Archiv für die Kategorie „Sex/Partnerschaft“

Cougar, MILF und andere Sex-Schubladen

Nicole Althaus am Montag den 8. März 2010
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Auf freier Wildbahn: Cougar Demi Moore, 47, mit Beutestück Ashton Kutcher, 32. (Bild: Reuters)

Haben Sie auch eine MILF zuhause, lieber Leser? Eine Frau oder Freundin, die so gut aussieht, dass sie trotz Kindern noch begehrenswert ist?  Gratuliere – dann sind sie auf der Höhe der Zeit! Das Wort ist in aller Munde, viele Mamablogs führen eine MILF-Abteilung und obwohl die Abkürzung  aus der Pornoindustrie stammt und für «Mothers I’d like to fuck» steht, sind nicht wenige Mütter stolz, in die MILF-Schublade gesteckt zu werden. Viele Frauen finden es auch unglaublich sexy, dass die 40+-Frauen sich nun endlich in der Jugendabteilung bedienen, wenn ihnen nach einem männlichen Gespielen ist.  Solche Frauen nennt man  «Cougar», Berglöwin. ROAR!

Nun kann man es natürlich durchaus als Fortschritt empfinden, dass man Frauen auch postpartum als sexuelle Wesen wahrzunehmen beginnt. Doch persönlich finde ich weder die Analogie Wildkatze noch das Konzept der MILF schmeichelhaft. Ich mag Berglöwinnen durchaus und habe auch nichts gegen attraktive Mütter. Aber ich habe etwas dagegen, wenn man Frauen linguistisch markiert und kategorisiert, nur weil sie sexuell aktiv sind.  Und das auch noch als weiblichen Befreiungsakt verkauft.

«Botox war gestern, heute gibts Boytox» – feierte die SonntagsZeitung kürzlich den Cougar-Trend , der hautpsächlich aus Demi Moore und Madonna zu bestehen scheint. Jedenfalls sind es immer die beiden Damen, die zum Beweis herangezogen werden. Tatsächlich hat die Karriere des Labels «Cougar» 2005 begonnen, als Demi Moore, damals 42, den 27-jährigen Ashton Kutcher ehelichte.  Vier Jahre später, nämlich im April letzten Jahres, war die Sex-Raubkatze, die gern Frischfleisch verzehrt, in den USA bereits Hauptfigur einer Reality-Show und zum Konzept der ABC-Sitcom «Cougar Town» geworden. Darin spielt Courtney Cox eine frisch geschiedene 40-jährige Mama, die neben ihrem Fulltime-Job namens «Erhaltung der Schönheit» noch ein bisschen Sex hat. Mit jüngeren Männern.

Ich muss zugeben, dass ich eine Zehntelssekunde lang auch glaubte,  dieser neue Cougar-Trend -  für den neuerdings auch ausserhalb der Vereinigten Staaten eigene Dating-Plattformen eingerichtet und Kreuzfahrten organisiert werden sollen -  befreie die mittelalterliche Frau und Mutter endlich aus dem von Simone de Beauvoir im letzten Jahrhundert diagnostizierten «unsichtbaren Alter». Doch man muss wirklich nicht lange nachdenken, um den Trend bloss als Labelerweiterung des traditionellen Frauenbildes zu entlarven: Schön und sexy hat Frau zu sein. Und möglichst jung auszuschauen. Punkt. Neuerdings auch nach der Menopause. Viel hat sich also nicht geändert. Nicht mal die verbale Annäherung an die weibliche Sexualität. Auch im neuen Jahrtausend muss man sie offenbar noch  immer  ins Katzengehege sperren. Die Cougar ist, wenn wir ehrlich sind,  nichts weiter als eine Pussycat mit etwas schärferen Krallen. Was für ein emanzipatorischer Befreiungsakt. MIAU!

Ganz abgesehen von der Theorie ist mir auch schleierhaft, was an der Praxis von mittelalterlichen Frauen, die sich mit Jünglingen vergnügen, so heiss, so selbstermächtigend,  so befreiend sein soll, dass aufgeklärte Frauen die neue Katzenschublade plötzlich mitfeiern.  Weil reiche, mächtige, schöne Frauen nun tun, was  reiche, mächtige Männer schon lange tun? Erinnern wir uns doch kurz: Was genau denken wir Frauen jeweils, wenn ein mittelalterlicher Mann eine halb so alte dafür doppelt so attraktive Frau abschleppt?  Eben.

Traurig, wenn das Resultat von 40 Jahren Emanzipation darauf hinausläuft, dass Frauen den Männern alles nachmachen können, dürfen, sollen, solange sie dabei knackig und sexy aussehen. Finden Sie nicht?

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Die Mechanik des Zweierglücks

Michèle Binswanger am Dienstag den 2. Februar 2010
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Romeo und Julia (Leonardo di Caprio und Claire Danes in «Romeo und Juliet», 1996). Am Anfang verleiht die Liebe Flügel, aber wie erklimmt man den Gipfel der Partnerschaft?

Liebe verleiht Flügel. Zumindest am Anfang. Aber eine langjährige Liebesbeziehung zu führen ist kein Spaziergang im Park. Wenn sich die Schwerkraft zurückmeldet, findet man sich eher im Gebirge wieder. Wer den Gipfel der Partnerschaft erreichen möchte, muss klettern. In den vielen Stunden, die ich am Fels verbracht habe, dachte ich oft darüber nach, dass eine Zweierseilschaft eine passende Metapher für eine Beziehung ist: Verbunden durch sein Seil erklimmt man schwindelerregende Höhen, jeder für sich selbst verantwortlich. Man muss in beengten Platzverhältnissen, in Krisensituationen und unter Stress funktionieren. Zusammen ist man alleine unterwegs. Zusammen scheitert man. Oder hat Erfolg. Dazu müssen allerdings einige Grundsätze beherzigt werden:

Klettertouren werden geplant, Beziehungen passieren einfach. In beiden Fällen aber sieht man sich mit demselben Problem konfrontiert: Die angetroffenen Bedingungen entsprechen bei einem ersten Augenschein selten den Vorstellungen, die man sich davon gemacht hat. Rollende Planung ist gefragt, sie müssen sich anpassen, die Route nach den Gegebenheiten und ihren Möglichkeiten ausrichten. Die Frage ist nur: Was ist überhaupt Sache? Was ist möglich? Und wie finden wir uns, damit wir zusammen weitergehen können?

Wir haben nie alle Informationen. Und jene, die uns zugänglich sind, filtern wir so, dass sie in unser Bild der Wirklichkeit passen. In Partnerschaften wachsen diese Wirklichkeiten zusammen, aber es gibt immer aufständische Gebiete, die autonom bleiben wollen, Konfliktherde, die das ganze System durcheinanderbringen können. Aber Eskalationen kosten Energie. Deshalb sollte man sich auf Lösungen konzentrieren. Auf Ziele zurückkommen, die eigenen Voraussetzungen thematisieren, sich fragen: Was könnte ich anders machen?

Nun kommt die Schlüsselstelle der Beziehungstour: Kommunikation. Sie sieht einfach aus, ist es aber nicht. Denn es reicht nicht, sich bloss Wörter zuzuwerfen. Man muss sie in die Hand nehmen und mit ihnen an der eigenen Wirklichkeit arbeiten, versuchen, einen Blick auf die Welt, die sie hervorgebracht hat, zu erhaschen. Wenn zwei in einer Beziehung interagieren, gleicht das einem chemischen Experiment, in der Reaktion entsteht alles mögliche, Hitze, Rauch, Feuer. Aber ohne Kommunikation entsteht niemals ein brauchbares Produkt.

Gute Bergsteiger können eine Sachlage analysieren und einschätzen. Die Meister der Disziplin haben dazu ein Bauchgefühl, eine Art siebter Sinn, der immer wieder unmögliches vollbringen lässt. In der Beziehung entspricht das vielleicht der Kunst des Paradoxen: sich auf den andern verlassen, ohne sich auf ihn zu stützen; sich binden, ohne sich zu fesseln; stolz sein, zu sich stehen und zugleich demütig, auch mal nachgeben, Dinge loslassen.

Hab ich noch was vergessen? Ach ja, man muss es natürlich wollen. Nennen wir es Liebe. Wer dazu nicht bereit ist, der kann die ganze Klettertour auch am Fernsehen verfolgen. Aber letztlich guckt man dabei in die Röhre.

Die Single-Mutter-Schlampen-Falle

Michèle Binswanger am Mittwoch den 20. Januar 2010
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Melanie Winiger im Film «Love made easy», 2006. Die Schauspielerin mimt eine alleinerziehende Mutter und Stripperin.

Meine beste Freundin hat alles, was Frauen sich normalerweise so wünschen. Sie ist attraktiv. Sie hat ein Kind. Und sie ist single, wobei sie sich mit dem Kindesvater das Sorgerecht teilt. Drei Tage die Woche wohnt die Tochter bei ihr, zwei Tage beim Vater, die Wochenenden alternieren. Das lässt meiner Freundin viele Freiheiten. Perfekt, finde ich. Paradiesisch. Aber weil der Vertrag mit der Welt, gemeinhin Leben genannt, vornehmlich aus klein Gedrucktem besteht, hat meine Freundin auch ein Problem.

Nicht etwa, weil sie kurzsichtig wäre – denn dafür gibt es Brillen und auch Brillen stehen meiner wirklich bezaubernden Freundin ausgezeichnet – ganz im Gegenteil. Sie sieht fast schon zu klar, was ihre Situation betrifft. Aber lassen Sie mich kurz ausholen.

Abends treffen wir uns oft auf einen Tee. Dann sitzen wir in ihrer oder meiner Küche, und reden über unsere Arbeit, das Leben. Und weil die Männer meine Freundin mögen (die, wie erwähnt, rasend gut aussieht), und sie Männern auch nicht grundsätzlich abgeneigt ist, reden wir natürlich auch darüber.

Obschon jede Situation ihre Tücken hat, erscheint mir die ihrige nahezu ideal. Meine Freundin aber sieht klar genug, um Idealen zu misstrauen. Ihre Abenteuergeschichten bestehen zu einem grossen Teil aus Strategien zur Geheimhaltung selbiger. Wenn der Vorhang fällt, ich begeistert applaudiere und Zugabe verlange, schüttelt sie, statt sich zu verbeugen, oft wehmütig den Kopf und legt ihre wirklich hübsche Stirn in Sorgenfalten.
«Ach komm», sage ich dann jeweils. «Du kannst tun, was du willst, das geht niemanden etwas an.» Aber sie sagt: «Hast du eine Ahnung. Als Single-Mutter landest du so schneller in der Schlampen-Falle, als du das Wort denken kannst.»

Lange blieb mir ihr Problem schleierhaft, vielleicht, weil ich es immer nur aus dem Zuschauerraum betrachte. Denn wohl ist es immer noch so, dass sexuell aktive Frauen generell verdächtiger sind als Männer. Aber mit zunehmendem Alter und Selbstbewusstsein verliert dieses Problem an Schärfe. Und warum sollten Mütter mit anderen moralischen Ellen gemessen werden, als Frauen ohne Kinder? Und sowieso: Gilt das eigentlich auch für Väter?

Als ich dann jüngst mit meiner umwerfend schönen Freundin durchs Quartier spazierte, ging mir plötzlich auf, was sie meinte. Mütter von Schulkameraden unserer Kinder winkten uns auf der Strasse zu und plötzlich wurde mir klar, wo der Haken liegt. Als Single-Frau ohne Kinder bewegt man sich in dem sozialen Umfeld, das man frei wählt und man ist vornehmlich sich selbst gegenüber verpflichtet. Als Mutter überschneidet sich das soziale Umfeld notgedrungen mit dem des Kindes, dem man nichtsdestotrotz verpflichtet ist. Man wohnt gewissermassen im Dorf der Mutterschaft und unterliegt wohl oder übel seiner strengen Sozialkontrolle. Nun könnte einem das egal sein, wäre das Kind nicht auch betroffen.

Dennoch beklagt sich die Freundin nicht. Vielleicht gibt es einfach kein Paradies ohne Schlampenfalle. Aber wer würde es deswegen missen wollen?

Pornos statt Pflastersteine

Nicole Althaus am Mittwoch den 13. Januar 2010
LOLITA MODE

Die heutige Eltern-Generation von gendersensiblen Männern und Frauen kann man am besten aus der Fassung bringen, wenn man das aufreizende Püppchen gibt: Tavi Gewinson, 13, fashionkundige Lolita-Bloggerin (Bild: AP)

Zwar haben wir im Mamablog bereits über die textile Zwangserotisierung unserer Kinder geschrieben, wir haben uns darüber aufgeregt, dass der Modemarkt die Dekolletés von Mädchen entblösst, deren Brüste erst gerade knospen, dass statt Unterhosen Dessous auf den Kinderhintern geschneidert werden. Und wir haben unser Befremden über die kleinen Mädchen auf hohen Hacken kundgetan. Aber im Blog «Tatort Teenager-Beziehung» wurde so viel über die «nuttige Aufmachung» von jungen Frauen diskutiert, dass ich das Thema dennoch nochmals aufgreifen möchte. Denn es gibt neben dem Angebot auch die Nachfrage: Warum lassen Mütter und Väter es zu, dass ihre Girls ihren Körper ausstellen, noch bevor sie richtig hineingewachsen sind? Und warum finden Teens und zunehmend auch Twens es so scharf, mit ihren Reizen zu spielen?

Es ist paradox: Auf der einen Seite wird die Kindheit in unserer Gesellschaft heute als kuscheliges Teletubby-Land und Disney-Paradies sentimentalisiert, umzäunt und jede Ecke oder Kante darin entschärft. Auf der anderen Seite aber stilisieren erwachsene Menschen 14-jährige Pubertierende wie Andrina aus Rümlang zur nächsten grossen Pop-Hoffnung der Schweiz empor und finden nichts dabei, wenn Tavi Gevinson, ein 13-jähriges Mädchen aus Chicago, an die New York Fashion Week eingeladen wird und als neue grosse Fashion-Expertin auch in Europa Furore macht. Konkret sieht das dann so aus: Papa Gevinson begleitet seinen Teen nach New York bis vor den Eingang des Zeltes im Bryant Park, wie sich das für Eltern gehört, die jeden Schritt ihrer Kinder überwachen, und wartet dort, bis Töchterchen aus dem Fashion-Zirkus wieder auftaucht, wo sie mit Hollywoodstar Gwyneth Paltrow und Designer Marc Jacobs posiert, um später darüber zu bloggen und in renommierten Modezeitschriften wie Harper’s Bazaar bezahlt darüber zu schreiben. Der Papa beschützt das Töchterchen und missachtet gleichzeitig dessen Schutzalter.

Früher hätte man das Kinderarbeit genannt, heute nennt man das Phänomen «Kidults». Das tönt nicht so moralinsauer und lässt sich besser vermarkten. Denn längst hat die Wirtschaft erkannt, dass der Jugendwahn auch dazu führt, dass immer jüngere Menschen diktieren, was als cool zu gelten hat. Das Ergebnis ist dasselbe: Die Mädchen werden um ihre Kindheit betrogen, auch wenn sie freiwillig arbeiten und sogar noch Spass dabei haben. Das wirklich Erschreckende aber ist, dass erwachsene Menschen diese heranwachsenden Mädchen als Vorbilder setzen können, weil sie offenbar von erwachsenen Frauen akzeptiert werden. So sehr haben sich die Frauen im mittleren Alter bemüht jung zu bleiben und in die Grösse 34 hineinzupassen, dass es ihnen gar nicht mehr besonders auffällt, wenn Modelabels nun den staksigen und flachbrüstigen Teenagerkörper zur neuen Norm erheben: Die 19-jährige Emma Watson ist das Gesicht der Burberry-Kampagne und Julia Saner, die 17-jährige Elite-Model-Gewinnerin aus Bern, darf sich demnächst bei Chanel vorstellen. Teenager-Sexappeal ist trendy. Neuerdings auch in der High-Fashion und nicht nur bei Tally Weijl. Da muss man sich nicht mehr wundern, wenn Kinder, die erst gerade aus ihrer Disney-Welt gestolpert sind, die Erotisierung ihres Körpers ganz normal finden und nicht mehr so genau wissen, wer sie jetzt sind: Zwölfjährige Schülerinnen, die im Auto nach den neusten Sicherheitsnormen beinahe noch einen Kindersitz brauchen, oder kleine Nympchen?

Dermassen Kult ist diese Teen-Sexyness, dass sich die heranwachsenen Mädchen längst einen Sport daraus gemacht haben, möglichst schnell durch ihre Kindheit zu sprinten. Befreundete Mütter beklagen sich, dass ihre 14-jährigen Töchter am Wochenende in Clubs abhängen wollen, in denen man erst ab 18 Eintritt erhält. Für die Girls, so höre ich aus erster Hand, gibt es offenbar kein grösseres Kompliment, als wenn sie Samstag abends genug Sex-Appeal versprühen, um an den Türstehern der Clubs vorbei zu kommen. Natürlich probieren die jungen Frauen ihren Körper aus, das haben ihre Mütter auch gemacht. Nur bestand damals die optische Rebellion eher in der Anti-Sexyness: Wir waren Popper oder Punks. Und vorab letztere provozierten nicht mit entblösster Haut, sondern mit angeschminkter Hässlichkeit.

Das heutige Establishment, das aus einer ewigjungen Generation von gendersensiblen Männern und Frauen besteht, kann man als Teenager am besten aus der Fassung bringen, wenn man das aufreizende Püppchen gibt oder den einsilbigen Macho. Pornos sind interessant. Aber viel interessanter noch ist deren Provokationspotenzial: Nichts regt die feministisch geprägte Mama, für die das Ausleben der Weiblichkeit schon beinahe als Verstoss gegen die Emanzipation galt, so auf, wie wenn die Tochter scheinbar das Hirn tot stellt und den Hintern bloss. Nichts lockt den Papa, der gelernt hat, sich beim Pinkeln zu setzen,  stärker aus der Reserve, als wenn der Sohn den Gang eines Silberrückens einstudiert und die Mädchen nur noch als Super-Tussen taxiert.

Ist das «Ich-Macho-Du-Tussi»-Spiel vieler Jugendlicher vielleicht mehr Provokation und Auflehnung als Rückfall in alte Geschlechtermuster? Und was heisst das für die Eltern? Meiner Meinung nach ist die Emanzipation noch lange nicht abgeschlossen. Die Jugendlichen sind gerade daran sie weiterzuschreiben. Es ist unserer Aufgabe,  Spielregeln zu setzen, die es ihnen ermöglichen, sich in Menschen zu verwandeln, die trotz des herrschenden Körperkults nicht vergessen, das Hirn einzuschalten. Aber die es auch nicht zulassen, dass das Hirn die Freude an ihrem Körper und dem anderen Geschlecht zensuriert.

Lesen Sie auch:
- Textile Zwangserotiserung
- Generation XXX
- Wenn die Kindheit schrumpft

Tatort Teenager-Beziehung

Nicole Althaus am Freitag den 8. Januar 2010
MAMABLOG-TEENAGER-SEX-01

Jedes dritte Mädchen leidet laut einer britischen Studie an sexuellen Übergriffen in der Beziehung – Szene aus dem Film «Tiefer Wald»

An viel kann ich mich aus dem schulischen Sexualunterricht nicht erinnern. Das, was der Biologielehrer uns 13-Jährigen damals im Schulzimmer verraten hatte, wusste ich schon. Und das, was ich gern gewusst hätte, stand nicht im Lehrplan. Das suchte man sich auf dem Pausenplatz, von Freundinnen und aus dem Bravo zusammen. Andere Quellen waren sehr viel schwerer anzuzapfen, was nicht heisst, dass man es nicht versucht hätte. Aber das erste Gebot, das der Lehrer an die Tafel geschrieben hatte und das wir abschreiben mussten, das hab ich nicht vergessen: «Schön ist nur das, was beide wollen» hiess es in etwa, und ich kann mich deshalb noch so genau daran erinnern, weil auch Dr. Sommer im Bravo dieses Gebot immer wieder predigte. Und ich es von meinen Eltern eingeschärft bekam. Die Freiwilligkeit des Sexualkontakts und die körperliche Selbstbestimmung wurden hochgehalten in den 70er- und 80er-Jahren, in denen Frauen erst gerade gelernt hatten, dass ihr Bauch ihnen gehört. Und Pornografie gern in feministischer Manier PorNo geschrieben wurde.

Offenbar ist dieses erste Gebot heute aus dem «sexuellen Drehbuch» vieler jugendlicher Frauen und Männer verschwunden: Alarmiert über die steigende Zahl von minderjährigen Sexualstraftätern, arbeitet das Zürcher Kinderspital zur Zeit an einer Studie über die sexuelle Belästigungs- und Gewalterfahrung Jugendlicher, wie 20 Minuten gestern berichtete. Laut einer Erhebung der Uni Zürich aus dem Jahr 2007, ist die Zahl der Jugendlichen unter den Missbrauchstätern von 1,8% im Jahr 1999 auf 2,4% gestiegen. Es wird davon ausgegangen, dass rund ein Drittel der Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Minderjährigen auch von Minderjährigen begangen werden. (Die 57 Prozent, die «20 Minuten» gestern aufführte, konnte ich nicht verifizieren). Der Ort der Übergriffe ist in jedem dritten Fall die Beziehung.

Dass der Tatort der Übergriffe die Teenager-Beziehung ist, finde ich als Frau und Mutter die eigentlich schockierende Nachricht, und nicht die Zahlen, mit denen das Medium falschen Alarmismus betreibt. Zu meiner Jugendzeit war klar: Sexualstraftäter sind Erwachsene, gestörte Männer, die einen ins Auto locken oder im Dunkeln überfallen. Manchmal solche, die man kennt. Meine Eltern holten mich nach acht Uhr abends stets ab. Und meine Töchter? Es sieht ganz so aus, als ob ich sie vor ihren Schulkameraden und Peergroup-Freunden werde warnen müssen, vor Gleichaltrigen in der Disko, und vielleicht einst  gar vor ihrem Freund. Da taugt das nächtliche Abholen nach einer Party nicht mehr als Prävention.

Eine aktuelle Befragung Minderjähriger an der Universität Bristol jedenfalls scheint meine Befürchtung zu bestätigen: Jedes sechste Mädchen zwischen 13 und 17 gab an, bereits ein- oder mehrmals zum Sex gezwungen worden zu sein, eines von 16 Mädchen berichtete von einer Vergewaltigung durch den Freund oder Ex-Freund. Jede dritte junge Frau leidet an sexuellen Übergriffen in der Beziehung. Das Phänomen kennt man auch in Amerika und Deutschland. Und es kommt in allen sozialen Schichten vor. Als wichtigster Grund für diese Gewalt sieht Barbara Krahé, Sozialpsychologin an der Universität Potsdam,  ein «sexuelles Drehbuch», das unter anderem aus pornografischen Darstellungen erstellt worden und in den Köpfen vieler junger Menschen eingeschrieben sei: Jugendliche Männer wollen mit Eroberungen und Erfahrungen punkten und setzen ihre Wünsche notfalls gegen den Willen ihrer Partnerin durch. Junge Frauen fänden das zunehmend normal. Schliesslich hat die Freundin auch schon gegen ihren Willen mit ihrem Freund rumgemacht.

Es ist ganz offensichtlich an der Zeit, solche Verhaltensdrehbücher zu korrigieren. Nur ist das sehr viel einfacher gesagt als getan. Klar: Eltern müssen den Internetkonsum ihrer Kinder überwachen, ihnen  beibringen, pornografische Informationen, die sie ganz bestimmt irgendwo erhalten,  richtig einzuordnen. Sie tun auch gut daran, das Gebot der körperlichen Selbstbestimmung zu predigen. Aber wie sieht heute elterliche Vorsicht aus, wenn nächtliches Abholen am Bahnhof nichts mehr nützt? Und wie unbeschwert können Teenager sich an ihre ersten sexuellen Erfahrungen herantasten, die sie ja hoffentlich mit ungefähr Gleichaltrigen haben, wenn Mütter und Väter sie genau vor diesen warnen müssen?

Zum Thema Jugend und Sexualität lesen Sie auch:
- Generation XXX
- Wenn die Kindheit schrumpft

Wenn Eltern sich zu sehr lieben

Michèle Binswanger am Montag den 4. Januar 2010
Auch als Eltern möchte man sich gegenseitig begehren können, wie dieses Paar auf einem Bild von

Auch als Eltern möchte man sich gegenseitig begehren können, wie dieses Paar auf einem Bild von Brassaï

Mein Jahr begann mit einem Weckruf. Er erscholl in Form eines jämmerlichen Schluchzens aus dem Kinderzimmer. Dort sass meine Tochter auf dem Bett und fasste sich ans Herz, wo sie ein Stechen verspürt und aus dem Schlaf gerissen hatte. Und weil sie die Geschichte meines Vaters kennt, der auf einer Reise in Indien an einem Herzfehler gestorben ist, glaubte sie sich nun ebenfalls dem Ende nahe. Nach einer Weile beruhigte sich zwar ihr Herz, nur um einer Attacke von Hypochondrie Platz zu machen. Ängstlich lauscht sie seither auf potenzielle Krankheitssymptome, vermutet hinter jedem Grollen in der Bauchgegend einen Brechdurchfall und pflastert sich mit Verbänden zu, sobald sie irgendwo im Körper ein Zwicken verspürt.

Es war dann zum Glück nichts. Abgesehen von meinem schlechten Gewissen, das mich mit Haut und Haaren als Katerfrühstück zum Neujahr verspeiste. Um meinen guten Ruf zu schonen, kann ich Ihnen jetzt leider nicht den genauen Verlauf meines Silvesterabends erörtern, der sehr, sehr spät wurde. Sagen wir einfach, es war ein Tanz auf dem Vulkan, aufregend und vielfältig und entsprach kaum der konventionellen Art für Eltern, das neue Jahr begrüssen.

Schon während der Festtage hatte ich im kontemplativen Rückblick auf das Jahr Bilanz gezogen und musste dabei feststellen, dass mein Mann und ich uns dieses Jahr so ziemlich um die Ohren gehauen haben. Im Jahr 2009 haben wir unsere Beziehung neu zusammengesetzt, wie mein Sohn den Lego-Drachen, den er seit Weihnachten zu immer neuen Monstern und Robotern umbaut. Dergestalt, um den Vintage-Ausdruck wieder mal in Umlauf zu bringen, dass kein Stein auf dem andern bleibt. Für uns ist das schön. Andere Paare trennen sich. Meine Tochter aber kann der erstarkten Bande zwischen uns nicht viel Positives abgewinnen. Für sie scheint es eine Bedrohung zu sein, und es macht ihr Angst.

Fürwahr, eine Partnerschaft und eine Familie auf die Reihe zu kriegen, ist schwer genug. Und ich verstehe, dass Kinder, deren Eltern an einer Scheidung herummachen, sich verunsichert fühlen. Nie aber hätte ich mir träumen lassen, dass das Gegenteil eine ähnliche Wirkung haben könnte. Aber Kinder mögen es nunmal nicht, wenn Eltern auf dem Vulkan tanzen. Auf der andern Seite sollte eine Paarbeziehung meines Erachtens lebendig bleiben und deshalb verändert sie sich notwendigerweise. Aber die Frage bleibt: Was ist gut und was ist richtig? Bleibt einem als Paar mit Kindern, sofern man Probleme vermeiden möchte, nur betonharte Stabilität und somit eine Beziehung, die sozusagen im Koma liegt? Sind Eltern ihren Kindern zuliebe dazu verpflichtet? Oder sollen die Kinder halt einfach zurückstecken, damit die Eltern eine lebendige Beziehung leben und geniessen können?

Kränkung bei Kerzenschimmer

Baenz Friedli am Donnerstag den 24. Dezember 2009
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Bänz Friedli, 44, ist Hausmann, Autor, Vater von zwei Kindern und lebt in Zürich. Soeben ist sein zweiter Kolumnenband erschienen, Titel: «Findest Du mich dick?»

Lesen Sie auch die bereits erschienen Beiträge: «Das dreckige Dutzend» von Mona Vetsch, «Kränkung bei Kerzenschimmer» von Bänz Friedli und «Schenken und schenken lassen» von Christine Maier und «God bless the child, and the mother, too» von Chris von Rohr.

Mich nähme schon wunder, wer all die Büstenhalter kauft. Seit Oktober verging kaum ein Tag, ohne dass im Briefkasten ein Hochglanzfarbprospekt gelegen hätte, in dem Misses, Vizemisses und Ex-Misses Push-Ups, Bustiers und Negligés vorführten – dem braven Hausmann könnte schwindlig werden. Rentieren kann all die verkaufsfördernde Erotik nur, rechne ich mir beim Frühstückstee aus, wenn wirklich die Mehrheit der Schweizer Ehemänner und Lebensabschnittspartner so fantasielos ist, ihren Frauen und Lebensabschnittspartnerinnen BHs, Strings und Strapse zu Weihnachten zu schenken.

Dann stelle ich mir vor, wie sie verklemmt durch die Lingerie Rayons streichen und den jungen Verkäuferinnen, die sie nach der Brustgrösse ihrer Gattin fragen, antworten: «E-e-e-etwa so wie Sie!» Was natürlich total übertrieben ist, weshalb ich mir die Kränkung ausmale, die die 75-A-Trägerin erfährt, wenn sie im Kerzenschimmer den bordeauxroten, berüschten Hauch von Nichts der Grösse 85 C auspackt. Denn gewiss hat er nicht einen praktischen Sport-BH für ihr wöchentliches Jogging und keinen alltagstauglichen Slip gekauft, sondern sündhaft teure seidene Reizwäsche. Womit er der Ehegattin durch die Blume sagt «Du könntest dich auch mal ein wenig nuttig anziehen» und ihr gleichsam seinen Wunsch nach verwegenerem Sex unter den Tannenbaum legt. Es gibt Charmanteres.

Was nun nicht heisst, dass ich meiner Liebsten unterm Jahr nicht manchmal Unterwäsche schenken würde. Aber das bleibt unter uns. Wir sind ja nicht bei «Schreiber vs. Schneider». Item. Den Kindern kaufte ich zum Advent das Buch «Frohe Weihnachten, Kleiner König», weil die ersten drei Kleiner-König-Bücher so herzig waren. Kaum habe ich auf dem Sofa kuschelig mit Vorlesen begonnen, sind der Kleine König und sein Schatz, das kleine Mädchen, auch schon in der Küche. Ich lese: «…kochte das Mädchen einen Topf Spaghetti. Das Mädchen war eine Meisterköchin. Sie würzte die Speisen so köstlich, dass der Kleine König ganz ungeduldig wurde …» Ich bin leise enttäuscht. Sie kocht, er will naschen. Das Bilderbuch propagiert eine Rollenverteilung wie im Bilderbuch: Mädchen an den Herd! Die Geiss aus Deutschland, die mit dem Eva-Prinzip, hätte ihre helle Freude. Doch schon drei Seiten weiter steht er selber am Herd und guetzelt für sie. Ich bin gerührt, versöhnt – und bedaure insgeheim, dass meine Kleinen, wenn der nächste Kleiner-König-Band erscheint, dem Bilderbuchalter vermutlich entwachsen sein werden.

Als ich das Buch, in dem rechtzeitig zu Weihnachten alles gut wird, zuklappe, komme ich mir auf die Schliche: Eigentlich hab ichs mir gekauft. Bin genauso egoistisch wie die Ehemänner, die im Grunde sich selbst beschenken, wenn sie ihren Frauen reizende BHs kaufen.  Aber wenigstens kann man sich bei Bilderbüchern nicht in der Grösse verhauen.



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