Archiv für die Kategorie „Schwangerschaft“

Meine Frau hatte eine Fehlgeburt

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 13. Juni 2013

Ein Gastblog von Reto Schmid*.

Fehlgeburten sind ein traumatisches Erlebnis: Gräber für Fehlgeburten in einem Dubliner Friedhof. (Foto: Flickr/infomatique)

Meine Frau kam damals im Januar 2012 ganz leise ans Bett, weckte mich auf und sagte mir mit einem Lächeln auf dem Gesicht, dass wir in neun Monaten zum zweiten Mal Eltern werden würden. Die Freude war natürlich riesig! Dieses Mal hatte es sogar beim ersten Versuch geklappt. Unser kleiner Sohn und unsere besten Freunde bekamen die Nachricht als erste mitgeteilt und freuten sich natürlich dementsprechend. Trotzdem lautete die Devise «Bitte nicht weitersagen!». Man weiss ja nie.

Die Schwangerschaft an sich verlief  problemlos, ohne die üblichen Beschwerden. Laut der Frauenärztin war es ausreichend, die erste Kontrolle in der 12. Woche zu machen. Einen Tag vor diesem Termin wachte meine Frau morgens auf, ging ins Bad und schrie plötzlich los. Innert Sekunden stand ich neben ihr. Die Toilettenschüssel war vollgespritzt mit Blut. Ich konnte die Situation erst gar nicht erfassen. Meine Gedanken rasten. Geht es dem Kind gut? Kann ein Kind in der 12. Woche überleben? Die aber mit Abstand schlimmste Frage war – und das verfolgt mich heute noch – ist das Kind bereits rausgekommen und schwimmt jetzt in der Toilettenschüssel?

Ich packte meine Frau ins Auto und fuhr mit ihr und unserem kleinen Sohn in die Notaufnahme, wo ich nur noch auf die blutgetränkte Hose zeigen musste, worauf wir innert Minuten abgeholt wurden. Meine Frau wurde erstmal gründlich untersucht und ich bin während dieser Zeit mit meinem Sohn auf den Flur rausgegangen und sass dort geistesabwesend auf dem Boden vor ihrem Zimmer. In dieser Zeit rief ich auch meinen Vater an, dass er den Kleinen abholen kommen soll. Wir seien im Spital. Wir hätten wahrscheinlich eine Fehlgeburt.

Gedenkstätte für Fehlgeburten

Nachdem mein Vater den Kleinen abgeholt hatte, ging ich dann wieder zurück ins Zimmer. Meine Frau sass im Bett und weinte. Die Ärztin klärte mich dann direkt auf, dass sie leider keine Schwangerschaft mehr feststellen konnte. Peng! Wie jetzt? War sie etwa gar nie schwanger gewesen? Das war damit natürlich nicht gemeint, ganz im Gegenteil. Sie erläuterte mir dann, dass aufgrund der Hormone im Blut das Kind wohl nachweislich bis vor wenigen Stunden noch gelebt haben musste und erst vor kurzem «abgestorben» wäre. Warum sagt man bei Ungeborenen eigentlich abgestorben und nicht gestorben?

Ich versuchte in diesem Moment dann einfach, für meine Frau da zu sein. Ich selbst war noch zu keiner Gefühlsregung im Stande. Die Ärztin erklärte mir dann noch, wie sie normalerweise in einem solchen Fall verfahren würden und dass sie die Asche der Überreste von Fehlgeburten bei einer kleinen Gedenkstätte aufbewahren und so den Eltern einen Ort zum Abschied geben wollten. Zu diesem Zeitpunkt begriff ich zum ersten Mal, dass ein kleines, ungeborenes Kind gestorben war. Unser Kind.

Die weiteren Stunden bestanden dann aus der Benachrichtigung von Götti und Gotti und meiner Mutter sowie der Durchführung der sogenannten «Ausschabung», um alles noch vorhandene tote Gewebe aus der Gebärmutter herauszubekommen und Entzündungen zu verhindern. Irgendwann um 23 Uhr durften wir dann nach Hause und schliefen beide überraschend schnell ein. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war meine Frau bereits im Wohnzimmer. Ich kam die Treppe herunter und sah, wie sie mit dem Schwangerschafts- Tagebuch da stand. Tränen in den Augen. Sie hatte ein kleines Bild in das Tagebuch geklebt, ein verwelkter Löwenzahn in Schwarzweiss und oben das Datum und den Namen «Sternli». In diesem Moment sind wir beide weinend zusammengebrochen.

Fehlgeburten sind ein Tabuthema

In den folgenden Tagen gab es viele Beileidsbekundungen und doch haben wir eines ganz stark gemerkt: Fehlgeburten sind in unserer Gesellschaft ein absolutes Tabuthema. Darüber spricht man nicht. So haben wir erst nach diesem Erlebnis von diversen Bekannten und Freunden erfahren, dass auch sie Fehlgeburten hatten, teilweise mehrere hintereinander. Aus diesem Grund sind wir der Meinung, dass man sehr viel offener über dieses Thema sprechen muss und eventuell auch die Nachbetreuung zum Thema machen sollte. Insbesondere auch deshalb, da eine solche Fehlgeburt doch ein sehr einschneidendes und unter Umständen sogar äusserst traumatisierendes Erlebnis darstellen kann und bei weitem nicht alle gleich gut damit klarkommen.

«Sternli» war 12 Wochen in Mama’s Bauch, bevor es uns am 10. März 2012 verlassen hat. Ende März 2013 hat dann unser zweiter Sohn Thiago das Licht der Welt erblickt. Er wurde von derselben Ärztin entbunden, die uns damals an diesem schicksalshaften Tag beigestanden hatte.

mb*Reto Schmid wohnt mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Mellingen.


Mütter, bleibt schlank!

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 6. Juni 2013

Ein Gastblog von Claudia Marinka*.

Mamablog

Nach einer Schwangerschaft muss die alte Figur wieder her: Ein Schwangere im Bikini. (Foto: Flickr/flequi)

Tipps für Schwangere sind in etwa so sinnvoll wie Cellulite, Tupperware oder elektrische Pfeffermühlen. Ich halte es mit Ratschlägen wie mit Wein: Es gibt zu viele, die einem Kopfschmerzen bereiten. Darum sollte man auf den ultimativen Fingerzeig warten – und hier ist er: Nehmen Sie in der Schwangerschaft nicht unnötig zu.

Und als Fortsetzung nach der Schwangerschaft: Nehmen Sie ab – so viel wie nötig, so früh wie möglich. Sobald Sie sich mit der bitteren (körpereigenen) Realität auseinander gesetzt haben, werden Sie die Trugschlüsse um Sie herum erkennen. Der grösste Irrtum ist wohl, zu meinen, man gelte jetzt lebenslang als schön, nur weil man in der Schwangerschaft mal gesagt bekommen hat: «Es gibt nichts Sinnlicheres, als schwangere Frauen.» Bilden Sie sich nichts darauf ein: Sobald der Balg draussen ist, schwindet auch die Güte Ihrer Mitmenschen. Nur die Kilos bleiben. Dann wirds richtig brutal. Denn dann kommt die Quittung dafür, dass Sie sich neun Monate lang haben gehen lassen.

Darum plädiere ich für einen schnellen Wiedereinstieg ins Leben vor 20 Kilos plus. Schonfrist gibt es nur für stillende Mütter. Natürlich auch für die üblichen paar Wochen nach einer Geburt. Ausgenommen sind ebenfalls Gebärende von Zwillingen, Drillingen oder gar mehr. Die haben genug zu tun. Abnehmen geht ganz einfach, selbst mit Kind(ern). Man isst einfach weniger. Die Nahrungsaufnahme drosseln, abends keine Kohlenhydrate, moderater Verzicht auf Süsses und – schwups! – schwinden die Kilos. Vielleicht nicht so schnell, wie sich Frau das wünscht, aber: Sie purzeln. Schritt für Schritt kann man dann noch leichte Übungen im Alltag einbauen.

Sie dürfen alles, nur das eine nicht: sich in Sicherheit wähnen. Denn Kritik lauert überall. Am unerbittlichsten im eigenen Spiegelbild. Nicht nur das eigene Ego stören die überschüssigen Pfunde, auch der Partner darf noch was erwarten. Er würde es niemals zugeben, ist der stolzeste Papa auf Erden, sorgt sich (immer noch) rührend um die Frau. Schlimmstenfalls genügt das und sie leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Doch das Ende unserer Tage kommt statistisch gesehen noch lange nicht nach der Geburt von Kindern. Deshalb sollten wir uns gut daran tun, die verbleibende Zeit zu nutzen. Für Glückseligkeit, Seelenfrieden – und auch Attraktivität. Denn es ist ein Ammenmärchen, dass nur das Innere zählt. Das wissen wir schon länger als neun Monate, nur haben wir es verdrängt. Weil was anderes, Wichtigeres, wichtig ist. Zu Recht. Doch man selbst ist es eben auch noch. Immer mehr, je weiter eine Geburt zurück liegt. Mit der Zeit schwindet das Hormon-Hoch und die Realität setzt wieder ein.

Natürlich haben Sie ein Recht darauf, ihre Schwangerschaftsblessuren stolz zu zeigen. Doch, honestly, niemand will sie sehen. Zuspruch gibt es nicht mal von Frauen, oder ich kenne keine. Die wollen nämlich körperlich alle dasselbe: wieder fit sein und gut aussehen. Und 20 Kilos mehr auf der Waage, Wasser in den Beinen und ein ausgedehnter Bauch sind nun mal nicht sexy. So sorry for that. Abgesehen davon kommt noch ein gesundheitlicher Aspekt hinzu: Schwangerschaftskilos können sehr hartnäckig sein. Oftmals führt eine Gewichtszunahme während der Schwangerschaft zu lebenslangem Übergewicht. So wurde in der 10-Jahres-Studio NHANES (The First National Health and Nutrition Examination Survey) ermittelt, dass sich das Risiko, leicht übergewichtig zu werden, durch eine Schwangerschaft um 60 Prozent erhöht. Das Risiko schwer übergewichtig (adipös) zu werden, steigt sogar um 110 Prozent.

Doch Übergewicht nach der Schwangerschaft ist kein Schicksal. Es gibt Möglichkeiten, zum Normalgewicht zurückzukehren. Der Trost: Der Körper vollbringt mit einer Geburt Höchstleistung, da klappt in der Regel auch das Abnehmen noch. Muttersein heisst nicht, sich körperlich gehen zu lassen. Dasselbe gilt übrigens auch für den Kindsvater. Es gibt keinen Grund für Laissez-faire. Alles andere ist Augenwischerei.

marinka*Claudia Marinka ist Journalistin mit Schwerpunkt Gesellschaftsfragen. Die zweifache Mutter hat zuletzt beim «Der Sonntag» gearbeitet und verfolgt jetzt eigene Projekte. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich.

Liebe Leserinnen und Leser, vielen Dank für Ihre zahlreichen Wortmeldungen. Aus Kapazitätsgründen ist die Kommentarfunktion nun ausgeschaltet. Die Redaktion.


Dinge, die die Babywelt nicht braucht

Mamablog-Redaktion am Freitag den 5. April 2013

Eine Carte Blanche von Andrea Bornhauser*.

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Kein Must-have: Das sexy Abpump-Bustier aus Jeansstoff. (Foto: Shaparee)

Eine Freundin hat zur Geburt ihres Kindes einen Brei-Löffel geschenkt gekriegt, der mich ratlos hinterliess. Es handelt sich um eine Art Babybrei-Dispenser, aus dem das Mus in einen angeschraubten Löffel gedrückt und so dem Baby verabreicht wird. Er soll laut Beipackzettel «das Leben moderner Eltern einfacher machen». Was bitteschön ist schwierig daran, einem Baby den Brei aus einem herkömmlichen Gläschen zu füttern? Eine Sauerei gibts so oder so. Als wäre die Idee nicht schon sonderbar genug, haben die Erfinder dem unförmigen Ding den Namen «Squirt» gegeben, ein englischer Begriff, der unter anderem für das weibliche Ejakulat verwendet wird. Wie passend!

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Anscheinend unentbehrlich: Breilöffel mit Dispenser fürs Baby.

Seit ich ein Kind habe, treffe ich immer wieder auf fragwürdige Baby- und Kinderprodukte, welche die Welt nicht braucht: ein Nasensauger, ein Teller, bei dem man unten heisses Wasser zum Wärmen einfüllt, eine Sitzhilfe für die Badewanne oder ein Windeleimer etc. Wer sich schon mal in einem «Baby-Haus» umgeschaut hat, weiss, wovon ich rede. Unnötige Dinge, meistens aus Plastik, die frischgebackenen Erstlings-Eltern (besonders empfänglich für sinnlosen Schrott) und schwangeren Frauen (leichte Beute) leise zuraunen, dass man ohne sie den harten Familien-Alltag niemals meistern wird. Oder aber die fieseste Falle: der Sicherheitsaspekt, vom Fachpersonal gerne verwendet bei teuren Kinderwägen, Autositzen oder Hochstühlen, mit dem Totschläger-Argument: «Tja, wenn Ihnen die Sicherheit Ihres Kindes das Geld NICHT wert ist, nehmen Sie halt das günstigere Modell...» Ja, klar!

Der Druck fängt bereits in der Schwangerschaft an, wenn die Babybusiness-Mafia Frauen in anderen Umständen weismachen will, dass jetzt Zeit ist für geblümte Rüschentops mit Einsätzen und Abnähern oder ein Abendkleid, das «Hallo, Umstandsmode!» schreit. Ganz zu schweigen von Bade-Einteilern oder Spitzen-Dessous, welche die Oma nach der Geburt sicher gerne nachträgt. Sollen wir Frauen im Ernst für neun Monate unseren ganzen Kleiderschrank mit umständlichen Kleidern austauschen? Das erfordert nicht nur starke Sehnerven, bei all dem scheusslichen Zeugs, das in der Schwangerschaftsabteilung hängt, sondern kostet auch massig Geld. Klar, ab dem fünften Monat sind Jeans mit angenähtem Elastikbund eine wirklich gute Sache. Aber ansonsten bin ich persönlich mit Leggins, Oversize-T-Shirts und den Hemden meines Mannes immer gut gefahren.

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In Ruhe stillen: Babyhut mit Riesenkrempe.

Weiter gehts mit den Anschaffungen für die Stillzeit. Ein paar Kostproben gefällig? Die Hersteller sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, Eltern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Da wäre neben dem sexy Abpump-Bustier und dem total überflüssigen Stillsessel (was ist gegen das gute alte Sofa einzuwenden?) zum Beispiel der Stillhut mit der Riesenkrempe, der dem Säugling als Sichtschutz übers Köpfchen gestülpt wird. Aber wer möchte schon einen riesigen Baby-Schlapphut vor dem Busen? Mamas Lieblingsfoulard tuts doch auch. In der selben Liga spielen Maxi-Lätzchen in allen Farben und Mustern. Das sieht dann so aus, als hätte sich Mutti ein dekoriertes Zelt umgeschnallt. Ausgeprägte Still-Demenz ist die einzige Erklärung, warum sich Mütter solche Undinger anschaffen.

Zum Schluss möchte ich noch eine Frage loswerden: Wer hat eigentlich DIE WICKELTASCHE erfunden? Oder anders gefragt: Wozu braucht es sie? Ich weiss, diese Taschen hängen an praktisch jedem Kinderwagen, der vorbeigondelt. Die Windeln, Feuchttücher und der Ersatznuggi wollen schliesslich ordentlich verstaut sein. Aber weshalb kommen da nicht der ganz normale Rucksack oder die schöne Tasche zum Einsatz, die schon vor der Geburt des Kindes da waren? Die sonderbarste Wickeltasche habe ich übrigens an der Playtime-Kindermesse in Paris entdeckt: Von aussen macht sie auf It-Bag aus schickem Leder mit Absteppnähten à la Chanel; im Innern jedoch befinden sich ein Fläschchenwärmer, ein Abteil für die Windeln und eine herausnehmbare Wickelmatte. Ich halte nicht viel von Mogelpackungen. Dann schon lieber eine echte Chanel-Tasche für Mama und meinetwegen die hässliche Wickeltasche fürs Baby.

Andrea Bornhauser*Andrea Bornhauser arbeitete als Moderedaktorin für «annabelle» und «Facts». Heute betreibt die freischaffende Journalistin das Onlineportal Familianistas.ch. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.


Treibt der Mann die Kaiserschnittrate hoch?

Jeanette Kuster am Sonntag den 24. März 2013
MamaSo

Männer haben eine «auf Risiken ausgerichtete Denkweise» und sehen die Schwangere als «potenziell Kranke». Ist am Ende also das starke Geschlecht verantwortlich für unsere hohe Kaiserschnittrate? (Foto: AFP)

Jede dritte Frau bringt ihr Kind hierzulande per Kaiserschnitt zur Welt. Damit hat die Schweiz eine der höchsten Kaiserschnittraten weltweit. Über die genauen Ursachen rätseln die Experten, wie eine Untersuchung des Bundes vor Kurzem zeigte.

Während die Profis noch darüber nachdenken, ob wir unsere Spitzenposition in der Kaiserschnitt-Hitparade (Platz 2 in Europa) dem steigenden Alter der Gebärenden, der Zunahme von Mehrlingsschwangerschaften infolge künstlicher Befruchtung oder den auf Nummer sicher gehenden Ärzten zu verdanken haben, ist für viele Laien die Sache ganz klar: Schuld sind in erster Linie die Frauen. Sie sind es, die ohne medizinischen Grund einen Kaiserschnitt wünschen. Weil eine geplante Geburt besser in den Terminkalender passt. Weil sie Angst vor den Wehen haben. Und weil ein Kaiserschnitt à la Hollywood gerade in ist.

Eine einfache, naheliegende Erklärung. Sache abgehakt. Oder ist es vielleicht doch ganz anders? Sind es womöglich nicht die Frauen, sondern die Männer, die die vielen Kaiserschnitte zu verantworten haben? Ich habe kürzlich auf Arte den Dokumentarfilm «Neun Monate zwischen Hoffnung und Hightech» geschaut, in dem der medizinische Fortschritt rund um Schwangerschaft und Geburt kritisch beleuchtet wurde. Darin kam der Gynäkologe Dr. Sven Hildebrandt zu Wort, der mich mit einem überraschenden Statement zum Nachdenken brachte. Er sagte, dass «mit dem Einzug der Ärzte ein neues Geschlecht in das System der Geburt einzog, nämlich das der Männer». Nun sei aber «die männliche Denkweise eine strukturierte, auf Risiken und Aktionismus ausgerichtete Denkweise». Will heissen: Der (männliche) Gynäkologe geht völlig anders an das Thema Schwangerschaft und Geburt heran als die (weibliche) Hebamme. Die Hebamme sehe die Schwangere als «potenziell Gesunde», so Hildebrandt, und greife nur ein, wenn sich irgendetwas zum Schlechten verändere. Der Arzt hingegen sehe die Schwangere als «potenziell krank» an. Und wer krank ist, muss mit allen medizinischen Mitteln versorgt werden. Bis hin zum (manchmal unnötigen) Kaiserschnitt.

Die Erzählungen, die ich in meinem Umfeld zum Thema Wunschkaiserschnitt gehört habe, passen ins Bild: Die Männer raten ihren Frauen aktiv zur Schnittgeburt, weil die sicherer sei und man doch kein unnötiges Risiko eingehen solle. Wobei einige beim Wort Risiko vor allem an ihr Liebesleben denken, denn auch das Argument «dann bleibt da unten alles schön» soll öfters hervorgebracht werden.

Natürlich sind das nur Einzelfälle. Natürlich drängen nicht alle werdenen Papas ihre Frauen zum Kaiserschnitt. (Und selbst wenn, könnten die Frauen immer noch Nein sagen.) Natürlich raten auch nicht alle männlichen Gynäkologen ihren Patientinnen reihenweise zur Sectio. Aber genau so wenig sind alle Frauen so extrem wehleidig und dumm, dass sie aus Angst vor Schmerzen oder aus einem abstrusen Trend-Glauben heraus grundlos an sich herumschnippeln lassen.

Also bitte: Schluss mit den blöden Bemerkungen über die angeblich verweichlichten Frauen, kaum geht es ums Thema Geburt. Dafür mehr Aufklärung über die Risiken und (sehr wohl vorhandenen) Schmerzen beim Kaiserschnitt. Letzteres wollen Bund, Gynäkologen und Kinderärzte noch dieses Jahr mit einer Infobroschüre angehen. Auf Ersteres müssen wir wohl noch länger warten.


CEO und Mutter: Jasmin Staiblin

Jeanette Kuster am Donnerstag den 28. Februar 2013
mbSt

Bringt Karriere und Kinder unter einen Hut: Jasmin Staiblin, Alpiq-Chefin und bald zweifache Mutter. (Foto: Alpiq)

Das seriöse Radio SRF war es, das die Nachricht als erstes verkündete: «Jasmin Staiblin ist wieder schwanger». Schön für die Chefin des Stromkonzerns Alpiq. Aber ist das wirklich eine Meldung wert? Anscheinend schon, wenn man sich die darauf folgende Diskussion in den Medien ansieht.

Staiblin agiert seit Anfang Jahr als oberste Chefin von Alpiq und wird ihren Posten nun also im Mai für vier Monate verlassen, um sich um ihr Neugeborenes zu kümmern. Schon beim ersten Kind – damals noch als CEO der Firma ABB – hatte sie es genau gleich gehandhabt, hat also auch damals ihren ihr rechtlich zustehenden Mutterschaftsurlaub bezogen, Chefposten hin oder her. Und schon damals, vor vier Jahren, wurde sie deswegen von allen Seiten angegriffen.

Einer ihrer schärfsten Kritiker 2009 war «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel. «Darf eine Firmenchefin einfach schwanger werden?», fragte Köppel im Editorial, um die Frage gleich selber mit einem klaren Nein zu beantworten. Als Chefin in Mutterschaftsurlaub zu gehen, noch dazu während der Wirtschaftskrise, bedeutete für Köppel nichts anderes, als sich aus der Verantwortung zu stehlen und die Mitarbeiter im täglichen Überlebenskampf sich selber zu überlassen. Denn «würden Sie Ihre Armee einem General anvertrauen, der sich im Krieg aus familiären Gründen beurlauben lässt?» Ausserdem könne es sich «kein Mann in vergleichbarer Stellung erlauben, in einer ähnlich heiklen wirtschaftlichen Situation seine Firma aus persönlichen Gründen zu verlassen», so Köppel weiter, «der Chef will mit seiner Frau zwei Monate nach Venedig verreisen, um die angeschlagene, scheidungsgefährdete Beziehung romantisch aufzurüsten? Seine Vorgesetzten würden ihn für verrückt erklären.» Nein, entweder müsse eine Karrierefrau auf Kinder verzichten (beste Idee), oder dann eben (wenns unbedingt sein muss) trotz Nachwuchs ihre Pflichten wahrnehmen. Magdalena Martullo-Blocher, Chefin der EMS-Chemie, habe in ihrer Amtszeit schliesslich auch zwei Kinder geboren und deswegen «nur ein paar Tage gefehlt».

Es versteht sich von selbst, dass Jasmin Staiblin auch mit letzterer Variante angeeckt wäre. Schliesslich ist es gesellschaftlich verpönt, als Frau Kinder auf die Welt zu stellen, bloss um sie wenige Tage nach der Geburt schon wieder abzugeben. Ja unzählige Leser bezeichnen Staiblin auch so schon als Rabenmutter, weil sie tatsächlich vor hat, nach ihrem Mutterschaftsurlaub wieder vollzeit zu arbeiten. Noch dazu als Chefin! Und dies mit zwei Kindern! Skandalös! Sie hat offensichtlich auch beim zweiten Mal nichts dazugelernt.

Vielleicht haben aber auch die Nörgler in den letzten vier Jahren nichts dazugelernt. Denn weder hat sich ihre Befürchtung erfüllt, dass die ABB während des Mutterschaftsurlaubs der Chefin zugrunde gewirtschaftet wurde, noch hat sich Staiblin nach der Geburt urplötzlich zum Muttertier gewandelt, ihre Stelle gekündigt und die Firma hängenlassen. Nein, sie ist zurückgekommen und hat Karriere und Familie seither offensichtlich hervorragend unter einen Hut gebracht. Sonst wäre ihr wohl kaum der Job bei Alpiq angeboten worden. Und sonst hätten sie und ihr Mann sich vermutlich nicht für ein zweites Kind entschieden.

Dass die Öffentlichkeit sich so über den Fall Staiblin aufregt, über eine Geschichte also, die ausser die Familie Staiblin und die Firma Alpiq niemanden kümmern müsste, zeigt, wie weit her es in der Schweiz mit der Gleichberechtigung auf der Karriereleiter ist. Gar nicht weit nämlich. Frauen wird Böswilligkeit unterstellt, wenn sie neu im Unternehmen sind und schwanger werden. Frauen sollen sich entweder mit Teilzeit-Jobs auf den unteren Hierarchiestufen zufrieden geben, oder ganz auf Kinder verzichten. Ja Frauen sollen gefälligst alles und jeden stets berücksichtigen bei ihren Entscheidungen, nur ihre eigenen Bedürfnisse nicht.

Es ist dringend nötig, diese Denkmuster aufzubrechen. Und Jasmin Staiblin tut das. Sie zeigt auf, dass sich Kind und Karriere durchaus vereinbaren lassen, dass man auch als arbeitende Mutter seine Rechte einfordern und für sich einstehen soll – allen Widerständen zum Trotz. Und die Tatsache, dass sie vier Monate lang physisch abwesend sein kann, ohne dass das Chaos ausbricht, beweist keineswegs, dass sie ersetzbar ist. Es spricht vielmehr für ihre Führungsqualitäten. Staiblin scheint ihr Unternehmen nicht als Diktatorin, sondern als Teamplayerin zu leiten. Topmanager müssten «Antreiber, Strategen, Vorbilder» sein, forderte Köppel. Alles trifft auf die bald zweifache Mutter Staiblin zu.



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