Leben


Archiv für die Kategorie „Schule“

Der erste Tag im Leben B

Michèle Binswanger am Donnerstag den 18. August 2011
SCHWEIZ SCHULBEGINN

Mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens: Eine Erstklässlerin verfolgt aufmerksam und kritisch den Unterricht.

Am Montag war Schulbeginn, mein Jüngster mit am Start. Ein grosser Schritt, vielleicht nicht für die Menschheit, sicher aber für den kleinen Mann, für den nun der Ernst des Lebens beginnt, wie man so schön sagt. Und ich, die Mama, stehe da unter vielen anderen Mamas und Papas und freue aber frage mich zugleich auch, ob wohl alles gut kommt.

«Ein grosser Schritt auch für Sie?» fragt mich eine andere Mutter. Eigentlich nicht, aber irgendwie schon. Denn es ist tatsächlich ein grosser Schritt, zumindest ein schritt Weg von der Unbeschwertheit der frühen Jahre. Schule das bedeutet, sich in einen sozialen Verband eingliedern, lernen und leisten zu müssen. Es gelten andere Gesetze, als in der Familie, es spielen andere Dynamiken. Eigentlich sollte die Schule ja so etwas wie der Anfang der Existenz als Zoon Politikon sein, als ein auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen. Als Mutter mache ich mir aber eher Gedanken darum, wie ein Kleiner die zahlreichen am Wegrand lauernden Fährnisse wird meistern können: Fiese Mitschüler, schlechte Lehrer, die eigene Unlust, sich einzugliedern. Man fürchtet ja immer um die Einzigartigkeit seines Kindes.

Das ist natürlich nur die beschränkte Gefühlslage eines besorgten Mutterherzens. Denn eigentlich geht es ja um etwas viel Umfassenderes. In den Ferien las ich meiner Tochter aus «Sophies Welt» vor. Es geht darin um ein Mädchen, das von philosophischen Fragen umgetrieben wird und von einem anonymen Briefeschreiber in die Geheimnisse der Philosophie eingeweiht wird. Philosophie sei die Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen, wie ein Baby sie wahrnimmt: Voller Erstaunen über all die grossen und kleinen Wunder, voller Bemühen, sie in ein Interpretationsmuster einzupassen, welches uns ermöglicht, ihre Geheimnisse zu begreifen. Man stelle sich beispielsweise vor, eine Familie sitzt am Frühstückstisch und der Vater schwebt plötzlich zur Decke. Das Baby würde sich darüber freuen, wäre aber nicht sonderlich erstaunt, oder nicht mehr, als es ohnehin erstaunt ist über die Welt. Die Mutter hingegen würde aus den Sandalen kippen, denn sie hat gelernt, dass Menschen nicht fliegen können und Ehemänner ganz besonders nicht. Die Pointe: Heranwachsen bedeutet, sich an die Welt zu gewöhnen, sie für alltäglich und letztlich bar jeder Wunder zu halten. Philosophen aber bewahren sich die Fähigkeit, die Welt für ein Wunder zu halten.

Ich erzähle das, weil die Schule eben nicht nur das soziale und Bildungstechnische Trainingsfeld ist, als das sie immer diskutiert wird. Philosophisch gesehen ist sie Gewöhnungsmaschinerie par excellence. Hier sollen die Kinder lernen, die Welt durch eine bestimmte Brille zu sehen. Kognitiv wird der Zauber durch Selbstverständnis, das Abenteuer durch Routine ersetzt. Und der geschützte Rahmen der Familie bricht auf, hin zur Gesellschaft, in die die Kinder sich werden eingliedern müssen. Es ist wohl das, was man den Ernst des Lebens nennt.

Hat die Tochter also recht, die behauptet, Schule sei vollkommen überflüssig, verwandelt sie uns philosophische Wesen in langweilige Heuchler?

Vielleicht liegt es daran, dass mein Sohn der Kleine ist. Aber wie ich da stolz mit ihm an der Hand auf dem Pausenhof stand und gerührt den Willkommensliedern, die zur Begrüssung der Neulinge schmettern lauschte, fiel mir eine Text-Bild-Schere ins Auge: «Egal, ob du aus dem Senegal oder der Türkei kommst, wir ziehen am selben Strick», sangen die Zweitklässler. Aber meine Augen schweiften über lauter blonde Locken, es wurde englisch und deutsch und Dialekt gesprochen. Senegalesisch oder türkisch war nicht zu vernehmen. Und ich fragte mich, warum sie gerade dieses Lied an dieser Schule singen und ich sagte mir, das müsse am Schulsystem liegen. Und in mir keimte der Verdacht, dass dieses System erschreckend schlecht an die Wirklichkeit adaptiert sein dürfte.
Aber das spielt wohl keine Rolle. Der Sohn wird sich schon daran gewöhnen und wenn er Glück hat vergisst er dabei nicht, dass es immer einen Grund gibt, sich zu wundern. Und wenn es nur der ist, warum die Lehrer so toll sind. Oder so blöd. Ich hoffe bloss, dass ihm der Ernst des Lebens auch etwas Spass machen wird.

Das Stigma der Alleinerziehenden

Michèle Binswanger am Donnerstag den 21. Juli 2011
Alleinerziehende sind besser als ihr Ruf.

Alleinerziehende sind besser als ihr Ruf.

Als berufstätige Mutter kann ich ein Lied davon singen, wie viel Stress es bedeutet, den Job am Familienleben vorbei zu organisieren – und ich gebe zu, ich singe dieses Lied gerne und mit Inbrunst. Nur: Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit der Mutter eines Schulkollegen meiner Kinder, die mir ein bisschen aus ihrem Leben erzählte. Sie hat zwei Kinder im Schulalter und arbeitet 100 Prozent in Zürich. Typisch Karrieremutter, denken Sie? Nein: Alleinerziehende. Seit ihr Mann sie verlassen hat, bleibt ihr schlicht keine andere Wahl. Wie sie das denn alles schaffe, wollte ich wissen. «Ich würde es meinem ärgsten Feind nicht wünschen», antwortete sie.

Dass es immer mehr allein erziehende Mütter gibt, ist bekannt, ebenso, dass dieses Los alles andere als einfach zu bewältigen ist. Neben einer immensen Arbeitsbelastung bei sehr geringer Freizeit, treffen sie auf zahlreiche Vorurteile, die auch in den Kommentarspalten dieses Blogs die üppigsten Blüten treiben: Vom Verdacht, diese Frauen hätten sich des Kindsvaters aus Egoismus entledigt bis zur Sorge um das Wohlergehen der Kinder, ist kein Verdacht zu abstrus, um nicht gegen die Alleinerziehenden gerichtet zu werden.

Zumindest in letztem Punkt gibt eine Studie der Universität Bielefeld jetzt aber Entwarnung. Alleinerziehende, so heisst es da, seien besser als ihr Ruf. Entgegen des weit verbreiteten Vorurteils leiden Kinder nämlich nicht per se darunter, wenn sie nur einen Elternteil um sich haben. Zwar stünden Alleinerziehende unter grosser Belastung, gäben diese aber nur in seltenen Fällen an die Kinder weiter. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Eltern antiautoritär oder eher streng sind in der Erziehung – wichtig für die Kinder sei, dass jemand da ist, der sich um sie kümmert und ihnen zuhört. Dafür schüfen sich Alleinerziehende im Gegensatz zu «normalen» Eltern auch oft ein besseres Netzwerk, auf das sie zurückgreifen können.

Entscheidend für das Wohlergehen der Kinder ist viel mehr der soziale Faktor. Alleinerziehende haben bekanntlich ein grosses Armutsrisiko – und die soziale Stellung wirkt sich entscheidend auf die Entwicklung des Kindes aus. Dabei geht es nicht einmal nur direkt um Geld: Auch ob das Kind ein eigenes Zimmer hat, kann eine entscheidende Rolle spielen. Nicht nur die Alleinerziehenden selbst haben mit Problemen zu kämpfen, auch ihre Kinder sind benachteiligt. Sie trauen sich weniger zu und haben schlechtere Noten, und sie werden in der Schule häufiger gehänselt und stigmatisiert – nicht nur von Klassenkameraden, sondern auch von Lehrern, so heisst es.

Und noch ein Vorurteil bringt die Studie ins Wanken: Alleinerziehende lassen nicht automatisch die Erziehung schleifen, weil sie dafür keine Zeit haben, im Gegenteil. Zwar fühlen sich die Kinder allein erziehender Eltern genau so gut wenn nicht besser aufgehoben, als jene aus intakten Familien, ihre Eltern aber empfinden sie aber nicht als lascher, sondern tendenziell als strenger, als die ihrer Kollegen.

Aus welchen Gründen man auch immer sich als Alleinerziehende(r) wiederfindet: Wichtig ist, dass man weder die Kinder, noch die Eltern stigmatisiert. Sie haben es schliesslich schon schwer genug.

Elternkrieg gegen die Schulen

Michèle Binswanger am Dienstag den 28. Juni 2011
Feindbild Lehrer: Wie viel sollen Eltern sich in die Belange der Schule einmischen dürfen?

Wie viel sollen Eltern sich in die Belange der Schule einmischen dürfen? – Feindbild Lehrerschaft.

Jede zweite Woche klagt meine Tochter am Frühstückstisch über Bauchschmerzen. Bislang hielt ich das für ein Problem, das sich auf der Toilette erledigen lässt, doch neulich nannte die Tochter mir den wahren Grund für ihre montäglichen Unpässlichkeit: der Schwimmunterricht. Genauer der Schwimmlehrer. Ziemlich fies sei der, wenn man beispielsweise tauchen sollte und zu früh nach oben komme, drücke er einen wieder unter Wasser. Es hätten auch schon einige Eltern zusammen einen Beschwerdebrief eingereicht, erläuterte sie mir.

Es gehört zu den prototypischen und frustrierndsten Erfahrungen eines Heranwachsenden, auf unfähige Lehrer zu stossen. Solche, die von den Schülern, ihrem Beruf und wohl auch ihrem Leben überfordert sind, die sich mit schlechten Noten und Erniedrigungen an ihren Schülern rächen – und das während der Pubertät, da man ohnehin an allen Fronten kämpfen muss, mit den Eltern, der Welt, sich selbst. Bis heute verfolgen mich einige dieser Lehrer bis in meine Albträume.

Allerdings war ich als Pubertierende alles andere als der Engel vom Dienst. Weshalb auch meine Eltern sich auf meine Beschwerden hin wohlweislich zurückhielten und meistens den Standpunkt vertraten, dass die Lehrer wohl gerechtfertigte Gründe für ihr Verhalten hätten, was in einigen Fällen zutraf, in anderen nicht. Damals hielt ich es für einen Skandal, dass sie sich nicht mehr für mich ins Gefecht warfen.

In dieser Hinsicht waren sie ganz alte Schule. Heute sind viele Eltern nicht mehr bereit, solche Probleme der Schule – beziehungsweise ihren Kindern – zu überlassen. Sie haben kennen das Schulsystem und scheuen sich nicht, sich einzumischen. Sehr zum Leidwesen der Lehrer, die sich neben der ganzen Bürokratisierung ihres Berufs nun auch noch mit den Partikularinteressen einzelner Eltern auseinandersetzen müssen. Eltern, die überall mitreden wollen, sind in den letzten Jahren für die Lehrer zunehmend zur Belastung geworden.

Exemplarisch steht dafür ein Fall eines Vaters, der mich neulich anrief wegen eines Vorfalls an seiner Schule. Es ging darum, dass Schüler gezwungen worden seien, im Haushaltsunterricht halb rohes Hühnerfleisch zu verzehren. Da er mit seinen Beschwerden bei der Schulleitung abgeblitzt sei, habe er das Projekt «Faire Schulen» initiiert. Man wolle sich endlich bei der Schule Gehör verschaffen, notfalls auch mit Kampfmassnahmen, worunter er den Gang an die Öffentlichkeit mittels der Medien verstand.

böse_lehrerin

Gewisse Lehrer verfolgen einen jahrelang in den Albträumen: Böser Blick.

Ohne Zweifel gibt es in der Lehrerschaft auch heute noch einige Nieten – aber macht es Sinn, deswegen den Aufstand gegen die Schule zu proben? Und wenn die Probleme tatsächlich so gravierend scheinen, dass man aktiv werden muss, wie soll das geschehen? Expertin Maya Mulle von der Fachstelle Eltern­ Mitwirkung stellt klar, dass es nicht Sache der Eltern ist, sich in Lehrpläne einzumischen und dass die Schule auch nicht einzelne Lehrer und deren Methodik diskutieren kann. Auch «Kampfmassnahmen» wie der Einbezug der Öffentlichkeit über die Medien wirken natürlich für Konfliktlösungen nicht sehr förderlich. Auf der anderen Seite versäumten es die Schulen oft, besorgte Eltern angemessen über allfällige Massnahmen zu informieren. Dies aber sei nötig, damit die Eltern sehen, dass ihre Anliegen ernstgenommen werden.

Aus Elternsicht ist es zu begrüssen, wenn die Schulen Anlaufstellen für besorgte Eltern schaffen und ihre Kommunikation bezüglich bestehender Probleme professionalisieren. Andererseits kann man sich fragen, ob hier nicht wieder mal aus Mücken Elefanten gemacht werden und dies ein weiterer Schritt in die vollkommene Bürokratisierung des Schulbetriebs ist. Denn gehört es nicht einfach dazu, dass in der Schule Konflikte mit Vorgesetzten auftauchen – wie im späteren Leben schliesslich auch?

Was meinen Sie?

Schulische Informationsneurose

Michèle Binswanger am Dienstag den 5. April 2011
Schüler schleppen Tonnen von Informationen aus der Schule nach Hause. Wahrscheinlich vor allem, um die Eltern zu nerven.

Schüler schleppen Tonnen von Informationen aus der Schule nach Hause. Wahrscheinlich vor allem, um die Eltern zu nerven.

Wann ist eigentlich alles so kompliziert geworden? Zum Beispiel die Hausaufgaben, welche meine neunjährige Tochter drei Mal die Woche mit nach Hause bringt. Mehrmals bin ich schon daran gescheitert, und zwar nicht etwa an den einfachen Additionen und Subtraktionen, die dort verlangt werden. Sondern an der kreativ bis zur Unverständlichkeit formulierten Aufgabenstellung, sofern sie überhaupt zu finden ist zwischen all den lustigen Zeichnungen. Mit dem Resultat, dass weder meine Tochter noch ich verstehen, was eigentlich verlangt wird. «Hast du denn nicht gefragt?» frage ich dann jeweils die Tochter. «Doch, aber die Lehrerin hat gesagt, ich würde das schon verstehen.»

Nun gut. Naiv wie man ist, denkt man nie an so etwas, wenn man sich sagt: ein Kind, ja, warum eigentlich nicht? Auch sonst denkt man in diesen Situationen nicht besonders gründlich, weil der Verstand durch Gefühle vernebelt wird. Dafür denkt man nachher umso ausgeprägter, wenn die Skala der Absurditäten im Zusammenhang mit den Kindern sich als nach oben offen erweist. Ich denke zum Beispiel manchmal: Spinnen die eigentlich?

SCHWEIZ SCHULE GRUNDSTUFE

Manchmal scheitert man auch an den bis zur Unverständlichkeit kreativ formulierten Aufgaben.

War das schon immer so? An Hausaufgaben in der Primarschule kann ich mich aus meiner eigenen Kindheit nur noch schemenhaft erinnern. Nicht dass ich grundsätzlich gegen Hausaufgaben bin, das gehört dazu und lässt sich bewältigen. Was mich mehr beunruhigt, ist die Informationsneurose, unter der die Schule zu leiden scheint. Dauernd schleppen meine Kinder Informationsblätter über geplante Ausflüge, Angebote, Veranstaltungen, «Fit for Activity»-Days, Einladungen zu Gesprächen oder Elternveranstaltungen oder zu erwartenden Ausfällen von Schulstunden. Wenn das so weiter geht, muss ich eine Sekretärin anstellen, die mir hilft, die Termine zu bewältigen. Jüngst streckte mir die Tochter ein Blatt unter die Nase, in der die Nebenfach-Lehrerin ankündigte, dass sie an einem bestimmten Datum ihre Lehrerpflichten nicht wahrnehmen könne und von uns wissen wollte, ob wir es vorzögen, dass sie eine Aushilfe organisieren würde oder ob sie die Stunde lieber nachholen soll. Beigefügt war eine Liste von Daten, an denen sie die Stunde würde nachholen können – mit der Bitte, die Daten anzukreuzen, die der Tochter passen würden.

Ich bin kein Organisationgenie, weshalb ich auch von Anfang an darauf verzichtet habe, die Weltherrschaft oder etwas Ähnliches anzustreben. Meine kleines Leben aber liess sich ganz gut meistern. Und sogar das mit der Familie habe ich bis jetzt einigermassen hin gekriegt. Und natürlich kann ich einer Lehrerein bei der Entscheidung behilflich sein, wie sie ihre Stundenausfälle organisieren soll. Aber ehrlich gesagt geht mir die Frage am Arsch vorbei. Eltern in den schulischen Prozess einbeziehen mag in gewissen Fällen angezeigt sein. Aber eine Schule, die nicht einmal solche Detailfragen entscheiden kann, macht auf mich einen einigermassen kastrierten Eindruck.

Wann ist denn das alles so kompliziert geworden? Wir hatten früher eine Lehrerin für zwei Schulstufen und das wars. Heute hat meine Tochter bereits in der dritten Klasse nicht nur eine Vielzahl verschiedener Lehrerinnen, sondern diese behelligen mich auch noch dauernd mit ihren zweifellos gut gemeinten und im Sinn der modernen Pädagogik ausgeklügelten Informationsblättern. Es ist wie mit den Noten: Wir brachten damals ganz einfach ein Zeugnis ins Haus und meine Eltern wussten in etwa, wo wir schulisch stehen. Ich muss bei beiden Kindern heute einen Termin wahrnehmen und ein einstündiges Gespräch führen, wo mir einfühlsam mitgeteilt wird, wo die schulischen, psychologischen und sozialen Stärken und Schwächen meiner Kinder liegen. Als ob ich das nicht ohnehin wüsste.

Dem Schuleintritt meines Sohnes schaue ich deswegen einigermassen pessimistisch entgegen. Wenn ab Herbst die doppelte Menge von Flug-, Informations- und Organisationsblättern ins Haus flattert, werde ich den Überblick wohl vollends verlieren.

Kürzlich fragte ich meine Mutter, wie sie das eigentlich mit vier Kindern geschafft hat (obschon ich ihr das ohne weiteres zutrauen würde, denn im Gegensatz zu mir ist meine Mutter ein Organisationsgenie ohnegleichen). Sie zuckte nur die Schultern und erwiderte knapp: «Das gab es damals noch nicht. Ich habe vier Kinder durchs Primarschulsystem geschleust, aber ich war wohl nicht öfter als zwei Mal in der Schule für irgendwelche Gespräche.»

Ach, welch glückliche Zeiten das gewesen sein mussten.

Die Schule als Kampfzone

Michèle Binswanger am Donnerstag den 10. März 2011
Welches ist der richtige Untterricht? Und wissen das Politiker besser als Pädagogen?

Welches ist der richtige Unterricht? Und wissen das Politiker besser als Pädagogen?

Die SVP hat die Schule zur Wahlkampfzone erklärt. Nachdem die Partei bereits Harmos ins Straucheln brachte, den Versuch die Volksschule landesweit zu harmonisieren, wird jetzt der Lehrplan 21 der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz attackiert. Der Lehrplan sei schwammig formuliert, leistungsfeindlich und wirtschaftsuntauglich, heisst es. Dagegen schwebt der SVP eine leistungsorientierte Volksschule vor – deren Grundlagen dem Lehrplan SVP zu entnehmen sind, welche eine Lehrarbeitsgruppe im November 2010 vorstellte.

Die SVP ist fleissig und sie weiss, wo sie angreifen kann, das muss man ihr lassen. Und stellenweise liest sich dieser Lehrplan-SVP gar nicht so unvernünftig. Die Partei formuliert dort ihre Absicht, die Volksschule von dauernder Reformitis zu heilen. Sie wünscht sich weniger Bürokratie, verbindliche Bildungsziele für die Jahrgangsstufen und mehr Methodenfreiheit für die Lehrer, denen mehr unternehmerische Freiheitgewährt werden soll. Man stellt sich das so vor: Gewerbe und Wirtschaft geben vor, was die Schüler bei Schulaustritt können müssen, die Lehrer schauen zu, dass sie das mit ihren Schülern erreichen. Wie genau sie das machen, ist ihre Sache – ebenso, auf welche Lehrmittel sie dabei zurückgreifen. Oder wie die SVP in ihrem Papier anmerkt: «In den Kellern allzu vieler Schulhäuser lagern für insgesamt Abermillionen Franken meist gut erhaltene Lehrmittel.» Der freie Markt soll dann entscheiden, welche davon sich bewähren und welche nicht.

So löblich es ist, die Position der Lehrer stärken zu wollen – verräterisch wird der Lehrplan der SVP in der Kritik am Lehrplan 2. Wo dieser versucht, die Schüler von heute auf die Anforderungen der Welt von morgen vorzubereiten, sieht die SVP eine linke Verschwörung am Werk: Die Einführung von Fachbereichen statt Fächern, wird als sozialromantisches Wischiwaschi abgetan, die Förderung von vernetztem Denken, individuellem Lehren und Lernen und Selbstverantwortung der Schüler als «am Zeitgeist orientierten Mode-Stoff». Und überhaupt: Dass es an der Volksschule Team-Teaching, Heilpädagoginnen, Schulpsychologinnen und Schulsozialarbeiter gibt, ist für die SVP der Beweis, dass die ganze Schule eine von linken Lehrern und Funktionären unterwanderte Institution ist.

Die Konzepte der SVP sind dagegen klar und einfach: mehr Disziplin, mehr Leistung, mehr «fordern und führen». Dabei scheint sie aber zu vergessen, dass zum Bildungsauftrag, wie ihn die Erziehungsdirektorenkonferenz definiert hat, auch der Artikel 3 gehört, der lautet: «Die Schülerinnen und Schüler werden in ihrer Entwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten, beim Erwerb sozialer Kompetenzen sowie auf dem Weg zu verantwortungsvollem Handeln gegenüber Mitmenschen und Umwelt unterstützt.»

Der Lehrplan 21 ist das Projekt demokratisch gewählter Experten, diesen Bildungsauftrag im Einzelnen umzusetzen. Weil diese aber aus der Perspektive der SVP allesamt «weltfremde Theoretiker, am Bildungsapparat verdienende Funktionäre» sind, müssen die Politiker selbst ran. Wie, das zeigt das Beispiel Baselland. Dort will die SVP mit einer Motion das Bildungsgesetz so ändern, dass zukünftig nicht mehr die Bildungskommission allein über Lehrpläne entscheidet, sondern das Parlament mitreden kann. Frei nach dem Motto: Wir haben zwar keine Ahnung von der Sache, aber mitreden ist immer gut. Je lauter, desto besser.

Auch wenn es sogar Berührungspunkte der politischen Agenda mit den real existierenden Problemen im Klassenzimmer geben mag: Sollen Bildungsfragen wirklich zur Arena der Interessenvertreter werden? Sollen künftig die Lehrinhalte dem Referendum unterstehen? Führt dies zu schlankeren und eleganteren Problemlösungen oder wird die Schule nun einfach das Prestigepferdchen, auf dessen Rücken die politischen Parteien ihre Grabenkämpfe ausfechten? Was wird gewonnen, wenn Politiker, also pädagogische Laien, ein Mitspracherecht bei Detailfragen der Bildung bekommen – und wer gewinnt? Sicher nicht das Bildungswesen, weder Lehrer noch Schüler.

Oder was meinen Sie?