Archiv für die Kategorie „Schwangerschaft“

Wie geht es Ihren Brüsten?

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 12. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Anicia Kohler*

Als unschuldige und naive Schwangere denkt man ja, man sei über beide Seiten der Mutterschaftsmedaille bestens informiert. Schlaflose Nächte, unter Dampfabzügen verbracht; überquellende Windeln, die stündlich gewechselt werden müssen – und im Gegenzug süsse Strampler und wahnsinnig kleine Fusszehennägelchen. So stellen es Freunde, Verwandte, Gesellschaft und Werbung dar. Nachdem man sich aber im Hormonrausch des Wochenbetts mit vollständigem Kontrollverlust über Physis und Psyche wiederfindet, und das im voll besetzten Viererzimmer des Spitals, schwant es einem: Die Geburt war erst der Anfang! Und: Davon wusste ich nichts!

Eine Kehrseite der Medaille, die beflissen verschwiegen wird – und zwar von allen Beteiligten. Ist vielleicht besser so. Ungeschriebenes Gesetz, an das ich mich gerne auch halte (verängstigte schwangere Leserinnen sollen sich an ihre Frauenärzte wenden).

Eine andere unbekannte Kehrseite ist das Ausserkraftsetzen von mir bisher geläufigen Small-Talk-Regeln, sobald man ein Kind auf die Welt gebracht hat. Man spreche nicht über Religion, Politik, Körperfunktionen, glaubte ich. «Stillen Sie?», fragte dann jedoch jemand. Und: «Haben Sie genug Milch?», fragte jemand anderes. Ich war peinlich berührt und etwas schockiert. Ich hatte geglaubt, die Fütterung betreffe mich, das Baby, den Partner und vielleicht noch die Hebamme.

In den folgenden Wochen stellte ich jedoch fest, dass meine Brüste mit der Mutterschaft zum Small-Talk-Thema Nummer 1 avanciert waren, und zwar sowohl für Verwandte und Bekannte wie auch für Nachbarn, Buschauffeure und Staubsaugervertreter (jeden Geschlechts). Bei jeder Begegnung musste ich mir von nun an mit roten Ohren Geschichten über Schlupfwarzen und auslaufende Stilleinlagen anhören und versuchen, Fragen zu meinem eigenen Angebot möglichst charmant auszuweichen. Dies bescherte mir einige unerwünschte mentale Bilder. Aber auch Unsicherheit: Ist das nicht total unhöflich? Oder bin ich einfach prüde?

Mittlerweile habe ich im diskreten Beantworten gewisser Fragen mehr Routine, finde aber immer noch, dass der Kreis der Personen, die sich so detailliert erkundigen dürfen, sehr klein ist: die engste Freundin und die eigene Mutter. Alle anderen dürfen meiner Meinung nach Folgendes fragen: Wie geht es dem Kind? Isst es gut (in dieser Wortwahl)? Und sonst würde ich dafür plädieren, etwas Diskretion zu wahren, dem wahrscheinlich erschöpften Gegenüber wohlmeinend zuzuzwinkern – oder ein Stück Schokolade zuzuschieben. Oder sich einfach nach den wahnsinnig kleinen Fusszehennägelchen zu erkundigen...

Mamablog Anica Kohler*Anicia Kohler ist Musikerin, Fachmitarbeiterin Prävention – und Mutter eines dreimonatigen Babys, dessen Füsse bereits unglaublich gewachsen sind.

Sex ja, aber nicht für die Zeugung

Gabriela Braun am Freitag den 9. Januar 2015
Sex640

Werden Sex und Fortpflanzung bald gänzlich voneinander getrennt? – Laura Clery als Sarah Ann in der Youtube-Erfolgsserie «Sex Ed». Foto: Youtube

«Voyeuristisch, ohne Ethik. Die Intimität zur Schau gestellt.» Meine Bekannte erzählte aufgewühlt von einem TV-Beitrag, den sie am Dienstag auf SRF 1 gesehen hatte. Die Sendung «Puls» zeigte, wie ein Arzt seiner Patientin deren Eizelle nach einer künstlichen Befruchtung in die Gebärmutter einsetzte. Der Zuschauer war bei diesem persönlichen und intimen Moment dabei und sah ausser der Scheide der Patientin alles: Ihre gespreizten Beine, den Eizelltransfer mittels Pipette in die Gebärmutter, ihr banges Gesicht – und ihr nicht minder aufgewühlter Mann hinter ihr. «Ob sich das Ei auch einnisten kann?», fragte derweil die Stimme im Off.

Man kann die Reportage als eine anschauliche Dokumentation über künstliche Befruchtung sehen: informativ, nüchtern und als einen ärztlichen Eingriff, der der Besamung einer Kuh gleicht. Oder aber als eine regelrechte Zurschaustellung der Intimität, ohne jegliche Grenzen. Denn eine künstliche Befruchtung ist für ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch – meine Bekannte weiss es aus eigener Erfahrung – einer der persönlichsten und intimsten Momente des Lebens. Sie sagt: Trotz aller medizinischer Hilfe und Technik brauche es bei einer künstlichen Befruchtung auch etwas Würde. «Immerhin wird dabei womöglich ein Kind gezeugt.» Ein TV-Team habe in Momenten wie diesen nichts zu suchen.

Zweitausend künstliche Befruchtungen gibt es in der Schweiz jedes Jahr. Paare, die nicht auf natürlichem Wege schwanger werden können, setzen darauf. Doch glaubt man Forschern, wird diese Art, schwanger zu werden, schon bald normal: Auch Frauen, bei denen eine natürliche Zeugung kein Problem ist, setzen in den kommenden Jahren auf In-vitro-Fertilisation. Die Methode soll das Kindermachen zunehmend entsexualisieren und der Wissenschaft, den weissen Kitteln und sterilen Kliniken überlassen werden.

Carl Djerassi, pensionierter Wissenschaftler und Erfinder der Antibabypille, erwartet, dass bis in 35 Jahren die meisten Babys mittels künstlicher Befruchtung gezeugt werden. Die Frauen würden damit nochmals ein Stück unabhängiger, sagt er gegenüber der Zeitschrift «Schweizer Monat»Der Wissenschaftler gibt sich im Gespräch überzeugt, Sex und Fortpflanzung würden zunehmend voneinander getrennt. An die Journalistin gewandt, sagt er: «Wenn ich heute eine junge, gebildete Frau wie Sie wäre und ein Kind haben wollte, würde ich zwei oder drei meiner Eier einfrieren und mich anschliessend sterilisieren lassen.» So könnte man sich das Geld und die Sorge um die Verhütung sparen, Spass am Sex haben und obendrein noch Karriere machen.

Findet der Akt der Zeugung also bald mehrheitlich sediert auf dem Schragen anstatt wild im Bett statt? Haben Lust und Leidenschaft in ein bis zwei Generationen nichts mehr mit Kindermachen zu tun? Ich hoffe sehr für alle künftigen Eltern und Kinder, beim Szenario des über 90-jährigen Wissenschaftlers handle es sich um ein Hirngespinst eines «crazy old man». Es wäre jammerschade, allein der individuellen Zeugungsgeschichten wegen. Ich finde es äusserst charmant zu wissen, dass ich in Portugal während der Hochzeitsreise meiner Eltern gezeugt wurde. Die Gründe für eine Laborzeugung des Mr. Djerassi – Kosten, mehr Spass am Sex und Möglichkeiten zur Karriere – sind zudem fadenscheinig. Es ginge ja vor allem um Geld, das konsequente Auslagern der Zeugung wäre ein grandioser Wirtschaftszweig.

Egg-Freezing? Blödsinn, werdet schwanger!

Mamablog-Redaktion am Sonntag den 26. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Liliane Minor*

Pregnant women paint their bellies before an event to celebrate "Healthy Maternity Week" in Lima

Selbstbewusst auf das eigene Bauchgefühl hören, statt auf den perfekten Zeitpunkt warten: Ein Baby haben macht Spass! Foto: Reuters

Kein Thema ist unter Frauen seit Jahren so präsent wie dieses: Wie bringt man Kinder und Beruf unter einen Hut? Und obwohl sich viel getan hat – Krippen, Horte, Tagesschulen werden immer mehr – bleibt die Sache schwierig. Oder, wie es die «NZZ am Sonntag» kürzlich formuliert hat: Kinder und Beruf lassen sich in der Schweiz nicht vereinbaren. Nur addieren.

Da scheint der medizinische Fortschritt wie gerufen zu kommen: Frauen können sich Eizellen entnehmen und fünf Jahre lang einfrieren lassen, um Kinder auf später zu verschieben. Das, so die Hoffnung, befreie vom Dilemma, sich zwischen Karriere und unerbittlichen biologischen Tatsachen entscheiden zu müssen. Aber auch vom Druck, den Freunde und Familie unbeabsichtigt ausüben, wenn sie fragen, warum ein Paar Mitte dreissig denn noch keine Kinder habe.

Da klingt das Freezing, wie es so schön heisst, wie ein weiterer Schritt Richtung Freiheit. Ein Fortschritt wie seinerzeit die Pille. Doch jede Frau, die in einer festen Partnerschaft ist und verhütet, kennt die Kehrseite der Medaille: Irgendwann muss sie sich entscheiden. Mit der Verhütung aufhören. Das war der Preis für eine nie gekannte sexuelle Freiheit für Frauen. Ein Preis, der sich lohnte.

Beim Freezing aber ist der Preis ungleich höher. Wohlverstanden: Die Technik ist ein Segen für Frauen, die sich beispielsweise einer Krebsbehandlung unterziehen müssen und nicht wissen, ob sie danach überhaupt noch auf natürlichem Weg Kinder bekommen können. Alle anderen aber befreit die neue Technik nur scheinbar – denn schon nach drei, vier Jahren ist der Druck zurück, und das unerbittlicher denn je. Dann droht den eingefrorenen Zellen die Vernichtung. Und nun stellt sich nicht nur die Frage: Lassen wir die Zellen nun befruchten? Sondern es lastet auch das Wissen schwer: Wenn es damit nicht klappt, ist es mit dem Kinderhaben möglicherweise ein für allemal vorbei. Sich noch einmal fünf Jahre zu erkaufen, dürfte für die meisten Frauen unrealistisch sein. Und die Chance auf eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg ist zu dem Zeitpunkt für die meisten Frauen nur noch gering.

Hinzu kommt der Druck, sich in den paar Jahren, in denen die Eizellen gelagert bleiben, beruflich zu etablieren. Was, wenn das nicht klappt? Und, fast noch schwieriger: Was, wenn es klappt mit der Karriere? Wenn dann gerade der nächste Karriereschritt ansteht? Es wird nicht einfacher, Kinder zu haben, je weiter oben man auf Leiter steht. Und wenn ein Chef schon bei einer einfachen Angestellten Mühe hat, Kinder zu akzeptieren, dann wird er bei Kadermitarbeiterinnen eher noch untoleranter werden.

Mag sein, dass es Frauen gibt, die mit einer solchen Situation umgehen können. Aber genau diese bräuchten das Freezing nicht. Weil sie selbstbewusst genug sind, sich zu entscheiden. Sei es für Kinder und Beruf, für Kinder ohne Beruf oder für Beruf ohne Kinder. Für alle anderen kann aus der vermeintlichen Versicherung für später rasch ein Alptraum werden.

Machen wir uns nichts vor: Den idealen Zeitpunkt für Kinder gibt es ohnehin nie. Jede Frau, die Mutter geworden ist, weiss das. Mal ist es im Job ungünstig, mal passt die Wohnung nicht. Zudem weiss wohl keine Frau im Voraus, wie es sich wirklich anfühlt, ein Kind zu haben. Das verunsichert, klar. Aber wenn das Baby dann da ist, geht es irgendwie. Und nicht nur das: Es macht Spass.

In diesem Sinne, liebe Frauen: Werdet doch einfach schwanger. Voller Stolz und Selbstbewusstsein. Dann, wenn es euch passt und nicht dem Chef. Das wird auf Dauer mehr Einfluss auf die gesellschaftliche Situation haben, als wenn ihr Kinderkriegen vor lauter Karriere verschiebt. Denn so signalisiert ihr: Kinder sind kein Störfaktor.

Minor* Liliane Minor ist Redaktorin beim «Tages-Anzeiger». Sie hat zwei Kinder und wohnt im Zürcher Unterland.

Von schwangeren Helden und Antihelden

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 15. Oktober 2014

Ein Papablog von Nils Pickert*

Bizarr und übergriffig: Die Floskel «Darf ich mal…», während man gleichzeitig die Hand auf dem Bauch einer fremden Frau hat. Foto: iStock

Wussten Sie, dass ich ein Held bin, weil meine Frau schwanger ist? Und das, obwohl ich eigentlich nicht so viel dazu beigetragen habe. Zugegeben: Bei der Zeugung war ich schon involviert. Die war jedoch weniger von heldischen Motiven geleitet als von Spass an Lust und Zärtlichkeit. Trotzdem bin ich es jetzt: DER Vater eines baldigen dritten Kindes. Mannmannmann, was ich mir alles zutraue und mache. Toll! Wobei das natürlich nur für mich gilt.

Während meine emanzipierte, starke, unfassbar entspannte Frau mal wieder damit konfrontiert wird, dass ihr Plan, möglichst bald wieder zu arbeiten, sehr merkwürdig, wenn nicht gar anrüchig anmutet, wird mir die Heldenrolle zugedacht. Mich nimmt man zur Seite, um mir zu sagen, wie gut ich mit der Situation umginge und das ich ja wohl die Ruhe weghätte. Meiner Frau hingegen wird mal mehr und mal weniger subtil suggeriert, dass sie ja wohl ein bisschen den Verstand verloren hätte. Und das ist wie auch bei den vorhergehenden Schwangerschaften nur die Spitze des Eisberges.

Neben der Tatsache, dass ihre geistige Gesundheit offen oder verdeckt angezweifelt wird, übt ihr Bauch wieder einmal eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf übergriffige Mitmenschen aus. Wie bizarr das wirkt, geht dabei den wenigsten auf. Stattdessen gilt es als vollkommen normal und selbstverständlich, wenn man gleichzeitig mit der Floskel «Darf ich mal…» die Hand auf dem Bauch einer fremden Frau hat. Der schwangere Körper scheint unweigerlich Gegenstand eines allgemeinen Interesses zu sein. Menschen stellen nicht nur unangemessene Fragen über Gewichtszunahme (Wie viel hast du zugenommen?), körperliche Verfassung (Kannst du nachts noch schlafen?) und Intimleben (Habt ihr denn noch Sex?), sie erteilen auch Ratschläge, um die man nicht gebeten hat: Mehr als 10 Kilo solltest du aber nicht zunehmen. Ein kleiner Spaziergang ist gut für die Verdauung. Nicht vergessen, regelmässig Pflegeprodukte gegen Schwangerschaftsstreifen zu nehmen.

Am merkwürdigsten sind jedoch die Mitglieder der orakelnden Gesellschaft. Wie, die kennen Sie nicht? Das sind diejenigen, die wissen, was die Zukunft bringt und im Beisein einer Schwangeren nicht an sich halten können. Von der Form des Bauches und dem Aussehen der werdenden Mutter schliessen sie auf das Geschlecht des Kindes und geben detaillierte Prophezeiungen darüber ab, wie sich das Kind im ersten Jahr verhalten wird. Als Faustregel hierfür gilt: Je entspannter und beschwerdefreier eine Frau ihre Schwangerschaft erlebt und beschreibt, umso mehr orakelt man in ihrer Gegenwart darüber, «wie schlimm das alles noch werden wird». Was, du hattest keine Morgenübelkeit?! Na dann warte mal ab, bis die Wassereinlagerungen kommen. Du bist im 8. Monat und geniesst deine Schwangerschaft?! Aber die Geburt wird bestimmt ganz furchtbar. Oder das Stillen, die durchwachten Nächte, die Beziehung, der Wiedereinstieg ins Berufsleben. Egal was – irgendwas muss auf jeden Fall ganz furchtbar werden.

Warum eigentlich? Vermutlich liegt das zum einen an der überzogenen gesellschaftlichen Aneignung von Schwangerer und Kind. Im gleichen Sinne wie Deutsche früher einmal Papst waren, jetzt Fussballweltmeister sind und gerne darauf bestehen, dass der Schauspieler Christoph Waltz deutscher Staatsbürger ist, damit er weiterhin als «unser Mann in Hollywood» gelten kann. Wenn also «wir alle» ein Kind erwarten, dann soll die Frau, die es zufälligerweise austrägt, sich schön an unsere Regeln halten und tun, was man erwartet. Immerhin geht uns das alle etwas an.

Zum anderen scheinen viele immer noch das biblische «sie soll unter Schmerzen gebären» in ihren Köpfen zu haben – selbst wenn sie sich selbst gar nicht als so religiös verstehen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Frauen, die per Kaiserschnitt gebären, immer noch als Gebärende zweiter Klasse gelten, als Frauen, die gar nicht «richtig» geboren haben, weil sie sich um die Schmerzen herumgedrückt haben, anstatt «echte Geburtsarbeit» zu leisten.

Und weil sich Ratschläge an werdende Eltern (insbesondere an Mütter) offenbar so leicht und zahlreich erteilen, schlage ich jetzt einfach mal ungefragt mit Rat zurück.

  1. Finger weg! Ihnen fasst man ja auch nicht ungefragt an den Kopf, wenn die Haare lichter werden, weil sich das ja so neu und ungewohnt anfühlt.
  2. Intimsphäre wahren! Oder wann wurden Sie zuletzt von entfernten Bekannten gefragt, wie es Ihnen so beim Kacken geht?
  3. Behalten Sie doch bitte Ihre Zukunftsvisionen für sich! Die kommen vielleicht auf Astro-TV gut an, aber nicht bei werdenden Eltern, die sich sowieso meistens zu viele Sorgen machen.
  4. Schön, falls Sie die Entscheidung für Nachwuchs bei Männern feiern und wertschätzen. Wenn Sie das allerdings bei schwangeren Frauen weniger oder gar nicht tun, wirkt es allenfalls lächerlich.

Unheldische Grüsse
Nils Pickert

pickert150x150*Nils Pickert lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er hat eine monatliche Kolumne auf Standard.at, in der er sich mit den männlichen Seiten der weiblichen Emanzipation beschäftigt.

Best of: Die Gnade des späten Gebärens

Michael Marti am Mittwoch den 13. August 2014

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und ihre Familien. Deshalb publizieren wir während zweier Wochen einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Papablog von Michael Marti* erschien erstmals am 23. April 2014.


Späte Elternschaft ist ein Reizthema. Frauen und Männer, die sich in ihren Vierzigern, ja, in ihren Fünfzigern womöglich, für ein Kind entscheiden, gelten oft als Egoisten, die alles haben wollen im Leben: in der ersten Lebenshälfte Karriere und Ungebundenheit, in der zweiten Kinder und Familienbande.

Insbesondere alte Mütter trifft erbarmungslos Kritik, sie würden mit der Medizin als Komplizin die natürliche Ordnung der menschlichen Fortpflanzung pervertieren. So diskutierte die Boulevardzeitung «Blick» unlängst, ob es rechtens sei, wenn die Krankenkassen die Entbindung einer 66-Jährigen bezahle, die nach einer In-Vitro-Befruchtung mit Zwillingen schwanger war. Auch in einschlägigen Postings des Mamablogs («Alterslimite für Mütter?») derselbe Tenor, hier werden Schwangerschaften nach 45 als «unverantwortlich», als «selbstsüchtig» abgeurteilt.

Ein ganz anderes Bild allerdings zeichnen neuste Forschungsergebnisse. Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» beleuchtet in seiner aktuellen Ausgabe mit einer Titelgeschichte den diesbezügliche Stand der Wissenschaft. So sei mittlerweile erwiesen, dass späte Eltern in der Regel nicht nur gute, sondern sogar die besseren Eltern seien. Denn diese würden sich meistens aus einer wirtschaftlich abgesicherten Position für Kinder entscheiden, sie lebten grösstenteils in einer stabilen Partnerschaft und seien überdurchschnittlich gut gebildet. Davon profitiere der Wunschnachwuchs in hohem Masse: «Kinder, deren Eltern ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben, sind weniger belastet als jene, deren Eltern noch suchen.»

Offenbar wurden bislang auch die gesundheitlichen Risiken überschätzt. «Kinder, deren Mütter bei der Geburt 35 bis 44 Jahre alt waren, erleiden – anders als lange angenommen – auch langfristig keine gesundheitlichen Nachteile», heisst es im «Spiegel». Und weil sich die Töchter und Söhne besonders erwünscht fühlten, würden sie nachhaltig den so wichtigen Glauben an sich selbst und den eigenen Wert entwickeln.

Auch ein zweites Vorurteil gilt es zu revidieren: Die späte Elternschaft ist mitnichten die exotische Option weniger egozentrischer Frauen und Männer, die mithilfe skrupelloser Ärzte sich über alle ethischen Grenzen hinwegsetzen. Vielmehr handelt es sich um einen «sozialen Megatrend», wie ein Experte im erwähnten «Spiegel»-Artikel zitiert wird, um eine Entwicklung, deren Auswirkungen vollkommen unterschätzt würden. Tatsächlich gilt dies auch für die Schweiz, hierzulande nimmt die Anzahl der unter 30-jährigen Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, ebenfalls ab, während gleichzeitig die Zahl der 35-jährigen und älteren Frauen steigt.

Hauptgründe dafür sind immer längere Ausbildungszeiten für beide Geschlechter und der härtere Konkurrenzkampf um attraktive Jobs, auch dies gilt für Männer und Frauen.

Vergegenwärtig man sich also die neuesten Erkenntnisse und Fakten zum Phänomen späte Elternschaft, ergibt sich ein ganz anderes Bild, als es derzeit in der Öffentlichkeit vorherrscht. Es geht hier nicht um selbstsüchtige Ego-Eltern, sondern vielmehr darum, dass es heute jungen Erwachsenen kaum noch möglich ist, gleichzeitig eine Karriere und eine Familie aufzubauen. Hinlänglich bekannte Gründe dafür sind etwa die Defizite bei den Kinderbetreuungsangeboten (Stichwort Tagesschulen) oder das Fehlen von Teilzeitjobs auf Kaderstufe.

Es sind mithin gesellschaftliche Ursachen, die hinter der Entwicklung zur späten Elternschaft stehen – nicht die Egozentrik einzelner Frauen und Männer. Man mag diesen Wandel begrüssen oder nicht, gut zu wissen ist: dass die späte Elternschaft nicht auf Kosten der spät geborenen Kinder geht.

memyselfandi*Michael Marti (48) ist Leiter Digital und Mitglied der Chefredaktion des Tages-Anzeiger. Er wurde mit 40 erstmals Vater und lebt mit seinen beiden Töchtern und seiner Frau in Zürich.

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