Archiv für die Kategorie „Schwangerschaft“

Mein geplantes vaterloses Kind

Mamablog-Redaktion am Dienstag den 17. März 2015

Ein anonymer* Gastbeitrag

stttijn

Wer sagt, dass ein geplant vaterloses Kind unglücklich ist? Foto: Symbolbild, Flickr stttijn.

Ich habe mein Kind geplant. Zugegeben, nicht von langer Hand und nicht in Absprache mit meinem damaligen Partner. Es war ein Spontanentscheid, auf der Hinfahrt zu einem romantischen Abendessen.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren eigene Kinder in meiner Lebensplanung nie wirklich vorgekommen, und ich brauchte keine, um glücklich zu sein. Zwischen zwanzig und vierzig war ich die Karriereleiter kontinuierlich emporgestiegen, bis ich oben angelangt war als eine der wenigen Frauen im Topkader meiner Firma. Ich war zwar single und kinderlos, aber führte ein ausgefülltes Leben.

Und dann stand ich im Stau zum Abendessen mit meinem damaligen Lebensabschnittspartner und hatte ein bisschen Zeit, um mich zu wundern, ob ich in diesem Leben noch Kinder wollte oder nicht. Es war auch jetzt nicht der richtige Zeitpunkt oder die richtige Beziehung dazu, und die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, war in meinem Alter ungefähr so hoch wie ein Sechser im Lotto für den, der das erste Mal spielt.

Doch in diesem einen Moment im Stau war der Traum des eigenen Kindes plötzlich da und blieb hartnäckig in meinem Kopf hängen.

Drei Wochen später wusste ich, dass ich ein Kind erwartete. Und dann brach ich in Panik aus. Wie ging das überhaupt mit einem Kind? Und wie konnte man da überhaupt weiterarbeiten? Kurz: Wie liess sich das Kind in mein bisheriges Leben integrieren? Ich arbeitete zu diesem Zeitpunkt rund 60 bis 70 Stunden pro Woche und konnte mir nicht vorstellen, etwas daran zu ändern. Aber zuerst einmal stand die Frage im Raum: «Und wie sage ich es dem Kindsvater?»

Und natürlich sagte ich, was alle Frauen in diesem Moment sagen: «Es tut mir leid, es war ein Versehen.»

Zugegeben, stolz darauf, den Entscheid zum Kind ohne Einverständnis des Kindsvaters gefällt zu haben, war ich nie. Auch ich hätte lieber die romantische Version gehabt. «Schatz, wollen wir nicht ein Kind?» «Schatz, ich bin schwanger!» Und danach Tränen der Freude, ein weiteres romantisches Nachtessen, die Hand des zukünftigen Vaters auf dem wachsenden Bauch, den Stolz in seinen Augen und die Aufregung in den Tagen vor und nach der Geburt. Doch in meinem Alter wusste ich, dass es diese Version mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mehr geben würde.

Die frohe Botschaft an den Vater meines Kindes verursachte alles andere als eine frohe Reaktion. Ich konnte ihn verstehen und hätte vermutlich genauso reagiert. Aus Gründen der Fairness war es für mich klar, vollumfänglich für das Kind aufzukommen. Ich bestand aber darauf, dass er das Kind anerkannte und den Kontakt zu ihm aufrechterhalten würde.

Heute weiss mein Kind, wer sein Papa ist, und spricht regelmässig mit ihm per Skype. Den unilateralen Entscheid zum Kind habe ich nie bereut, obwohl er mein Leben vollständig auf den Kopf gestellt hat. Natürlich liess sich das Kind nicht in mein damaliges Leben integrieren. Einige Monate nach der Geburt habe ich (gerade noch rechtzeitig) realisiert, dass ich meine Zeit lieber in mein Kind als in 150 Mitarbeitende investiere, und habe meinen Führungsjob an den Nagel gehängt. Und nein, ich bin nicht sozialhilfeabhängig. Ich komme vollumfänglich für unseren Lebensunterhalt auf. Ich bin eine glückliche, unabhängige, alleinerziehende Mutter mit einem zufriedenen Kind.

Und dennoch frage ich mich manchmal, ob mein Kind durch den vaterlosen Zustand substanzielle Nachteile erleiden könnte. Doch dann erinnere ich mich blitzartig an die aktuelle Scheidungsquote und lehne mich zurück. Mein Kind wächst vielleicht ohne Vater auf, aber zumindest kann ich ihm die Qualen von Beziehungskrisen, Trennung und Scheidung und damit verbundenen Verlustgefühlen und -ängsten ersparen. Im Endeffekt bin ich davon überzeugt, dass nicht die Konstellation von Vater und Mutter eine gute Familie ausmacht, sondern die Beziehungsqualität, in der ein Kind aufwächst.

*Name der Redaktion bekannt

«Mein kleiner Maximilian-Jason kriegt noch MuMi»

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 25. Februar 2015

Ein Papablog von Markus Tschannen*

Mamablog

Sehr, sehr besorgt und lieber auf der sicheren Seite: Das Forenmutti. Foto: Steve Debenport

Im Internet treffen Welten aufeinander und bieten dabei mehr Unterhaltung als das Privatfernsehen beim Niveaulimbo. Manch ein Forenbeitrag hat mich schon an den Rand eines Psychologiestudiums getrieben. (Den Rand, an dem das Studium beginnt.) Haustierforen seien besonders schlimm, hört man. Aber auch Babyforen bieten viel Komik.

Hätte ich eine Frage, würde ich die im Babyforum ungefähr so formulieren:
markus1234 (Neuling, 1 Beitrag) schreibt: «Mein Baby (10 Monate) kratzt sich seit 5 Tagen oft am Ohr. Ansonsten ist alles normal. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht und weiss, woran das liegen könnte?»

Viel eher liest man in Babyforen aber das hier:
Biggylein78 (Profimutti, 39'518 Beiträge) schreibt: «Meine kleine süsse Maus (41W+4, korrigiert 39W+2) hat gestern den ganzen Tag normal gespilt (mit ihrer Rassel und den Holzbauklözzen, die mag sie am liebsten) am Nachmittag war sie etwas quengelig aber ich habe mir noch nichts dabei gedacht. Dan kamen meine Eltern zu Besuch (sie waren zufällig in der Gegend ) und meiner Mutter ist aufgefallen das sich Mia ( sie hat keinen ZN, wir finden das schöner) mehrmals am Ohr gekratzt hat . Ich habe es dann auch gesehen und war ziemmlich besorgt. Kann es eine Mittelohrenzündung sein? Oder etwas schlimmeres? Neurodermitis oder ein Krebsgeschwühr am Ohr? Wir sind natürlich sofort in den Kindernotfall vom KH gefahren und heute morgen gleich zum KiA. Beide sagten ich soll mir keine Sorgen machen wenn das Kind normal isst und zufrieden wirkt. Gelegentliches Kratzen am Ohr sei ganz normal !!! Dazu muss ich sagen, das Mia in der Nacht noch MuMi kriegt und tagsüber Brei. Sie hat gestern den MiB (Biokarotten und Pastinacken) nicht ganz aufgegessen (ca 130ml) den NaB (Mango-Apfel, Mia verträgt keine Bananen) und AB (Dinkelfloken mit MuMi) aber schon. Was soll ich tun? Ich konnte letzte nacht vor Sorgen kaum Schlafen. Mein ältester hatte das auch mal, als er 2Jahre alt war. Jack hat sich in der Nacht am rechten Ohr gekratzt und am Morgen ist es plötzlich abgefallen…»

Mamablog

Selbst ist das Baby: Der Nachwuchs googelt schon einmal selbst.

Gut, am Ende gingen die Pferde mit mir durch, aber ansonsten entspricht das fiktive Beispiel durchaus der Realität. Beantwortet wird so ein Beitrag typischerweise von sieben weiteren Müttern, die ausnahmslos empfehlen, eine Dritt-, Viert- und Fünftmeinung einzuholen. Mit den Ohren sei bekanntlich nicht zu spassen, das wisse man ja. Ausserdem solle man einen Naturheilpraktiker beiziehen und zur Sicherheit schon mal Globuli geben. Die Stimmung kippt, als ein Vater schreibt, dass mit dem Kind bestimmt alles in Ordnung sei. Ihm wird umgehend Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Eine Mutter droht mit der KESB.

Ich will keinen Geschlechterkrieg heraufbeschwören. Aber wer Babyforen liest, stellt fest, dass darin fast ausschliesslich Mütter aktiv sind. Auch nicht jede Art Mutter, sondern nur der Typus «Forenmutti»:

  • Sie ist stets sehr, sehr besorgt. («SOFORT zum KiA!!! »)
  • Ihr Mitteilungsbedürfnis ist bemerkenswert. («Thorben LIEBT Schwarzwurzeln»)
  • Sie mag Abkürzungen. («Dustin war schon während der SS sehr aktiv»)
  • Abgesehen vom Namen ihres Kindes schreibt sie kein Wort richtig. (Beim Namen weiss man es ja nicht: Entweder heisst das Kind tatsächlich Bényamïnn, oder die Familienkatze jagte den Goldhamster über die Tastatur.)

Die Forenmuttis stören mich übrigens nicht. Ich habe sie gar ins Herz geschlossen, denn sie unterhalten mich, und ihre Beiträge sind durchaus nützlich. Immerhin verbringen Forenmuttis ihre Freizeit beim Kinderarzt und schreiben dessen Diagnose zu jedem erdenklichen Babyproblem nieder. Ich wundere mich allerdings über die komplette Abwesenheit aller anderen Elterntypen. Weshalb sind Väter und sachlich schreibende Mütter in Foren nicht vertreten? Ich habe zwei Theorien:

  1. Sie lesen nur passiv mit, weil die Forenmuttis schon alles geschrieben haben, was man nur schreiben kann. Das Baby bieselt nach der Erkältung in einem leicht dunkleren Gelbton? Irgendeine Forenmutti war damit bestimmt bei fünf Ärzten.
  2. Die Forenmuttis schrecken andere mit ihrem Schreibstil ab und ziehen Gleichgesinnte an. Es findet eine virtuelle Ghettoisierung statt (oder Gentrifizierung, je nach Blickwinkel).

An mir selber kann ich beides beobachten: Ich lese gern Babyforen, aber selber aktiv bin ich in diesem Umfeld nicht. Die Welt der «süssen Mäuse», «kleinen Motten» und «mein Kurzer» ist nicht meine Welt. Oder wie es die geschätzte Twitterkollegin @MmeDisaster kürzlich formuliert hat:

Vielleicht erzähle ich in meinem nächsten Papablog davon, wie das Baby vom Sofa fiel, während ich daneben sass. Es soll ja niemand denken, ich würde mich für etwas Besseres halten.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

Wie geht es Ihren Brüsten?

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 12. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Anicia Kohler*

Als unschuldige und naive Schwangere denkt man ja, man sei über beide Seiten der Mutterschaftsmedaille bestens informiert. Schlaflose Nächte, unter Dampfabzügen verbracht; überquellende Windeln, die stündlich gewechselt werden müssen – und im Gegenzug süsse Strampler und wahnsinnig kleine Fusszehennägelchen. So stellen es Freunde, Verwandte, Gesellschaft und Werbung dar. Nachdem man sich aber im Hormonrausch des Wochenbetts mit vollständigem Kontrollverlust über Physis und Psyche wiederfindet, und das im voll besetzten Viererzimmer des Spitals, schwant es einem: Die Geburt war erst der Anfang! Und: Davon wusste ich nichts!

Eine Kehrseite der Medaille, die beflissen verschwiegen wird – und zwar von allen Beteiligten. Ist vielleicht besser so. Ungeschriebenes Gesetz, an das ich mich gerne auch halte (verängstigte schwangere Leserinnen sollen sich an ihre Frauenärzte wenden).

Eine andere unbekannte Kehrseite ist das Ausserkraftsetzen von mir bisher geläufigen Small-Talk-Regeln, sobald man ein Kind auf die Welt gebracht hat. Man spreche nicht über Religion, Politik, Körperfunktionen, glaubte ich. «Stillen Sie?», fragte dann jedoch jemand. Und: «Haben Sie genug Milch?», fragte jemand anderes. Ich war peinlich berührt und etwas schockiert. Ich hatte geglaubt, die Fütterung betreffe mich, das Baby, den Partner und vielleicht noch die Hebamme.

In den folgenden Wochen stellte ich jedoch fest, dass meine Brüste mit der Mutterschaft zum Small-Talk-Thema Nummer 1 avanciert waren, und zwar sowohl für Verwandte und Bekannte wie auch für Nachbarn, Buschauffeure und Staubsaugervertreter (jeden Geschlechts). Bei jeder Begegnung musste ich mir von nun an mit roten Ohren Geschichten über Schlupfwarzen und auslaufende Stilleinlagen anhören und versuchen, Fragen zu meinem eigenen Angebot möglichst charmant auszuweichen. Dies bescherte mir einige unerwünschte mentale Bilder. Aber auch Unsicherheit: Ist das nicht total unhöflich? Oder bin ich einfach prüde?

Mittlerweile habe ich im diskreten Beantworten gewisser Fragen mehr Routine, finde aber immer noch, dass der Kreis der Personen, die sich so detailliert erkundigen dürfen, sehr klein ist: die engste Freundin und die eigene Mutter. Alle anderen dürfen meiner Meinung nach Folgendes fragen: Wie geht es dem Kind? Isst es gut (in dieser Wortwahl)? Und sonst würde ich dafür plädieren, etwas Diskretion zu wahren, dem wahrscheinlich erschöpften Gegenüber wohlmeinend zuzuzwinkern – oder ein Stück Schokolade zuzuschieben. Oder sich einfach nach den wahnsinnig kleinen Fusszehennägelchen zu erkundigen...

Mamablog Anica Kohler*Anicia Kohler ist Musikerin, Fachmitarbeiterin Prävention – und Mutter eines dreimonatigen Babys, dessen Füsse bereits unglaublich gewachsen sind.

Sex ja, aber nicht für die Zeugung

Gabriela Braun am Freitag den 9. Januar 2015
Sex640

Werden Sex und Fortpflanzung bald gänzlich voneinander getrennt? – Laura Clery als Sarah Ann in der Youtube-Erfolgsserie «Sex Ed». Foto: Youtube

«Voyeuristisch, ohne Ethik. Die Intimität zur Schau gestellt.» Meine Bekannte erzählte aufgewühlt von einem TV-Beitrag, den sie am Dienstag auf SRF 1 gesehen hatte. Die Sendung «Puls» zeigte, wie ein Arzt seiner Patientin deren Eizelle nach einer künstlichen Befruchtung in die Gebärmutter einsetzte. Der Zuschauer war bei diesem persönlichen und intimen Moment dabei und sah ausser der Scheide der Patientin alles: Ihre gespreizten Beine, den Eizelltransfer mittels Pipette in die Gebärmutter, ihr banges Gesicht – und ihr nicht minder aufgewühlter Mann hinter ihr. «Ob sich das Ei auch einnisten kann?», fragte derweil die Stimme im Off.

Man kann die Reportage als eine anschauliche Dokumentation über künstliche Befruchtung sehen: informativ, nüchtern und als einen ärztlichen Eingriff, der der Besamung einer Kuh gleicht. Oder aber als eine regelrechte Zurschaustellung der Intimität, ohne jegliche Grenzen. Denn eine künstliche Befruchtung ist für ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch – meine Bekannte weiss es aus eigener Erfahrung – einer der persönlichsten und intimsten Momente des Lebens. Sie sagt: Trotz aller medizinischer Hilfe und Technik brauche es bei einer künstlichen Befruchtung auch etwas Würde. «Immerhin wird dabei womöglich ein Kind gezeugt.» Ein TV-Team habe in Momenten wie diesen nichts zu suchen.

Zweitausend künstliche Befruchtungen gibt es in der Schweiz jedes Jahr. Paare, die nicht auf natürlichem Wege schwanger werden können, setzen darauf. Doch glaubt man Forschern, wird diese Art, schwanger zu werden, schon bald normal: Auch Frauen, bei denen eine natürliche Zeugung kein Problem ist, setzen in den kommenden Jahren auf In-vitro-Fertilisation. Die Methode soll das Kindermachen zunehmend entsexualisieren und der Wissenschaft, den weissen Kitteln und sterilen Kliniken überlassen werden.

Carl Djerassi, pensionierter Wissenschaftler und Erfinder der Antibabypille, erwartet, dass bis in 35 Jahren die meisten Babys mittels künstlicher Befruchtung gezeugt werden. Die Frauen würden damit nochmals ein Stück unabhängiger, sagt er gegenüber der Zeitschrift «Schweizer Monat»Der Wissenschaftler gibt sich im Gespräch überzeugt, Sex und Fortpflanzung würden zunehmend voneinander getrennt. An die Journalistin gewandt, sagt er: «Wenn ich heute eine junge, gebildete Frau wie Sie wäre und ein Kind haben wollte, würde ich zwei oder drei meiner Eier einfrieren und mich anschliessend sterilisieren lassen.» So könnte man sich das Geld und die Sorge um die Verhütung sparen, Spass am Sex haben und obendrein noch Karriere machen.

Findet der Akt der Zeugung also bald mehrheitlich sediert auf dem Schragen anstatt wild im Bett statt? Haben Lust und Leidenschaft in ein bis zwei Generationen nichts mehr mit Kindermachen zu tun? Ich hoffe sehr für alle künftigen Eltern und Kinder, beim Szenario des über 90-jährigen Wissenschaftlers handle es sich um ein Hirngespinst eines «crazy old man». Es wäre jammerschade, allein der individuellen Zeugungsgeschichten wegen. Ich finde es äusserst charmant zu wissen, dass ich in Portugal während der Hochzeitsreise meiner Eltern gezeugt wurde. Die Gründe für eine Laborzeugung des Mr. Djerassi – Kosten, mehr Spass am Sex und Möglichkeiten zur Karriere – sind zudem fadenscheinig. Es ginge ja vor allem um Geld, das konsequente Auslagern der Zeugung wäre ein grandioser Wirtschaftszweig.

Egg-Freezing? Blödsinn, werdet schwanger!

Mamablog-Redaktion am Sonntag den 26. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Liliane Minor*

Pregnant women paint their bellies before an event to celebrate "Healthy Maternity Week" in Lima

Selbstbewusst auf das eigene Bauchgefühl hören, statt auf den perfekten Zeitpunkt warten: Ein Baby haben macht Spass! Foto: Reuters

Kein Thema ist unter Frauen seit Jahren so präsent wie dieses: Wie bringt man Kinder und Beruf unter einen Hut? Und obwohl sich viel getan hat – Krippen, Horte, Tagesschulen werden immer mehr – bleibt die Sache schwierig. Oder, wie es die «NZZ am Sonntag» kürzlich formuliert hat: Kinder und Beruf lassen sich in der Schweiz nicht vereinbaren. Nur addieren.

Da scheint der medizinische Fortschritt wie gerufen zu kommen: Frauen können sich Eizellen entnehmen und fünf Jahre lang einfrieren lassen, um Kinder auf später zu verschieben. Das, so die Hoffnung, befreie vom Dilemma, sich zwischen Karriere und unerbittlichen biologischen Tatsachen entscheiden zu müssen. Aber auch vom Druck, den Freunde und Familie unbeabsichtigt ausüben, wenn sie fragen, warum ein Paar Mitte dreissig denn noch keine Kinder habe.

Da klingt das Freezing, wie es so schön heisst, wie ein weiterer Schritt Richtung Freiheit. Ein Fortschritt wie seinerzeit die Pille. Doch jede Frau, die in einer festen Partnerschaft ist und verhütet, kennt die Kehrseite der Medaille: Irgendwann muss sie sich entscheiden. Mit der Verhütung aufhören. Das war der Preis für eine nie gekannte sexuelle Freiheit für Frauen. Ein Preis, der sich lohnte.

Beim Freezing aber ist der Preis ungleich höher. Wohlverstanden: Die Technik ist ein Segen für Frauen, die sich beispielsweise einer Krebsbehandlung unterziehen müssen und nicht wissen, ob sie danach überhaupt noch auf natürlichem Weg Kinder bekommen können. Alle anderen aber befreit die neue Technik nur scheinbar – denn schon nach drei, vier Jahren ist der Druck zurück, und das unerbittlicher denn je. Dann droht den eingefrorenen Zellen die Vernichtung. Und nun stellt sich nicht nur die Frage: Lassen wir die Zellen nun befruchten? Sondern es lastet auch das Wissen schwer: Wenn es damit nicht klappt, ist es mit dem Kinderhaben möglicherweise ein für allemal vorbei. Sich noch einmal fünf Jahre zu erkaufen, dürfte für die meisten Frauen unrealistisch sein. Und die Chance auf eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg ist zu dem Zeitpunkt für die meisten Frauen nur noch gering.

Hinzu kommt der Druck, sich in den paar Jahren, in denen die Eizellen gelagert bleiben, beruflich zu etablieren. Was, wenn das nicht klappt? Und, fast noch schwieriger: Was, wenn es klappt mit der Karriere? Wenn dann gerade der nächste Karriereschritt ansteht? Es wird nicht einfacher, Kinder zu haben, je weiter oben man auf Leiter steht. Und wenn ein Chef schon bei einer einfachen Angestellten Mühe hat, Kinder zu akzeptieren, dann wird er bei Kadermitarbeiterinnen eher noch untoleranter werden.

Mag sein, dass es Frauen gibt, die mit einer solchen Situation umgehen können. Aber genau diese bräuchten das Freezing nicht. Weil sie selbstbewusst genug sind, sich zu entscheiden. Sei es für Kinder und Beruf, für Kinder ohne Beruf oder für Beruf ohne Kinder. Für alle anderen kann aus der vermeintlichen Versicherung für später rasch ein Alptraum werden.

Machen wir uns nichts vor: Den idealen Zeitpunkt für Kinder gibt es ohnehin nie. Jede Frau, die Mutter geworden ist, weiss das. Mal ist es im Job ungünstig, mal passt die Wohnung nicht. Zudem weiss wohl keine Frau im Voraus, wie es sich wirklich anfühlt, ein Kind zu haben. Das verunsichert, klar. Aber wenn das Baby dann da ist, geht es irgendwie. Und nicht nur das: Es macht Spass.

In diesem Sinne, liebe Frauen: Werdet doch einfach schwanger. Voller Stolz und Selbstbewusstsein. Dann, wenn es euch passt und nicht dem Chef. Das wird auf Dauer mehr Einfluss auf die gesellschaftliche Situation haben, als wenn ihr Kinderkriegen vor lauter Karriere verschiebt. Denn so signalisiert ihr: Kinder sind kein Störfaktor.

Minor* Liliane Minor ist Redaktorin beim «Tages-Anzeiger». Sie hat zwei Kinder und wohnt im Zürcher Unterland.

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