Michèle Binswanger am Donnerstag den
6. Oktober 2011
Sie kennen das Geheimnis einer intakten Ehe – nur verraten können sie es nicht: Melanie Griffith und Antonio Banderas.
Melanie Winiger und Stress sind auseinander und wir haben jetzt nur noch Francine Jordi und Florian Ast, um die Lücke zu füllen, was natürlich so ist, als würde man von einem Rennpferd auf einen Maulesel umsatteln. Aber das ist egal, denn aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie nach gebührender Zeit ihrem «Liebeshoch» eine «schockierende Trennung» hinterherschicken. Dann beginnt das grosse Heucheln (sie waren so ein schönes Paar!) und Titel-Dichten (Irgend ein Wortspiel mit Ast wird sich schon finden), Hauptsache, es lassen sich viele Frage- und Ausrufezeichen verwenden, denn ein solches «Ehe-Aus!» ist der feuchte Traum eines jeden Boulevard-Journalisten.
In meiner journalistischen Ausbildung hiess es immer: Die Meldung «Hund beisst Mann» hat keinen Newswert, «Mann beisst Hund» hingegen schon. Wenn es um Ehekrisen geht, hat sich die Medienmaschinerie aber ganz der «Hund beisst Mann»-Meldung verschrieben. Obschon der umgekehrte Fall, dass eine Beziehung funktioniert, heutzutage aussergewöhnlich ist und darüber zu berichten innovativer wäre – und schwieriger, weil radikal persönlich. So war es zu Anfang von Roger Federers Karriere beispielsweise ein beliebtes Hobby der Sportredaktoren, sich über Mirka Federer lustig zu machen und darauf zu wetten, wann der Tennis-Held sie verlassen würde. Oder ihn als langweilig zu verhöhnen, weil er es nicht tat. Wahrscheinlich, weil die Spötter an seiner Stelle nichts Eiligeres zu tun hätten, als sich ein silikon-optimiertes Spielzeug anzulachen und mit Geld zu füttern, damit es bei öffentlichen Anlässen den eigenen vermeintlichen Status repräsentieren solle. In ihrem beschränkten Horizont hatte die Vorstellung eines Menschen, der in einer Beziehung nicht Oberfläche, sondern Tiefe und Beständigkeit sucht, einfach keinen Platz.
Aber es gibt sie trotzdem, Paare, die an der Liebe zum anderen festhalten. Man liest selten von ihnen, aber wenn, dann kann man daraus meistens etwas lernen. Zu ihnen gehören zum Beispiel Antonio Banderas und Melanie Griffith. Seit 17 Jahren sind sie ein Paar und eine Patchworkfamilie, haben Ehekrisen und Suchtprobleme gemeinsam durchgestanden – und sprechen immer noch sehr liebevoll übereinander. In einem getrennt geführten Interview mit dem AARP-Magazine gaben die beiden einen Einblick in die Geheimnisse ihrer Ehe, auf welchen Vorstellungen und Werte sie beruht – und warum sie funktioniert, obschon die beiden offensichtlich sehr verschieden sind.
Die beiden heirateten 1996 – zu dieser Zeit hatte Banderas eine gescheiterte Ehe hinter sich, Melanie Griffith zwei, aus denen zwei Kinder hervorgegangen waren. Griffith war bereits ein grosser Star, Banderas stand noch ganz am Anfang seiner Hollywood-Karriere. Er habe Melanie schon immer bwundert, sagte Banderas, und als er sie dann kennengelernt habe, sei es um ihn geschehen gewesen: «Ich sah diese süsse, verletzliche Seele, lustig und smart und grosszügig. Ich sah sie mit ihren Kindern und sie war so schön als Mutter» hält er fest. Was für eine Liebeserklärung.
Was denn nun das Geheimnis für ihre bereits siebzehn Jahre dauernde Ehe sei, will der Interviewer wissen. «Das Geheimnis ist, dass wir beide schon mal gescheitert waren», sagt Banderas. Liebe sei anfangs ein grosser Rausch, aber es bleibe nicht so. Darüber hätten er und Griffith viel gesprochen. «Werden wir den Fehler machen, dauernd nur zurückzuschauen auf diesen Zustand? Oder werden wir vorwärts schauen und Universen schaffen, die anders sind?» Dieser Rausch verschwinde, aber man finde stattdessen etwas Anderes, Besseres. Die Bedeutung von familiärer Wärme und eines Heims und dass man zusammen stärker sei. In Krisenzeiten gelte es, geduldig zu sein, bis sich Licht am Ende des Tunnels zeigte. Und Krisen hätten sie gehabt, wie jedes andere Paar auch – so kämpfte Griffith jahrelang mit Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. «Aber wir sprachen offen darüber. Sie kämpfte wie eine Löwin. Ich wusste nicht, dass sie so stark ist. Und das macht meine Liebe nur noch grösser.» Am Schluss hätten sie das Problem alle zusammen als Familie ausgestanden.
Griffith zeichnete ihrerseits im separat geführten Interview ein leicht anderes Bild des Ganzen. Zum Beispiel berichtet sie über ihre erste Begegnung: «Die erste Frage, die er mir stellte, war nach meinem Alter», erinnert sie sich. «Niemand hatte mir je als erstes eine so unhöfliche Frage gestellt. Aber er hatte etwas. Er hat es immer noch. Ich liebe ihn einfach.» Auch was ihre Suchtprobleme angeht, gab sie zu erkennen, dass sie sich von der Seite ihres Mannes mehr Engagement gewünscht hätte. «Er war unterstützend, so weit er kann. Ich wünschte, er würde mich einmal zu einem Meeting begleiten, aber ihm ist das fremd. Ich meine das aber nicht gegen ihn, er war immer an meiner Seite. Er ist wirklich der tollste Kumpel.»
Zum Schluss noch die Killerfrage: Was ist mit Treue, wie widerstehen Eheleute der Versuchung? Hier Banderas Antwort zusammengefasst: «Das ist sehr persönlich. Wie geht man mit Sexualität in der Ehe um? Wie kann man sie so gehaltvoll gestalten, dass man sich nicht nach etwas anderem umsehen muss? Welche Dinge sagt man, oder wird man sie immer anlügen? Man sollte sich gegenseitig zugestehen können, dass man auch andere Personen attraktiv findet. Die Frage ist, wie weit lässt sich das beugen? Jeder braucht Wasser, aber ich werde nicht gleich den ganzen Pool leer trinken. Man muss wissen, wo die Grenzen liegen.»
Das gilt natürlich nicht nur für die Sexualität, es gilt buchstäblich für jede andere Frage der Gemeinsamkeit auch. Wie viel Nähe und Distanz brauchen beide Partner, wie viel gibt man Preis und was behält man für sich, wie sehr zeigt man sich und wie viel darf im Verborgenen bleiben? Wie viel Raum gesteht man dem anderen zu und welchen beansprucht man für sich selbst? Darauf gibt es genauso wenig eine allgemein gültige Antwort wie auf die Frage, wie man ein künstlerisches Meisterwerk schafft. Vielleicht ist eine Ehe nichts anderes als ein Kunstwerk. Man hat eine Inspiration und dann arbeitet man das Ganze nach seinen Möglichkeiten aus. Am Schluss entsteht etwas radikal Individuelles. Einfach ist es nicht, aber im besten Fall ist es eine Inspiration und ein Geschenk für viele andere Menschen. Auch wenn die Medien es einfach nur langweilig finden.
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Forscher behaupten, dass Frauen Angebot und Nachfrage beim Sex in der Hand haben, weil er sie nicht wirklich interessiert: Seitensprungszene aus «Combien tu m'aimes» mit Monica Bellucci und Bernard Campan (l.).
Was wurde in Sachen Sexualität schon alles erforscht, analysiert, interpretiert und anschliessend von anderen Forschern widerlegt. So untersuchte etwa die amerikanische Biophilosophin Elisabeth A. Lloyd über zwanzig verschiedene Theorien zur Evolution des weiblichen Orgasmus und kam zum Schluss, dass dieser – biologisch gesehen – völlig überflüssig sei, sozusagen ein evolutionäres Nebenprodukt, wie auch die männliche Brustwarze. Lloyds Studie wurde kurz darauf vom amerikanischen Biologieprofessor John Alcock widerlegt: Der weibliche Orgasmus sei sehr wohl kein Fehler der Evolution, sondern ein helfender Mechanismus bei der Zeugung der Nachkommenschaft. Über Sinn und Unsinn des weiblichen Orgasmus streiten sich Experten übrigens auch noch nach sieben Jahre seit Erscheinen der Studie.
Und heute? Derzeit stehen die wirtschaftlichen Aspekte zwischen Mann und Frau im Fokus der Wissenschaftler. So wird der Umgang mit Geld von Paaren untersucht, denn immerhin entscheide laut Jutta Allmendinger (Leiterin des Forschungsprojekts «Gemeinsam leben, getrennt wirtschaften – Grenzen der Individualisierung in Paarbeziehungen») der «Umgang mit Geld, ob sich Menschen ineinander verlieben». Und der aktuelle Bestseller «Erotisches Kapital» der britischen Soziologin Catherine Hakim zeigt auf, dass feministische Scheuklappen Frauen jahrzehntelang nicht weitergebracht haben und plädiert dafür, dass man mit gezielt eingesetzter Attraktivität den Weg an die Spitze der Gesellschaft schafft, wo ja schliesslich alle hin wollen. Dass Feministinnen bei erotischem Kapital «als Erfolgsgeheimnis im Leben und im Beruf» auf die Barrikaden gehen, liegt auf der Hand.
Nun ist aber eine weitere kontroverse Studie erschienen, die das Hakim-Bashing für eine Weile stoppen könnte: Der Wissenschaftler Roy F. Baumeister der Florida State University hat heterosexuelle Beziehungen von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet und als einen Markplatz bezeichnet, «wo Männer versuchen, Sex von Frauen zu erhalten, indem sie ihnen andere Ressourcen anbieten». Als Basis für die vielbeachtete Studie («Sexual Economics: A Research-Based Theory of Sexual Interactions – or Why the Man Buys Dinner») diente dem Psychologen eine Befragung von über 300′000 Menschen aus 37 Ländern, die ihn zu folgendem Schluss brachte: Frauen sind Verkäuferinnen aber keine Konsumentinnen von Sex und Männer sind Käufer aber keine Produzenten. Im Klartext: Frauen regeln das Angebot, wobei verschiedene Faktoren den Sex-Preis beeinflussen.
Wertsteigernd sind etwa ein attraktives Aussehen,das Alter, die Kleidung aber auch die Tatsache, ob andere Männer hinter derselben Frau her sind. Auch das Umfeld des Sex-Marktes kann den Preis in die Höhe schnellen lassen, wenn etwa mehr Männer als Frauen vorhanden sind (Nachfrage ist höher als das Angebot) und vor allem keine oder nur wenige alternative Gelegenheiten für sexuelle Befriedigung vorhanden sind. In diesem Fall sieht es für die Männer nicht sehr gut aus, da sie den von Frauen definierten Verkaufsbedingungen ausgeliefert sind. Sprich: Es müssen schon sehr attraktive Ressourcen (Geschenke, Aufmerksamkeit, Exklusivität, Verpflichtungen, Verlobung, Ehe, Kinder) angeboten werden, damit der Handel überhaupt zustande kommt.
Umgekehrt haben Männer ein leichtes Spiel, wenn die Frau nicht sehr attraktiv ist, oder sich mehr Frauen als Männer auf dem Markt befinden (Angebot ist grösser als die Nachfrage). Am deutlichsten lasse sich das Angebot-Nachfrage-Modell an der Ehe messen. Der Zusammenbruch des sexuellen Handels in der Ehe sei darauf zurückzuführen, dass Frauen, weil sie alles erreicht hätten, was sie erreichen wollten, keinen Sex mehr anbieten. Diese doch sehr einseitige und auch sehr mathematische Analyse konnte die berühmte feministische US-Bloggerin Amanda Marcotte nicht unkommentiert lassen. Als störend empfindet die Bloggerin nicht unbedingt die Tatsache, dass Baumeister sexuelle Beziehungen anhand eines wirtschaftlichen Markplatzes erklärt, sondern vielmehr die Voraussetzung für seine Angebot-Nachfrage-Studie. Nämlich dass Frauen grundsätzlich nicht an Sex interessiert sind. «Baumeister behauptet, verheiratete Frauen sind nicht daran interessiert, er sagt aber auch, dass Single-Frauen nicht an Gelegenheitssex interessiert sind», schreibt Marcotte. «Ein Commitment törnt uns nicht an, etwas Neues törnt uns nicht an, scheint ganz so, als ob uns gar nichts antörnt.» Baumeister gestehe den Frauen keinerlei Motivation für Sex, kritisiert Marcotte. Nicht einmal für Gelegenheitssex. Baumeister argumentiere, dass Frauen weder diese Art von Sex wünschen, noch etwas im Gegenzug dafür verlangen können – denn bei Gelegenheitssex ist der Mann nicht bereit, seine Ressourcen anzubieten. «Ja, warum in aller Welt machen die Frauen es dann, wenn sie ja keine Lust haben?», bloggt Marcotte.
Marcotte liegt mit ihrer Kritik sicherlich richtig, doch sollte sie sich nicht zu sehr über Baumeisters Analyse ärgern. Denn wer die aktuellen wirtschaftlichen Märkte beobachtet, weiss, dass jeder Markt von einem Tag auf den anderen auch wieder zusammenbrechen kann.
Nina Merli ist Reporterin bei Newsnetz.
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Michèle Binswanger am Dienstag den
23. August 2011
Brüste, auf die man neidisch sein darf: Salma Hayek.
Den Jackpot holte der Pailettenbikini. Oder vielmehr der Inhalt des Pailettenbikinis, das am Sonntag am selben Pool herumlümmelte wie ich. Die langen Hitzetage in der Badi bieten reichlich Gelegenheit, den menschlichen Körper in seinen vielfältigen Variationen zu studieren, wobei gewisse Körperteile interessanter sind als andere. Der Anblick des Busens im Pailettenbikini verzückte eine ganze Batterie gut bemuskelter junger Herren, die nur noch im Kreis schwammen, um die Aussicht zu würdigen. Eigentlich erstaunlich, wenn man sich klar macht, dass der Grund ihrer Begeisterung nichts anderes als ein Euter ist.
Mit Brüsten ist das so eine Sache. Man kriegt sie zum Eintritt in die Erwachsenenwelt spendiert, wie üblich ohne Gebrauchsanweisung. Glücklicherweise ergibt sich das Handling ziemlich schnell. Kompliziert wird es erst, wenn Kinder ins Spiel kommen. Und zwar von Anfang an. Es sind die leicht anschwellenden Brüste, die in den ersten Wochen der Schwangerschaft anzeigen, dass der Körper in die reproduktiven Hosen steigt, um neun Monate später ein fixfertiges Baby abzuliefern. Welches sich meist im ersten Akt als Menschenbürger zu eben diesen Brüsten gesellt, um zur oralen Nahrungsaufnahme zu schreiten. Oh verlorenes Paradies – kein Wunder sind Brüste dann auch der meist gesuchte Körperteil auf Pornoseiten im Internet, wie eine Studie zweier amerikanischen Neurowissenschafter ergeben hat.
Dass unser Verhältnis zu Brüsten ein denkbar seltsames ist, fiel mir erst auf, als es darum ging, sie meinem Baby in den Mund zu stecken, um es daran saugen zu lassen. Während der Schwangerschaft hatte mich meine Hebamme gefragt, ob ich denn gedächte zu stillen und ich antwortete: «Aber selbstverständlich.» Als es dann so weit war, kam es mir trotzdem seltsam vor, dass auf dem früheren Spielplatz meiner Liebhaber nun plötzlich eine Milchbar stand.
Dass Frauen ihre Kinder säugen, brachte das männliche Gehirn schon immer in Verlegenheit. Es entsprach nicht der kühnen Vision des Menschen, der sich über seine tierische Natur erhoben hat. Denn wie sehr man Brüste auch bewundern, ihnen Dessous kaufen und huldigen mag, am Ende des Tages dienen sie dazu, Milch für den Nachwuchs zu produzieren.
Als Zeugnis unserer tierischen Natur, der Existenz als Säugetier, war die weibliche Brust schon den Männern der Antike nicht ganz geheuer. Als gemeinsames Merkmal mit allen anderen Säugern machte sie die Frau besonders anfällig für den Ruf einer wilden, tierischen Natur. Viele Mythen erzählen von Babys, die an einer Tierbrust genährt wurden, bevor sie die Menschheit mit heldenhaften Taten beglückten. Aristoteles führte die Frau in einer Reihe mit Walen, Pferden und Schafen auf als Beispiel für Tiere, die ihre Nachkommenschaft säugen. Frauen wurden denn auch aus diesem Grund als unberechenbare, weniger intelligente und niedrigere Wesen klassifiziert, eine Ansicht, die sich Jahrhunderte lang grosser Beliebtheit erfreute – wobei der absurdeste Versuch, dies theoretisch zu begründen wahrscheinlich die freudsche Theorie vom Penisneid ist.
Inzwischen dürfte wohl allen klar sein, dass die Ansicht, die Frau sei ein niederes und tierischeres Wesen, auf den Müllhaufen der grössten menschlichen Irrtümer gehört. Nicht dass das Umgekehrte der Fall wäre – wir lieben euch Männer genau für das, was wir nicht sind. Aber wenn wir über Neid sprechen wollen, so muss man sich langsam fragen, ob nicht bald jemand den Brustneid entdecken möchte, den Neid des Mannes auf jene Besonderheiten der Frau, die ihm verwehrt sind. Die «Weltwoche» schreibt auf ihren Titel: «Können Frauen über Sex schreiben?» Brustneid! Frauen sollen nicht so lustig sein können wie Männer? Brustneid! Frauen sind Feminazis und Femastasen und Genderfaschisten? Brustneid! Das ist natürlich alles nicht ganz ernst gemeint, liebe Männer. Aber denkt mal darüber nach.
Und apropos Spass: Ihr habt wirklich allen Grund, neidisch zu sein. So ein paar Brüste ganz für sich zu haben ist doch ziemlich toll.
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«Sie zeigen Sex als absurd, peinlich und lustig»: Air-Sex-Einlage an einer Veranstaltung in Austin, Texas.
Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Am Montag konnten Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der TerminusSexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist. Am Dienstag hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet. Am Mittwoch lasen Sie den vergnüglichen Gastbeitrag von Julia Sweeney über Frösche und Analsex. Und gestern zeigte Michael Marti auf, weshalb ein Blick ins tiefste Mittelalter erhellend ist für unser Verhältnis zur Lust.
Womöglich ist dieser Sex ja die Lösung vieler unserer Sexprobleme. Denn jeder und jede kann ihn alleine tun und amüsiert damit erst noch andere. Die Redaktion des Internet-Magazins «Slate» jedenfalls zeigt sich geradezu begeistert vom Air Sex, von so viel auf der Bühne präsentierter Lust: «Die Veranstaltung zeigt Sex als absurd, peinlich und lustig – und genau so ist doch Sex.» Die Rede ist von einer «Air Sex»-Performance unlängst in Chicago, welche Teil einer grossen Air-Sex-Championship war, die durch die Vereinigten Staaten tourt.
Air Sex? Das sind Meisterschaften in vorgetäuschtem Sex. In der Regel 120 Sekunden Zeit haben die Sex-Sportlerinnen und Sex-Sportler – sie nennen sich Spider Pussy oder Erotic Otto –, um einen möglichst tollen Orgasmus möglichst eindrucksvoll vorzuspielen; sie praktizieren damit gewissermassen die geschlechtliche Variante der Luftgitarren-Duelle.
Hier das Beispiel eines prämierten und sehr unanständigen Blow Jobs, der auch unseren «Slate»-Kollegen ganz besonders gefiel.
Die Regeln beim Air-Sex sind denkbar simpel: Die Frauen und Männer dürfen keinen echten Orgasmus haben (ja, das gilt nicht), und sie dürfen nicht gänzlich nackt sein. Teilweise ausziehen ist allerdings erlaubt, genauso wie eindrückliche Hintergrundmusik. Ob es dabei gleich richtig zur Sache geht oder man vorher noch das Vorspiel vortäuscht, ist dem Geschmack der Teilnehmerinnen und Teilnehmer überlassen. Eine Jury bewertet schliesslich die Solo-Porno-Performance und kürt Siegerin und Sieger.
Ihren Ursprung hat die Sex-Pantomine in Japan, der mutmassliche Erfinder – gemäss Wikipedia ein Mann namens J-Taro Sugisaku – behauptet, Air Sex sei 2006 in Tokyo von einer Gruppe gelangweilter Männer ohne Freundinnen erfunden worden, aus der Sexualnot heraus quasi. Das tönt plausibel, jedenfalls wurde das Konzept in anderen Städten übernommen und in den USA gibt es mittlerweile eine Air-Sex-Championship, die durch die amerikanischen Metropolen tourt. Die dabei gebotenen Höhepunkte sind auf Youtube anzuschauen.
Eine Air-Sex-Gang-Bang-Nummer von Jugendlichen – nicht für die Bühne bestimmt, sondern direkt für Youtube. Und perfekt im Rhythmus der Musik.
Es ist viel und seit längerem schon von der Allmacht, der Tyrannei der Pornografie die Rede. So hiess es bereits 2001 im «Spiegel», wer die Zeitungen und Zeitschriften aufschlage, ins Kino oder Theater gehe, im Internet surfe, Fitness-Studios frequentiere, Modenschauen besuche oder einfach nur durch die Strassen spaziere, werde geradezu bombardiert mit «Bildern der Verführung und Ekstase, perfekter Schönheit und Appellen des Verlangens». Und neuerdings wird gar davon geschrieben, wie die Pornografie uns die Sexualität entführt habe (Gail Dines: «Pornoland – How Porno has Hijacked our Sexuality»). Wenn dies tatsächlich zutrifft, so ist Air Sex die definitiv witzigste und subversivste Antwort auf diese Entwicklung: eine Groteske nämlich auf die Pornofizierung.
Marie Dové ist Journalistin beim Online-Magazin«Clack»und schreibt regelmässig über die Themen Politik und Sexualität.
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Der heutige Beitrag ist ein Text der amerikanischen Schauspielerin und Komikerin Julia Sweeney, die beschreibt, wie ein Aufklärungsgespräch über Kaulquappen und Frösche zu Katzen und Hunden forschreitet und schliesslich bei homosexuellem Analsex landet. Wir publizieren den Text mit freundlicher Genehmigung des «Guardian» auf Deutsch.
Auch offene Eltern können ins Schwitzen kommen, wenn Kinder beharrlich wissen wollen, wie ES genau funktioniert: Schmusende Katzen.
Der Mamablog widmet dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Vorgestern konnte Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der TerminusSexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist – und was dies über unser Verhältnis zur Lust sagt. Gestern hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet.
Komikerin Julia Sweeney.
Eines Abends ass ich mit meiner neunjährigen Tochter Mulan in unserem Lieblings-Thai-Restaurant zu Abend. Wir kennen den Chef und Besitzer, der uns an diesem Abend die Froschschenkel in Pfeffersauce empfahl, was wir höflich ablehnten. Mulan sagte mir, sie hätten Frösche in der Schule durchgenommen und begann die grundlegenden Parameter zu erklären: «Also Mum, zunächst legen die Frösche ihre Eier in einen Teich, dann verwandeln sich die Eier zu Kaulquappen und die verwandeln sich dann in Frösche.»
Ich kniff die Augen zusammen. Biologie – Wissenschaft ganz allgemein – gehört nicht zu meinen Stärken. Immer wenn Mulan mir etwas über Wissenschaft erzählte, trug ich einen Ausdruck erstaunter Verwirrung und Fassungslosigkeit auf dem Gesicht. Ich hatte 12 Jahre lang eine katholische Schule besucht und dabei war man nie näher auf Biologie eingegangen. Das Thema Reproduktion vermied man fast gänzlich.
Also murmelte ich: «Uh….Yeah. Ich denke schon. Ich glaube aber, nur die weiblichen Frösche legen die Eier und diese werden dann von den Männchen befruchtet – obschon, so genau weiss ich es nicht.»
«Huh?», sagte Mulan, die aufmerksam zuhörte. «Was bedeutet ‹befruchten›?»
«Oh, das bedeutet, die Männchen haben diesen Stoff in sich, das ist wie eine Neben-Zutat, die man Sperma nennt. Das sprühen sie auf die Eier. Und so werden diese befruchtet. Es braucht sowohl die weiblichen Eier als auch das männliche Sperma und zusammen machen sie die neuen Kaulquappen.» Ich war wirklich stolz auf mich wegen dem Wort Neben-Zutat. Das war gut.
«Soooooo, also nur die Weibchen haben Eier», sagte Mulan. Ihre Augen wanderten zur Decke, während sie das alles aufnahm.
«Ja», sagte ich.
«Bei den Menschen auch?», fragte sie.
Lassen sie mich für einen kurzen Moment innehalten. Ich bekenne, dass ich mich für eine aufgeklärte, weltoffene, Sex-ist-keine-grosse-Sache-Mutter hielt. Ich war trotzdem nicht wirklich auf dieses Gespräch vorbereitet. Ich hatte ein paar Ratgeber gelesen und die schienen alle dasselbe zu sagen. Nämlich: Wenn das Kind anfängt, Fragen zu Sex zu stellen, soll man exakt auf die gestellte Frage antworten. Nicht mehr. Nicht ausbreiten, nicht zu viel mitteilen.
In diesem Sinne war ich auf dieses entscheidende Initiations-Gespräch vorbereitet. Ich würde nicht ihre Hand nehmen und mit wässrigen Augen erklären, auf welch wunderbare Weise Kinder gezeugt werden. Das hatte sie nicht gefragt. Sie wollte nur wissen, ob Menschenfrauen Eier haben. Die Antwort war klar und unzweideutig.
«Ja», sagte ich. Ich machte eine Pause. Ich versuchte ein anderes Thema zu finden, zu welchem wir wechseln könnten. Ich nahm einen grossen Bissen Mangosalat, der gerade serviert worden war.
Mulan fragte: «Wo haben die Frauen ihre Eier?»
«Nun», sagte ich, «dank der Evolution haben wir Frauen unseren eigenen Teich und zwar in unserem eigenen Körper. Dorthin legen wir unsere Eier, was doch sehr bequem ist, wenn man es mit den Fröschen vergleicht, weil wir uns keine Sorgen machen müssen über Gelege von anderen Fröschen. Es ist unser eigener Teich.
Ein Teich für sich allein – ich stellte mir Virginia Woolf vor, wie sie nachdenklich an ihrem eigenen Teich sitzt – und dann ertrinkt.
«Wo befindet sich der?» fragte Mulan, die Augen grösser denn je.
«Im Unterleib, innen, unter dem Bauchnabel, über der Vagina» Ich hatte es geschafft, präzise und gleichzeitig völlig vage zu antworten. Perfekt.
«Aber…wie werden die Eier dann befruchtet?»
«Vom Mann», sagte ich, und überlegte dabei, warum ich mich so ausgedrückt hatte, womöglich implizierend, dass es einen speziellen Mann gibt, der nur für diese Aufgabe da war. Unheimlich und verdreht. Und nicht korrekt.
Zum Glück kam in diesem Moment der Hauptgang. Ich spiesste ein paar grüne Bohnen auf und hoffte, dass Mulan vom Thema ablassen würde. Ich bemerkte, dass meine Augen herumwanderten, was mich an meine eigene Mutter erinnerte. Ich hatte es gehasst, wie seltsam und peinlich berührt diese sich immer verhalten hatte, wenn es ums Thema Sex ging. Jetzt gab mein eigener Körper dieselben Anzeichen von Unbehagen preis. Ich nahm einen tiefen Atemzug und lächelte Mulan auf extra entspannte Art zu.
«Aber wie kommt das Sperma in den Körper, um die Eier zu befruchten?» fragte Mulan.
Ich sagte: «Oh, ja. Das. Nun, das Sperma kommt aus dem männlichen Penis und gelangt von dort in die Vagina der Frau. Das geschieht, wenn die beiden das tun, was man ‹Sex-haben› nennt. Und so wird das Ei – normalerweise gibt es nur eines im weiblichen Teich – befruchtet.» Erst danach bemerkte ich, dass ich die Wörter Penis, Vagina und Sex in einem Sotto-Voce-Ton ausgesprochen hatte. Auch etwas, was meine Mutter getan hätte. Selbsthass schwoll in meiner Brust.
Mulan musste ihre Gabel niederlegen. Ihr Gesicht verzog sich vor Widerwillen. Dort entstehen also die menschlichen Babys? Dort, wo man auch aufs WC geht? Mum!» Ihre Stimme wurde lauter.
«Ja», sagte ich und sah mich dabei verschwörerisch um. «Ich weiss», seufzte ich. «Es ist verrückt. Daran muss man sich erst mal gewöhnen.»
«Eklig», murmelte Mulan.
«Ja, ich weiss. Es ist, könnte man sagen, als ob man die Kehrichtabfuhr direkt neben den Vergnügungspark gebaut hätte. Miserable Stadtplanung.»
«Was?», fragte Mulan.
«Der Punkt ist», führ ich fort, «wir haben uns so entwickelt. Dort passiert das alles. Und obschon Aufs-WC-Gehen und Sex-haben dieselbe Region betrifft, hat beides nichts miteinander zu tun.» Ich hätte hinzufügen können: «Mit Ausnahme einiger Menschen, bei denen sich das psychologisch alles vermischt hat, was meiner Meinung nach ganz schön gruselig ist, aber moralisch nicht unbedingt falsch, und naheliegend im wörtlichen Sinn.» Aber das schien etwas zu weit zu gehen, also versuchte ich einen sanften Richtungswechsel unseres Gesprächs.
«Es ist wie mit deiner Nase und deinem Mund», sagte ich. «Beide liegen im Gesicht nahe beieinander, aber du würdest keine Bohne in deine Nase stecken.» Mulan schenkte mir ein Lächeln, das die untere Zahnreihe freilegte und gluckste in sich hinein. Dann kehrte sie zum Thema zurück.
«Aber Mum», fragte sie, «wie kann das denn geschehen? Mann und Frau können ja nie nackt zusammen sein.»
«Nun», erklärte ich, «wenn die Leute etwas älter sind – viel, viel älter als ein Kind – wenn sie also älter und sich einig sind, dass sie das wollen, unter sehr speziellen Umständen, zum Beispiel wenn sie sich lieben, nun, dann können sie zusammen nackt sein.»
«Aber wie können sie wissen wann?» fragte Mulan. «Sagt zum Beispiel der Mann: Ist jetzt die Zeit gekommen, meine Hose auszuziehen?»
Wir sahen uns einen Moment an.
«Ja», sagte ich. «Genau so läuft es.»
Zu meiner grossen Erleichterung schien Mulan mit dieser Erklärung zufrieden zu sein und begann mit Appetit zu essen. Wir sprachen nun über andere Dinge.
Als wir nach Hause fuhren schien Mulan ungewöhnlich still. Ich blickte von Zeit zu Zeit in den Rückspiegel. Sie sass auf dem Rücksitz und starrte aus dem Fenster. Die Strasse war voller Menschen.
Plötzlich lachte Mulan.
«Was?» fragte ich.
«Mum, du wirst so sehr lachen.»
«Warum?»
«Mum, du wirst nicht glauben, was ich dachte, dass du es im Restaurant gesagt hättest. Es ist so lustig. Ich dachte, du hättest gesagt, der Mann steckt seinen Penis in die Vagina der Frau, also innen – und dass so Babys gemacht werden. Ist das nicht einfach hysterisch?»
Pause.
«Genau das habe ich gesagt», antwortete ich.
«Oh», sagte Mulan. Ihr Gesicht verwandelte sich von Freude zu Ernsthaftigkeit. Es gab eine lange Stille. Sie starrte aus dem Fenster, nahm das alles auf.
Sie fragte: «Was, wenn die Menschen einfach auf der Strasse zueinander gehen und ES tun würden?» Unsere Augen trafen sich im Spiegel, ihre Augenbrauen zusammengezogen. Sie sah weg, wieder auf die Strasse hinaus.
An diesem Punkt beschloss ich, dass es am besten sei, das Thema zu behandeln, als wäre ich eine Art leidenschaftloser Anthropologe, der das Paarungsverhalten einer anderen Spezies diskutiert. «Der Mensch ist gern privat, wenn es zu Sex kommt. Menschen sind diesbezüglich anders als andere Tiere. Sie ziehen sich zurück, um Sex zu haben.»
Mulan fragte: «Was, wenn du auf eine Party gehen würdest und dort gäbe es ein paar Männer und Frauen und sie würden plötzlich anfangen ES zu tun? Könnte das pasieren?»
«Nein», log ich. «So etwas würde nie passieren. Denn Menschen sind in dieser Hinsicht sehr privat».
Ich versteifte meinen Rücken. Genau so wie meine Grossmutter, die Mutter meiner Mutter es getan hatte. Mein Unbehagen reichte weiter zurück als das meiner Mutter, bis in die Gräber der nächsten Generation von Unbehagen. Die Toten leben.
«Mum», sagte Mulan grabesschwer, «hast du das jemals getan?»
«Ja», sagte ich flach.
«Aber Mum, du kannst keine Kinder haben», sagte Mulan.
«Das ist so», sagte ich.
«Nun, wenigstens musst du DAS nicht mehr machen.» Mulan seufzte. Sie tönte erleichtert.
Nach einem kurzen Moment sagte ich: «Nun, wenn du jemanden wirklich liebst und du bist erwachsen, dann willst du es tun, sogar wenn du keine Babys haben kannst.»
Stille. Mulan starrte nachdenklich zum Fenster hinaus. «Aber Mum, wie können die Leute so was tun? Ich meine, wie machen sie das mit ihren Beinen? Nicht jeder kann schliesslich den Spagat.»
Ah, die Perspektive der stolzen Gymnastikerin. Mulan begann sich darauf zu fixieren, wie das mit den Beinen geht während dem Sex. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie das körperlich möglich wäre, sogar wenn jemand den Spagat kann. Schliesslich sagte ich: «Mulan, die Leute kriegen das mit den Beinen irgendwie hin. Sie schaffen es.»
«Oh», sagte Mulan. Sie wurde still und wir kamen zu Hause an. Als wir aus dem Wagen stiegen, sahen wir unsere Katze Val im Vorgarten sitzen und die letzten Sonnenstrahlen geniessen. Sie rollte sich auf den Rücken.
«Wie steht es mit Katzen, wie tun sie es?» fragte Mulan.
«Im Grunde ist es immer dasselbe Prinzip», sagte ich.
«Aber wie machen sie es mit den Beinen?», fragte sie.
Sie, nun, ich glaube, das Männchen steht hinter dem Weibchen und…und…sie tun es einfach, Mulan», sagte ich, verärgert und enttäuscht, dass ich nicht mehr zustande brachte als «sie tun es einfach».
Das mit den Beinen zu kann wirklich zum Problem werden: Hunde nach der Paarung.
Wir kamen ins Haus und unser Hund Arden, der sich über unsere Rückkehr freute, sprach an uns herauf. «Wie steht es mit Hunden?», fragte Mulan. Diese Möglichkeit hatte sie zuvor nie in Erwägung gezogen.
«Dasselbe», sagte ich. «Es ist eigentlich bei allen Säugetieren mehr oder weniger dasselbe.»
«Aber was passiert mit ihren Beinen?» fragte Mulan.
«Schau», sagte ich, ermüdet vom Thema , «ich kann es dir nicht besser beschreiben. Vielleicht können wir uns das Ganze auf Wikipedia anschauen oder so, dann siehst du es.»
Also gingen wir ins Büro, starteten den Computer auf und gingen ins Internet. Ich googelte: Katzen Paarung. Natürlich gab es tausend Videos auf Youtube. Wir sahen uns ein paar an. Mulan war fasziniert. Sie bewegte ihr Gesicht immer näher zum Monitor.
«Nun, was ist mit Hunden?» fragte sie. Also sahen wir uns ein paar Hunde-Videos an. Sie legte mir die Hand auf den Arm.
Hier kommen wir zu einem anderen zeitlosen Moment. Wie bei einem Unfall, wenn alles sich verlangsamt. Ich konnte meinen Atem hören, als ob ich plötzlich einen Astronautenanzug aus dem Film «2001 – Odyssee» im Weltraum tragen würde. Mulans Hand schien in Zeitlupe nach meinem Arm zu greifen. Ich glaube, ich nahm es so wahr, weil mir augenblicklich bewusst wurde, wo das hinführen würde.
«Mum, glaubst du es gibt im Internet auch Filme von Menschen, die sich paaren?»
Ich bin ein Monster. Ein inkompetentes Monster von einer Mutter.
Ich lächelte und sagte fest: «Nein, das gibt es nicht. Denn Menschen sind gern privat.» Und dann: «Was meinst du zu einem Eis?»
Wodurch ich ihr natürlich vermittelte, dass bei heiklen Fragen zum Thema Sex Essen die Antwort war.
Später fragte Mulan: «Was ist mit Roger und Don – wie tun sie es?» Damit bezog sie sich auf ein befreundetes homosexuelles Paar.
«Ich weiss es nicht» sagte ich.
Gut, ich hatte versagt. Ich dachte, zwischen den Fragen nach Fröschen und dem Sexualverhalten von Homosexuellen bliebe mir etwas mehr Zeit, als nur zwei oder drei Stunden.
Mulan ging ins Bad und blieb etwas länger als üblich. Später sagte sie beiläufig: «Ich glaube, ich weiss, wie Roger und Don es tun.»
«Ach ja?» fragte ich.
«Ja, Mum, es gibt da unten noch ein anderes Loch, wo man auch aufs WC geht. Vielleicht, du weisst schon, benutzen sie das.»
Hier haben wir meine neunjährige Tochter, die gerade das Prinzip von Analsex entdeckt hat. Klug, wissbegierig, problemlösungsorientiert, ein Spock, was Objektivität anbelangt, total unzimperlich. Ihr Herz sei gesegnet.
«Vielleicht», sagte ich und zuckte die Schultern, um zu signalisieren: Siehst du, wie locker ich bin?
«Aber Mum», fragte sie, «wie steht es mit zwei Frauen? Wie tun Eileen und Karen es?»
«Ich… ich…», antwortete ich, geschlagen.
«Ruf doch Karen an und frage sie», sagte Mulan.
«Nö», sagte ich und tat so, als ob ich die Zeitung läse.
Mulan schob ihr Gesicht direkt vor das meinige. Sie sah angewidert aus. «Mum, bist du nicht einmal neugierig?»
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Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Andrea Fischer
Andrea Fischer ist freischaffende Journalistin und Autorin des Buches «Das ganz normale Familienchaos», einem «Ratgeber für Eltern mit Herz und Humor». Sie lebt mit Tochter, Sohn und Mann in Zürich.