
Mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens: Eine Erstklässlerin verfolgt aufmerksam und kritisch den Unterricht.
Am Montag war Schulbeginn, mein Jüngster mit am Start. Ein grosser Schritt, vielleicht nicht für die Menschheit, sicher aber für den kleinen Mann, für den nun der Ernst des Lebens beginnt, wie man so schön sagt. Und ich, die Mama, stehe da unter vielen anderen Mamas und Papas und freue aber frage mich zugleich auch, ob wohl alles gut kommt.
«Ein grosser Schritt auch für Sie?» fragt mich eine andere Mutter. Eigentlich nicht, aber irgendwie schon. Denn es ist tatsächlich ein grosser Schritt, zumindest ein schritt Weg von der Unbeschwertheit der frühen Jahre. Schule das bedeutet, sich in einen sozialen Verband eingliedern, lernen und leisten zu müssen. Es gelten andere Gesetze, als in der Familie, es spielen andere Dynamiken. Eigentlich sollte die Schule ja so etwas wie der Anfang der Existenz als Zoon Politikon sein, als ein auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen. Als Mutter mache ich mir aber eher Gedanken darum, wie ein Kleiner die zahlreichen am Wegrand lauernden Fährnisse wird meistern können: Fiese Mitschüler, schlechte Lehrer, die eigene Unlust, sich einzugliedern. Man fürchtet ja immer um die Einzigartigkeit seines Kindes.
Das ist natürlich nur die beschränkte Gefühlslage eines besorgten Mutterherzens. Denn eigentlich geht es ja um etwas viel Umfassenderes. In den Ferien las ich meiner Tochter aus «Sophies Welt» vor. Es geht darin um ein Mädchen, das von philosophischen Fragen umgetrieben wird und von einem anonymen Briefeschreiber in die Geheimnisse der Philosophie eingeweiht wird. Philosophie sei die Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen, wie ein Baby sie wahrnimmt: Voller Erstaunen über all die grossen und kleinen Wunder, voller Bemühen, sie in ein Interpretationsmuster einzupassen, welches uns ermöglicht, ihre Geheimnisse zu begreifen. Man stelle sich beispielsweise vor, eine Familie sitzt am Frühstückstisch und der Vater schwebt plötzlich zur Decke. Das Baby würde sich darüber freuen, wäre aber nicht sonderlich erstaunt, oder nicht mehr, als es ohnehin erstaunt ist über die Welt. Die Mutter hingegen würde aus den Sandalen kippen, denn sie hat gelernt, dass Menschen nicht fliegen können und Ehemänner ganz besonders nicht. Die Pointe: Heranwachsen bedeutet, sich an die Welt zu gewöhnen, sie für alltäglich und letztlich bar jeder Wunder zu halten. Philosophen aber bewahren sich die Fähigkeit, die Welt für ein Wunder zu halten.
Ich erzähle das, weil die Schule eben nicht nur das soziale und Bildungstechnische Trainingsfeld ist, als das sie immer diskutiert wird. Philosophisch gesehen ist sie Gewöhnungsmaschinerie par excellence. Hier sollen die Kinder lernen, die Welt durch eine bestimmte Brille zu sehen. Kognitiv wird der Zauber durch Selbstverständnis, das Abenteuer durch Routine ersetzt. Und der geschützte Rahmen der Familie bricht auf, hin zur Gesellschaft, in die die Kinder sich werden eingliedern müssen. Es ist wohl das, was man den Ernst des Lebens nennt.
Hat die Tochter also recht, die behauptet, Schule sei vollkommen überflüssig, verwandelt sie uns philosophische Wesen in langweilige Heuchler?
Vielleicht liegt es daran, dass mein Sohn der Kleine ist. Aber wie ich da stolz mit ihm an der Hand auf dem Pausenhof stand und gerührt den Willkommensliedern, die zur Begrüssung der Neulinge schmettern lauschte, fiel mir eine Text-Bild-Schere ins Auge: «Egal, ob du aus dem Senegal oder der Türkei kommst, wir ziehen am selben Strick», sangen die Zweitklässler. Aber meine Augen schweiften über lauter blonde Locken, es wurde englisch und deutsch und Dialekt gesprochen. Senegalesisch oder türkisch war nicht zu vernehmen. Und ich fragte mich, warum sie gerade dieses Lied an dieser Schule singen und ich sagte mir, das müsse am Schulsystem liegen. Und in mir keimte der Verdacht, dass dieses System erschreckend schlecht an die Wirklichkeit adaptiert sein dürfte.
Aber das spielt wohl keine Rolle. Der Sohn wird sich schon daran gewöhnen und wenn er Glück hat vergisst er dabei nicht, dass es immer einen Grund gibt, sich zu wundern. Und wenn es nur der ist, warum die Lehrer so toll sind. Oder so blöd. Ich hoffe bloss, dass ihm der Ernst des Lebens auch etwas Spass machen wird.









Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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