
Ein Lotteriegewinn der anderen Art: In Grossbritannien gibts mit dem richtigen Los und etwas Glück ein Baby aus dem Reagenzglas.
Die Ankündigung schlug hohe Wellen in Grossbritannien, die umgehend auf den Kontinent hinüberschwappten: «Baby-Lotto! Für 22 Euro gibt es Nachwuchs», vermeldete «Bild» in gewohnt überspitzter Manier, als bekannt wurde, dass die Charity-Organisation To Hatch eine Lotterie lancieren würde, bei der es eine Fruchtbarkeitsbehandlung zu gewinnen gibt.
Die Lose zu 20 Pfund das Stück sollen am 30. Juli erstmals an britischen Kiosken verkauft werden. Der monatlich vergebene Hauptpreis hat einen Wert von 25′000 Pfund – und wird auf die jeweiligen Gewinner zugeschnitten: Zieht ein jüngeres Paar das Siegerlos, soll es eine In-Vitro-Fertilisation (IVF) erhalten. Hat die Möchtegern-Mutter den 45. Geburtstag bereits hinter sich, ist aber fit und gesund, bekommt sie stattdessen eine Eizellenspende. Auf Singlefrauen wartet eine Samenspende, Singlemänner werden mit Leihmutter und Spender-Embryo beglückt. Durchgeführt wird die ganze Prozedur in einer Top-Klinik. Damit sich die potenziellen Mütter und Väter wie echte Sieger fühlen, übernachten sie in einem Luxushotel, werden vom Privat-Chauffeur zur Behandlung gefahren und erhalten ein neues Handy, mit dem sie ihre Ärzte jederzeit erreichen können.
Der Ansturm auf die To-Hatch-Website direkt nach Bekanntgabe der «frohen Botschaft» war so enorm, dass die Seite kurzzeitig zusammenbrach. Mindestens ebenso gross war jedoch auch der Sturm der Entrüstung: In den Augen von Josephine Quintavalle von der Gruppe «Comment on Reproductive Ethics» setzt das Vorhaben die menschliche Fortpflanzung herab. «Das Schaffen menschlichen Lebens sollte nicht auf eine öffentliche Lotterie reduziert werden, das ist absolut inakzeptabel.» Quintavalle fordert gar eine offizielle Untersuchung, da es «ganz bestimmt nicht legal ist, 20 Pfund zu bezahlen, um dafür Zugang zu einer fremden Gebärmutter zu bekommen». Auch die Human Fertilisation and Embryology Authority verkündete in einer offiziellen Mitteilung, diese Lotterie sei «falsch und völlig unangebracht», während andere Experten To Hatch vorwerfen, «auf ausbeuterische Weise für Aufmerksamkeit sorgen» zu wollen.
Tatsächlich erscheint die Idee, mithilfe eines Glücksloses ein Baby zu zeugen, auf den ersten Blick ethisch äusserst fragwürdig. In Wahrheit bekommen die Gewinner aber nichts anderes als Geld. Geld allerdings, das sie nicht einfach verprassen, sondern einzig für ihren Kinderwunsch einsetzen dürfen. Würde ein Paar Lotto spielen, um sich von einem eventuellen Gewinn eine IVF zu leisten, würde das niemanden stören. Wieso also dieser Aufschrei? Ist es wirklich so verwerflich, das Geld für eine Fruchtbarkeitsbehandlung gewinnen zu wollen, anstatt es über Jahre zusammenzusparen? Oder liegt die Sache vielleicht ganz anders? Fühlen sich durch die angekündigte Lotterie all jene bestätigt, die ungewollt kinderlosen Paaren, die alle medizinischen Möglichkeiten ausschöpfen, Egoismus vorwerfen? Es macht ganz den Anschein, wenn man sich die Kommentarspalten in den englischen Medien ansieht: Es gebe nun mal kein Recht auf Nachwuchs, so der Tenor, und wenn die Natur es einem nicht vergönne, Kinder zu bekommen, habe man das zu akzeptieren. Zudem werde das Kind später bestimmt Probleme damit haben, sozusagen ein Losgewinn zu sein.
Die ganze Diskussion pro und kontra künstliche Befruchtung lenkt allerdings von der wahren Problematik der «Baby-Lotterie» ab: Ungewollt kinderlose Menschen klammern sich oft an jede noch so kleine Chance, ihr Wunschbaby endlich zu bekommen. Die neue Lotterie wird vielen wie die perfekte Lösung erscheinen, sie werden sich jeden Monat mit möglichst vielen Losen eindecken, in der Hoffnung, endlich Mutter oder Vater zu werden. Bloss: Eine Fruchtbarkeitsbehandlung garantiert noch lange keine erfolgreiche Schwangerschaft. Um also auf diesem Weg zur Familie zu werden, sind sozusagen zwei aufeinanderfolgende Sechser im Lotto nötig – wie realistisch dies ist, kann sich jeder selber ausrechnen. Es mag nicht die Intention der Macher gewesen sein, doch am Ende spielen sie mit der Verzweiflung der Betroffenen. Wenn etwas unethisch ist an dieser ganzen Idee, dann das.
Oder sehen Sie das anders?








Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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