Archiv für die Kategorie „Schwangerschaft“

Stillen bis zum Schuleintritt?

Nicole Althaus am Donnerstag den 18. März 2010
Die natürlichste Sache der Welt? Die achtjährige Bettany an Mamas Brust. Still aus dem Dokumentarfilm "Extraordinary Breastfeeding"

Die natürlichste Sache der Welt? Die achtjährige Bettany an Mamas Brust. Still aus dem Dokumentarfilm «Extraordinary Breastfeeding»

Das Bild eines Babys an der Brust seiner Mutter ist längst zum Sinnbild von Mutterschaft schlechthin geworden. Das Bild eines Schulkindes am Mutterbusen hingegen ist ein Garant für hitzige Diskussionen. Nicht umsonst hat der  Dokumentarfilm «Extraordinary Breastfeeding», der eine Mutter begleitet, deren achtjährige Tochter noch regelmässig an der Brust nuckelt, das Langzeitstillen vor zwei Jahren über Nacht zum Smalltalkstoff in jedem Pub Grossbritanniens gemacht.  Letztes Wochenende nun sorgte ein Artikel über das Buch «Breastfeeding Older Children» der Autorin Ann Sinnott für eine Neuauflage der Debatte im angelsächsischen Raum. Man könnte gar von einer Offensive des Still-Kulturkampfes sprechen, den wir auch hier im Mamablog thematisiert haben. Die Fronten sind klar:  Sie lassen sich auf die Quintessenzen «total natürlich» auf der einen und «total pervers» auf der anderen Seite reduzieren.

Aber zurück zur Quelle, zum Busen also. Autorin Ann Sinnott umkreist ihn dialektisch. Sie stellt in ihrem Buch durchaus interessante Fragen: Stillen Mütter aus eigenem Bedürfnis nicht ab? Oder lassen sie den Nachwuchs zur Brust, weil es diesem gut tut? Profitieren Kinder, die Beisserchen haben und normal essen können, gesundheitlich überhaupt noch von der Muttermilch? Was richtet Langzeitstillen in der Partnerschaft an? Sind Männer zurecht irritiert, wenn Schulkinder noch an Mamas Busen hängen? Nur um darauf allerdings die in ihren Augen einzig gültige Antwort zu geben: Langzeitstillen sei wichtig und richtig. Die natürlichste Sache der Welt, die in vielen Ländern auch heute noch ganz selbstverständlich gepflegt werde. Die Stigmatisierung von stillfreudigen Müttern sei nichts weniger als ein «kulturelles Vorurteil» und eine «Missachtung eines natürlichen weiblichen Bedürfnisses».

Prompt wird die Autorin von Stilllobbys wie die La Leche Lega und auf diversen Stillseiten und  Momblogs als «Göttin des Stillens» bezeichnet, als Verfasserin der neuen Stillbibel, ja sie wird zur feministischen Ikone hochgeschrieben, die sich sozusagen für die Urbedürfnisse einer jeder Mutter stark macht und ein gesellschaftliches Paradigma umstösst.

Ist das tatsächlich so? Würden wir Mütter am liebsten unsere Kinder bis zur Volljährigkeit stillen, wenn man uns nur liesse? Entschuldigen Sie meinen Zynismus, liebe Leserschaft, aber die süsse Muttermilch stösst mir mittlerweile etwas sauer auf. Vor allem wenn sie gar nicht mehr versiegen will und mit dem obligaten Argument «das-machen-die-Ureinwohner-von-Papuaneuguinea-auch-so» verabreicht wird.

Ich bin ja durchaus eine Freundin von Autoren, die kulturelle Paradigmen hinterfragen und umstossen. Und ich zeige auch nicht mit dem Finger auf Mütter, die ihre Kinder ein Jahr und länger stillen. Aber ich bin skeptisch, wenn gut ausgebildete und gut genährte Frauen, die alle Vorzüge der industrialisierten westlichen Welt geniessen, total selektiv und meist in Mutterbelangen die weiblichen Sitten in Entwicklungsländern zum Vorbild erheben. Auch wenn laut WHO Kinder weltweit gesehen durchschnittlich erst im Alter von vier Jahren abgestillt werden: Ein vierjähriges Nintendo-DS-spielendes Kind in London hat wenig gemeinsam mit einem vierjährigen Kind in einem ländlichen Gebiet, in dem das Trinkwasser womöglich verschmutzt ist.

Darüber hinaus finde ich es geradezu dumm, um nicht zu sagen fahrlässig, wenn man Emanzipation neuerdings auf prall gefüllte Brüste und die weibliche Aufzuchtslust reduziert. Eine Autorin, die wie Sinnott, allen Ernstes Sätze schreibt wie: «Durch die Mutterschaft mit einer funktionierenden Brust im Zentrum kann eine Frau besser zu sich finden.», hat für meinen Geschmack ein etwas zu Oberweite-fixiertes Frauenbild, um als neue feministische Ikone gefeiert zu werden.

Ich glaube nämlich nicht, dass Sinnots bewegte Geschlechtsgenossinnen einst Büstenhalter verbrannt haben, damit sich die nachfolgenden Generationen  nun lebenslänglich den Still-BH umschnallen. Und Sie?

Lesen Sie auch: Die Schreckensherrschaft stillender Brüste

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Die Schwangerhaft

Nicole Althaus am Montag den 1. Februar 2010
MAMABLOG-HANDCUFFED-WOMAN-03

Absatzfrei, alkoholfrei, stressfrei: Das freie Leben einer Schwangeren gleicht einem Gefängnis.

Schwangerschaft ist der unfreiwillige Wiedereintritt in die Unmündigkeit. Diesen Satz habe ich letztes Frühjahr in einem Blogeintrag zum Thema «Minenfeld Mutterschaft» geschrieben. Ich habe ihn damals auf ungefragte und harmlose aber nichtsdestotrotz ärgerliche Angriffe auf die Selbstbestimmung einer Schwangeren bezogen. Auf die Tatsache, dass eine Frau, kaum zeigt der Schwangerschaftstest zwei Streifen, am besten sofort und in aller Freiwilligkeit auf koffeinfreien Kaffee, absatzfreie Schuhe und alkoholfreie Getränke umstellt. Denn sonst sind gewisse Mitmenschen ihrerseits so frei, sie darauf hinzuweisen, was sich in anderen Umständen gehört.

Niemals hätte ich damals gedacht, dass sich der Satz in Florida gerade zur selben Zeit auch rechtlich bewahrheiten könnte: Samantha Burton war 25 Wochen schwanger, als sie im März 2009 Wehen spürte. Ihr Arzt verschrieb ihr Bettruhe bis zum Geburtstermin. Als die zweifache Mutter ihn bat, eine Zweitmeinung einholen zu dürfen, weil 15 Wochen Bettruhe mit zwei kleinen Kindern und einem Job nicht so einfach zu bewerkstelligen seien, alarmierte er die Behörden. Umgehend wurde die Schwangere per Gerichtsbeschluss ins  Tallahassee Memorial Spital eingewiesen und dort gegen ihren Willen festgehalten. Weiter wurde verfügt, dass Burton sämtliche angeordneten medizinischen Eingriffe über sich ergehen lassen müsse, die  für «Leben und Gesundheit des ungeborenen Kindes» als nötig erachtet würden. Nach drei Tagen wurde die Schwangere per Notfallkaiserschnitt entbunden. Der Fötus war tot.

Das klingt wie ein Ausschnitt aus einem Horrorfilm. Wie es sich angefühlt hat, möchte Burton «jeder anderen Frau ersparen». Deshalb verklagte sie, kaum wurde sie aus dem Spital entlassen, mit Unterstützung der American Civil Liberties Union die Behörden und das Spital wegen Verletzung konstitutioneller Rechte. Das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet. Wird das Gericht für oder gegen die zweifache Mutter entscheiden? Samantha Burton hat immerhin zwei Kinder geboren und bisher erfolgreich aufgezogen. Sie wollte offensichtlich auch das dritte Kind, sonst hätte sie nicht fürsorglich einen Arzt aufgesucht, sondern abgetrieben. Schwangerschaftsabbrüche sind in Florida legal. Dass sie offenbar Mühe bekundete, mit dem Rauchen aufzuhören, ist ebenfalls kein Entmündigungsgrund. Genau das aber ist passiert. Die Frau wurde ihres verbrieften Rechts auf körperliche Autonomie und Unversehrtheit, auf Freiheit und damit auf die Möglichkeit, als mündige Person über medizinische Eingriffe zu entscheiden, beschnitten. Sie wurde behandelt wie ein Inkubator.

Nein, nur weil das in Amerika passiert ist und nicht bei uns, geht es uns noch lange nicht nichts an. Zwar ist es meines Wissens in der Schweiz noch nie vorgekommen, dass eine Frau auf ihre Funktion als Gebärmutter reduziert worden wäre, wohl aber gibt es auch hier die Tendenz, Schwangere, Gebärende, Stillende auf ihre Funktion als Mutter zu reduzieren und ihr Verhalten nach einem einzigen Aspekt zu bewerten: Gilt das, was sie tut, in unserer Gesellschaft gerade als gut, gesund, intelligenzfördernd für das Baby?

In Amerika konnte ich, die damals mit dem zweiten Kind schwanger war, nicht einmal einen Kaffee trinken, ohne permanent über die Wirkung des Koffeins auf den armen Fötus belehrt zu werden. Ganz so schlimm ist es hier nicht. Aber nach einem Glas Wein ist auch in der Schweiz die Mündigkeitsgrenze der Schwangeren erreicht. Ganz zu schweigen vom herrschenden Diktat in Sachen Stillen und Gebären. Ausserdem vergeht kaum ein Monat, an dem nicht irgendwo, irgendein Forscher irgendetwas findet, das das Ungeborene schon im Mutterleib traumatisiert. Mütterlicher Stress zum Beispiel, oder ein Zuwenig an gedanklicher, taktiler oder sprachlicher Zuwendung zum Babybauch.

Der moralische Handlungsspielraum einer Schwangeren und Neo-Mutter wird in der westlichen Welt je länger je mehr beschnitten. Ist daran tatsächlich bloss der Wissensfortschritt schuld?  Oder hat der Überwachungs- und Optimierungswahn andere Gründe? Wo fängt die Pflicht einer (werdenden) Mutter an und wo hört ihre Freiheit als Frau auf?

Der «Blick am Abend»-Durchhänger

Michèle Binswanger am Donnerstag den 14. Januar 2010
Unter der Gürtellinie: Blick am Abend

Der Gegenstand der Erörterung ist lilafarben eingekreist und zur besseren Beurteilung durch den Leser vergrössert: «Blick am Abend» vom 11. Januar.

Als ich vergangenen Montag den «Blick am Abend» las, brüllte mich eine Schlagzeile mit Tinnitus-Effekt an: «Sieg der Schwerkraft» hiess ein Artikel, der sich Ladina Blumenthals Brüsten, beziehungsweise ihrer mangelnden Spannkraft beim Auftritt an den Swiss Awards widmete, aufgemacht mit einem Bild der Brust, die vom grünen, weit ausgeschnittenen Kleid auf die Rippen gedrückt wurde. Der Gegenstand der Erörterung war lila eingekreist und zur besseren Beurteilung durch den Leser vergrössert. Frau Blumenthals Hängebusen, so die Journalistin, sei das Gesprächsthema des Abends gewesen.

Am folgenden Abend schlug die Zeitung Frau Blumenthals Busen weiter breit, liess eine Expertin ran, die den Einfluss des Stillens auf die Busenform taxierte (die Frau von Ex-Mister Schweiz Renzo Blumenthal hat gerade erst abgestillt), schlug eine Therapie mit Silikon vor, gab dem Gatten das Wort, der den Artikel verständlicherweise daneben fand, zuletzt wurde dann noch vox populi bemüht, die beurteilen durfte, ob Frau Blumenthals Brüste einen solchen Ausschnitt erlaubten.

Ich las und musste dabei an einen anderen Artikel denken, der mir jüngst in die Finger kam. Darin erzählt William Leith, wie eine Frau ihm vom Würgegriff der schrecklichen Krise erzählt, in der das weibliche Geschlecht sich befinde. Dauernd paradierten in den Medien perfekte Brüste, Pos und Beine, sekundiert von Anweisungen, wie frau der Problemzonen Herr werden kann. Und deshalb hassten Frauen ihren Körper und es werde immer schlimmer.

Für Männer, so Leith, sei das schwer zu verstehen. Denn Männer tendierten dazu, weibliche Körper zu mögen, ja, sie zögen unperfekte Exemplare gar vor. Alles andere wäre zu einschüchternd. Aber die Männer seien an der Krise der Frau nicht ganz unschuldig, denn schliesslich hätten sie den Kapitalismus erfunden, ein System, das stetig wachsen müsse, um nicht zu kollabieren. Also müsse immer mehr gekauft werden und um das zu erreichen, ziele man auf den wunden Punkt der Konsumentin. Etabliere ein negatives Selbstbild, suggeriere, sie sei fett und unattraktiv.

Nachzug am folgenden Tag samt Vox Populi.

Nachzug am folgenden Tag samt Vox Populi: «Blick am Abend» vom 12. Januar.

Aber die Männer steckten auch in der Krise, einer viel grösseren und fundamentaleren gar, als die Körperkrise der Frau. Diese liege wenigstens offen zu Tage, die Männerkrise hingegen sei wie ein Eisberg: grösstenteils verborgen. Denn niemals würde der Mann zugeben, einen wunden Punkt zu haben. Das sei genau sein wunder Punkt. Männer seien darauf programmiert, neue Territorien zu erobern, Rivalen zu bekämpfen und immer grössere Risiken einzugehen. Das Prinzip Mann, seine Ziele aggressiv und unter jedem Risiko zu verfolgen, habe lange gut funktioniert. Aber Beispiele wie das Bankensystem oder die Klimakrise zeigten, dass es sich am Abgrund befindet.

Und was hat das jetzt alles miteinander zu tun? Ich finde, der Mann hat recht. Tatsächlich sind es die Frauen, die dauernd am Körper herummäkeln, bezeichnenderweise stammte der Artikel auch aus der Feder einer Frau. Wahrscheinlich denkt sie, in der brutalen Branche ihren Mann zu stehen, wenn sie mit möglichst aggressiven Schlagzeilen die Reichweite zu erhöhen versucht und dabei den publizistischen Absturz inszeniert. Gute Nacht, «Blick am Abend», meine ich. Und was meinen Sie?

Frau Blumenthal übrigens äusserte sich in der «Schweizer Illustrierten» folgendermassen zum Fall: «Mein Körper ist, wie er ist, dazu stehe ich. Ehrlich gesagt hätte es mich viel mehr getroffen, wenn man geschrieben hätte, ich sei dick. So was würde mich echt beschäftigen.»

Freuden der Schwangerschaft

Zoe Jenny am Mittwoch den 30. Dezember 2009
Zoë Jenny

Zoë Jenny, 35, veröffentlichte mit 23 ihren Debütroman «Das Blütenstaubzimmer», der weltweit gefeiert und in 27 Sprachen übersetzt wurde. Seither hat sie zahlreiche Romane geschrieben und lebte unter anderem in Berlin und New York. Im Mai 2010 erscheint ihr erster in englischer Sprache geschriebener Roman «The Sky is Changing». Zoë Jenny lebt in London und erwartet ihr erstes Kind.

Lesen Sie auch die bereits erschienen Beiträge: «Das dreckige Dutzend» von Mona Vetsch, «Kränkung bei Kerzenschimmer» von Bänz Friedli und «Schenken und schenken lassen» von Christine Maier und «God bless the child, and the mother, too» von Chris von Rohr.

Die Wintermonate sind eine gute Zeit  schwanger zu sein – das sagen mir jedenfalls alle Mütter – und die müssen es ja  wissen. Der sogenannte «nesting instinct» werde in der kalten Zeit noch  zusätzlich angekurbelt. «Aber wenn du noch etwas Vernünftiges machen oder schreiben willst, mach es lieber jetzt», warnte mich eine Freundin und Mutter  von zwei Kleinkindern. «Denn», erklärte sie in sachlichem Ton, «in den ersten paar Monaten mit einem Baby gerät man in einen Zustand totaler Verblödung». «Baby Brain» heisst das Phänomen und soll mit der erhöhten Ausschüttung von Hormonen  zusammenhängen. Dies muss der Grund sein, warum ich plötzlich nicht nur alles  mögliche vergesse und verlege, sondern auch masslos fasziniert bin von der grossen neuen Welt der Babyprodukte. So habe ich mich beispielsweise in den  letzten Wochen eingehend mit so unglamourösen Dingen wie Brustpumpen, Sterilisiergeräten und  geruchlosen Windelentsorgungsmaschinen beschäftigt. Eine  geniale Erfindung, die Windeln automatisch geruchlos macht und zur leichten  Entsorgung in wurstförmige Tütchen verpackt.

Ein Produkt, von dem ich mir besonders viel versprach, ist das sogenannte Schwangerschaftskissen.  Nach gründlicher Nachforschung im Internet – ja, es gibt Foren,  die  sich ausschliesslich mit dem Thema Schwangerschaftskissen beschäftigen! -  entschied ich mich für ein U-förmiges Monstrum, das den Schlaf verbessern soll.   Das Problem ist, dass das Kissen mindesten zwei Drittel des Bettes in Beschlag  nahm – also eine Art Fort bildete – in dem ich auf Nimmerwiedersehen verschwand. Denn  einmal in dem Kissen versunken, ist es nur unter grossen Anstrengungen und  dank einigen Kletterkünsten wieder möglich, daraus hervorzusteigen. Mein Mann wurde an  die äusserste Kante des Bettes verdrängt und beklagte sich, dass er das Bett  jetzt nicht nur mit mir und meinem gigantischen Bauch, sondern auch noch mit  einem überproportionierten Kissen teilen müsse. Es hat nicht lange gedauert, da  ist das Kissen dann auch unter dem Bett gelandet, wo es jetzt von unserem Mops – unter den anfeuernden Rufen von meinem Mann – Abend für Abend als unerwünschter  Eindringling genüsslich zerfleischt wird.

Die Veränderungen in einer  Schwangerschaft sind beträchtlich. Nie und nimmer hätte ich es beispielsweise  für möglich gehalten, dass meine heissgeliebten Louboutins jemals zuammen mit all  den anderen glamourösen High Heels im Sibirien meines Schuhschranks verschwinden würden. Nachdem ich mich Winter für Winter gegen die unsägliche Mode der  Klumpschuhe resistent gehalten habe, watschle ich jetzt zu meinem eigenen  Entsetzen in herrlich bequemen Ugg-Boots durch die Gegend. Kürzlich habe ich  beim Weihnachtseinkauf in einem Schaufenster meine Silhouette gesehen. Vor  Schreck musste ich einen Moment stehen bleiben. Tatsächlich, von der Seite sehe  ich jetzt aus wie ein Pinguin, der einen Wal verschluckt hat. Kein Wunder keuche  ich schon bei der kleinsten Anstrengung wie ein nach Luft schnappender Fisch.  Auch beim Schwangerschaftsyoga gebe ich kein besseres Bild ab. Bewegungen, die ich einst als geriatrisch eingestuft hätte, sind  kaum mehr zu bewältigen. «Come on ladies!», ruft die Lehrerin aufmunternd in die Runde ,«get your legs up!»  Schön wärs.

Bauchphobiker und Froschrammler

Philippe Zweifel am Dienstag den 3. November 2009
MAMABLOG-KNOCKED-UP-02

Sexualität und Schwangerschaft - auch in Hollywood ein Thema. Wenn Sie die Szene aus der Komödie «Knocked Up» (2007) sich ansehen möchten, so finden Sie den betreffenden Link im unten stehenden Text. Viel Spass!

Unter Frauen, so las man gestern im Mamablog, herrsche Ratlosigkeit: Warum bloss wollen Männer mit ihren schwangeren Partnerinnen nicht mehr ins Bett hüpfen!? Ein brisantes Thema, das einer sachten Herangehensweise bedarf.

Einleitend sei gesagt, dass wir Männer schlecht bis gar nicht auf Schwangerschaftssex gecoacht werden. Weder im Geburtsvorbereitungskurs (wo man lieber Massagetechniken lehrt, die wohl noch in keinem Kreissaal der Welt zum Einsatz gekommen sind) noch von der Ratgeberliteratur, die einem mit der üblichen Political Correctness die Wände hochgehen lässt: «Werdende Väter können – wie werdende Mütter – ganz verschieden empfinden, was die Sexualität während der Schwangerschaft betrifft. Alle Empfindungen sind normal. Reden Sie einfach darüber.»  Ach ja? Auch wenn einer eine Zweitkarriere als Mönch in Erwägung zieht? Und ein anderer am liebsten jede Passantin bespringen möchte?

Auch die Eltern, sonst um Ratschläge in Sachen Familienplanung nie verlegen, können zum Thema Schwangerschaftssex schlecht befragt werden. Bleiben also die Freunde. «Am besten, man behauptet, Angst zu haben, das Kind mit dem Penis zu verletzen», verriet einer. «Damit kommt man bis zum sechsten Monat durch.» Wenn der Bauch dann einmal gross genug sei, merke die Frau von selbst, dass sie nicht mehr attraktiv sei.

Hoppla. Jetzt ist es raus. Einige Männer finden ihre schwangeren Frauen offenbar «wunderschön» und «sexy», aber mit ihnen ins Bett wollen sie nicht. Klar, man könnte das Phänomen auch psychologisch erklären: Männer fühlen sich während der Schwangerschaft ausgeschlossen und nutzlos, was ihren Sexdrive drosselt. Doch wer sich umhört, ahnt die Wahrheit: Gegen eine Körbchengrösse mehr ist nichts einzuwenden, doch wenn sich die weiblichen Rundungen ins Groteske verabschieden, sagt auch die Libido Adieu. Was übrigens keine Katastrophe sein muss, liebe Leserinnen: Jetzt kommt frau doch endlich auf ihre Kuschelkosten. Oder in den Worten eines weiteren befragten Vaters: «Nie wollen sie Sex – und dann plötzlich andauernd. Kein Wunder, ist man überfordert.»

Freilich muss das Lotterbett nach der Empfängnis nicht ausgeknarzt haben. Werdende Eltern schlafen im Durchschnitt 1,5-mal pro Woche miteinander – so eine aktuelle Studie der Berliner Charité. Schwangere Prostituierte haben angeblich Hochkonjunktur. Und auf Askmen.com werden Stellungstipps mit so klingenden Namen wie «Bitte setzen» oder  «Frosch-Sprung» ausgetauscht. So schwärmt jemand vom Zwei-Stunden-Sex mit seiner schwangeren Frau. Ein Anderer weiss aus eigener Erfahrung: «Hochschwangerschaftsverkehr beschleunigt die Geburt.» So weit, so ungezwungen.

Doch statt die männliche Bevölkerung in Bauchphobiker und Froschrammler zu spalten, verweise ich auf meine eigenen Erfahrungen, die ich mit manchem Vater teilen dürfte. Und die mit jenen der Hauptfigur aus  der Komödie «Knocked Up» vergleichbar sind:  Film ab.

zweifelPhilippe Zweifel, 36, ist Kulturredaktor bei Newsnetz und Vater eines Sohnes.  Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Sex mit Bauch

Nicole Althaus am Montag den 2. November 2009
Ein Küsschen auf den Bauch. Und das wars dann auch?

Ein Küsschen auf den Bauch. Das wars dann aber auch.

Diesen Nachtrag zum thematischen Schwerpunkt Schwangerschaft und Geburt schulde ich Leo, dem Kücken unseres Weiberabends. Sie wird in  Monatsfrist mit ihrem ersten Kind niederkommen und monierte gestern echauffiert und etwas kurzatmig, dass sie als passionierte Mamablogleserin zwar detailliert über sämtliche Tücken von Schwangerschaft und Stillen aufgeklärt worden sei, nun bestens Bescheid wisse über orgiastische Geburten und die sexuelle Dürre postpartum. Einzig über den Sex mit Bauch habe noch niemand ein Wort verloren. Hier machte sie eine Pause und holte kurz Luft, gerade so lange, dass wir anderen Frauen uns fragen konnten, ob sie wohl Nachhilfe in Sachen Stellungen brauche. Offensichtlich lag ihr Aufklärungsdefizit jedoch ganz woanders: Einfach das Letzte sei es, zeterte sie, dass nicht einmal wir, ihre  besten Freundinnen, es für nötig gehalten hätten, sie darauf vorzubereiten, dass sie hochschwanger den besten Sex ihres Lebens haben könnte. Wenn er denn mal stattfinde!!

Leo schaute vorwurfsvoll in die Runde, lehnte sich  zurück und tätschelte ihre enorme Trommel, was als doppeltes Fragezeichen interpretiert werden musste. Keine von uns sprang auf und behauptete das Gegenteil. Eine  Art Kamasutra für Menschen mit temporär eingeschränktem Bewegungsradius hätten wir aus Erfahrung und mit vereinter Fantasie ja noch aufstellen können. Aber mit multiplen Orgasmen konnten wir ihr beim besten Willen nicht dienen. Also nickten wir bloss, und unser einstimmiges, aber stummes Mitgefühl machte klar: Nicht nur der Sex nach, auch der vor der Geburt ist ein äusserst heikles Thema. Und einmal mehr liegt die Krux in der Quantität – nicht in der Qualität. Jedenfalls ist Leo mit ihrer unbefriedigten Lust nicht allein. Ein Blick ins Netz genügt. Auf vielen einschlägigen Sites beklagen sich Schwangere über die Papas in spe, die offenbar nicht damit klarkommen, dass mit dem Bauch auch die Libido vieler Schwangeren wächst.

Für Letzteres gibt es eine simple medizinische Erklärung: Die Organe im Becken sind dank der Schwangerschaft besser durchblutet, Scheide und Klitoris sind empfindlicher. Genauso die Brüste. Die Frau ist also leichter erregbar.  Ausserdem stimulieren die Schwangerschaftshormone den sexuellen Appetit. Ganz unwissenschaftlich und natürlich sehr subjektiv ausgedrückt, muss man sich diesen Lust-Cocktail der Natur laut Leo etwa so vorstellen: «Ich setze mich auf einen Stuhl, schlage die Beine übereinander und schon bin ich so spitz, wie einst nach einer halben Stunde exzellenten Vorspiels! Doch jetzt, da ich bei jedem Quickie käme, will er nur noch kuscheln.»

Dafür nun gibt es leider keine simple Erklärung: Die immer wieder formulierte männliche Angst, beim Sex das Baby zu verletzen, ist medizinisch so wenig haltbar wie die These, dass ein Orgasmus vorzeitige Wehen auslöst. Spass im Schlafzimmer ist gemäss den neusten Erkenntnissen für werdende Mamas und ihre Babys sogar gesund. Zumindest in einer normal verlaufenden Schwangerschaft. Wo also liegt der Grund für das sexuelle Rückzugsgefecht vieler Erzeuger? Löst der bevorstehende Versorgerstatus eine akute Migräne aus? Finden Männer hochschwangere Frauen einfach nicht mehr sexy? Oder bloss ihre eigene hochschwangere Frau? Sex mit Bauch ist schliesslich ein beliebtes pornografisches Genre und findet sich in jeder gut sortierten Bibliothek im Netz.

Wir diskutierten und rätselten in trauter Weiblichkeit. Und weil wir der unbefriedigten Leo auch nach stundenlangem Hin und Her nicht einmal eine befriedigende Antwort liefern konnten, reiche ich unsere Fragen hiermit der geschätzten Leserschaft weiter. Kennen Sie das Problem? Und vielleicht gar eine Lösung?

Das Märchen von der sanften Geburt

Nicole Althaus am Donnerstag den 22. Oktober 2009
Wehen begrüssen, Scherzen veratmen: Bagatellisiert die Geburtshilfe den mitunter brutalen Vorgang einer sogenannt sanften Geburt?

Wehen begrüssen, Schmerzen veratmen: Bagatellisiert die Geburtshilfe den mitunter brutalen Vorgang einer sogenannt sanften Geburt?

Eine Warnung vorab: Diese Geschichte ist kein Spaziergang. Sie ist so abgründig wie die natürliche Geburt, von der sie erzählt. Und zur Linderung des Schreckens kann ich Ihnen bloss das Rezept meiner Hebamme verraten: einatmen, ausatmen und schön entspannen.

Vielleicht hilft es Ihnen ja mehr als mir damals, im August 1999, als ich meine Tochter spontan geboren habe, obwohl sie verkehrt herum in meinem Bauch lag. Was mich ungewollt zum Messias für die Natürlichkeitsreligion jeder Doula machte und zum  lebendigen Beweis dafür, dass Frauen unter der Geburt ungeahnte Kräfte mobilisieren können, wenn man sie nur lässt. Selbst der eine oder andere Arzt fand es Klasse, dass ich es wagte, mich dem Trend zur Technisierung und Medikamentisierung in der Geburtsmedizin zu entziehen. Und es lief ja auch alles wie am Schnürchen. Auf die Wehen war Verlass. Das Herz des Kindes schlug so regelmässig wie das der Mutter. Weder Zange noch Saugglocke kamen zum Einsatz. Das Ganze dauerte nicht einmal besonders lange. Es war, hiess es von Seiten der Fachleute, eine Bilderbuch-Geburt. Einzig die frisch gebackene Mutter, also ich, fand das Urteil des Publikums beschönige das eben Erlebte doch beträchtlich. Aber diese Art von Sprachregelung hat im Kreissaal System.

Klar doch, das Erlebnis war unvergesslich. Schliesslich geht man nicht alle Tage  durch eine Hölle, die nicht einmal ein Dante adäquat beschreiben könnte. Schliesslich muss  nicht täglich ein Assistenzarzt aus dem Gebärzimmer getragen werden, weil das gebotene Drama sein zartes Gemüt überfordert. Es gehört auch nicht zum Courant normal, dass man Schreie ausstösst, die den Anästhesisten, der bei einer vaginalen Steissgeburt für den Notfall bereitsteht, dazu veranlassen, bei jeder Wehe seine Geräte fallen zu lassen und sich die Finger in die Ohren zu stopfen. Ausserdem liegt man nicht ständig nackt und mit gespreizten Beinen vor sechs Zuschauern. Den Ehemann nicht eingerechnet. Und zu guter Letzt wirft sich einem  nicht alle Tage eine Hebamme mit dem Umfang und der Ferve der Masseurin aus dem Zweifel-Cractiv-Chips-Werbespot auf den dicken Bauch, um das Kind schneller durch den Geburtskanal zu bewegen.

Unvergesslich war das Erlebnis zweifellos. Nein, ich muss mich korrigieren: Es war gewaltig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sorry, wenn ich Sie, geschätzte Leserschaft, enttäusche, aber ich kann nicht in das Hohelied des wahnsinnig befriedigenden Gebärens einstimmen: Vom Stolz, Grenzen überwunden zu haben, verspürte ich so wenig, wie von der viel zitierten archaischen weiblichen Kraft. Ich war danach einfach nur fix und fertig. Ist bestimmt meine Schuld. Wahrscheinlich habe ich falsch geatmet oder die Wehen nur halbherzig begrüsst. Jedenfalls kann ich mich heute nicht einmal mehr an der Courage laben, für die ich noch immer rege bewundert werde. Es war nämlich nicht mutig, dass ich mich damals auf eine sogenannt natürliche Geburt einliess. Es war feige. Ich habe mich einfach nicht getraut, einen Kaiserschnitt zu verlangen. Ich war nicht beherzt genug, um mich mit dem ganzen Gewicht meines schwangeren Ichs der Ideologie entgegenzustemmen, dass nur eine Frau, die sich dem Schmerz stellt, eine richtige Mutter wird. Eine Ideologie, die auch heute noch immer gültig ist.

Ich  erklärte mich also bereit, nüchtern ein Kind mit dem Hintern voran auf die Welt zu pressen, weil ich betäubt war von der euphemistischen Sprachregelung, die in der Welt der Geburtshilfe regiert. Einer Welt,  in der Schmerz mit den Adjektiven «konstruktiv» oder gar «gut» bagatellisiert wird. In der man der  Naturgewalt einer Geburt  mit Duftkerzen, freundlichen Vorhängen und vielen schönen Kissen begegnet. In der eine Betäubung auch im neuen Jahrtausend noch immer als fragwürdig gilt und den bitteren Beigeschmack einer Niederlage hat. Ungeachtet aller Studien, die beweisen, dass eine Periduralanästhesie unter der Geburt die Gefahr eines Kaiserschnitts nicht erhöht.

Ich habe keine Ahnung, wie sich ein guter Schmerz von einem destruktiven Schmerz unterscheidet. Aber ich weiss, dass ich während der letzten drei Stunden im Gebärzimmer die Entfernung meiner Weisheitszähne der nächsten Wehe vorgezogen hätte. Und ich spreche nicht von Zähnen ziehen, sondern von Hauern aus dem Kieferknochen  schälen. Und von Einatmen und Ausatmen zur Schmerzbekämpfung. Ich habe das ständig wechselnde Kreissaalpersonal, das meiner mustergültigen natürlichen Geburt beiwohnte, um stärkere Drogen angebettelt wie ein armseliger Junkie. Vergebens. «Zu spät», hiess es. Natürlich lässt sich der Geburtsschmerz nicht objektivieren, aber  darüber, dass er zu den schlimmsten überhaupt gehört, herrscht allgemeines Einverständnis. Warum also, fluchte ich in den Wehenpausen, reden im Vorfeld alle von Schmerzarbeit statt von Schmerzbekämpfung?

Von niemandem wird heute mehr verlangt, eine eiternde Fleischwunde mit Blättern und Wurzeln zu behandeln, nur weil das die Aborigines in Australien vor Hunderten von Jahren auch so gehandhabt haben. Doch Schwangere lässt man noch immer gebären wie im Mittelalter. Und ständig müssen sie sich  Geschichten anhören von  Stammesfrauen in Südostafrika, die während dem Beeren pflücken noch schnell ein Kind gebären. Kommt alles bloss auf die Einstellung an, oder?

Ich war wütend. Wütend, dass die Aufklärung den Kreissaal nicht erreicht hatte. Wütend, dass ich im achten Monat zwar im Detail über die Funktion von Majahocker und Pezzibällen aufgeklärt worden war, nicht aber über die Folter, die mich darauf erwartete.  Wut übrigens war die einzige menschliche Gefühlsregung,  zu der ich nach dieser Tortur fähig war, noch lange nachdem ich mein Kind in den Armen hielt. Und nein, ich habe den Schmerz nicht vergessen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will keine Frau Lügen strafen, die eine natürliche Geburt als emotionalen Höhenflug erlebt hat. Vielleicht bin ich ja tatsächlich bloss wehleidig. Aber mit Verlaub: sanft ist eine Geburt nie. Warum also können wir den mitunter brutalen Vorgang nicht ehrlich benennen? Warum gelten moderne medizinische Errungenschaften, sprich Schmerzbekämpfung,  überall als human und selbstverständlich ausser im Kreissaal?  Haben wir Frauen uns von der evolutionären Rolle als Gebärende emanzipiert, um uns ausgerechnet beim Gebären wieder der Natur zu unterwerfen? Und woher kommt das Gefühl zu versagen, wenn wir das Abenteuer Geburt nur noch schmerzfrei wagen wollen?

Gestern ging es in unserer Schwangerschaftsserie um Fluch und Segen der pränatalen Diagnostik. Morgen wird Michael Marti über die Rolle des modernen Mannes im Gebärsaal sinnieren.

Lesen Sie zum Thema auch: Die Faust des Kosmos.



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