Leben


Archiv für die Kategorie „Schwangerschaft“

Gebt uns ein Zeichen!

Nina Merli am Donnerstag den 26. Januar 2012
BRAZIL HAVAIANAS

Süss - aber auch fair und nachhaltig produziert? Babykleider. (Bild: Reuters)

Es kommt der Moment in der Schwangerschaft, in dem die werdende Mutter dem Nesttrieb verfällt und unter anderem das Babyzimmer hergerichtet haben möchte. Dazu gehört nebst Wäsche fürs Bettchen auch die erste Kleidergarnitur. Die Auswahl an schönem und weniger schönem «Babykram» ist immens, doch wer nach fair produzierter Ware Ausschau hält, stösst bald an seine Grenzen. Denn fair bedeutet nicht nur aus Bio-Baumwolle sowie einer nachhaltigen und umweltgerechten Textilproduktion, es bedeutet auch unter sozialen Bedingungen hergestellt. Keine Zwangsarbeit, dafür existenzsichernde Löhne, faire Arbeitszeiten und vor allem auch: keine Kinderarbeit. Und genau dieser Punkt ist in vielen Ländern immer noch nicht gewährleistet.

Nehmen wir das Beispiel Usbekistan. Der zentralasiatische Binnenstaat ist der drittgrösste Baumwollexporteur der Welt. Die Baumwolle bringt dem Land jährlich über eine Milliarde US-Dollar ein, wobei der Grossteil davon in die Staatskasse fliesst. Geerntet wird diese Baumwolle zu einem grossen Teil von Kindern – wobei die Ernte staatlich kontrolliert ist. Das heiss im Klartext: Jeden Herbst werden hunderttausende Kinder (die jüngsten sind knapp fünfjährig) von den Behörden statt in die Schule auf die Baumwollfelder geschickt, wo sie während drei Monaten bis zu elf Stunden am Stück schuften müssen – sieben Tage die Woche, und das oftmals ohne Entgelt.

Und woher weiss ich Endverbraucherin, dass keine usbekische Baumwolle für den süssen Babystrampler verwendet worden ist, den ich gerade aus dem Gestell gezückt habe? Denn obwohl sich letztes Jahr rund 60 Mode- und Textilkonzerne (darunter auch Puma, Adidas und Levi’s) entschieden haben, usbekische Baumwolle zu boykottieren, gelangt sie über verschiedene Zwischenhändler trotzdem auf den Markt.

Anfang Woche diskutierten in der ARD-Politsendung «Hart aber fair» (Thema: «Mein Kleid, dein Leid – wer zahlt den Preis für billige Mode?») verschiedene Experten über das Thema «Fair Fahsion». Schon bald kristallisierte sich aus dem Gespräch und vor allem aus den Zuschauerreaktionen heraus, dass viele Konsumenten durchaus bereit wären, mehr Geld für ihre Ware zu bezahlen – aber im Label-Dickicht keine klare Auskunft über das Produkt bekämen. So informiert mich zum Beispiel das Label «Organic Cotton» (etwa bei H&M), dass das Kleidungsstück aus Bio-Baumwolle hergestellt wurde. Doch erfahre ich auch, ob die in Bangladesh produzierte Ware auch umweltgerecht bearbeitet und eingefärbt wurde? Und ob die Näherin einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit erhalten hat? Nein.

Informationen kann man sich zum Beispiel auf der Homepage der «Erklärung von Bern» holen, wo eine Firmenliste aufzeigt, wer in welchem Mass fair herstellt. Und auch über andere Internet-Quellen kann man sich informieren, denn es gibt durchaus Marken, die sich bezüglich Fairness sehr stark engagieren. Doch wäre es nicht viel einfacher, wenn ein einheitliches Label Auskunft über die Textilien geben würde? Damit mit einem Blick auf die Etikette klar wäre, was man da in der Hand hält und ob man diese Art von Herstellung mit all ihren Konsequenzen unterstützen möchte oder nicht? Gebt uns doch bitte ein Zeichen!

Vorerst liegt es aber an uns Konsumenten, ein Zeichen zu geben, eine klare Durchsage zu machen. Wer will, kann dies auch tun. Rund fünfzig Schweizer Organisationen haben sich zusammengetan und letzten November die Kampagne «Recht ohne Grenzen» ins Leben gerufen. Diese Woche wurde eine an den Bundesrat gerichtete Petition lanciert, die klare geseztliche Grundlagen (Menschenrechte und Umwelt sollen weltweit respektiert werden) für Unternehmen mit Sitz in der Schweiz fordet, denn im Augenblick tragen die Firmen noch keine Verantwortung für ihre Filialen oder Zulieferer im Ausland – womit wir wieder bei der Kinderarbeit-Baumwolle aus Usbekistan wären. Wenn sich Unternehmen darum kümmern, dann nur aus Goodwill. Doch wie sagt man doch so schön: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

PS: Liebe Blog-Leser, wenn Sie gute Adressen für nachhaltig und fair produzierte Babykleider kennen, bitte melden! Zumindest eine Schwangere mit akutem Nesttrieb freut sich über jeden brauchbaren Tipp.

Reich, schwanger und hysterisch

Nina Merli am Donnerstag den 19. Januar 2012


Hebamme ohne Hemmungen: Für Rosie Pope ist in «Pregnant in Heels» nichts unmöglich.

Eine gute Freundin, die in New York lebt, hat mir von der Doku-Serie «Pregnant in Heels» erzählt – ein «must» für Schwangere, meinte sie. Okay, also nichts wie ab ins Web und ein paar Folgen (Beispiel siehe oben) anschauen. Im Zentrum steht die Britin Rosie Pope, ursprünglich Designerin für Umstandsmode und Accessoires (Rosie Pope Maternity) und, nach eigener Bezeichnung, «Maternity Concierge». Im Prinzip ist Rosie eine Art Fashion-Hebamme, die Frauen vor und nach der Geburt begleitet, mit dem einzigen, aber sehr grossen Unterschied, dass die Ideen ihrer Kundinnen normalsterblichen Schwangeren wahrscheinlich nicht mal während der heftigsten Hormonturbulenzen in den Sinn kommen.

Denn Rosie Popes Kundinnen sind allesamt schwerreich, unglaublich anspruchsvoll und leben in der exklusiven Upper East Side im Nordosten Manhattens. «Frauen sind von Natur aus zickig – wenn Sie aber eine reiche Zicke mit einem Baby im Bauch nehmen, dann haben Sie meine Kundin», beschreibt Rosie die «Million Dollar Moms», für die sie sieben Tage die Woche und rund um die Uhr erreichbar ist.

Da ist zum Beispiel Samantha. Sie und ihr Mann Mitch sind beide erfolgreich in ihrem Beruf (sie als Autorin und Personal Branding Expertin, er als Banker) und bereits Eltern von zwei Kindern. Das dritte ist unterwegs aber, oje, sie haben weit und breit keinen erfolgversprechenden Name auf Lager – was einer mittleren Katastrophe nahe kommt, denn ein «Name ist wie ein Brand und bestimmt über den Erfolg eines Kindes» (O-Ton Samantha). Und schon bald wird einem klar, was sie genau meint, wenn sie von sich selber sagt, sie sei «obsessed»: Für die ersten beiden Kinder (Ruby und Ella) sind die Eltern insgesamt 12′000 Kindernamen durchgegangen. Jeden einzeln. Kein Wunder, dass sie sich diese Arbeit nicht noch ein drittes Mal antun wollen und darum Rosie Pope damit beauftragen.

Diese stellt innerhalb kürzester Zeit einen Think Tank zusammen. Die Experten-Runde (ein Werber, ein Linguist, eine Baby-Namen-Bloggerin, eine Texterin und ein Poet) stellt eine Namensliste zusammen, die einem weiteren Team aus Psychologen und irgendwelchen Wirtschafts- und Werbeexperten gezeigt wird, die dann darüber debattieren. So wollen Samantha und Mitch sicher gehen, dass die Namen, die es in die Endrunde schaffen (Holden, Bode, Bowen, Asher, Miles, Clifford) auch bei ihren Freunden und Bekannten (die «ganz wichtige Leute sind») gut ankommen. Um ganz sicher zu gehen, wird noch schnell eine Dinner-Party organisiert, wo das Power-Couple dann ganz beiläufig die Namen in die Runde wirft und auf die Reaktionen ihrer illustren Gäste achtet.

Rosie Popes Zielpublikum: Schwangere in Highheels.

Der Arbeitsalltag von Rosie Pope ist unglaublich abwechslungsreich. So will eine Kundin nackt auf einem Pferd porträtiert werden, eine andere braucht dringend eine eigens designte Geburtsgarderobe und einen Stylisten, der sie für den grossen Tag «nett herrichtet», denn sie will ja auf dem Video ihrer Geburt umwerfend aussehen. Verständlich.

Und so rennt Rosie Pope, das Blackberry stehts am Ohr, von einer Luxus-Wohnung zur nächsten, beruhigt, schmeichelt und schimpft auch manchmal, was zwar in den wenigsten Fällen gut ankommt, denn die «Million Dollar Moms» sind sich keinen Widerspruch gewöhnt und benehmen sich wie kleine Kinder, wenn mal etwas nicht nach ihrem Kopf läuft.

Ja, und wozu soll man sich «Pregnant in Heels» und diese hysterischen Weiber antun? Ganz einfach: Weil man sich beim Schauen so unglaublich normal fühlt und sich plötzlich die eine oder andere Schwangerschaftslaune ohne den geringsten Anflug von schlechtem Gewissen gönnt.

PS: Samantha und Mitch haben sich übrigens für «Bowen» entschieden. Naja …

Ohren zu und durch

Nina Merli am Donnerstag den 12. Januar 2012

Mamablog_Do

Ein runder Bauch bedeutet gemäss Schwangerschafts-Hokuspokus ganz klar, dass es ein Mädchen wird: Zwei Schwangere mit mehr oder weniger runden Bäuchen. (Bild: M. Tribe)

Wir leben im so genannten Informationszeitalter, wobei man auf einen sehr grossen Teil der Informationen getrost verzichten kann. Vor allem in der Schwangerschaft, in der man mit unnützem Wissen regelrecht zugemüllt wird. Mir kommen da spontan die meistens sehr detailreich geschilderten Geschichten von Horror-Geburten in den Sinn. Sie enden selbstverständlich immer schlecht: die Mutter stirbt, oder das Kind oder beide, oder sie überleben nur knapp und dies auch nur, nachdem die Mutter stundenlang unter Schmerzen ihr Kind unglaublich qualvoll zur Welt gebracht hat.

Mit der Zeit lernt man zum Glück, wie man die Splattergeburt-Erzählerinnen erfolgreich zum Schweigen bringt (im Notfall verabschiedet man sich ganz einfach mit den Worten «mir ist schlecht» und verschwindet in Richtung Toilette). Oder man sucht zur Neutralisierung im Internet gezielt Erfahrungsberichte von Frauen, die «die Geburt als den schönsten Augenblick» ihres Lebens schildern. Doch als werdende Mutter, wird man nicht nur mit blutrünstigen Horrostorys, sondern genau so oft mit einem bisher völlig unbekannten Aberglaube-Sammelsurium konfrontiert.

Da wäre zum Beispiel der Fundus meiner Kosmetikerin, einer redseligen Süditalienerin. Schon ganz zu Beginn der Schwangerschaft teilte sie mir mit, dass ich bestimmt einen Jungen zur Welt bringen werde. Denn, so ihre Erklärung, meine Haut war schöner als vor der Schwangerschaft und sie konnte keinen einzigen Pickel entdecken. In Italien wisse man schon lange, dass ein Mädchen der Mutter die Schönheit raube, während ein Junge sie zum Strahlen bringe. Aha. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass man auch in Indien von diesen Indizien Kenntnis hat, denn die Message ist eindeutig: Einen Buben zu bekommen, ist ein Segen, ein Mädchen ein Fluch. Überhaupt deuten alle negativen Eigenschaften in der Schwangerschaft auf ein Mädchen hin: Ist man fröhlich und ausgeglichen, wirds ein Junge; ist man trübsinnig, muss die ganze Zeit heulen und hat den Blues, wirds natürlich ein Mädchen.

Bei meinem darauffolgenden Besuch, entdeckte mein persönliches Orakel einen weiteren Hinweis auf das Geschlecht meines ungeborenen Kindes: die Form meines Bauches. «Ein Junge. Eindeutig», sprach es und lieferte sogleich die Erklärung: «Dein Bauch ist spitz, wäre er rund, so wäre es ein Mädchen». Verglich man diese Erkenntnis mit der voran gegangenen Hautanalyse (schöne Haut = Junge), so bestand so gut wie kein Zweifel mehr. Ausserdem bestätigte meine nicht vorhandene Lust auf Süsses (ein Mädchen!) das männliche Geschlecht abermals. Hellblaue Baby-Sachen, wir kommen! Denkste.

Denn Babysachen während der Schwangerschaft zu kaufen, komme einem Akt der Eigensabotage gleich, da es – so erfährt die werdende Mutter – Unglück bringe. Im schlimmsten Fall den Tod des Kindes. Überhaupt muss man sehr gut überlegen, wonach man im Shoppingrausch greift: Eine hübsche Halskette ist tabu, weil Schwangere keine Halsketten tragen dürfen, denn das hätte zur Folge, dass das Baby mit der Nabelschnur um den Hals zur Welt kommt und das ist a) lebensgefährlich und b) hat das Baby dann ein Leben lang Sprachstörungen.

Wer es doch nicht lassen kann und sich – allen Warnungen zum Trotz – wegen des Nesttriebs schon vor der Geburt einen Kinderwagen anschafft, soll ihn um Gottes willen ausserhalb der Wohnung deponieren oder es droht eine Frühgeburt. Eine Kinderwiege darf unter keinen Umständen bewegt werden, denn das würde dem Baby später Kopfschmerzen bereiten. Und ein Schrei-Baby wird es dann selbstverständlich auch. Bei diesen Aussichten bleibt der werdenden Mutter nur noch eins: der Griff zur Flasche. Doch der ist schädlich für das Kind, dummerweise sogar wissenschaftlich belegt und somit doch keine Option.

Best of Mamablog: Auf der Suche nach Miss Perfect

Mamablog-Redaktion am Sonntag den 25. Dezember 2011

Über die Festtage pausieren unsere Bloggerinnen und Blogger. Deshalb publizieren wir bis Ende Jahr fünf Lieblingsbeiträge unserer Autorinnen – wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der erste Beitrag unserer Best-of-Serie ist von Jeanette Kuster.

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Die Suche nach der passenden Mutterfreundin ist mindestens so schwierig wie die Suche nach Mr. Perfect: Mütter im Fernsehfilm «Blond bringt nix».

Als ich kürzlich mit einer noch kinderlosen Freundin beim Mittagessen sass, erzählte sie mir, dass sie das Wagnis Familiengründung nun auch in Angriff nehmen wolle. Und bedauerte gleichzeitig, dass ihre drei engsten Freundinnen alle schon vor zwei, drei Jahren Nachwuchs bekommen haben. «Dabei dachte ich doch immer, wir würden irgendwann einmal alle etwa gleichzeitig schwanger werden und gemeinsam durch die Stadt kugeln.»

Ich habe meinen immer runder werdenden Bauch damals auch alleine durch Zürich getragen. Bei mir wars allerdings gerade umgekehrt: Ich war umgeben von kinderlosen Freundinnen. Die erste fühlte sich zu jung für Nachwuchs, die zweite schon zu alt und die dritte wartete noch auf den richtigen Mann. Mich störte das nicht weiter, denn umso neugieriger waren sie alle auf das kleine Wesen in meinem Bauch, waren emotional mitschwanger und nach der Geburt fast ebenso entzückt ab unserer kleinen Tochter wie ich selber.

Alles bestens also. Bis ich nach einer Weile merkte, dass es doch schön wäre, auch mit anderen Müttern befreundet zu sein. Frauen, mit denen man nicht nur über Job und Männer, sondern eben auch über den ersten Zahn und die Impffrage diskutieren kann. Frauen, die gerne einen Nachmittag auf dem Spielplatz verbringen – und vor allem auch die Zeit dafür haben.

Anfangs habe ich mir überlegt, mich in einem Internet-Forum einer Zürcher Müttergruppe anzuschliessen, die «Neue jederzeit willkommen» heisst. Schliesslich hatte ich auf eben diese Weise während der Schwangerschaft schon ein Trüppchen werdender Mütter kennengelernt, mit denen ich bis heute in regem Kontakt stehe und die mir richtig ans Herz gewachsen sind – allerdings eher als virtuelle (Brief-)Freundinnen, die ich bloss alle paar Monate sehe, wohnen sie doch nicht gerade um die Ecke.

Ich habe den Gedanken jedoch schnell wieder verworfen. Das Ganze klang zu sehr nach Blind Date und Internet-Partnervermittlung. Beides hätte ich als Single nie genutzt, wieso also sollte ich als Mutter plötzlich damit anfangen?

Also habe ich mich fürs klassische Dating entschieden. Gelegenheiten, die perfekte Mutterfreundin zu finden, ergaben sich häufig ganz von alleine. Mal meldete sich eine frühere Arbeitskollegin, mittlerweile auch Mutter geworden, via Facebook bei mir und schlug vor, dass wir uns zu einem Kaffee treffen. Ein anderes Mal rief die Nachbarin vom Balkon herab, ob meine Tochter und ich nicht Lust hätten, spontan zu Besuch zu kommen. Ich sagte jedes Mal zu. Manchmal voller Hoffnung, dass das Treffen ganz wunderbar werden und sich daraus eine grossartige Mütterfreundschaft entwickeln könnte. Manchmal aus purer Verzweiflung, meinen Bauch ignorierend, der ganz laut Nein schrie.

Es blieb jeweils bei dem einen Treffen. Oft musste ich einsehen, dass mein Gegenüber abgesehen vom ungefähr gleich alten Kind nichts, aber auch gar nichts mit mir gemein hatte. Und das reicht nicht, denn ich will zwar über Kinderthemen reden, aber natürlich nicht ausschliesslich. War die Sympathie für die andere Mutter hingegen da, dann gab es garantiert richtig heftig Zoff zwischen den Kleinen. Der Anbandlungsversuch endete also etwa so, wie wenn mich früher meine beste Freundin mit den Worten «er ist ein Idiot und seine Freunde auch» vor die Wahl «ich oder er» gestellt hätte.

Dann halt doch nicht weiter auf die Güte des Schicksals warten, sondern das Ganze aktiv angehen. Also packte ich bei der nächstbesten Gelegenheit meine Tochter in den Kinderwagen und spazierte mit ihr zum Müttertreff hier im Quartier. Als ich hereinkam, sass schon eine eingeschworene Gruppe Mütter in der Ecke und unterhielt sich bei Kaffee und Kuchen. Alleine die Sitzordnung gab jedem Neuankömmling zu verstehen, dass man lieber unter sich bleiben möchte. «Wenn ihr nicht wollt…», dachte ich mir, und folgte meiner Kleinen in die Spielecke. Es dauerte nicht lange, da kam eine ebenso einsame Mutter auf mich zu und begann schüchtern ein Gespräch. Ich antwortete freundlich, merkte aber gleichzeitig, dass ich keinerlei Interesse hatte, sie etwas zurückzufragen, und eigentlich viel mehr an einer Unterhaltung mit der anderen Mutter weiter hinten in der Ecke interessiert war. Bis ich die erste aber nett abwimmeln konnte, war die zweite schon wieder weg.

So beschloss ich, die Suche nach der Passenden aufzugeben. Auf dem Spielplatz habe ich vor lauter Sändelen sowieso keine Zeit zu plaudern. Ausgehen ist mit meinen kinderlosen Freundinnen eh viel lustiger und Familienthemen lassen sich mit niemandem besser diskutieren als mit meinen Internet-Brieffreundinnen.

Und da passierte es: Sie tauchte plötzlich auf, völlig unerwartet, über eine alte Freundschaft meines Mannes, die wiederbelebt wurde. Wir verstehen uns auf der Mütter-Ebene, aber eben nicht nur. Sie hätte ich schon in meinem früheren Leben ohne Kinder gerne zur Freundin gehabt – und jetzt umso mehr. Die perfekte Mütterfreundin also, und sie ist mir einfach so über den Weg gelaufen. Genau wie mein Mann damals.

Kennen Sie das Mütter-Dating-Spiel aus eigener Erfahrung? Und wie hoch sind Ihre Erwartungen: Reicht Ihnen das Elternsein als Gemeinsamkeit, oder bleiben Sie lieber alleine, bis Ihnen jemand Passendes begegnet? Braucht man als Mutter überhaupt Mütterfreundinnen? Oder sind Kinderlose Ihrer Meinung nach sowieso die bessere Wahl, weil sie einen sicher nie mit Details zu ersten WC-Erfolgen und Milchstau belästigen?

Erstpublikation: 2. Oktober 2011.

Gebären live on stage

Jeanette Kuster am Sonntag den 23. Oktober 2011

Ein Kunst-Event inklusive Schreien, Blut und Nachgeburt: Marni Kotak will ihr Kind vor Publikum in einer New Yorker Galerie gebären.

Ein Kunst-Event inklusive Schreien, Blut und Nachgeburt: Marni Kotak will ihr Kind vor Publikum in einer New Yorker Galerie gebären.

Die Ankunft des eigenen Kindes schon kurz nach dessen Geburt via Facebook zu verkünden ist heute gang und gäbe. Ja immer mehr werdende Eltern lassen die Welt über Twitter sogar am gesamten Geburtsvorgang von der ersten Wehe bis zur Entbindung teilhaben. Die hochschwangere amerikanische Performance-Künstlerin Marni Kotak geht jetzt noch einen Schritt weiter und will ihr Baby in einer Galerie live vor Publikum zur Welt bringen.

Die Performance mit dem Titel «The Birth of Baby X» ist bereits am 8. Oktober in der New Yorker Microscope Gallery gestartet. Kotak hat sich dafür vor Ort ein Gebärzimmer eingerichtet, das mit allen für eine Hausgeburt nötigen Utensilien und diversen künstlerischen Dekorationen ausgestattet ist. Bis zur Entbindung in spätestens zwei Wochen wird sie jeden Tag in eben diesem Zimmer verbringen, mit den Besuchern plaudern und ihnen ihre bisherigen Kunstprojekte präsentieren. Nachts schläft sie in ihrer Wohnung gleich um die Ecke. Sollten die Wehen mitten in der Nacht einsetzen, würde sie sich natürlich sofort in die Gallerie begeben – genau so eben, wie andere Schwangere in dem Moment den Weg ins Spital unternehmen. Und damit auch ganz sicher kein Kunstliebhaber etwas verpasst, können sich Interessierte auf einer Adress-Liste eintragen und werden bei Einsetzen der Wehen unverzüglich per Mail über den Startschuss zur ungewöhnlichen Performance informiert.

Wie bloss kommt jemand dazu, den wohl intimsten Moment in seinem Leben freiwillig mit Fremden zu teilen? «Ich hoffe, den Leuten damit zeigen zu können, dass das Leben selbst die tiefgründigste Kunst kreiert und dass die Geburt die vollkommenste Form der Kunst ist»,  sagt Kotak. Natürlich werde es eine Herausforderung sein, sich vor so viel Publikum völlig gehen zu lassen. «Aber wenn Frauen in einer klinischen Spitalumgebung, angeschlossen an Monitore, ein Kind zur Welt bringen können, dann schaffe ich das auch in einer Galerie.»

Marni Kotak in ihrem öffentlichen Gebärzimmer.

Marni Kotak in ihrem öffentlichen Gebärzimmer.

Provozieren oder gar einen Skandal auslösen wolle sie keineswegs, behauptet Kotak. Natürlich tut sie es trotzdem – und bleibt damit ihrer bisherigen Linie treu, hat sie doch in der Vergangenheit bereits mit Projekten wie dem künstlerischen Nachstellen ihrer eigenen Entjungferung für Schlagzeilen gesorgt. Eine Umfrage auf Welt.de zeigt denn auch, dass rund ein Drittel der Leser der Meinung sind, dass «so etwas verboten gehört». Jeder fünfte Abstimmungsteilnehmer denkt vor allem an das Kind und hat Mitleid mit dem Ungeborenen, das ungefragt in eine Live-Performance hineingezwungen wird.

Es wird wohl keinen Schaden davon tragen, bloss weil mehr – und vor allem mehr fremde – Leute bei seiner Geburt anwesend waren als gemeinhin üblich. Was einen bezüglich Kindeswohl jedoch schon etwas nachdenklicher stimmt, ist die Aussage der Künstlerin, dass «The Birth of Baby X» bloss die Einleitung zu einem weiteren, viel länger dauernden Projekt namens «Raising Baby X» sein soll: Kotak will das Aufwachsen des Kindes von der Geburt über die College-Zeit bis ins Erwachsenenleben dokumentieren. Schliesslich sei dieses Kind «das schönste Kunstwerk, das mein Mann und ich je zusammen kreieren konnten».

Da bleibt nur zu hoffen, dass bei Kotak mit der Geburt doch noch der Mutterinstinkt erwacht, der sie dazu bringt, ihr Kind mit aller Kraft vor jeglichem Übel beschützen zu wollen – auch vor demjenigen, das sie ihm mit ihren (zu) intimen, entblössenden Darbietungen selbst anzutun gedachte.

Oder sehen Sie das anders? Darf eine Mutter ihr Kind zum Kunstobjekt machen? Ist «The Birth of Baby X» in ihren Augen spannend oder abstossend, Marni Kotak mutig oder einfach nur gaga? Würden Sie einer solchen Performance beiwohnen und wenn ja, aus welchen Motiven? Ja können Sie in einer Geburt überhaupt irgendetwas Künstlerisches erkennen?