Leben


Archiv für die Kategorie „Sex/Partnerschaft“

Der lustlose Mann

Michèle Binswanger am Dienstag den 6. Dezember 2011
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Zeit, sich von den Rollenklischees zu verabschieden: Steve Carell hat im Film «40-Year-Old Virgin» wenig Freude am Sex (vorerst).

Es ist immer mal wieder gut, die eigenen Klischees auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Auch wenn dies manchmal bedeutet, kopfvoran in einen grossen Fettnapf zu springen und sich danach mühsam aus der Suppe herauszuwinden. So ging es mir kürzlich, als ein Freund über die Schwierigkeiten mit seiner Freundin berichtete. Naiv wie ich bin, empfahl ich das Allerweltsheilmittel: «Vielleicht solltet ihr mehr miteinander schlafen.» Er zuckte die Schultern: «Ich weiss. Das will sie ja dauernd. Aber mir ist die Lust vergangen.»

Ich schwieg eine Runde, während mein Freund mir von seinen Strategien erzählte, Sex zu umgehen. Ich weiss nicht, ob es an der Vorweihnachtszeit liegt, am Zimt im Weihnachtsgebäck oder anderem. Ich höre nicht zum ersten mal vom Problem, dass Männern die Lust auf Sex vergeht. Aber noch nie von einem Mann selbst.

Vielleicht sollte ich das auch von mir gern bemühte Klischee der männlichen Pfadfinder-Sexualität, die sich mit dem Kampfschrei «Allzeit Bereit!» auf jede Gelegenheit stürzt, nochmals überdenken. Zumindest in Familien, gerade mit kleinen Kindern, sind die Rollen mitnichten immer so eindeutig verteilt. Die Transformation von der Frau zur Mutter, dem Mann zum Vater, dem Paar zur Familie und der Baby- und Arbeitsstress können sich empfindlich auf die Sexualität auswirken. Und öfter als man denkt, sind es die Männer, denen die Lust vergeht. Auch wenn es gerade für sie schwierig ist, das zuzugeben, da unser Bild männlicher Virilität eng mit Sexualität verknüpft ist.

Dies jedenfalls legen verschiedene Experten nahe. Das «bestgehütete Geheimnis der Männer», nennt es Michele Weiner Davis, die Autorin des Buchs «The Sex-Starved Wife: What to Do When He’s Lost Desire». Studien zeigten zwar immer wieder, dass Männer sich in ihren Beziehungen eher mehr Sex wünschten, aber die Differenz zwischen den Geschlechtern sei viel weniger gross, als man gemeinhin annehme. Deutschlands «grösste Sexstudie», für welche die Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung in Zusammenarbeit mit der City University London im Jahr 2008 rund 56′000 Personen befragte, ergab, dass sich zwar rund 60 Prozent der Männer mehr Sex in der Beziehung wünschen, aber auch 50 Prozent der Frauen. Und die Hamburger Uniklinik Eppendorf stellte per Umfrage fest, dass die 18- bis 30-jährigen Männer nur noch vier bis zehn Mal im Monat beischlafen – vor dreissig Jahren lag dieser Wert angeblich bei 22-28 mal im Monat.

Bleibt die Frage nach dem Warum. Haben die 60 Prozent Männer, die sich mehr Sex wünschen, einfach das Pech, nicht mit den 50 Prozent verheiratet zu sein, die das ebenfalls möchten? War es vielleicht immer schon so, aber die Männer trauen sich erst heute darüber zu sprechen? Ist es die Wirtschaftskrise, welche die Männer auslaugt, sind sie vielleicht von den fordernden und sexuell aggressiver werdenden Frauen eingeschüchtert? Oder verbringen sie ganz einfach zu viel Zeit mit ihren Pornos im Internet, um von einer realen Frau noch erregt zu werden?

Die Antwort dürfte kompliziert sein, zumal es ja um Sex in der Paarbeziehung, mithin um ein System mit gegenseitiger Abhängigkeit geht. Und so ist die Situation weder für die lustlosen Männer, noch die verschmähten Frauen erquicklich. Denn Frauen, denen der Mann nicht permanent nachstellt, fühlen sich auch hier im Gegensatz zum Klischee, nicht unbedingt erleichtert, im Gegenteil. Es bleibt also nur die Wahl zwischen zähneknirschender Enthaltsamkeit oder ausserehelichen Aktivitäten – dem meist genannten Grund, wenn es darum geht, die Scheidungsrate von 54 Prozent zu erklären.

Vielleicht glauben Sie, dass diese Frage nicht wichtig ist. Nicht jeder hat gleich viel Lust, was soll‘s? Aber da wir Männer und Frauen ja einen Weg miteinander finden sollten und Sexualität eine im Grunde doch erfreuliche Austauschform zwischen den Geschlechtern ist, wäre es doch an der Zeit, auch diese von Rollenklischees und den damit verknüpften Moralvorstellungen zu befreien. Männer müssen nicht immer können und wollen. Und Frauen sind nicht automatisch Schlampen, wenn ihr Trieb stärker ist. Entscheidend ist, dass man beginnt, darüber zu sprechen und die ganze Bandbreite der Möglichkeiten zu bedenken.

Die Sexualisierungs-Hysterie

Michèle Binswanger am Dienstag den 15. November 2011
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Darf Sexualität in der Schule nicht thematisiert werden? Szene aus dem Broadway-Musical «Spring Awakening», eine Adaptation von Wedekinds «Frühlings Erwachen». Im Bild: Lea Michele («Glee») als Wendla und Jonathan Groff als Melchior, 2006. (Foto: AP)

Die Debatte um die «Sexualisierung der Volksschule» geht mit dem Fall des Gymilehrers, der im Oktober vor dem Richter antraben musste, weil er im Literaturunterricht anhand klassischer Werke die Themen Pubertät und jugendliche Sexualität behandelte, in eine neue Runde. Die Geschichte ins Rollen gebracht hatte eine besorgte Mutter im Jahr 2009. Sie zeigte den Lehrer des Literaturgymnasiums Rämibüel an, weil er seine 14- bis 15-jährigen Schüler im Literaturunterricht mit «pornographischen Werken» konfrontierte. Stein des Anstosses waren Romane wie Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen» oder «Warum das Kind in der Polenta kocht» von Aglaja Veteranyi, in denen es um das sexuelle Erwachen in der Pubertät geht – mit allen Abgründen und wo entsprechend auch sexuelle Handlungen beschrieben werden.

Der Lehrer wurde Anfang Oktober vom Vorwurf der Pornographie freigesprochen, doch das Thema bleibt brisant. Die Diskussion und die Fronten dürften Ihnen bekannt sein. Über die Frage, wie und ab welchem Alter das Thema Aufklärung in der Schule stattfinden soll und darf, wird inzwischen auch auf politischer Ebene gestritten. Die SVP erkannte das soziale Erregungspotenzial dieses Themas und benutzte es im Wahlkampf als Speerspitze für ihren Kampf gegen den Lehrplan 21. Mit einem Komitee gegen die «Sexualisierung der Volksschule» agitierte die Partei im Verbund mit fundamentalen Christen und Freikirchen gegen Pädagogen und Sexualtherapeuten und gegen die Pläne des Bundes, Sexualunterricht in den Lehrplänen der Volksschule zu verankern. Und so gab man sich auch nach dem Freispruch des Lehrers nicht mit einer Niederlage zufrieden. Vergangene Woche haben Kantonsparlamentarier aus der SVP einen Vorstoss eingereicht mit der Frage, wie künftig bei der Schul-Literatur die «Grenzen zum Zumutbaren» zu definieren seien.

Nun ist es zu begrüssen, wenn Eltern sich darum kümmern, was ihre Kinder in der Schule lernen. Naheliegend ist auch, dass beim Thema Sexualität Ängste ausgelöst werden und Eltern sich eine breitere Diskussion über den Umgang mit den entsprechenden Inhalten in unserem Bildungssystem wünschen. Der Fall des Zürcher Lehrers zeigt aber auch, wie viel Hysterie dahintersteckt und dass bei den Grabenkämpfen zwischen dem liberalen und dem konservativen Lager das Kind leicht mit dem Bad ausgeschüttet werden kann. Bei den zur Diskussion stehenden literarischen Szenen handelte es sich laut der «NZZ am Sonntag» etwa um folgende Passage aus «Frühlings Erwachen»:

(. . .) Wendla: Nun geh’ ich erst recht nicht. Warum kommst du nicht mit auf die Matte hinaus, Melchior? – Hier ist es schwül und düster. Werden wir auch naß bis auf die Haut, was macht uns das!

Melchior: Das Heu duftet so herrlich. – Der Himmel draußen muß schwarz wie ein Bahrtuch sein. – Ich sehe nur noch den leuchtenden Mohn an deiner Brust – und dein Herz hör’ ich schlagen.

Wendla: Nicht küssen, Melchior! – Nicht küssen!

Melchior: – Dein Herz – hör’ ich schlagen –

Wendla: – Man liebt sich – wenn man küßt – – – – – – – Nicht, nicht! – – –

Melchior: O glaub mir, es gibt keine Liebe! Alles Eigennutz, alles Egoismus! – Ich liebe dich so wenig, wie du mich liebst.

Wendla: – Nicht! – – – Nicht, Melchior! – –

Melchior: – – – Wendla!

Wendla: O Melchior! – – – – – – – – – nicht – – nicht – –

Aufschlussreich sind diesbezüglich zwei Leserbriefe im «Tages-Anzeiger» vom Samstag. Im einen Brief mäandert Corina Elmer von der Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung um die Frage, von wem die Inititatve ausgegangen sein mochte, gerade diese Werke zu lesen und sie stellt die Frage, «ob der Deutschunterricht der geeignete Rahmen für ein Gespräch über jugendliche Sexualität» sei. Aber ging es dem Lehrer tatsächlich um die beanstandeten Themen oder rückten diese nicht viel mehr von einer anderen Frage her in den Fokus, nämlich wie Schriftsteller mit literarischen Verfahren das Leben und die Welt erfassen? Und gehört zum Menschen und zur Welt, gerade auch aus der Perspektive des Heranwachsenden, nicht auch das Thema Sexualität? Heute sogar mehr denn je? Und bietet nicht gerade die Literatur eine Chance, Jugendlichen zu zeigen, wie tief diese Themen mit unserem Menschsein verbunden sind, zumal sie ja heute ohnehin und in äusserst abstrakter Weise damit konfrontiert sind? Könnte nicht die Literatur einen Weg bieten, über die tiefere Bedeutung unserer Pornographisierungsdiskussion nachzudenken?

In diese Richtung geht der andere Leserbrief im «Tages-Anzeiger» vom Samstag. Darin melden sich vier Schülerinnen des angeklagten Lehrers zur Sache selber zu Wort. Sie seien, sagen sie, während des ganzen Verfahrens um diesen Lehrer als Direktbetroffene nie zur Sache befragt worden. «Wir hätten der Staatsanwältin gerne Auskunft gegeben und auch jetzt den Herren und Damen im Kantonsrat den Wind aus den Segeln genommen, welche zum Angriff auf die freie Lektürewahl, auf die Literatur und damit auf die Freiheit selbst blasen», heisst es darin. Vielleicht ist es an der Zeit, die in politischen Gremien und in den Zeitungsspalten geführte Meta-Diskussion über die Sexualisierung der Gesellschaft und der Schule in die Lebenswelt zurückzuholen – zumal es im vorliegenden Fall ja gar nicht um Aufklärung im engeren Sinne ging, sondern um die Frage, mit welchen literarischen Verfahren sich diese Grundthemen darstellen lassen. Und sollten im Zweifelsfall nicht die direkt Betroffenen dazu befragt werden, die Schülerinnen und Schüler – zumindest, wenn der Unterricht auf einer Altersstufe stattfindet, auf der das Thema ohnehin an die Schülerinnen und Schüler herangetragen wird?

Was meinen Sie?

Korrigendum: Es war nicht wie ursprünglich behauotet die «Sonntagszeitung», die die beanstandete Szene aus Wedekinds «Frühlingserwachen abdruckte, sondern die «NZZ am Sonntag». Für diesen Fehler möchten wir uns entschuldigen.

Wie hält man eine Ehe zusammen?

Michèle Binswanger am Donnerstag den 6. Oktober 2011
Sie kennen das Geheimnis einer intakten Ehe - nur verraten können sie es nicht.

Sie kennen das Geheimnis einer intakten Ehe – nur verraten können sie es nicht: Melanie Griffith und Antonio Banderas.

Melanie Winiger und Stress sind auseinander und wir haben jetzt nur noch Francine Jordi und Florian Ast, um die Lücke zu füllen, was natürlich so ist, als würde man von einem Rennpferd auf einen Maulesel umsatteln. Aber das ist egal, denn aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie nach gebührender Zeit ihrem «Liebeshoch» eine «schockierende Trennung» hinterherschicken. Dann beginnt das grosse Heucheln (sie waren so ein schönes Paar!) und Titel-Dichten (Irgend ein Wortspiel mit Ast wird sich schon finden), Hauptsache, es lassen sich viele Frage- und Ausrufezeichen verwenden, denn ein solches «Ehe-Aus!» ist der feuchte Traum eines jeden Boulevard-Journalisten.

In meiner journalistischen Ausbildung hiess es immer: Die Meldung «Hund beisst Mann» hat keinen Newswert, «Mann beisst Hund» hingegen schon. Wenn es um Ehekrisen geht, hat sich die Medienmaschinerie aber ganz der «Hund beisst Mann»-Meldung verschrieben. Obschon der umgekehrte Fall, dass eine Beziehung funktioniert, heutzutage aussergewöhnlich ist und darüber zu berichten innovativer wäre – und schwieriger, weil radikal persönlich. So war es zu Anfang von Roger Federers Karriere beispielsweise ein beliebtes Hobby der Sportredaktoren, sich über Mirka Federer lustig zu machen und darauf zu wetten, wann der Tennis-Held sie verlassen würde. Oder ihn als langweilig zu verhöhnen, weil er es nicht tat. Wahrscheinlich, weil die Spötter an seiner Stelle nichts Eiligeres zu tun hätten, als sich ein silikon-optimiertes Spielzeug anzulachen und mit Geld zu füttern, damit es bei öffentlichen Anlässen den eigenen vermeintlichen Status repräsentieren solle. In ihrem beschränkten Horizont hatte die Vorstellung eines Menschen, der in einer Beziehung nicht Oberfläche, sondern Tiefe und Beständigkeit sucht, einfach keinen Platz.

Aber es gibt sie trotzdem, Paare, die an der Liebe zum anderen festhalten. Man liest selten von ihnen, aber wenn, dann kann man daraus meistens etwas lernen. Zu ihnen gehören zum Beispiel Antonio Banderas und Melanie Griffith. Seit 17 Jahren sind sie ein Paar und eine Patchworkfamilie, haben Ehekrisen und Suchtprobleme gemeinsam durchgestanden – und sprechen immer noch sehr liebevoll übereinander. In einem getrennt geführten Interview mit dem AARP-Magazine gaben die beiden einen Einblick in die Geheimnisse ihrer Ehe, auf welchen Vorstellungen und Werte sie beruht – und warum sie funktioniert, obschon die beiden offensichtlich sehr verschieden sind.

Die beiden heirateten 1996 – zu dieser Zeit hatte Banderas eine gescheiterte Ehe hinter sich, Melanie Griffith zwei, aus denen zwei Kinder hervorgegangen waren. Griffith war bereits ein grosser Star, Banderas stand noch ganz am Anfang seiner Hollywood-Karriere. Er habe Melanie schon immer bwundert, sagte Banderas, und als er sie dann kennengelernt habe, sei es um ihn geschehen gewesen: «Ich sah diese süsse, verletzliche Seele, lustig und smart und grosszügig. Ich sah sie mit ihren Kindern und sie war so schön als Mutter» hält er fest. Was für eine Liebeserklärung.

Was denn nun das Geheimnis für ihre bereits siebzehn Jahre dauernde Ehe sei, will der Interviewer wissen. «Das Geheimnis ist, dass wir beide schon mal gescheitert waren», sagt Banderas. Liebe sei anfangs ein grosser Rausch, aber es bleibe nicht so. Darüber hätten er und Griffith viel gesprochen. «Werden wir den Fehler machen, dauernd nur zurückzuschauen auf diesen Zustand? Oder werden wir vorwärts schauen und Universen schaffen, die anders sind?» Dieser Rausch verschwinde, aber man finde stattdessen etwas Anderes, Besseres. Die Bedeutung von familiärer Wärme und eines Heims und dass man zusammen stärker sei. In Krisenzeiten gelte es, geduldig zu sein, bis sich Licht am Ende des Tunnels zeigte. Und Krisen hätten sie gehabt, wie jedes andere Paar auch – so kämpfte Griffith jahrelang mit Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. «Aber wir sprachen offen darüber. Sie kämpfte wie eine Löwin. Ich wusste nicht, dass sie so stark ist. Und das macht meine Liebe nur noch grösser.» Am Schluss hätten sie das Problem alle zusammen als Familie ausgestanden.

Griffith zeichnete ihrerseits im separat geführten Interview ein leicht anderes Bild des Ganzen. Zum Beispiel berichtet sie über ihre erste Begegnung: «Die erste Frage, die er mir stellte, war nach meinem Alter», erinnert sie sich. «Niemand hatte mir je als erstes eine so unhöfliche Frage gestellt. Aber er hatte etwas. Er hat es immer noch. Ich liebe ihn einfach.» Auch was ihre Suchtprobleme angeht, gab sie zu erkennen, dass sie sich von der Seite ihres Mannes mehr Engagement gewünscht hätte. «Er war unterstützend, so weit er kann. Ich wünschte, er würde mich einmal zu einem Meeting begleiten, aber ihm ist das fremd. Ich meine das aber nicht gegen ihn, er war immer an meiner Seite. Er ist wirklich der tollste Kumpel.»

Zum Schluss noch die Killerfrage: Was ist mit Treue, wie widerstehen Eheleute der Versuchung? Hier Banderas Antwort zusammengefasst: «Das ist sehr persönlich. Wie geht man mit Sexualität in der Ehe um? Wie kann man sie so gehaltvoll gestalten, dass man sich nicht nach etwas anderem umsehen muss? Welche Dinge sagt man, oder wird man sie immer anlügen? Man sollte sich gegenseitig zugestehen können, dass man auch andere Personen attraktiv findet. Die Frage ist, wie weit lässt sich das beugen? Jeder braucht Wasser, aber ich werde nicht gleich den ganzen Pool leer trinken. Man muss wissen, wo die Grenzen liegen.»

Das gilt natürlich nicht nur für die Sexualität, es gilt buchstäblich für jede andere Frage der Gemeinsamkeit auch. Wie viel Nähe und Distanz brauchen beide Partner, wie viel gibt man Preis und was behält man für sich, wie sehr zeigt man sich und wie viel darf im Verborgenen bleiben? Wie viel Raum gesteht man dem anderen zu und welchen beansprucht man für sich selbst? Darauf gibt es genauso wenig eine allgemein gültige Antwort wie auf die Frage, wie man ein künstlerisches Meisterwerk schafft. Vielleicht ist eine Ehe nichts anderes als ein Kunstwerk. Man hat eine Inspiration und dann arbeitet man das Ganze nach seinen Möglichkeiten aus. Am Schluss entsteht etwas radikal Individuelles. Einfach ist es nicht, aber im besten Fall ist es eine Inspiration und ein Geschenk für viele andere Menschen. Auch wenn die Medien es einfach nur langweilig finden.

Der Sexmarkt

Nina Merli am Donnerstag den 29. September 2011
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Forscher behaupten, dass Frauen Angebot und Nachfrage beim Sex in der Hand haben, weil er sie nicht wirklich interessiert: Seitensprungszene aus «Combien tu m'aimes» mit Monica Bellucci und Bernard Campan (l.).

Was wurde in Sachen Sexualität schon alles erforscht, analysiert, interpretiert und anschliessend von anderen Forschern widerlegt. So untersuchte etwa die amerikanische Biophilosophin Elisabeth A. Lloyd über zwanzig verschiedene Theorien zur Evolution des weiblichen Orgasmus und kam zum Schluss, dass dieser – biologisch gesehen – völlig überflüssig sei, sozusagen ein evolutionäres Nebenprodukt, wie auch die männliche Brustwarze. Lloyds Studie wurde kurz darauf vom amerikanischen Biologieprofessor John Alcock widerlegt: Der weibliche Orgasmus sei sehr wohl kein Fehler der Evolution, sondern ein helfender Mechanismus bei der Zeugung der Nachkommenschaft. Über Sinn und Unsinn des weiblichen Orgasmus streiten sich Experten übrigens auch noch nach sieben Jahre seit Erscheinen der Studie.

Und heute? Derzeit stehen die wirtschaftlichen Aspekte zwischen Mann und Frau im Fokus der Wissenschaftler. So wird der Umgang mit Geld von Paaren untersucht, denn immerhin entscheide laut Jutta Allmendinger (Leiterin des Forschungsprojekts «Gemeinsam leben, getrennt wirtschaften – Grenzen der Individualisierung in Paarbeziehungen») der «Umgang mit Geld, ob sich Menschen ineinander verlieben». Und der aktuelle Bestseller «Erotisches Kapital» der britischen Soziologin Catherine Hakim zeigt auf, dass feministische Scheuklappen Frauen jahrzehntelang nicht weitergebracht haben und plädiert dafür, dass man mit gezielt eingesetzter Attraktivität den Weg an die Spitze der Gesellschaft schafft, wo ja schliesslich alle hin wollen. Dass Feministinnen bei erotischem Kapital «als Erfolgsgeheimnis im Leben und im Beruf» auf die Barrikaden gehen, liegt auf der Hand.

Nun ist aber eine weitere kontroverse Studie erschienen, die das Hakim-Bashing für eine Weile stoppen könnte: Der Wissenschaftler Roy F. Baumeister der Florida State University hat heterosexuelle Beziehungen von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet und als einen Markplatz bezeichnet, «wo Männer versuchen, Sex von Frauen zu erhalten, indem sie ihnen andere Ressourcen anbieten». Als Basis für die vielbeachtete Studie («Sexual Economics: A Research-Based Theory of Sexual Interactions – or Why the Man Buys Dinner») diente dem Psychologen eine Befragung von über 300′000 Menschen aus 37 Ländern, die ihn zu folgendem Schluss brachte: Frauen sind Verkäuferinnen aber keine Konsumentinnen von Sex und Männer sind Käufer aber keine Produzenten. Im Klartext: Frauen regeln das Angebot, wobei verschiedene Faktoren den Sex-Preis beeinflussen.

Wertsteigernd sind etwa ein attraktives Aussehen, das Alter, die Kleidung aber auch die Tatsache, ob andere Männer hinter derselben Frau her sind. Auch das Umfeld des Sex-Marktes kann den Preis in die Höhe schnellen lassen, wenn etwa mehr Männer als Frauen vorhanden sind (Nachfrage ist höher als das Angebot) und vor allem keine oder nur wenige alternative Gelegenheiten für sexuelle Befriedigung vorhanden sind. In diesem Fall sieht es für die Männer nicht sehr gut aus, da sie den von Frauen definierten Verkaufsbedingungen ausgeliefert sind. Sprich: Es müssen schon sehr attraktive Ressourcen (Geschenke, Aufmerksamkeit, Exklusivität, Verpflichtungen, Verlobung, Ehe, Kinder) angeboten werden, damit der Handel überhaupt zustande kommt.

Umgekehrt haben Männer ein leichtes Spiel, wenn die Frau nicht sehr attraktiv ist, oder sich mehr Frauen als Männer auf dem Markt befinden (Angebot ist grösser als die Nachfrage). Am deutlichsten lasse sich das Angebot-Nachfrage-Modell an der Ehe messen. Der Zusammenbruch des sexuellen Handels in der Ehe sei darauf zurückzuführen, dass Frauen, weil sie alles erreicht hätten, was sie erreichen wollten, keinen Sex mehr anbieten. Diese doch sehr einseitige und auch sehr mathematische Analyse konnte die berühmte feministische US-Bloggerin Amanda Marcotte nicht unkommentiert lassen. Als störend empfindet die Bloggerin nicht unbedingt die Tatsache, dass Baumeister sexuelle Beziehungen anhand eines wirtschaftlichen Markplatzes erklärt, sondern vielmehr die Voraussetzung für seine Angebot-Nachfrage-Studie. Nämlich dass Frauen grundsätzlich nicht an Sex interessiert sind. «Baumeister behauptet, verheiratete Frauen sind nicht daran interessiert, er sagt aber auch, dass Single-Frauen nicht an Gelegenheitssex interessiert sind», schreibt Marcotte. «Ein Commitment törnt uns nicht an, etwas Neues törnt uns nicht an, scheint ganz so, als ob uns gar nichts antörnt.» Baumeister gestehe den Frauen keinerlei Motivation für Sex, kritisiert Marcotte. Nicht einmal für Gelegenheitssex. Baumeister argumentiere, dass Frauen weder diese Art von Sex wünschen, noch etwas im Gegenzug dafür verlangen können – denn bei Gelegenheitssex ist der Mann nicht bereit, seine Ressourcen anzubieten. «Ja, warum in aller Welt machen die Frauen es dann, wenn sie ja keine Lust haben?», bloggt Marcotte.

Marcotte liegt mit ihrer Kritik sicherlich richtig, doch sollte sie sich nicht zu sehr über Baumeisters Analyse ärgern. Denn wer die aktuellen wirtschaftlichen Märkte beobachtet, weiss, dass  jeder Markt von einem Tag auf den anderen auch wieder zusammenbrechen kann.

ninamerli100x100 Nina Merli ist Reporterin bei Newsnetz.

Brustneid

Michèle Binswanger am Dienstag den 23. August 2011
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Brüste, auf die man neidisch sein darf: Salma Hayek.

Den Jackpot holte der Pailettenbikini. Oder vielmehr der Inhalt des Pailettenbikinis, das am Sonntag am selben Pool herumlümmelte wie ich. Die langen Hitzetage in der Badi bieten reichlich Gelegenheit, den menschlichen Körper in seinen vielfältigen Variationen zu studieren, wobei gewisse Körperteile interessanter sind als andere. Der Anblick des Busens im Pailettenbikini verzückte eine ganze Batterie gut bemuskelter junger Herren, die nur noch im Kreis schwammen, um die Aussicht zu würdigen. Eigentlich erstaunlich, wenn man sich klar macht, dass der Grund ihrer Begeisterung nichts anderes als ein Euter ist.

Mit Brüsten ist das so eine Sache. Man kriegt sie zum Eintritt in die Erwachsenenwelt spendiert, wie üblich ohne Gebrauchsanweisung. Glücklicherweise ergibt sich das Handling ziemlich schnell. Kompliziert wird es erst, wenn Kinder ins Spiel kommen. Und zwar von Anfang an. Es sind die leicht anschwellenden Brüste, die in den ersten Wochen der Schwangerschaft anzeigen, dass der Körper in die reproduktiven Hosen steigt, um neun Monate später ein fixfertiges Baby abzuliefern. Welches sich meist im ersten Akt als Menschenbürger zu eben diesen Brüsten gesellt, um zur oralen Nahrungsaufnahme zu schreiten. Oh verlorenes Paradies – kein Wunder sind Brüste dann auch der meist gesuchte Körperteil auf Pornoseiten im Internet, wie eine Studie zweier amerikanischen Neurowissenschafter ergeben hat.

Dass unser Verhältnis zu Brüsten ein denkbar seltsames ist, fiel mir erst auf, als es darum ging, sie meinem Baby in den Mund zu stecken, um es daran saugen zu lassen. Während der Schwangerschaft hatte mich meine Hebamme gefragt, ob ich denn gedächte zu stillen und ich antwortete: «Aber selbstverständlich.» Als es dann so weit war, kam es mir trotzdem seltsam vor, dass auf dem früheren Spielplatz meiner Liebhaber nun plötzlich eine Milchbar stand.

Dass Frauen ihre Kinder säugen, brachte das männliche Gehirn schon immer in Verlegenheit. Es entsprach nicht der kühnen Vision des Menschen, der sich über seine tierische Natur erhoben hat. Denn wie sehr man Brüste auch bewundern, ihnen Dessous kaufen und huldigen mag, am Ende des Tages dienen sie dazu, Milch für den Nachwuchs zu produzieren.

Als Zeugnis unserer tierischen Natur, der Existenz als Säugetier, war die weibliche Brust schon den Männern der Antike nicht ganz geheuer. Als gemeinsames Merkmal mit allen anderen Säugern machte sie die Frau besonders anfällig für den Ruf einer wilden, tierischen Natur. Viele Mythen erzählen von Babys, die an einer Tierbrust genährt wurden, bevor sie die Menschheit mit heldenhaften Taten beglückten. Aristoteles führte die Frau in einer Reihe mit Walen, Pferden und Schafen auf als Beispiel für Tiere, die ihre Nachkommenschaft säugen. Frauen wurden denn auch aus diesem Grund als unberechenbare, weniger intelligente und niedrigere Wesen klassifiziert, eine Ansicht, die sich Jahrhunderte lang grosser Beliebtheit erfreute – wobei der absurdeste Versuch, dies theoretisch zu begründen wahrscheinlich die freudsche Theorie vom Penisneid ist.

Inzwischen dürfte wohl allen klar sein, dass die Ansicht, die Frau sei ein niederes und tierischeres Wesen, auf den Müllhaufen der grössten menschlichen Irrtümer gehört. Nicht dass das Umgekehrte der Fall wäre – wir lieben euch Männer genau für das, was wir nicht sind. Aber wenn wir über Neid sprechen wollen, so muss man sich langsam fragen, ob nicht bald jemand den Brustneid entdecken möchte, den Neid des Mannes auf jene Besonderheiten der Frau, die ihm verwehrt sind. Die «Weltwoche» schreibt auf ihren Titel: «Können Frauen über Sex schreiben?» Brustneid! Frauen sollen nicht so lustig sein können wie Männer? Brustneid! Frauen sind Feminazis und Femastasen und Genderfaschisten? Brustneid! Das ist natürlich alles nicht ganz ernst gemeint, liebe Männer. Aber denkt mal darüber nach.

Und apropos Spass: Ihr habt wirklich allen Grund, neidisch zu sein. So ein paar Brüste ganz für sich zu haben ist doch ziemlich toll.