
Zeit, sich von den Rollenklischees zu verabschieden: Steve Carell hat im Film «40-Year-Old Virgin» wenig Freude am Sex (vorerst).
Es ist immer mal wieder gut, die eigenen Klischees auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Auch wenn dies manchmal bedeutet, kopfvoran in einen grossen Fettnapf zu springen und sich danach mühsam aus der Suppe herauszuwinden. So ging es mir kürzlich, als ein Freund über die Schwierigkeiten mit seiner Freundin berichtete. Naiv wie ich bin, empfahl ich das Allerweltsheilmittel: «Vielleicht solltet ihr mehr miteinander schlafen.» Er zuckte die Schultern: «Ich weiss. Das will sie ja dauernd. Aber mir ist die Lust vergangen.»
Ich schwieg eine Runde, während mein Freund mir von seinen Strategien erzählte, Sex zu umgehen. Ich weiss nicht, ob es an der Vorweihnachtszeit liegt, am Zimt im Weihnachtsgebäck oder anderem. Ich höre nicht zum ersten mal vom Problem, dass Männern die Lust auf Sex vergeht. Aber noch nie von einem Mann selbst.
Vielleicht sollte ich das auch von mir gern bemühte Klischee der männlichen Pfadfinder-Sexualität, die sich mit dem Kampfschrei «Allzeit Bereit!» auf jede Gelegenheit stürzt, nochmals überdenken. Zumindest in Familien, gerade mit kleinen Kindern, sind die Rollen mitnichten immer so eindeutig verteilt. Die Transformation von der Frau zur Mutter, dem Mann zum Vater, dem Paar zur Familie und der Baby- und Arbeitsstress können sich empfindlich auf die Sexualität auswirken. Und öfter als man denkt, sind es die Männer, denen die Lust vergeht. Auch wenn es gerade für sie schwierig ist, das zuzugeben, da unser Bild männlicher Virilität eng mit Sexualität verknüpft ist.
Dies jedenfalls legen verschiedene Experten nahe. Das «bestgehütete Geheimnis der Männer», nennt es Michele Weiner Davis, die Autorin des Buchs «The Sex-Starved Wife: What to Do When He’s Lost Desire». Studien zeigten zwar immer wieder, dass Männer sich in ihren Beziehungen eher mehr Sex wünschten, aber die Differenz zwischen den Geschlechtern sei viel weniger gross, als man gemeinhin annehme. Deutschlands «grösste Sexstudie», für welche die Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung in Zusammenarbeit mit der City University London im Jahr 2008 rund 56′000 Personen befragte, ergab, dass sich zwar rund 60 Prozent der Männer mehr Sex in der Beziehung wünschen, aber auch 50 Prozent der Frauen. Und die Hamburger Uniklinik Eppendorf stellte per Umfrage fest, dass die 18- bis 30-jährigen Männer nur noch vier bis zehn Mal im Monat beischlafen – vor dreissig Jahren lag dieser Wert angeblich bei 22-28 mal im Monat.
Bleibt die Frage nach dem Warum. Haben die 60 Prozent Männer, die sich mehr Sex wünschen, einfach das Pech, nicht mit den 50 Prozent verheiratet zu sein, die das ebenfalls möchten? War es vielleicht immer schon so, aber die Männer trauen sich erst heute darüber zu sprechen? Ist es die Wirtschaftskrise, welche die Männer auslaugt, sind sie vielleicht von den fordernden und sexuell aggressiver werdenden Frauen eingeschüchtert? Oder verbringen sie ganz einfach zu viel Zeit mit ihren Pornos im Internet, um von einer realen Frau noch erregt zu werden?
Die Antwort dürfte kompliziert sein, zumal es ja um Sex in der Paarbeziehung, mithin um ein System mit gegenseitiger Abhängigkeit geht. Und so ist die Situation weder für die lustlosen Männer, noch die verschmähten Frauen erquicklich. Denn Frauen, denen der Mann nicht permanent nachstellt, fühlen sich auch hier im Gegensatz zum Klischee, nicht unbedingt erleichtert, im Gegenteil. Es bleibt also nur die Wahl zwischen zähneknirschender Enthaltsamkeit oder ausserehelichen Aktivitäten – dem meist genannten Grund, wenn es darum geht, die Scheidungsrate von 54 Prozent zu erklären.
Vielleicht glauben Sie, dass diese Frage nicht wichtig ist. Nicht jeder hat gleich viel Lust, was soll‘s? Aber da wir Männer und Frauen ja einen Weg miteinander finden sollten und Sexualität eine im Grunde doch erfreuliche Austauschform zwischen den Geschlechtern ist, wäre es doch an der Zeit, auch diese von Rollenklischees und den damit verknüpften Moralvorstellungen zu befreien. Männer müssen nicht immer können und wollen. Und Frauen sind nicht automatisch Schlampen, wenn ihr Trieb stärker ist. Entscheidend ist, dass man beginnt, darüber zu sprechen und die ganze Bandbreite der Möglichkeiten zu bedenken.






Nina Merli ist Reporterin bei Newsnetz.
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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