Annette Bischof-Campbell (siehe vorherige Frage). Jugendliche haben meist viele Fragen bezüglich dem ersten Mal. Wenn im Elternhaus ein Klima der offenen Kommunikation und Toleranz herrscht, dann wird der Nachwuchs eher mit seinen Anliegen zu den Eltern kommen – und auch eher zum Gespräch bereit sein, wenn die Eltern das Thema von sich aus ansprechen. «Helfen kann auch, wenn die Eltern den Jugendlichen informative Bücher und Links bereitstellen», so Bischof-Campbell.
Wie bereitet man die Tochter auf den ersten Frauenarzt-Termin vor und wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?
DEN richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. «Jede Jugendliche sollte in der Lage sein (dürfen), selber darüber zu entscheiden, ob sie zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt möchte. Dieser Entscheid ist zu respektieren – ebenso ob die Jugendliche mit oder ohne Eltern oder andere Begleitung dorthin gehen möchte», sagt Marina Costa. Auch bedeutet einen Frauenarztbesuch nicht automatisch, dass eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt wird. Je nach Fragestellung und Situation kann auch nur eine ausführliche Beratung stattfinden.
Wie soll man reagieren, wenn das pubertierende Kind ein Problem mit dem eigenen Körper hat und dies äussert, man es selber aber nicht nachvollziehen kann?
Gerade in der Pubertät sind Probleme mit dem eigenen Körper an der Tagesordnung. Das Kind wächst in einen Frauen- oder Männerkörper hinein und muss erst lernen, sich dort zuhause zu fühlen. Jungs und Mädchen vergleichen sich mit anderen und sind dabei sehr unsicher und selbstkritisch. «Man sollte ihre Probleme auf jeden Fall ernst nehmen und nicht herunterspielen, also erst mal Verständnis zeigen», sagt Bischof-Campbell, «die meisten Eltern können sich ja selber noch an diverse Unsicherheiten in der Kindheit und Jugend zurückerinnern. Gleichzeitig ist es wichtig, dem Kind möglichst viel Bestätigung und positives Feedback zu seinem Körper und natürlich auch zu seiner Person zu geben.» Viele Körperprobleme entstehen laut der Expertin, weil die Kinder oder Jugendlichen ihr Äusseres mit Darstellungen in den Medien vergleichen. Darum sollte man ihnen auch die Fakten aufzeigen: Wie breit das «Norm-Spektrum» bezüglich Körperbau tatsächlich ist, wie sich der Körper in der Pubertät verändert und entwickelt. Ein hervorragender Gegenpol zu einem unsicheren Körperbild sei schliesslich auch ein gutes Körpergefühl, sagt Bischof-Campbell: «Eltern sollten ihre Kinder dazu ermutigen, körperorientierte Dinge zu tun, die ihnen Spass machen und sich gut anfühlen. So zum Beispiel Sport, Tanzen oder auch Körperpflege.»
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Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
Andrea Fischer
Andrea Fischer ist freischaffende Journalistin und Autorin des Buches «Das ganz normale Familienchaos», einem «Ratgeber für Eltern mit Herz und Humor». Sie lebt mit Tochter, Sohn und Mann in Zürich.